{"id":1639526,"date":"2022-08-08T16:27:39","date_gmt":"2022-08-08T15:27:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1639526"},"modified":"2022-08-09T07:37:38","modified_gmt":"2022-08-09T06:37:38","slug":"musizieren-statt-betonieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/08\/musizieren-statt-betonieren\/","title":{"rendered":"\u201eMusizieren statt Betonieren\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das bundesweite Netzwerk &#8222;lebenslaute. klassische musik &#8211; politische aktion&#8220; verbindet in seinen musikalischen Interventionen Musik und zivilen Ungehorsam.<\/strong><\/p>\n<p>Das Ziel der etwa 120 Aktiven ist es, &#8222;widerst\u00e4ndige Musik an unm\u00f6gliche Orte&#8220; zu bringen &#8211; Orte an denen menschliches Leben und seine nat\u00fcrlichen Grundlagen, aber auch Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Frieden bedroht werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr 2022 hatte sich die Gruppe bereits im Januar entschieden, das Thema der Klimagerechtigkeit und einer umfassenden sozial- und klimagerechten Mobilit\u00e4tswende am Beispiel des umstrittenen Baus der Berliner Stadtautobahn A100 aufs Korn zu nehmen, genauer gesagt: deren geplanten 17. Bauabschnitt, der mitten durch einen noch intakten Kiez f\u00fchren und ihn damit ruinieren wird. F\u00fcr 200.000 (zweihunderttausend) Euro pro Meter Autobahn werden damit weitere Fl\u00e4chen versiegelt, sollen Gr\u00fcnfl\u00e4chen und soziale Verbindungen im Interesse von Bauwirtschaft, Zementlobby und Auto-Industrie verschwinden. Festgelegt ist das alles im Bundsverkehrswegeplan 2030, den man mit Fug und Recht als verfassungswidrig bezeichnen kann.<\/p>\n<p>Im Juni gab es ein gemeinsames verl\u00e4ngertes Wochenende im th\u00fcringischen Waltershausen, wo diskutiert, geprobt, trainiert, Banner gemalt usw. wurde.<\/p>\n<p>Vom 29.7. bis zum 4.8. kamen dann alle nach Berlin. Hier \u00f6ffnete uns die baptistische Friedenskirche in Charlottenburg Kirchenraum, Gemeindehaus und zwei wundersch\u00f6ne Innenh\u00f6fe, wo von nun an geprobt, diskutiert, Aktionstrainings durchgef\u00fchrt, geschrieben und telefoniert, gekocht, gegessen und getrunken, gestritten und gelacht wurde.<\/p>\n<p>Zwei H\u00f6hepunkte dieser Tage standen seit l\u00e4ngerem fest:<\/p>\n<p>am 2. August sollte ein Konzert in der Kreuzberger Taborkirche stattfinden, um das musikalische Programm zusammen mit Redebeitr\u00e4gen (Text) zu pr\u00e4sentieren, in denen die klimasch\u00e4dliche und gesellschaftsfeindliche Mobilit\u00e4tspolitik von Ampelkoalition im Bund und dem rot-rot-gr\u00fcnen Berliner Senat kritisiert werden sollte (Video des Konzertes, dank an &#8222;Danni-Pilger&#8220;). Mit auf dem Programm stand ein gro\u00dfes Solidarit\u00e4tsbanner f\u00fcr unsere Freunde in L\u00fctzerath, dem Ort unserer Aktion im vergangenen Jahr, wo zur selben Zeit Klimagerechtigkeitsaktivisti von RWE-Wachschutz und NRW-Polizei angegriffen und unter anderem mit Wachschutzhunden bedroht wurden.<\/p>\n<p>F\u00fcr Donnerstag, den 4. August, 16:30 Uhr war seit langem ein &#8222;Feierabendkonzert&#8220; auf der A100 N\u00e4he S-Bahn Tempelhof angek\u00fcndigt und auch bei der Versammlungsbeh\u00f6rde angemeldet. Hier sollte das gleiche musikalische und inhaltliche Programm den feierabendlichen Berufsverkehr komplett unterbrechen. Der Ort dieses Konzerts und sein Zeitpunkt waren bewusst gew\u00e4hlt, um gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Aufmerksamkeit zu erreichen in unmittelbarer N\u00e4he zum Beginn des 17. Bauabschnitts dieser Berliner Stadtautobahn.