{"id":1637508,"date":"2022-08-06T14:13:50","date_gmt":"2022-08-06T13:13:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1637508"},"modified":"2022-08-06T14:18:32","modified_gmt":"2022-08-06T13:18:32","slug":"wurzeln-schlagen-fuer-die-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/08\/wurzeln-schlagen-fuer-die-revolution\/","title":{"rendered":"Wurzeln schlagen f\u00fcr die Revolution"},"content":{"rendered":"<p><strong>Klasse, Klassismus und Klassenkampf werden in der Linken seit einigen Jahren wieder vermehrt diskutiert. Doch wie soll eine neue Klassenpolitik konkret aussehen?<\/strong><\/p>\n<article>Rein in die Gewerkschaften? Oder eine Kampagne gegen Klassismus und Diskriminierung von Armutsbetroffenen? Und wie passt Klassenpolitik mit Antirassismus und Feminismus zusammen? Die kommunistische Gruppe Angry Workers aus London meint: wir m\u00fcssen uns wieder im Alltag der Arbeiter:innen-Klasse verwurzeln. W\u00e4hrend sechs Jahren haben sie in der Londoner Lebensmittelbranche und Logistik gearbeitet und versucht, Selbstorganisation, Solidarit\u00e4t und K\u00e4mpfe in der Klasse zu st\u00e4rken. \u00dcber ihre Praxis haben sie das Buch \u00abClass Power. \u00dcber Produktion und Aufstand\u00bb geschrieben.Wir schreiben das Jahr 2014. Einige Londoner Aktivist:innen aus linksradikalen und feministischen Gruppen packen ihre sieben Sachen und ziehen in den proletarisch und migrantisch gepr\u00e4gten Stadtteil Greenford in West-London \u2013 weitab der hippen Quartiere und der linken Szene. Inspiriert von den K\u00e4mpfen migrantischer Arbeiter:innen in der norditalienischen Logistikbranche suchen sie sich Jobs in der Logistik- und in der Lebensmittelbranche. Sie schliessen sich zur Gruppe Angry Workers zusammen, um als Revolution\u00e4re in der Arbeiter:innen-Klasse, konkret in den Betrieben und Quartieren, Wurzeln zu schlagen. Den Ort ihrer Agitation w\u00e4hlen sie nach strategischen Gesichtspunkten: Greenford liegt im sogenannten Westlichen Korridor, der f\u00fcr die logistische Erschliessung Londons unverzichtbar ist. Dort liegt der gr\u00f6sste Flughafen Europas, der Heathrow Airport. Dieser stellt Londons globale Anbindung sicher. Und er ist der mutmasslich gr\u00f6sste Arbeitsplatz Grossbritanniens. Am Flughafen arbeiten um die 80\u2019000 Menschen. Weitere 10\u2019000 schuften in den umliegenden Lagerh\u00e4usern. In Greenford und dem nahegelegenen Perivale arbeiten weitere 15\u2019000 in Lagerh\u00e4usern, 40\u2019000 im (re-industrialisierten) Industriegebiet Park Royal. Die wichtigsten Industrien sind Warendistribution und Lebensmittelverarbeitung.F\u00fcr die Angry Workers war die Region aus mehreren Gr\u00fcnden strategisch vielversprechend: Die Nahrungsmittelindustrie und die Logistikbranche geh\u00f6ren zu den wichtigsten und wachsenden Branchen Grossbritanniens. In der Region gibt es eine beachtliche Konzentration industrieller und logistischer Arbeitspl\u00e4tze. Die dort schuftenden Arbeiter:innen sind an einem strategisch elementaren Punkt im kapitalistischen Produktionsnetzwerk. Sie verf\u00fcgen folglich \u00fcber viel strategische Macht. Denn 60 Prozent aller Lebensmittel f\u00fcr die acht Millionen Einwohner:innen Londons werden im Westlichen Korridor abgefertigt, verpackt und verarbeitet. Trotz dieser f\u00fcr eine klassenk\u00e4mpferische Linke interessante Konstellation interessiert