{"id":1587358,"date":"2022-05-20T13:04:48","date_gmt":"2022-05-20T12:04:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1587358"},"modified":"2022-05-20T13:04:48","modified_gmt":"2022-05-20T12:04:48","slug":"gewaltfreier-widerstand-im-besetzten-palaestina","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/05\/gewaltfreier-widerstand-im-besetzten-palaestina\/","title":{"rendered":"Gewaltfreier Widerstand im besetzten Pal\u00e4stina"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dcber die Osterfeiertage reiste eine Delegation von Assopace nach Pal\u00e4stina, um die besetzten Gebiete zu besuchen und sich mit pal\u00e4stinensischen zivilgesellschaftlichen Organisationen und israelischen Pazifisten zu treffen. Zu dieser Reise und der aktuellen Situation in den blutigen Gebieten haben wir Luca Guzzetti, Mitglied der Delegation und Dozent f\u00fcr Kommunikationssoziologie an der Universit\u00e4t Genua, befragt.<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem er sich lange Zeit mit der Soziologie von Wissenschaft und Technologie besch\u00e4ftigt hatte, hat er in den letzten Jahren seine Forschung auf politische und kommunikative Ph\u00e4nomene ausgerichtet. Sein Hauptinteresse gilt der israelisch-pal\u00e4stinensischen Frage als Paradigma f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Konflikte.<\/p>\n<p><strong><em>Wer hat die Reise organisiert und wie hat sie stattgefunden?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Sie wurde von Assopace Palestina gef\u00f6rdert, der wichtigsten Vereinigung zur Unterst\u00fctzung der pal\u00e4stinensischen Sache in Italien. Ihre &#8222;Seele&#8220; ist Luisa Morgantini, die sich seit vielen Jahren mit dem Thema besch\u00e4ftigt und schon als Vizepr\u00e4sidentin des Europ\u00e4ischen Parlaments eine wichtige Rolle im israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikt gespielt hat. Die Reise dauerte acht Tage. Was mich betrifft, so war ich bereits in diesen Gebieten; das erste Mal war ich vor vier Jahren, drei Wochen dort mit einer israelischen Vereinigung namens &#8222;Komitee gegen die Zerst\u00f6rung von H\u00e4usern&#8220;, und zwischen Weihnachten 2019 und Anfang Januar 2020, vor dem Ausbruch der Pandemie, machte ich einen zw\u00f6lft\u00e4gigen Besuch, wiederum mit Assopace. W\u00e4hrend der ersten Reise wirkten wir auch an praktischen Aktivit\u00e4ten wie dem Bau eines Gemeindezentrums im Jordantal und der Olivenernte mit, um den pal\u00e4stinensischen Bauern zu helfen, denn die Bedrohung durch israelische Siedler und ihre \u00dcberf\u00e4lle und Aggressionen lauern st\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Bei dieser Gelegenheit trafen wir uns mit pal\u00e4stinensischen Vereinigungen, die in Israel, in Nazareth und Haifa vertreten sind &#8211; insbesondere mit der &#8222;Volksbewegung f\u00fcr gewaltfreien Widerstand&#8220;, die in den verschiedenen Gebieten sehr stark verwurzelt ist, aber auch mit Frauenvereinigungen. In Anbetracht der kurzen Dauer der Reise war es ein komplettes Eintauchen in die Materie, anspruchsvoll, aber \u00e4u\u00dferst interessant.<\/p>\n<p><strong>Ihr wart w\u00e4hrend der Osterfeiertage dort, als die Spannungen noch gr\u00f6\u00dfer waren&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Wir waren w\u00e4hrend des Ramadan und des christlichen Pessachfestes dort, und das j\u00fcdische Pessachfest stand kurz bevor. Theoretisch h\u00e4tte es eine Zeit des Friedens sein sollen, aber das war es nicht, so dass wir die &#8222;Esplanade der Moscheen&#8220; nicht betreten durften. Man muss bedenken, dass es jeden Freitag zu Provokationen durch j\u00fcdische Extremisten kommt, die auch die Esplanade in Besitz nehmen wollen, w\u00e4hrend die Polizei muslimische Gottesdienstbesucher in Schach h\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong><em>Ich finde den Hinweis auf die pal\u00e4stinensische gewaltfreie Organisation interessant, der die Medien meiner Meinung nach nie viel Aufmerksamkeit geschenkt haben. Kannst du ihre Aktivit\u00e4ten beschreiben?