{"id":1572411,"date":"2022-04-29T10:06:50","date_gmt":"2022-04-29T09:06:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1572411"},"modified":"2022-04-29T10:06:50","modified_gmt":"2022-04-29T09:06:50","slug":"die-nato-norderweiterung-iii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/04\/die-nato-norderweiterung-iii\/","title":{"rendered":"Die NATO-Norderweiterung (III)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Antrag Finnlands und Schwedens auf NATO-Beitritt steht Berichten zufolge kurz zuvor. Russland reagiert auf das neue strategische Ungleichgewicht mit eigener Aufr\u00fcstung.<\/strong><\/p>\n<div class=\"lead\">\n<p>Finnland und Schweden werden voraussichtlich Mitte Mai gemeinsam ihren Beitritt zur NATO beantragen. Dies geht aus Berichten hervor, die gestern in beiden L\u00e4ndern ver\u00f6ffentlicht wurden. Damit geben Helsinki und Stockholm ihre formal noch bestehende Neutralit\u00e4t endg\u00fcltig auf. Die finnisch-schwedische Ann\u00e4herung an die NATO inklusive der Beteiligung an NATO-Kriegen hat bereits in den 1990er Jahren begonnen; beide L\u00e4nder sind schon lange so eng an das B\u00fcndnis angebunden, dass Experten vor kurzem urteilten, ihr NATO-Beitritt sei fast nur noch eine \u201eFormalisierungssache\u201c. Diese \u201eFormalisierung\u201c wird nun vollzogen. Sie schafft neue strategische Ungleichgewichte in Nordosteuropa. Schwedens Insel Gotland, die in K\u00fcrze zur NATO geh\u00f6ren wird, kontrolliert die zentralen Seewege etwa nach Sankt Petersburg und Kaliningrad; die rund 1.340 Kilometer lange finnisch-russische Grenze wird zu einer NATO-Au\u00dfengrenze. Moskau hat angek\u00fcndigt, mit Aufr\u00fcstungsma\u00dfnahmen im Hohen Norden gegenzuhalten und m\u00f6glicherweise Nuklearwaffen in Kaliningrad zu stationieren.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"news-text-wrap\">\n<h3>Ann\u00e4herung seit den 1990ern<\/h3>\n<p>Die Ann\u00e4herung Finnlands und Schwedens an die NATO inklusive einer Beteiligung an NATO-Milit\u00e4reins\u00e4tzen \u2013 in Bosnien-Herzegowina, im Kosovo, in Afghanistan \u2013 hat bereits in den 1990er Jahren begonnen und ist in den 2000er Jahren weitergef\u00fchrt worden. In den Jahren 2012 (Finnland) bzw. 2013 (Schweden) integrierten beide Staaten ihre Truppen in die NATO Response Force (NRF); auf dem NATO-Gipfel in Newport am 4. September 2014 unterzeichneten sie jeweils ein Host Nation Support-Abkommen mit dem Milit\u00e4rpakt, das es dessen Streitkr\u00e4ften erlaubt, finnisches bzw. schwedisches Territorium f\u00fcr Man\u00f6ver, aber auch f\u00fcr Truppenbewegungen im Rahmen von Milit\u00e4reins\u00e4tzen zu nutzen. Minister, ja sogar die Staats- bzw. Regierungschefs beider L\u00e4nder nehmen inzwischen regelm\u00e4\u00dfig an NATO-Zusammenk\u00fcnften inklusive Gipfeltreffen teil; auf dem Br\u00fcsseler NATO-Gipfel am 14. Juni 2021 wurde die Absicht erneut bekr\u00e4ftigt, k\u00fcnftig noch enger kooperieren zu wollen. Ende 2020 hatte das schwedische Parlament beschlossen, sich die Option des NATO-Beitritts prinzipiell offenzuhalten \u2013 eine Entscheidung, die im transatlantischen Pakt als ein richtungsweisendes Signal gewertet wurde, mit Ausstrahlung auch nach Finnland.<\/p>\n<h3>\u201eNur eine Formalisierungssache\u201c<\/h3>\n<p>\u00dcber die aktuellen Beziehungen Finnlands und Schwedens zur NATO hie\u00df es Anfang M\u00e4rz in einer Analyse der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), \u201ede facto\u201c h\u00e4tten die beiden Staaten \u201eihre Verteidigungspolitik bereits so weitgehend an die Nato angepasst\u201c, dass ihr \u201eStatus &#8230; nicht mehr einer Neutralit\u00e4t im engeren Sinne entspricht\u201c.