{"id":157529,"date":"2015-01-20T23:01:14","date_gmt":"2015-01-20T23:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/?p=157529"},"modified":"2015-01-20T23:01:14","modified_gmt":"2015-01-20T23:01:14","slug":"nachdenken-ueber-die-morde-von-paris-und-deren-folgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/01\/nachdenken-ueber-die-morde-von-paris-und-deren-folgen\/","title":{"rendered":"Nachdenken \u00fcber die Morde von Paris und deren Folgen"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit Daniele Ganser auf den NachDenkSeiten.<\/p>\n<p>Link zum Originalartikel: <a title=\"Der Terror von Paris und die globale Gewaltspirale\" href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24659\" target=\"_blank\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24659 <\/a><br \/>\n(Lizenz: <a title=\"Externer Link zu Creative Commons Lizenz 2.0 Non-Commercial\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/2.0\/de\/\" target=\"_blank\">Creative Commons Lizenz 2.0 Non-Commercial<\/a>)<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\"><img decoding=\"async\" title=\"NachDenkSeiten - Die kritische Website\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/banner\/nds_banner_234x60_edged.jpg\" alt=\"NachDenkSeiten - Die kritische Website\" \/><\/a><\/p>\n<div>Daniele Ganser (Dr. phil.) ist Schweizer Historiker, spezialisiert auf Zeitgeschichte seit 1945 und Internationale Politik. Seine Forschungsschwerpunkte sind Friedensforschung, Geostrategie, verdeckte Kriegsf\u00fchrung, Ressourcenk\u00e4mpfe und Wirtschaftspolitik. Er unterrichtet an der Universit\u00e4t St. Gallen (HSG) zur Geschichte und Zukunft von Energiesystemen und an der Universit\u00e4t Basel im Nachdiplomstudium Konfliktanalysen zum globalen Kampf ums Erd\u00f6l.<\/div>\n<div><\/div>\n<h2 class=\"print_top\" align=\"center\">Der Terror von Paris und die globale Gewaltspirale<\/h2>\n<p align=\"left\"><small>Datum: 20. Januar 2015 um 9:22 Uhr<br \/>\nRubrik: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=60\" rel=\"category\"><span style=\"color: #000080;\">Innere Sicherheit<\/span><\/a>, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=209\" rel=\"category\"><span style=\"color: #000080;\">Interviews<\/span><\/a>, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=171\" rel=\"category\"><span style=\"color: #000080;\">Milit\u00e4reins\u00e4tze\/Kriege<\/span><\/a>, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=11\" rel=\"category\"><span style=\"color: #000080;\">Strategien der Meinungsmache<\/span><\/a><br \/>\nVerantwortlich: <a title=\"Beitr\u00e4ge von Jens Berger\" href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?author=8\" rel=\"author\"><span style=\"color: #000080;\">Jens Berger<\/span><\/a><\/small><\/p>\n<div id=\"BlogContent\" align=\"left\">\n<p>Die Morde von Paris haben umgehend nicht nur zu massenweise <a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2015\/01-12\/056.php\"><span style=\"color: #000080;\">politischer Instrumentalisierung<\/span><\/a> der Toten, sondern auch zu einem neuen \u201e<a href=\"http:\/\/www.hintergrund.de\/201501123376\/globales\/terrorismus\/die-einheitsfront-der-zivilisierten.html\"><span style=\"color: #000080;\">kollektiven Selbstverst\u00e4ndnis<\/span><\/a>\u201c gef\u00fchrt, das die Gefahr mit sich bringt, \u201edie Barbarei\u201c im Sinne eines neuen Feindbildes vor allem \u201eim Au\u00dfen\u201c und bei \u201eden anderen\u201c zu verorten, die <a href=\"http:\/\/www.german-foreign-policy.com\/de\/fulltext\/59029\"><span