{"id":1545039,"date":"2022-03-17T12:28:55","date_gmt":"2022-03-17T12:28:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1545039"},"modified":"2022-03-17T12:33:40","modified_gmt":"2022-03-17T12:33:40","slug":"kann-ns-vergangenheit-verjaehren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/03\/kann-ns-vergangenheit-verjaehren\/","title":{"rendered":"Kann NS-Vergangenheit verj\u00e4hren?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Nazi-Verbrechen sind zu gewaltig, um heute zu sagen: Jetzt soll endlich einmal Schluss sein! Wann aber ist die Vergangenheit wirklich vergangen? Ist die heutige, die politisch und moralisch schuldlose Generation, nun endg\u00fcltig entlassen aus der Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur und seinem Erbe? Oder: beginnt nicht die Verantwortung nachfolgernder Generationen bei der Frage, ob sie sich erinnern will.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Helmut Ortner<\/em><\/p>\n<p>Im Jahr 1948 warb das Waschmittel <em>Persil<\/em> mit einer Zeichentrick-Reklame, in der ein Marine-Matrose verdreckten Pinguinen die B\u00e4uche wieder strahlend rein w\u00e4scht. Immer mehr Pinguine springen daraufhin an Bord und rufen im Chor <em>PERSIL \u2013 PERSIL \u2013 \u00a0PERSIL!<\/em> Dabei recken sie die Fl\u00fcgel wie weit ausgestreckte Arme. Mit stolzgeschwellter Brust defilieren sie schlie\u00dflich in Reih und Glied an Land, zu Marschmusik singend: <em>Ja, unsere wei\u00dfe Weste verdanken wir PERSIL&#8230; ! <\/em>Die Deutschen hatten ihren Humor also noch nicht verloren, oder schon wiedergefunden. In Fridolin Schleys Roman <em>Die Verteidigung, <\/em>in dem er die Ereignisse um den N\u00fcrnberger Wilhelmstra\u00dfen-Prozess in ein fesselndes Drama \u00fcber Moral und Verantwortung verwandelt, taucht die Reklame-Versprechung f\u00fcr bl\u00fctenwei\u00dfe W\u00e4sche kurz auf \u00ad\u2013 als filmische Metapher, die veranschaulicht, wie die Adenauer\u2018sche \u00bbEntnazifizierung\u00ab funktionierte.<\/p>\n<p>Deutschland in den Nachkriegsjahren: ein Volk m\u00fchte sich, das zu vergessen, was es verschwieg: seine Bereitschaft zur Teilnahme an einem System der Barbarei.\u00a0Geschichts-Verleugnung und Geschichts-Umdeutung hatten Hochkonjunktur. So verlor sich der Schrecken und die Einzigartigkeit, den der Zivilisationsbruch des Holocaust und die Vernichtungskriege bedeuteten, im kollektiven Verdr\u00e4ngen und Vergessen. Der nationalsozialistische Wahn wurde zur austauscharen Metapher des B\u00f6sen, pers\u00f6nliche Schuld relativiert. Empfanden Hitlers Deutsche, die so viel Leid \u00fcber andere V\u00f6lker gebracht hatten, so etwas wie Schuld und Scham? Konnten sie begreifen, was geschehen war, was sie mitgemacht und zugelassen hatten?<\/p>\n<p>Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit geh\u00f6rt zur Gr\u00fcndungsgeschichte der Bundesrepublik, sie begleitet die Anfangsjahre der Nachkriegszeit. Erst die politische Z\u00e4sur der sechziger Jahre sorgte f\u00fcr einen Paradigmenwechsel: die Zeit war reif f\u00fcr neue Fragen auf alte Wirklichkeiten. Ob die Deutschen anerkannten, was sie zwischen 1933 und 1945 angerichtet hatten? Genauer: um die genaue Verortung und das klare Bewusstsein dessen, was da geschehen war und wem das Geschehen zuzurechnen war. War es nur eine verbrecherische F\u00fchrungselite (in einer im Ganzen doch anst\u00e4ndig gebliebenen Nation) oder war es gar nur Hitler, der gro\u00dfe, <em>\u00bbd\u00e4monische\u00ab <\/em>Verf\u00fchrer? Dieser Mythologie wollten gerne viele glauben: den Legenden von der sauberen Wehrmacht, vom \u00bbNichtwissen\u00ab und <em>\u00bbNicht-dabei-gewesen-Sein\u00ab.