{"id":1481787,"date":"2021-12-02T08:58:45","date_gmt":"2021-12-02T08:58:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1481787"},"modified":"2021-12-02T08:58:45","modified_gmt":"2021-12-02T08:58:45","slug":"cop-26-die-erfolge-von-glasgow-und-ihre-massstaebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/12\/cop-26-die-erfolge-von-glasgow-und-ihre-massstaebe\/","title":{"rendered":"COP 26: Die Erfolge von Glasgow und ihre Ma\u00dfst\u00e4be"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kapitalistisches Wirtschaftswachstum und die Folgen der Erderw\u00e4rmung<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<h4>Die Weltklimakonferenz COP 26 in Glasgow ging nach einer Verl\u00e4ngerung zu Ende, wobei das Echo sehr geteilt ist.<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend die einen die Konferenz als einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Verhinderung der Weltklimaerw\u00e4rmung feiern, zeigen sich andere vom Ergebnis entt\u00e4uscht, was in der \u00c4usserung von Greta Thunberg gipfelte: \u201eBlah, blah, blah\u201c. Dass die Urteile so unterschiedlich ausfallen, kann wohl kaum am Ergebnis der Konferenz selber liegen, sondern vielmehr an den unterschiedlichen Massst\u00e4ben, an denen es gemessen wird.<\/p>\n<h4>Der hoffnungsvolle Auftakt<\/h4>\n<p>Der Beginn der Konferenz wurde beherrscht vom Auftritt der politischen Gr\u00f6ssen der verschiedenen Staaten \u2013 angefangen vom Pr\u00e4sidenten der Vereinigten Staaten Joe Biden bis hin zur deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Allein ihr Erscheinen sollte die Wichtigkeit des Anliegens der Konferenz unterstreichen, und eine der Hauptmeldungen in den Medien war das Nichterscheinen von Chinas Pr\u00e4sident Xi Jinping und Russlands Pr\u00e4sident Wladimir Putin. Zwar waren sie per Videokonferenz pr\u00e4sent und hatten auf diese Weise CO2 \u2013Emissionen vorbildlich gespart, dennoch galt ihr physisches Nichterscheinen als kritikabel \u2013 im Gegensatz zu den mit viel Energie-Aufwand (in eigenen Fliegern etc.) angereisten Kollegen.<\/p>\n<p>Im Vordergrund der Konferenz standen zun\u00e4chst die Absichtserkl\u00e4rungen der erschienenen Politiker wie z.B. die von Angela Merkel: \u201eKlimaneutralit\u00e4t bis zur Mitte des Jahrhunderts, also am besten bis 2050, zu erreichen \u2013 dieses Ziel wurde genannt; und es ist auch dringend notwendig. Aber daf\u00fcr werden erhebliche Investitionen gebraucht. Und das ist noch untertrieben, denn wir brauchen eine komplette Transformation unserer Art zu leben und zu arbeiten, der Energieerzeugung und der Mobilit\u00e4t. Das ist nat\u00fcrlich eine grosse Herausforderung.\u201c<\/p>\n<p>Merkel betont wie viele andere auch das gemeinsame Ziel der Klimaneutralit\u00e4t und spricht dabei von der \u00c4nderung des Lebens von \u201euns allen\u201c. Mit der Betonung der Gemeinsamkeit bezieht sich die Kanzlerin auf die gemeinsame Betroffenheit aller Staaten, die mit der Erderw\u00e4rmung vor neue Kalkulationen gestellt werden.