{"id":1623587,"date":"2022-07-15T20:38:54","date_gmt":"2022-07-15T19:38:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1623587"},"modified":"2022-07-15T20:38:54","modified_gmt":"2022-07-15T19:38:54","slug":"ein-giftpaket-fuer-brasilien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/07\/ein-giftpaket-fuer-brasilien\/","title":{"rendered":"Ein Giftpaket f\u00fcr Brasilien"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bayer, BASF und andere Konzerne lobbyieren in Brasilien f\u00fcr ein gef\u00e4hrliches Pestizidgesetz, um ihre Profite zu maximieren. Im Land selbst werden heftige Proteste laut.<\/strong><\/p>\n<p>Die deutschen Agrarriesen Bayer und BASF lobbyieren in Brasilien massiv f\u00fcr ein neues Ma\u00dfnahmenpaket zur Regulierung von Agrochemikalien, das bestehende Schutzvorschriften aush\u00f6hlt. Die Konzerne erwarten durch das von Kritikern als \u201ePoison Package\u201c titulierte Gesetz Umsatzsteigerungen und schalten sich vor allem \u00fcber Unternehmensverb\u00e4nde wie CropLife Brasil in den politischen Prozess ein. Sie haben zudem Zugang zum Pr\u00e4sidenten Jair Messias Bolsonaro und den zust\u00e4ndigen Ministerien. \u00dcberdies versuchen die Firmen, den Abschluss des Freihandelsabkommens zwischen der EU und den Mercosur-Staaten voranzubringen, das ihnen Aussicht auf Extraprofite er\u00f6ffnet. Eine Strategie besteht darin, das Bild der brasilianischen Landwirtschaft in den Augen der EU-Entscheidungstr\u00e4ger zu verbessern und ihr ein \u201eSmall is beautiful\u201c-Image zu verpassen. Dies alles st\u00f6\u00dft in Brasilien selbst auf massiven Widerstand. So besetzte die Jugendorganisation der Landlosenbewegung MST im Juni eine Niederlassung des Leverkusener Multis, um gegen dessen Intervention zugunsten des Giftpakets und gegen die jetzt schon verheerenden Auswirkungen der Bayer-Pestizide zu protestieren.<\/p>\n<h3>Das \u201ePoison Package\u201c<\/h3>\n<p>Die Vorlage f\u00fcr das brasilianische Pestizidgesetz PL 6299\/2002 stammt urspr\u00fcnglich aus dem Jahr 2002. Eingebracht hatte sie Blairo Maggi, der \u201eSoja-K\u00f6nig\u201c des Landes und sp\u00e4tere Landwirtschaftsminister. Die erste parlamentarische H\u00fcrde nahm das Paragrafenwerk allerdings erst im Februar 2022. Nach dem Kongress in Bras\u00edlia muss bis zur Pr\u00e4sidenten- und Parlamentswahl am 2. Oktober nun nur noch der Senat dem Ma\u00dfnahmenb\u00fcndel zustimmen, das Kritiker als das \u201ePoison Package\u201c bezeichnen. Es hebelt unter anderem das Vorsorgeprinzip aus und sieht Verbote von Agrochemikalien nur noch bei \u201einakzeptablen Risiken\u201c vor. Zudem schw\u00e4cht PL 6299\/2002 die Stellung der Umwelt- und der Gesundheitsbeh\u00f6rde in den Zulassungsverfahren zugunsten derjenigen des Landwirtschaftsministeriums und beschleunigt den Genehmigungsprozess generell.<\/p>\n<h3>Einflussarbeit<\/h3>\n<p>Bayer, BASF und andere Konzerne versprechen sich von dem Gesetz bessere Absatzchancen f\u00fcr ihre Produkte. Deshalb entfalten sie zahlreiche Aktivit\u00e4ten, um seine Verabschiedung sicherzustellen, wie die aktuelle Studie \u201eGiftige Profite\u201c von Larissa Mies Bombardi und Audrey Changoe dokumentiert.[1] Sie versuchen vor allem \u00fcber Unternehmensverb\u00e4nde wie SINDIVEG, ABAG und CropLife Brasil, dem der ehemalige Bayer-Manager Christian Lohbauer vorsteht, Einfluss zu nehmen. \u00dcberdies nutzen sie Denkfabriken wie das Instituto Pensar Agro und PR-Plattformen wie Agrosaber zur Beeinflussung der Politik. Als Hebel f\u00fcr ihre Interessen dient ihnen dabei auch die \u00fcberparteiliche Parlamentariergruppe Bancada Ruralista, in der sich Landeigent\u00fcmer, Agrarindustrielle und Besch\u00e4ftigte der Branche zusammengefunden haben.