{"id":1642938,"date":"2022-08-16T06:56:53","date_gmt":"2022-08-16T05:56:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1642938"},"modified":"2022-08-16T13:24:19","modified_gmt":"2022-08-16T12:24:19","slug":"eine-sisyphos-aufgabe-warum-eine-starke-linke-die-cancel-culture-nicht-unterstuetzen-sollte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/08\/eine-sisyphos-aufgabe-warum-eine-starke-linke-die-cancel-culture-nicht-unterstuetzen-sollte\/","title":{"rendered":"Eine Sisyphos-Aufgabe \u2013 Warum eine starke Linke die Cancel Culture nicht unterst\u00fctzen sollte"},"content":{"rendered":"<div><strong>Die Motive der sogenannten\u00a0<em>cancel culture<\/em>\u00a0m\u00f6gen ehrenhaft sein, jedoch werden die Probleme, die sie zu bek\u00e4mpfen versucht, dadurch lediglich gr\u00f6\u00dfer. Warum eine wahre links-progressive Politik nicht auf\u00a0<em>cancel culture<\/em>\u00a0setzen sollte, diskutiert Florian Maiwald in seinem neuen Beitrag.<\/strong><\/div>\n<div><em>(Beitrag vom 28.7.2020)<\/em><\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Als Sisyphos, der K\u00f6nig von Korinth, den Zorn der G\u00f6tter auf sich zog, haben sich diese eine ganz besondere Strafe f\u00fcr ihn ausgedacht. Die Strafe bestand darin, dass Sisyphos immer wieder aufs Neue einen riesigen Felsblock den Berg hochschieben musste, um dann an der Spitze des Berges zu der Erkenntnis zu gelangen, dass der Felsblock wieder runterrollte und die ganze Prozedur von vorne losging. Ein Leben, gepr\u00e4gt durch die Determination des Repetitiven und der Entfremdung jeglicher Zwecksetzungen, hat Sisyphos von nun an begleitet. L\u00e4sst sich nicht ein \u00e4hnlicher Gedankengang auf das Ph\u00e4nomen der ,,cancel culture\u201c applizieren? Handelt es sich hierbei nicht ebenfalls um jenes determinierende Element des Repititiven? Indem am laufenden Band gecancelt wird (der Felsblock den Berg hinauf gerollt wird) wird der eigentliche Zweck (ein produktiver Wandel zu einem gerechteren System) effektiv blockiert. Der Felsblock rollt wieder hinunter und der Kampf um mehr Gerechtigkeit beginnt von vorne \u2013 ohne jegliches Ergebnis zu erzielen. Denn der derzeitige Kampf um Gerechtigkeit ist ebenfalls \u2013 wie die Strafe des Sisyphos \u2013 immanenter Bestandteil des Systems.<\/div>\n<h3 class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\"><strong><span class=\"_4yxo _4yxp\">Ende der Debatte<\/span><\/strong><\/h3>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Vor einigen Wochen haben einige namhafte Intellektuelle \u2013 darunter Salman Rushdie, Noam Chomsky und J.K. Rowling \u2013 einen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2020\/29\/cancel-culture-liberalismus-rassismus-soziale-gerechtigkeit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Brief<\/a>\u00a0ver\u00f6ffentlicht, in welchem sie f\u00fcr eine liberalere Debattenkultur eintreten. In dem Brief hei\u00dft es unter anderem:<\/div>\n<blockquote><p>Die Kr\u00e4fte des Illiberalismus nehmen weltweit Fahrt auf und haben in Donald Trump einen m\u00e4chtigen Verb\u00fcndeten, der die Demokratie ernsthaft bedroht. Aber Widerstand darf nicht \u2013 wie unter rechten Demagogen \u2013 zum Dogma werden. Die demokratische Inklusion, die wir wollen, kann nur erreicht werden, wenn wir uns gegen das intolerante Klima wenden, das \u00fcberall entstanden ist (2020).<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Paradoxerweise haben einige\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2020-07\/identitaetspolitik-linke-intoleranz-zensur-demokratie-meinungsfreiheit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Reaktionen auf den Brief<\/a>\u00a0genau das best\u00e4tigt, was ebendieser zu kritisieren intendierte. Die Annahme der Unterzeichner, dass unsere gesamtgesellschaftlichen Debatten durch ein zunehmendes Klima der Intoleranz gepr\u00e4gt sind, hat sich durch die Kritiken, die gegen den Brief hervorgebracht wurden, also unmittelbar best\u00e4tigt.<\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Es gibt jedoch auch weitere F\u00e4lle anhand derer sich klar verdeutlichen l\u00e4sst, dass eine derartige Form der Intoleranz Teil unseres gesellschaftlichen Diskurses geworden ist.