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Es handelt sich um eine Koordinierung von Basisbewegungen im gesamten besetzten Pal\u00e4stina, die Widerstandsaktionen durchf\u00fchren. Sie behindern etwa den Bau neuer Siedlungen auf alle m\u00f6glichen gewaltfreien Arten, von juristischen Einspr\u00fcchen \u00fcber das Errichten von Hindernissen f\u00fcr die Fortsetzung der Enteignungen bis hin zur Auffindung von Wasserressourcen. Im Jordantal, wo es viel Wasser gibt, wird dieses von den Regierungsbeh\u00f6rden entnommen, um es an die Siedler zu verteilen, w\u00e4hrend die Pal\u00e4stinenser es von israelischen Unternehmen kaufen oder es aus Zisternen in weit entfernten Gebieten holen m\u00fcssen. Es gibt daher Initiativen mit dem Ziel, sich das Wasser zur\u00fcckzuholen. Es gibt auch recht kreative Aktionen, ein Beispiel: wenn du eine Mauer-Bausperre gegen die diensthabende Kolonie errichten willst, dann baust du in der Nacht ein Geb\u00e4ude, denn wenn da ein Geb\u00e4ude ist, k\u00f6nnen die Milit\u00e4rbeh\u00f6rden die Mauer nicht bauen. Das behindert bis zu einem gewissen Grad den Besiedlungsprozess, der nach meinem zweiten Besuch zu urteilen mit beeindruckender Geschwindigkeit voranschreitet. Architektonisch ist es grauenhaft. Siedlungen wachsen wie Pilze aus dem Boden, ein bisschen wie in China: An einem Tag ist da nichts, ein paar Tage sp\u00e4ter ist eine Stadt entstanden.<\/p>\n<p>Die K\u00e4mpfe dieser Koordination sind manchmal erfolgreich, aber der Gegner ist wirklich sehr stark. Wenn die internationale Gemeinschaft nicht ein Einsehen hat, ist es klar, dass die Sache der Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinenser zum Untergang verurteilt ist.<\/p>\n<p>Unter anderem ist die Bennett-Regierung eine direkte Vertretung der Siedlerinnen und Siedler. Wenn also vorher manchmal die Armee deren Initiativen in Schach hielt, k\u00f6nnen sie jetzt tun, was sie wollen. Wir sind nach Burin gefahren, wo wir schon vor zwei Jahren waren: Die Kinder m\u00fcssen von &#8222;Internationals&#8220;, also Menschen aus nicht-einheimischen Vereinen, zur Schule begleitet werden, sonst werden sie von den Siedlern beschimpft und mit Sachen beworfen.<\/p>\n<p>Es ist eine schreckliche und verzweifelte Situation: Die sogenannten A- und B-Zonen, die sich aus den Osloer Vereinbarungen ergeben haben, und auch C sind im Grunde genommen besetzt. Wenn keine breite und allgemeine Bewegung entsteht, wird der Apartheidprozess zum Ziel kommen.<\/p>\n<p><strong><em>Welche Wurzeln hat dieses Netzwerk in der pal\u00e4stinensischen Gesellschaft?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Sie sind in der Bev\u00f6lkerung sehr beliebt, da sie sich f\u00fcr Wohnraum, Wasser und Olivenanbau einsetzen. Sie sind sehr weit verbreitet und auch die einzige Alternative zur Hamas, denn die Pal\u00e4stinensische Autonomiebeh\u00f6rde jede Glaubw\u00fcrdigkeit verloren hat; niemand, den wir getroffen haben, nimmt sie in Schutz, weil sie korrupt ist und mit Israel kollaboriert. Wahlen werden nicht ausgerufen, weil die PLO sie verlieren und die Hamas sicher wieder gewinnen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Wie ist die Haltung der israelischen Gesellschaft in Bezug auf die pal\u00e4stinensische Frage?