<\/p>\n<p>Die Betroffenheit f\u00e4llt f\u00fcr die Staaten allerdings sehr unterschiedlich aus. Manche k\u00f6nnen durchaus auch Vorteile f\u00fcr sich durch die Erderw\u00e4rmung entdecken, wenn das Nordpolarmeer eisfrei wird und sich somit neue Verkehrswege und neue Wirtschaftsr\u00e4ume erschliessen lassen. Andrerseits ergeben sich aus diesem Umstand aber auch neue Gefahren, die es abzuw\u00e4gen gilt. So folgen aus der Erderw\u00e4rmung f\u00fcr die unterschiedlichen Staaten bei aller gemeinsamen Betroffenheit ganz unterschiedliche Konsequenzen und auch ganz neue wirtschaftliche Chancen, die oft aber auch von den Entscheidungen anderer Staaten abh\u00e4ngig sind. Deshalb setzen sie sich in Konferenzen in Verbindung, um f\u00fcr sich Gefahren und Chancen auszuloten.<\/p>\n<p>\u00dcber diese Unterschiede setzt sich die Kanzlerin hinweg, wenn sie das gemeinsame Ziel und dessen Erreichen als Gemeinschaftsanliegen behandelt. Ganz so, als ob es sich um eine Sache handelte, die in gleicher Weise alle betrifft, eben unseren Lebensstil und unsere Art, zu konsumieren. Dabei ist Letzteres nur die abh\u00e4ngige Variable von Entscheidungen, die ganz andere Subjekte treffen.<\/p>\n<p>Und wenn es wirklich ein Gemeinschaftsanliegen der Staatenwelt w\u00e4re, dann br\u00e4uchte es \u00fcbrigens nicht die 26. Konferenz von Regierungsvertretern; denn was dann anst\u00fcnde w\u00e4re eher ein technisches Problem. Das Stattfinden der vielen Konferenzen macht dagegen gleich augenscheinlich, dass es dieses Menschheitsanliegen gar nicht gibt. Es geht schliesslich um Treffen von Staaten, die bei diesen Konferenzen ganz unterschiedliche Interessen verfolgen, und diese haben nichts mit der vorgestellten Einigkeit zu tun, dass es einfach darum ginge, die Welt vor dem Untergang zu bewahren.<\/p>\n<p>Wenn die Kanzlerin von den \u201eerheblichen Investitionen\u201c spricht, so steht im Hintergrund ja auch immer, dass diese sich irgendwie lohnen sollen. Es geht also bei diesen Konferenzen um den Streit, welche Sch\u00e4den wer durch den Klimawandel zu erwarten hat und wer von einer Verhinderung der Erderw\u00e4rmung wie profitieren kann.<\/p>\n<p>Es sind eben Veranstaltungen von Konkurrenten, die sich gegenseitig auf bestimmte Formen der Energiegewinnung und des Energieeinsatzes festlegen wollen und dabei in unterschiedlicher Weise von den unterschiedlichen Formen des Energiegebrauchs profitieren. Um diese Ertr\u00e4ge streiten die Staaten. Schliesslich hat die oft als Klimakanzlerin gelobte Frau Merkel sich in der Vergangenheit besondere Verdienste dadurch erworben, dass sie im Rahmen der EU Umweltauflagen f\u00fcr die Autoindustrie blockierte, die vor allem den deutschen Autoherstellern h\u00e4tte schaden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Ergebnis einer solchen Konferenz kann daher auch nur in einer Vereinbarung bestehen, bei der sich die Staaten selber zu etwas verpflichten, von dem sie sich einen Nutzen versprechen. Es ist die Summe von Selbstverpflichtungen, die da zu Papier gebracht wird. Deren Erf\u00fcllung h\u00e4ngt somit auch von der Kalkulation derer ab, die die Selbstverpflichtung aussprechen.