<\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Zun\u00e4chst lie\u00dfe sich an dieser Stelle der R\u00fccktritt von\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2020\/30\/meinungsfreiheit-usa-rassismus-debattenkultur-liberalismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">James Bennett<\/a>, dem Ressortleiter der Kommentarseite der\u00a0<span class=\"_4yxp\">New York Times<\/span>, erw\u00e4hnen. Der R\u00fccktritt erfolgte aufgrund massiven Drucks von Bennets Kolleginnen und Kollegen, aufgrund der Tatsache, dass Bennett damit einverstanden war, den republikanischen Senator Tom Cotton einen Beitrag ver\u00f6ffentlichen zu lassen, in welchem dieser den Einsatz des Milit\u00e4rs im Hinblick auf die gegenw\u00e4rtigen Proteste in den USA fordert. Ungeachtet der Tatsache, dass Bennett den Artikel vor der eigentlichen Ver\u00f6ffentlichung nicht einmal gelesen hat, wurde der Druck auf ihn letztendlich so gro\u00df, dass er sich zu seinem eigenen R\u00fccktritt gezwungen sah.<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Ein weiteres interessantes Beispiel bietet in diesem Zusammenhang der Datenanalyst\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2020\/30\/meinungsfreiheit-usa-rassismus-debattenkultur-liberalismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">David Shor<\/a>, welcher via Twitter auf eine Studie des Princeton Professors Omar Wasow hingewiesen hatte. Wasows Studie hatte die Auswirkungen von friedlichen und unfriedlichen Demonstrationen auf die \u00f6ffentliche Meinung nach der Ermordung an Martin Luther King Jr. untersucht, um letztendlich herauszufinden, dass unfriedliche Demonstrationen mehr Kritik in der \u00d6ffentlichkeit hervorgerufen haben. Laut Wasow haben diese Umst\u00e4nde und die durch sie erzeugten Spaltungen in der Gesellschaft, Nixon letztendlich zum Sieg verholfen. Trotz \u00f6ffentlicher Entschuldigung wurde Shor, ein 28 \u2013 j\u00e4hriger Demokrat, aufgrund seines Verweises auf Wasows Studie entlassen.<\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Nicht zuletzt sei an dieser Stelle die Harry Potter Autorin\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62972\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">J.K. Rowling<\/a>\u00a0zu nennen, welche aufgrund ihrer Bemerkung, dass es ein biologisches Geschlecht g\u00e4be, mit shitstorms \u00fcbers\u00e4t wurde.<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Die drei zuvor erw\u00e4hnten F\u00e4lle sind exemplarisch f\u00fcr das, was der franz\u00f6sische Historiker und Publizist Alexis de Tocqueville in seinem 1835 erschienenen Buch\u00a0<span class=\"_4yxp\"><em>\u00dcber die Demokratie in Amerika<\/em>\u00a0(1)\u00a0<\/span>als die \u201eTyrannei der Mehrheit\u201c bezeichnete.<\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">In diesem Kontext hebt Tocqueville \u2013 w\u00e4hrend seiner Amerika Reise \u2013 \u00e4u\u00dferst treffend hervor:<\/div>\n<blockquote><p>In Amerika zieht die Mehrheit einen drohenden Kreis um das Denken. Innerhalb dieser Grenzen ist der Schriftsteller frei; aber wehe, wenn er sie zu \u00fcberschreiten wagt! Er hat zwar keine Autodaf\u00e9 zu f\u00fcrchten, aber er ist allen erdenklichen Unannehmlichkeiten und t\u00e4glichen Nachstellungen ausgesetzt. Die politische Laufbahn ist ihm verschlossen; er hat die einzige Gewalt, die sie ihm er\u00f6ffnen k\u00f6nnte, beleidigt. Man versagt ihm alles, selbst den Ruhm. Ehe er Ansichten ver\u00f6ffentlichte, glaubte er, Anh\u00e4nger zu haben; nun er sich allen entdeckt hat, besitzt er, so scheint es ihm, keinen mehr; denn wer ihn ablehnt, bringt das \u00f6ffentlich zum Ausdruck, und wer denkt wie er, ohne so mutig zu sein, schweigt und entfernt sich. Er gibt nach, erliegt schlie\u00dflich dem t\u00e4glichen Ansturm und zieht sich ins Schweigen zur\u00fcck, als h\u00e4tte er ein schlechtes Gewissen, die Wahrheit gesagt zu haben (ebd. 1985, 151).<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Lassen sich Tocquevilles Gedanken nicht wunderbar auf die zuvor erw\u00e4hnten F\u00e4lle anwenden? Es sind diese unsichtbaren diskursiven Grenzen, welche zwar nicht juristisch klar einzugrenzen sind, aber dennoch wirkm\u00e4chtig im Hinblick auf die praktischen Konsequenzen, durch welche das jeweilige Individuum letztendlich zu leiden hat. Pers\u00f6nlichkeiten wie J.K. Rowling m\u00f6gen diese Konsequenzen nicht in einer derartigen Drastik versp\u00fcren. Aber was ist mit den eher unbekannten Menschen, welche bisher einen guten Job erledigt haben? Ein falsches Wort, eine falsche Meinung\u2026 und die Karriere liegt in Tr\u00fcmmern.