{"id":1636803,"date":"2022-08-05T08:35:45","date_gmt":"2022-08-05T07:35:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1636803"},"modified":"2022-08-05T08:35:45","modified_gmt":"2022-08-05T07:35:45","slug":"die-von-der-diktatur-geraubten-kinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/08\/die-von-der-diktatur-geraubten-kinder\/","title":{"rendered":"Die von der Diktatur geraubten Kinder"},"content":{"rendered":"<p>Zwischen 8.000 und 20.000 chilenische Kinder und Babys aus armen, jungen Familien wurden w\u00e4hrend der Pinochet-Diktatur in den 1970er und 1980er Jahren irregul\u00e4r von europ\u00e4ischen und nordamerikanischen Familien adoptiert, etwa 2.100 allein in Schweden. Mehr als 260 von ihnen haben sich, inzwischen erwachsen, auf die Suche nach ihrer Herkunft gemacht, ihre biologischen Familien und ihre Identit\u00e4t wiedergefunden. Mehrere Organisationen in Chile und Schweden machen Druck auf ihre Regierungen, damit diese die Suche begleiten und Verantwortliche finden. Doch bisher treffen sie nur auf Ablehnung.<\/p>\n<p>Bei Adoptionen dieser Art kamen in Chile \u2013 so wie auch in Spanien w\u00e4hrend des Franco-Regimes \u2013 vor allem drei Strategien zum Einsatz: Zum einen wurden viele M\u00fctter get\u00e4uscht. Ihnen wurde gesagt, ihre Kinder seien tot geboren worden, wobei sie weder die Leiche sehen durften noch eine Sterbeurkunde erhielten. Zum andere wurden Frauen \u2013 von denen viele weder lesen noch schreiben konnten \u2013 gezwungen, eine Einwilligung zur \u00dcbergabe ihres Kindes zu unterzeichnen. Weitere Frauen wurden schlicht f\u00fcr unf\u00e4hig erkl\u00e4rt, ihre Kinder aufzuziehen.<\/p>\n<p><strong>Vor allem Kinder aus armen Familien und\u00a0<a class=\"glossaryLink\" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/mapuche\/\" aria-describedby=\"tt\" data-cmtooltip=\" Die indigene Gruppe der Mapuche breitete sich historisch aus der Region der Araucan\u00eda im heutigen Chile nach Argentinien aus. In beiden L\u00e4ndern k\u00e4mpfen Mapuche-Gruppen heute um ihre Territorien und ihre Unabh\u00e4ngigkeit. Dabei kommt es immer wieder zu extremer, staatlich legitimerter Gewalt durch Polizeieinheiten und zu Kriminalisierung. Die Sprache der Mapuche ist das Mapudungun. Mapu hei\u00dft &amp;quot;Erde&amp;quot; oder &amp;quot;Land&amp;quot; und Che hei\u00dft &amp;quot;Menschen&amp;quot;. \" data-gt-translate-attributes=\"[{&quot;attribute&quot;:&quot;data-cmtooltip&quot;, &quot;format&quot;:&quot;html&quot;}]\">Mapuche<\/a>-Gemeinschaften adoptiert<\/strong><\/p>\n<p>Die Opfer waren arm, viele geh\u00f6rten der indigenen Gemeinschaft der Mapuche an. So auch im Fall von Mar\u00eda Diemar, die am 3. Juli 1975 im S\u00fcden Chiles geboren wurde und im Alter von zehn Monaten nach Schweden kam. Als Mar\u00eda am Flughafen ankam, hatte sie einen chilenischen Reisepass, einen Personalausweis, das Urteil des Jugendgerichts von Temuco [red. Anm.: Stadt in S\u00fcdchile] und ihre Geburtsurkunde dabei. \u201eIn diesen Dokumenten war der Name meiner chilenischen Mutter eingetragen. Einige Dokumente wurden bei der schwedischen Adoptionsagentur hinterlegt, andere haben meine Eltern aufbewahrt\u201c, sagt Mar\u00eda.