{"id":1514592,"date":"2022-02-04T14:39:17","date_gmt":"2022-02-04T14:39:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1514592"},"modified":"2022-02-03T06:40:00","modified_gmt":"2022-02-03T06:40:00","slug":"gesundheit-unser-teuerstes-gut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/02\/gesundheit-unser-teuerstes-gut\/","title":{"rendered":"Gesundheit \u2013 unser \u201eteuerstes Gut\u201c?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ob die \u201eErn\u00e4hrungs-Docs\u201c uns \u201emit Super-Food\u201c \u201esupergesund\u201c machen, die \u201egeheime Kraft der Atmung\u201c, \u201eAugen-Yoga\u201c oder der \u201eDarm mit Charme\u201c auf uns warten: Gesundheits-Ratschl\u00e4ge boomen \u2013 in Zeitschriften, B\u00fcchern oder von alternativen Heilern aller Art.<\/strong><\/p>\n<article>Bei denen, die Zeit daf\u00fcr haben oder es sich leisten k\u00f6nnen, wird eine Welle \u201egesunder Ern\u00e4hrung\u201c nach der anderen ausprobiert und im Freundinnen-Kreis weiter gereicht. Und nicht erst seit Corona-Zeiten ist Gesundheit das Gespr\u00e4chsthema Nummer 1 (neben dem miesen Wetter).Warum ist das so? Gegen was wird da so stetig angek\u00e4mpft? Und leben wir nicht in einer Gesellschaft, die \u00fcber gut ausgebildete Mediziner und ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem verf\u00fcgt?<\/p>\n<h3>Leistungen der modernen Medizin<\/h3>\n<p>Die Krankheiten, an denen die Menschen heute in den westlichen L\u00e4ndern leiden, sind \u2013 Corona ist da ein Ausnahmefall! \u2013 im Wesentlichen nicht mehr Seuchen bzw. lebensbedrohende Infektionskrankheiten. Und tats\u00e4chlich hat die Medizin ungeheure Fortschritte aufzuweisen. \u00c4rzte k\u00f6nnen inzwischen einen grossen Teil der Krankheiten, an denen Menschen fr\u00fcher zugrunde gegangen sind bzw. lang dauernde Folgen zu ertragen hatten, relativ verl\u00e4sslich behandeln: Geburten mit ihren Risiken (Kindbettfieber), Lungen- und Blinddarmentz\u00fcndungen, Knochenbr\u00fcche und vieles andere mehr. Hygienemassnahmen, Impfungen, Antibiotika und Erkenntnisse zur Ern\u00e4hrung haben zudem viele fr\u00fcher verbreitete Krankheiten irrelevant gemacht.1<\/p>\n<p>Dazu war es n\u00f6tig, dass der fr\u00fche b\u00fcrgerliche Staat den medizinischen Erkenntnissen auch praktische Schritte folgen liess: Kanalisation, vor allem der entstehenden Grossst\u00e4dte (noch 1892 starben in Hamburg 7000 Menschen an der Cholera) und Versorgung mit sauberem Trinkwasser durch den Bau von Talsperren, Anordnung von Massenimpfungen usw. \u00c4rzte k\u00f6nnen inzwischen auch einen Teil von k\u00f6rperlichen M\u00e4ngeln und nat\u00fcrlichen Verschleiss, den angeborene Defekte oder das \u00c4lterwerden mit sich bringen, entscheidend verbessern: Operationen (auch bei noch nicht geborenen Kindern), k\u00fcnstliche Gelenke oder Herzklappen, Transplantationen von Organen usw. Diese Leistungen der modernen Medizin manifestieren sich in einer enorm gestiegenen Lebenserwartung und oft auch einer sehr viel besseren Lebensqualit\u00e4t von Menschen mit Behinderungen und von Senioren.<\/p>\n<p>Um solche Fortschritte zu erreichen, haben Mediziner Wissen und Erkenntnisstand der fr\u00fcheren Gesellschaften grunds\u00e4tzlich in Frage gestellt und deren Weisheiten vom \u201enat\u00fcrlichen\u201c bzw. \u201egottgegebenen\u201c Gang der Dinge aus dem Verkehr gezogen und durch Aufkl\u00e4rung, Forschung und eine zunehmend systematischere Wissenschaft vom Funktionieren des menschlichen Organismus ersetzt.