<\/em> Geschichts-Verleugnung und Geschichts-Umdeutung hatte Hochkonjunktur \u2013 und alle Beteiligten sich daran. An Hitler war vor allem Hitler schuld \u2013 und \u00bbdie anderen\u00ab. Dominiert wurde die Nachkriegszeit von einem \u00bbkommunikativen Beschweigen\u00ab (Hermann L\u00fcbbe) der Schuldgef\u00fchle. Zu fest \u2013 und zu bequem \u2013 war die Sichtweise von einer skrupellosen Machtelite und einen angeblich verf\u00fchrten Volk etabliert. Hitlers Deutsche exkulpierten sich selbst.<\/p>\n<h3><strong>Verdr\u00e4ngen, Vergessen, Verleugnen.<\/strong><\/h3>\n<p>Wenige Jahre nach Kriegsende war aus einem Volk von Jublern und Mitl\u00e4ufern ein Volk von <em>Reinw\u00e4schern<\/em> und <em>Reingewaschten<\/em> geworden. Die T\u00e4ter f\u00fchlten sich nicht schuldig, sie sahen sich eher vom Schicksal entschuldigt \u2013 und die Mehrzahl der Deutschen tat es ihnen gleich. Empfanden sie, die Opfer und T\u00e4ter zugleich waren und so viel Leid \u00fcber andere V\u00f6lker gebracht hatten, so etwas wie Scham? Oder f\u00fchlten sie sich nur auf der Verliererseite? Konnten sie begreifen, was geschehen war, was sie mitgemacht und zugelassen hatten? Der kollektive Tenor: wir wussten von Nichts. Ein \u00bbentnazifiziertes\u00ab Volk m\u00fchte sich, das zu vergessen, was es verschwieg: seine Bereitschaft zur Teilnahme an einem System der Barbarei.\u00a0Das Geflecht der Lebensl\u00fcge vieler Deutschen in der Adenauer-Republik: Verdr\u00e4ngen, Vergessen, Verleugnen.<\/p>\n<p>Die meisten Deutschen wollten vom Holocaust, dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nationalsozialismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">national-sozialistischen<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/V%C3%B6lkermord\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">V\u00f6lkermord<\/a>\u00a0an mehr als sechs Millionen europ\u00e4ischer\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Juden\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Juden<\/a>, von der \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aktion_T4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aktion T4<\/a>\u201c, der tausendfachen Ermordung\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Behinderung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Behinderter<\/a>\u00a0und \u00bbunwerten Lebens\u201c, von den Massen-Erschie\u00dfungen der Einsatzgruppen, die hinter den jeweiligen Einmarsch deutscher Truppen f\u00fcr die \u00bbv\u00f6lkische Flurbereinigung\u00ab mordeten \u2013 also von Kriegsverbrechen, von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von schuldhaften T\u00e4ter-Biographien, kurz: vom moralischen und zivilisatorischen Desaster Hitler-Deutschlands, nichts mehr wissen. Aus der Politik gab es keine zwingenden Gesetzesvorgaben. Unter diesem Eindruck zeigte vor allem die Justiz nur wenig Neigung, ehemalige NS-T\u00e4ter zur Verantwortung zu ziehen, zumal dort bekanntlich eine besonders starke personelle Kontinuit\u00e4t zur NS-Zeit gegeben war. Die Bereitschaft, in NS-Strafsachen zu ermitteln und zu handeln, ging nahezu gegen null. Die Nichtverfolgung von NS-Verbrechen ist besch\u00e4mend. Eine skandal\u00f6se, jahrzehntelange Verweigerung von Strafverfolgung, eine konsequente Strafvereitelung im Amt.