<\/p>\n<p>\u201eAls ich drei Jahre alt war und mein Bruder nach Schweden kam, erkl\u00e4rten meine Eltern mir, dass ich auch mit dem Flugzeug gekommen war und dass unsere Familien in Chile nicht f\u00fcr uns sorgen konnten, weil sie arm und jung waren. F\u00fcr mich war Chile etwas Abstraktes. Aber als ich zehn Jahre alt war, zeigten sie mir eine \u00dcbersetzung des Urteils [vom Jugendgericht]. Als ich das selbst lesen konnte, ver\u00e4nderte das mein Leben. Von da an wusste ich, dass meine Mutter in Chile lebte, und ich beschloss, sie zu suchen, Spanisch zu lernen und nach Informationen \u00fcber Chile zu suchen\u201c, erz\u00e4hlt Mar\u00eda.<\/p>\n<p>Nach Angaben der Historikerin Karen Alfaro von der chilenischen Universidad Austral weisen die ersten Berichte der chilenischen Kriminalpolizei die Verantwortung f\u00fcr die irregul\u00e4ren Adoptionen der schwedischen Adoptionsbeh\u00f6rde zu, deren Mitarbeiter*innen \u2013 meist Sozialarbeiter*innen \u2013 Kinder aus haupts\u00e4chlich armen Familien entf\u00fchrten. Allerdings waren auch \u00f6ffentliche Krankenh\u00e4user, \u00c4rzt*innen, Kinderheime und Kinderg\u00e4rten an dem Handel mit Kindern beteiligt.<\/p>\n<div id=\"attachment_1636804\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1636804\" class=\"wp-image-1636804 size-full\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/tabla-de-adopciones-288x300-1.jpg\" alt=\"\" width=\"288\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-1636804\" class=\"wp-caption-text\">Zahl der nach Schweden adoptierten Kinder aus Chile im Verlauf der Diktatur \/ Foto: Dagens Nyheter\/Interferencia<\/p><\/div>\n<p><strong>Kindesraub im Laufe der Zeit<\/strong><\/p>\n<p>Die internationalen Kindesadoptionen begannen bereits vor der Macht\u00fcbernahme Pinochets (1973), wurden aber bis 1978 zu einem wichtigen Bestandteil einer Strategie der\u00a0<a class=\"glossaryLink\" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/militaerdiktatur\/\" aria-describedby=\"tt\" data-cmtooltip=\" Milit\u00e4rdiktaturen (spanisch: dictaduras militares) haben im sp\u00e4ten 20. Jahrhundert fast alle lateinamerikanischen L\u00e4nder erlebt. Meist mit einem Putsch beginnend, kamen kleine Eliten aus dem Spektrum des Milit\u00e4rs an die Macht. Sie agierten skrupellos und mit ultrarechter, konservativer, rassistischer und fast immer auch christlicher Gesinnung. Ihr Handeln rechtfertigten die Juntas mit der vermeidlichen Existenz von &amp;quot;inneren Feinden&amp;quot; die die &amp;quot;nationale Sicherheit&amp;quot; des Landes bedrohten. Das bedeutete Repression gegen alle Andersdenkenden, staatliche Kontrolle und eine sogenannte &amp;quot;Nationale Neuorganisation&amp;quot; durch au\u00dfergesetzliche, exzessive Gewalt (Guerra Sucia und Desaparecidos). \" data-gt-translate-attributes=\"[{&quot;attribute&quot;:&quot;data-cmtooltip&quot;, &quot;format&quot;:&quot;html&quot;}]\">Milit\u00e4rdiktatur<\/a>, mit der diese die Kinderarmut reduzieren wollte, indem sie die bed\u00fcrftigsten Kinder au\u00dfer Landes schickte. So setzte der Staat die M\u00fctter unter Druck, ihre Kinder abzugeben. Die von der Diktatur verbreitete Angst verhinderte, dass es zu gr\u00f6\u00dferem Widerstand kam.