<\/p>\n<h4>Das Ergebnis<\/h4>\n<p>Als Resultat werden in der \u00d6ffentlichkeit mehrere Punkte hervorgehoben: \u201eDas beginnt damit, dass die Regeln des Pariser Klimaabkommens nun endlich stehen. Wie konkret Fortschritte im Klimaschutz vergleichbar werden, wie die Staaten neue Pl\u00e4ne hinterlegen, wie sie miteinander kooperieren \u2013 all das hat die Konferenz in Glasgow kl\u00e4ren k\u00f6nnen.\u201c (Michael Bauchm\u00fcller, SZ 15.11.21)<\/p>\n<p>Offenbar braucht es Regeln f\u00fcr die Vergleichbarkeit von Klimaschutzmassnahmen, weil es nicht einfach um deren Wirksamkeit geht, sondern weil die Staaten sich gegenseitig misstrauen, ob die anderen ihre abgegebenen Absichtserkl\u00e4rungen auch erf\u00fcllen. Dass die schon abgegebenen Erkl\u00e4rungen nicht ausreichen, um die Erderw\u00e4rmung zu stoppen, davon gehen alle beteiligten Staaten offenbar aus. Also braucht es st\u00e4ndig neue Pl\u00e4ne, um zumindest den Schein aufrecht zu erhalten, dass die Erderw\u00e4rmung in einem ertr\u00e4glichen Rahmen gehalten werden kann. Darin besteht also einer der Erfolge der Konferenz und macht damit gleich weitere Konferenzen notwendig.<\/p>\n<p>Die deutsche Umweltministerin<a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/themen\/klimaschutz\/globaler-klimaschutz-1974042\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Svenja Schulze weiss zudem einen weiteren Erfolg zu vermelden<\/a>: \u201eDiese Konferenz hat gezeigt, dass die Welt ein gemeinsames Ziel verfolgt, eine klimaneutrale Weltwirtschaft. Das fossile Zeitalter geht zu Ende, die Energiewende wird weltweit zum Leitbild.\u201c<\/p>\n<p>Zwar soll es schon vor Jahren in Paris ein gemeinsames Ziel gegeben haben. Erstaunlich also, dass das nun als Ergebnis von Glasgow gefeiert wird. Macht aber nichts. Mit der Behauptung, das fossile Zeitalter gehe zu Ende, lobt die Ministerin dreist die in der Abschlusserkl\u00e4rung festgehaltene Aussage, dass der Einsatz von Kohle, Gas und \u00d6l reduziert werden soll: \u201eUnd dann ist da dieser eine Absatz, Nummer 36 von 97. Darin sollen die Staaten aufgefordert werden, schneller das Ende der Kohle einzuleiten, sich obendrein von \u201aineffizienten\u2018 Subventionen f\u00fcr fossile Energie zu verabschieden\u2026 Aus dem \u201aAusstieg\u2018 aus der Kohle wird eine \u201aVerminderung\u2018, aus einem \u201aphase-out\u2018 ein \u201aphase-down\u2018.\u201c (SZ, 15.11.21)<\/p>\n<p>Im Grunde fordern alle Staaten mit der Abschlusserkl\u00e4rung sich selber auf, den Einsatz von Kohle zu vermindern, was Deutschland ja auch betreibt, und zwar mit seinem Ausstieg bis 2038, also der damit gesicherten Verbrennung von dreckiger Braunkohle auf Jahre hin. Schliesslich ist und bleibt die Braunkohle ein billiger nationaler Energietr\u00e4ger, den es solange zu nutzen gilt, bis sich g\u00fcnstigere Energiequellen ergeben.<\/p>\n<p>Dass zudem \u201eineffiziente\u201c Subventionen f\u00fcr fossile Energie gestrichen werden sollen, ist fast schon ein Witz. Welcher Staat wendet denn ineffiziente Subventionen auf?