sich laut den Angry Workers die Linke Londons \u2013 bestehend aus Corbyn-Fans, einer akademisch gepr\u00e4gten Linken und eingesessenen trotzkistischen Organisationen \u2013 kaum f\u00fcr den Stadtteil und seine Bewohner:innen.Der strategisch machtvollen Position steht allerdings eine subjektive Machtlosigkeit und organisatorische Schw\u00e4che gegen\u00fcber. In Greenford wohnt und arbeitet ein multinationales Prekariat. Die Behauptung Westeuropa sei eine postindustrielle Gesellschaft offenbart sich hier als Gerede. Taylorisierte Arbeitsprozesse sind weit verbreitet, das Arbeitstempo hoch, die Monotonie zerm\u00fcrbend. Die Manager spielen verschiedene Geschlechter und migrantische Gruppen gegeneinander aus. Greenfords Arbeiter:innenklasse ist grossteils aus S\u00fcdasien und Osteuropa migriert. Dass das Migrationsregime und die kapitalistischen Arbeitsm\u00e4rkte zusammenh\u00e4ngen ist hier offensichtlich: Migrantische Arbeiter:innen m\u00fcssen etwa bestimmte Bedingungen erf\u00fcllen, um den Aufenthaltsstatus nicht zu verlieren. Das verursacht grossen Stress und macht sie erpressbar. Daher muss eine erfolgreiche Klassenpolitik stets intersektional sein und die politischen Spaltungen der Klasse sowie Diskriminierungen entlang von race und gender ernst nehmen. Weitverbreitet sind zudem \u00abNull-Stunden-Vertr\u00e4ge\u00bb. Das heisst, Arbeiter:innen haben keine garantierten Arbeitsstunden und sie wissen nie, ob ihr Lohn bis ans Monatsende reichen wird. Das Management instrumentalisiert dies und bem\u00fcht sich, einen Wettbewerb unter den prek\u00e4ren Arbeitskr\u00e4ften zu entfesseln. Die Arbeitsverh\u00e4ltnisse und Managementformen in Greenford sind also beispielhaft f\u00fcr einen wachsenden Teil des Proletariats Grossbritanniens (und dar\u00fcber hinaus). Daher, so die \u00dcberlegung der Angry Workers, ist es umso wichtiger, wirkm\u00e4chtigen Gegenstrategien zu finden, die diesem Teil der Arbeiter:innen-Klasse Erfolge erm\u00f6glichen.<\/p>\n<h3>Solidarit\u00e4tsnetzwerk und Zeitung<\/h3>\n<p>Wie gehen die Angry Workers vor? Wichtige Mittel ihrer Organisierung sind ein Solidarit\u00e4tsnetzwerk und eine eigene Zeitung. Diese spielen zusammen: beim Verteilen der Zeitungen kommt man ins Gespr\u00e4ch, im Solidarit\u00e4tsnetzwerk sucht man gemeinsam nach L\u00f6sungen. Die Zeitung berichtet dar\u00fcber. Das Solidarit\u00e4tsnetzwerk nimmt zudem den Alltag jenseits der Lohnarbeit in den Blick. Denn insbesondere migrantische Arbeiter:innen sind in den allt\u00e4glichen G\u00e4ngeleien von Beh\u00f6rden und Bossen vereinzelt. Das Solidarit\u00e4tsnetzwerk will mit gegenseitiger Hilfe und direkter Aktion dazu bef\u00e4higen, selbst L\u00f6sungen zu finden bei Problemen mit Vermieter:innen, Arbeits\u00e4mtern, Einwanderungsbeh\u00f6rden oder bei rassistischer und sexistischer Gewalt (\u00e4hnliche Initiativen gibt es hierzulande auch in Z\u00fcrich und Basel). Es geht also darum die Selbstorganisation innerhalb der Klasse zu st\u00e4rken \u2013 als Gegenmodell zum Expertenwissen von Anw\u00e4lt:innen, Gewerkschaftsfunktion\u00e4r:innen und Journalist:innen sowie als Antwort auf die Ausn\u00fctzung der misslichen Lage von Migrant:innen durch mittelst\u00e4ndische migrantische \u00abCommunity Leaders\u00bb.