<\/p>\n<p>Die Historiker*innen Karen Alfaro und Luis Morales sind die Autor*innen einer\u00a0<em><a href=\"https:\/\/revistas.uniandes.edu.co\/doi\/full\/10.7440\/histcrit81.2021.04\">wissenschaftlichen Untersuchung<\/a><\/em>\u00a0\u00fcber chilenische Kinder, die von schwedischen Familien zwischen 1973 und 1990 adoptiert wurden. Verschiedene internationale Medien wie\u00a0<em>The Guardian<\/em>\u00a0und die schwedische Zeitung\u00a0<em><a href=\"https:\/\/www.dn.se\/varlden\/pinochet-anvande-adoptioner-for-att-paverka-sverige\/\">Dagens Nyheter<\/a>\u00a0<\/em>berichteten dar\u00fcber und erregten weltweites Aufsehen. Alfaro meint: \u201eWer sagt, dass es nicht nur um die Diktatur geht, versucht, das Thema zu entpolitisieren. Von 1965 bis 1988 war die Legalisierung von Adoptionen durch ein Gesetz geregelt, demzufolge bei einer Adoption die Namen der Herkunftsfamilie aus den Dokumenten gestrichen wurden. Viele Adoptionen erfolgten innerhalb dieses rechtlichen Rahmens, aber man muss zwischen nationalen und internationalen Adoptionen unterscheiden. W\u00e4hrend der Diktatur kam es zu den meisten internationalen Adoptionen auf Grundlage dieses Gesetzes, aber auch aufgrund einer Politik, mit der die Diktatur international f\u00fcr sich warb\u201c.<\/p>\n<p><strong>B\u00fcndnisse der Diktatur mit konservativen bis rechtsextremen Sektoren in Schweden<\/strong><\/p>\n<p>Anfang der 1970er Jahre waren bereits erste Berichte aufgetaucht, nach denen Frauen unter Druck gesetzt wurden, ihre Kinder abzugeben. Dennoch gelang es erst 2017 mit einer Dokumentarserie von Alejandro Vega auf dem TV-Kanal\u00a0<em>Chilevisi\u00f3n<\/em>, das Thema auf die \u00f6ffentliche Tagesordnung zu setzen. \u201eIch konnte herausfinden, dass die Diktatur die Adoption in die L\u00e4nder gef\u00f6rdert hat, die viele chilenische Exilierte aufgenommen hatten, um damit der Kampagne gegen die Diktatur entgegenzuwirken und B\u00fcndnisse mit konservativen Sektoren zu schlie\u00dfen\u201c, erkl\u00e4rt Alfaro.<\/p>\n<div id=\"attachment_1636814\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1636814\" class=\"wp-image-1636814 size-full\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/ulf-hamacher-lider-del-comite-chile-suecia-300x224-1.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"224\" \/><p id=\"caption-attachment-1636814\" class=\"wp-caption-text\">Ulf Hamacher, Leiter der extrem rechten Schwedisch-Chilenischen Gesellschaft \/ Foto: Interferencia<\/p><\/div>\n<p>\u201eIm Fall Schwedens wurde eine Verbindung zur Schwedisch-Chilenischen Gesellschaft (Sociedad Suecia-Chile) aufgebaut, die zum extrem rechten Spektrum geh\u00f6rt, das eine pro-chilenische Kampagne zur Entwicklung von Gesch\u00e4ftsbeziehungen und diplomatischen Beziehungen f\u00f6rdert. In diesem Rahmen wurde auch eine Verbindung zur schwedischen Adoptionsbeh\u00f6rde etabliert, die w\u00e4hrend der Diktatur \u00fcber \u00f6ffentliche Einrichtungen wie die [Kinderschutzeinrichtung] Casa Nacional del Ni\u00f1o in Chile t\u00e4tig war und der es auch gelang, Netzwerke mit hochrangigen Beamten aufzubauen. So erkl\u00e4rte Alfaro gegen\u00fcber\u00a0<em>Interferencia<\/em>, f\u00fchrende Mitglieder der Schwedisch-Chilenischen Gesellschaft seien in extrem rechten Parteien bis hin zu faschistischen Bewegungen wie Neues Schweden aktiv gewesen. Einer der Anf\u00fchrer der Schwedisch-Chilenischen Gesellschaft war nach Alfaros Angaben Ulf Hamacher, eine schwedischer Faschist, der auf Fotos offen den Arm zum Hitlergru\u00df hebt.<\/p>\n<p>Hinter den Adoptionen stand demnach ein wichtiges Motiv: Die internationalen Beziehungen des Landes, die nach dem Milit\u00e4rputsch gegen die Regierung von Salvador Allende 1973 abgebrochen worden waren, wiederaufzubauen. Das galt besonders f\u00fcr L\u00e4nder und Regierungen, die nicht nur chilenische Exilierte aufgenommen hatten, sondern dar\u00fcber hinaus auch Menschenrechtsverletzungen kritisch gegen\u00fcberstanden, darunter auch Schweden.