{"id":158848,"date":"2015-01-31T15:48:14","date_gmt":"2015-01-31T15:48:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/?p=158848"},"modified":"2015-01-31T15:48:14","modified_gmt":"2015-01-31T15:48:14","slug":"der-sparkurs-mit-der-griechischen-gesundheitsversorgung-gemacht-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/01\/der-sparkurs-mit-der-griechischen-gesundheitsversorgung-gemacht-hat\/","title":{"rendered":"Was der Sparkurs mit der griechischen Gesundheitsversorgung gemacht hat"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcbersetzung aus dem Englischen: Johanna Heuveling<\/p>\n<p><strong>Diese Woche haben die gr\u00f6\u00dften Krankenh\u00e4user in Gro\u00dfbritannien sich geweigert, den Haushalt dieses Jahres zu unterzeichnen, den die Regierung ihnen vorlegte, aus dem Grunde, weil die drakonischen K\u00fcrzungen effektiv das Leben der Patienten in Gefahr bringen. Nichts ist daher passender als dieses warnende Beispiel aus Griechenland \u00fcber die Konsequenzen eines blinden Verlangens zu sparen.<\/strong><\/p>\n<p>von LOUISE IRVINE 26. Januar 2015, \u00a0f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.opendemocracy.net\/ournhs\/louise-irvine\/what-%27austerity%27-has-done-to-greek-healthcare?utm_source=OurNHS&amp;utm_campaign=da553fb6a3-OURNHS_RSS_EMAIL_CAMPAIGN&amp;utm_medium=email&amp;utm_term=0_25189be8a1-da553fb6a3-407835413\">Open Democracy, Our NHS<\/a><br \/>\nDie schockierende, durch den Sparkurs aufgezwungene Zerst\u00f6rung des einst stolzen griechischen Gesundheitssystems ist ein Hauptgrund, warum die Griechen sich Syriza zugewandt haben, sagt die Londoner Allgemeinmedizinerin Louise Irvine in einem Augenzeugenbericht.<\/p>\n<p>Im Oktober besuchte ich Griechenland, um die Auswirkungen des Sparkurses auf die griechische Bev\u00f6lkerung und insbesondere auf die Gesundheit und Gesundheitsversorgung zu untersuchen.<\/p>\n<p>Ich besuchte zusammen mit Gesundheitsbesch\u00e4ftigten und der griechischen Solidarit\u00e4tskampagne Krankenh\u00e4user, Freiwillige, Politiker und kommunale Regierungsrepr\u00e4sentanten.<\/p>\n<p>Was ich sah, emp\u00f6rte mich \u2013 und brachte mich zum Weinen.<\/p>\n<p>In Griechenlands gr\u00f6\u00dftem Krankenhaus, dem Evangelismos Krankenhaus in Athen, waren die Bedingungen schlimmer als ich sie von Entwicklungsl\u00e4ndern kannte.<\/p>\n<p>In dem Augenblick, wenn sich an sogenannten \u201eNotfalltagen\u201c die Krankenhaust\u00fcren \u00f6ffnen, str\u00f6men die Menschen herein. Der Zusammenbruch der offiziellen prim\u00e4ren und kommunalen Gesundheitsversorgung bedeutet, dass jeder, der eine Behandlung braucht, zu der Notfallaufnahme kommt \u2013 ob nun wegen eines Unfalles, der Behandlung einer chronischen Erkrankung oder um sein Kind impfen zu lassen. Das Personal erz\u00e4hlte mir, dass Menschen mit schweren Verletzungen wegen Unterbesetzung oft Stunden auf R\u00f6ntgenaufnahmen und Behandlung warten m\u00fcssten, und dass, wenn zu viele F\u00e4lle gleichzeitig reink\u00e4men, Menschen st\u00fcrben, bevor sie behandelt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Sparkonditionen, die Griechenland von der Troika (Europ\u00e4ische Komission, Europ\u00e4ische Zentralbank und IWF) aufgezwungen worden waren als Preis f\u00fcr das Schuldenrettungspaket, haben zum Schliessen vieler Krankenh\u00e4user (inklusive drei psychiatrische Kliniken) und prim\u00e4rer Gesundheitsversorgungseinrichtungen gef\u00fchrt. Die, die \u00fcbrig geblieben sind, wurden mit drastischen Personalreduzierungen konfrontiert. Tausende von Gesundheitsarbeitern wurden entlassen.