[1] Sollten sie sich f\u00fcr den Beitritt zu dem Milit\u00e4rpakt entscheiden, sei dieser \u201efast nur eine Formalisierungssache\u201c. Als ein \u2013 wenngleich nicht un\u00fcberwindliches \u2013 Hindernis galt bislang allerdings, dass in der Bev\u00f6lkerung eine Mehrheit f\u00fcr eine B\u00fcndnismitgliedschaft auch nicht ann\u00e4hernd in Sicht war. Dies hat sich mit Russlands \u00dcberfall auf die Ukraine fast blitzartig ge\u00e4ndert. In Finnland ergab eine Umfrage bereits am 28. Februar, dass nun 53 Prozent der Bev\u00f6lkerung sich f\u00fcr einen NATO-Beitritt aussprachen; nur noch 28 Prozent lehnten ihn ab. In Schweden konnten die Bef\u00fcrworter eines Beitritts sich noch im Januar auf lediglich 35 Prozent st\u00fctzen, w\u00e4hrend 33 Prozent explizit dagegen waren.[2] J\u00fcngste Umfragen sehen die Beitrittsbef\u00fcrworter in Schweden nun bei stolzen 58 Prozent, ein Anstieg, der vor allem von Personen getragen wird, die zuvor unentschieden waren. Die NATO-Gegner liegen bei 28 Prozent.[3]<\/p>\n<h3>Gotland<\/h3>\n<p>Tritt Schweden der NATO bei, dann wird eine Insel mit einer herausragenden strategischen Bedeutung Teil des B\u00fcndnisgebiets \u2013 die Ostseeinsel Gotland. Von ihr aus lassen sich die Seewege in der Ostsee kontrollieren, darunter die nur wenig mehr als 400 Kilometer nord\u00f6stlich gelegene Zufahrt zum Finnischen Meerbusen, an dessen Ende Sankt Petersburg liegt, aber auch die Seewege in die gut 300 Kilometer leicht s\u00fcd\u00f6stlich gelegene russische Exklave Kaliningrad, die nicht zuletzt das Hauptquartier von Russlands Baltischer Flotte beherbergt. Von Gotland aus kann man zudem den Luftweg aus Sankt Petersburg nach Kaliningrad ins Visier nehmen, auf den russische Flugzeuge angewiesen sind, seit sie den Luftraum der EU-Mitgliedstaaten sanktionsbedingt nicht mehr durchqueren k\u00f6nnen. Im Jahr 2015 hat Schweden begonnen, auf Gotland wieder Truppen zu stationieren, die es erst im Jahr 2005 vollst\u00e4ndig abgezogen hatte. 2019 teilte die Regierung mit, sie werde die Luftabwehr auf Gotland umfassend modernisieren. Als im Januar dieses Jahres der Konflikt zwischen dem Westen und Russland eskalierte, weiteten die schwedischen Streitkr\u00e4fte ihre Aktivit\u00e4ten auf Gotland erkennbar aus \u2013 ein deutliches Signal gegen\u00fcber Russland.<\/p>\n<h3>1.340 Kilometer Landgrenze<\/h3>\n<p>Mit einem Beitritt Finnlands wiederum erh\u00e4lt die NATO eine neue, rund 1.340 Kilometer lange Grenze mit Russland. Einerseits muss Moskau dies bei seinen Verteidigungsplanungen ber\u00fccksichtigen; andererseits muss auch das westliche Milit\u00e4rb\u00fcndnis, wie k\u00fcrzlich die US-amerikanische Carnegie Endowment konstatierte, Vorkehrungen treffen, dass es selbst an dieser Grenze nicht angegriffen werden kann.[4] Dies freilich sei die Aufgabe zun\u00e4chst Finnlands und Schwedens selbst, in zweiter Linie dann der europ\u00e4ischen NATO-Staaten, da die Vereinigten Staaten sich auf den Machtkampf gegen China konzentrierten. Finnland hat, wie die SWP festh\u00e4lt, trotz seiner nur 5,5 Millionen Einwohner die Kapazit\u00e4t, die Streitkr\u00e4fte im Kriegsfalle auf 280.000 Soldaten aufzustocken; zudem ist es stark hochger\u00fcstet, hat im vergangenen Jahr zudem beschlossen, 64 US-Tarnkappenjets vom Typ F-35 zu kaufen. Schweden ist in den vergangenen Jahrzehnten dahinter zur\u00fcckgefallen, hat aber gleichfalls begonnen, massiv aufzur\u00fcsten, und wird unter anderem die Personalst\u00e4rke seiner Armee von 60.000 auf 90.000 im Jahr 2025 erh\u00f6hen.