<\/p>\n<p>Viele der Krankheiten, mit denen Patienten aktuell von ihren \u00c4rzten Rat und Heilung wollen, haben ihre Ursachen allerdings nicht in angeborenen k\u00f6rperlichen Defekten, in Unf\u00e4llen, dem Altwerden oder \u00e4hnlichem, sondern ziemlich offensichtlich in der \u00d6konomie bzw. der Lebensweise dieser Gesellschaft.<\/p>\n<h3>Kapitalismus macht krank<\/h3>\n<p>Konsum im Kapitalismus macht krank. Weil die zum Leben notwendigen G\u00fcter, damit auch die \u201eLebensmittel\u201c im engeren Sinn als Waren produziert und kalkuliert werden, sind nicht Gesundheit, Geschmack und Genuss der Konsumenten massgeblich, sondern das Gesch\u00e4ft, das die Anbieter damit machen k\u00f6nnen. Die Herstellung vertr\u00e4glicher und gesunder Konsumtionsmittel ist nicht der wesentliche Gesichtspunkt, wenn es darum geht, mit der Herstellung und dem Verkauf von Produkten Gewinn zu erzielen. Kosten m\u00fcssen gering gehalten, die hergestellten Waren m\u00f6glichst vielversprechend angeboten werden \u2013 das sind die entscheidenden Mittel des Gesch\u00e4ftserfolgs. Ob Br\u00f6tchen, Tomaten oder Schnitzel gut schmecken oder auch nur gesund sind, ist dem gegen\u00fcber nachrangig (und h\u00f6chstens wieder als Mittel zur Steigerung des Absatzes interessant).<\/p>\n<p>Bei Herstellung und Verarbeitung aller m\u00f6glichen Konsummittel werden deshalb durchaus risikofreudig Stoffe eingesetzt, deren Wirkung noch gar nicht ausreichend erforscht sind; aber auch solche, deren sch\u00e4dliche Wirkung l\u00e4ngst bekannt ist, als Mittel des Gewinns aber ignoriert wird: Antibiotika, Pestizide, krebserregende Herbizide, Baustoffe usw. Als Nahrungsmittel werden in der Folge Produkte verkauft, die die Konsumenten oft eher schleichend vergiften als dass sie ,Lebensmittel\u2019 im Sinn des Wortes darstellen.<\/p>\n<p>Ab und an \u2013 dann ist mit sch\u00f6ner Regelm\u00e4ssigkeit von einem \u201eSkandal\u201c die Rede \u2013 bringen sie auch akute Krankheiten mit sich: Dioxine werden in Eiern gefunden, Hormone und Antibiotika im Fleisch; Kinderspielzeug, Wohnungen und Kleidung entpuppen sich als wahre Giftschleudern. Zum Teil kann man sich von dieser Gesundheitssch\u00e4digung freikaufen, wenn das n\u00f6tige Geld zur Verf\u00fcgung steht und die Bio-Branche ihre Kunden nicht ebenfalls vergiftet&#8230; In Lebensmitteln und Textilien verwendete Stoffe l\u00f6sen Allergien aus; Baumaterialien in H\u00e4usern, B\u00fcros und Schulen verursachen Krebs.<\/p>\n<p>Lohnarbeit macht krank. Weil sie dem Zweck dient, fremden Reichtum zu vermehren, ist sie r\u00fccksichtslos gegen\u00fcber den Bed\u00fcrfnissen von K\u00f6rper und Geist der Arbeitenden, dauert sie allem technischen Fortschritt zum Trotz oft bis zur Ersch\u00f6pfung und Verbl\u00f6dung, ist sie oft gef\u00e4hrlich, belastend und fast immer vereinseitigend und \u201estressig\u201c.