<\/p>\n<p>Wie ist das Solidarit\u00e4tsnetzwerk organisiert? Mit Plakaten, in der Zeitung und durch Gespr\u00e4che rufen die Angry Workers zu regelm\u00e4ssigen Arbeiter:innen-Versammlungen in einem leicht zug\u00e4nglichen Ort (z. B. Fast-Food-Restaurant) auf. Parallel dazu haben sie eine \u00abSoli-Netzwerk-Telefonnummer\u00bb und eine Rechtsberatung eingerichtet. Vor allem Migrant:innen (meist M\u00e4nner, aber auch einige Frauen) melden sich oder kommen zu den Versammlungen. Sie befinden sich oft in sehr schwierigen Situationen, kennen ihre Rechte nicht und waren abh\u00e4ngig von Leuten aus ihrer \u00abCommunity\u00bb. Wie sie in ihrem Buch beschreiben, gelang es den Angry Workers nicht wirklich, aus der \u00abDienstleister-Rolle\u00bb herauszukommen. Auch wenn die Kontakte bestehen blieben, beteiligten sich Arbeiter:innen selten aktiv. Einige Erfolge gab es dennoch: Etwa im Fall einer Lagerarbeiterin aus Punjab, die von einem \u00abRatgeber f\u00fcr Visumsfragen\u00bb aus ihrer \u00abCommunity\u00bb gef\u00e4lschte Papiere f\u00fcr einen Visumsantrag erhielt. Letzterer weigerte sich dann das Geld zur\u00fcckzuzahlen. Erst als eine gr\u00f6ssere Gruppe von Arbeiter:innen mit Flugbl\u00e4ttern und Plakaten sein B\u00fcro aufsuchte, gab er nach und zahlte der Arbeiterin ihr Geld zur\u00fcck. Im Fall einiger ungarischer Lagerarbeiterinnen gelang es, ausstehende Urlaubsgelder einzutreiben \u2013 ebenfalls indem mehrere Arbeiter:innen gemeinsam das B\u00fcro der Leiharbeitsfirma aufsuchten und Druck machten.<\/p>\n<p>In Kontakt mit der lokalen Arbeiter:innenschaft kommen die Angry Workers auch beim Verteilen ihrer Zeitung \u00abWorkers Wild West\u00bb. Diese umfasst Berichte von Arbeiter:innen \u00fcber ihre Arbeitssituation und ihre K\u00e4mpfe. Zudem berichtet die Zeitung \u00fcber die Aktivit\u00e4ten des Solidarit\u00e4tsnetzwerks und Arbeitsk\u00e4mpfe weltweit. Dabei analysieren sie die St\u00e4rke und Schw\u00e4chen der jeweiligen K\u00e4mpfe. Die Zeitung ver\u00f6ffentlichen sie zwei bis drei Mal im Jahr \u2013 jeweils 2\u2019000 Exemplare. Diese verteilen sie allerdings nicht auf der Strasse, sondern gezielt an die Arbeiter:innen spezifischer Betriebe, um mit diesen ins Gespr\u00e4ch zu kommen.<\/p>\n<h3>Militante Untersuchung<\/h3>\n<p>Die Angry Workers beleben eine sozialrevolution\u00e4re Praxisform wieder, die in weiten Teilen der Linken verlorengegangen ist: Die sogenannte militante Untersuchung oder Arbeiter:innen-Untersuchung. Zum einen geht es darum, den Alltag von Arbeiter:innen zum Ausgangspunkt der Analyse zu machen \u2013 am Arbeitsplatz und dar\u00fcber hinaus. Sie schliessen dabei an fr\u00fchere Diskussionen dissidenter marxistischer Str\u00f6mungen an \u2013 etwa die Analysen der Johnson-Forest-Tendency aus den USA, der franz\u00f6sischen Gruppe Socialisme ou Barbarie und des italienischen Operaismus. Bei der Arbeiter:innen-Untersuchung geht es darum, die eigene Politik nicht einzig auf alte, dicke W\u00e4lzer b\u00e4rtiger M\u00e4nner abzust\u00fctzen, sondern aus dem Alltag der arbeitenden Klasse und den dort manifesten Widerspr\u00fcchen heraus zu entwickeln. Nicht aus Mitleid mit den \u00abharten Schicksalen\u00bb, nicht aus liberaler Emp\u00f6rung \u00fcber das Scheitern der Meritokratie und auch nicht aus rein wissenschaftlichem Interesse. Sondern aus der strategischen \u00dcberlegung, dass die Arbeiter:innenklasse dank ihrer Stellung im Kapitalismus das kreative Potential, das n\u00f6tige Produktionswissen und die strategische Macht hat, eine Revolution anzustossen, durchzusetzen und am Leben zu erhalten. Aber auch aus der ethischen Haltung heraus, dass die Linke an der Seite der Verlierer:innen des Kapitalismus stehen muss.