[5] Seine R\u00fcstungsausgaben sollen von 2021 bis 2025 um 40 Prozent gesteigert werden \u2013 auf einen Wert, der um 85 Prozent \u00fcber demjenigen von 2014 liegt.<\/p>\n<h3>R\u00fcstungsspirale im Hohen Norden<\/h3>\n<p>Die Spannungen werden dabei nicht nur an der finnisch-russischen Grenze zunehmen. In der vergangenen Woche teilte der russische Verteidigungsminister Sergej Schojgu mit, bei einem NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens sehe Russland sich gezwungen, seine Nordflotte mit \u201emehr als 500 fortgeschrittenen Waffensystemen\u201c hochzur\u00fcsten. Die russische Nordflotte mit ihrem Haupthafen in Seweromorsk bei Murmansk gilt als gut ausger\u00fcstet; ein Experte am Kieler Institut f\u00fcr Sicherheitspolitik bezeichnet sie als \u201edas traditionelle Herz der russischen Marine\u201c.[6] Damit schreitet die R\u00fcstungsspirale im Hohen Norden weiter voran.[7] Schon zuvor hatte der ehemalige Ministerpr\u00e4sident Dmitri Medwedjew, heute stellvertretender Leiter des Sicherheitsrates der Russischen F\u00f6deration, erkl\u00e4rt, bei einem NATO-Beitritt Finnlands verdoppele sich die L\u00e4nge direkter Grenzen zwischen Russland und der NATO; um das strategische Gleichgewicht zu bewahren, m\u00fcsse Moskau Gegenma\u00dfnahmen ergreifen, und diese k\u00f6nnten in einer Stationierung von Atomwaffen in Kaliningrad bestehen.[8] Das betrifft die gesamte Ostseeregion, darunter auch Deutschland.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mehr zum Thema: <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/6608\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die NATO-Norderweiterung<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/7523\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die NATO-Norderweiterung (II)<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1], [2] Minna <em>\u00c5<\/em>lander, Michael Paul: Moskau bedroht die Balance im hohen Norden. SWP-Aktuell Nr. 19. Berlin, M\u00e4rz 2022.<\/p>\n<p>[3] Richard Milne: Unlike Finland, Sweden inches reluctantly towards Nato. ft.com 25.04.2022.<\/p>\n<p>[4] Christopher S. Chivvis: The Dilemma at the Heart of Finland\u2019s and Sweden\u2019s NATO Membership Bids. carnegieendowment.org 14.04.2022.<\/p>\n<p>[5] Minna <em>\u00c5<\/em>lander, Michael Paul: Moskau bedroht die Balance im hohen Norden. SWP-Aktuell Nr. 19. Berlin, M\u00e4rz 2022.<\/p>\n<p>[6] James Jackson: Russia upgrades northern fleet as Finland debates joining Nato. thetimes.co.uk 20.04.2022.<\/p>\n<p>[7] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/8796\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Im Hohen Norden gegen Russland<\/a>.<\/p>\n<p>[8] Keiran Southern, David Rose: Nuclear-free Baltic deal is off if Finland joins Nato, says Russia. thetimes.co.uk 14.04.2022.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Antrag Finnlands und Schwedens auf NATO-Beitritt steht Berichten zufolge kurz zuvor. Russland reagiert auf das neue strategische Ungleichgewicht mit eigener Aufr\u00fcstung. Finnland und Schweden werden voraussichtlich Mitte Mai gemeinsam ihren Beitritt zur NATO beantragen. 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