{"id":1627749,"date":"2022-07-21T14:10:30","date_gmt":"2022-07-21T13:10:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1627749"},"modified":"2022-07-21T14:13:50","modified_gmt":"2022-07-21T13:13:50","slug":"der-kornkrieg-teil-1-welthunger-als-waffe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/07\/der-kornkrieg-teil-1-welthunger-als-waffe\/","title":{"rendered":"Der Kornkrieg (Teil 1) Welthunger als Waffe"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Westen macht Russlands Krieg f\u00fcr eine internationale Hungerkatastrophe verantwortlich.<\/strong><\/p>\n<article>Die \u00bbTagesschau\u00ab meldet: \u00bbBundesaussenministerin Annalena Baerbock hat Russland vorgeworfen, den Hunger in der Welt \u203aganz bewusst als Kriegswaffe\u2039 einzusetzen. Russland \u203animmt die ganze Welt als Geisel\u2039, sagte Baerbock zu Beginn einer internationalen Ern\u00e4hrungskonferenz in Berlin. Baerbock kritisierte, Russland versuche die Schuld an den explodierenden Nahrungsmittelpreisen \u203aanderen in die Schuhe zu schieben\u2039, doch das seien \u203aFake News\u2039.Die Regierung in Moskau trage allein die Verantwortung daf\u00fcr. Russland blockiere H\u00e4fen und beschiesse Getreidespeicher; es gebe auch keine Sanktionen gegen russische Getreideexporte. \u00c4hnlich \u00e4usserte sich US-Aussenminister Antony Blinken ( ). Russland lasse \u203azielgerichtet Lebensmittelpreise explodieren ( ), um ganze L\u00e4nder zu destabilisieren\u2039.Es gebe keinen anderen Grund f\u00fcr die steigenden Lebensmittelpreise weltweit als Russlands Blockade der ukrainischen Schwarzmeerh\u00e4fen sowie Beschr\u00e4nkungen eigener Ausfuhren durch Moskau, so Blinken weiter. Russland handle aus \u203apolitischen Gr\u00fcnden\u2039.\u00ab1 Vom gerade beendeten Aussenministergipfel der G20 in Bali berichtet ebenfalls die \u00bbTagesschau\u00ab: \u00bbLaut Aussage westlicher Offizieller hatte US-Aussenminister Antony Blinken dem Russen zugerufen: \u203aDie Ukraine ist nicht euer Land. Ihr Getreide ist nicht euer Getreide.\u2039\u00ab2Stimmen diese Vorw\u00fcrfe? Was sind Fakten, was sind Fake News? Was sind die Interessen der am Ukraine-Krieg beteiligten Parteien? Und \u2013 eine Frage, die in der besorgten Debatte gar nicht vorkommt \u2013 warum gibt es \u00fcberhaupt soviel Hunger auf dieser Welt?<\/p>\n<h3>\u00bbGiftiger Cocktail\u00ab<\/h3>\n<p>Fangen wir mit dem Gegenstand der Vorw\u00fcrfe an. Antony Blinken und Annalena Baerbock sorgen sich also \u00f6ffentlich um die Hungernden. Man k\u00f6nnte denken, dass sie als wichtige Regierungsmitglieder der m\u00e4chtigsten Wirtschaftsnationen auf der Welt reichlich Gelegenheit gehabt h\u00e4tten, auf dieses Thema zu kommen und gegebenenfalls etwas zu unternehmen. Denn Menschen, die verhungern und unter den Folgen von Unterern\u00e4hrung leiden, gibt es nat\u00fcrlich nicht erst seit Beginn des Ukraine-Kriegs.<\/p>\n<p>Ein kurzer Klick h\u00e4tte gen\u00fcgt: \u00bbLaut dem Weltern\u00e4hrungsprogramm der Vereinten Nationen leiden rund 821 Millionen Menschen weltweit an Hunger (Stand 2017), also etwa jeder neunte (11 Prozent). Nach Angaben der FAO (Ern\u00e4hrungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen; R. D.) ist die Zahl der Hungernden zwar von 1990 bis 2015 um 216 Millionen zur\u00fcckgegangen, in den folgenden Jahren aber wieder signifikant gestiegen. An den Folgen von Hunger und Unterern\u00e4hrung sterben mehr Menschen als an HIV\/AIDS, Malaria und Tuberkulose zusammen. Jedes Jahr sterben laut dem ehemaligen UNO-Sonderberichterstatter f\u00fcr das Recht auf Nahrung Jean Ziegler etwa 30 bis 40 Millionen Menschen an Hunger bzw. den unmittelbaren Folgen (Stand 2007).