{"id":1609710,"date":"2022-06-23T06:23:09","date_gmt":"2022-06-23T05:23:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1609710"},"modified":"2022-06-23T06:23:09","modified_gmt":"2022-06-23T05:23:09","slug":"die-invasionsmacht-als-partner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/06\/die-invasionsmacht-als-partner\/","title":{"rendered":"Die Invasionsmacht als Partner"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die T\u00fcrkei sucht die Zustimmung des Westens zu ihrer n\u00e4chsten Invasion in Syrien zu erhalten. Sie hat l\u00e4ngst weite Teile Nordsyriens okkupiert und im Nordirak Milit\u00e4r stationiert.<\/strong><\/p>\n<p>Vertreter der nordsyrischen Kurden appellieren an die westlichen M\u00e4chte, darunter Deutschland, eine erneute t\u00fcrkische Invasion in Syrien zu unterbinden. Bislang habe \u2013 anders als im Fall der russischen Invasion in die Ukraine \u2013 niemand der T\u00fcrkei mit \u201eKonsequenzen\u201c, insbesondere \u201emit Sanktionen gedroht\u201c, moniert der Kommandeur der kurdisch-arabischen Syrian Democratic Forces (SDF). Dies m\u00fcsse sich \u00e4ndern. Tats\u00e4chlich hat Ankara nicht nur weite Gebiete Nordsyriens okkupiert und bereitet zur Zeit die Besetzung weiterer Landesteile vor. Es hat dar\u00fcber hinaus Milit\u00e4rst\u00fctzpunkte im Nordirak errichtet, dort mehrere Tausend Soldaten stationiert und mit dem Bau von Stra\u00dfen zwischen seinen Armeebasen begonnen, um das Territorium zu kontrollieren sowie die Bewegungsfreiheit der PKK rings um ihre nordirakischen Camps zu reduzieren. Der NATO-Partner hat im April neue Milit\u00e4roperationen im Irak gestartet und eine neue Invasion in Syrien angek\u00fcndigt. Er ist bestrebt, die geplante NATO-Norderweiterung als Hebel zu nutzen, um eine Zustimmung der westlichen M\u00e4chte durchzusetzen. Die Chancen stehen gut.<\/p>\n<h3>Die \u201eT\u00fcrkisierung\u201c Nordsyriens<\/h3>\n<p>Schon vor Jahren hat die T\u00fcrkei begonnen, Teile Nordsyriens zu okkupieren und die von ihr besetzten Gebiete stets weiter auszudehnen. Abgesehen davon, dass Ankara starken Einfluss in der Region rings um Idlib s\u00fcdwestlich von Aleppo besitzt, die von Jihadisten kontrolliert wird, hat es im Sommer 2016 in einer gro\u00df angelegten Milit\u00e4roperation (\u201eEuphrates Shield\u201c) die Region rings um Al Bab nord\u00f6stlich von Aleppo eingenommen. Anfang 2018 folgte die Okkupation der bis dahin kurdisch dominierten Region um Afrin (\u201eOlive Branch\u201c), bei der es zur gewaltsamen Vertreibung von weit \u00fcber 150.000 kurdischsprachigen Syrern kam. Im Herbst 2019 besetzten die t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte einen umfangreichen Landstreifen zwischen den syrischen Grenzorten Tall Abyad und Ras al Ayn. Die Territorien, die sie kontrollieren, hat die Regierung in Ankara t\u00fcrkischen Beh\u00f6rden unterstellt \u2013 denjenigen, die die Gebiete auf der t\u00fcrkischen Seite der Grenze verwalten. Sie hat dar\u00fcber hinaus die t\u00fcrkische Lira als neue W\u00e4hrung eingef\u00fchrt sowie muslimische Einrichtungen der t\u00fcrkischen Religionsbeh\u00f6rde Diyanet unterstellt. Beobachter sprachen schon vor Jahren von einer gezielten Kampagne zur \u201eT\u00fcrkisierung\u201c Nordsyriens (german-foreign-policy.com berichtete [1]).