{"id":1596491,"date":"2022-06-04T13:15:32","date_gmt":"2022-06-04T12:15:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1596491"},"modified":"2022-06-04T13:15:32","modified_gmt":"2022-06-04T12:15:32","slug":"auch-wir-sind-gefuehlt-im-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/06\/auch-wir-sind-gefuehlt-im-krieg\/","title":{"rendered":"Auch \u201ewir\u201c sind \u2013 gef\u00fchlt \u2013 im Krieg"},"content":{"rendered":"<header><strong><strong><span class=\"article_title\">Das nationale deutsche Wir und der Ukrainekrieg.\u00a0<\/span>Angesichts der neuen Kriegslage stehen die Medien, die \u201e<a href=\"https:\/\/krass-und-konkret.de\/medien-kultur\/zur-gewaltaffinitaet-des-mainstream-journalismus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vierte Gewalt<\/a>\u201c im Staate, Gewehr bei Fuss.<\/strong><\/strong><\/header>\n<header><\/header>\n<header><\/header>\n<header>\n<article><\/article>\n<article>Hier finden sich sogar programmatische Erkl\u00e4rungen in Sachen Kriegspropaganda und geben damit Auskunft \u00fcber die Rolle, die der \u201eQualit\u00e4tsjournalismus\u201c neuerdings ganz selbstbewusst einnimmt. So in einem Kommentar der Westdeutschen Allgemeinen zum Ukrainekrieg (Jan Jessen, WAZ, 13.5.22): \u201eDie Opfer sichtbar machen\u201c.<\/p>\n<h3>Auch \u201ewir\u201c sind \u2013 gef\u00fchlt \u2013 im Krieg<\/h3>\n<p>Begeistert hat den WAZ-Autor die \u00c4usserung der deutschen Aussenministerin Baerbock in Butscha: \u201eDiese Opfer k\u00f6nnten wir sein.\u201c Nun befindet sich Deutschland offiziell nicht im Krieg mit Russland, warum sollten dessen Truppen daher deutsche B\u00fcrger erschiessen? Zu Kriegsopfern w\u00fcrden sie doch erst, wenn die deutsche Regierung den Beschluss fasste, nicht nur Waffen an die Ukraine zu liefern, sondern sich direkt in den Krieg einzumischen. Dann w\u00e4ren deutsche B\u00fcrger aber nicht einfach Opfer Russlands. Ihr Tod w\u00e4re vielmehr das Ergebnis einer von der hiesigen Regierung getroffenen Entscheidung, ihre B\u00fcrger aufs Schlachtfeld zu schicken und von ihnen die Bereitschaft zu verlangen, ihr Leben im Krieg zu opfern.<\/p>\n<p>Doch der Satz von Aussenministerin Baerbock, der auf den Berichterstatter einen so tiefen Eindruck gemacht hat, soll nicht in dem reellen Sinn, der die M\u00f6glichkeit deutscher Opfer kl\u00e4rt, verstanden werden. Der WAZ-Kommentar erl\u00e4utert: \u201eEs war ein bemerkenswerter Satz, der in seiner schlichten Klarheit den Krieg aus dem Bereich der milit\u00e4rischen und politischen Abstraktion herausl\u00f6ste und auf die menschliche Ebene brachte.\u201c (WAZ)<\/p>\n<p>Ein wirklich bemerkenswerter Satz, den der Kommentator da abliefert! Seit wann ist ein Krieg eine milit\u00e4rische und politische Abstraktion? In diese muss ein Beobachter ihn erst einmal verwandeln. Damit macht er deutlich, dass ihn die politischen Gr\u00fcnde wie auch die milit\u00e4rischen Kalkulationen gar nicht oder nicht in erster Linie interessieren. Und das soll das Publikum offenbar auch nicht, wozu sich der Zeitungsmann ja programmatisch \u00e4ussert. Ihm geht es darum, den Krieg in eine Reihe von menschlichen Schicksalen zu verwandeln und diese Aufbereitung der Leserschaft zu offerieren: \u201eEs ist wichtig, ihre Geschichten zu erz\u00e4hlen. Krieg darf nicht als eine k\u00fchle Darstellung von milit\u00e4rischen Operationen oder von politischen Prozessen wahrgenommen werden.