<\/p>\n<p>Die Arbeitskraft ist im auf Gewinn angelegten Produktionsprozess ein Kostenfaktor, aus dem m\u00f6glichst viel herausgeholt werden muss2. Der Einsatz von Arbeit f\u00fcr Gewinn kann an Arbeitspl\u00e4tzen passieren, an denen die Arbeit schwer, giftig, einseitig, physisch anstrengend ist. Aber auch wenn die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts weitgehend anders aussieht, die meisten Besch\u00e4ftigten inzwischen nicht mehr in Gruben einfahren, Stahl kochen oder schwere Lasten bewegen, sondern \u201enur\u201c in B\u00fcros sitzen, sich auf Bildschirme konzentrieren oder LKW\u2019s lenken, so dass die geforderten Anstrengung durch Konzentration und allgemeinen \u201eStress\u201c eher psychischer Natur sind, handelt es sich um den systematischen Verschleiss der menschlichen Physis und Psyche.3 \u00dcbrigens: Diese Argumente gelten f\u00fcr die vielen, sich selbst ausbeutenden kleinen und manchmal auch gar nicht so kleinen \u201eSelbst\u00e4ndigen\u201c genauso.<\/p>\n<p>Auch die \u201eUmwelt\u201c, d.h. Luft, Gew\u00e4sser, B\u00f6den usw. machen zunehmend krank, weil sie als Rohstofflager der Produktion ausgebeutet und als kosteng\u00fcnstiges Endlager f\u00fcr die R\u00fcckst\u00e4nde der Profiterwirtschaftung genutzt und damit vergiftet werden. Der st\u00e4ndig zunehmende Verkehr einer Arbeitsbev\u00f6lkerung, die flexibel und mobil sein soll, und einer Produktion \u201ejust in time\u201c sorgt f\u00fcr krank machenden L\u00e4rm, schlechte Luft und jede Menge Stress.<\/p>\n<p>Weil das so ist, f\u00e4llt auch die Freizeit entsprechend aus. Was eigentlich der immer propagierte Zweck des Gelderwerbs sein sollte \u2013 das Leben nach eigenen Interessen gestalten und geniessen \u2013 ger\u00e4t f\u00fcr die grosse Mehrheit zu einer Veranstaltung, die von vielen Notwendigkeiten diktiert ist.<\/p>\n<p>Erstens ist alles M\u00f6gliche zu erledigen, was \u201edas Leben\u201c neben der Arbeit verlangt (Kinder in Kita und Schule bringen, einkaufen, die Wohnung putzen, Auto in die Inspektion, T\u00dcV, Steuererkl\u00e4rung, sich \u00fcber Telefonrechnungen streiten, ein Schn\u00e4ppchen f\u00fcr die Urlaubs-Buchung finden usw.); zweitens aber wirken die Folgen der Arbeit in diese \u201efreie Zeit\u201c massiv hinein.<\/p>\n<p>Man ist kaputt, soll aber noch Sport machen, damit das viele Sitzen kompensiert wird; man ist \u201egestresst\u201c und kann nicht abschalten, obwohl man dringend Ruhe und Schlaf braucht; man will sich am\u00fcsieren, muss aber daran denken, dass es morgen fr\u00fch losgeht und man fit sein muss. Der Einsatz von Stoffen aller Art, die \u201ejust in time\u201c lustig, schl\u00e4frig oder fit machen sollen, hat hier seine Gr\u00fcnde und steigt mit zunehmender \u201eBelastung\u201c der Gesellschaft \u2013 mit entsprechenden Folgen f\u00fcr Physis und Psyche.<\/p>\n<p>Die Freizeit, von der sich alle so viel erwarten, ist insofern weitgehend bestimmt als Funktion: Erholung f\u00fcr die Sph\u00e4re der Notwendigkeit \u2013 eine Funktion, die sie angesichts aller widerspr\u00fcchlichen Anforderungen bei aller in Ratgebern st\u00e4ndig gepredigten \u201eVernunft\u201c meist gar nicht erbringen kann. Und wenn sich einige nicht \u201evern\u00fcnftig\u201c verhalten und es \u201emal krachen lassen\u201c, dann r\u00e4cht auch das sich schon wieder.<\/p>\n<p>Die Konkurrenz um Noten, Berufskarrieren und damit letztlich um Eigentum als Zugriffsmittel auf alles Wichtige und Sch\u00f6ne ist f\u00fcr die Mitglieder dieser Gesellschaft eine meist lebenslange Notwendigkeit mit erheblichen Folgen vor allem f\u00fcr ihre psychische Gesundheit. Was in Schule und Uni beginnt, setzt sich am Arbeitsplatz fort: Alle werden in ihren Leistungen verglichen und vergleichen sich deshalb auch selbst pausenlos mit den anderen.