<\/p>\n<p>H\u00e4ufig sind Kinder unter f\u00fcnf Jahren betroffen. Jedes siebte ist weltweit untergewichtig (Stand 2014) und jedes vierte ist chronisch unterern\u00e4hrt (Stand 2012). Unterern\u00e4hrung tr\u00e4gt j\u00e4hrlich und weltweit zum Tod von 3,1 Millionen Kindern unter f\u00fcnf Jahren bei, was mehr als 45 Prozent aller Sterbef\u00e4lle von Kindern unter f\u00fcnf Jahren entspricht (Stand 2013). 98 Prozent der Hungernden leben in Entwicklungsl\u00e4ndern (779,9 Millionen).\u00ab3 F\u00fcr 2020 gibt die FAO die Zahl der Hungernden mit 768 Millionen an.4<\/p>\n<p>Hunger und Unterern\u00e4hrung sind ein Dauerph\u00e4nomen in der sch\u00f6nen \u00bbregelbasierten Weltordnung\u00ab, die Blinken und Baerbock so vehement gegen die Bedrohungen aus Russland und China verteidigen. Die Geschichte der Hungerkatastrophen in S\u00fcdasien und Afrika will bekanntlich, allen \u00bbMilleniumszielen\u00ab zum Trotz, einfach nicht abreissen \u2013 ebensowenig wie die der Hilfe von \u00bbBrot f\u00fcr die Welt\u00ab, \u00bbMisereor\u00ab und allen anderen, f\u00fcr die der Bundespr\u00e4sident am j\u00e4hrlichen \u00bbWelthungertag\u00ab (16. Oktober) zu Spenden aufruft.<\/p>\n<p>Oxfam, eine der grossen Not- und Entwicklungshilfeorganisationen, teilt dazu mit: \u00bbGeschichte droht sich zu<br \/>\nwiederholen: Beim letzten G7-Gipfel in Elmau hatten sich die Staats- und Regierungschefs verpflichtet, die Zahl der Hungernden um 500 Millionen Menschen zu verringern. Doch passiert ist nichts. Statt dessen gibt es sieben Jahre sp\u00e4ter 335 Millionen mehr Hungernde auf der Welt, verbunden mit unermesslichem Leid. Wir brauchen jetzt dringend neue Ans\u00e4tze, um die zugrunde liegenden Ursachen von Hunger wie wirtschaftliche Ungleichheit und die Klimakrise zu bek\u00e4mpfen.\u00ab5<\/p>\n<p>David Beasley, der Direktor des Weltern\u00e4hrungsprogramms (WFP), wird mit den Worten zitiert: \u00bbDie aktuelle Hungerkrise ist ein \u203agiftiger Cocktail\u2039 aus Konflikten, Klimawandel, Katastrophen, struktureller Armut und Ungleichheit. Covid-19 hat alles noch schlimmer gemacht.\u00ab Laut Weltern\u00e4hrungsprogramm wird eine globale Hungersnot dann ausgerufen, wenn Unterern\u00e4hrung weitverbreitet ist und Menschen an Hunger sterben, weil sie keinen Zugang zu ausreichender Nahrung haben. Menschen in 43 L\u00e4ndern seien derzeit \u00bbam Rande einer Hungersnot und des Hungertods\u00ab, darunter Afghanistan, die Zentralafrikanische Republik, die Demokratische Republik Kongo, \u00c4thiopien, Haiti, Honduras, S\u00fcdsudan, Sudan, Uganda, Venezuela, Jemen und Simbabwe. Um m\u00f6glichst viele Leben zu retten, habe die Organisation einen Nahrungsmittelnothilfeplan aufgelegt.6 So der Chef des WFP im Jahr 2021(!), als er Elon Musk und Jeff Bezos aufforderte, je zwei Prozent ihres Verm\u00f6gens f\u00fcr die Hungerhilfe zu spenden.<\/p>\n<p>Offensichtlich geht es also um etwas anderes, wenn sich der US-Aussenminister und die deutsche Aussenministerin pl\u00f6tzlich dieses Themas annehmen.<\/p>\n<h3>In Moskaus \u00bbGeiselhaft\u00ab?