{"id":1625588,"date":"2022-07-17T09:18:31","date_gmt":"2022-07-17T08:18:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1625588"},"modified":"2022-07-17T11:21:07","modified_gmt":"2022-07-17T10:21:07","slug":"tod-durch-strom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/07\/tod-durch-strom\/","title":{"rendered":"Tod durch Strom"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vom elektrischen Stuhl bis zur Todesspitze \u2013 die Geschichte staatlichen T\u00f6tens kennt immer neue \u00bbmoderne Errungenschaften\u00ab. Auch die Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl galt einst als ein Zeichen moderner Zivilisation. Die New York Times schw\u00e4rmte gar von einer humanen \u00bbSterbehilfe durch Elektrizit\u00e4t \u2013 sicher, sanft und schmerzlos\u00ab. <\/strong><strong>Nach \u00fcber 130 Jahren erlauben die Gesetze einiger US-Staaten noch immer Hinrichtungen auf dem elektrischen Stuhl \u2013 zuletzt am 20. Februar 2020 in Tennessee. <\/strong><\/p>\n<p><em>Von Helmut Ortner<\/em><\/p>\n<p>In den 1870er Jahren sorgte Elektrizit\u00e4t daf\u00fcr, die Natur zu \u00fcberlisten. Sie machte es m\u00f6glich, durch k\u00fcnstliches Licht die Dunkelheit aufzuheben; geruch- und ger\u00e4uschlos, dazu noch so gewaltig und ausdauernd. Als die Wechselstromtechnik es schlie\u00dflich erm\u00f6glichte, Strom \u00fcber weite Entfernungen zu transportieren, schien die Vision von einem immer w\u00e4hrenden hellen, strahlend, sch\u00f6nen Amerika allt\u00e4gliche Wirklichkeit zu werden. Eine neue Technologie war geboren.<\/p>\n<p>Der Enthusiasmus freilich forderte auch seine Opfer. In den ersten zwei Jahren nach der begeisternden Premiere, verzeichnete allein der Staat New York \u00fcber 90 Tote durch Stromschl\u00e4ge. Ein Tod, der in Sekundenschnelle eintrat und ohne \u00e4u\u00dfere Anzeichnung der Gewalteinwirkung, faszinierte und erschreckte die Menschen gleicherma\u00dfen. Der <em>North American Review<\/em> stellte n\u00fcchtern fest, es bestehe \u00bbnicht der Hauch eines Zweifels, dass ein Tod durch Strom schneller ist als ein Gedanke\u00ab. Das fortschrittsgl\u00e4ubige, technikbesessene Amerika freilich verfiel in Aufbruchsstimmung: Welche M\u00f6glichkeiten! Nun war der Geist der Erfinder gefordert, denn die Elektrizit\u00e4t bot neue, unendliche Anwendungen. Und weil schon fr\u00fchzeitig bekannt war, dass Strom bei gen\u00fcgender St\u00e4rke t\u00f6dlich wirken kann, lag die Konstruktion eines T\u00f6tungsger\u00e4ts, das mit elektrischem Strom arbeitet, nahe.<\/p>\n<p>Alles begann mit einem tragischen Ereignis: Als der Zahnarzt <em>Alfred Southwick<\/em> aus Buffalo zuf\u00e4llig Zeuge eines Unfalls wurde, bei dem ein betrunkener alter Mann einen Stromgenerator ber\u00fchrte und dabei sofort starb, erz\u00e4hlte er einem Freund davon, der in New York als Richter t\u00e4tig war. Der wiederum berichtete dem dortigen Gouverneur <em>David B. Hillvon <\/em>von dem Stromunfall mit dem Hinweis, auf diese Weise k\u00f6nnte doch das Erh\u00e4ngen als grausame Hinrichtungsmethode ersetzt werden. Der Gouverneur schien nicht abgeneigt, schlie\u00dflich hatte er bereits \u00e4hnliche \u00dcberlegungen angestellt. 