<\/p>\n<p>Das n\u00f6tigt zu Anstrengungen einer besonderen Art. Erstens z\u00e4hlt nichts f\u00fcr sich, sondern nur als Mittel daf\u00fcr, sich gegen andere hervorzutun \u2013 weshalb keiner weiss, ob das Gelernte bzw. die geleistete Arbeit reichen, denn der eigene Erfolg h\u00e4ngt immer davon ab, wieviel die anderen \u201ebringen\u201c oder \u201enicht bringen\u201c. St\u00e4ndige Unsicherheit und die Tendenz, sich selbst und diejenigen, die einem unterstellt sind, immer mehr zu fordern, sind Konsequenzen.<\/p>\n<p>Zweitens ist der eigene Zweck nur zu erreichen, wenn man sich dabei gegen andere durchsetzt. Daraus resultieren u.a. Konkurrenzstrategien, die andere schlecht aussehen lassen und aus dem Rennen werfen sollen \u2013 Mobbing, Intrigen, Hetze. Nicht ganz so harte \u201eCharaktere\u201c halten die ewigen Gegens\u00e4tze und Gemeinheiten nicht aus, ob als Opfer oder als T\u00e4ter: Die F\u00e4lle von Depressionen und Burnout (mittlerweile dritth\u00e4ufigste Ursache f\u00fcr Arbeitsunf\u00e4higkeit, 40%ige Zunahme bei Berufsunf\u00e4higkeit zwischen 2009 und 2019) nehmen massiv zu.<\/p>\n<h3>Die so genannten \u201eVolks- oder Zivilisationskrankheiten\u201c<\/h3>\n<p>Die modernen \u201eVolkskrankheiten\u201c kommen vor allem dadurch zustande, dass die auf den menschlichen Organismus einwirkenden Belastungen bei Konsum und Arbeit \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume andauern4: Das betrifft die Entstehung einiger Allergien (dauerhafter Kontakt mit allergenen Stoffen), Teile von Diabetes Typ 2 (dauerhaft erh\u00f6hter Blutzucker bzw. -fettspiegel, auch infolge von Stress), Bluthochdruck (dauerhafte physische oder psychische Anstrengung, die erh\u00f6hte Pumpleistung des Herzens ausl\u00f6st), Muskel-, Skelett- bzw. Gelenkerkrankungen (u.a. durch anhaltende \u00dcberstrapazierung, aber auch durch mangelhafte Ern\u00e4hrung). Diese Krankheitsbilder ergeben sich daraus, dass die sch\u00e4dlichen Belastungen dauerhaft ertragen und ausgehalten werden.<\/p>\n<p>Um das zu erkennen, braucht es nicht einmal ein Studium der Medizin. Aber auch die Wissenschaft weiss irgendwie um den gesellschaftlichen Charakter der wesentlichen Krankheits-Gr\u00fcnde, wenn sie etwas schr\u00e4g von \u201eanthropogen\u201c verursachten \u201eZivilisationskrankheiten\u201c spricht, schr\u00e4g insofern, als diese Krankheiten nicht den Fortschritten der menschlichen Zivilisation entspringen \u2013 wie es da fast philosophisch formuliert wird \u2013 sondern dem Zweck und den Wirkungen des Kapitalismus (also einer sehr bestimmten Form von Zivilisation).<\/p>\n<p>Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebserkrankungen, chronische Atemwegserkrankungen, Diabetes Typ 2 machen 90% der Todesf\u00e4lle und 84% der \u201eKrankheitslast\u201c in Europa aus \u2013 so eine Warnmeldung der WHO; z\u00e4hlt man noch R\u00fcckenschmerzen, Allergien, Neurodermitis und psychische St\u00f6rungen hinzu, dann ist schon ein sehr grosser Teil der Leiden, die die Leute heute plagen, mittelbar und unmittelbar auf die Krankheitsursache \u201eKapitalismus\u201c (Produkte, Verkehrswesen, Arbeitswelt, die \u201eLebensweise\u201c von modernen Konkurrenzsubjekten) zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<h3>\u00c4rzte mit Grenzen<\/h3>\n<p>Ebenso klar ist allerdings, dass \u00c4rzte am Grund dieser modernen Volksseuchen nicht r\u00fctteln wollen und k\u00f6nnen: In dieser \u00d6konomie haben sie mit all ihren Erkenntnissen keinen Einfluss darauf, was wie produziert wird \u2013 weder im Hinblick auf die mehr oder weniger sch\u00e4dlichen Produkte, mit denen die Leute sich ern\u00e4hren, anziehen und wohnen sollen, noch auf den Ablauf des Produktionsprozesses. All das f\u00e4llt in die freie Entscheidung der Eigent\u00fcmer, die damit um ihre Marktanteile und ihren Gewinn k\u00e4mpfen und deshalb stets die entsprechenden \u201eFortschritte\u201c ins Werk setzen.<\/p>\n<p>Diese Gesetzm\u00e4ssigkeiten der kapitalistischen Produktion finden selbstverst\u00e4ndlich ihren Niederschlag in K\u00f6rper und Seele des modernen (Arbeits-)Volks \u2013 und ebenso selbstverst\u00e4ndlich ist in dieser Gesellschaft, dass die behandelnden \u00c4rzte daran nicht r\u00fchren. Vernunft, Aufkl\u00e4rung, Wissenschaft der Medizin \u2013 hier stossen sie unter \u201eden herrschenden Verh\u00e4ltnissen\u201c an klare Grenzen. Offensichtlich gesellschaftliche Ursachen von Krankheitsbildern gelten unter dieser Bedingung als unumst\u00f6sslich, quasi nat\u00fcrlich (\u201eso ist das &#8230; nun mal!\u201c)<\/p>\n<p>Der Arzt, die \u00c4rztin k\u00f6nnen weder die krankmachenden Lebensmittel aus der Welt schaffen noch ihren Patienten raten, den sch\u00e4dlichen Arbeitsplatz zu verlassen. Also macht er\/sie das unter den gegebenen Umst\u00e4nden Beste daraus, indem sie ihren Patienten dabei helfen, mit all den sch\u00e4dlichen \u201eVoraussetzungen\u201c durch\u2019s Leben zu kommen: nicht gesund zwar, sondern \u201echronisch\u201c krank mit R\u00fcckenleiden, Allergien, Rheuma, Neurodermitis, Bluthochdruck, depressiven Phasen usw., aber ,immerhin\u2019. Und wenn \u201edie Welt\u201c mit ihrem ganzen Drum und Dran erst einmal als \u201eleider nicht zu \u00e4ndern\u201c gesetzt ist, dann bleiben aus Sicht der Mediziner nat\u00fcrlich vor allem Ratschl\u00e4ge zu Lebenswandel und Einstellung des Patienten (Alkohol, Rauchen, mehr Sport, \u00fcberhaupt auf die Gesundheit achten!) das, womit man ihm am besten helfen kann.<\/p>\n<p>Die Anamnese wird zu einer Art Gewissenserforschung, bei der die Krankheitsursachen moralisiert werden und das Eigenverschulden wie die Eigenverantwortung des Patienten in den Vordergrund r\u00fcckt. Darin, dass \u00c4rzte die bei ihnen Rat suchenden Menschen im Rahmen ihrer M\u00f6glichkeiten fit machen f\u00fcr eine Welt, die sie systematisch krank macht \u2013 darin besteht insofern ein grosser Teil ihrer praktischen T\u00e4tigkeit.5<\/p>\n<h3>Patienten: Robustes Verh\u00e4ltnis zur Gesundheit<\/h3>\n<p>Im Ziel, m\u00f6glichst schnell gesund zu werden, um sich wieder \u201eins Leben\u201c mit seinen Anforderungen und Belastungen st\u00fcrzen zu k\u00f6nnen, sind sich die Patienten weitgehend einig mit ihren Docs, Psycho- und Physiotherapeuten oder sonstigen Heilern. Eine zumindest einigermassen intakte bzw. wiederhergestellte Gesundheit ist aus ihrer Warte einerseits die wesentliche Voraussetzung f\u00fcr so ziemlich alles, was sie an Interessen und Zielen verfolgen.