{"id":1568844,"date":"2022-04-23T08:54:27","date_gmt":"2022-04-23T07:54:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1568844"},"modified":"2022-04-23T08:58:41","modified_gmt":"2022-04-23T07:58:41","slug":"immer-mehr-kubanische-migrantinnen-sitzen-in-der-tuerkei-fest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/04\/immer-mehr-kubanische-migrantinnen-sitzen-in-der-tuerkei-fest\/","title":{"rendered":"Immer mehr kubanische Migrant*innen sitzen in der T\u00fcrkei fest"},"content":{"rendered":"<p>Von Havanna nach Moskau. Dann ein Flug nach Belgrad, wo Schleuser warten, die einen \u00fcber Nordmazedonien nach Griechenland bringen. Zuletzt ein Flug von Griechenland nach Spanien. Dies ist eine der abenteuerlichen Routen \u00fcber den Atlantik nach Europa. Hunderte Kubaner*innen haben sie in den vergangenen Jahren genommen. Schlepperbanden machen es m\u00f6glich. Auch deshalb steht die Route seit kurzem unter Beobachtung der griechischen Grenzpolizei. Wenn sie Migrant*innen entdeckt, schiebt sie diese in die T\u00fcrkei ab. Selbst bereits gestellte Asylantr\u00e4ge nutzen dann nichts mehr. Die T\u00fcrkei ist f\u00fcr die Migrant*innen ein v\u00f6llig unbekanntes Land: \u201eIch hatte andere Hoffnungen\u201c, sagt Castillo, ein 30-j\u00e4hriger An\u00e4sthesist aus Havanna. \u201eAls ich Kuba verlassen habe, h\u00e4tte ich mir nicht vorstellen k\u00f6nnen, dass ich ein paar Tage nach meiner Ankunft in Europa in ein Land abgeschoben werde, in dem ich noch nie gewesen bin.\u201c Wie Tausende andere Kubaner*innen war Castillo vor der wirtschaftlichen Not und der politischen Repression in seinem Heimatland geflohen in der Hoffnung, in Europa eine bessere Perspektive zu haben. Stattdessen lebt er jetzt ohne g\u00fcltige Papiere in Istanbul.<\/p>\n<p><strong>Russland ist eins von 26 L\u00e4ndern, f\u00fcr das Kubaner*innen kein Visum brauchen<\/strong><\/p>\n<p>Das Wirtschafts-Embargo der Vereinigten Staaten und die Corona-Pandemie haben schwerwiegende Folgen f\u00fcr die Wirtschaft des Inselstaats. Im ganzen Land fehlt es an Lebensmitteln und Waren des t\u00e4glichen Bedarfs. Vor allem junge Menschen suchen deshalb im Ausland nach besseren Lebensbedingungen. Lange Zeit wollten Menschen, die das Land aus wirtschaftlichen oder politischen Gr\u00fcnden verlie\u00dfen, vor allem in die USA. Allerdings ist es seit der Pr\u00e4sidentschaft von Donald Trump sehr viel schwieriger f\u00fcr Kubaner*innen, in den USA Asyl zu erhalten. Der aktuelle Pr\u00e4sident Joe Biden hat daran bisher nichts ge\u00e4ndert. Die 2018 zwischen den USA und Mexiko vereinbarten <em>Migrant Protection Protocols<\/em> \u2013 auch bekannt als \u201eBleibt in Mexiko\u201c-Programm \u2013 zwingen alle Migrant*innen dazu, in Mexiko auf eine Entscheidung zu ihren in den USA gestellten Asylantr\u00e4gen zu warten. Zudem haben die USA im M\u00e4rz 2020 den Paragraphen 42 ihres Gesundheitsgesetzes aktiviert. Seitdem liefert die Eind\u00e4mmung des Coronavirus die rechtliche Grundlage, illegal eingereisten Personen das Asylrecht zu verwehren und sie auszuweisen. Mehrere Gr\u00fcnde also, warum Kubaner*innen nach anderen Wegen der Emigration suchen. Nach Russland und von dort nach Europa zu gehen, hat sich als machbare Alternative erwiesen. Russland ist eins von 26 L\u00e4ndern, f\u00fcr das Kubaner*innen kein Visum brauchen, und das zudem geographisch und kulturell nah an Europa liegt.