style=\"color: #000080;\">eigene<\/span><\/a> hingegen zu verschleiern und mehr denn je zu \u00fcbersehen. Und auch die <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/41\/41246\/1.html\"><span style=\"color: #000080;\">eigentlichen gesellschaftlichen Konfliktlinien<\/span><\/a> und <a href=\"http:\/\/www.huffingtonpost.co.uk\/alexandra-chaloux\/charlie-hebdo-free-speech_b_6442684.html?utm_hp_ref=tw\"><span style=\"color: #000080;\">Sollbruchstellen<\/span><\/a> \u2013 beispielsweise eben jene <a href=\"https:\/\/www.opendemocracy.net\/jeremy-h-keenan\/redefining-poor-as-%E2%80%9Cterrorists%E2%80%9D\"><span style=\"color: #000080;\">zwischen \u201eOben\u201c und \u201eUnten\u201c<\/span><\/a> \u2013 geraten ob dieses neu testierten \u201eWirs\u201c rasch aus dem Blick. Dabei stellt ein Nein dazu, sich mit dem Kollektiv aus Angela Merkel, Jens Stoltenberg, Matthias D\u00f6pfner, Benjamin Netanjahu, Ahmet Davutoglu und anderen solcher Art zu assoziieren, eben keine Absage an den Kampf gegen Armut, Gewalt und Terror dar, sondern w\u00e4re faktisch der erste Schritt hin zur Erkenntnis, die einen wirklichen Kampf hiergegen \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich macht. Zu den Hintergr\u00fcnden der Morde in Paris sowie zur \u201eBarbarei der Zivilisierten\u201c sprach <strong>Jens Wernicke<\/strong> mit <strong>Daniele Ganser [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24659#foot_1\" name=\"note_1\"><span style=\"color: #000080;\">*<\/span><\/a>]<\/strong>.<br \/>\n<span id=\"more-24659\"><\/span><br \/>\n<strong>Herr Ganser, nun wurde auch Europa durch einen terroristischen Anschlag ersch\u00fcttert, was viele Fragen aufwirft. Die wom\u00f6glich erste und wichtigste hiervon ist: Sind wir jetzt alle durch radikale Islamisten bedroht \u2013 hatten PEGIDA und Co. mit ihrer Warnung vor einer \u201eIslamisierung des Abendlandes\u201c also wom\u00f6glich recht?<\/strong><\/p>\n<p>Wir wissen derzeit nicht, was wirklich in Paris passiert ist. Die Massenmedien erkl\u00e4ren zwar seit Tagen, es sei sicher und erwiesen, dass der Anschlag durch radikale Islamisten durchgef\u00fchrt worden sei. Das stimmt aber nicht. Nichts ist erwiesen. Wir sollten <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24545\"><span style=\"color: #000080;\">ruhig und achtsam bleiben<\/span><\/a>. Einen Terroranschlag kann man nicht in einem Tag aufkl\u00e4ren, nicht einmal Inspektor Derrick h\u00e4tte das gekonnt. Das braucht Zeit. Und Ruhe. Und Erfahrung. Und Scharfsinn.<\/p>\n<p>Auf was st\u00fctzen sich denn die Medien, wenn sie sagen, der Anschlag sei durch radikale Islamisten durchgef\u00fchrt worden? Auf die franz\u00f6sische Polizei. Diese hatte schon am Abend des 7. Januars, also bereits am Tag des Anschlages, erkl\u00e4rt, der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo sei durch zwei radikale Islamisten durchgef\u00fchrt worden. Wenn die Polizei Recht hat, haben wir es mit einer sensationell schnellen Aufkl\u00e4rung eines komplizierten Verbrechens zu tun. Diese Aufkl\u00e4rung dauerte keine 24 Stunden! Wie gelang das der Polizei? Die Killer haben angeblich gerufen \u201eGott ist gro\u00df\u201c, sowie \u201eWir haben den Propheten ger\u00e4cht\u201c, so die Zeugin Corinne Rey. Erkannt hat sie die M\u00e4nner aber nicht, denn sie waren mit schwarzen Sturmmasken maskiert. Sind diese Ausrufe nun aber ein Beweis? Nein, denn das kann jeder rufen. Die Polizei kann sich also nicht darauf ausruhen.