<\/p>\n<p>Das Medienecho rund um diese beiden Konzerte war viel st\u00e4rker, als wir vorher angenommen hatten: sicher nicht zuletzt auch deshalb, weil unser Vorhaben einen Nerv traf. Seit l\u00e4ngerem gibt es Auseinandersetzungen um diesen wie aus der Zeit gefallen wirkenden Autobahnausbau, aktuell f\u00fchlbar gemacht durch die immer weiter steigenden Temperaturen. Es gab eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von Artikeln in Berliner Kurier, Tagesspiegel, Berliner Zeitung , nach Abschluss der Aktionen sogar Berichte in Stern, S\u00fcddeutsche Zeitung, FAZ, Zeit und \u00e4hnlichen Medien. Es gab Berichte in der rbb-Abendschau, Interviews mit Aktivist*innen, wir wurden von Journalist*innen begleitet usw.<\/p>\n<p>Wenige Tage vor dem Feierabendkonzert erreichte uns eine polizeiliche Verbotsverf\u00fcgung: es wurde untersagt &#8211; im Interesse der &#8222;Sicherheit und Leichtigkeit des flie\u00dfenden Verkehrs&#8220;, die in Berlin offenbar h\u00f6her bewertet werden als das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit. In einem Kooperationsgespr\u00e4ch wurde dennoch eine Kompromissl\u00f6sung erreicht: Konzert am 4.8., 16:30, jedoch nicht auf der A100, sondern einem ihrer Zubringer, der A103 Richtung Innenstadt.<\/p>\n<p>In der Nacht vor diesem Konzert kam es gegen 03:30 Uhr auf dem zentralen &#8222;Sprengplatz&#8220; der Berliner Polizei, mitten im Grunewald gelegen, zu einer Explosion. Dabei handelte es sich &#8211; wie schon aus der Uhrzeit hervorgeht &#8211; nicht um eine polizeiliche Sprengung, sondern vielleicht um die spontane Explosion von Munition, die seit dem Ende des 2. Weltkriegs Jahrzehnte lang hier vor sich hin verrottet und bei den extremen Temperaturen, die die Klimakrise Anfang August ganz Berlin bescherte (bis zu 40 Grad Celsius) sich wom\u00f6glich selbst entz\u00fcndet hat. Wald geriet in Flammen, der Brand au\u00dfer Kontrolle und war auch deshalb schwer zu beherrschen, weil weitere Munitionsreste explodierten und die L\u00f6scharbeiten unm\u00f6glich machten. Teile der Berliner Stadtautobahn mussten aufgrund der Rauchentwicklung gesperrt werden.<\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Morgen dieses Tages brachen wir zu unserer dritten, nicht \u00f6ffentlich angek\u00fcndigten Aktion auf &#8211; der Besetzung der Baustelle der A100 unweit des Anschlusses an deren 16. Bauabschnitt. Um 6:30 tauchten wir mit etwa hundert Musiker*innen und Aktionsunterst\u00fctzer*innen sowie einigen B\u00fcndnispartner*innen der BI gegen die A100 und der Initiative &#8222;Sand im Getriebe&#8220; an der Baustelle auf und enterten sie (Video). Flugbl\u00e4tter informierten die Bauarbeiter \u00fcber unser Anliegen und dar\u00fcber, da\u00df sich unsere Anwesenheit nicht gegen sie, sondern gegen die Autobahn-GmbH, den Berliner Senat und die Bundesregierung richtete. Etwa zehn Lebenslautis informierten am nahegelegenen S-Bahnhof und in der vorbeifahrenden S-Bahn Interessierte \u00fcber unsere Aktion, die gleichzeitig \u00fcber Twitter und Presseinformationen breit bekannt gemacht wurde. Etwa drei Stunden konnten wir hier muszieren, w\u00e4hrend der Baustellenbetrieb ruhte.<\/p>\n<p>Gerade als unsere Bl\u00e4sergruppe &#8222;Highway to hell&#8220; intonierte, erschien die Polizei, verhielt sich zun\u00e4chst zur\u00fcckhaltend, verwies dann jedoch einen Fotojournalisten des Platzes, beschlagnahmte kurzfristig ein Transparent und nahm gegen 09:45 eine Strafanzeige der Autobahn-GmbH gegen unseren Polizeikontakt wegen Hausfriedensbruchs entgegen. Nach drei Stunden verlie\u00dfen wir auf unseren Beschluss, gemeinsam und ohne Personalienfeststellung die Baustelle wieder. Die anwesenden Bauarbeiter verabschiedeten uns freundlich und erkl\u00e4rten, sie w\u00fcrden sich \u00fcber weitere Arbeitsunterbrechungen dieser Art wirklich freuen.