<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Ph\u00e4nomene wie die sogenannte\u00a0<a href=\"https:\/\/www.urbandictionary.com\/define.php?term=Cancel%20Culture\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201ecancel culture\u201c<\/a>\u00a0beschreiben eben jenen Prozess, bei dem Andersdenkende ausgegrenzt werden und in vielen F\u00e4llen sogar ihren Job verlieren und mit gesellschaftlicher Verachtung gestraft werden. Oftmals wird das Ph\u00e4nomen dem linken politischen Spektrum zugeordnet. Jemand, der sich jedoch wirklich zu dem linken politischen Spektrum z\u00e4hlt, sollte dieses Ph\u00e4nomen nicht nur als problematisch, sondern auch als gef\u00e4hrlich erachten. Nicht zuletzt, da Ph\u00e4nomene wie die \u201ecancel culture\u201c keine sinnbringenden Mittel f\u00fcr die Ziele eines produktiven linkspolitischen Programms darstellen.<\/div>\n<div><\/div>\n<h3 class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\"><strong><span class=\"_4yxo _4yxp\">Ehrenwerte Absichten, verwerfliche Mittel<\/span><\/strong><\/h3>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Zun\u00e4chst ist jedoch klarzustellen \u2013 und das macht die ganze Dramatik der Situation aus -, dass die Motivationen und Absichten derjenigen, welche f\u00fcr mehr politische Korrektheit und moralische Sanktionen bei kritischen Meinungs\u00e4u\u00dferungen sorgen wollen, durchaus ehrenwerter Natur sind und damit auf einer empathischen Ebene v\u00f6llig nachvollziehbar. Dennoch sei an dieser Stelle zu konstatieren, dass die Mittel zur Realisierung eben jener Absichten h\u00f6chst problematisch sind. Zudem tritt an dieser Stelle ein Paradox zutage, da die Mittel mit welchen Minderheiten geholfen werden soll, traditionell und auch gegenw\u00e4rtig zur Unterdr\u00fcckung von eben jenen Minderheiten genutzt wurden. Man denke nur an Baruch de Spinoza, welcher aufgrund seiner kritischen Bibel Auslegung jahrelang ins Exil verbannt wurde! \u2013 aus historischer Perspektive lie\u00dfe sich diese Liste selbstverst\u00e4ndlich noch beliebig lang fortsetzen. Aber auch gegenw\u00e4rtig l\u00e4sst sich beobachten, was Zensur \u2013 ob nun im Kopf oder legal durchgesetzt \u2013 verursachen kann. Dies wird nicht zuletzt deutlich, wenn man sich vergegenw\u00e4rtigt, was derzeit in\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2020\/31\/nationales-sicherheitsgesetz-hongkong-china-meinungsfreiheit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hongkong<\/a>\u00a0passiert. Drei Wochen nach Einf\u00fchrung des neuen Sicherheitsgesetzes durch die Peking-Regierung m\u00fcssen die Bewohner Hongkongs unter massiven Freiheitseinschr\u00e4nkungen leiden. Dies wird unter anderem dadurch deutlich, dass unliebsame B\u00fccher \u2013 meist von Aktivisten oder kritisch gegen\u00fcber der Peking Regierung \u2013 nun aus den Schulbibliotheken verschwinden. Dar\u00fcber hinaus ist der Protestslogan der Demonstrationsbewegung &gt;&gt;Befreit Hongkong, Revolution unserer Zeit &lt;&lt; ebenfalls verboten worden. Aufgrund des neuen Sicherheitsgesetzes trauen sich viele Leute gar nicht mehr auf die Stra\u00dfe.<\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Man mag an dieser Stelle nat\u00fcrlich berechtigterweise die Frage stellen, was dieses Beispiel \u00fcberhaupt mit Ph\u00e4nomenen wie der \u201ecancel culture\u201c zu tun hat. Handelt es sich nicht um v\u00f6llig unterschiedliche Ph\u00e4nomene? In den zu Beginn erw\u00e4hnten Beispielen hat der Staat doch gar nicht aktiv eingegriffen \u2013 also warum lamentieren \u00fcber ein Verschwinden der Meinungsfreiheit?<\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">An dieser Stelle gilt es jedoch vorsichtig zu sein, da die Durchsetzungsmechanismen sich zwar auf unterschiedliche Kausalfaktoren \u2013 staatliche Einschr\u00e4nkung und diskursive Ausgrenzung\/Schm\u00e4hung \u2013 zur\u00fcckf\u00fchren lassen, die Konsequenzen jedoch in vielerlei Hinsicht \u00e4hnlich sind. Ob die Zensur nun vom Staat ausgeht oder im Kopf stattfindet \u2013 Zensur bleibt Zensur.