\u201c (WAZ)<\/p>\n<p>Dass Kriege das Ergebnis von politischen Entscheidungen sind und als zielgerichtete milit\u00e4rische Operationen stattfinden, m\u00f6chte der Autor also gerne zum Verschwinden bringen, wenn er sich um die ad\u00e4quate Wahrnehmung des milit\u00e4rischen Geschehens auf dem Schlachtfeld sorgt. Durch eindringliche Schilderungen von Schicksalen soll sich sein Publikum das Ganze als eine menschliche Trag\u00f6die vorstellen, wobei der Schuldige f\u00fcr dieses Schicksal immer schon unterstellt ist: Putin!<\/p>\n<p>Gefordert ist vom Leser die moralische Parteinahme in Sachen Ukraine. Dabei ist er ja im eigentlichen Sinne \u2013 als blosses Publikum, das von seiner Staatsmacht erf\u00e4hrt, zu welchen Dingen es in Friedens- und Kriegszeiten verpflichtet ist \u2013 \u00fcberhaupt keine Partei. Er hat in diesem Konflikt nichts zu melden, \u00fcbrigens genau so wie die B\u00fcrger in Russland oder der Ukraine. Alle sind samt und sonders das menschliche Material und die Verf\u00fcgungsmasse ihrer Politiker, die \u00fcber ihr Schicksal entscheiden. F\u00fcr russische oder ukrainische B\u00fcrger hat dies blutige, t\u00f6dliche Konsequenzen, in Deutschland ist es \u2013 noch \u2013 nicht so weit.<\/p>\n<p>Hier sp\u00fcrt man es an den Kassen der Superm\u00e4rkte oder Tankstellen, hier darf der legend\u00e4re kleine Mann (und nat\u00fcrlich auch seine kleine Frau) daran teilhaben, dass seine Politiker einen Wirtschaftskrieg gegen Russland f\u00fchren. Und obgleich die B\u00fcrger im Lande seit Beginn des Krieges auf allen Kan\u00e4len mit den Schicksalen der Betroffenen in der Ukraine konfrontiert werden, ist dies der WAZ offenbar immer noch nicht genug. Im Hauptteil der Zeitung werden auf zwei Seiten die Leiden von Olena, Anton, Larysa und vielen anderen, die man sich merken soll, ausgebreitet. Dazu muss es im Kommentar aber noch explizit gesagt werden: Die Leserschaft soll, wie von den Medien angesagt, den Krieg vor allem moralisch betrachten und damit von den Kriegsgr\u00fcnden abstrahieren.<\/p>\n<h3>Und \u201ewir\u201c sind per se die Unschuldigen<\/h3>\n<p>Der \u00dcbergang von der Beurteilung eines politischen Geschehens zur Moral, also zur Schuldfrage, d\u00fcrfte den meisten B\u00fcrgern vertraut sein. Lernt man doch von Kindes Beinen an, dass Streit und Zank sich nicht geh\u00f6ren. Das Verbot schafft die Streitgr\u00fcnde allerdings nicht aus der Welt, dass gestritten wird, ist Alltag. Treten Eltern oder Erzieher auf den Plan, so weiss jedes Kind, was es zu sagen hat: Der andere hat angefangen. Die Frage, warum es da so unvertr\u00e4glich zugeht, ist damit vom Tisch und eine ganz andere auf der Tagesordnung: Wer ist schuld, wer verdient Strafe? Wobei der autorit\u00e4re Klassiker der Kindererziehung darauf hinausl\u00e4uft, dass sich die von den Erziehungsberechtigten verk\u00f6rperte Gewalt damit auch nicht lange aufh\u00e4lt, sondern einfach dekretiert: Vertragt euch!<\/p>\n<p>Diese kindlich-kindische Betrachtungsweise l\u00e4sst sich mit etwas journalistischem Elan auch, wie der WAZ-Kommentar zeigt, auf das Verh\u00e4ltnis von Staaten \u00fcbertragen. Wenn erst einmal als zentrale Frage etabliert ist, wer angefangen und den Frieden aufgek\u00fcndigt hat, sind die \u2013 differierenden, m\u00f6glicher Weise antagonistischen \u2013 Interessen, die zu dem Konflikt gef\u00fchrt haben, kein Thema mehr. Bekanntlich geh\u00f6ren aber zu einem Konflikt in der Regel zwei Parteien, die mit dem, was sie vorhaben, aneinander geraten.