<\/p>\n<p>Deutschland hat doch seine Steinkohle lange Zeit deshalb subventioniert, weil es \u00fcber eine nationale Energiequelle verf\u00fcgen wollte. Die Effizienz einer Subvention l\u00e4sst sich eben sehr unterschiedlich bestimmen \u2013 je nach \u00f6konomischer oder politischer Interessenlage. Eins kann man in jedem Fall festhalten: Die Effizienz von Subventionen bemisst sich nicht daran, was sie f\u00fcr den Klimaschutz leisten. Beispielhaft w\u00e4ren da die Subventionen f\u00fcr Elektroautos zu nennen, die den deutschen Autobauern ihren zuk\u00fcnftigen Erfolg, d.h. die Gewinne sichern sollen, wobei die <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Wenn-die-Verkehrswende-zur-Antriebswende-degradiert-wird-6217010.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00d6ko-Bilanz der Umstellung auf E-Mobilit\u00e4t<\/a> eine h\u00f6chst problematische Gr\u00f6sse ist.<\/p>\n<p>Die Zusammenfassung formulierte der Pr\u00e4sident der Klimakonferenz, der Brite Alok Sharma: \u201eWir k\u00f6nnen nun mit \u00dcberzeugung sagen, wir haben die 1,5 Grad lebendig gehalten\u201c. (SZ, 15.11.21) Auch so kann man ausdr\u00fccken, dass das 1,5-Grad-Ziel ein Ideal ist, in dessen Namen die Erderw\u00e4rmung irgendwie in Grenzen gehalten werden soll, ohne das kapitalistische Wachstum zu gef\u00e4hrden. Insofern kommt es nicht unbedingt auf die genaue Zielerreichung an. Vielmehr k\u00f6nnen viele \u2013 und vor allem die entscheidenden kapitalistischen L\u00e4nder \u2013 auch mit einer gr\u00f6sseren Erw\u00e4rmung leben und stellen sich bereits darauf ein. Schliesslich gibt es viele Initiativen, um die erwarteten Sch\u00e4den aufzufangen, zu begrenzen oder sich dagegen zu versichern, sowie den Streit darum, wer in Zukunft f\u00fcr die Sch\u00e4den aufzukommen hat.<\/p>\n<h4>Die Zufriedenen<\/h4>\n<p>Zu denen, die das Ergebnis von Glasgow mit Zufriedenheit zur Kenntnis nehmen, geh\u00f6ren die Vertreter der zuk\u00fcnftigen Regierung in Deutschland: \u201eFDP-Chef Cristian Lindner bewertete das Ergebnis vorsichtig optimistisch. `Glasgow ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung, aber nicht das Ziel`.\u201c (SZ, 15.11.21) Auch der Vertreter der SPD stimmt dem zu: \u201eGlasgow ist ein wichtiges Signal, aber die Arbeit beginnt erst,\u201c so der SPD-Vorsitzende Matthias Miersch. (SZ, 15.11.21) Vorsichtiger \u00e4usserte sich Gr\u00fcnen-Chefin Annalena Baerbock: \u201eDie Klimakonferenz habe `die Heftigkeit der Klimabedrohung endlich anerkannt, aber noch lange nicht gebannt\u2018.\u201c (SZ, 15.11.21)<\/p>\n<p>Einfach nur Zufriedenheit will niemand signalisieren, sondern alle sehen die Klimawende als eine Herausforderung, der sie sich zu stellen haben, die also noch nicht bew\u00e4ltigt ist: \u201eDer gesellschaftliche Konflikt zwischen denen, die immer neue ehrgeizige Ziele fordern und denen, die die Energiewende blockieren, muss endlich produktiv gel\u00f6st werden\u2026 Das ist die Aufgabe einer Fortschrittskoalition\u201c (SZ, 15.11.21), weiss der SPD-Fraktionsvorsitzende Miersch zu vermelden. Er differenziert offenbar bei den Zielen in Sachen Energiewende nicht danach, was zur Vermeidung der Erderw\u00e4rmung notwendig ist oder nicht, sondern danach, ob sie zu ehrgeizig sind oder nicht. Auch warum sich die Blockierer gegen Massnahmen wenden, ist f\u00fcr ihn nicht weiter von Bedeutung. Zwischen welchen Positionen die neue Koalition also vermitteln will, bleibt damit offen, f\u00e4llt damit ganz in ihre Entscheidungskompetenz.