<\/p>\n<h3>Kurze Dienstwege<\/h3>\n<p>Dar\u00fcber hinaus haben die deutschen Konzerne Zugang zum Pr\u00e4sidenten des Landes sowie zu den Ministern. So trafen Bayer-Chef Werner Baumann und der PR-Chef des Konzerns, der ehemalige Gr\u00fcnen-Politiker Matthias Berninger, sich bereits pers\u00f6nlich mit Jair Messias Bolsonaro. Dessen einstiger Umweltminister Ricardo Salles absolvierte sogar schon Hausbesuche bei Bayer in Leverkusen und bei BASF in Ludwigshafen. Zudem gab es Treffen von BASF-Managern mit Landwirtschaftsministerin Tereza Cristina. Malu Nachreiner, die Chefin von Bayer do Brasil, kam ebenfalls schon mit Cristina zusammen. Deren Nachfolger Marcos Montes stand fr\u00fcher selbst einmal in Diensten des bundesdeutschen Agro-Riesen.[2]<\/p>\n<h3>Bayer-Niederlassung besetzt<\/h3>\n<p>Der Lobbyismus der Konzerne l\u00f6st in Brasilien Emp\u00f6rung aus. So besetzte die Jugendorganisation der Landlosenbewegung MST am 10. Juni eine Bayer-Niederlassung in Jacare\u00ed. \u201eDieser Gesetzentwurf bringt gravierende \u00c4nderungen der geltenden Rechtsvorschriften mit sich, die den Verkauf und die Verwendung von f\u00fcr Mensch und Natur hochgiftigen Stoffen erleichtern\u201c, erkl\u00e4rten die Jugendlichen. Die Autorinnen der Studie \u201eGiftige Profite\u201c kritisieren: \u201eW\u00e4hrend die europ\u00e4ische Pestizid-Industrie danach strebt, ihre Profite zu maximieren, stirbt in Brasilien jeden zweiten Tag ein Mensch an einer Pestizid-Vergiftung. Und rund 20 Prozent dieser Todesopfer sind Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren.\u201c[3]<\/p>\n<h3>Appell der UN<\/h3>\n<p>Sogar die Vereinten Nationen schalteten sich inzwischen ein. Marcos Orellana, der UN-Sonderberichterstatter f\u00fcr die Auswirkungen giftiger Substanzen und Abf\u00e4lle auf die Menschenrechte, und andere Sonderberichterstatter appellierten in einem Brief eindringlich an die Regierung Bolsonaro, das \u201ePoison Package\u201c zur\u00fcckzuziehen. Sie sehen durch die Deregulierungsma\u00dfnahmen ernste Gesundheitsgefahren auf das lateinamerikanische Land zukommen und warnen vor einem \u201emonumentalen R\u00fcckschlag f\u00fcr die Menschenrechte in dem Staat\u201c.[4] \u201eOhne weitere Ma\u00dfnahmen, die sicherstellen, dass Unternehmen die Menschenrechte und die Umwelt respektieren, werden die Missbr\u00e4uche weiter zunehmen, wenn dieser Gesetzesentwurf angenommen wird\u201c, prophezeien die UN-Mitarbeiter: \u201eBrasilien sollte daran arbeiten, das Regelwerk zu st\u00e4rken statt zu schw\u00e4chen\u201c.<\/p>\n<h3>PR-Arbeit f\u00fcr das EU-Mercosur-Abkommen<\/h3>\n<p>Die Interventionen der deutschen Konzerne beschr\u00e4nken sich dabei nicht auf das geplante Pestizidgesetz. Die Agroriesen versuchen auch, den Abschluss des Freihandelsabkommens zwischen der Europ\u00e4ischen Union und dem s\u00fcdamerikanischen Staatenb\u00fcndnis Mercosur (Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay) voranzutreiben: Die getroffenen Vereinbarungen stellen ihnen nicht unerhebliche Gewinnerh\u00f6hungen in Aussicht. \u201eDas Handelsabkommen &#8230; schafft die Z\u00f6lle f\u00fcr 90 Prozent der Chemikalienexporte ab, f\u00fcr die derzeit Einfuhrz\u00f6lle von bis zu 18 Prozent gelten\u201c, frohlockt der europ\u00e4ische Chemieverband CEFIC.[5] Parallel dazu rechnet der EU-Forschungsdienst durch die dem Mercosur gew\u00e4hrten Handelserleichterungen mit mehr Einfuhren von Soja, Mais und anderen Agrarprodukten in die Europ\u00e4ische Union. Er prognostiziert eine Steigerung des Mercosur-Marktanteils an den Nahrungsmittelimporten der EU von derzeit 17 auf 25 Prozent bis zum Jahr 2025; das d\u00fcrfte nicht unerhebliche Auswirkungen auf den Pestizidabsatz in den dortigen Staaten haben.[6]<\/p>\n<h3>Small is beautiful<\/h3>\n<p>Bayer hat zur Pflege der politischen Landschaft in Sachen Mercosur den Br\u00fcsseler Think-Tank ECIPE verpflichtet. Das sogenannte EU-Mercosur-Projekt liegt dabei in den H\u00e4nden von Emily Rees, die einige Berufsjahre als EU-Beauftragte von APEX, der brasilianischen Agentur f\u00fcr Export- und Investitionsf\u00f6rderung, in der belgischen Hauptstadt verbracht hat. