{"id":162473,"date":"2015-02-12T13:38:34","date_gmt":"2015-02-12T13:38:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/?p=162473"},"modified":"2015-02-13T08:05:39","modified_gmt":"2015-02-13T08:05:39","slug":"ich-bin-immer-zu-spat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/02\/ich-bin-immer-zu-spat\/","title":{"rendered":"Ich bin immer zu sp\u00e4t&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Immer wenn ich mich anschicke, etwas zu Papier zu bringen, oder besser gesagt meinem Standpunkt zu einem relevanten Thema Ausdruck verleihen will, geschehen bereits weitere Ereignisse, auf die sich die allgemeine Aufmerksamkeit richtet. Heute habe ich mir vorgenommen, dem zuvorzukommen und genau das Gegenteil zu versuchen \u2013 aber nat\u00fcrlich mit dem gleichen Sinn f\u00fcr schlechtes Timing.<\/p>\n<p>Ich sage also voraus, dass in nicht allzu ferner Zukunft die unterschiedlichsten Kulturen der Welt zusammenarbeiten werden. Aber wie soll das aussehen? Hat uns nicht Samuel Huntington in seinem Artikel und darauf folgenden Buch \u201eKampf der Kulturen\u201c genau das Gegenteil erkl\u00e4rt? Entsteht nicht gerade ganz offensichtlich eine schier endlose Reihe von Konflikten entlang einer \u2013 wie er es nennt \u2013 \u201eGrenzlinie zwischen den Zivilisationen\u201c?<\/p>\n<p>Allerdings ist, wie gew\u00f6hnlich, nicht immer alles so, wie es scheint.<\/p>\n<p>Schauen wir einmal n\u00e4her hin. Auf den ersten Blick scheinen interreligi\u00f6se Hintergr\u00fcnde die Ursache f\u00fcr zahlreiche aktuelle Konflikte zu sein. Muslime werden von Buddhisten in Myanmar und von der christlichen Regierung auf den Philippinen verfolgt. Kriminelle Banden wollen ihre islamistischen Forderungen gewaltsam in Somalia, Mali, Niger, Libyen und an weiteren Orten in Nordafrika durchsetzen. In \u00c4gypten werden die Kopten verfolgt, die Spannungen zwischen Indien und Pakistan dauern an und radikale Uiguren haben gerade mehrere junge Chinesen als Vergeltung f\u00fcr die Unterdr\u00fcckung der islamischen Minderheit durch die Zentralregierung Chinas auf einem Bahnhof umgebracht. Eine andere Regierung, diesmal die israelische, hat ihrem Milit\u00e4r befohlen, den Tod auf die in Gaza eingepferchten Pal\u00e4stinenser \u2013 ebenfalls Muslime \u2013 regnen zu lassen; den gleichen Tod, den die Drohnen und Soldaten der angels\u00e4chsisch-christlichen Kultur mit ihren neuen Kreuzz\u00fcgen in den Irak, Afghanistan, Libyen und Syrien brachten.<\/p>\n<p>Aber auch innerhalb ein und desselben Glaubens gibt es unterschiedliche Interpretationen und es brechen Konflikte unterschiedlicher Intensit\u00e4t und Dauer aus. Im mittleren Osten und auf der arabischen Halbinsel haben salafistische Sunniten und Schiiten einen blutigen Krieg um die innerislamische Herrschaft entfesselt. Mit weniger physischer Gewalt als in vergangenen Zeiten, daf\u00fcr aber mit gleichem fanatischen Eifer k\u00e4mpfen protestantische und katholische Legionen um die Herrschaft \u00fcber die Seelen in gro\u00dfen Teilen Amerikas und Afrikas.<\/p>\n<p>Eine andere Art von Konfliktexistiert zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen, so wie in einigen Regionen Afrikas und Asiens oder zwischen Bev\u00f6lkerungsgruppen, denen die Zentren der Macht fremd geworden sind, wie in Katalonien, Schottland oder dem Baskenland.<\/p>\n<p>Jeder Analyst muss zugeben, dass es hier nicht um einen \u201eKampf der Kulturen\u201c geht, sondern dass die Vielf\u00e4ltigkeit und Zersplitterung eher auf einen Ausdruck struktureller Instabilit\u00e4t aufgrund fehlender menschlicher Beziehungen hinweist.<\/p>\n<p>Aber selbst diese Sichtweise ist unzureichend, da sie zu sehr auf die Konflikte beschr\u00e4nkt ist und dadurch andere Ph\u00e4nomene verdeckt.<\/p>\n<p>So kann man auch verstehen, was Huntington, ehemaliger\u00a0 Harvard-Professor und Berater des US-Au\u00dfenministeriums, mit seiner Theorie bezweckte, die davon spricht, Realit\u00e4ten zu \u201eproduzieren\u201c und nicht \u201evorherzusagen\u201c. Egal, ob er sich dessen nun bewusst war oder nicht, projizierte sein Blick bewusst Szenarien in denen die Ziele und Rechtfertigungen einer bestimmten Herrschaftsform eine kulturelle Zersplitterung provozierten und jeden Geist der Souver\u00e4nit\u00e4t und Zusammenarbeit untergruben.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hat Huntington seine Beweggr\u00fcnde von den historischen Konzepten Spenglers und Toynbees abgeleitet, die in eine Welt hineingeboren wurden, deren Zeitgeist stark vom biologischen Determinismus und der Pawlowschen Konditionierung beeinflusst wurde.