<\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Gerade einer linken Politik sollte an einer offenen und konstruktiven Debatte gelegen sein, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Shitstorms auf Twitter tragen nur zur weiteren gesellschaftlichen Spaltung bei. Dies ist umso tragischer vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Probleme, welche Linke zu bek\u00e4mpfen versuchen, durch derartige Spaltungen unweigerlich weiter perpetuiert werden.<\/div>\n<h3 class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\"><strong><span class=\"_4yxo _4yxp\">Ein problematisches Statement: Der Fall Grant Napear<\/span><\/strong><\/h3>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Ein treffendes Beispiel in diesem Zusammenhang bietet der Fall um den US-amerikanischen Sport-Kommentator\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2020\/06\/02\/sports\/basketball\/grant-napear-george-floyd-kings.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Grant Napear<\/a>. Nachdem Napear gefragt wurde, wie er zu den \u201cBlack Lives Matter\u201c \u2013 Protesten stehe, hat dieser mit \u201cALL LIVES MATTER. \u2026 EVERY SINGLE ONE!!!\u201d geantwortet, woraufhin Napear aufgrund des zunehmenden \u00f6ffentlichen Drucks freiwillig von seinem Job als Kommentator zur\u00fcck getreten ist. Die Tragik der gesamten Situation wird umso mehr dadurch verdeutlicht, dass Napear sp\u00e4ter selbst zugegeben hat, dass es nicht seine Intention war, irgendjemanden auszugrenzen und dass er der Meinung ist, dass die BLM-Proteste einen gesellschaftlichen Fortschritt darstellen. Zudem hat Napear hinzugef\u00fcgt, dass er sich nicht genug mit BLM auseinandergesetzt habe und dass er mit seinem Statement eigentlich die Proteste unterst\u00fctzen wollte.<\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Im Hinblick auf den Fall Napear sei zun\u00e4chst in aller Deutlichkeit hervorzuheben, dass sein Statement im Hinblick auf die kontextuellen politischen Rahmenbedingungen selbstverst\u00e4ndlich kontrovers war, da die BLM Proteste zum Ziel haben, auf die Probleme der schwarzen US-amerikanischen Bev\u00f6lkerung aufmerksam zu machen. Aber selbst, wenn man die Pr\u00e4misse akzeptiert, dass Napears Statement problematisch war, war eine derartige Form des \u201ecancelns\u201c der richtige Weg? Und war es vor allem ein Mittel, das koh\u00e4rent mit den Werten einer wahrhaft links-progressiven Gesinnung ist? W\u00e4re es nicht viel sinnvoller gewesen mittels eines offenen argumentativen Diskurses Napear darauf hinzuweisen, dass sein Statement vom Inhalt zwar wahr, aber unter den gegenw\u00e4rtigen Umst\u00e4nden h\u00f6chst problematisch ist?<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Zudem sei zu erw\u00e4hnen, dass Napears Statement \u00a0h\u00f6chstwahrscheinlich aus einer gewissen Unwissenheit und nicht aus rassistischen Motiven resultierte. Und \u2013 um es der Provokation halber etwas zuzuspitzen \u2013 selbst wenn Napears Statement auf rassistische Motive zur\u00fcckzuf\u00fchren sein sollte, blieb an dieser Stelle folgende Frage zu stellen: W\u00e4re Napear dadurch sein Rassismus wirklich ausgetrieben worden, indem seine Existenz zerst\u00f6rt wurde? Oder h\u00e4tten sich seine rassistischen Denkschemata dadurch wom\u00f6glich eher verst\u00e4rkt?<\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Alles, was der Fall Napear verdeutlicht hat, ist, dass Menschen fehlbar sind \u2013 was nicht zuletzt durch Napears anschlie\u00dfende \u00f6ffentliche Entschuldigung deutlich wurde. Man k\u00f6nnte an dieser Stelle schnell zu der Annahme verleitet werden, dass diese Fallibilit\u00e4t sich auf eine Inkongruenz des semantischen Gehalts von Napears Aussage und der dieser zugrunde liegenden Intention zur\u00fcckf\u00fchren l\u00e4sst. Das scheint jedoch ein Fehlschluss zu sein. Vielleicht war Napears Absicht in v\u00f6lliger \u00dcbereinstimmung mit seiner Aussage \u2013 seine \u00f6ffentliche Entschuldigung scheint diese Vermutung nahe zu legen. M\u00f6glicherweise schien Napear\u00a0<span class=\"_4yxp\">wirklich\u00a0<\/span>darauf hinweisen zu wollen, dass\u00a0<span class=\"_4yxp\">alle\u00a0<\/span>Leben z\u00e4hlen. Und m\u00f6glicherweise konnte die wahre Bedeutung von Napears Aussage einfach nicht von denen, die ihn gecancelt haben, entschl\u00fcsselt werden, da ihnen hierzu schlichtweg die moralischen Codierungsschemata fehlten. Unabh\u00e4ngig von den kontextuellen Rahmenbedingungen<span class=\"_4yxp\">: Ist es vielleicht m\u00f6glich, dass Napears Aussage schlichtweg auf der Basis eines Glaubens an eine universalistisch fundierte Form der Solidarit\u00e4t formuliert wurde? Und ist nicht eine derartige Solidarit\u00e4t das, was eine wahrhaft links-progressive Politik verteidigen sollte?