<\/p>\n<p><strong>\u201e<\/strong><strong>Die schlimmsten drei Tage meines Lebens<\/strong><strong>\u201c<\/strong><\/p>\n<p>\u201eFreunde aus Kuba, die vor mir das Land verlassen haben, sagten mir, wenn ich nach Russland gehe, k\u00f6nnte ich dort Leute kontaktieren, die die Weiterreise \u00fcber Griechenland nach Spanien organisieren\u201c, sagt \u00c1lvaro aus Kuba, den wir ebenfalls in Istanbul interviewt haben. Nach seiner Abschiebung in die T\u00fcrkei durch die griechischen Beh\u00f6rden konnte er mittlerweile nach Moskau zur\u00fcckkehren. \u201eDie Abschiebung aus Griechenland war eine f\u00fcrchterliche Erfahrung, die drei schlimmsten Tage meines Lebens. Danach konnte ich einfach nicht in Istanbul bleiben\u201c, sagt er. Wie auch Castillo hatte er nach seiner Ankunft in Russland ein Schleusernetzwerk kontaktiert, um nach Griechenland zu gelangen. Auf den Weg nach Moskau hatte er sich zusammen mit einem Freund gemacht. Beide wollten nach Spanien. \u201eWir mussten einige N\u00e4chte in einem verlassenen Haus an der Grenze von Mazedonien und Griechenland warten, bevor die Schleuser uns den Weg in die griechische Stadt Polikastro zeigten\u201c, erz\u00e4hlt er. Nach zehn Stunden Fu\u00dfmarsch in der Dunkelheit \u00fcberquerten sie die Grenze. In Griechenland angekommen, nahmen sie einen Bus nach Thessaloniki, von dort sollte es in einem weiteren Bus nach Athen gehen. \u201eDoch dieser blieb kurz nach der Abfahrt stehen, und Polizei in voller Kampfmontur verhaftete alle Migrant*innen, die an Bord waren, auch uns.\u201c Die Polizei hielt sie in einem Milit\u00e4rlager zusammen mit weiteren Gefl\u00fcchteten aus Kuba, Syrien, Pakistan und Afghanistan fest. \u00c1lvaro erz\u00e4hlt, wie sie ihn auszogen und mit einem Plastikruder schlugen. Mit gezogenen Pistolen zwangen sie die Migrant*innen schlie\u00dflich, den Fluss Evros in Richtung T\u00fcrkei zu \u00fcberqueren. Die Asylantr\u00e4ge der Geflohenen haben sie dabei einfach ignoriert. F\u00fcr die griechische Polizei scheint dies Routine zu sein.<\/p>\n<p><strong>Lob von EU-Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen<\/strong><\/p>\n<p>Derartige Pushbacks von Griechenland in die T\u00fcrkei sind seit der gro\u00dfen Migrationsbewegung im Jahr 2015 keine Seltenheit mehr. Bei solchen Abschiebungen schickt ein Staat Migrant*innen zur\u00fcck \u00fcber die Grenze, \u00fcber die sie gekommen sind, ohne auf die pers\u00f6nliche Situation R\u00fccksicht zu nehmen. Im Februar 2020 versuchte der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Erdo\u01e7an, Europa unter Druck zu setzen, indem er \u201edie Tore nach Europa\u201c \u00f6ffnete und tausende Migrant*innen die Grenze nach Griechenland \u00fcberqueren lie\u00df. Das Nachbarland antwortete mit\u00a0 heftigen milit\u00e4rischen Ma\u00dfnahmen in der Grenzregion. Lob kam daf\u00fcr von EU-Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen, die Griechenland als \u201eSchutzschild\u201c Europas bezeichnete. Die Zahl gewaltsamer Abschiebungen ist seitdem nicht nur stetig gestiegen, sondern geschieht mittlerweile systematisch. Dabei kommen immer h\u00e4ufiger Menschen ums Leben. Im Februar 2022 erfroren mehr als 20 Migrant*innen, nachdem sie von griechischen Grenzbeamt*innen ohne Kleidung zur\u00fcck in die T\u00fcrkei geschickt worden waren. Derartige Vorf\u00e4lle hat es in den ersten drei Monaten dieses Jahres mehrfach gegeben.