1886 berief er eine Kommission ein, deren Aufgabe es war, zu untersuchen, ob sich die neue Technologie tats\u00e4chlich f\u00fcr Hinrichtungen eignen k\u00f6nnte. Nach \u00fcber zweij\u00e4hrigen Beratungen und zahllosen Konsultationen mit Experten verschiedener Disziplinen legte das Gremium einen umfassenden Bericht vor. Ihr Fazit: die Hinrichtungen per Elektrizit\u00e4t seien durchaus zu empfehlen, da dies \u00bbdie humanste und praktischste Methode ist, die Todesstrafe zu vollstrecken\u00ab.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich: im Vergleich dazu erschienen alle bisherigen T\u00f6tungsarten grausam und barbarisch, weil sie meist langsam und qualvoll t\u00f6teten und den K\u00f6rper des Delinquenten verst\u00fcmmelten. Dagegen verwies der Kommissionsbericht auf den schnellen und schmerzlosen Tod und sah in der \u00bbelektrischen Hinrichtung\u00ab ein deutliches Zeichen moderner Zivilisation. Die <em>New York Times<\/em> schw\u00e4rmte gar von einer humanen \u00bbSterbehilfe durch Elektrizit\u00e4t \u2013 sicher, sanft und schmerzlos\u00ab.<\/p>\n<p>Die neuartige Hinrichtungsmethode schien die Verantwortlichen zu \u00fcberzeugen. Im Jahre 1888 beschloss die gesetzgebende Versammlung des Staates New York mit 87 zu acht stimmen, die elektrische Hinrichtung einzuf\u00fchren. Zuvor hatte man im Labor des Erfinders Thomas A. Edison zahlreiche Versuche mit Gleich- und Wechselstrom an Hunden sowie einem Pferd durchgef\u00fchrt und aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse praktische Empfehlungen gegeben:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u00bbDer Verurteilte soll in horizontale oder in sitzende Stellung gebracht werden und in der Einwirkung eines Wechselstroms von 1500 Volt Spannung mit einer Frequenz von 15 bis 30 ausgesetzt werden, indem ihm zwei metallene Elektroden am Kopf und am Kreuzbein angelegt werden, die mit in Salzl\u00f6sung getauchten Schw\u00e4mmen versehen sind. Die f\u00fcr den Kopf bestimmte Elektrode hat die Form eines Helmes, die andere die Gestalt eines Pfropfens\u00ab.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Am 1. Januar 1889 trat das Gesetz in Kraft. Der Gesetzgeber des Staates New York sah sich als Wegbereiter einer neuen Zivilisation, die einerseits dem technisch-wissenschaftlichen Fortschritt Rechnung trug, andererseits neue Standards f\u00fcr ein humanes Strafrecht definierte. Ein Artikel des <em>Nord American Reviews<\/em> kl\u00e4rte seine Leser schon vorab \u00fcber die neue <em>\u00bbmenschenfreundliche Form\u00ab <\/em>des Hinrichtens auf und schilderte in eindringlichen Bildern das Todes-Szenario:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u00bbMess-Scheiben elektronischer Instrumente zeigen an, dass sich der gesamte Apparat in vollkommener Ordnung befindet. Der stellvertretene Sheriff dr\u00fcckt den Knopf, Atmung und Herzt\u00e4tigkeit h\u00f6ren sofort auf und mit Lichtgeschwindigkeit zerst\u00f6rt die Elektrizit\u00e4t das Leben, bevor der Nervenreiz das Gehirn erreichen kann. Die Muskulatur versteift sich, um sich nach f\u00fcnf Sekunden langsam wieder zu entspannen, aber es gibt weder Kampf noch Ger\u00e4usche. Die Hoheit des Gesetzes ist gewahrt worden, aber kein k\u00f6rperlicher Schmerz wurde verursacht \u2013 so ist eine elektronische Hinrichtung\u00ab.