<\/span><\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Ohne einen Absolutheitsanspruch auf eine derartige Annahme zu legen, w\u00e4re dies nur \u00fcber einen offenen Diskurs gelungen. John Stuart Mill hat in diesem Zusammenhang bereits treffend erkannt, dass wir Menschen fehlbare Wesen sind. Aber gerade aufgrund unserer Fehlbarkeit bedarf es laut Mill umso mehr des freien gedanklichen Austauschs. Um sich dem Prinzip der Wahrheit graduell immer weiter anzun\u00e4hern \u2013 und damit einhergehend gesellschaftlichen und moralischen Fortschritt zu erm\u00f6glichen \u2013 m\u00fcssen s\u00e4mtliche Gedanken in ihrer ganzen Tragweite von verschiedenen Seiten beleuchtet werden. Egal, welcher politischen Gesinnung man angeh\u00f6rt, Mills Gedanke scheint in jeglicher Hinsicht sinnvoll zu sein. Dies gilt auch f\u00fcr Leute wie den deutschen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2020\/31\/bundesinnenministerium-horst-seehofer-rassismus-polizeigewalt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Bundesinnenminister Horst Seehofer<\/a>, wenn dieser sich weigert, \u00fcber sein Ministerium eine Studie zum \u201eracial profiling\u201c in Auftrag zu geben. Auch hier wird ein gesellschaftlicher Erkenntnisfortschritt auf eklatante Art und Weise verhindert und somit auch die Chance, den Rassismus in unseren Gesellschaften und effektive Art und Weise zu bek\u00e4mpfen.<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Zudem l\u00e4sst sich nicht abstreiten, dass Mills Ansatz im Hinblick auf den Fall Napear weitaus sinnvoller gewesen w\u00e4re. Und nun zur\u00fcck zur vorherigen \u00dcberlegung: Ist es nicht tats\u00e4chlich m\u00f6glich, dass der semantische Gehalt von Napears Aussage deckungsgleich mit der ihr zugrunde liegenden Intention ist? Ist es nicht gut m\u00f6glich, dass Napear einfach nur f\u00fcr eine allgemeine Solidarit\u00e4t aller Menschen eintreten wollte \u2013 ein Urprinzip jeglicher linksprogressiven Politik? Hier scheint es sinnvoll sich noch einmal zu vergegenw\u00e4rtigen, was eine traditionell linke Politik im Hinblick auf ihre ideelle Essenz eigentlich ausmacht.<\/div>\n<div><\/div>\n<h3 class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\"><strong><span class=\"_4yxo _4yxp\">Was will die Linke?<\/span><\/strong><\/h3>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">In seinem Buch\u00a0<em><span class=\"_4yxp\">Linke, h\u00f6rt die Signale! (2)\u00a0<\/span><\/em>stellt der australische Philosoph Peter Singer mittels einer Negativformulierung sehr treffend dar, durch was sich eine traditionelle linke Gesinnung (nicht) auszeichnet:<\/div>\n<blockquote class=\"_2cuy _509u _2vxa\"><p>Wenn wir mit den Schultern zucken beim Anblick des vermeidbaren Leids der Schwachen und Armen, derjenigen, die ausgebeutet und abgezockt werden, oder die einfach nicht gen\u00fcgend haben, um ein Leben auf bescheidenem Niveau zu erhalten, dann geh\u00f6ren wir nicht zur Linken. Wenn wir sagen, dass die Welt nun einmal so ist und immer so sein wird und dass wir nichts daran \u00e4ndern k\u00f6nnen, sind wir nicht Teil der Linken. Die Linke m\u00f6chte etwas an dieser Situation ver\u00e4ndern (ebd. 1999, 12).<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Wenn man Singers Formulierung genau liest, wird zun\u00e4chst deutlich, dass die teleologische Ausrichtung einer linken Gesinnung prim\u00e4r darin besteht, sich mit den Armen und Schwachen zu solidarisieren und ihr Leid zu vermindern. Zudem macht Singer darauf aufmerksam, auch das wird relativ klar deutlich, dass eine linke Mentalit\u00e4t den Zustand der Stagnation \u2013 und damit eine konservative Politik des Bewahrens \u2013 ablehnt, was sich in einem Willen zur Ver\u00e4nderung \u00e4u\u00dfert. Neben diesen zwei relativ offensichtlichen Aspekten enth\u00e4lt Singers Aussage, wenn man zwischen den Zeilen liest, noch eine dritte Information. Singer sagt, dass es den Linken um eine Reduzierung \u201e[\u2026] des vermeidbaren Leids der Schwachen und Armen [\u2026]\u201c geht. Es geht also nicht darum, f\u00fcr partikulare Interessen zu k\u00e4mpfen, sondern um eine umfassende Solidarit\u00e4t, welche\u00a0<span