<\/h3>\n<p>Betrachten wir zun\u00e4chst die Vorw\u00fcrfe gegen Russland. Russland ist inzwischen mit einem Anteil von 19 Prozent der gr\u00f6sste Weizenexporteur auf dem Weltmarkt. Das Land hat Ende M\u00e4rz seine Exporte mit Hinweis auf die westlichen Sanktionen eingestellt. Baerbock hat das als \u00bbFake News\u00ab bezeichnet. Und tats\u00e4chlich sind die Getreidelieferungen selbst von den Sanktionen der EU nicht betroffen. Allerdings fallen die Versicherungen f\u00fcr solche Transporte, das Einlaufen und Warten russischer Schiffe in ausl\u00e4ndischen H\u00e4fen sowie die finanzielle Abwicklung unter die Sanktionen. Im Klartext heisst das: Russland d\u00fcrfte liefern, kann aber nicht mit Sicherheit Geld daf\u00fcr erwarten und m\u00fcsste zudem bef\u00fcrchten, dass seine Schiffe beschlagnahmt werden.<\/p>\n<p>Wenn Russland darauf reagiert und seine Exporte zun\u00e4chst einmal eingestellt hat, wird ihm das Ausbleiben seiner Lieferungen \u2013 eine Folge der westlichen Sanktionen \u2013 als \u00bbgezielte Destabilisierung\u00ab vorgeworfen. Interessant daran ist, wie man sich in den massgeblichen westlichen Staaten Russlands Teilnahme am Weltmarkt vorstellt: Geld \u00bbf\u00fcr seinen Krieg\u00ab soll es nat\u00fcrlich nicht verdienen; andererseits soll es seinen Weizen zuverl\u00e4ssig liefern, damit das Mass an Stabilit\u00e4t, das der Westen f\u00fcr die L\u00e4nder der sogenannten Dritten Welt vorsieht, gew\u00e4hrleistet bleibt und es nicht zu Aufst\u00e4nden oder neuen Fluchtwellen kommt.<\/p>\n<p>Russland hat in dieser Frage Angebote gemacht: \u00bb\u203aDie Russische F\u00f6deration ist bereit, zig Millionen Tonnen ihres Getreides \u00fcber den Hafen von Noworossisk zu exportieren, aber dazu m\u00fcssen die restriktiven Massnahmen des Westens aufgehoben werden.\u2039 Das teilte Alexej Polischtschuk, Direktor der zweiten Abteilung der GUS-Staaten des Aussenministeriums der Russischen F\u00f6deration, mit. \u203aWir sprechen \u00fcber ein Verbot der Einfahrt ausl\u00e4ndischer Schiffe in russische H\u00e4fen, die Einfahrt und Wartung russischer Schiffe in ausl\u00e4ndischen H\u00e4fen, eine R\u00fcckkehr zur Schifffahrtsversicherung, kostenlose Bank\u00fcberweisungen\u2039, teilte der russische Diplomat die Details mit.\u00ab7 Diese Vorschl\u00e4ge sind auf EU-Seite bisher allerdings ins Leere gelaufen.<\/p>\n<p>Nebenbei: Der derzeitige Vorsitzende der Afrikanischen Union, Senegals Pr\u00e4sident Macky Sall, hat sich sehr zum Unmut westlicher Politiker und Journalisten auf \u00bbRusslands Seite gestellt\u00ab: \u00bbAU-Pr\u00e4sident Macky Sall forderte j\u00fcngst die Aufhebung der internationalen Sanktionen gegen das Putin-Regime und rief die Regierung in Kiew zur R\u00e4umung der Minen auf, die von der Ukraine zum Schutz vor einem russischen Angriff im Schwarzen Meer verlegt worden waren. Sanktionen und Minen verhinderten den Export von Millionen Tonnen Getreide aus Russland und der Ukraine, sagte Sall: Sie w\u00fcrden aber zur Verhinderung von Hungersn\u00f6ten und astronomisch steigender Getreidepreise in Afrika dringend gebraucht.