<\/p>\n<p>Als zu ehrgeizig gelten nat\u00fcrlich Ziele, die sich nicht an den Notwendigkeiten des Gesch\u00e4ftemachens orientieren. Schliesslich bilden Aufwendungen f\u00fcr Energie und neue Technologien Kosten, die sich lohnen, sprich Gewinne sichern sollen. Also haben sich Massnahmen in Sachen Energiewende an diesem Massstab zu bew\u00e4hren. Dort, wo durch Einsatz neuer Technologien Vorteile zu erringen sind, treten diese Politiker als Parteig\u00e4nger des Klimaschutzes auf; dort, wo sie gesch\u00e4ftliche Einschr\u00e4nkungen vermuten, betrachten sie die betreffenden Massnahmen als zu ehrgeizig.<\/p>\n<p>Den Massstab formuliert FDP-Chef Lindner, n\u00e4mlich \u201edass es ein hochwirksames Paket zum Klimaschutz geben wird, das zugleich die soziale Sensibilit\u00e4t achtet und die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Wirtschaft langfristig st\u00e4rkt\u201c. (SZ, 15.11.21) Klimaschutz soll es also irgendwie geben. Das wird vielen Menschen einiges abverlangen, damit zus\u00e4tzliche Kosten bescheren. Das wird die Politik im Blick haben, wenn sie sich darum k\u00fcmmert, dass das Ganze der deutschen Wirtschaft n\u00fctzt.<\/p>\n<p>Und so mancher Journalist springt den Politikern auch gleich bei: \u201eEntt\u00e4uscht m\u00fcssen alle diejenigen sein, die einen Wundergipfel von einer Versammlung mit Vertretern aus 192 L\u00e4ndern erwartet haben. Realisten verweisen auf den Druck, der durch Glasgow jetzt erstmals auf einen globalen Kohleausstieg besteht\u2026 Besonders wichtig: Durch preiswerte erneuerbare Energie wird Klimaschutz zum Gesch\u00e4ftsmodell. Investoren, Banken, Industriekonzerne begreifen das. Kapitalisten haben schon immer die Eigenschaft, geschmeidig zu sein. Das ist das wahre Erfolgsgeheimnis des Kapitalismus, auch des gr\u00fcnen Kapitalismus.\u201c (Franz Alt, telepolis, 16.11.21)<\/p>\n<p>Das Erfolgsgeheimnis des Kapitalismus ist gerade in den umfangreichen Sch\u00e4den an Mensch und Natur zu besichtigen, schliesslich hat der geschmeidige Umgang mit Kosten f\u00fcr Abfallbeseitigung und Abgasbehandlung dazu gef\u00fchrt, dass die Welt so aussieht, wie sie aussieht. Dass hindert offenbar weder den Autor noch die Politik daran, gerade in den Verursachern der Klimakatastrophe die Retter zu entdecken: \u201eDie Kanzlerin hob die CO2(Kohlendioxid)-Bepreisung als geeignetes und wirtschaftlich vern\u00fcnftiges Instrument hervor, weltweit Industrie und Wirtschaft dazu zu bringen, die technologisch besten und effizientesten Wege zu finden, um Klimaneutralit\u00e4t zu erreichen.\u201c<\/p>\n<p>Effizienz in der Wirtschaft bemisst sich bekanntermassen nicht an einem technologischen Kriterium, sondern daran, inwieweit die Technologie dazu beitr\u00e4gt, aus einer vorgeschossenen Summe Geldes mehr Geld zu machen. Und das soll auch in Zukunft der Massstab sein, an dem sich alles zu bew\u00e4hren hat.