class=\"_4yxp\">alle<\/span>\u00a0gesellschaftlich Benachteiligten ber\u00fccksichtigt. Um die Systemfrage sinnbringend zu stellen, bedarf es folglich der Solidarit\u00e4t und nicht der Abschottung. Die normative Forderung danach, die eigenen Partikularinteressen zu einem universalistischen Zusammenschluss zu transzendieren, sollte der Kerngedanke eines links \u2013 progressiven Programms sein. Erst durch die Transzendierung auf das universell G\u00fcltige und Unab\u00e4nderliche wird wahrhafte Solidarit\u00e4t m\u00f6glich. Ist jene Transzendierung vom Partikularen hin zum universell G\u00fcltigen und Unab\u00e4nderlichen nicht in Napears Formulierung enthalten? Enth\u00e4lt sie nicht das Element des Zusammenschlusses aller gesellschaftlich Benachteiligten? Es geht an dieser Stelle keineswegs darum \u2013 das sei in aller Deutlichkeit hervorzuheben \u2013 Napear zu verteidigen. Es scheint unstrittig, dass seine Aussage im Hinblick auf die Proteste durchaus problematisch war. Um zu ihrem semantischen Gehalt vorzudringen, bedarf es, wie bereits erw\u00e4hnt, einer Dekontextualisierung. Wenn man es jedoch gedanklich wagt, eine derartige Dekontextualisierung vorzunehmen, so tritt das solidarische Element in Napears Aussage unverkennbar zutage. Ist es nicht gerade im Hinblick auf die durch die Corona \u2013 Pandemie verursachten sozio\u00f6konomischen Folgen mehr denn je notwendig, die Pluralit\u00e4t aller Schwachen und Armen in den Blick zu nehmen?<\/div>\n<h3 class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\"><strong><span class=\"_4yxo _4yxp\">Solidarit\u00e4t statt Abschottung!<\/span><\/strong><\/h3>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\"><a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2020\/31\/gedankenfreiheit-liberalismus-demokratie-moral\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Josef Joffe<\/a>\u00a0hebt im Feuilleton der\u00a0<em><span class=\"_4yxp\">Zeit\u00a0<\/span><\/em>treffend hervor:<\/div>\n<blockquote class=\"_2cuy _509u _2vxa\"><p>Kulturkampf ist Symbolpolitik, die den Klassenkampf ignoriert. Kratzt man die Farbe ab, ist der so real wie die Kluft zwischen Ghetto und umgr\u00fcnten Vorort. Afroamerikaner sind statistisch eher arm und h\u00e4ufiger krank; ihre Kinder sind gefangen in kaputten Schulen, welche die &gt;&gt;progressiven Aktivisten&lt;&lt; f\u00fcr ihre Kinder meiden wie den Beelzebub. Folglich fehlt die Ausbildung, die in der postindustriellen Wirtschaft Aufstieg verhei\u00dft.<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Joffe macht auf den wichtigen Punkt aufmerksam, dass Regulierungen durch \u201ecancel culture\u201c und durch die politische Korrektheit die wahren Probleme verschleiern, mit welchen es sich zu befassen gilt. Joffe weist jedoch auf ein weiteres sehr wichtiges Ph\u00e4nomen hin. Aber um dieses Ph\u00e4nomen zu erkennen, muss auch hier wieder zwischen den Zeilen gelesen werden. Joffe weist darauf hin, dass Afroamerikaner \u201e[\u2026] statistisch eher arm und h\u00e4ufiger krank [\u2026]\u201c sind, und dass ihre Kinder gefangen sind in maroden Schulen, \u201e[\u2026] welche die &gt;&gt;progressiven Aktivisten&lt;&lt; f\u00fcr ihre Kinder meiden wie den Beelzebub.\u201c An dieser Stelle wird bereits mehr als deutlich, wo die eigentliche Problematik liegt. Symbolpolitik scheint vielmehr nur ein unbewusstes Ablenkungsman\u00f6ver zu sein, welches es erm\u00f6glicht, die wirklich wichtigen Fragen zu ignorieren. Ein prim\u00e4res Problem vieler progressiver Aktivisten scheint heutzutage darin zu liegen, dass sie viele der wirklich wichtigen Fragen aus den Augen verloren haben. Solange man andere verurteilt aufgrund politisch unkorrekter Sprache und problematischer Meinungs\u00e4u\u00dferungen, hat man seinen Job erf\u00fcllt, w\u00e4hrend die eigenen Kinder selbstverst\u00e4ndlich weiter auf die elit\u00e4re Privatschule gehen. Und die, f\u00fcr dessen Rechte man sich einzusetzen vorgibt, werden ohnehin weiterhin auf einer sozio\u00f6konomischen Distanz gehalten. Hier wird bereits deutlich, dass der einzige Weg, allen Schwachen und Benachteiligten zu helfen, darin besteht, die Systemfrage mit all den ihr inh\u00e4renten Komplexit\u00e4ten zu stellen. Alles andere dient nur als Verschleierung, um den wirklichen Problemen auszuweichen.