<\/p>\n<p>In einer kapitalistischen Wirtschaft ist Gesundheit allerdings andererseits noch in einem dar\u00fcber hinaus gehenden Sinn existenziell wichtig: Wer k\u00f6rperlich oder seelisch nicht einigermassen fit bzw. stabil ist, ist nicht in der Lage seinen Arbeitsalltag durchzustehen. Er\/sie muss deshalb auf Dauer die Segel streichen oder wird wegen zu h\u00e4ufiger Fehlzeiten entlassen \u2013 laut IG-Metall droht eine \u201ekrankheitsbedingte K\u00fcndigung\u201c, wenn ein Arbeitnehmer drei Jahre lang jeweils mehr als 30 Tage ausf\u00e4llt \u2013 und verliert damit sein Einkommen.<\/p>\n<p>Zwar gibt es f\u00fcr die verschiedenen F\u00e4lle Lohnersatz-Leistungen6. Allerdings m\u00fcssen daf\u00fcr die gesetzlich geregelten Voraussetzungen vorliegen \u2013 was insbesondere bei den inzwischen verbreiteten \u201eprek\u00e4ren\u201c Arbeitsverh\u00e4ltnissen nicht der Fall ist. Und es sind bei allen Varianten Abz\u00fcge vom Lohn hinzunehmen, die vom Gesetzgeber vorsorglich eingebaut wurden, um Arbeitnehmer zu motivieren, ihre Arbeit z\u00fcgig wieder aufzunehmen bzw. sich schnell einen neuen Arbeitsplatz zu suchen.<\/p>\n<p>Das funktioniert in Deutschland so gut, dass das Ph\u00e4nomen des \u201ePr\u00e4sentismus\u201c beklagt wird: Arbeitnehmer_innen gehen arbeiten, obwohl sie krank sind. Mehr als die H\u00e4lfte der Befragten gaben in einer 2017 ver\u00f6ffentlichten Studie an, mindestens einmal pro Jahr trotz Krankheit am Arbeitsplatz zu erscheinen, und das durchschnittlich an etwas mehr als sechs Tagen. Obwohl dieses Verhalten kurzfristig von durchaus gelungener Motivation zeugt, bringt es im Fall von Infektionskrankheiten neben der Ansteckung von Kollegen oder Kunden\/Patienten mittelfristig noch andere kontraproduktive Folgen hervor.<\/p>\n<p>Denn mehr als 70 Prozent der fleissigen Arbeitnehmer_innen erkranken im Lauf des Jahres dann so gravierend, dass sie mehr als zwei Monate ausfallen. Wenn das schon bei den noch einigermassen gut abgesicherten \u201eregul\u00e4ren\u201c Arbeitsverh\u00e4ltnissen gilt, ist unschwer zu schlussfolgern, dass all diejenigen, die sich mit prek\u00e4ren bzw. (schein-)selbst\u00e4ndigen Jobs durchschlagen, noch erheblich r\u00fccksichtsloser mit sich (und anderen) umgehen, wenn sie krank sind. Und nat\u00fcrlich gilt das auch f\u00fcr den Willen zum Durchhalten im Privaten, wo man einfach nicht ausfallen kann oder will, wenn daran die Kinder mit ihrem Programm, der pflegebed\u00fcrftige Vater oder auch nur der lange ersehnte Kurzurlaub h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Der weitaus gr\u00f6sste Teil des Volks nimmt unter den herrschenden Bedingungen also ein ziemlich robustes Verh\u00e4ltnis zu seiner Gesundheit ein. Um mit den ziemlich \u201ealternativlos\u201c gegebenen Notwendigkeiten der eigenen Existenz klarzukommen, werden die Sch\u00e4digungen von K\u00f6rper und Psyche, die aus den zahllosen \u201eRatgebern\u201c durchaus bekannt sind (!), praktisch schlicht hingenommen. Das hat nat\u00fcrlich Folgen. Was den lieben langen Tag am Arbeitsplatz, im Grossstadtverkehr, bei den Lebensmitteln undsoweiter alles auf Muskeln, Organe und Seele eindrischt, das kann durch ein bisschen gute Luft beim Spaziergang, das Fitness-Center am Feierabend oder ein entspanntes Wochenende beim besten Willen nicht gut gemacht werden.