<\/p>\n<p>Zum anderen ist die Arbeiter:innen-Untersuchung ein Mittel der Agitation, um sich in der Klasse zu verankern, um die Bedingungen f\u00fcr Klassenk\u00e4mpfe zu untersuchen, mit kollektiven Kampfformen zu experimentieren und solidarische Beziehungen in der Klasse aufzubauen. Inspiriert wurden sie von der Renaissance des Syndikalismus und neuer Debatten um Basisorganisierung. Sie setzten sich daher mit der Diskussion um das Organizing-Konzept \u00abDeep Organizing\u00bb und den erfolgreichen, militanten K\u00e4mpfen der Basisgewerkschaft SI COBAS in der norditalienischen Logistik auseinander.<\/p>\n<p>Arbeiter:innen-Untersuchungen f\u00fchrten die Angry Workers beispielsweise in eine Lebensmittelfabrik und in ein Verteilzentrum eines grossen Detailh\u00e4ndlers. Das Ziel war dabei, Produktionswissen zu sammeln und unter den Arbeiter:innen zu verallgemeinern sowie herauszufinden, wo im Produktionsprozess potenziell die Macht der Arbeiter:innen liegt. Welche Abteilungen k\u00f6nnen den Produktionsprozess am st\u00e4rksten beeinflussen oder st\u00f6ren? Wo gibt es ein Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl? Welche Rolle spielen Maschinen im Produktionsprozess? Zentral war aber auch, die politischen Spaltungen in der Klasse zu analysieren: Wie sind die Machtbeziehungen am Arbeitsplatz? Welche Techniken nutzen die Manager und Vorgesetzten, um die Produktivit\u00e4t hochzuschrauben? Welche Hierarchien in der Belegschaft schaffen sie? Diese Fragen dienen keiner reinen Theoriearbeit. Sie sind begleitet vom Versuch, informelle Bewegungen der Klasse zu bef\u00f6rdern: Welche Kampfformen versprechen Erfolg, eine Unterschriftensammlung oder doch eher ein Bummelstreik? Welche Forderungen sind aufzustellen? Wie wirken sich die Spaltungen unter den Besch\u00e4ftigten, z.B. zwischen verschiedenen Nationalit\u00e4ten oder zwischen Tempor\u00e4ren und Festangestellten aus?<\/p>\n<p>Durch diese im Alltag verankerte Analyse vermeiden sie rein formal-abstrakte, soziologische Definitionen der Arbeiter:innen-Klasse ebenso wie das antiquierte, stereotype Bild vom Facharbeiter im Blaumann. Beide sind politisch wenig n\u00fctzlich. Stattdessen entwickeln die Angry Workers ein hochaufgel\u00f6stes Bild der Klasse, das auch das Zusammenspiel von Migrationsregime, betrieblichen Hierarchien und Geschlechterordnung beachtet. Sie arbeiten systematisch heraus, wie Hierarchien unter den Arbeiter:innen entstehen, wie diese durch das Management geschaffen oder instrumentalisiert werden f\u00fcr ihre Teile-und-Herrsche-Strategie. So werden verschiedene migrantische Gruppen im Betrieb oft gegeneinander ausgespielt. Manager setzten gezielt Vorarbeiter:innen aus einer spezifischen migrantischen Gruppe ein, sodass Arbeiter:innen aus derselben Gruppe in einen Loyalit\u00e4tskonflikt geraten: Ethnizit\u00e4t und Klasse konkurrenzieren sich hier und werden instrumentalisiert, um die Belegschaft zu spalten. Oft setzen die Manager auch auf erst seit kurzem migrierte Arbeiter:innen, weil diese ihre Rechte noch nicht gut kennen, sich sprachlich weniger gut wehren k\u00f6nnen, illegalisiert sind oder f\u00fcr ihren Aufenthaltsstatus auf eine Arbeitsstelle angewiesen sind.