{"id":1553943,"date":"2022-03-29T15:04:05","date_gmt":"2022-03-29T14:04:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1553943"},"modified":"2022-03-29T15:04:05","modified_gmt":"2022-03-29T14:04:05","slug":"wir-sind-verpflichtet-uns-zu-erinnern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/03\/wir-sind-verpflichtet-uns-zu-erinnern\/","title":{"rendered":"\u201eWir sind verpflichtet, uns zu erinnern&#8230;\u201c"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><strong>Deutschland in den Nachkriegsjahren. Der Nazi-Wahn wurde zur austauschbaren Metapher des B\u00f6sen, pers\u00f6nliche Schuld relativiert. Helmut Ortner hat dar\u00fcber ein Buch geschrieben. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Lebensl\u00fcgen der jungen Bundesrepublik, kollektives Verdr\u00e4ngen und Sophie Scholl als Instagram-Star.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p><strong><em>In ihrem Buch weisen Sie auf eine seit Jahren anhaltende \u00bbNormalisierungswelle\u00ab im Umgang mit der Nazi-Barbarei hin, in die die Einzigartigkeit der NS-Verbrechen negiert werde. Mit dem Verschwinden von Zeitzeugen werde das Geschehene zunehmend aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis gel\u00f6scht, beg\u00fcnstigt durch digitale Technologien, vor allem des Internets. Sie schreiben: \u00bbDie Nazi-Vergangenheit l\u00f6st sich zunehmend vom historischen Kontext und tr\u00e4gt damit zu einer Verflachung und Normalisierung bei &#8230; <\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Helmut Ortner: <\/strong>Anschauungsmaterial hierf\u00fcr bietet beispielsweise die Instagram-Soap <em>\u00bb@ich\u00adbin\u00adsophie\u00adscholl\u00ab,<\/em> einem multimedialen Projekt, das dem 100. Geburtstag von Sophie Scholl gewidmet war und mit der die ARD den Nationalsozialismus aus den Geschichtsb\u00fcchern f\u00fcr junge Follower-Community ins Hier und Jetzt holen wollte. Hier erz\u00e4hlte eine Influencer-Sophie aus ihrem Leben, teilte Propagandafilme der Nationalsozialisten und ihre Gedanken dazu, postete allerlei Fotos. Fast eine Million Menschen abonnierten den Account &#8230;<\/p>\n<p><strong><em>Was ist dagegen einzuwenden?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Einiges! Dass beim Versuch, historisch komplexe Themen auf Instagram zu vermitteln, vieles fragmentarisch bleiben muss und, dass man hier einfache, schnell verstehbare S\u00e4tze braucht, fordert die Dramaturgie sozialer Netzwerke. Aber in dieser digitalen History-Soap gibt es allerlei rhetorischen und gedanklichen Unrat, beispielsweise S\u00e4tze wie <em>\u201eHitler macht seit 1933 J\u00fcdinnen und Juden das Leben in Deutschland schwer\u201c.<\/em> Nein, nicht Hitler allein hat den J\u00fcdinnen und Juden \u201edas Leben schwer gemacht\u201c, es waren die braven deutschen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. Sie haben f\u00fcr die allt\u00e4gliche Diskriminierung, f\u00fcr Verfolgung und Vernichtung, t\u00e4glich selbst gesorgt. So tr\u00e4gt die Instagram-Soap leichtfertig zur Verflachung und Relativierung der Nazi-Barbarei bei. Motto: <em>Auch wir waren Opfer!