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Bevor ein knappes Jahr sp\u00e4ter mit dem 28-j\u00e4hrigen William Kemmler der erste Todeskandidat bereit stand, war es noch einmal zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den beiden Experten Thomas A. Edison und George Westinghouse gekommen. Sie stritten dar\u00fcber, welche Strom-Art sicherer in der Anwendung sei: Gleich- oder Wechselstrom, was sogar einen gerichtlich gef\u00fchrten Streit nach sich zog. Der elektrische Stuhl war f\u00fcr Wechselstrom entworfen worden und so schlug Edison den Begriff <em>\u00bbelektrocution\u00ab<\/em> vor. Westinghouse wehrte sich dagegen. Der Staat New York lie\u00df die ersten elektrischen St\u00fchle f\u00fcr seine drei Gef\u00e4ngnisse Auburn, Sing-Sing und Clinton von dem Techniker Harold Brown bauen, der Wechselstrom bevorzugte. Als er versuchte, die Generatoren bei einer von Westinghouses Firmen zu kaufen, verweigerte dieser die Lieferung. George Westinghouse f\u00fcrchtete um seinen Ruf. Letztlich aber ging es allein um wirtschaftliche Interessen, denn Strom galt als Markt der Zukunft. Es lohnte sich, in die neuen strombetriebenen Errungenschaften wie Beleuchtungen, N\u00e4hmaschinen und Eisenbahnen, zu investieren. Eine elektrische Hinrichtungsmaschine stand symbolisch f\u00fcr den neuen Aufbruch, da konnte Westinghouse keine Negativ-Schlagzeilen gebrauchen, zumal die Presse fast t\u00e4glich \u00fcber die bevorstehende Hinrichtung Kemmlers berichtete und den Todeskandidaten euphorisch zum <em>\u00bbPionier der Wissenschaft\u00ab <\/em>erkor.<\/p>\n<p>Am 6. August 1890 war es endlich soweit: neben dem Gef\u00e4ngnispersonal, den Staatsanw\u00e4lten sowie 25 Zeugen und zwei Pressevertretern, versammelte sich eine Vielzahl medizinischer und technischer Experten im Gef\u00e4ngnis von Auburn, um die Hinrichtung von William Kemmler zu verfolgen \u2013 zum Tode verurteilt, weil er im Rausch seine Lebensgef\u00e4hrtin erschlagen hatte.<\/p>\n<p>Vor den Toren des Staatsgef\u00e4ngnisses hatte sich eine gro\u00dfe Menschenmenge eingefunden, um dem bedeutenden Ereignis nahe zu sein. Der Kommentator der <em>New York Times<\/em> war sich sicher, dass die bevorstehende Hinrichtung den Siegeszug des elektrischen T\u00f6tens einleiten werde, und auch die Kollegen vom <em>Sunday Globe<\/em> lie\u00dfen sich von der allgemeinen Euphorie mitrei\u00dfen und stellten fest, die Aufmerksamkeit f\u00fcr Kemmlers Sterben sei mindestens \u00bbso gro\u00df wie die f\u00fcr eine Pr\u00e4sidentenwahl\u00ab.<\/p>\n<p>Die Exekution fand in einem eigens dazu hergerichteten Saal statt, an dessen W\u00e4nden B\u00e4nke f\u00fcr die Zeugen und das Personal angebracht waren. Der aus Eichenholz gebaute Stuhl stand in der Mitte des fensterlosen Raums und hatte eine leicht erh\u00f6hte, nach hinten geneigte Lehne. Er war am Boden befestigt, gut isoliert und, wie von den Experten der gerichtlich-medizinischen Gesellschaft vorgeschlagen, war eine Elektrode am Kopf und die andere am Kreuzbein angelegt worden. Beide Metallelektroden waren mit nassen Schw\u00e4mmen versehen.