<\/p>\n<h4>Die Kritiker<\/h4>\n<p>Noch jede Demonstration zur Klimapolitik dr\u00fcckt einen Zwiespalt aus. Auf die Strasse gehen die Demonstranten, weil sie in der herrschenden Politik einen Mangel entdecken: So wie \u201edie da oben\u201c Gesetze beschliessen, zeichnet sich ab, dass die Erderw\u00e4rmung munter weiter geht. Gleichzeitig setzen die Demonstranten aber alle Hoffnung darauf, dass die Politiker durch den massenhaften Protest dazu zu bewegen sind, doch noch Gesetze zu beschliessen, die die Erderw\u00e4rmung aufhalten.<\/p>\n<p>Dabei w\u00e4re doch als Erstes, siehe oben, zu fragen, warum die Politiker nicht von sich aus in diesem Sinne aktiv werden. Wissenschaftliche Berechnungen und Gutachten gibt es zuhauf, an mangelndem Wissen kann es wohl nicht liegen. Deshalb hat das st\u00e4ndige Betonen der Demonstranten, dass sie die Wissenschaft auf ihrer Seite haben, etwas Gebetsm\u00fchlenartiges, das Beschw\u00f6ren einer grossen Einigkeit. Schliesslich sind ja nicht wenige der Gutachten von der Politik in Auftrag gegeben worden.<\/p>\n<p>Wenn die Politiker dennoch zu anderen Ergebnissen gelangen, dann kann es nicht am fehlenden Wissen liegen, sondern dann geht es ihnen eben nicht einfach darum, wie die Klimaver\u00e4nderung gebremst werden kann. Dem Klimaschutz will sich inzwischen zwar keine der Parteien mehr verschliessen, aber alle verbinden ihr Bekenntnis zum Klimaschutz mit einem dicken \u201eAber\u201c.<\/p>\n<p>Woran es beim Klimaschutz hakt und warum er nicht so stattfinden kann, wie sich die Vertreter von Fridays for future das vorstellen, machen die Verantwortlichen vor allem an drei Punkten deutlich. Da ist zum einen das Ausland, das nicht richtig mitzieht, dann sind es die Arbeitspl\u00e4tze, die man erhalten muss, und endlich noch die Verbraucher, die das alles nicht zahlen k\u00f6nnen. Diese Gr\u00fcnde gilt es zu w\u00fcrdigen, denn ganz von der Hand weisen wollen Klimasch\u00fctzer diese Gr\u00fcnde ja nicht.<\/p>\n<p>Um mit dem Letzten zu beginnen: Die Preise f\u00fcr Energie steigen und das ist auch beabsichtigt. Schliesslich sollen die Verbraucher entweder weniger verbrauchen oder sich nach Alternativen umsehen. Als selbstverst\u00e4ndlich unterstellt ist in dieser Argumentation, dass alles in dieser Gesellschaft einen Preis hat und somit Mittel des Gesch\u00e4ftes ist. Als solches soll auch der Klimaschutz fungieren.<\/p>\n<p>Die Preise f\u00fcr Energie werden durch die CO2-Abgabe von der Politik erh\u00f6ht und so sollen sich alternative Formen des Energieverbrauchs wie Verzicht auf Autofahren, Kauf von Elektro-Autos, neue Heizungen lohnen. F\u00fcr diejenigen, die Hersteller oder Verk\u00e4ufer von Elektro-Autos, neuen Heizungen oder W\u00e4rmed\u00e4mmungen von H\u00e4usern sind, wird so eine lohnende Gesch\u00e4ftssph\u00e4re er\u00f6ffnet und stabilisiert. Diejenigen, die nur mit den steigenden Energiekosten konfrontiert werden, m\u00fcssen somit neu kalkulieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr Unternehmen und Gesch\u00e4ftsbereiche, die nicht in neuen Umweltprodukten zu Hause sind, stellen die h\u00f6heren Energiepreise h\u00f6here Kosten dar, die ihre Kalkulation belasten und die Rendite senken. Es sei denn, sie k\u00f6nnen die h\u00f6heren Kosten ihren Kunden in Rechnung stellen und sich so schadlos halten.