<\/p>\n<p>Einige Zahlen: In den drei Westzonen und der Bundesrepublik wurde von 1945 bis 2005 insgesamt gegen 172.294 Personen wegen strafbarer Handlungen w\u00e4hrend der NS-Zeit ermittelt. Das ist angesichts der monstr\u00f6sen Verbrechen und der Zahl der daran Beteiligten Menschen nur ein winziger Teil. Das hatte seine Gr\u00fcnde: Im Justizapparat sa\u00dfen anfangs dieselben Leute wie einst in der NS-Zeit. Viele machten sich nur mit Widerwillen an die Arbeit. Auch politisch wurde auf eine Beendigung der Verfahren gedr\u00e4ngt, daf\u00fcr sorgten schon zahllose Amnestiegesetze.<br \/>\nZu Anklagen kam es letztlich gerade einmal in 16.740 F\u00e4llen \u2013 und nur 14.693 Angeklagte mussten sich tats\u00e4chlich vor Gericht verantworten. Verurteilt wurden schlie\u00dflich gerade einmal 6.656 Personen, f\u00fcr 5.184 Angeklagte endete das Verfahren mit Freispruch, oft aus Mangel an Beweisen. Die meisten Verurteilungen \u2013 rund 60 Prozent \u2013 endeten mit geringen Haftstrafen von bis zu einem Jahr. Ganze neun Prozent aller Haftstrafen waren h\u00f6her als f\u00fcnf Jahre. Vor dem Hintergrund eines der gr\u00f6\u00dften Verbrechen in der Menschheitsgeschichte eine skandal\u00f6se, emp\u00f6rende Bilanz.<\/p>\n<h3><strong>Auf der Flucht vor der eigenen Vergangenheit<\/strong><\/h3>\n<p>Die einge\u00fcbte Tonalit\u00e4t des Schlussstrich-Denkens. Sicher: Am Tag Null nach Hitler gab es auch hierzulande Menschen, die Scham und Trauer empfanden u\u0308ber das, was in den Jahren zuvor geschehen war. Doch Tatsache ist, dass es schon damals weit mehr Menschen gab, die, gerade der Katastrophe entkommen, das Erlebte und Geschehene verdr\u00e4ngten, statt es im Bewusstsein der Verantwortung als eigene Geschichte anzunehmen. Ein Volk auf der Flucht vor der eigenen Vergangenheit.<\/p>\n<p>Auch in der damaligen sowjetischen Besatzzone, der sp\u00e4teren DDR. Dort wurde die nationalsozialistische Vergangenheit per Parteibeschluss doktrin\u00e4r entsorgt. Zum Gr\u00fcndungsmythos des Arbeiter- und Bauerstaates geh\u00f6rte der verordneter \u00bbAntifaschismus\u00ab. Nach der Partei-Logik wurde noch lebende \u00bbFaschisten\u00ab allesamt im Westen geortet \u2013 oder auf dem stillen SED-Dienstweg lautlos integriert und politisch exkulpiert. So konnten auch in DDR ehemalige NS-Parteig\u00e4nger und Funktions-Eliten wieder Karriere machen. Voraussetzung war nun eine robuste anti-westliche, einwandfreie sozialistische Grundeinstellung.<\/p>\n<p>Kann pers\u00f6nliche Schuld, kann kollektive Schuld verj\u00e4hren? Nein, sagt Alfred Grosser, denn das vergangene Geschehen ist keineswegs abwesend in der Gegenwart, nur weil es vergangen ist. Der Respekt vor den Hinterbliebenen verpflichtet uns, die Schuld und die Schuldigen zu benennen, solange es noch m\u00f6glich ist. Die Verbrechen von damals sind zu gewaltig, um heute zu sagen: Jetzt soll endlich einmal Schluss sein. Wann aber ist die Vergangenheit wirklich vergangen?<\/p>\n<p>Will die Nachkriegsgeneration, jene Generation also, die, um den deutschen Ex-Kanzler Kohl zu zitieren, mit \u00bbder Gnade der sp\u00e4ten Geburt\u00ab gesegnet ist, nun endlich einen Schlussstrich unter eine belastete Vergangenheit ziehen? Ist die heutige, die politisch und moralisch schuldlose Generation, nun endg\u00fcltig entlassen aus der Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur und seinem Erbe? Oder: beginnt nicht die Verantwortung nachfolgernder Generationen bei der Frage, ob sie sich erinnern will? An das, was ihr Eltern und Gro\u00dfeltern getan, zugelassen und bejubelt haben.