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt darin, das Image des brasilianischen Agrarsektors bei den Beamten und Politikern der Europ\u00e4ischen Union zu verbessern und so mehr Akzeptanz f\u00fcr das Abkommen zu schaffen. Um von den ausladenden Monokulturen abzulenken, die sich immer weiter in den Regenwald hineinfressen, r\u00e4t sie der Branche, sich kleinzumachen. \u201eDie Europ\u00e4er legen Wert auf Produkte aus kleinen, regionalen Erzeugerbetrieben\u201c, sagte sie bei der Vorstellung einer von APEX lancierten PR-Kampagne.[7] Davon abgesehen gibt sich Croplife Brasil klimabewusst und buhlt um die Gunst der klimabewegten Jugend. \u201eWir wollen Greta zeigen, dass wir keine Schurken sind\u201c, erkl\u00e4rt Christian Lohbauer.[8]<\/p>\n<h3>Koloniales Erbe<\/h3>\n<p>F\u00fcr Bombardi und Changoe, die Autorinnen der Studie \u201eGiftige Profite\u201c, droht indes mit dem EU-Mercosur-Freihandelsabkommen eine nochmalige Forcierung des agroindustriellen Modells mit all seinen gef\u00e4hrlichen Risiken und sch\u00e4dlichen Nebenwirkungen. Dar\u00fcber hinaus steht die \u00dcbereinkunft, wie sie betonen, in einer kolonialen Tradition. \u201eSeit dem sp\u00e4ten 15. Jahrhundert haben Europ\u00e4er in der Region Rohstoffe abgebaut und natu\u0308rliche Ressourcen und landwirtschaftliche Erzeugnisse aus Monokulturen nach Europa exportiert. Dieses Muster ist in den heutigen europ\u00e4ischen Handelsbeziehungen mit den Mercosur-Staaten nach wie vor deutlich erkennbar\u201c, schreiben sie.[9] Bei rund 84 Prozent der EU-Exporte in Mercosur-Staaten handele es sich um Dienstleistungen und hochwertige Industrieprodukte, wohingegen sich rund drei Viertel der Mercosur-Exporte nach Europa aus landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Bodensch\u00e4tzen zusammensetzten: \u201eDie im EU-Mercosur-Abkommen vorgesehene Handelsliberalisierung wird diese neokoloniale Beziehung zementieren.\u201c[10]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mehr zur Rolle deutscher Konzerne in Brasilien:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/7360\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Auf Blut gebaut (II)<\/a>,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/7879\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">T\u00f6dliches Sicherheitszertifikat<\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/8023\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Br\u00e4nde im Amazonasgebiet<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] <a href=\"https:\/\/www.bund.net\/fileadmin\/user_upload_bund\/publikationen\/umweltgifte\/umweltgifte_giftige_profite_broschuere.pdf\">Larissa Mies Bombardi, Audrey Changoe: Giftige Profite. bund.net.<\/a><\/p>\n<p>[2] <a href=\"https:\/\/www.gov.br\/agricultura\/pt-br\/acesso-a-informacao\/agendas\/ministro-e-staff\/agenda-do-ministro\/2022-03-23\">Agenda de Tereza Cristina. gov.br.<\/a><\/p>\n<p>[3] <a href=\"https:\/\/mst.org.br\/\">mst.org.br.<\/a><\/p>\n<p>[4] <a href=\"https:\/\/www.ohchr.org\/en\/press-releases\/2022\/06\/brazil-poison-package-draft-bill-pesticides-will-undermine-rights-protection\">Brazil: \u201ePoison Package\u201c draft bill on pesticides will undermine rights protection say UN experts. ohchr.org 22.06.2022.<\/a><\/p>\n<p>[5] <a href=\"https:\/\/cefic.org\/media-corner\/newsroom\/concluding-a-free-trade-deal-with-mercosur-will-benefit-trade-in-chemicals-between-the-two-regions\/\">Concluding A Free Trade Deal With Mercosur Will Benefit Trade In Chemicals Between The Two Regions. cefic.org.<\/a><\/p>\n<p>[6] <a href=\"https:\/\/power-shift.de\/produkt\/das-eu-assoziationsabkommen-mit-dem-mercosur\/\">Das EU-Assoziationsabkommen mit dem Mercosur. power-shift.de.<\/a><\/p>\n<p>[7], [8], [9], [10] <a href=\"https:\/\/www.bund.net\/fileadmin\/user_upload_bund\/publikationen\/umweltgifte\/umweltgifte_giftige_profite_broschuere.pdf\">Larissa Mies Bombardi, Audrey Changoe: Giftige Profite. bund.net.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bayer, BASF und andere Konzerne lobbyieren in Brasilien f\u00fcr ein gef\u00e4hrliches Pestizidgesetz, um ihre Profite zu maximieren. 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