<\/p>\n<p>Dann aber hat einer der Killer im Fluchtauto sein Personalausweis liegen lassen. <em>Das<\/em> gilt nun derzeit in Europa und den USA als der durchschlagende Beweis. In der Boulevardzeitung Blick, die hier in der Schweiz viele lesen, stand w\u00f6rtlich: \u201eNach dem Attentat hatte einer der Br\u00fcder seinen Ausweis im Fluchtauto liegen gelassen. So konnte die Polizei die T\u00e4ter rasch identifizieren.\u201c Das aber ist eine sehr merkw\u00fcrdige Geschichte. Ich hab mich sofort gefragt: Wie oft habe ich meinen eigenen Personalausweis in den letzten 40 Jahren verloren? Die Antwort ist: Noch nie! Diese Frage muss sich jeder selber stellen. Auch habe ich mich gefragt: Warum nimmt ein Killer seinen Ausweis mit, wenn er einen Massenmord plant? Und wie konnte man mit einem Personalausweis sofort zwei T\u00e4ter identifizieren? All diese Fragen sind ungekl\u00e4rt, die ganze \u201eBeweis\u201c-Pyramide steht jedoch wirklich auf dieser Spitze. Wenn die also bricht, kracht die Geschichte in sich zusammen.<\/p>\n<p>Eigentlich m\u00fcsste man die Br\u00fcder Cherif und Said Kouchai, von denen die Polizei annimmt, dass sie hinter den schwarzen Sturmmasken steckten, nun ins Verh\u00f6r nehmen. Denn es gilt ja der Grundsatz: Auch die andere Seite muss geh\u00f6rt werden. Das kann man aber nicht mehr, <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/2015\/01-13\/046.php\"><span style=\"color: #000080;\">weil sie tot sind<\/span><\/a>.<\/p>\n<p>Meine Fazit ist klar: Erstens ist der Anschlag nicht gekl\u00e4rt, das braucht mehr Zeit. Vielleicht waren es radikale Islamisten. Vielleicht aber auch nicht. Zweitens muss man bei jedem Terroranschlag immer auch untersuchen, ob es nicht eine False-Flag-Operation war, welche man in diesem Fall den Muslimen nur in die Schuhe schiebt um in Europa und den USA Angst und Hass zu sch\u00fcren, den \u00dcberwachungsstaat weiter auszubauen und Kriege gegen muslimische L\u00e4nder fortan noch besser legitimieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<div class=\"hr_wrap\">\n<hr \/>\n<\/div>\n<p><strong>Wie kommen Sie zu dieser Einsch\u00e4tzung?<\/strong><\/p>\n<p>Nun, ich besch\u00e4ftige mich schon seit vielen Jahren mit dem Thema Terror. Nach jedem Anschlag ist die \u00d6ffentlichkeit zuerst schockiert und aufgew\u00fchlt. Das ist auch genau das Ziel: Den Menschen vor dem Fernseher soll die Angst in Mark und Knochen fahren. Nicht nur die Toten, sondern vor allem die Beobachter der Geschehnisse sind das Ziel des Terrors.<\/p>\n<p>Oft werden unmittelbar nach dem Anschlag dann falsche Beweise pr\u00e4sentiert und erlogene Geschichten erz\u00e4hlt, welche die Menschen bereitwillig schlucken weil sie in einem emotionalen Ausnahmezustand sind und nicht mehr in Ruhe nachdenken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das passierte zum Beispiel in Italien. Dort starben 1972 in Peteano bei einem Terroranschlag drei Polizisten. Der Anschlag wurde sofort den extremen Linken in die Schuhe geschoben. Doch die Beweise waren gef\u00e4lscht. Der Sprengstoffexperte der italienischen Polizei, Marco Morin, hatte bewusst eine falsche Expertise erstellt und behauptet, der Peteano-Sprengstoff sei jener, den auch die linke Terrorgruppe Brigate Rosse verwende. Die Massenmedien folgten dieser Expertise blind und dadurch wurden nicht nur die Brigate Rosse, sondern auch die italienischen Kommunisten und Sozialisten diskreditiert. Das ist wichtig, weil auch heute ja nicht nur die militanten Islamisten am Pranger stehen, sondern faktisch alle Muslime kollektiv angeschw\u00e4rzt