<\/p>\n<p><strong>Der Fall Mar\u00eda Diemar<\/strong><\/p>\n<p>Die Schwedin Anna Maria Elmgren kam 1965 nach Chile und organisierte als Vertreterin der schwedischen Adoptionsbeh\u00f6rde die Verschickung von Kindern. Obwohl das chilenische Adoptionsrecht eine zweij\u00e4hrige Phase der Pflegeelternschaft in Chile vorschreibt, bevor eine Adoption ins Ausland eingeleitet werden kann, erteilte der f\u00fcr den Fall zust\u00e4ndige Richter Anna Maria Elmgren die Erlaubnis, Mar\u00eda Diemar im Alter von nur zwei Monaten au\u00dfer Landes zu bringen. Ebenso wie in diesem Fall taucht Elmgrens Name in offiziellen Dokumenten immer wieder als Vormund bei schnellen Adoptionen nach Schweden auf.<\/p>\n<p>Dank eines DNA-Tests fand Mar\u00eda schlie\u00dflich heraus, dass sie zu fast 98 Prozent von Mapuche abstammt. \u201eIch dachte, es w\u00e4re einfach, meine Mutter zu finden, wenn ich ihren Namen w\u00fcsste, aber so war es nicht\u201c, sagt sie. Ihren Adoptiveltern erz\u00e4hlte sie nichts \u00fcber ihre Mapuche-Herkunft und die Papiere in ihrer Heimatstadt Temuco deuten darauf hin, dass der Adoptionsprozess nie abgeschlossen wurde. \u201eIch begann die Suche 1995, als ich 20 Jahre alt war. Aber weder von der schwedischen Adoptionsagentur noch an den Orten, die ich in Chile aufsuchte, erhielt ich irgendwelche Informationen. Nur auf dem Standesamt in Santiago sagte mir eine Frau, dass meine Mutter am Leben sei, dass sie verheiratet sei und immer noch im S\u00fcden lebe, aber dass sie mir ihre Kontaktdaten nicht geben d\u00fcrfe\u201d.<\/p>\n<div id=\"attachment_1636824\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1636824\" class=\"wp-image-1636824 size-full\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/mariadiemar-300x285-1.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"285\" \/><p id=\"caption-attachment-1636824\" class=\"wp-caption-text\">Mar\u00eda Diemar \/ Foto: El Salto<\/p><\/div>\n<p><strong>Keine Einzelf\u00e4lle, sondern ein organisierter Plan<\/strong><\/p>\n<p>1998 wandte sich die Adoptionsagentur an Mar\u00eda, um ihr den Kontakt zu einer Chilenin zu vermitteln, die sich in Santiago um sie gek\u00fcmmert hatte, bevor sie das Land verlie\u00df. \u201eIch rief sie an und ging zu ihr. Sie wohnte in einem Stadtviertel, in dem zehn weitere Frauen lebten, die in den 1970er oder 1980er Jahren Kinder im Auftrag der Agentur betreut hatten. Tita, die Frau, die sich um mich gek\u00fcmmert hatte, erz\u00e4hlte mir, dass sie 300 bis 400 Kinder betreut hat. Ihre Schwester Teresa berichtet in Alejandro Vegas Dokumentarfilmen, dass sie f\u00fcr diese Arbeit bezahlt wurde. Das war ein Schock f\u00fcr mich\u201d, erinnert sich Mar\u00eda. So begann sie zu verstehen, dass hinter all diesen Adoptionen ein organisierter Plan stand.<\/p>\n<p>Mar\u00eda Diemar kehrte nach Schweden zur\u00fcck und bat die schwedische Adoptionsagentur um Unterst\u00fctzung bei der Suche, allerdings ohne Erfolg. Erst im Jahr 2003 halfen ihr eine chilenische Journalistikstudentin und deren Onkel, ihre Mutter zu finden. Sie best\u00e4tigten, dass Mar\u00edas Mutter am Leben war, und auch, dass sie ihre Tochter nicht zur Adoption freigeben wollte. Mar\u00eda konnte ihre leibliche Mutter nicht pers\u00f6nlich kennenlernen, da diese verheiratet ist und Angst vor der Reaktion ihres Mannes hat. Doch sie konnte einigen ihrer Geschwister Kontakt aufnehmen, Fotos und Briefe von ihnen erhalten und einige Male mit ihrer leiblichen Mutter telefonieren.