<\/p>\n<p>Wahrnehmbar ist eine \u2013 vor allem mediale \u2013 Verflachung und Relativierung der Nazi-Barbarei. In seiner Studie (<em><a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/02\/hi-hitler\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hi Hitler!<\/a> Der Nationalsozialismus in der Popkultur, <\/em>Darmstadt 2021) weist der US-amerikanische Historiker Gavriel D. Rosenfeld auf eine seit Jahren anhaltende \u00bbNormalisierungswelle\u00ab hin, eine Tendenz, die die Einzigartigkeit der NS-Verbrechen negiert. Mit dem Verschwinden von Zeitzeugen werde das Geschehene zunehmend aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis gel\u00f6scht, beg\u00fcnstigt durch digitale Technologien, vor allem des Internets, das \u00bbkontrafaktisches Denken\u00ab beg\u00fcnstige. Die Nazi-Vergangenheit l\u00f6se sich zunehmend vom historischen Kontext und trage damit zu einer Verflachung und Normalisierung bei.<\/p>\n<h3><strong>Sophie Scholl als Instagram-Star<\/strong><\/h3>\n<p>Anschauungsmaterial f\u00fcr Rosenfelds These bietet die Instagram-Soap <em>\u00bb@ich\u00adbin\u00adsophie\u00adscholl\u00ab,<\/em> einem multimedialen Projekt, das dem 100. Geburtstag von Sophie Scholl gewidmet war und mit der die ARD den Nationalsozialismus aus den Geschichtsb\u00fcchern f\u00fcr junge Follower-Community ins Hier und Jetzt holen wollte. Tag f\u00fcr Tag filmte hier eine Influencer-Sophie ihr Leben, teilte Propagandafilme der Nationalsozialisten und ihre Gedanken dazu, postete allerlei Fotos. Die Followers sollten \u201eemotional, radikal subjektiv und in nachempfundener Echtzeit an den letzten zehn Monaten der 1942 hingerichteten Widerstandsk\u00e4mpferin teilhaben\u201c, \u00e4u\u00dferten die MacherInnen. Das scheint gelungen: fast eine Million Menschen abonnierten den Account.<\/p>\n<p>Dass beim Versuch, historisch komplexe Themen auf Instagram zu vermitteln, vieles fragmentarisch bleibt, liegt am Format selbst. Und dass man in hier einfache, schnell verstehbare S\u00e4tze braucht, fordert die Dramaturgie sozialer Netzwerke. Aber in dieser digitalen History-Soap gab es allerlei rhetorischen und gedanklichen Unrat, beispielsweise S\u00e4tze wie <em>\u201eHitler macht seit 1933 J\u00fcdinnen und Juden das Leben in Deutschland schwer\u201c.<\/em> Nein, nicht Hitler allein hat den J\u00fcdinnen und Juden \u201edas Leben schwer gemacht\u201c, es waren die braven deutschen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. F\u00fcr die die allt\u00e4gliche Diskriminierung, f\u00fcr Verfolgung und Vernichtung, daf\u00fcr haben Hitlers Deutsche t\u00e4glich selbst gesorgt. So tr\u00e4gt die Instagram-Soap leichtfertig dazu bei, dass sich Unwissen und Narrative verfestigen. Die deutsche Erinnerungskultur bleibt das, was es schon immer ist: eine gro\u00dfe gesellschaftliche Rein-Waschung: <em>Wir haben von nichts gewusst! Auch wir waren Opfer!<\/em><\/p>\n<p>Den letzten Instagram-Post gab am 18. Februar 2022, also genau 79 Jahre nach dem 18. Februar 1943, als Sophie Scholl und ihr Bruder verhaftet und vier Tage sp\u00e4ter hingerichtet wurden. Selfies vom Schafott. Die Influencer-Community war betroffen und dennoch wenig begriffen.