werden. In Italien dauerte es schlie\u00dflich zw\u00f6lf Jahre bis der italienische Untersuchungsrichter Felice Casson die L\u00fcge dann aufdeckte. Daher sage ich immer: Es braucht Ruhe, Scharfsinn und Zeit, um einen Terroranschlag aufzukl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Casson jedenfalls fand heraus, dass nicht die Linken sondern der Rechtsextremist Vincenzo Vinciguerra den Anschlag ver\u00fcbt hatte, und dass zudem innerhalb des italienischen Geheimdienstes eine Geheimarmee mit dem Namen Gladio existierte, welche vom US-Geheimdienst CIA aufgebaut worden war und durch geheime Aussch\u00fcsse der NATO koordiniert wurde. Vinciguerra gestand die Tat und erkl\u00e4rte die \u201e<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Strategie_der_Spannung\"><span style=\"color: #000080;\">Strategie der Spannung<\/span><\/a>\u201c die Angst sch\u00fcren um den Ausbau des \u00dcberwachungsstaates legitimieren solle: \u201eMan musste Zivilisten angreifen, M\u00e4nner, Frauen, Kinder, unschuldige Menschen, unbekannte Menschen. Der Grund daf\u00fcr war einfach. Die Anschl\u00e4ge sollten die Menschen, das italienische Volk, dazu bringen, den Staat um gr\u00f6\u00dfere Sicherheit zu bitten.\u201c<\/p>\n<p>Und bei einem anderen Terroranschlag habe ich beispielsweise verfolgt, wie P\u00e4sse gef\u00e4lscht worden sind: Als 1985 der franz\u00f6sische Geheimdienst in Neuseeland das Greenpeace-Schiff <em>Rainbow Warrior<\/em> mit einer Bombe versenkte weil dieses gegen die franz\u00f6sischen Atomtests im Pazifik protestiert hatte, reisten zwei Agenten mit gef\u00e4lschten P\u00e4ssen als Schweizer Ehepaar Turenge ein. Die Schweiz hatte aber gar nichts mit dem Anschlag zu tun \u2013 Schweizer waren \u00fcberhaupt nicht an Bord. Geheimdienste haben also, das lehrt diese Erfahrung, keinerlei Probleme damit, P\u00e4sse zu f\u00e4lschen und damit falsche F\u00e4hrten zu legen, das ist ein Kinderspiel.<\/p>\n<p><strong>Aber gibt es denn nicht tats\u00e4chlich eine zunehmende Radikalisierung bestimmter oder gar einer ganzen Menge von Milieus, wodurch die Terrorgefahr steigt?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es eine Radikalisierung, wir stecken Mitten in einer riesigen Gewaltspirale und das alles andere als gut. In den n\u00e4chsten 10 oder 20 Jahren m\u00fcssen wir daher versuchen, aus dieser Gewaltspirale rauszukommen, die sich bereits jetzt immer schneller dreht. Und das k\u00f6nnen wir nur, indem wir Konflikte, die wir nat\u00fcrlich immer haben werden, <em>ohne<\/em> Gewalt l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Wir kommen <em>nicht<\/em> aus der Gewaltspirale heraus, indem wir noch mehr muslimische L\u00e4nder angreifen oder bombardieren oder in den NATO-L\u00e4ndern den \u00dcberwachungsstaat ausbauen, was ja der fr\u00fchere NSA-Mitarbeiter Edward Snowden vollkommen zurecht kritisiert hat.<\/p>\n<p>Wenn wir die Gewaltspirale in aller Ruhe anschauen, besteht sie n\u00e4mlich aus vielen verschiedenen Elementen. Wir haben in der Tat radikale gewaltt\u00e4tige Muslime. Das ist ein Problem. Im Nordsudan hat der muslimische Pr\u00e4sident Bashir alle \u201eNicht\u2013Muslime\u201c als \u201egiftiges Ungeziefer\u201c bezeichnet, Christen werden brutal vertrieben und auch get\u00f6tet. Das ist <em>ein<\/em> Element der Gewaltspirale. Ein anderes Element der Gewaltspirale ist aber auch die Folter der CIA, welche k\u00fcrzlich <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24393\"><span style=\"color: #000080;\">aufgedeckt