<\/p>\n<p>Wichtig ist auch der Graben zwischen Festangestellten und Tempor\u00e4ren. Als Arbeiter:innen sich in einem Getr\u00e4nkelager gegen die Streichung einer \u00dcberstunden-Pr\u00e4mie wehrten, bot das Management einigen Tempor\u00e4ren eine Festanstellung an und durchbrach so die Solidarit\u00e4t unter den Arbeiter:innen. Die Festangestellten erhielten die Pr\u00e4mie weiterhin und wirkten als Streikbrecher:innen. Sp\u00e4ter stellte das Unternehmen \u00fcber eine andere Firma neue Tempor\u00e4re an, die \u00fcber den \u00dcberstunden-Konflikt nichts wussten. Auch das Geschlecht ist zentral. Frauen sind nicht nur von Mehrfachbelastung betroffen, sie werden auch in der Lohnarbeit benachteiligt. Sie erhalten tiefere L\u00f6hne, auch weil sie systematisch in vermeintlich \u00abunqualifizierte\u00bb Positionen eingeteilt werden. Oft ist diese Zuteilung komplett willk\u00fcrlich. Denn auch hochspezialisierte T\u00e4tigkeiten, die lange Erfahrung ben\u00f6tigen, gelten als \u00abunqualifiziert\u00bb, wenn sie etwa an einem Fliessband erfolgen. M\u00e4nner hingegen, die alle zwei Sekunden einen Knopf an einer Maschine bedienen, gelten als \u00abangelernt\u00bb und sind dadurch in einer h\u00f6heren Lohnkategorie. Erschwerend kommt f\u00fcr Frauen hinzu, dass sie Bel\u00e4stigungen und \u00dcbergriffen durch Arbeiter und Vorgesetzte ausgesetzt sind.<\/p>\n<p>Die militante Untersuchung soll aber auch Arbeiter:innen vernetzen, solidarische Kontakte und Produktionswissen ausbilden helfen und Kampferfahrung und -erfolge erm\u00f6glichen. An diesen Zielen gemessen, k\u00f6nnte man einwenden, haben die Angry Workers wenig Spektakul\u00e4res erreicht. Es gelang ihnen zwar, dass Arbeiter:innen in der Lebensmittelfabrik, in der sie l\u00e4nger arbeiteten, wieder \u00fcbers Streiken sprachen, ja w\u00e4hrend Lohnverhandlungen sogar damit drohten. Erstmals tauschten sich Arbeiter:innen aus den verschiedenen Fabriken des Lebensmittelunternehmens aus. Mit ihrer Pr\u00e4senz zeigten die Angry Workers zudem auf, dass es Arbeitskolleg:innen gab, die bereit waren, gegen das Management praktisch vorzugehen. Doch viel weiter gingen die konkreten Resultate nicht. Ihre Klassenpolitik brachte keine schnellen Erfolge. Klar wird: so eine Praxis braucht Zeit, Geduld und Durchhalteverm\u00f6gen \u2013 als Freizeit-Aktivismus ist das nicht zu haben.<\/p>\n<h3>Strategisches Denken zur\u00fcckgewinnen<\/h3>\n<p>Interessant am Buch sind auch die Bem\u00fchungen der Angry Workers, Antworten auf die Strategielosigkeit der Linken zu finden. Sie diagnostizieren, dass die revolution\u00e4re Linken die Frage nach der Revolution mit vagen Visionen von Multitude, Generalstreik oder Aufstand umschifft. Ihre Organisierungsarbeit wollen sie nicht als Selbstzweck verstanden wissen, sondern als Aufbauprozess f\u00fcr eine tiefgreifende gesellschaftliche Transformation. Dass zwischen allt\u00e4glichen K\u00e4mpfen und Revolution eine grosse Kluft besteht, ist ihnen bewusst. Daher versuchen sie zumindest eine konzeptuelle, strategische Br\u00fccke zu schlagen. Wie eine \u00dcbernahme der Produktionsmittel und der gesellschaftlichen Macht durch die Ausgebeuteten aussehen k\u00f6nnte, wollen die Angry Workers m\u00f6glichst konkret durchdenken. Dass diese \u00abSimulations\u00fcbung\u00bb holzschnittartig ausf\u00e4llt, ist nicht verwunderlich. Sie zeigt aber auf, wie wichtig es ist, sich nicht vom \u00abThere-is-no-Alternative\u00bb-Denken einnehmen zu lassen und das strategische Denken aufzugeben.