\u00ab8<\/p>\n<h3>Die Exporte der Ukraine<\/h3>\n<p>Die Ukraine ist der siebtgr\u00f6sste Exporteur von Weizen, also nicht ganz unwichtig. Sie hat 2021 16 Millionen Tonnen Weizen ausgef\u00fchrt und dabei insbesondere \u00c4gypten, Indonesien und Bangladesch beliefert. Allerdings gehen die Angaben \u00fcber die Mengen, um die es zur Zeit noch geht (mehr als die H\u00e4lfte ihres Exportweizens hat die Ukraine bereits vor Kriegsbeginn ausgef\u00fchrt), stark auseinander. So schreibt etwa das Handelsblatt: \u00bbDie Dimensionen sind gewaltig: In der Ukraine lagern derzeit rund 40 Millionen Tonnen Getreide, w\u00e4hrend in vielen L\u00e4ndern der Welt Hungersn\u00f6te bef\u00fcrchtet werden. Gleichzeitig bereiten sich die ukrainischen Landwirte auf die Ernte vor.\u00ab9<\/p>\n<p>Dazu eine Anmerkung: \u00bbGetreide\u00ab umfasst neben Weizen, der als sogenanntes Brotgetreide besondere Bedeutung f\u00fcr die unmittelbare Nahrungsmittelversorgung hat, auch noch andere Samen von S\u00fcssgr\u00e4sern (Dinkel, Roggen, Gerste, Hafer etc.) sowie Reis und Mais. W\u00e4hrend hier suggeriert wird, dass rund 40 Millionen Tonnen Getreide f\u00fcr die Ausfuhr bereitst\u00fcnden \u2013 also auch nichts mehr f\u00fcr die Selbstversorgung der Ukraine ben\u00f6tigt werde \u2013, spricht selbst der ukrainische Landwirtschaftsminister Mykola Solsky von h\u00f6chstens 20 Millionen Tonnen: \u00bbVor dem Krieg hat die Ukraine etwa f\u00fcnf Millionen Tonnen Getreide pro Monat exportiert. Jetzt ist das Gebiet der Seeh\u00e4fen blockiert. Wir haben noch mindestens 20 Millionen Tonnen Altgetreide (also nicht nur Weizen! R. D.), das in diesem Fr\u00fchjahr nicht exportiert werden konnte.\u00ab10 Das stellt f\u00fcr die weitere Produktion in der Ukraine auch deshalb ein Problem dar, weil die Silos nicht ger\u00e4umt werden und damit f\u00fcr die neue Ernte nicht zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<p>Halten wir fest: Die Ukraine hat in den letzten Jahren einen Teil des Weltweizenmarkts best\u00fcckt (2021: 8,5 Prozent). Allerdings werden die ukrainischen Lieferungen in ihrer Bedeutung f\u00fcr die Weltern\u00e4hrung momentan stark \u00fcbertrieben. Stellt man die \u00dcberlegungen oben in Rechnung, geht es um etwa zehn Millionen Tonnen Weizen (oder etwas mehr). Daran soll sich die Frage der aktuellen Hungerkatastrophe entscheiden? Das darf bezweifelt werden.<\/p>\n<p>So umstritten wie die Menge, um die es gehen soll, sind die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Exportausfall. Die Ukraine macht die Seeblockade russischer Schiffe verantwortlich, Russland nennt als Ursache umgekehrt die Verminung des Hafens von Odessa (es sollen auch eine ganze Menge ukrainischer Minen im Schwarzen Meer umherschwimmen, die den Schiffsverkehr gef\u00e4hrden). Beides trifft zu, denn beide Parteien operieren im Schwarzen Meer vor dem Hintergrund ihrer strategischen Interessen: Russland blockiert mit seiner Flotte H\u00e4fen, um den milit\u00e4rischen Nachschub der Ukraine \u00fcber den Seeweg zu verhindern; umgekehrt hat die Ukraine den Hafen von Odessa vermint, damit Russland nicht vom Schwarzen Meer aus angreifen kann.<\/p>\n<p>Neben den milit\u00e4rstrategischen sind auch finanzielle Interessen im Spiel. Russland will verhindern, dass sich die Ukraine durch den Verkauf des Getreides Geld beschafft, um damit Waffen zu kaufen. Umgekehrt haben die Ukraine und der Westen, der den ukrainischen Haushalt und die Waffenk\u00e4ufe momentan finanziert, durchaus ein Interesse daran, dass diese Einnahmen erzielt werden \u2013 die Ukraine, weil sie dringend auf Devisen angewiesen ist, die westlichen Regierungen, um die Kosten ihrer Unterst\u00fctzung f\u00fcr das Land zu senken.