<\/p>\n<p><strong>\u201e<\/strong><strong>Die Polizei hat uns alles weggenommen, auch Schuhe und Medikamente<\/strong><strong>\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Auch Lino und Yudith wurden so in dieser Zeit in die T\u00fcrkei geschickt. Das Paar aus Kuba, beide 50 Jahre alt, hatte ebenfalls die Route \u00fcber Moskau nach Griechenland genommen. Jedoch anders als Castillo und \u00c1lvaro waren sie schon drei Monate in einem Aufnahmezentrum in Thessaloniki, bevor die Grenzpolizei sie abschob. Im Oktober waren sie in dem Zentrum angekommen und hatten seitdem darauf gewartet, einen Antrag auf Asyl stellen zu k\u00f6nnen. \u201eMeine Schwester lebt seit 22 Jahren in Griechenland. Sie hatte uns geholfen, hierher zu kommen\u201c, erz\u00e4hlt Yudith. Nach drei Monaten des Wartens auf einen Termin bei den Beh\u00f6rden entschieden Yudith und Lino, es auf eigene Faust zu versuchen. Sie gingen zur \u00f6rtlichen Polizeistelle, um dort Asyl in Europa zu beantragen. \u201eEin Beamter sagte uns, das sei nur in Orestiada, einer Stadt nahe der Grenze zur T\u00fcrkei, m\u00f6glich. Aber das war eine L\u00fcge.\u201c Anstatt den Antrag auf Asyl aufzunehmen, verhafteten die Beamt*innen das Paar und hielten es \u00fcber Nacht in einem Transporter fest. Fr\u00fch morgens kamen dann M\u00e4nner mit Sturmhauben \u00fcber dem Gesicht und zwangen Yudith und Lino, den Evros-Fluss in Richtung T\u00fcrkei zu \u00fcberqueren. \u201eSie haben uns aus Griechenland abgeschoben in ein Land, in dem wir noch nie vorher waren. Einfach so, ohne Erkl\u00e4rungen. Die Polizei hat uns alles weggenommen, sogar unsere Schuhe und die Medikamente, die meine Frau ben\u00f6tigt\u201c, sagt Lino. Die Schilderungen von Yudith, Lino, Castillo und \u00c1lvaro sind nur ein Ausschnitt dessen, was immer mehr Kubaner*innen erleben, die illegal von Griechenland in die T\u00fcrkei abgeschoben werden. Dort kommen sie ohne g\u00fcltige Papiere an und k\u00f6nnen nur \u00fcberleben, weil in Kuba oder Europa lebende Verwandte und Freund*innen ihnen Hilfe senden.<\/p>\n<p><strong>Gefangen<\/strong><\/p>\n<p>Derzeit halten sich in der T\u00fcrkei mehr als vier Millionen Gefl\u00fcchtete auf, so viele wie in keinem anderen Land. Kubaner*innen erhalten hier kein Asyl. Einen Antrag auf internationalen Schutz k\u00f6nnten sie zwar stellen, aber diese Form des Asyls wird Gefl\u00fcchteten nicht gew\u00e4hrt, wenn sie vor der Ankunft in der T\u00fcrkei bereits in einem sicheren Drittstaat waren. \u201eIch bin hier gefangen\u201c, sagt Castillo. \u201eIch kann nicht zur\u00fcck nach Kuba, weil sie mich dort wegen meiner Flucht bestrafen w\u00fcrden. Ich kann aber auch nicht hier bleiben und illegal in einem Land leben, in das ich nie gehen wollte.\u201c<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung: Patrick Sch\u00fctz<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Havanna nach Moskau. Dann ein Flug nach Belgrad, wo Schleuser warten, die einen \u00fcber Nordmazedonien nach Griechenland bringen. Zuletzt ein Flug von Griechenland nach Spanien. Dies ist eine der abenteuerlichen Routen \u00fcber den Atlantik nach Europa. 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