<\/p>\n<p>Am Beispiel der USA blicken die Angry Workers auf die K\u00e4mpfe der letzten Jahre zur\u00fcck und sprechen drei Klassensegmente an, die \u2013 etwas \u00fcberspitzt \u2013 drei Kampfformen w\u00e4hlten: erstens die marginalisierten Proletarier:innen und die Massenproteste und Riots nach dem Mord an George Floyd, zweitens die Massenarbeiter:innen in der kleinen Streikwelle w\u00e4hrend des Covid-Lockdowns und des Striketober 2021 und drittens die Proteste der Tech- und Wissens-Arbeiter:innen bei Google und Co. Daran machen sie drei Elemente fest, die \u2013 wenn sie zusammenkommen \u2013 einen revolution\u00e4ren Prozess ausmachen k\u00f6nnen: Erstens, eine \u00abmassenhafte proletarische Gewalt gegen die Staatsgewalt und die Sprengung des privaten Rahmens durch das Zusammenkommen auf Strassen und Pl\u00e4tzen\u00bb, zweitens die \u00abkollektive produktive Macht\u00bb der Arbeiter:innen, drittens das \u00abwiderst\u00e4ndige Produzentenwissen\u00bb der Wissensarbeiter:innen. Wie sie betonen, spiegelt sich diese Dreiteilung auch geographisch, auf globaler Ebene, symbolisiert durch die Fabriken in Shenzen, die IT-B\u00fcros im Silicon Valley und die proletarischen Viertel in Lagos. Das Problem sehen die Angry Workers in der Trennung der drei Klassensegmente, die bisweilen auch von Gewerkschaften oder der Linken reproduziert werden. \u00abWas wir brauchen\u00bb, schliessen sie daraus, \u00abist ein direkter Austausch zwischen marginalisierten Proletarier:innen, Massenarbeiter:innen und Wissensarbeiter:innen, die als Teil einer Klassenbewegung ihre Aufgabe der gesellschaftlichen Transformation erkennen und dabei materielle Spaltungen und Wissenshierarchien innerhalb der Klasse \u00fcberwinden.\u00bb<\/p>\n<p>Eine zentrale Gefahr f\u00fcr jeden revolution\u00e4ren Prozesse diskutieren sie am hypothetischen Beispiel eines Arbeiter:innen-Aufstandes in Grossbritannien. Aufst\u00e4ndischen Gebieten droht, dass sie sich materiell nicht reproduzieren k\u00f6nnen, also das Essen ausgeht oder die Materialien f\u00fcr die industrielle Produktion versiegen, weil sie vom Weltmarkt abgeschottet werden. Um dies zu verhindern, fokussieren sie auf die \u00abZentren der [\u00f6konomischen] Macht\u00bb, auf die \u00abGetreidekammern, Fabriken, H\u00e4fen und Kraftwerke\u00bb, wie sie schreiben. Die Angry Workers betonen daher, dass ein erfolgreicher Arbeiter:innen-Aufstand die essenziellen Industrien \u2013 etwa Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung, Energieproduktion, Wasserversorgung, Transport, Kommunikation etc. \u2013 \u00fcbernehmen, verteidigen und transformieren muss. Daher denken sie, dass eine \u00abaktive Minderheit\u00bb von 30 bis 40 % des Proletariats als produktiver, materieller Kern den Aufstand tragen muss. Parallel zu diesem produktiven Aufstand m\u00fcssten gr\u00f6ssere, kollektivistische \u00abHaushaltseinheiten\u00bb eingerichtet werden \u2013 zum Beispiel in ehemaligen Hotels oder B\u00fcrogeb\u00e4uden \u2013 in denen dann G\u00fcter verteilt, Haus- und Care-Arbeit gemeinsam organisiert wird und politische Entscheidungen gef\u00e4llt werden.