<\/p>\n<p>30% der Griechen leben in Armut, mit keinem Zugang zu bezahlbarer Gesundheitsversorgung. Die Gesundheitsversorgung wird finanziert durch Versicherungen, die der Arbeitgeber zahlt, und sobald die Menschen ihre Jobs verlieren, verlieren sie auch ihre Krankenversicherung. Die Regierung behauptete, sie habe f\u00fcr die Bed\u00fcrftigsten die Gesundheitsversorgung wieder gew\u00e4hrleistet, aber \u00c4rzte und Pflegepersonal sagten mir, das sei Augenwischerei. Die versprochenen Stellen, die die Anspr\u00fcche derer, die sich keine Versorgung leisten k\u00f6nnen, bewerten und testen sollen, m\u00fcssen noch aufgebaut werden.<\/p>\n<p>Im Evangelismos sah ich 50 psychiatrische Patienten, die in einem 25 Bettensaal zusammengepfercht waren, sich zwei Toiletten teilten und nur eine psychiatrische Krankenschwester. Patienten aller Altersklassen und beider Geschlechter lagen apathisch auf Krankenhausliegen auf beiden Seiten entlang des langen Ganges. Ich bog ab und sah einen anderen Korridor, \u00e4hnlich aufgereiht. Diese engen, ungem\u00fctlichen Betten, zusammengeschoben, waren all der pers\u00f6nliche Raum, den die Patienten hatten. Pfleger und \u00c4rzte sagten mir, es sei unm\u00f6glich, irgendeine therapeutische Arbeit zu leisten.<\/p>\n<p>Trotz der \u00dcberf\u00fcllung war die Abteilung schaurig leise. Ich hatte den Eindruck, dass die meisten Patienten sediert waren oder vielleicht einfach aus Verzweiflung aufgegeben hatten.<\/p>\n<p>\u201eSparkurs\u201c und K\u00fcrzungen haben zu einer gewaltigen Zunahme an Depressionen gef\u00fchrt. Suizide sind um 45 % angestiegen. Die Patienten im Evangelismos sind noch die gl\u00fccklichen \u2013 viele andere, die Betten br\u00e4uchten, wurden auf den Strassen zur\u00fcckgelassen, ohne kommunale Hilfe.<\/p>\n<p>Als wir gingen, bat mich ein Arzt, in Gro\u00dfbritannien zu erz\u00e4hlen, was ich gesehen und geh\u00f6rt habe. Er sagte, was sie wollten, sei \u201cSolidarit\u00e4t, nicht Wohlt\u00e4tigkeit\u201d.<\/p>\n<p>Die Menschen organisieren sich, um sich gegen die schlimmsten Auswirkungen des Sparkurses auf ihre Gemeinden zu wehren und Widerstand zu leisten. Ein Ausdruck davon ist das Aufbl\u00fchen von Gemeinde-basierten Solidarit\u00e4tsstrukturen, um Menschen zu helfen, denen Nahrung und Gesundheitsversorgung fehlen.<\/p>\n<p>Soziale Solidarit\u00e4tskliniken sind \u00fcberall in Griechenland entstanden, gef\u00fchrt von Freiwilligen, die versuchen f\u00fcr diejenigen, die keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung haben, eine Grundversorgung zu gew\u00e4hrleisten. \u00c4rzte, Pflegepersonal und Pharmazeuten leisten freiwilligen Dienst in diesen Kliniken, aber nicht ann\u00e4hernd genug, um den Bedarf zu decken.<\/p>\n<p>Ich besuchte eine solche Solidarit\u00e4tsklinik in Peristeri, einem Bezirk in Athen mit einer Bev\u00f6lkerung von \u00fcber 400 000 Menschen. Die freiwillige Mannschaft, \u00c4rzte und Pfleger, die dort arbeiteten, sagten mir, dass die meisten lokalen staatlich finanzierten Gesundheitseinrichtungen geschlossen worden seien. Die Regierung habe fast alle Polykliniken geschlossen, dann k\u00fcrzlich einige wieder er\u00f6ffnet, aber nur mit 30 % der ben\u00f6tigten \u00c4rzteschaft. Da wo vorher 150 \u00c4rzte die Versorgung eines Bezirkes \u00fcbernahmen, sind nun nur noch 50 t\u00e4tig. Die Polyklinik f\u00fcr eine Bev\u00f6lkerung von 400 000 Menschen habe keinen Gyn\u00e4kologen, keinen Dermatologen und nur zwei Kardiologen.