<\/p>\n<p><strong>US-amerikanische Adoptiveltern zahlten zwischen 6.500 und 150.000 Dollar pro Kind<\/strong><\/p>\n<p>In den vergangenen zehn Jahren haben Journalist*innen und Wissenschaftler*innen zahlreiche Beweise f\u00fcr irregul\u00e4re Adoptionen wie diese gefunden. Die Historikerin Alfaro fand heraus, dass europ\u00e4ische und US-amerikanische Adoptivfamilien internationalen Agenturen zwischen 6.500 und 150.000 Dollar pro Kind zahlten. Ein Teil dieses Geldes ging an chilenische \u201cFachkr\u00e4fte\u201d, die bereit waren, \u201egeeignete\u201c Kinder zu identifizieren und sie von ihren biologischen Familien zu trennen.<\/p>\n<p>In einem von\u00a0<em>The Guardian<\/em>\u00a0ver\u00f6ffentlichten Artikel hei\u00dft es: \u201cIm Juni 2017 durchsuchten Ermittler*innen der Polizei das Haus von Telma Uribe Ortega, einer pensionierten Sozialarbeiterin und ehemaligen Mitarbeiterin Elmgrens, in Santiago. Dabei entdeckten sie die Akten von 579 ins Ausland geschickten Kindern\u201c. Die Akten enthielten demnach Informationen \u00fcber die adoptierten Kinder, die schlechten Lebensbedingungen ihrer M\u00fctter, eine Liste von 29 Sozialarbeiter*innen, die als \u201eEntf\u00fchrer*innen\u201c bezeichnet wurden, und Einzelheiten \u00fcber das Geld, das in diesem Rahmen geflossen ist. Uribe lebt, weigert sich aber, sich dazu zu \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<p><strong>Ermittlungen und Untersuchungskommission in Chile eingesetzt<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Unter dem Druck verschiedener Organisationen, die die Suche nach der geraubten Identit\u00e4t dieser Kinder unterst\u00fctzen, setzte der chilenische Kongress im September 2018 eine Untersuchungskommission ein, die Zeugenaussagen von Kindern, M\u00fcttern und verschiedenen institutionellen Akteuren anh\u00f6rte. Im Juli 2019 ver\u00f6ffentlichte die Kommission einen 144-seitigen Bericht, in dem eine \u201eMafia\u201c von Gesundheitsfachleuten beschrieben wird, die durch ein \u201elukratives Gesch\u00e4ft\u201c eine fortw\u00e4hrende Versorgung mit Babys sicherstellten \u2013 eine Praxis, die im Laufe der Zeit ganz im Stile der Franco-Diktatur immer ausgefeilter wurde. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass es sich um\u00a0<a class=\"glossaryLink\" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/verbrechen-gegen-die-menschlichkeit\/\" aria-describedby=\"tt\" data-cmtooltip=\" (span. crimen de lesa humanida, crimen contra la humanidad) Straftatbestand im V\u00f6lkerstrafrecht, der einen ausgedehnten oder systematischen Angriff gegen eine Zivilbev\u00f6lkerung bezeichnet. Erstmals v\u00f6lkervertraglich festgelegt 1945 im Londoner Statut f\u00fcr den N\u00fcrnberger Prozess. Wir folgen in der deutschen \u00dcbersetzung Hannah Arendt, die die vielfach verwendete Bezeichnung &amp;quot;Verbrechen gegen die Menschlichkeit&amp;quot; als &amp;quot;Understatement des Jahrhunderts&amp;quot; kritisierte. Der Tatbestand des crimen de lesa humanidad erscheint im Kontext der Aufarbeitung von Verbrechen w\u00e4hrend der lateinamerikanischen Diktaturen, doch auch Verbrechen unserer heutigen Zeit wie das Verschwindenlassen von Menschen sind im V\u00f6lkerrecht als Verbrechen gegen die Menschheit definiert.