worden ist<\/span><\/a>. Auch das ist ein ernstes Problem, da die CIA hier au\u00dfer Kontrolle geraten zu sein scheint. Da gibt es aber auch noch den Krieg von Frankreich und anderen NATO-L\u00e4ndern gegen Libyen 2011, der 30.000 Tote forderte, die meisten davon Muslime. Und den illegalen Angriffskrieg von Gro\u00dfbritannien und den USA gegen den Irak 2003, der mehr als 100.000 Tote forderte, die meisten davon Muslime. Das sind schwere Verbrechen gegen die Menschheit und unverzeihliche Verst\u00f6\u00dfe gegen das V\u00f6lkerrecht.<\/p>\n<p>Derzeit stehen nun die K\u00e4mpfe in Syrien und in der Ukraine im Fokus. Jede daran beteiligte Gruppe \u2013 die Christen, die Muslime, die Juden, die Hindus, die Buddhisten, die Atheisten \u2013 sollte dabei \u00fcber den je <em>eigenen<\/em> Beitrag zur Gewaltspirale kritisch nachdenken, erst dann erkennt man, dass wir alle zusammen den Kessel einheizen. Es braucht daher auch und vor allem Selbstkritik, denn man muss den Balken im eigenen Auge sehen \u2013 und nicht nur den Splitter in dem des Fremden.<\/p>\n<p><strong>Derlei Selbstkritik ist sicher w\u00fcnschenswert, scheint aber kaum \u00fcberhaupt vorhanden zu sein. Wie erkl\u00e4ren Sie sich das?<\/strong><\/p>\n<p>Das stimmt nicht. Es <em>gibt<\/em> diese Selbstkritik, nur h\u00f6rt man viel zu wenig davon in den Massenmedien. Der US-Drohnenpilot Brandon Bryant hat beispielsweose k\u00fcrzlich eine sehr bewegende Selbstreflexion durchgemacht. Er hat 1.626 Menschen get\u00f6tet, nicht von Hand mit dem Messer oder Gewehr, sondern vor seinem Monitor als Drohnen-Pilot der US-Luftwaffe. In einem Fall sah er, wie ein Opfer wegen einer offenen Beinarterie verblutete. Auch Kinder und Frauen sterben in Afghanistan und Pakistan bei <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22871\"><span style=\"color: #000080;\">Drohnenangriffen<\/span><\/a>, die meisten davon sind Muslime. Diesen Teil der Gewaltspirale wollen viele in Europa nicht sehen. Bryant hinterfragte sein Tun und k\u00fcndigte schlie\u00dflich beim Pentagon. Dar\u00fcber gab es einige Beitr\u00e4ge in den Medien, leider aber viel zu wenige, daher kennen viele nun zwar den Begriff \u201eCharlie Hebdo\u201c, nicht aber den Namen Brandon Bryant.<\/p>\n<div><\/div>\n<p><strong>Bei aller Selbstkritik muss aber doch sicher der Angriff auf die Pressefreiheit verurteilt werden, den die Morde in Paris offenbar intendierten. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, die Pressefreiheit ist sehr wichtig und wird immer wieder angegriffen, zum Beispiel auch in Russland. Aber manchmal greift auch die NATO die Presse an, das blenden wir dann immer gerne aus, vergessen es sehr schnell. Am 23. April 1999 bombardierte die NATO beispielsweise die Redaktion des Radio- und TV-Senders von Serbien. Es gab 10 tote Journalisten, 20 Vermisste, die meisten davon versch\u00fcttet. Das Medienzentrum war damit ausgeschaltet.<\/p>\n<p>Damals gab es weder in Frankreich noch in Deutschland noch in den USA jemanden, der gesagt h\u00e4tte, hierbei handele es sich um Terror gegen Journalisten. Man fand stattdessen sogar regelrecht normal und korrekt \u2013 und der NATO-Sprecher erkl\u00e4rte dann, man habe erfolgreich einen Propagandasender ausgeschaltet.<\/p>\n<p>Diesen Balken im eigenen Auge will die NATO nicht sehen. NATO-Generalsekret\u00e4r Jens Stoltenberg hat nach dem Anschlag in Paris erkl\u00e4rt: \u201cDie NATO-Verb\u00fcndeten halten im Kampf gegen Terrorismus zusammen. Wir stehen in voller Solidarit\u00e4t bei unserem Verb\u00fcndeten Frankreich.