{"id":1512897,"date":"2022-01-31T10:21:10","date_gmt":"2022-01-31T10:21:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1512897"},"modified":"2022-01-31T15:28:17","modified_gmt":"2022-01-31T15:28:17","slug":"appell-zur-deeskalation-des-konflikts-in-der-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2022\/01\/appell-zur-deeskalation-des-konflikts-in-der-ukraine\/","title":{"rendered":"Appell zur Deeskalation des Konflikts in der Ukraine"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><strong>Europa muss in den Dialog durch OSZE-Mechanismen investieren und Frauenorganisationen und Netzwerke von Friedensstiftern und Menschenrechtsverteidigern in der Region unterst\u00fctzen.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Wie nah wir einem Krieg in Europa sind, wissen wir nicht wirklich, aber die Kriegstreiber verstehen ihr Handwerk: \u00c4ngste sch\u00fcren, Abschreckung postulieren, aufr\u00fcsten, drohen und alles noch umh\u00fcllt von einem diskreten M\u00e4ntelchen der Diplomatie.<\/p>\n<p>Der Krieg ist aber bereits da in der Ukraine, Georgien, Armenien und der gesamten Kaukasusregion, in der T\u00fcrkei \u2013f\u00fcr viele immer noch irgendwie weit weg. Es handelt sich bei vielen um sog \u201eprotracted conflicts\u201c, die den Weg in die europ\u00e4ischen Medien nur schaffen wenn geschossen wird oder das Feindbild Russland bedient werden kann. Die Schicksale der vielen zwangsvertriebenen Menschen aus diesen Regionen machen keine gro\u00dfen Schlagzeilen, au\u00dfer wenn sie an oder \u00fcber die EU Grenzen Schutz suchen \u2013 wie jetzt an der polnisch-belarussischen Grenze und in der Folge des Afghanistan Desasters.<\/p>\n<p>Zunehmend autorit\u00e4re Regime, altbekannter \u201ePatriotismus\u201c gehen eine fatale Mischung ein mit zugrundeliegenden und immer wieder neu bedienten patriarchalen Strukturen. Das f\u00fchrt zu erschreckender Zunahme an Bedrohungen von Menschenrechtsverteidiger*innen und zur Diskreditierung bzw. Kriminalisierung von Friedenskr\u00e4ften \u2013 unter denen sich so viele mutige Frauen befinden.<\/p>\n<p>Die Frauen in der Ukraine, die seit Jahren \u00fcber \u201etrennende Linien\u201c hinweg und unter gro\u00dfem pers\u00f6nlichem Einsatz auch in der Ostukraine in vielen (lokalen) Projekten arbeiten, wissen, dass Krieg ist. Sie wissen auch wie schwierig es ist \u00fcber Frieden zu reden, wenn der \u201eFeind\u201c vor der T\u00fcr steht und viele nicht aufgearbeitete historisch-traumatische Erfahrungen und das aktuelle S\u00e4belrasseln auch der europ\u00e4ischen Nachbarn Vertrauensbildung im Kleinen behindern. Tausende Tote und zivile Verwundete sind seit 2014 zu beklagen und ganz besonders sind davon die Frauen \u2013 und die gesamte Zivilgesellschaft betroffen.<\/p>\n<p>Sie sind m\u00fcde und vor allem ihre (wirtschaftliche) Verwundbarkeit im Alltag und der Kampf ums t\u00e4gliche \u00dcberleben schaffen st\u00e4ndig neue \u00c4ngste und Unsicherheiten. Die Frauen m\u00fcssen um ihre Renten k\u00e4mpfen, zersplitterte Familien durchbringen, haben Jobs verloren und sind Opfer eines sichtbaren Strukturwandels durch das Kriegsgeschehen. Sie brauchen jetzt vorrangig \u201eself-care\u201c um auch weiter politisch aktiv sein zu k\u00f6nnen: kleine Schritte die ihnen das Leben erleichtern, angemessene, auch selbstorganisierte Gesundheits-und Sozialversorgung, funktionierende Lebensmittelm\u00e4rkte genauso wie die M\u00fcllabfuhr und irgendwie Ruhe und R\u00e4ume in denen sie ihre Zukunft gestalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig sagen sie \u201ewir wollen den Krieg nicht (mehr)\u201c, wir sind nicht bereit, Krieg, st\u00e4ndige Drohungen mit milit\u00e4rischen Interventionen und rhetorischer bzw. realer Aufr\u00fcstung als Antwort auf Bedrohungen als &#8222;Normalit\u00e4t&#8220; hinzunehmen, weil er die Instabilit\u00e4t in einer ohnehin schon sehr fragilen (wirtschaftlichen und psychosozialen) Situation &#8211; besonders f\u00fcr Frauen &#8211; noch verst\u00e4rkt. &#8222;Die Logik des Krieges darf unser Sein nicht besetzen&#8220;, sagt die Aktivistin Kateryna Mishchenko.