&amp;lt;br\/&amp;gt; \" data-gt-translate-attributes=\"[{&quot;attribute&quot;:&quot;data-cmtooltip&quot;, &quot;format&quot;:&quot;html&quot;}]\">Verbrechen gegen die Menschlichkeit<\/a>\u00a0handelt.<\/p>\n<p>Da laut chilenischem Adoptionsgesetz Eintr\u00e4ge bei \u00f6ffentlichen Beh\u00f6rden vernichtet werden konnten, existierten oft keine Dokumente \u00fcber die schnellen Adoptionen unter Mitwirkung schwedischer Beh\u00f6rden. Deshalb schlug die chilenische Untersuchungskommission des Einrichtung einer weiteren Kommission mit Ermittlungsbefugnis auf nationaler und internationale Ebene vor sowie die Einrichtung einer DNA-Bank, die erleichtern sollte, dass Familien sich wiederfinden.<\/p>\n<p>Angesichts der Ergebnisse des Berichts und des durch Pressever\u00f6ffentlichungen \u00fcber verschiedene Untersuchungen aufgebauten Drucks sahen sich die chilenische und auch die schwedische Regierung im Januar 2022 gezwungen, \u00f6ffentliche Erkl\u00e4rungen abzugeben. Hern\u00e1n Larra\u00edn, der bis zum Regierungswechsel im M\u00e4rz 2022 chilenischer Justizminister war, k\u00fcndigte einen Pilotplan an, um die Suche nach den Familien von 700 Opfern illegaler Adoptionen zu begleiten.<\/p>\n<p><strong>Auch schwedische Beh\u00f6rden sind verantwortlich, helfen aber kaum bei der Aufkl\u00e4rung<\/strong><\/p>\n<p>\u201eSchweden verfolgte vor allem unter der \u00c4gide von Olof Palme [ab 1969 Premierminister] eine andere Politik, vollzog jedoch 1978 eine Kehrtwende und ging von einer sehr entschiedenen Verurteilung der Diktatur zur Wiederaufnahme von Handelsbeziehungen mit der Diktatur in den 1980er Jahren \u00fcber\u201c, so die Historikerin Alfaro. Mit ihren Recherchen konnte sie nachweisen, dass die Kinder Chile nicht als Adoptierte verlassen hatten, sondern unter der Vormundschaft einer dritten Person, bei der es sich um Elmgren, Vertreter*innen von Stiftungen oder sogar Flugbegleiter*innen handeln konnte. Das hei\u00dft, der Adoptionsprozess fand zum \u00fcberwiegenden Teil im Ausland statt. \u201eDas belegt auch die Verantwortung der Aufnahmestaaten\u201d, erkl\u00e4rt die Alfaro und erg\u00e4nzt: \u201cEinige schwedische Richter*innen erkundigten sich nach der Vorgeschichte dieser Kinder und danach, warum so viele chilenische Kinder ankamen, sie nahmen also gewisse Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten wahr, ergriffen aber nicht die notwendigen Ma\u00dfnahmen, forschten nicht nach, was da vor sich ging\u201c.<\/p>\n<p>Am 15. M\u00e4rz 2022 verk\u00fcndete die Organisation Hijos y Madres del Silencio (\u201eKinder und M\u00fctter der Stille\u201c) \u2013 eine Gruppe, die die Suche nach Opfern illegaler Adoptionen und von Kindesraub in Chile unterst\u00fctzt \u2013 die 263. Zusammenf\u00fchrung von Familien. In Schweden haben die inzwischen erwachsenen Kinder eine Recherchegruppe zu illegalen Adoptionen gegr\u00fcndet,\u00a0<a href=\"http:\/\/chileadoption.se\/\">Chileadoptions<\/a>. Deren Sprecherin ist Mar\u00eda Diemar: \u201eEs ist auff\u00e4llig, dass man sich in Schweden immer darauf verlassen kann, dass der Staat einem hilft, wenn einem etwas zust\u00f6\u00dft, aber bei dem Thema der illegalen Adoptionen hilft er uns \u00fcberhaupt nicht\u201c, sagt Diemar. \u201eEs ist merkw\u00fcrdig, dass schwedische Regierungsvertreter*innen sich bei unseren Treffen nicht einmal Notizen machten\u201c.