\u201c Eine Reflexion \u00fcber den <em>eigenen<\/em> Terror ist vollkommen tabu.<\/p>\n<p><strong>Stecken denn alle Menschen in dieser globalen Gewaltspirale?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Wir sind derzeit 7 Milliarden Menschen in 200 L\u00e4ndern. Nur ein Prozent, also 70 Millionen, t\u00f6tet und foltert derzeit oder gibt Untergebenen den Befehl zu t\u00f6ten oder foltern. Das ist also eine kleine Minderheit. Die anderen 99 Prozent m\u00f6chten einfach in Ruhe leben, sich verlieben, etwas Geld verdienen, in die Ferien fahren, Freunde treffen, eine Familie gr\u00fcnden, Musik h\u00f6ren, die normalen Dinge des Lebens eben. Leider kann man diese 99 Prozent aber sehr gut an der Nase herumf\u00fchren. Man erz\u00e4hlt ihnen etwa, ihre Freiheit m\u00fcsse jetzt am Hindukusch verteidigt werden. Und obschon sie zuvor noch nie von diesem Berggebiet geh\u00f6rt haben, ziehen sie wom\u00f6glich mit in den Krieg.<\/p>\n<p><strong>Ist bei den 70 Millionen Gewaltt\u00e4tern weltweit das Merkmal Religion denn wirklich das entscheidende Moment?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Diese 70 Millionen kommen aus verschiedenen L\u00e4ndern und geh\u00f6ren verschiedenen Religionen an. Es sind aber meistens M\u00e4nner. Oft geht es im Kern um den Zugriff um Ressourcen wie Erd\u00f6l oder Erdgas, die Religionen werden dabei vor allem dazu benutzt, um die Gruppen in die Gewaltspirale hineinzuf\u00fchren, als \u201eBegr\u00fcndungserkl\u00e4rung\u201c sozusagen, um die es aber im Hintergrund \u00fcberhaupt nicht geht, die nicht ausschlaggebend f\u00fcr territoriale oder Ressourcenkriege ist.<\/p>\n<p>Und diese gewaltt\u00e4tigen M\u00e4nner haben ganz verschiedene Weltbilder. Sie sitzen etwa in den USA und steuern \u2013 wie sie denken, im Kampf f\u00fcr Freiheit, Menschenrecht und Demokratie \u2013 eine Drohne im Auftrag des Pentagons. Oder sie sind Pr\u00e4sident im Sudan und t\u00f6ten die Christen \u2013 vermeintlich im Auftrag Gottes oder der Religion. Oder sie arbeiten beim Geheimdienst in Italien und manipulieren einen Terroranschlag um die Bev\u00f6lkerung zu t\u00e4uschen und f\u00fcr die Herren, denen sie hierbei dienen, die Chancen auf Wiederwahl zu erh\u00f6hen, die M\u00f6glichkeiten sozialer Revolten im Keim zu ersticken oder anderes\u2026<\/p>\n<p>In jedem Fall aber behaupten sie, dass sie durch Gewalt das B\u00f6se ausrotten k\u00f6nnten. Doch die Friedensforschung, in der ich aktiv bin, beweist ganz klar, dass das so nicht geht. Das ist ein ganz gr\u00e4sslicher Irrtum. Das B\u00f6se kann <em>niemals<\/em> durch Gewalt ausgel\u00f6scht werden. Im Gegenteil, Gewalt bewirkt immer mehr und neues B\u00f6ses, und daher sollten wir, wo immer m\u00f6glich, unsere Konflikte auch ohne Gewalt l\u00f6sen.<\/p>\n<p><strong>Sehen Sie in Bezug auf die Morde von Paris denn eher einen Ein- oder Ausstieg aus dieser \u201eSpirale der Gewalt\u201c? Und: Halten Sie es f\u00fcr denkbar, dass nun aufgrund der vorschnellen Urteile hierzu gerade die Gefahr besteht, die geopolitischen und anderen Interessen im Hintergrund auch dieses Geschehens wom\u00f6glich zu \u00fcbersehen und vorschnell auf falschen T\u00e4ter mit wom\u00f6glich \u00fcberdies noch falschen weil nicht tief genug hinterfragten Motiven zu schlie\u00dfen?<\/strong><\/p>\n<p>Nun, einigen Staaten und mit diesen assoziierten M\u00e4chten k\u00e4me es aktuell sicher sehr gelegen, \u201eder Westen\u201c w\u00fcrde sich in Folge der Geschehnisse nun gegen \u201eden Islam\u201c verb\u00fcnden.