<\/p>\n<p>Und deshalb braucht es als friedensstiftende Ma\u00dfnahme wirtschaftliches Empowerment dezentral und auf lokale Bed\u00fcrfnisse bezogen. Die Partner*innen in Europa k\u00f6nnen und m\u00fcssen darauf dringen, dass Projekte zur De-Militarisierung der K\u00f6pfe, der Herzen und der Kultur auch finanziert werden. Das wird zunehmend zur zentralen Aufgabe der Umsetzung der Frauen-Frieden-Sicherheitsagenda und der lokalen Aktionspl\u00e4ne der UNR1325.<\/p>\n<p>Die Schritte zur Deeskalation und Entmilitarisierung der Konflikte verlangen auch den politischen Willen zu einer klaren Priorisierung der Diplomatie \u2013 weg von der dominierenden Abschreckungslogik durch milit\u00e4rische Aktionen aller Art und die klare Distanzierung von autorit\u00e4ren Regimen als \u201eStabilit\u00e4tsanker\u201c im internationalen Konzert. Wir appellieren an alle politischen Kr\u00e4fte, Waffenlieferungen zu stoppen, nicht st\u00e4ndig neu ins Gerede zu bringen und Abr\u00fcstung gerade im Konfliktfall ernsthaft zu diskutieren. Auch das ist Teil einer feministischen Au\u00dfenpolitik, wenn sie denn praxistauglich sein will. Europas Regierungen riskieren neue Spaltungen und erwecken das Schreckgespenst alter Konfrontationen in Europa. Der gesamteurop\u00e4ische Zusammenhalt darf keinesfalls weiter gef\u00e4hrdet werden. Konfliktpr\u00e4vention ist das Gebot der Stunde mit Investitionsprogrammen, Visaerleichterungen, Kooperationen auch im Energiesektor und immer wieder Gespr\u00e4che auf allen Ebenen \u2013 unter Einbeziehung alle gesellschaftlichen Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Als Mitglieder der \u00e4ltesten <a href=\"http:\/\/www.wilpf.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Frauenfriedensorganisation<\/a> mit zahlreichen Partnerinnen weltweit und gerade auch im <a href=\"https:\/\/www.civicsolidarity.org\/member\/1451\/working-group-women-and-gender-realities-osce-region\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">OSZE-Zusammenhang <\/a>\u00a0wenden wir uns mit diesem Appell an die europ\u00e4ischen Regierungen. Wir setzen auf multilaterale Zusammenarbeit f\u00fcr eine gemeinsame Sicherheit und damit insbesondere auf die OSZE als Br\u00fccke zwischen Ost-und West, als Tr\u00e4ger langfristiger Missionen und von Think Tanks. Die OSZE muss von den europ\u00e4ischen Regierungen gest\u00e4rkt werden \u2013 auch wenn die sie in den letzten Jahren vielfach unter nationalen Druck geraten ist und durch ihr Konsensprinzip nicht immer handlungsf\u00e4hig schien. Die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft \u2013 darunter insbesondere auch von und mit Frauen getragene Organisationen \u2013 spielt in der OSZE eine Rolle und sie muss weiter ausgebaut werden. Daf\u00fcr setzen sich viele Gruppen gerade in Vorbereitung des Jubil\u00e4ums der Helsinki-Charta 2025 ein. Die OSZE bietet auf Grund ihrer Struktur der 3 Dimensionen: Sicherheit, Menschenrechte und Wirtschaft\/Umwelt, intersektionale, inklusive Ans\u00e4tze die es zu nutzen gilt. So beteiligen sich viele engagierte Frauen auch an dem neugegr\u00fcndete &#8222;Netzwerk der Friedensstifterinnen und Mediatorinnen&#8220; , das auch in diesem Jahr im Rahmen des polnischen OSZE-Vorsitzes vor gewaltigen Herausforderungen steht, um Frauenrechte zu bewahren.<\/p>\n<p>Zum Schluss m\u00f6chte ich noch die Idee der Friedensnobelpreistr\u00e4ger*innen aufgreifen<strong>: <\/strong><\/p>\n<blockquote><p><em><strong>&#8222;Wir haben einen einfachen Vorschlag f\u00fcr die Menschheit: Die Regierungen aller UN-Mitgliedsstaaten sollten eine gemeinsame Reduzierung ihrer Milit\u00e4rausgaben um 2 % pro Jahr f\u00fcr f\u00fcnf Jahre aushandeln&#8220;.<\/strong><\/em><\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Europa muss in den Dialog durch OSZE-Mechanismen investieren und Frauenorganisationen und Netzwerke von Friedensstiftern und Menschenrechtsverteidigern in der Region unterst\u00fctzen. 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