<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">In diesem Zusammenhang weist der \u00f6sterreichische Philosoph Robert Pfaller (3) ebenfalls treffend auf folgendes hin:<\/div>\n<blockquote class=\"_2cuy _509u _2vxa\"><p>Pseudopolitik hat in den letzten Jahrzehnten regelm\u00e4\u00dfig darin bestanden, [\u2026.] anstelle der politischen Probleme vorzugsweise jene zu behandeln, welche erwachsene Menschen durchaus selbst handhaben k\u00f6nnen. Durch Ermunterung zu Empfindlichkeit hat sie Menschen infantilisiert. Dadurch hat sie sie auch entsolidarisiert. Anstatt wie erwachsene Menschen das Allgemeine im Auge zu behalten und sich zusammenzuschlie\u00dfen, wollten die empfindlich Gemachten nur noch ihre eigenen Besorgnisse bevorzugt behandelt oder wertgesch\u00e4tzt sehen. Vieles, was in der Sache richtig scheint \u2013 viele berechtigte Engagements wie Antirassismus oder Antisexismus, Einsatz f\u00fcr minorit\u00e4re Positionen aller Art -, ist durch die perfide Funktion, die diese Engagements innerhalb der neoliberalen Politik innehatten, mit guten Gr\u00fcnden in Verruf geraten (ebd. 2017, 10).<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Symbol \u2013 oder Pseudopolitik dienen als Verschleierungstaktik f\u00fcr die wirklich wichtigen Probleme, mit welchen sich eine\u00a0<span class=\"_4yxo\">links\u00a0<\/span>\u2013 progressive Politik befassen sollte. Durch eine neue Form der Viktimisierungskultur und die R\u00fcckberufung auf die eigenen partikularen Identit\u00e4ten ist das Gegenteil von dem passiert, was notwendig ist, um einen nachhaltigen systemischen Wandel herbeizuf\u00fchren: eine Solidarisierung aller gesellschaftlich Benachteiligten auf der Basis einer universellen Anerkennung der Menschenw\u00fcrde. Eine derartige Solidarisierung wird jedoch nur m\u00f6glich sein, wenn erkannt wird, dass eine R\u00fcckberufung auf die eigenen Interessen das Gegenteil von dem ist, was wahrhafte Solidarit\u00e4t bedeutet. An dieser Stelle\u00a0<span class=\"_4yxo\">sei<\/span>\u00a0nochmals hervorzuheben, dass jegliches Engagement gegen Rassismus, Sexismus oder Diskriminierung nicht nur ehrenwert, sondern sogar notwendig ist, um f\u00fcr eine bessere Welt zu k\u00e4mpfen. Es bleibt jedoch lediglich die Frage zu stellen, wie diese Engagements im Einzelnen aussehen sollen. Dann w\u00fcrde unter Umst\u00e4nden die Erkenntnis zutage treten, dass die eigentlichen Probleme im System liegen und dass Ph\u00e4nomene wie Sexismus und Rassismus oftmals Symptome f\u00fcr systemimmanente Ungleichheiten sind.<\/div>\n<h3 class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\"><strong><span class=\"_4yxo _4yxp\">Keine elit\u00e4ren Stellvertreter \u2013 Debatten!<\/span><\/strong><\/h3>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Wenn man noch einmal den Fall Napear und andere F\u00e4lle, welche paradigmatisch f\u00fcr das Ph\u00e4nomen der \u201ecancel culture\u201c sind, betrachtet, so m\u00fcsste man sp\u00e4testens jetzt erkennen, dass die Mittel, welche f\u00fcr diese durchaus ehrenwerten und wichtigen Ziele \u2013 das Eintreten f\u00fcr die gesellschaftlich Benachteiligten \u2013 die urspr\u00fcnglichen Probleme ungemein weiter verst\u00e4rkt haben. Ist es wirklich sinnvoll Leute zu canceln, sodass diese ihren Job verlieren? Wird dadurch wirklich Fremdenfeindlichkeit und Sexismus besiegt?<\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Trump bietet oft ein besonders geeignetes Bespiel daf\u00fcr, wie mittels Symbolpolitik die eigentliche Systemfrage ausgeblendet wird. Auch hier sei zun\u00e4chst klar zu stellen: Ja, Trump ist vulg\u00e4r und rassistisch und moralisch in vielerlei Hinsicht zu verurteilen. Aber ist es wirklich sinnvoll \u2013 so am\u00fcsant das auch sein mag \u2013 sich \u00fcber Trump und seine \u201c dummen, alten, wei\u00dfen, m\u00e4nnlichen\u201c W\u00e4hler lustig zu machen? Hier schiene es ebenfalls angebrachter, sich die Frage zu stellen, wie jemand wie Trump an die Macht kommen konnte. <em>Das Problem an der \u201ecancel culture\u201c und derartig elit\u00e4rer Diffamierungskampagnen besteht vor allem darin, dass die Systemfrage nicht nur au\u00dfer Acht gelassen wird, sondern dass diese Debatten vor der impliziten Hintergrundannahme stattfinden, dass das System eigentlich nicht ver\u00e4ndert werden soll.