<\/p>\n<p>Den offiziellen Bericht \u00fcber den Ablauf der Hinrichtung an den New Yorker Gouverneur und die zust\u00e4ndigen Justizbeh\u00f6rden erstattete der Gef\u00e4ngnisarzt Carlos F. Mac Donald. Ausz\u00fcge:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u00bbNachdem Kemmler hereingef\u00fchrt worden war, wurde er in der geschilderten Weise befestigt. Diese Vorbereitungen nahmen nur wenige Minuten in Anspruch. Dann gab der Direktor dem in Nebenzimmer beim Kommutator befindlichen Gehilfen das Zeichen, den Hebel zu bewegen und den Stromkreis zu schlie\u00dfen. Im Augenblick wurde der ganze K\u00f6rper starr, indem ein auf das ganze Muskelsystem sich erstreckender tonischer Krampf eintrat. Im selben Augenblick waren Gef\u00fchl, Bewegung und Bewusstsein v\u00f6llig vernichtet. Der Zustand w\u00e4hrte die ganze Zeit des Stromdurchgangs. Nach 17 Sekunden wurde Kemmler f\u00fcr tot gehalten. Keiner der Zeugen erhob Einspruch, und der Direktor gab das Zeichen, den Stromfluss zu unterbrechen &#8230; \u00ab<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Mac Donald zog am Ende seines Berichts ein positives Fazit:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u00bbDer Zweck und Geist des Gesetzes, welcher darin bestand, dem Verurteilten einen sofortigen und schmerzlosen Tod zu geben, war vollkommen erreicht.\u00ab<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Dem widersprachen Kritiker heftig. Ein als offizieller Zeuge beiwohnender Reporter der <em>New York Times<\/em> bezeichnete die neue Hinrichtungsmethode als grausame und qualvolle Art, jemanden zu t\u00f6ten. Sein ern\u00fcchternder Kommentar: \u00bbEin entsetzliches Schauspiel, weit schlimmer als Erh\u00e4ngen.\u00ab Und auch George Westinghouse war fassungslos: \u00bbSie h\u00e4tten es besser mit einer Axt gemacht\u00ab, spottete er.<\/p>\n<p>Andere Zeugen monierten, es seien trotz Berechnungen zwei Stromst\u00f6\u00dfe notwendig gewesen, um den Tod herbeizuf\u00fchren. Auch habe der Todesvorgang allzu zu lange gedauert, beinahe acht Minuten. Die Hinrichtung trug ihrer Meinung nach mehr den Charakter eines Experiments als der einer sicheren Vollstreckung. Die Presse kommentierte, William Kemmler sei buchst\u00e4blich zu Tode ger\u00f6stet worden. Was als Demonstration des technologischen und humanen Fortschritts, als \u00bbEintritt in ein h\u00f6heres Stadium der Zivilisation\u00ab (so die euphorischen Pressekommentare) gedacht war, schien desastr\u00f6s geendet zu haben. Neben all den technischen M\u00e4ngeln und der m\u00f6glichen St\u00f6ranf\u00e4lligkeit des elektrischen Stuhls wurde vor allem auf die fehlerhafte Dosierung hingewiesen, die der Verschiedenartigkeit der menschlichen Konstitution nicht gerecht w\u00fcrde. Mediziner verwiesen darauf, dass Menschen unterschiedlich auf die Wirkung des Stroms reagierten, bisweilen ganz erstaunliche Spannungen ertragen konnten. Dass sie nicht ganz unrecht hatten, sollte sich in den folgenden Jahren bei zahlreichen Exekutionen zeigen.<\/p>\n<p>So sollten einige F\u00e4lle bekannt werden, bei denen die Exekution keineswegs reibungslos und ordnungsgem\u00e4\u00df vonstatten gegangen war. Experten gaben zu bedenken, dass daran keineswegs nur die k\u00f6rperliche Konstitution des Verurteilten eine Rolle gespielt haben k\u00f6nnten, sondern auch Faktoren wie Raumtemperatur und Feuchtigkeit. So k\u00f6nne starkes Transpirieren des Todeskandidaten, das in dieser extremen Situation fast immer eintritt, dazu f\u00fchren, dass der Strom nicht den K\u00f6rper durchdringt, sondern auf dessen Oberfl\u00e4che entlangl\u00e4uft.