<\/p>\n<p>Die Menschen dieser Gesellschaft sind deshalb l\u00e4ngst daran gew\u00f6hnt, mit den \u201e\u00fcblichen\u201c Malessen zu leben \u2013 \u201emuss ja\u201c. Sie haben \u201eR\u00fccken\u201c, Bluthochdruck und plagen sich mit erworbenen Allergien aller Art herum; Lebensmittelunvertr\u00e4glichkeiten und Neurodermitis breiten sich immer mehr aus. Mit diesen Krankheiten zu leben, ist \u00fcbrigens eine Aufgabe, die einen betr\u00e4chtlichen Teil der Lebenszeit beansprucht. Die Betroffenen rennen nicht nur von einem Arzt zum n\u00e4chsten in der Hoffnung, einen zu finden, der helfen kann; sie sind auch ihre eigenen Versuchskaninchen daf\u00fcr, vertr\u00e4gliche Nahrung, Medikamente und Therapien zu finden. Lebensmittelhersteller, Pharmakonzerne, Gastronomie etc. sind dabei mit ihren Produkten nat\u00fcrlich stets zur Stelle, wenn es sich rechnet, aber mit ihren Gratis-Informationen nicht sonderlich hilfreich. Warum nicht? Gehe zur\u00fcck auf Los!<\/p>\n<h3>Harte Resultate<\/h3>\n<p>Die Gesundheit wird in dieser Gesellschaft weit \u00fcber das Mass hinaus strapaziert, das angesichts der vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und der erreichten Produktivit\u00e4t der Arbeit n\u00f6tig w\u00e4re. Entsprechend sehen die Menschen gerade in der \u00f6konomisch erfolgreichsten europ\u00e4ischen Nation oft aus: blass, gehgesch\u00e4digt, relativ viele \u00fcbergewichtig, verh\u00e4rmt. Nat\u00fcrlich nicht in guten M\u00fcnchner Wohngegenden, aber ziemlich durchg\u00e4ngig im Ruhrgebiet; und durchaus erschreckend, wenn man etwa aus der Schweiz nach Deutschland zur\u00fcckkommt.<\/p>\n<p>Wer das f\u00fcr eine bloss subjektive Wahrnehmung h\u00e4lt, dem sei ein Blick in diverse Statistiken empfohlen. Es ist fast erm\u00fcdend, darauf hinzuweisen, was sie seit Jahr und Tag belegen: Wer \u00e4rmer ist, lebt k\u00fcrzer \u2013 bei M\u00e4nnern geht es dabei um fast zehn Jahre, bei Frauen um f\u00fcnf. M\u00e4nner leben allgemein f\u00fcnf Jahre weniger als Frauen \u2013 hier machen sich im Wesentlichen die immer noch l\u00e4ngere\/h\u00e4ufigere Berufst\u00e4tigkeit und die damit verbundenen Belastungen der M\u00e4nner geltend; das wurde anhand der sogenannten \u201eKlosterstudie\u201c nachgewiesen: Bei M\u00f6nchen und Nonnen schrumpft der weibliche Vorsprung in der Lebenserwartung auf nur ein Jahr&#8230; Und die Todesstatistiken (2019) weisen aus: Von den etwa 1 Million Toten in Deutschland sterben j\u00e4hrlich fast sechshunderttausend Menschen an Herz-Kreislauf-Versagen, Krebs und Atemwegserkrankungen. Ziehen wir davon alle wirklich \u201ealters-schwachen\u201c Menschen ab \u2013 irgendwann und an irgendetwas stirbt man ja \u2013 dann wird man auch da in vielen F\u00e4llen sagen k\u00f6nnen, dass deutlich vor der Zeit gestorben wurde.<\/p>\n<p>Nicht erst seit Corona und den \u201eQuerdenkern\u201c gehen die Mitglieder dieser Gesellschaft hart mit ihrer Gesundheit und der anderer um. Sie buchen all das, was K\u00f6rper und Seele attackiert, offensichtlich als (zumindest f\u00fcr sie nicht zu \u00e4ndernde) Notwendigkeiten ab \u2013 ganz so, als sei diese Gesellschaft mit all ihren Rechnungen und Zw\u00e4ngen nat\u00fcrlich oder schicksalhaft gegeben. Und das ist ja auch so. Jedenfalls wenn und weil sie das zulassen.