<\/p>\n<p>Die Ukraine und ihre westlichen Unterst\u00fctzer wollen erstens, dass die Ukraine mit ihren Getreidelieferungen Geld verdient, zweitens wollen sie die milit\u00e4rische Blockade im Schwarzen Meer beenden, um auf diesem Weg mehr Nachschub an \u00bbschweren Waffen\u00ab zu bekommen. Dass sie Putin in diesem Fall als Verantwortlichen einer drohenden Hungerkatastrophe anklagen, soll der propagandistische Hebel daf\u00fcr sein, Russland zur Aufhebung der Blockade im Schwarzen Meer zu bewegen.<\/p>\n<p>Auch in der Blockadefrage gab es diplomatische Angebote der Russen zur sicheren Schwarzmeerdurchfahrt f\u00fcr ukrainische Getreidefrachter, die \u00fcbrigens vom NATO-Mitglied T\u00fcrkei mitverhandelt wurden. Zuletzt wiederholte der russische Aussenminister Sergej Lawrow diesbez\u00fcgliche Angebote auf dem G20-Gipfel in Bali.\u00b9\u00b9 Auch daran, dass daraus bisher nichts geworden ist, wird deutlich, dass es um den Weizen und seine Weiterleitung an die angeblich in \u00bbGeiselhaft\u00ab genommene Welt offenbar weniger geht.<\/p>\n<h3>Erfolgreich spekuliert<\/h3>\n<p>Die Probleme der afrikanischen Staaten und der internationalen Hungerhilfe bestanden in den letzten Wochen und Monaten allerdings weniger darin, dass wirklich Weizen gefehlt h\u00e4tte. Sie bestanden vielmehr darin, dass \u00bbsich\u00ab der Preis in nicht gekannte H\u00f6hen geschraubt hat. Der Weizenpreis wird an internationalen Warenterminb\u00f6rsen gebildet, die zwei wichtigsten davon in Chicago und in Paris. Anfang Februar dieses Jahres lag der Weizenpreis in Paris bei etwa 265 Euro pro Tonne; am 24. Februar \u2013 also mit Kriegsbeginn \u2013 stieg er auf 422 Euro.\u00b9\u00b2<\/p>\n<p>Das ist eine Wirkung davon, dass Lebensmittel in unserer \u00bbregelbasierten Weltordnung\u00ab Gesch\u00e4ftsmittel sind \u2013 und damit auch Anlageobjekte des Finanzkapitals. Die Konsequenzen in diesem Fall: Ohne dass nur eine Tonne Weizen weniger exportiert worden war; ganz ohne Sanktionen gegen Russland (die kamen sp\u00e4ter) und ganz ohne den Beschluss Russlands, darauf seinerseits mit einem zumindest zeitweiligen Exportstopp zu antworten; ganz ohne Blockade des Schwarzen Meers von welcher Seite auch immer \u2013 der Preis f\u00fcr Weizen ist als Ergebnis einer Spekulation auf steigende Preise nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine innerhalb von Tagen enorm angestiegen.<\/p>\n<p>Die Fachleute f\u00fcr die Vermehrung von Geld an den Warenterminb\u00f6rsen haben den Kriegsbeginn ebenso wie einige ganz andere Parameter\u00b9\u00b3 zum Anlass genommen, den Preis des Weizens spekulativ in die H\u00f6he zu treiben und so innerhalb k\u00fcrzester Zeit ann\u00e4hernd zu verdoppeln. Dabei nahmen sie, als gewiefte Kenner dessen, wie \u00bbes\u00ab eben so l\u00e4uft im Kapitalismus, schon im Februar vorweg, was erst der Kriegsverlauf, die politischen Massnahmen der am Krieg direkt oder mittelbar Beteiligten und die verschiedenen Kapitalfraktionen zustande brachten; sie versuchen, mit Wetten auf die Preisentwicklung ein Extragesch\u00e4ft zu machen \u2013 mit dem Effekt, dass der Preis tats\u00e4chlich in die H\u00f6he schiesst.