<\/p>\n<p>Und diese Gegens\u00e4tze bestehen offenbar auch im Frieden, in dem ein ganzer diplomatischer Berufsstand dauernd den Stand der Gegens\u00e4tze und Gemeinsamkeiten auslotet und in Verhandlungen m\u00fcnden l\u00e4sst. Diese unerm\u00fcdliche Kl\u00e4rung f\u00fchrt dabei immer wieder zu der Frage \u2013 die NATO-Staaten haben es in x Kriegen seit dem Ende des Kalten Kriegs durchexerziert \u2013, ob man noch miteinander redet, sich gegenseitig noch aush\u00e4lt oder ob eine oder beide Parteien andere Saiten aufziehen wollen, im modernen imperialistischen Sprachgebrauch: \u201erote Linien\u201c ziehen.<\/p>\n<p>Von all dem soll abgesehen werden, wenn die Schuldfrage im Raum steht. Wer den Frieden bricht \u2013 so der abstrakte, v\u00f6lkerrechtliche Grundsatz laut UNO-Charta nach Artikel 51 \u2013, wer nicht bereit ist, die Anspr\u00fcche oder Drohungen der anderen Seite hinzunehmen, macht sich schuldig. Im Prinzip jedenfalls. Denn wie jeder weiss, beginnen hier die strittigen Auslegungsfragen. Der politikwissenschaftlichen Analyse ist das durchaus bekannt (siehe \u201e<a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/open-source\/deutsche-doppelmoral-nicht-nur-putin-auch-der-westen-ignoriert-das-voelkerrecht-li.228110\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Deutsche Doppelmoral: Nicht nur Putin, auch der Westen ignoriert das V\u00f6lkerrecht<\/a>\u201c: Wenn man es genau untersucht, haben auch die NATO-Staaten zahlreiche Kriege ohne v\u00f6lkerrechtliche Legitimation gef\u00fchrt bzw. sich eine solche \u2013 unter Berufung auf h\u00f6chste Titel wie Menschenrechte oder Terrorbek\u00e4mpfung \u2013 auf eigene Faust besorgt. \u201ePutins Kriegs\u201c ist so gesehen nichts, was aus dem Rahmen f\u00e4llt, und er k\u00f6nnte sich auch ohne Weiteres mit den westlichen Legitimationsverfahren rechtfertigen (Sicherheitsprobleme an der Grenze, Schutz einer Volksgruppe in unmittelbarer Nachbarschaft, Zust\u00e4ndigkeit als Aufsichtsmacht des Minsker Abkommens etc.).<\/p>\n<p>Er k\u00f6nnte, wenn man ihn liesse. Aber dieses Zugest\u00e4ndnis hat der Westen kategorisch ausgeschlossen. Mit dem Vorwurf \u201eAngriffskrieg\u201c ist die Sache eben moralisch erledigt. Der Titel ist die Einforderung einer unbedingten Parteinahme, die kein Verst\u00e4ndnis mehr f\u00fcr die Interessen der anderen Seite zul\u00e4sst. Die v\u00f6lkerrechtliche Verurteilung ist so gesehen auch gar nicht ernst gemeint. Das zeigt sich sofort da, wo die Chancen der Erledigung des russischen Gegners ausgelotet werden. Dann f\u00e4llt den Experten der bekannte Spruch ein: Angriff ist die beste Verteidigung. Dann wissen sie, dass Angriff und Verteidigung milit\u00e4rstrategische Kategorien sind, die beide zum Kriegf\u00fchren dazugeh\u00f6ren, und keine \u00fcbergeordneten Kriterien, die das B\u00f6se vom Guten scheiden.<\/p>\n<p>So tr\u00e4gt ein aktueller Leitartikel des General-Anzeigers (G.-A., 18.5.22) die \u00dcberschrift: \u201eWie viel Angriff ist noch Verteidigung?\u201c. Gemeint ist nat\u00fcrlich nicht das russische Vorgehen, das die Heimat (und betroffene Volksteile im Nachbarstaat) nach Putins Sprachregelung gegen einen ukrainischen Militarismus verteidigt. Gemeint ist etwas anderes: \u201eAttacken auf russische Infrastruktur im Grenzgebiet werfen die Frage auf, wie weit die Ukraine v\u00f6lkerrechtlich gehen darf.\u201c (G.-A.)