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\" style=\"text-align: right;\">Renate Dillmann<\/p>\n<p class=\"fussnoten\"><strong>Fussnoten:<\/strong><\/p>\n<p>[1] Dies gilt zumindest f\u00fcr die sog. \u201eentwickelten\u201c L\u00e4nder. In L\u00e4ndern der 3. Welt grassieren auch heute noch die hierzulande weitgehend \u00fcberwundenen, einged\u00e4mmten und gut behandelbaren Krankheiten wie Cholera, Masern, Malaria oder Aids als t\u00f6dliche Seuchen \u2013 allesamt \u201eArmutskrankheiten\u201c. Und: Alle 5 Sekunden erblindet ein Mensch, 90% davon in \u201eEntwicklungsl\u00e4ndern\u201c. (\u2026) \u201eDabei w\u00e4ren 75% der Erblindungen weltweit vermeidbar.\u201c \u201eVermeidbar\u201c w\u00e4ren diese Krankheiten allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die Gesetze des kapitalistischen Weltmarkts nicht mehr gelten w\u00fcrden. Denn in ihnen liegt der Grund daf\u00fcr, dass diese L\u00e4nder f\u00fcr ihre Bev\u00f6lkerungen immer weniger an Lebensgrundlagen bereitstellen und weder den Zweck haben noch in der Lage dazu sind, eine Gesundheitsversorgung zu entwickeln. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang das sozialistische Kuba \u2013 das einzige Land der 3. Welt mit einem funktionierenden Gesundheitssystem!<\/p>\n<p>[2] Karl Marx, Das Kapital, Band 1<\/p>\n<p>[3] Das gilt auch f\u00fcr Arbeitspl\u00e4tze, die im Interesse einer nachhaltigen Benutzung ihrer Arbeitskr\u00e4fte moderne arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse ber\u00fccksichtigen. Wenn die Investition sinnvoll erscheint, richten Unternehmen diese durchaus nach den Erkenntnissen der Arbeitsergonomie ein \u2013 mit dem Ziel, dass Leistungen stetig erbracht werden k\u00f6nnen, ohne dass der Arbeitsablauf permanent durch Fehlzeiten oder n\u00f6tig werdende Neubesetzungen gest\u00f6rt wird (Schreibtischst\u00fchle, L\u00e4rmschutz etc).<\/p>\n<p>[4] Vgl. Suitbert Cechura, Diese Gesellschaft macht krank (2018) und Sabine Predehl\/Rolf R\u00f6hrig, Gesundheit \u2013 ein Gut und sein Preis (2016) sowie Renate Dillmann\/Arian Schiffer-Nasserie, Der soziale Staat (Kapitel: Krankheiten) (2018)<\/p>\n<p>[5] Es gibt selbstverst\u00e4ndlich Mediziner, die \u00fcber diesen Widerspruch ihrer T\u00e4tigkeit nicht so l\u00e4ssig hinwegsehen oder -gehen wollen, wie z.B. den VD\u00c4\u00c4 (Verein Demokratischer \u00c4rztinnen und \u00c4rzte) \u2013 insgesamt stellt das allerdings eine Minderheitsposition dar.<\/p>\n<p>[6] Lohnfortzahlung im Krankheitsfall bei l\u00e4nger andauernden Ausf\u00e4llen, Krankengeld bzw. bei l\u00e4nger anhaltenden Krankheiten der \u00dcbergang zur Verrentung, Arbeitslosengeld I bzw. II nach Entlassungen<\/p>\n<p>Dr. Renate Dillmann hat zusammen mit Dr. Arian Schiffer-Nasserie das Buch \u201eDer soziale Staat \u2013 \u00dcber n\u00fctzliche Armut und ihre Verwaltung\u201c geschrieben (VSA 2018)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob die \u201eErn\u00e4hrungs-Docs\u201c uns \u201emit Super-Food\u201c \u201esupergesund\u201c machen, die \u201egeheime Kraft der Atmung\u201c, \u201eAugen-Yoga\u201c oder der \u201eDarm mit Charme\u201c auf uns warten: Gesundheits-Ratschl\u00e4ge boomen \u2013 in Zeitschriften, B\u00fcchern oder von alternativen Heilern aller Art. 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