<\/p>\n<p>Als wir einige Stunden sp\u00e4ter am zwei Tage zuvor ausgehandelten Ort an der A103 zum zweiten Konzert des Tages erschienen, war die Stimmung v\u00f6llig anders. Starke und von vornherein unfreundlich bis aggressiv auftretende Polizeikr\u00e4fte verhinderten, da\u00df wir unseren angemeldeten und mit der Versammlungsbeh\u00f6rde zwei Tage zuvor ausgehandelten Kundgebungs- und Konzertort erreichen konnten. Sie begr\u00fcndeten das mit der Ausnahmesituation aufgrund des Brandes im Grunewald &#8211; Ausfl\u00fcchte, die leicht zu widerlegen sind: denn erstens erfuhren wir am selben Tag von Journalist*innen vor Ort, da\u00df genauso bereits vor l\u00e4ngerer und ohne Brand im Grunewald mit einigen Aktivisti der &#8222;last generation&#8220; verfahren wurde, die ebenfalls auf der A100 aktiv werden wollten, dann zur A103 geschickt wurden und schlie\u00dflich auch dort ihr Versammlungsrecht durch die Exekutive verweigert wurde. Und zweitens konnten wir durch eine drei\u00dfigmin\u00fctige Verkehrsz\u00e4hlung dokumentieren, da\u00df an diesem Tag keineswegs ein besonders hohes Verkehrsaufkommen auf der A103 zu verzeichnen war.<\/p>\n<p>Nach etwa 90 Minuten, und z\u00e4hem Verhandlungsgezerre mit der Polizei bei 38 Grad Hitze vor Ort war klar: die H\u00fcter der sogenannten Ordnung hatten keinerlei schriftliche, juristisch fundierte Grundlage f\u00fcr ihre Entscheidung. Daraufhin versuchten wir, das B\u00fcro der Innensenatorin (Iris Spranger, SPD) zu erreichen: kein Anschluss unter dieser Nummer &#8211; ihr B\u00fcro erkl\u00e4rte, diesen exekutiven Grundrechtsbruch nicht kommentieren zu wollen. Ein Mitglied des Verkehrsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus erkl\u00e4rte sich telefonisch f\u00fcr unzust\u00e4ndig. Rot-rot-gr\u00fcn im Urlaub?<\/p>\n<p>Unter diesen Bedingungen f\u00fchrten wir unseren Auftritt mitten auf der Friedenauer Br\u00fccke \/ Saarstra\u00dfe \u00fcber die sparsam befahrene A103 durch. Anwesend waren etwa 150 Interessent:innen, die den ersten Satz von Schuberts &#8222;Unvollendeter&#8220;, die Erstauff\u00fchrung von Ulrich Klans Vertonung des G\u00fcnter Eich &#8211; Gedichts &#8222;Seid Sand, nicht \u00d6l im Getriebe der Welt&#8220;, Shostakovitchs &#8222;Walzer&#8220; aus der 2. Jazz-Suite, aber auch Songs wie Rio Reisers &#8222;Wann?&#8220;, und &#8222;Unter dem Pflaster, da liegt der Strand&#8220; h\u00f6rten.<\/p>\n<p>Die Zugabe, wieder eine Komposition von Klan, war eine Vertonung von Bertolt Brechts kurzem Gedicht aus dem Jahr 1935:<\/p>\n<p>&#8222;Sie s\u00e4gten die \u00c4ste ab<br \/>\nAuf denen sie sa\u00dfen<br \/>\nUnd sie schrien sich zu<br \/>\nWie man schneller s\u00e4gen k\u00f6nnte<br \/>\nUnd sie fuhren mit Krachen in die Tiefe<br \/>\nUnd die ihnen zusah&#8217;n beim S\u00e4gen<br \/>\nSch\u00fcttelten die K\u00f6pfe<br \/>\nUnd s\u00e4gten weiter.&#8220;<\/p>\n<p>Die Berliner Polizei, die Versammlungsbeh\u00f6rde und deren politische Spitze haben damit das Recht auf Versammlungsfreiheit auf einer Autobahn in einem wiederholten Fall bewusst und eiskalt veweigert, ohne daf\u00fcr eine rechtliche Grundlage zu haben. Sie haben, nachdem wir uns kompromissbereit gezeigt hatten, Ma\u00dfnahmen getroffen und Fakten geschaffen, die unser Anliegen einer k\u00fcnstlerischen Intervention auf der Autobahn ohne die Chance auf Widerspruch und rechtliche Pr\u00fcfung unm\u00f6glich gemacht haben.