<\/p>\n<p>Dann gibt es die Menschen, die nicht Besitzer eines Unternehmens sind, sondern nur \u00fcber sich selbst als Arbeitskraft verf\u00fcgen. Sie k\u00f6nnen ihre gesteigerten Kosten nicht einfach jemandem in Rechnung stellen, sind also mit der Notwendigkeit konfrontiert, sich einzuschr\u00e4nken oder sich mit anderen zusammenzuschliessen, um f\u00fcr h\u00f6here L\u00f6hne zu k\u00e4mpfen. Die Hoffnung richtet sich da bei vielen auf die Regierung, die die durch die h\u00f6heren Kosten entstandenen N\u00f6te abmildern soll.<\/p>\n<p>Und das haben die Parteien der neuen Regierung ja auch versprochen. Eine Kompensation f\u00fcr die h\u00f6heren Energiepreise soll es geben. Nur: Die beabsichtigte Wirkung in Sachen Klimaschutz, soll damit nicht konterkariert werden. Also ist klar, dass eine Kompensation nicht in vollem Umfang stattfinden wird. Wahrscheinlich wird es nur f\u00fcr sogenannte \u201eH\u00e4rtef\u00e4lle\u201c Zahlungen geben. Wo die \u201eH\u00e4rte\u201c anf\u00e4ngt und in welchem Umfang ein Ausgleich stattfinden soll, ist eine andere Frage \u2013 Hartz IV l\u00e4sst gr\u00fcssen.<\/p>\n<p>Konfrontiert werden Klimasch\u00fctzer immer wieder mit dem Arbeitsplatzargument oder mit Demonstrationen organisiert von Gewerkschaften. Ein Argument, das die Kritiker trifft und an dem sie sich abarbeiten: \u201eDerzeit geht man davon aus, dass die Kosten des Klimawandels bis zu achtmal h\u00f6her liegen sollen, als bisher angenommen. \u00dcberschwemmungen und St\u00fcrme k\u00f6nnen das Wirtschaftswachstum f\u00fcr die betroffenen Staaten um ein Jahrzehnt oder l\u00e4nger d\u00e4mpfen. Die T\u00f6tung von Menschen durch Unwetter f\u00fchrt zum Fehlen von Arbeitskr\u00e4ften. Die Zerst\u00f6rung von Produktionsst\u00e4tten f\u00fchrt zur Unm\u00f6glichkeit der Produktion. Die Folge sind Lieferengp\u00e4sse. Beides schadet unserem Wohlstand nachhaltig \u2013 entweder am Produktionsstandort oder durch Behinderung der Produktion durch Versorgungsengp\u00e4sse oder durch resultierende steigende Preise.\u201c<\/p>\n<p>Mit der Kostenrechnung, die auf Seiten von Fridays-for-future aufgemacht wird, soll demonstriert werden, dass Klimaschutz auch ganz im Interesse derer ist, die die Klimakatastrophe verursacht haben. Dabei gehen allerdings die Rechnungsweisen etwas durcheinander. Wenn von unserem Wohlstand die Rede ist, der durch den Klimawandel gef\u00e4hrdet ist, dann irritiert den Schreiber offenbar nicht, dass es mit dem Wohlstand bei vielen Menschen in dieser Gesellschaft nicht weit her ist. Das Wirtschaftswachstum, um das sich da gesorgt wird, besteht in dem Wachstum des Reichtums derer, die als Private \u00fcber Reichtum verf\u00fcgen. Und das ist, wie man auch aus den offiziellen Armuts- und Reichtumsberichten weiss, eine sehr \u00fcberschaubare Minderheit.<\/p>\n<p>Der Tod von Menschen wird beklagt, nicht weil er sie die Existenz kostet, sondern weil sie f\u00fcr das Wirtschaftswachstum fehlen. Zu solchen Zynismen gelangt der Autor, weil er um jeden Preis die Vereinbarkeit von Klimaschutz und kapitalistischem Wachstum nachweisen will. Gegen diese Kalkulation will sich anscheinend niemand wenden, stattdessen richtet sich die Hoffnung immer auf die Vereinbarkeit von Gewinnen mit Klimaschutz und Sicherung des Lebensunterhalts der Besch\u00e4ftigten. Die immer wieder stattfindenden wie drohenden Entlassungen sowie die Folgen dieser Produktion k\u00f6nnen diesen Glauben wohl nicht ersch\u00fcttern.