<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Ein breiter Raum nimmt in ihrem neuen Buch die Nazi-Justiz ein und die Tatsache, dass beinahe alle Nazi-Richter und Staatsanw\u00e4lte nach 1945 von einer Strafverfolgung verschont blieben. Nur wenige wurde angeklagt, noch weniger der Prozess gemacht &#8230;\u00ab<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Im Februar 1947 fand der N\u00fcrnberger Juristenprozess als dritter der zw\u00f6lf <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/N%C3%BCrnberg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">N\u00fcrnberger<\/a> statt. Angeklagt waren 16 hohe Justizbeamte und Richter des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/NS-Regime\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">NS-Regimes<\/a>. Gegenstand des Juristenprozesses waren der Erlass und der Vollzug der NS-Terrorgesetze, die Urteile der Nazi-<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sondergericht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sondergerichte<\/a>. Die Urteile fielen mild aus: vier Angeklagte wurden zu lebenslangem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zuchthaus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zuchthaus<\/a> verurteilt, vier weitere wurden freigesprochen. Im \u00dcbrigen verh\u00e4ngte das Gericht Freiheitsstrafen von f\u00fcnf bis zehn Jahren Zuchthaus &#8230;<\/p>\n<p><strong><em>Sehr milde Urteile f\u00fcr die Verantwortlichen einer Terror-Justiz &#8230;<\/em><\/strong><\/p>\n<p>In der Tat. Es geh\u00f6rt zu den traurigsten Kapiteln der deutschen Nachkriegsgeschichte, dass viele Nazi-Juristen nach dem Krieg nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. In meinem Buch schildere ich die unterbliebenen oder auch gescheiterten Versuche, die Verbrechen der Nazi-Justiz durch die Justiz der Bundesrepublik zu verfolgen. Die meisten Ex-Nazi-Juristen \u2013 auch jene, die f\u00fcr Todesurteile verantwortlich waren &#8211; konnten in der Adenauer-Republik ihre Karrieren fortsetzen und gingen sp\u00e4ter gut versorgt in Pension, w\u00e4hrend die Opfer um mickrige Rentenanspr\u00fcche k\u00e4mpfen mussten. Kein Volksgerichtshof-Richter wurde nach 1945 verurteilt. Eine schwer ertr\u00e4gliche Tatsache.<\/p>\n<p><em><strong>Die Nazi-Richter argumentierten, damals nur geltendes Recht gesprochen zu haben. Wie der ehemalige NS-Marinerichter und sp\u00e4teren baden-w\u00fcrttembergischen Ministerpr\u00e4sident Filbinger, der sich mit dem Satz \u00bbWas damals Recht gewesen sei, k\u00f6nne heute nicht Unrecht sein\u00ab rechtfertigte &#8230;<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Ja, die meisten ehemaligen Nazi-Juristen sahen sich lediglich als ganz normale Funktionstr\u00e4ger, die geltendes Gesetz angewandt hatten. Die Formel von der blo\u00dfen Pflichterf\u00fcllung kursierte unter den ehemaligen NS-Juristen, h\u00e4ufig mit dem Hinweis, damit Schlimmeres verhindert zu haben. Eine Rechtfertigung, die bereits im N\u00fcrnberger \u00bbJuristenprozess\u00ab nicht ohne Erfolg strapaziert worden war.<\/p>\n<p>Auch aus der Politik gab es keine zwingenden Gesetzesvorgaben. Unter diesem Eindruck zeigte vor allem die Justiz nur wenig Neigung, ehemalige NS-T\u00e4ter zur Verantwortung zu ziehen, zumal dort bekanntlich eine besonders starke personelle Kontinuit\u00e4t zur NS-Zeit gegeben war. Die Bereitschaft, in NS-Strafsachen zu ermitteln und zu handeln, ging nahezu gegen null.<\/p>\n<p>Und so sprachen in den Gerichtss\u00e4len der jungen Bundesrepublik wieder ehemalige Nazi-Richter Urteile und Nazi-Staatsanw\u00e4lte hielten Pl\u00e4doyers. Juristen, die sich frei von Schuld f\u00fchlten und ihre nationalsozialistische Un-Rechtsprechung f\u00fcr \u00bbbew\u00e4ltigt\u00ab hielten. \u00dcberdies ging eine ganze NS-Juristengeneration gut versorgt in Pension. So wurde der \u00bbNiedergang des Rechts nicht verarbeitet, sondern vergoldet\u00ab, wie es der SPIEGEL einmal sarkastisch formulierte &#8230;<\/p>\n<p><strong><em>Nicht nur die politische Elite, auch die Gesellschaft wollte nichts mehr von dem Nazi-Barbarei wissen. Die kollektive Verdr\u00e4ngung, das gro\u00dfe Verleugnen und Vergessen &#8211; eine Lebensl\u00fcge der jungen Bundesrepublik?