<\/p>\n<p>In diesem Setting, das gern als \u201eKampf der Kulturen\u201c geframet wird, um den sich ausbreitenden Neokolonialismus des Westens zu \u00fcberdecken, geht es aber auch und vor allem um Geopolitik und Rohstoffe. Hinter dem uns pr\u00e4sentierten \u201eOffensichtlichen\u201c sollten wir uns daher daran machen, mehr und mehr \u00fcber das Geschehen und die Interessen im Hintergrund zu erfahren. Manch einer sagt eben \u201eTerrorstaat\u201c und begr\u00fcndet damit nichts anderes als einen Ressourcen-Krieg gegen ein fremdes Land.<\/p>\n<p><strong>Wenn dem aber so ist: Was k\u00f6nnte und sollte man aktuell tun?<\/strong><\/p>\n<p>Man muss sich erinnern, dass man den 99 Prozent angeh\u00f6rt, die gar keine Gewaltspirale wollen. Man sollte daher mit Mut und Ehrlichkeit f\u00fcr gewaltfreie Konfliktl\u00f6sung und f\u00fcr Toleranz gegen\u00fcber anderen Religionen einstehen. Auch wenn das derzeit nicht\u00a0sehr\u00a0popul\u00e4r ist. In einer Zeit voller Angst und Misstrauen muss man Br\u00fccken bauen.<\/p>\n<p>Wer einen Muslim kennt, sollte zu ihm gehen und ihn umarmen, oder wenn das nicht geht, ihm die Hand geben und ein freundliches Wort austauschen. Wir haben mehr als zwei Milliarden Christen und mehr als 1,5 Milliarden Muslime auf der Welt. Es hat also offensichtlich gar keinen <em>Sinn<\/em>, wenn diese beiden gro\u00dfen Gruppen nun gegeneinander in den Kampf ziehen.<\/p>\n<p>Krieg und Terror und Folter erzeugen gro\u00dfes Leid. Muslime sollten aufh\u00f6ren, in ihren L\u00e4ndern Christen zu t\u00f6ten. Und\u00a0die\u00a0NATO sollte aufh\u00f6ren, muslimische\u00a0L\u00e4nder zu bombardieren.\u00a0Wir m\u00fcssen versuchen, aus der Gewaltspirale auszusteigen.<\/p>\n<p>Ich glaube, das ist im 21. Jahrhundert m\u00f6glich. Wir brauchen dazu aber einen Bewusstseinswandel, der die Gef\u00fchle Angst und Hass \u00fcberwindet und den Wert eines <em>jeden<\/em> Lebewesens anerkennt.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich bleibt die Haltung von Sophie Scholl, die sich im Zweiten Weltkrieg mutig gegen den Nationalsozialismus zur Wehr setzte und daf\u00fcr mit dem Leben bezahlte, hier richtungsweisend:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWir haben alle unsere Ma\u00dfst\u00e4be in uns selbst, nur werden sie zu wenig gesucht. Vielleicht auch, weil es die h\u00e4rtesten Ma\u00dfst\u00e4be sind.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Ich bedanke mich f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n<p>===<\/p>\n<p><a title=\"Daniele Ganser - Link zum Originalbild\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Daniele_Ganser_ASPO_GV_2008.jpg\">Bild von Peak Oil Switzerland<\/a>, abgerufen von Wikimedia Commons unter der Lizenz <a class=\"extiw\" title=\"w:de:Creative Commons\" href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/de:Creative_Commons\">Creative-Commons<\/a>-Lizenzen \u201eNamensnennung \u2013 Weitergabe unter gleichen Bedingungen <a class=\"external text\" title=\"by-sa-3.0\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.de\" rel=\"nofollow\">3.0 nicht portiert\u201c<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Daniele Ganser auf den NachDenkSeiten. Link zum Originalartikel: http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24659 (Lizenz: Creative Commons Lizenz 2.0 Non-Commercial) Daniele Ganser (Dr. phil.) ist Schweizer Historiker, spezialisiert auf Zeitgeschichte seit 1945 und Internationale Politik. 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