<\/em> In der Konsequenz werden die Spaltungen und die damit einhergehende R\u00fcckberufung auf die eigenen partikularen Interessen zunehmen, w\u00e4hrend das System, welches diese Probleme aufgrund sozialer und \u00f6konomischer Ungerechtigkeiten erst verursacht hat, in seiner urspr\u00fcnglichen Form unweigerlich weiter reproduziert wird.<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Hier scheint es noch einmal besonders angebracht einen Ausschnitt aus Herbert Marcuses Aufsatz\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marcuse.org\/herbert\/pubs\/60spubs\/65reprtoleranzdt.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em><span class=\"_4yxp\">Repressive Toleranz<\/span><\/em><\/a>\u00a0zu zitieren:<\/div>\n<blockquote class=\"_2cuy _509u _2vxa\"><p>Die Gleichheit der Toleranz wird abstrakt, unecht. Mit dem faktischen Niedergang abweichender Kr\u00e4fte in der Gesellschaft wird die Opposition in kleine und h\u00e4ufig einander widerstreitende Gruppen isoliert, die selbst dort, wo sie innerhalb der engen Grenzen toleriert werden, wie die hierarchische Struktur der Gesellschaft sie setzt, ohnm\u00e4chtig sind, weil sie innerhalb dieser Grenzen verbleiben. Aber die ihnen erwiesene Toleranz ist tr\u00fcgerisch und f\u00f6rdert Gleichschaltung. Und auf den festen Grundlagen einer gleichgeschalteten Gesellschaft, die sich gegen qualitative \u00c4nderung nahezu abgeriegelt hat, dient selbst die Toleranz eher dazu, eine solche \u00c4nderung zu unterbinden, als dazu, sie zu bef\u00f6rdern.<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Auch wenn Marcuses Aufsatz selbstverst\u00e4ndlich vor dem Hintergrund der damaligen 68er Bewegung gelesen werden muss, scheint er sich dennoch problemlos auf die gegenw\u00e4rtige Thematik applizieren zu lassen. Das, was Marcuse hier als \u201e[\u2026] kleine und h\u00e4ufig einander widerstreitende Gruppen [\u2026]\u201c bezeichnet, ist das, was man im heutigen Jargon als eine auf Partikularinteressen beruhende Identit\u00e4tspolitik bezeichnen w\u00fcrde. Besonders beeindruckend an Marcuses Feststellung ist, dass sie genau jene zuvor festgestellte Problematik der systemischen Reproduzierbarkeit beschreibt. Die verschiedenen Partikularinteressen werden innerhalb der durch das System festgesetzten Grenzen toleriert, was zur Folge hat, dass jene Interessen jedoch in den jeweiligen partikularen R\u00e4umen verbleiben. Durch die systemimmanente Duldung dieser Einzelinteressen wird ein nachhaltiger systemischer Wandel blockiert und eine system\u00fcbergreifende Solidarisierung der einzelnen gesellschaftlich benachteiligten Gruppen unm\u00f6glich gemacht. Die Annahme, dass Ph\u00e4nomene wie die \u201ecancel culture\u201c eine Rebellion gegen das System darstellen, ist falsch, da sie selbst ein integraler Bestandteil des Systems sind, welcher einen wirklich nachhaltigen Wandel blockiert.<\/div>\n<h3 class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\"><strong><span class=\"_4yxo _4yxp\">Was tun, Sisyphos?<\/span><\/strong><\/h3>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">W\u00e4re es nicht an der Zeit, die von den G\u00f6ttern auferlegte Strafe zu hinterfragen? Die Determinierung zur Wiederholbarkeit verliert ihr determinierendes Element, wenn wir die systemischen Rahmenbedingungen, die diese Strafe erst m\u00f6glich machen, gezielt in Frage stellen. Oder man l\u00e4sst den Felsblock einfach am Fu\u00dfe des Berges liegen und schaut sich nach neuen Wegen um.<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">Buchquellen:<\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">(1) Tocqueville, A. \u00ac. (1985).\u00a0<span class=\"_4yxp\">\u00dcber die Demokratie in Amerika<\/span>. Stuttgart: Reclam.<\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">(2) Singer, P. (1999)\u00a0<span class=\"_4yxp\">Linke, h\u00f6rt die Signale! \u2013Vorschl\u00e4ge zu einem notwendigen Umdenken.\u00a0<\/span>Reclam, Universal-Bibliothek<\/div>\n<div class=\"_2cuy _3dgx _2vxa\">(3) Pfaller, R. (2017).\u00a0<span class=\"_4yxp\">Erwachsenen<\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Motive der sogenannten\u00a0cancel culture\u00a0m\u00f6gen ehrenhaft sein, jedoch werden die Probleme, die sie zu bek\u00e4mpfen versucht, dadurch lediglich gr\u00f6\u00dfer. Warum eine wahre links-progressive Politik nicht auf\u00a0cancel culture\u00a0setzen sollte, diskutiert Florian Maiwald in seinem neuen Beitrag. 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