<\/p>\n<p>Die Hoffnung stirbt zuletzt, heisst eine bekannte Redewendung. Aber man weiss auch: Du sollst Dir keine falschen Hoffnungen machen. Nur was bedeutet es, wenn an der Hoffnung festgehalten wird, ohne zu pr\u00fcfen, ob sie begr\u00fcndet ist? Dass die Hoffnungen nicht aufgegeben werden, wo sich viele vom Ergebnis von Glasgow entt\u00e4uscht zeigen, machen ihre Kritiker deutlich: \u201eEs gibt Momente, da f\u00fchrt die Verfolgung von Nachrichten und Talkshows zu einem grossen Mass an Ohnmacht. Etwa, wenn ein Bundeskanzlerin am Ende ihrer Amtszeit auf der COP dazu aufruft, mehr f\u00fcr den Klimaschutz zu tun und sich von den Medien und Politiker*innen beklatschen l\u00e4sst. Hatte sie nicht 16 Jahre Zeit um Klimaschutz zu machen? Was wurde in dieser Zeit getan? Beim Klimaschutzgesetz, so selbst das Bundesverfassungsgericht, jedenfalls nicht genug.\u201c<\/p>\n<p>Die Frage aufzuwerfen, was die Kanzlerin in den 16 Regierungsjahren f\u00fcr Klimaschutz getan hat, ist vielversprechend. Aber dann muss man sich auch wirklich ansehen, was und wie sie den Klimaschutz betrieben hat. Schliesslich geh\u00f6rte dazu der Einsatz f\u00fcr die Autoindustrie und f\u00fcr den Weiterbetrieb der Braunkohlekraftwerke ebenso wie der Bau von Windr\u00e4dern und die F\u00f6rderung der Solarenergie. Das w\u00fcrde dann nicht zum Abw\u00e4gen von mehr oder weniger Engagement in Sachen Klimaschutz f\u00fchren, sondern zu der Erkenntnis, nach welchen Massst\u00e4ben dieser erfolgt, und zwar im Inland wie im Ausland. Letzteres wird bei uns nat\u00fcrlich gerne an den Pranger gestellt. Dabei unterscheiden sich, siehe oben, die Kalkulationen der grossen Wirtschaftsm\u00e4chte gar nicht im Prinzip, h\u00f6chstens in den Mitteln und den geopolitischen Bedingungen.<\/p>\n<p>Es macht also einen entscheidenden Unterschied, ob man das 1,5-Grad-Ziel als ein Ideal betrachtet, in dessen Namen man kapitalistisches Wirtschaftswachstum mit den Folgen der Erderw\u00e4rmung irgendwie zu vereinbaren versucht, oder ob man die 1,5 Grad als ein reelles Ziel versteht. In letzterem Fall m\u00fcsste man eben zur Kenntnis nehmen, dass dies so von keinem der handelnden Politiker verfolgt wird. Aus diesem \u2013 vernachl\u00e4ssigten \u2013 Unterschied, aus dem Desinteresse, den Motiven der m\u00e4chtigen Macher auf den Grund zu gehen, und der Bereitschaft, die offizielle Klima-PR zu schlucken, speisen sich dann immer wieder Hoffnungen \u2013 ebenso wie die unvermeidlichen Entt\u00e4uschungen, die auf dem Fusse folgen.<\/p>\n<p><strong>Suitbert Cechura<\/strong><\/p>\n<p>Zuerst erschienen bei Telepolis<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kapitalistisches Wirtschaftswachstum und die Folgen der Erderw\u00e4rmung Die Weltklimakonferenz COP 26 in Glasgow ging nach einer Verl\u00e4ngerung zu Ende, wobei das Echo sehr geteilt ist. 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