<\/p>\n<p>Inzwischen h\u00e4uften sich Meldungen \u00fcber brennende Treibstofflager und bombardierte Nachschubwege in Russland. \u201eDamit stellt sich die Frage, wie weit das Recht auf Verteidigung geht und wann Russland der Ukraine vorwerfen kann, selbst einen Angriffskrieg begonnen zu haben. Die Antwort ist nicht einfach. Vieles h\u00e4ngt von der Intensit\u00e4t und Dauer ab.\u201c (G.-A.) Und es h\u00e4ngt davon ab, wie man in dem Artikel erf\u00e4hrt, was genau unter \u201egrenznahen Gebieten\u201c (wo Angriffshandlungen noch als Verteidigungsmassnahmen gelten) zu verstehen ist. Wenn z.B. Russlands moderne Raketen in Minuten die Ukraine erreichen k\u00f6nnen, fallen eventuell ihre Abschussbasen bei Moskau oder sonstwo im Hinterland unter die Kategorie \u201egrenznah\u201c.<\/p>\n<p>Wie die Auslegung dieser v\u00f6lkerrechtlichen Streitfragen vonstatten gehen wird, ist jedoch kein Geheimnis. Die moralische Parteinahme, die mit der Einordnung als \u201eAngriffskrieg\u201c gelaufen ist und zu der sich der Mainstream-Journalismus, wie gezeigt, auch programmatisch bekennt, schafft hier v\u00f6llige Klarheit. Russland ist das B\u00f6se, dessen B\u00fcrger auch gleich mit haftbar gemacht werden.<\/p>\n<p>Daneben darf man sich dann in die milit\u00e4rstrategischen Fragen hineindenken und auch als Laie an \u00dcberlegungen teilnehmen, wann Angriff oder Verteidigung besser zum Ziel f\u00fchren, ob eine grosse Gegenoffensive der Ukraine auf russisches Gebiet sinnvoll ist oder ob ukrainische \u201eAngriffe, mit denen der Gegner auf eigenem Territorium zerm\u00fcrbt oder entmutigt werden soll\u201c (G.-A.), mit wie vielen Kollateralsch\u00e4den im zivilen Bereich vereinbar sind.<\/p>\n<p>Hier darf man keine R\u00fccksicht der deutschen \u00d6ffentlichkeit erwarten. Bei der eindeutigen Parteinahme f\u00e4llt auch das Mitgef\u00fchl f\u00fcr die menschlichen Opfer sehr ungleich aus, ja soll nach journalistischem Bekenntnis auch so ausfallen. Verbrannte russische Soldaten in Panzern verdienen kein Mitgef\u00fchl, ukrainische B\u00fcrger \u2013 in welcher Funktion auch immer \u2013 auf jeden Fall. In seinem Bestreben, die menschlichen Schicksale des Krieges in den Mittelpunkt der Berichterstattung zu r\u00fccken und die Kriegsgr\u00fcnde vergessen zu lassen, ist dem WAZ- Autor dazu die bemerkenswerte Schlussfolgerung eingefallen: \u201eDie Schicksale der Opfer m\u00fcssen denjenigen bewusst sein, die \u00fcber Krieg und Frieden entscheiden.\u201c (WAZ)<\/p>\n<p>Der Mann will sich mit seiner Berichterstattung und Kommentierung allerdings nicht an die Aussenministerin wenden, um ihr vor Augen zu f\u00fchren, welche Opfer ihre Entscheidung f\u00fcr die Waffenlieferungen und damit f\u00fcr die Verl\u00e4ngerung des Krieges mit sich bringt und bringen wird. Er wendet sich mit seinem Kommentar vielmehr an die Leserschaft und will dieser nicht nur die Opfer, sondern auch noch die Politikerin nahe bringen, die zur Schaffung weiterer Opfer beitr\u00e4gt. F\u00fcr ein modernes olivgr\u00fcnes Gem\u00fct und seine moralische Selbstgerechtigkeit ist das kein Widerspruch, sondern eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit der neuen Kriegsmoral.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\" style=\"text-align: right;\">Suitbert Cechura<\/p>\n<\/header>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das nationale deutsche Wir und der Ukrainekrieg.\u00a0Angesichts der neuen Kriegslage stehen die Medien, die \u201eVierte Gewalt\u201c im Staate, Gewehr bei Fuss. 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