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn wir die aktuelle Situation in Israel mit der von vor drei\u00dfig Jahren vergleichen, als 70-80% der Bev\u00f6lkerung den Friedensprozess bef\u00fcrworteten, ist das Bild d\u00fcster, denn es hat eine wirklich unglaubliche Verschiebung auf der politischen Achse nach rechts stattgefunden. Diejenigen, die f\u00fcr den Frieden sind, sind eine absolute Minderheit in der Gesellschaft. In den letzten zwei Jahren wurden viermal hintereinander Wahlen abgehalten, und die pal\u00e4stinensische Frage stand nie zur Debatte. Keine der politischen Parteien hat dar\u00fcber gesprochen. Es gibt absurde Kontraste: Man f\u00e4hrt nach Tel Aviv, und f\u00fchlt sich wie in Kalifornien, und ein paar Dutzend Kilometer weiter gibt es ein Fl\u00fcchtlingslager von 1948, das besetzte Westjordanland und die Armee, die Razzien durchf\u00fchrt. Sicherlich haben diese pal\u00e4stinensischen Gruppen Beziehungen zu israelischen Pazifisten, aber es gibt nur noch sehr wenige von ihnen.<\/p>\n<p><strong><em>In den letzten Jahren, mit dem Scheitern des Zweistaatenvorschlags auch aufgrund des Prozesses, den du beschrieben hast, hat die Idee des Einheitsstaates, d.h. einer einzigen territorialen Einheit, die nicht auf ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit, sondern auf den Rechten aller basiert, Fuss gefasst &#8211; auch wenn sie bis jetzt nur von einer extremen Minderheit vertreten wird. Gibt es diese Hypothese auch in der pal\u00e4stinensischen Welt?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Es ist klar, dass der zweite Staat nicht einmal den geografischen und politischen Raum h\u00e4tte, um zu existieren. Was passiert, ist, dass es nur ein hegemoniales Subjekt gibt, n\u00e4mlich Israel und seine Apartheid.<\/p>\n<p>Die Alternative ist meiner Meinung nach ein einziger demokratischer Staat, wenn auch Israel so tut, als sei es ein solcher, und dabei in Wirklichkeit ein zutiefst rassistischer Staat ist. Neu im Vergleich zu fr\u00fcher ist, dass diese Idee sogar unter jungen Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern auf dem Vormarsch ist, weil diese erkannt haben, dass es niemals zwei Staaten geben kann, und weil es eine gewinnende Idee ist.<\/p>\n<p>Wir trafen die Frau von Marwan Barghuti, der seit vielen Jahren im Gef\u00e4ngnis sitzt und zu dreimal lebensl\u00e4nglich verurteilt wurde. Wenn er nicht der pal\u00e4stinensische Mandela wird, wird er den Rest seines Lebens dort verbringen m\u00fcssen. Ihr Sohn, der der PLO nahe steht, war ebenfalls anwesend und wies auf die Notwendigkeit eines einzigen demokratischen Staates hin. Sie betonte, dass dies nicht die offizielle Position von Barghuti sei, aber sie war daf\u00fcr. Das scheint mir ein ziemlich wichtiges politisches Signal zu sein. Das Thema kam auf, als wir Jeff Halper, einen bekannten j\u00fcdischen Intellektuellen und Aktivisten, trafen. Jemand aus unserer Delegation fragte ihn, ob die Israelis etwas tun k\u00f6nnten. Er entgegnete, dass f\u00fcr sie der Staat schon da ist, geboren 1948, also sind sie die Gewinner und man kann sie nicht mit sch\u00f6nen Ideen \u00fcberzeugen. Es w\u00e4re wichtig, eine Kampagne gegen die Apartheid nach s\u00fcdafrikanischem Vorbild zu starten. Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen: Entweder wir gehen diesen schwierigen, aber nicht unm\u00f6glichen Weg, der Israel aufgezwungen werden muss, wie es mit S\u00fcdafrika geschah, oder es ist nichts zu machen.<\/p>\n<p><strong><i>\u00dcbersetzung aus dem Italienischen von Domenica Ott vom ehrenamtlichen Pressenza-\u00dcbersetzungsteam erstellt. <a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/mitarbeiten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wir suchen Freiwillige!<\/a><\/i><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Osterfeiertage reiste eine Delegation von Assopace nach Pal\u00e4stina, um die besetzten Gebiete zu besuchen und sich mit pal\u00e4stinensischen zivilgesellschaftlichen Organisationen und israelischen Pazifisten zu treffen. 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