<\/p>\n<h3>Die milit\u00e4rische Kontrolle des Nordirak<\/h3>\n<p>Anders als in Nordsyrien hat die T\u00fcrkei im Nordirak, wo sie Operationen gegen die PKK durchf\u00fchrt, zwar nicht ganze Regionen okkupiert. Sie ist allerdings, wie die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in einer aktuellen Untersuchung berichtet, um 2019 von den begrenzten Luftangriffen und Bodenoffensiven, die sie bereits seit den 1990er Jahren unternimmt, zu einer Strategie milit\u00e4rischer Kontrolle \u00fcbergegangen. Dazu hat sie zahlreiche Armeest\u00fctzpunkte und vorgeschobene Basen errichtet, in denen auf irakischem Territorium entlang der nordirakisch-t\u00fcrkischen Grenze laut Sch\u00e4tzung der SWP zwischen 5.000 und 10.000 Soldaten stationiert sind. Um ihre Armeest\u00fctzpunkte miteinander zu verbinden, haben die t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte mittlerweile begonnen, auf irakischem Territorium Stra\u00dfen zu bauen; das soll zudem \u201eeine effizientere Gebietskontrolle erm\u00f6glichen\u201c, schreibt die SWP.[2] Insbesondere gehe es darum, der PKK die Bewegungsfreiheit zu nehmen und ihre Kontakte zur syrisch-kurdischen PYD und deren bewaffnetem Arm, den YPG, zu unterbinden. Die t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte haben dabei \u2013 wegen seiner hohen Bedeutung als Transitregion \u2013 nicht zuletzt das auch von Jesiden besiedelte Gebiet um Sinjar\/\u015eengal im Visier.<\/p>\n<h3>Den Grenzstreifen im Visier<\/h3>\n<p>Haben die t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte am 18. April eine neue Serie milit\u00e4rischer Operationen im Nordirak begonnen (german-foreign-policy.com berichtete [3]), so hat Staatspr\u00e4sident Recep Tayyip Erdo\u011fan am 23. Mai die n\u00e4chste Invasion in Nordsyrien in Aussicht gestellt. Wie es hei\u00dft, zielt sie vor allem auf die Gebiete um Manbij westlich des Euphrat und um Tall Rifaat n\u00f6rdlich von Aleppo; sie soll den rund 30 Kilometer breiten Grenzstreifen, den Ankara bereits seit Jahren zu okkupieren w\u00fcnscht, arrondieren. Erdo\u011fan geht es insbesondere darum, die PYD bzw. die YPG \u2013 ganz wie die PKK im Irak \u2013 in gr\u00f6\u00dferem Abstand von der Grenze zu halten und dar\u00fcber hinaus Platz f\u00fcr syrische Fl\u00fcchtlinge zu schaffen, die aus der T\u00fcrkei abgeschoben werden sollen. Noch laviert die t\u00fcrkische Regierung. Einerseits ben\u00f6tigt sie die zumindest stillschweigende Einwilligung Russlands, das milit\u00e4risch weiterhin in Syrien pr\u00e4sent ist und zuletzt Milit\u00e4rjets und Kampfhubschrauber nach Qamishli weit im Nordosten des Landes verlegt hat. Qamishli liegt in kurdisch dominiertem Gebiet, wird allerdings von den syrischen Regierungstruppen kontrolliert.[4] Andererseits w\u00e4re es f\u00fcr die T\u00fcrkei sehr vorteilhaft, eine Einigung mit den USA \u00fcber die Invasionspl\u00e4ne zu erzielen, da diese im Kampf gegen den IS mit den YPG kooperieren und zumindest verbal Einw\u00e4nde gegen einen Angriff auf ihren Verb\u00fcndeten erheben.<\/p>\n<h3>\u201eLegitime Bedenken\u201c<\/h3>\n<p>Einen Hebel, um die Zustimmung der USA und der anderen westlichen Staaten zu erreichen, bietet die geplante NATO-Norderweiterung. Pr\u00e4sident Erdo\u011fan hat klargestellt, dass er, im Gegenzug zu einer etwaigen t\u00fcrkischen Zustimmung zum Beitritt Finnlands und Schwedens, Zugest\u00e4ndnisse f\u00fcr seinen Kampf gegen kurdische Organisationen verlangt. Im Gespr\u00e4ch sind bislang unter anderem Abschiebungen kurdischer Aktivisten vor allem aus Schweden, aber auch neue