<\/p>\n<p><strong>Untersuchung einer schwedischen Kommission soll 2023 Ergebnisse liefern<\/strong><\/p>\n<p>Die Nachrichten, die in verschiedenen L\u00e4ndern \u00fcber m\u00f6gliche Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten bei Adoptionen kursierten, zwangen auch die schwedische Regierung zur Einrichtung einer Kommission, die die \u00fcber 60.000 internationalen Adoptionen untersuchen soll, die seit 1950 vor allem aus L\u00e4ndern wie Chile, Kolumbien, S\u00fcdkorea, China und Sri Lanka durchgef\u00fchrt wurden. Die schwedische Sozialministerin Lena Hallengren betont, dass die Untersuchung, die 2023 Ergebnisse vorlegen soll, einen besonderen Schwerpunkt auf China und Chile legen wird: \u201eDer Ermittler wird untersuchen, ob Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten in den L\u00e4ndern aufgetreten sind, in denen die meisten Adoptionen stattfanden, sowie in L\u00e4ndern, in denen ein starker Verdacht auf Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten besteht\u201c.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber dem\u00a0<em>Guardian<\/em>\u00a0erkl\u00e4rte Kerstin Gedung, die derzeitige Leiterin der Adoptionsbeh\u00f6rde, die Gesetze seien heute besser, die Institution habe zur Entwicklung von Richtlinien und ethischen Standards f\u00fcr internationale Adoptionen beigetragen. \u201eWir haben uns an den rechtlichen Rahmen gehalten, der in den 1970er und 1980er Jahren in Chile galt. Die Adoptionen waren juristisch korrekt und wurden von den Gerichten in Chile und Schweden best\u00e4tigt\u201c, so Gedung.<\/p>\n<p><strong>Das Recht auf Identit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Im chilenischen\u00a0<a class=\"glossaryLink\" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/verfassungskonvent\/\" aria-describedby=\"tt\" data-cmtooltip=\" Verfassungskonvent oder verfassungsgebende Versammlung hei\u00dft ein Gremium, das eine neue Verfassung vorbereitet oder schreibt. Seit dem 18. Jahrhundert gab es Verfassungskonvente in den USA, in europ\u00e4ischen Staaten und in Israel, seit 2000 auch in Maghrebstaaten (Tunesien, Algerien), in Afghanistan und in s\u00fcdamerikanischen Staaten wie Bolivien, Ecuador und seit 2021 in Chile. In Chile wurde der aktuelle verfassungsgebende Prozess durch eine breite Protestbewegung seit Oktober 2019 m\u00f6glich. Bei einem Referendum im Oktober 2020 stimmten rund 78% f\u00fcr den Weg zu einer neuen Verfassung. Bei den Wahlen zum Verfassungskonvent im Mai 2021 erhielten linke und parteiunabh\u00e4ngige Kandidat*innen die Mehrzahl der Sitze. Zur Pr\u00e4sidentin wurde am 4.7.2021 die Mapuche-Vertreterin Elisa Lonc\u00f3n Antileo gew\u00e4hlt. \" data-gt-translate-attributes=\"[{&quot;attribute&quot;:&quot;data-cmtooltip&quot;, &quot;format&quot;:&quot;html&quot;}]\">Verfassungskonvent<\/a>\u00a0wurde im Februar 2022 eine Initiative f\u00fcr eine Verfassungsnorm vorgelegt, die das Recht auf Identit\u00e4t der Herkunft in der neuen Verfassung verankern sollte. Diese wurde jedoch mit knapp der H\u00e4lfte der Stimmen abgelehnt. Alfaro hofft, dass sich eine solche Regelung dennoch aus anderen Verfassungsnormen \u00fcber Menschenrechte ableiten l\u00e4sst, die bereits beschlossen wurden und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.npla.de\/thema\/tagespolitik\/was-beim-verfassungsplebiszit-am-4-september-auf-dem-spiel-steht\/\">Teil des neuen Verfassungsentwurfs<\/a>\u00a0sind. Die Historikerin setzt dabei auch gro\u00dfe Hoffnungen in die Regierung von Gabriel Boric, die das Thema der Menschenrechte zu einer priorit\u00e4ren Aufgabe erkl\u00e4rt hat. \u201eIn der Regierung von [Ex-Pr\u00e4sident] Pi\u00f1era gab es nie den politischen Willen zu ermitteln\u201c, erg\u00e4nzt sie.