<\/p>\n<p>So schlug bei einem gewissen Henry White, der in Ohio hingerichtet werden sollte, das Herz nach dem ersten Stromsto\u00df noch regelm\u00e4\u00dfig. Als man daraufhin die Stromspannung verdreifachte, schlugen helle Flammen aus dem zuckenden K\u00f6rper des Verurteilten und der Gestank von verbranntem Fleisch erf\u00fcllte den Hinrichtungsraum. Der Tod war am Ende nicht durch Stromschlag, sondern durch Verbrennung eingetreten.<\/p>\n<p>Zu ebenso grauenhaften Szenen sollte es einige Jahre sp\u00e4ter bei der Hinrichtung von Mary Farmer kommen, die wegen gemeinschaftlichen Mordes im April 1929 auf dem elektrischen Stuhl den Tod finden sollte. Nachdem ihr K\u00f6rper eine Minute lang von den Stromst\u00f6\u00dfen gesch\u00fcttelt worden war, nahm der Exekutor den Hebel langsam zur\u00fcck. Pl\u00f6tzlich drang ein lauter Schrei unter der Maske der Verurteilten hervor. Erschrocken wurde der Hebel wieder nach oben gebracht, diesmal jagte man 2000 Volt \u00fcber f\u00fcnf Minuten durch den K\u00f6rper der Frau. Doch Mary Farmer lebte danach immer noch. Viermal schlie\u00dflich wurde die grausige Prozedur wiederholt, dann konnte man sicher sein, dass die Verurteilte tot war. Eine Hinrichtungsszene, die an mittelalterliche Strafrituale erinnerte und umgehend die Kritiker wieder auf den Plan rief.<\/p>\n<p>Aufgrund einiger vorangegangener Pannen hatten der New Yorker Gesetzgeber deshalb verf\u00fcgt, dass jede Hinrichtung durch eine Autopsie abzuschlie\u00dfen sei, um \u00bbjede M\u00f6glichkeit auszuschlie\u00dfen, dass der Verurteilte ins Leben zur\u00fcckkehrt.\u00ab<\/p>\n<p>Bei aller Emp\u00f6rung \u00fcber die un\u00fcbersehbaren technischen M\u00e4ngel gab es auch Stimmen, wie die von <em>Dr. Louis Bach<\/em>, Leiter der New Yorker Gesundheitsbeh\u00f6rde, der allen, die es h\u00f6ren wollten, versicherte: \u00bbVom ersten Stromschlag an ist der Delinquent praktisch tot. Er hat keinen Schmerz und ist nie mehr bei Bewusstsein.\u00ab<\/p>\n<p>Diese Einsch\u00e4tzung teilten viele Experten. Sie argumentierten unter anderem, dass bei der Hinrichtung durch Strom eine Temperatur erreicht werde, die selbst Kupfer zum Schmelzen bringe und im Gehirn zumindest den Siedepunkt erreiche. Da der Strom eine Geschwindigkeit erziele, die siebzigmal schneller ist, als das Gehirn Empfindungen registrieren k\u00f6nne, sei die Schmerzlosigkeit dieser Hinrichtungsart sicher. Ihrer Meinung nach ging es allenfalls darum, die technischen Defizite zu beheben. Gerade einmal ein Jahr sp\u00e4ter konnte im Staatsgef\u00e4ngnis Sing-Sing gleich an vier M\u00e4nnern gezeigt werden, wie verl\u00e4sslich das elektrische Hinrichten funktionierte. Der Moment des staatlich angeordneten T\u00f6tens war nun gewisserma\u00dfen in der praktischen Anwendung rehabilitiert und damit als zukunftsweisend legitimiert worden. Der elektrische Stuhl verk\u00f6rperte fortan einen Teil des rechtlichen und \u00bbhumanen\u00ab Selbstverst\u00e4ndnisses der Amerikaner, auch wenn nicht allerorten die gleichen Methoden beim Exekutieren zur Anwendung kamen. So gab es erhebliche Unterschiede bei der Auswahl und Dosierung der verwendeten Stromst\u00f6\u00dfe, auch die Anwendung der Elektroden wurden unterschiedlich gehandhabt \u2013 dennoch: in der Folgezeit wurde die <em>Exekution durch Strom<\/em> zum bevorzugten Hinrichtungsinstrument. Nach New York f\u00fchrten die Bundesstaaten Ohio (1897) und Massachusetts (1907) die Hinrichtung durch Elektrizit\u00e4t ein, es folgten New Jersey (1907) sowie Virginia (1908).