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die meisten Deutschen wollten von Kriegsverbrechern, von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von den NS-Verstrickungen, kurz: vom moralischen und zivilisatorischen Desaster Hitler-Deutschlands, nichts mehr wissen. Die Aufarbeitung der Vergangenheit fiel lange schwer, sie erinnerte an eigene Vers\u00e4umnisse und Mitschuld, an Feigheit und Mutlosigkeit. Daraus folgte eine kollektive Verdr\u00e4ngung. Das \u00e4nderte sich erst ab den 70iger Jahren, als die junge Generation wissen wollte, was ihre V\u00e4ter und Gro\u00dfv\u00e4ter gemacht oder unterlassen hatten.<\/p>\n<p><em><strong>Heute findet dieser Verleugnungs-Reflex vor allem im rechten Politik-Milieu statt. Die AFD nutzt die parlamentarische B\u00fchne als \u00f6ffentlichkeitswirksames Podium, um mit Tabu-Br\u00fcchen und gezielten Provokationen regelm\u00e4\u00dfig und absichtsvoll Stimmung zu machen. Denken wir nur an Bj\u00f6rn H\u00f6ckes besch\u00e4mendes Gerede von einer \u00bberinnerungspolitischen Wende um 180<\/strong> <strong>Grad\u00ab oder Alexanders Gaulands \u00bbVogelschiss\u00ab-Verharmlosung der Nazi-Diktatur &#8230;\u201c.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr die Mehrheit hierzulande aber gilt das Bekenntnis \u00bbNie wieder!\u00ab, ein Diktum, das die einfache moralische Botschaft vermittelt, die heutige Generation m\u00fcsse die \u00bbLehren\u00ab aus der NS-Diktatur ziehen und daf\u00fcr sorgen, dass sich diese Menschheits-Katstrophe nie wiederholt. Wir leben heute in einem Rechtsstaat, den sollten wir sch\u00fctzen und verteidigen: gegen Feinde der Demokratie, gegen rechte Geschichtsleugner und wirre Verschw\u00f6rungstheoretiker &#8230;<\/p>\n<p><strong><em>Es gibt eine Verantwortung f\u00fcr die heutige Generation? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Frage, die bleibt: Ist die heutige, die politisch und moralisch schuldlose Generation, nun endg\u00fcltig entlassen aus der Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur und seinem Erbe? Oder: beginnt nicht die Verantwortung nachfolgender Generationen bei der Frage, ob sie sich erinnern will? Mein Buch versteht sich als ein Pl\u00e4doyer gegen jede Verharmlosung und Relativierung der NS-Vergangenheit. Nazi-Vergangenheit verj\u00e4hrt nicht. Es gibt eine Verpflichtung: die des Erinnerns.<\/p>\n<p><em>Das Interview wurde gef\u00fchrt von Stephan Viewege<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><em><strong>Buchhinweis:<\/strong><\/em><\/p>\n<blockquote><p><strong><em>\u00bbEin Pl\u00e4doyer gegen jede Verharmlosung und Relativierung der NS-Vergangenheit. Denn je weniger man von ihr wei\u00df, desto mehr verstellt es den Blick auf die Gegenwart.\u201c<\/em><\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Helmut Ortner, <a href=\"https:\/\/editionfaust.de\/produkt\/volk-im-wahn\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Volk im Wahn \/ Hitlers Deutsche \u2013 \u00dcber die Gegenwart der Vergangenheit<\/a><\/strong><br \/>\nDreizehn Erkundungen, Edition Faust, 296 Seiten, 22 Euro<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1545082 alignleft\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Ortner_Volk-im-Wahn-1-701x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"537\" height=\"784\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland in den Nachkriegsjahren. Der Nazi-Wahn wurde zur austauschbaren Metapher des B\u00f6sen, pers\u00f6nliche Schuld relativiert. Helmut Ortner hat dar\u00fcber ein Buch geschrieben. 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