<\/p>\n<p>Sie ziehen daf\u00fcr einen weit entfernten Brand und ein herbeiphantasiertes erh\u00f6htes Verkehrsaufkommens am Ort des mit ihnen abgesprochenen Autobahnkonzerts als Gr\u00fcnde heran. Sie behaupten, wegen des Brandes nicht \u00fcber gen\u00fcgend Personal verf\u00fcgt zu haben, um unser Konzert auf der Autobahn polizeilich absichern zu k\u00f6nnen, verf\u00fcgten aber \u00fcber mehr als genug Kr\u00e4fte, um uns daran zu hindern, auf die Autobahn zu gelangen. Das alles ist in sich haltlos und mi\u00dfbraucht zynisch und unversch\u00e4mt den Brand und seine Bek\u00e4mpfung, also das mittelbare Ergebnis der Klimakatastrophe, als Legitimation f\u00fcr das faktische Verbot eines Konzerts gegen einen der wichtigsten Ausl\u00f6ser und Antreiber dieser Katastrophe &#8211; den fossilen PKW-Verkehr und die Autobahnbau-Manie der Beton-Mafia, einen weiteren entscheidenden Faktor der Klimaerw\u00e4rmung.<\/p>\n<p>Das Verhalten der Berliner Beh\u00f6rden ist ein klares politisches statement. Es besagt: wir wollen die A100, auch wenn wir hin und wieder das Gegenteil behaupten und dann mit dem Finger auf die Bundesregierung und deren angeblich alleinige Verantwortung f\u00fcr den Autobahnbau zeigen. Genauso haben CDU und GR\u00dcNE in Hessen ihre politische Mitverantwortung f\u00fcr das \u00f6kologische Verbrechen des Baus der A49 durch den Dannenr\u00f6der Wald von sich geschoben und nach &#8222;Berlin&#8220; vewiesen. Dieses Machtspiel ist am 4.8. in Berlin ein weiteres Mal aufgef\u00fchrt worden &#8211; diesmal unter besonders zynischer Verendung einer klimabasierten Brandkatatsrophe als &#8222;Begr\u00fcndung&#8220;.<\/p>\n<p>Es bleibt festzustellen: das Lebenslaute-Konzept einer demonstrativen k\u00fcnstlerischen Unterbrechung des bedenkenlosen Weiter So im Autobahnbau ist da gegl\u00fcckt, wo wir uns als Aktivisti des zivilen Ungehorsams verhalten haben. es scheiterte, wo wir versuchten, uns mit Vertreter:innen des Staats zu einigen. Das ist kein Zufall und kein Einzelfall. Die Klimagerechtigekitsbewegung kann vor dem Hintergrund der inzwischen verschwindend kleinen Zahl von Jahren, die uns bleibt, bevor irreversible Klima-Kippunkte durchschritten werden, nicht mehr lange warten. Es wird dringend Zeit f\u00fcr eine sicher streitige, aber respektvoll und solidarisch zu f\u00fchrende Debatte, wie wir anders, umfassender, im Wortsinn radikaler und entschlossener weitermachen. Einen kleinen Diskussionsbeitrag dazu habe ich vor einigen Monaten hier ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Lebenslaute wird, so beschloss es das Plenum einvernehmlich am folgenden Tag, nicht auf sich beruhen lassen, wie der Berliner Senat mit uns umgesprungen ist.<\/p>\n<p>Und vielleicht wird in nicht allzulanger Zeit eine nachweislich zum \u00d6kozid f\u00fchrende Politik und die Beihilfe dazu als Straftatbestand im Recht verankert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Verlassen kann man sich darauf nat\u00fcrlich nicht. Und erst recht nicht darauf warten. Wie in der Frage des Antifaschismus und Antimilitarismus gilt: Klimaschutz bleibt Handarbeit &#8211; alles mu\u00df man selber machen!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Hans Christoph Stoodt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das bundesweite Netzwerk &#8222;lebenslaute. klassische musik &#8211; politische aktion&#8220; verbindet in seinen musikalischen Interventionen Musik und zivilen Ungehorsam. 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