<\/p>\n<p>Wie sich das Exekutionsverfahren in der Folgezeit vollzog, zeigt ein Bericht des deutschen Strafrechtlers Bertold Freudenthal, der am 12. September 1905 w\u00e4hrend einer Studienreise als Zeuge an der Hinrichtung eines M\u00f6rders im Staatsgef\u00e4ngnis Auburn teilnahm und notierte:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u00bbKaum hatte man Platz genommen, so \u00f6ffnete sich die T\u00fcr. Von Gef\u00e4ngnisgeistlichen gef\u00fchrt, erschien ein junger Mann von etwa 30 Jahren, fahl, aber in ruhiger Haltung. Er nahm ohne Widerstreben auf dem chair, einem Armstuhl, Platz und wurde au\u00dferordentlich rasch an K\u00f6rper, Armen und Beinen angeschnallt. Er hatte den geschorenen Kopf von Anfang an zur\u00fcckgelehnt und die Augen geschlossen. Das Kinn wurde mit einer Bandage gest\u00fctzt. Eine Metallkappe wurde ihm aufgesetzt und an ihr der von der Decke herabh\u00e4ngende Leitungsdraht befestigt. Das linke Bein wurde entbl\u00f6\u00dft. Indessen las der Kaplan mit lauter Stimme langsam die Worte eines Gebets. <\/em><\/p>\n<p><em>Der \u00bbStaatselektriker\u00ab hielt sich in einem Nebenraum bei den Ger\u00e4ten auf. Der Strom von 1780 Volt und 7,5 Ampere wurde reichlich eine halbe Minute konstant gehalten, darauf allm\u00e4hlich vermindert und wieder auf seine volle Kraft verst\u00e4rkt. Dann untersuchten zwei \u00c4rzte den Verurteilten &#8230;<\/em><\/p>\n<p><em>F\u00fcnf Minuten nach 6 Uhr hatten wir den Raum betreten. Drei Minuten sp\u00e4ter war der erste Stromschlag erfolgt. Um 6.15 Uhr, also weitere sieben Minuten sp\u00e4ter, schloss der Deputy die Zeremonie mit den Worten \u201eThat is all, gentleman\u201c. <\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Eine Hinrichtung: st\u00f6rungsfrei, effizient und \u00bbzivilisiert\u00ab \u2013 nicht nur die zust\u00e4ndigen Justizbeh\u00f6rden waren begeistert. Beginnend mit den 1920er Jahren setzte sich die Edinson\u00b4schen \u00ab<em>electrcution\u00ab<\/em> im ganzen Land durch. Am Ende stand in 26 Bundesstaaten ein elektrischer Stuhl. Nur Texas \u00fcbernahm die elektrische Hinrichtung an Stelle des Galgens erst ab 1924, also vergleichsweise sp\u00e4t. Hier, im S\u00fcden des Landes, wo es in der in der Vergangenheit immer wieder zu Lynchjustiz \u2013 vorwiegend an afroamerikanischen M\u00e4nnern \u2013 kam, wollte man nun ebenfalls ein Signal im Sinne einer \u00bbzivilisierten\u00ab Strafjustiz setzen. Dazu geh\u00f6rte, dass man die \u00f6ffentlich inszenierten Exekutionen aus den Gemeinden und St\u00e4dten heraus in das zentrale Staatsgef\u00e4ngnis nach Huntsville verlegte, wo erstmals auch gesonderte Todestrakte entstanden, in denen die Todeskandidaten unter besonderen Bedingungen inhaftiert waren und auf ihre Hinrichtung warteten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1625610\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/ElektrischerStuhl3.jpg\" alt=\"Tod durch Strom\" width=\"502\" height=\"334\" \/><\/p>\n<p>Ein Grund f\u00fcr ein neues zentrales Hinrichtungssystem war freilich auch die Tatsache, dass die f\u00fcr eine elektrische Hinrichtung erforderliche Ausstattung nicht allerorten vorhanden war. Ein Galgen war rasch aufgeschlagen, ein elektrischer Stuhl aber ben\u00f6tigte zahllose technische Instrumentarien, die nicht nur erheblichen Platz brauchten, sondern auch von einer Vielzahl besonders geschultem Personal bedient werden mussten.