<\/p>\n<h3><strong>Gags und Pointen statt Aufkl\u00e4rung<\/strong><\/h3>\n<p>Augenf\u00e4llig ist: Galt Hitler jahrzehntelang als Inbegriff des B\u00f6sen, als der, der das folgsame, ahnungslose T\u00e4ter-Volk ins Verderben gest\u00fcrzt hat \u2013 erscheint er nun zunehmend auch als skurrile, groteske Figur. Nirgendwo wird der Wandel sichtbarer als im Internet. Wer bei Google eine einfache Bildsuche zu Hitler startet, sieht neben dokumentarischen Archivfotos, zunehmend digital ver\u00e4nderte humoristische Fotos. Hitler als Witzfigur, als Lachnummer, der unter einer 70er-Jahre Discokugel als \u00bb<em>Disco-Hitler\u00ab<\/em> den flotten T\u00e4nzer gibt oder in <em>\u00bbBedtime Hitler\u00ab<\/em> im Schlafanzug auf dem Schlitten durch den Nachthimmel f\u00e4hrt. Es gibt zahllose Bildmakros von Hitlers-Kopf, die mit Photoshop auf die K\u00f6rper von Supermodells, Pops\u00e4ngern und Sport-Heroes montiert wurden und in Sprechblasen wird der einstige F\u00fchrer statt <em>\u00bbHeil\u00ab<\/em> mit einem coolen <em>\u00bbHi\u00ab<\/em> begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p>Der Ausruf <em>\u00bbHi, Hitler\u00ab <\/em>steht nicht nur wegen seiner Komik f\u00fcr eine neue Tendenz in der Darstellung der Nazi-Vergangenheit. Tatsache ist, unterschiedliche Genres wie das der Satire, der Fantasy und kontrafaktischer Geschichtserz\u00e4hlungen, tragen zur historischen und moralischen Verflachung bei. Sie laufen dadurch Gefahr, Inhalte zu Gunsten von Gags und Pointen zu opfern. Zwar geben die Produzenten an, ebenfalls hehre moralische Ziele zu verfolgen und sich der historischen Aufkl\u00e4rung verpflichtet zu f\u00fchlen. Es gehe darum, mit modernen visuellen Darstellungsformen, vor allem j\u00fcnger Menschen anzusprechen. F\u00fcr Gavriel D. Rosenfeld aber sind die satirischen Darstellungen Hitlers im Internet Teil eines gr\u00f6\u00dferen Wandels, der sich aktuell in der Erinnerungskultur an die NS-Zeit vollzieht, die Normalisierung und Relativierung der Vergangenheit.<\/p>\n<p>Im Nachkriegs-Deutschland wollten die einstigen Volksgenossen die \u00bbdunklen Jahre\u00ab von ihrem eigenen Erleben und Mit-Tun abspalten. Hitler allein sollte es gewesen sein, verantwortlich f\u00fcr das Verderben der Deutschen und ihre millionenfachen Verbrechen. Wenn nicht allein, dann allenfalls eine kleine verbrecherische Nazi-Elite und ihre fanatischen Getreuen. Eine bequeme, exkulpierende Legende. So lie\u00df sich pers\u00f6nliche Schuld und Scham gut entsorgen. F\u00fcr die heutige Generation, ausgestattet mit jugendbedingter, nicht kontaminierter NS-Gesinnung, liefert die digitale Unterhaltungs- und Zerstreuungsindustrie solides Basismaterial zur Verflachung und Relativierung der Nazi-Barbarei. Die Instagram-Soap Sophie Scholl war ein Anfang. Es ist zu bef\u00fcrchten, dass weitere Formate in Planung sind.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em><strong>Buchhinweis:<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Helmut Ortner, <a href=\"https:\/\/editionfaust.de\/produkt\/volk-im-wahn\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Volk im Wahn \/ Hitlers Deutsche \u2013 \u00dcber die Gegenwart der Vergangenheit<\/a><\/strong><br \/>\nDreizehn Erkundungen, Edition Faust, 296 Seiten, 22 Euro<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1545082 alignleft\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Ortner_Volk-im-Wahn-1-701x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"537\" height=\"784\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nazi-Verbrechen sind zu gewaltig, um heute zu sagen: Jetzt soll endlich einmal Schluss sein! Wann aber ist die Vergangenheit wirklich vergangen? 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