<\/p>\n<p>\u201cWir wollen unsere \u00c4rzte zur\u00fcck\u201d \u2013 sagte einer der Freiwilligen, mit denen ich sprach. Tausende \u00c4rzte haben das Land verlassen. Diejenigen, die bleiben \u2013 einschlie\u00dflich leitender Krankenhaus\u00e4rzte \u2013 verdienen 12 000 Euro im Jahr.<\/p>\n<p>Die Solidarit\u00e4tsklinik in Peristeri besteht seit 1,5 Jahren und hat 60 Volont\u00e4re, einschlie\u00dflich ungef\u00e4hr 25 \u00c4rzte, die ihre Dienste umsonst anbieten. Es gibt ein einfaches Untersuchungszimmer und eine kleine Apotheke mit gespendeten Medikamenten.<\/p>\n<p>Klinikvolont\u00e4re erz\u00e4hlten, dass Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs, besondere Probleme haben, die Behandlung zu bekommen, die sie br\u00e4uchten. Unversicherte Krebspatienten k\u00f6nnen sich keine Chemotherapie leisten. Die Solidarit\u00e4tsorganisation bittet Menschen, die Chemotherapie bekommen, den Wert einer Tagesbehandlung Patienten zu spenden, die sich die Medikamente selbst nicht leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die griechische Regierung hat im Januar ein Gesetz verabschiedet, dass, wenn Menschen Schulden haben, ihr Besitz konfisziert werden darf. Einige Menschen lehnen daher eher eine weitere Behandlung ab als wegen der Behandlungskosten in Schulden zu geraten, welche dazu f\u00fchren k\u00f6nnten, dass ihre Familie ihr Haus verliert.<\/p>\n<p>Griechische M\u00fctter m\u00fcssen jetzt 600 Euro zahlen f\u00fcr eine Geburt oder 1200 Euro f\u00fcr einen Kaiserschnitt oder andere Komplikationen. Das ist doppelt so viel wie f\u00fcr ausl\u00e4ndische Einwohner, die in Griechenland leben. Die Mutter muss die Geb\u00fchr bei Verlassen des Krankenhauses zahlen. Anfangs als diese Geb\u00fchren eingef\u00fchrt wurden, behielt das Krankenhaus das Baby, wenn die Mutter nicht zahlen konnte, bis die Zahlung eingegangen war. Internationale Verurteilung dieser Praxis f\u00fchrte dazu, dass sie eingestellt wurde und die Geb\u00fchr nun \u00fcber eine Extrasteuer abgerechnet wird \u2013 aber wenn die Familie sich das nicht leisten kann, dann kann ihr Haus oder Besitz konfisziert werden. Und wenn sie immernoch nicht zahlen kann, dann kann sie ins Gef\u00e4ngnis kommen. Eine wachsende Anzahl von neugeborenen Babys werden in den Krankenh\u00e4usern ausgesetzt. Ein Geburtshelfer, mit dem ich sprach, nannte es die \u201eKriminalisierung der Geburt\u201c.<\/p>\n<p>Verh\u00fctung ist f\u00fcr viele nicht erschwinglich \u2013 auch die Krankenversicherung bezahlt sie nicht. Es gibt viel mehr Schwangerschaftsabbr\u00fcche \u2013 300 000 im Jahr \u2013 und zum ersten Mal \u00fcbersteigt die Todesrate die Geburtenrate. Die Menschen k\u00f6nnen es sich nicht leisten, Kinder zu haben. Es ist schwer genug, die existierenden Kinder zu ern\u00e4hren und zu versorgen.