<\/p>\n<p>Nicht nur in den Anfangsjahren, auch sp\u00e4ter gab es immer wieder dramatische Vorf\u00e4lle und nicht einkalkulierte Verl\u00e4ufe. So sa\u00df am 22. April 1983 \u2013 bald einhundert Jahre nachdem William Kemmler erstmals auf dem elektronisch exekutiert worden war, in Alabama <em>John Evans<\/em> in der Gewissheit auf dem elektrischen Stuhl, dass sein Leben gleich ein Ende hatte. Doch die Prozedur sollte 14 lange Minuten dauern.<\/p>\n<p>Von New York bis Texas: auch wenn es bei den elektrischen Hinrichtungen immer wieder zu Zwischenf\u00e4llen kam, so galt doch die T\u00f6tungs-Methode als die \u00bbhumanste und schmerzloseste\u00ab, und erf\u00fcllte insgesamt verl\u00e4sslich den Anspruch des Gesetzes, \u00bbeinen Menschen mit Anstand zu t\u00f6ten\u00ab. Beispielsweise war <em>Old Sparky, <\/em>der<em> \u00bbalte Funkenspr\u00fcher\u00ab, <\/em>wie der elektrische Stuhl im Staatsgef\u00e4ngnis von Florida unter den Todeskandidaten genannt wurde, bis Anfang 1993 im Einsatz. 224 Menschen fanden darauf den Tod.<\/p>\n<p>In den US-Bundesstaaten Alabama, Florida, Georgia, South Carolina uns Virginia gibt es noch heute das elektrische T\u00f6ten. In Arkansas, Kentucky und Tennessee werden die Todeskandidaten mittlerweile nur noch mit der Giftspritze exekutiert, allerdings k\u00f6nnen die Verurteilten, sofern das entsprechende Verbrechen noch vor dem Abschaffungsdatum stattfand, auf eigenen Wunsch auch auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet werden. Als bislang letzter Verurteilter wurde der 58-j\u00e4hrige Nicholas Sutton am 20. Februar 2020 in Tennessee auf dem elektrischen Stuhl exekutiert.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong><em>Buchh<\/em><\/strong><strong><em>inweis: <\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Helmut Ortner, <a href=\"https:\/\/www.nomen-verlag.de\/produkt\/ohne-gnade\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ohne Gnade \u2013 Eine Geschichte der Todesstrafe<\/a>, Nomen Verlag, 230 Seiten, 22 Euro<\/em><\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1625622\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Ohne-Gnade_Cover-hohe-Aufloesung_seitengleich_fuer-Web-658x1024.jpg\" alt=\"Ohne Gnade - Helmut Ortner\" width=\"410\" height=\"638\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Ohne-Gnade_Cover-hohe-Aufloesung_seitengleich_fuer-Web-658x1024.jpg 658w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Ohne-Gnade_Cover-hohe-Aufloesung_seitengleich_fuer-Web-193x300.jpg 193w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Ohne-Gnade_Cover-hohe-Aufloesung_seitengleich_fuer-Web.jpg 820w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom elektrischen Stuhl bis zur Todesspitze \u2013 die Geschichte staatlichen T\u00f6tens kennt immer neue \u00bbmoderne Errungenschaften\u00ab. 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