<\/p>\n<p>Tausende von Familien haben sich derweil auf der Suche nach ihrer Herkunft an die\u00a0<a href=\"https:\/\/hijosymadresdelsilencio.cl\/\">Hijos y Madres del Silencio<\/a>\u00a0gewandt. Die Gruppe hatte an der Initiative f\u00fcr eine Verfassungsnorm mitgewirkt. Alfaro h\u00e4lt die Initiative f\u00fcr \u00e4u\u00dferst bedeutsam, da sie den Weg daf\u00fcr ebnet, dass verschiedene Einrichtungen \u2013 z.B. Standes\u00e4mter und deren Archive, Kinderheime, Krankenh\u00e4user und auch Milit\u00e4rkliniken \u2013 an der Informations\u00fcbergabe mitwirken. Denn das sei die zentrale Herausforderung bei der Suche und werde den Staat dazu zwingen, solch schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen anzuerkennen.<\/p>\n<p>Sowohl Schweden als auch Chile h\u00e4tten versucht, den Anschein zu erwecken, dass es sich um eine Angelegenheit zwischen Privatpersonen handele und die Staaten keine Verantwortung tr\u00fcgen, kritisiert die Historikerin Alfaro und betont: \u201eAber da es sich um eine dauerhafte Entf\u00fchrung von Menschen, von Kindern handelt \u2013 die noch nicht mit ihren biologischen Familien zusammengef\u00fchrt wurden und daher weiterhin entf\u00fchrt sind \u2013 verj\u00e4hren diese Verbrechen nicht. Es geht um die gleiche Behandlung, die im Fall der gestohlenen Babys in Spanien angewandt wurde. Es handelt sich also um eine Art eugenische Adoption, die nicht nur aus politischen Gr\u00fcnden erfolgte, sondern auch, weil arme Menschen zum Feind erkl\u00e4rt wurden\u201d.<\/p>\n<div id=\"attachment_1636834\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1636834\" class=\"wp-image-1636834 size-full\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/mani-300x225-1.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/><p id=\"caption-attachment-1636834\" class=\"wp-caption-text\">\u201eF\u00fcr die Wahrheit und meine Herkunft\u201c \u2013 Demonstration f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung der Adoptionen w\u00e4hrend der Diktatur \/ Foto: Hijos y Madres del Silencio<\/p><\/div>\n<p><em>Dieser Text basiert auf einer\u00a0<a href=\"https:\/\/www.elsaltodiario.com\/america-latina\/pinochet-suecia-bebes-robados-chile\">Recherche des Mediums El Salto<\/a>\u00a0von\u00a0<a href=\"https:\/\/mobile.twitter.com\/cevaldiez\">Cecilia Valdez<\/a>, Erg\u00e4nzungen stammen aus einem\u00a0<a href=\"https:\/\/interferencia.cl\/articulos\/escandalo-mundial-historiadora-revela-red-de-secuestro-y-adopcion-ilegal-de-dictadura-de\">Artikel von Diego Ortiz<\/a>, der im chilenischen Onlinemedium Interferencia erschienen ist.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung und Bearbeitung: Ute L\u00f6hning und Susanne Brust<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen 8.000 und 20.000 chilenische Kinder und Babys aus armen, jungen Familien wurden w\u00e4hrend der Pinochet-Diktatur in den 1970er und 1980er Jahren irregul\u00e4r von europ\u00e4ischen und nordamerikanischen Familien adoptiert, etwa 2.100 allein in Schweden. 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