<\/p>\n<p>Ein aktueller Bericht von Unicef und der Athener Universit\u00e4t sch\u00e4tzt, dass 34 % der griechischen Kinder von Armut bedroht sind. Ein Artikel im Lancet (Greece\u2019s Health Crisis: from Austerity to Denialism vom 22. Februar 2014) berichtete, dass die Rate der Totgeburten um 21 % gestiegen ist und die Kindersterblichkeit um 40 % zwischen 2008 und 2011. Viele Familien leben von dem mageren Einkommen eines Gro\u00dfelternteiles \u2013 typischerweise ungef\u00e4hr 500 Euro im Monat. Der Zusammenbruch der prim\u00e4ren Gesundheitsversorgung bedeutet auch, dass Tausende Kinder nicht geimpft werden. Eine Kinderimpfspritze kostet ungef\u00e4hr 80 Euro und viele Familien k\u00f6nnen sich das nicht leisten.<\/p>\n<p>Der Zusammenbruch des \u00f6ffentlichen Gesundheitsystems hat zu einer Verdopplung der Tuberkuloserate gef\u00fchrt, das Wiederauftauchen der Malaria nach 40 Jahren und einen Anstieg der HIV Infektionen.<\/p>\n<p>Mangelern\u00e4hrung verschlimmert die Gesundheit der Menschen ebenfalls. 1,7 Millionen Griechen, ungef\u00e4hr ein F\u00fcnftel der Bev\u00f6lkerung, haben, nach der OECD, nicht genug zu essen. Wir suchten einen Lebensmittelmarkt in Athen auf, der von der sozialen Solidarit\u00e4tsbewegung organisiert worden war, welche die Verteilung von Lebensmitteln organisiert, direkt von den Bauern zu den Menschen. Die sozialen Solidarit\u00e4tsm\u00e4rkte \u00fcbergehen die Mittelsm\u00e4nner, so dass die Lebensmittel billiger als in den Superm\u00e4rkten werden, w\u00e4hrend die Bauern einen guten Preis bekommen. Im Gegenzug spenden die Bauern einen Anteil ihrer Produkte, welche umsonst an bed\u00fcrftige lokale Familien verteilt werden.<\/p>\n<p>\u00dcber dem Markt h\u00e4ngt ein Banner, auf dem steht \u201eHoffnung in die Praxis umsetzen\u201c. Das versinnbildlicht f\u00fcr mich den Geist, den ich \u00fcberall angetroffen habe \u2013 Hoffnung auf Wandel kombiniert mit einer sehr pragmatischen Herangehensweise, um Unterst\u00fctzungsstrukturen aufzubauen. Die Menschen, mit denen ich sprach, dr\u00fcckten aber sehr deutlich aus, dass sie nicht beabsichtigten einen Ersatz f\u00fcr die staatlichen Leistungen zu schaffen \u2013 sie k\u00f6nnten das nicht \u2013 sondern ein Mittel, um das Leben zu erhalten und die Ausdauer, um zu verhindern, dass Menschen in Armut und Verzweiflung absinken. Sie sagten, dass das, was gebraucht werde, Aktionen auf Regierungsebene seien.<\/p>\n<p>Der Erfolg der Syriza Partei ist keine \u00dcberraschung. Wir trafen Alexis Tsipras, den Vorsitzenden von Syriza, der sagte, dass der Wiederaufbau des Gesundheitssystems eine Priorit\u00e4t seiner Regierung sein werde, wenn er gew\u00e4hlt w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die griechische Solidarit\u00e4tskampagne hat einen Aufruf zur medizinischen Hilfe f\u00fcr Griechenland gestartet, dabei Impfungen von Kindern priorisierend.<\/p>\n<p>\u00dcber die Autorin:<\/p>\n<p>Dr. Louise Irvine ist eine Allgemeinmedizinerin der Save Lewisham Krankenhauskampagne und Parlaments-Kandidatin f\u00fcr die Nationale Gesundheitsaktion Partei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcbersetzung aus dem Englischen: Johanna Heuveling Diese Woche haben die gr\u00f6\u00dften Krankenh\u00e4user in Gro\u00dfbritannien sich geweigert, den Haushalt dieses Jahres zu unterzeichnen, den die Regierung ihnen vorlegte, aus dem Grunde, weil die drakonischen K\u00fcrzungen effektiv das Leben der Patienten 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