<\/p>\n<p>Eines ist aus heutiger Sicht jedoch gewiss: wir erleben die Geburt einer einzigartigen Zivilisation, der ersten planetarischen Zivilisation der Geschichte. Aber wir d\u00fcrfen nicht den dialektischen Linien folgend glauben, Konflikt sei der einzige Weg f\u00fcr eine Entwicklung von Beziehungen unter verschiedenen Gruppen. Das ist der grundlegende Fehler, den man in einer dialektische Analyse begeht, die ihren Ursprung in der Zeit des Polemos von Heraklit hat.<\/p>\n<p>Um ein Ph\u00e4nomen zu bew\u00e4ltigen, setzt man es mit anderen in Beziehung. Beziehungen, die manchmal gegens\u00e4tzlich sein m\u00f6gen, aber auch eine echte Vervollst\u00e4ndigung sein k\u00f6nnen, sprich ein Schritt zum Erreichen einer Synthese sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auf diese Weise, und sehr zum Verdruss von Mr. Huntington, k\u00f6nnen wir beobachten, wie Pakte zwischen verschiedenen Kulturen, Religionen und Zivilisationen entstehen \u2013 wenn auch noch im Schatten der Verbrecher, die auf gemeinsamen Interessen basierend Kriege vorantreiben und finanzieren. Das konnten wir bei Saudi-Arabien mit Katar, Israel mit Nordamerika\/ Gro\u00dfbritannien beobachten.<\/p>\n<p>Aber viel interessanter sind die Beobachtungen von beginnenden Allianzen, die eher auf Entwicklung denn auf Konflikt basieren. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist der noch recht junge als Gegengewicht zu einer augenscheinlich kulturellen Hegemonie enstandende Block, der sich aus sehr verschiedenen Zivilisationen gebildet hat. Jener Block, bestehend aus Brasilien, Russland, Indien, China und S\u00fcdafrika \u2013 dessen Akronym BRICS bereits in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen ist \u2013 zeigt deutlich, wie Nationen mit grundlegend unterschiedlichen kulturellen Wurzeln zusammenarbeiten und ein gemeinsames Weltbild schaffen. Ein Weltbild, an dem sich scheinbar auch V\u00f6lker anderer Kulturen mehr und mehr orientieren.<\/p>\n<p>Von Belang f\u00fcr dieses Weltbild ist auch eine neue multikulturelle Str\u00f6mung in Lateinamerika. Dort entdeckt man in zunehmendem Ma\u00dfe die indianischen und afrikanischen Wurzeln wieder, deren Einfluss auf die Bev\u00f6lkerung, die gr\u00f6\u00dftenteils gemischter Herkunft ist, unverkennbar ist. Dies hat zur Folge, dass in Lateinamerika die bis dato vorherrschende unterw\u00fcrfige Verehrung der Beherrscher Platz f\u00fcr die Suche nach einer Identit\u00e4t macht, die auch Menschen anderer Kulturen mit einschlie\u00dft; es ist also eine aufrechte, keine rachs\u00fcchtige Ann\u00e4herung an das \u201eAndere\u201c.<\/p>\n<p>Bedeutend ist auch das bereits in der Realit\u00e4t existierende stark multikulturell gepr\u00e4gte Zusammenleben der V\u00f6lker in Europa, auch wenn immer noch Einzelne oder ganze dies leugnen.<\/p>\n<p>Was soll man nun zu den USA sagen, dem Heimatland unseres weisen Professors, dem Ort, an dem laut US-Einwohnermeldeamt die Zahl der Mischehen immer weiter w\u00e4chst? Von 310.000 im Jahre 1970 sind sie auf 651.000 im Jahr 1980, auf 964.000 im Jahr 1990, auf 1.464.000 im Jahr 2000 und 2008 auf 2.340.000 gestiegen, womit sie ungef\u00e4hr 15% aller Eheschlie\u00dfungen ausmachten. Abgesehen von den Willk\u00fcrlichkeiten dieser demografischen Definitionen (Hispano-Amerikaner und Angelsachsen werden als \u201eWei\u00dfe\u201c klassifiziert) und begrifflichen Ungenauigkeiten (\u201eRasse\u201c ist nicht gleichbedeutend mit Kultur oder Zivilisation) sollte hier nicht die Tatsache, dass eine immer weiter steigende Zahl von Menschen ihre intimsten Tr\u00e4ume mit Partnern aus anderen Kulturr\u00e4umen teilen, zu denken geben?<\/p>\n<p>Die Grenzen, die die Kulturen zu trennen scheinen, und die von einem gewissen Blickwinkel aus Konfliktquellen darstellen k\u00f6nnten, werden einfach von einer h\u00f6heren Intention hinweggefegt. Auch wenn die alte Welt noch im historischen und sozialen Ged\u00e4chtnis vorhanden ist, taucht ein neuer Horizont als Zukunftsbild im menschlichen Bewusstsein auf und macht sich bemerkbar. Dies ist keine Vorhersage oder Prophezeiung. Es geschieht tats\u00e4chlich. Die universelle menschliche Nation entsteht bereits.<\/p>\n<p>Und wie ich bereits sagte, ich bin immer zu sp\u00e4t&#8230;<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Englischen von Evelyn Rottengatter, \u00fcberarbeitet von Christoph H\u00fcgel.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wenn ich mich anschicke, etwas zu Papier zu bringen, oder besser gesagt meinem Standpunkt zu einem relevanten Thema Ausdruck verleihen will, geschehen bereits weitere Ereignisse, auf die sich die allgemeine Aufmerksamkeit richtet. 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