<\/p>\n<p>Hier stellt sich allerdings die Frage, ob die Angry Workers nicht die Vernetztheit, die sie ja grunds\u00e4tzlich bedenken und die Abh\u00e4ngigkeit von Technologie untersch\u00e4tzen. Wie einige Marxist:innen anhand des Marxschen Maschinenfragments behaupteten, ist der gegenw\u00e4rtige Kapitalismus dadurch gepr\u00e4gt, dass Technologie und der Einsatz von Wissen zur eigentlichen Triebfeder kapitalistischer Produktion geworden sind, w\u00e4hrend die Arbeiter:innen zu W\u00e4chter:innen des Herstellungsprozess werden. Weniger der Einsatz physischer Arbeitskraft stellt den Produktionsprozess sicher, sondern die korrekte Anwendung wissenschaftlichen Wissens, ein hochtechnologisierter Maschinenpark sowie Fehlerbehebung und -pr\u00e4vention. Kurzum: Wenn in zahlreichen Industrien und in der Logistik Computertechnologie und Internet-Vernetzung ein integraler Bestandteil eines funktionierenden Maschinenparks ist, besteht nicht die Gefahr, dass ein fehlendes Software-Update, ein gekappter Breitbandanschluss oder das Fehlen weniger Spezialist:innen die G\u00fcterproduktion und -verteilung komplett lahmlegen kann? Welches ist also die Rolle von Technologie und Wissen in einer Revolution?<\/p>\n<p>Ein zweiter Punkt: Gelingt ein lokaler Aufstand, braucht es nicht mehr als \u00abGetreidekammern, Fabriken, H\u00e4fen und Kraftwerke\u00bb? Wir werden weiterhin \u00e4ltere, behinderte und erkrankte Menschen pflegen, Kinder betreuen usw. usf. Die Gesellschaft reproduziert sich nicht nur mit materiellen G\u00fctern, sie bedarf T\u00e4tigkeiten des Pflegens und Sorgens und die sozialen Beziehungen, die sich dadurch ausbilden und vertiefen. Eine wahrhafte soziale Revolution muss die Spaltung der Klasse in unbezahlte Reproduktionsarbeiter:innen und Lohnarbeiter:innen hinter sich lassen. Den Bereich der sozialen Reproduktion haben die Angry Workers zwar nicht vergessen. Sie analysieren die Haushalte in Greenford, behandeln deren Probleme im Solidarit\u00e4tsnetzwerk und betonen, dass es in einer Phase der Transformation ebenso wichtig ist, Zentren der kollektivierten sozialen Reproduktion zu schaffen wie die essenziellen Industrien zu \u00fcbernehmen. Doch m\u00fcsste sich diese strategische Bedeutung nicht st\u00e4rker in der Organisierungspraxis zeigen? Und ergeben sich hier nicht vielversprechende M\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine Allianz mit der feministischen Bewegung?<\/p>\n<p>Basis-Initiativen k\u00f6nnten daher danach fragen, wie die Organisierung am Arbeitsplatz mit Vernetzungen und Gegenstrukturen in der Sph\u00e4re der sozialen Reproduktion verschaltet werden k\u00f6nnen. Interessant w\u00e4re es, die Methoden der Arbeiter:innen-Untersuchung und Basisorganisierung auf die soziale Reproduktion anzuwenden: Wie ist die Haus- und Care-Arbeit in diesem oder jenem Gebiet organisiert? Wo findet sie statt, wer leistet sie? Welche kollektiven Arbeitsformen existieren bereits, wo finden sie statt und wie k\u00f6nnten diese verallgemeinert werden? In Community-Center k\u00f6nnte mit der Kollektivierung von Reproduktionsarbeit experimentiert werden (z. B. Essenszubereitung, Sorge-Arbeiten, Selbst-Sorge-Gruppen). Wenn man sich die kapitalistische \u00d6konomie als Verkettung von Arbeitsschritten vorstellt und die soziale Reproduktion am Anfang dieser Kette steht (Arbeitskr\u00e4fte herstellen und erhalten) ist zudem zu fragen: Wo ist die Abh\u00e4ngigkeit