<\/p>\n<p>Das also hat den Ankauf von Weizen f\u00fcr viele L\u00e4nder, die darauf angewiesen sind, unerschwinglich gemacht; und das hat zur Konsequenz, dass die Hilfsorganisationen der Vereinten Nationen inzwischen in einigen afrikanischen L\u00e4ndern die Rationen halbiert haben.14 Von diesen Gr\u00fcnden findet sich kein Wort bei Baerbock und Blinken, Politikern also, die diese Gesch\u00e4ftsordnung und ihre Werte entschieden gegen alle Angriffe verteidigen. Und auch keines in der deutschen Qualit\u00e4tspresse, die lieber mit neuen herzzerreissenden Berichten \u00fcber hungernde Kinder und ihre verzweifelten M\u00fctter aufwartet \u2013 und dabei stets mit dem moralisch ausgestreckten Zeigefinger auf Russland deutet. Dabei kann sie sich darauf verlassen, dass sie ihre Behauptungen gar nicht weiter beweisen muss \u2013 es ist ja allseits bekannt, wer f\u00fcr alle gegenw\u00e4rtigen \u00dcbel verantwortlich ist.<\/p>\n<p>Inzwischen sind die Getreidepreise \u00fcbrigens wieder deutlich gesunken. \u00bbDie Weizenpreise st\u00fcrzten am Freitag<\/p>\n<p>(1.7.2022) auf ein Niveau, das nicht mehr gesehen wurde, seit die russische Invasion in der Ukraine begann und die Getreidepreise in eine neue Dimension gestiegen waren. Der Markt hatte damals gewissermassen den Verlust der alten und neuen ukrainischen Ernte und deren Export von den blockierten Schwarzmeerh\u00e4fen eingepreist.\u00ab Jetzt hat \u00bbder Markt\u00ab also die Konsequenzen seines eigenen Handelns \u00bbgewissermassen\u00ab wieder ausgepreist (jedenfalls zu einem guten Teil) \u2013 nachdem der russische Aussenminister Lawrow und UN-Generalsekret\u00e4r Ant\u00f3nio Guterres eine Vereinbarung \u00fcber die Lieferung von russischem Weizen und D\u00fcngemitteln getroffen haben.15 D\u00fcrfen die Hungernden also wieder hoffen? Fragt sich nur worauf \u2013 auf Vernunft in der Weltwirtschaft sicher nicht.<\/p>\n<h3>Haltlose Vorw\u00fcrfe<\/h3>\n<p>Halten wir fest: Die zitierten Vorw\u00fcrfe westlicher Politiker an Russland sind sachlich unwahr. Bez\u00fcglich der russischen Exporte unterschlagen sie die Wirkung der westlichen Sanktionen, w\u00e4hrend sie in bezug auf die ukrainischen die in Frage stehenden Weizenmengen und ihre Bedeutung nach oben aufblasen. F\u00fcr die Blockade im Schwarzen Meer weisen sie die Verantwortung einseitig einer Kriegspartei zu. Die Bedeutung der Finanzspekulation an ihren (!) B\u00f6rsen lassen sie schlicht ganz weg.<\/p>\n<p>Und eine weitere, naheliegende Frage kommt in der gesamten \u00f6ffentlichen Debatte gar nicht vor: die Frage danach, warum in dieser Welt eigentlich so viele Menschen an Hunger und Mangelern\u00e4hrung leiden.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\">Renate Dillmann<\/p>\n<p class=\"fussnoten\"><strong>Fussnoten:<\/strong><\/p>\n<p>1 <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/verbraucher\/lebensmittel-baerbock-101.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/verbraucher\/lebensmittel-baerbock-101.html<\/a><\/p>\n<p>2 <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/asien\/g20-bali-lawrow-103.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/asien\/g20-bali-lawrow-103.html<\/a><\/p>\n<p>3 <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Welthunger\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Welthunger<\/a><\/p>\n<p>4 <a href=\"https:\/\/www.fao.org\/3\/cb4474en\/online\/cb4474en.html#chapter-2_1\">https:\/\/www.fao.org\/3\/cb4474en\/online\/cb4474en.html#chapter-2_1<\/a><\/p>\n<p>5 <a