Repressalien gegen die PKK und ihr tats\u00e4chlich oder angeblich nahestehende Kurden in anderen NATO-Mitgliedstaaten. L\u00e4ngst wird spekuliert, auch die Bereitschaft in der NATO, keinerlei Einw\u00e4nde gegen eine erneute t\u00fcrkische Invasion in Nordsyrien zu erheben, k\u00f6nne Teil einer L\u00f6sung sein. Am Sonntag bekr\u00e4ftigte NATO-Generalsekret\u00e4r Jens Stoltenberg bei einem Aufenthalt in der finnischen Hauptstadt Helsinki, die T\u00fcrkei habe als Bedingung f\u00fcr ihre Einwilligung in die NATO-Mitgliedschaft Finnlands und Schwedens \u201elegitime Bedenken\u201c vorgebracht: \u201eWir m\u00fcssen uns in Erinnerung rufen und verstehen, dass kein NATO-Verb\u00fcndeter mehr Terrorangriffe erlitten hat als die T\u00fcrkei.\u201c[5] Was der Milit\u00e4rpakt der T\u00fcrkei im Detail zubilligen will, ist noch nicht bekannt.<\/p>\n<h3>Doppelte Standards<\/h3>\n<p>In dieser Situation appellieren die nordsyrischen Kurden an die westlichen M\u00e4chte, der t\u00fcrkischen Regierung kein gr\u00fcnes Licht f\u00fcr ihre Milit\u00e4roperation zu geben. Einerseits hei\u00dft es, die YPG bzw. die Syrian Democratic Forces (SDF), eine gemischte kurdisch-arabische Streitmacht, die um die YPG herum gebildet wurde, h\u00e4tten begonnen, sich zur Abwehr der angek\u00fcndigten t\u00fcrkischen Invasion mit dem syrischen Milit\u00e4r zu koordinieren. So k\u00f6nne \u201edie syrische Luftabwehr &#8230; uns gegen die t\u00fcrkischen Drohnen helfen\u201c, wird SDF-Kommandeur Mazloum Abdi zitiert.[6] Andererseits fordert Mazloum Abdi den Westen auf, gegen die t\u00fcrkischen Invasionspl\u00e4ne Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, die den Ma\u00dfnahmen gegen die russische Invasion in die Ukraine gleichen: \u201eNiemand hat der T\u00fcrkei klargemacht, was die Konsequenzen eines neuen Angriffs w\u00e4ren, oder mit Sanktionen gedroht\u201c, moniert der SDF-Kommandeur. In der Tat ist zwar kein Unterschied zwischen der t\u00fcrkischen Invasion in Syrien und der russischen Invasion in die Ukraine erkennbar; doch ist Russland ein zentraler Rivale der westlichen M\u00e4chte, w\u00e4hrend die T\u00fcrkei ein NATO-Partner und dar\u00fcber hinaus eine wichtige Br\u00fccke in den Nahen und Mittleren Osten und nach Zentralasien ist. Ernsthafte Ma\u00dfnahmen der NATO-Staaten gegen sie kommen daher nicht in Betracht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/8069\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die \u201eT\u00fcrkisierung\u201c Nordsyriens<\/a>.<\/p>\n<p>[2] Salim \u00c7evik: Turkey\u2019s Military Operations in Syria and Iraq. SWP Comment No. 37. Berlin, May 2022.<\/p>\n<p>[3] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/8899\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die ignorierte Invasion (II)<\/a>.<\/p>\n<p>[4] Volker Pabst: Erdogan plant eine neue Offensive in Syrien. Neue Z\u00fcrcher Zeitung 08.06.2022.<\/p>\n<p>[5] Joshua Posaner: NATO\u2019s Stoltenberg: Turkey needs to be heard on Sweden, Finland concerns. politico.eu 12.06.2022.<\/p>\n<p>[6] Christoph Ehrhardt: Stachel in Erdogans Fleisch. Frankfurter Allgemeine Zeitung 13.06.2022.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die T\u00fcrkei sucht die Zustimmung des Westens zu ihrer n\u00e4chsten Invasion in Syrien zu erhalten. Sie hat l\u00e4ngst weite Teile Nordsyriens okkupiert und im Nordirak Milit\u00e4r stationiert. 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