kapitalistischer Unternehmen von einer reibungslosen Reproduktion der Arbeitskr\u00e4fte besonders hoch, wo liegt also strategische Macht im Bereich der sozialen Reproduktion? Und f\u00fcr den Bereich des Wohnens: Wie kann organisatorische Macht aufgebaut werden, um Wohnraum mittels direkter Aktionen zu vergesellschaften? Hier ergeben sich also Anschlussm\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine revolution\u00e4re Stadtteilarbeit (vgl. das Buch \u00abRevolution\u00e4re Stadtteilarbeit\u00bb und die Gruppe ROSA), welche die soziale Reproduktion in einem Quartier in den Fokus nimmt.<\/p>\n<p>Einen \u00abMasterplan\u00bb f\u00fcr Basisorganisierung k\u00f6nnen die Angry Workers auch nicht vorlegen. Sie sehen ihre Organisierung als Versuch, als Experiment, um die wahrgenommene Alternativlosigkeit in der Linken zu \u00fcberwinden. Ihr Ziel bleibt dabei die politische Organisierung der Klasse, also eine Klassenpolitik, die sich nicht an einer abstrakten Vorstellung der Lohnabh\u00e4ngigen-Klasse orientiert, sondern im t\u00e4glichen Leben und K\u00e4mpfen der Arbeiter:innenklasse eingebettet ist. Sie streben keine formale Organisation an, der Menschen beitreten k\u00f6nnen, um dann nichts mehr zu unternehmen. Vielmehr stellen sie sich eine Organisierung vor, die aus vielen lokalen Kollektiven besteht, die auf der Selbstorganisation der Klasse aufbauen und sich \u00fcber die radikale gesellschaftliche Ver\u00e4nderung austauschen.<\/p>\n<p>Das Buch der Angry Workers ist absolut lesenswert! Aus den vielen dichten Beschreibungen lernen wir ungemein viel \u00fcber die Lebensbedingungen der Arbeiter:innenklasse West-Londons und ihre Einbettung in die lokalen und globalen Supply-Chains. Man fragt sich sogleich, wie denn die Logistik-Cluster in der eigenen Region organisiert sind, wo der Fertig-Food im Detailh\u00e4ndler herkommt und wieso die Linke so wenig dar\u00fcber weiss. Was das Buch von vielen akademischen oder journalistischen Schreib\u00fcbungen \u2013 ja selbst von manchen Gespr\u00e4chen unter Genoss:innen \u2013 unterscheidet: Stets spricht aus ihren Untersuchungen ein ehrliches, menschliches Interesse am Alltag der Menschen und der unb\u00e4ndige Wille, die herrschenden Verh\u00e4ltnisse nicht hinzunehmen.<\/p>\n<p>Das Buch ist eine Einladung, jegliches rein instrumentelles oder sozialkaritatives Verh\u00e4ltnis zum Proletariat zu \u00fcberwinden und eine Quelle f\u00fcr eigene Organisierungsprojekte. Inspirierend ist zudem, wie diese Kommunist:innen direkte, solidarische \u2013 auch freundschaftliche \u2013 Beziehungen mit anderen Arbeiter:innen aufbauen, mit ihnen Kampferfahrungen und Wissen sammeln und dies mit strategischen \u00dcberlegungen f\u00fcr eine andere Welt kombinieren. Diese kommunistische Z\u00e4rtlichkeit gegen\u00fcber der Klasse ist in den gegenw\u00e4rtig d\u00fcsteren Zeiten n\u00f6tiger denn je.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\" style=\"text-align: right;\">Lotta D. Classe<br \/>\najourmag.ch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klasse, Klassismus und Klassenkampf werden in der Linken seit einigen Jahren wieder vermehrt diskutiert. Doch wie soll eine neue Klassenpolitik konkret aussehen? Rein in die Gewerkschaften? Oder eine Kampagne gegen Klassismus und Diskriminierung von Armutsbetroffenen? 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