href=\"https:\/\/www.oxfam.de\/presse\/pressemitteilungen\/2022-06-28-historisches-versagen-g7-angesichts-multipler-krisen\">https:\/\/www.oxfam.de\/presse\/pressemitteilungen\/2022-06-28-historisches-versagen-g7-angesichts-multipler-krisen<\/a><\/p>\n<p>6 <a href=\"https:\/\/www.agrarheute.com\/management\/finanzen\/elon-musk-will-6-milliarden-hungerhilfe-spenden-bedingungen-586919\">https:\/\/www.agrarheute.com\/management\/finanzen\/elon-musk-will-6-milliarden-hungerhilfe-spenden-bedingungen-586919<\/a><\/p>\n<p>7 <a href=\"https:\/\/www.mk.ru\/politics\/2022\/06\/29\/mid-rossii-prizval-zapad-otmenit-sankcii-radi-eksporta-zerna.html\">https:\/\/www.mk.ru\/politics\/2022\/06\/29\/mid-rossii-prizval-zapad-otmenit-sankcii-radi-eksporta-zerna.html<\/a><\/p>\n<p>8 <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/politik\/wenn-weizen-zur-strategischen-waffe-wird-91606670.html\">https:\/\/www.fr.de\/politik\/wenn-weizen-zur-strategischen-waffe-wird-91606670.html<\/a><\/p>\n<p>9 <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/international\/nahrungsmittelkrise-40-millionen-tonnen-getreide-lagern-in-der-ukraine-wie-der-weizen-aus-dem-land-kommen-soll\/28333358.html\">https:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/international\/nahrungsmittelkrise-40-millionen-tonnen-getreide-lagern-in-der-ukraine-wie-der-weizen-aus-dem-land-kommen-soll\/28333358.html<\/a><\/p>\n<p>10 <a href=\"https:\/\/www.agrarheute.com\/markt\/marktfruechte\/gross-ernteausfall-ukraine-wirklich-fakten-593401\">https:\/\/www.agrarheute.com\/markt\/marktfruechte\/gross-ernteausfall-ukraine-wirklich-fakten-593401<\/a><\/p>\n<p>11 So Reinhard Lauterbach in junge Welt, 9.\/10. Juli 2022<\/p>\n<p>12 <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/1293736\/umfrage\/taeglicher-preis-von-weizen\/\">https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/1293736\/umfrage\/taeglicher-preis-von-weizen\/<\/a><\/p>\n<p>13 Laut einer Agrar-Studie, die die FAZ (2.7.2022) zitiert, spielen im Jahr 2022 auch die Wetterbedingungen eine Rolle: \u00bbZehn Millionen Tonnen fehlen allein durch den durch Trockenheit bedingten geringeren Aufwuchs auf den Feldern.\u00ab Ein weiterer Faktor sind westliche Sanktionen gegen D\u00fcngemittel aus Belarus, die 2021 erlassen und die im April 2022 auf Russland ausgedehnt wurden. <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Sanktionen-gegen-Russland-Die-Top-Ten-des-Scheiterns-7153896.html?seite=all\">https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Sanktionen-gegen-Russland-Die-Top-Ten-des-Scheiterns-7153896.html?seite=all<\/a> \u00bbRussland und Belarus produzierten 2019 rund 37 Prozent des weltweit verwendeten Kalid\u00fcngers.\u00ab (Tomasz Konicz in: Konkret 7\/2022)<\/p>\n<p>14 <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2022-06\/uno-afrika-hungersnot-essensrationen-geld\">https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2022-06\/uno-afrika-hungersnot-essensrationen-geld<\/a><\/p>\n<p>15 <a href=\"https:\/\/www.agrarheute.com\/markt\/marktfruechte\/getreidepreise-stuerzen-dramatisch-ab-weizen-faellt-vorkriegsniveau-595303\">https:\/\/www.agrarheute.com\/markt\/marktfruechte\/getreidepreise-stuerzen-dramatisch-ab-weizen-faellt-vorkriegsniveau-595303<\/a><\/p>\n<div id=\"artikel_footer\">\n<div id=\"social_share\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Westen macht Russlands Krieg f\u00fcr eine internationale Hungerkatastrophe verantwortlich. 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