{"id":1476787,"date":"2021-11-24T06:36:15","date_gmt":"2021-11-24T06:36:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1476787"},"modified":"2021-11-24T06:36:15","modified_gmt":"2021-11-24T06:36:15","slug":"die-unsichtbaren-sichtbar-gemacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/11\/die-unsichtbaren-sichtbar-gemacht\/","title":{"rendered":"Die Unsichtbaren sichtbar gemacht \u2026"},"content":{"rendered":"<div class=\"entry-content\">\n<p class=\"author-meta\"><strong>In der Schweiz leben \u00fcber 100&#8217;000 sogenannte Sans-Papiers, Menschen ohne Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung. Das muss sich \u00e4ndern.<\/strong><\/p>\n<p><em>Christian M\u00fcller f\u00fcr die Online-Zeitung <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/wirtschaft\/arbeit\/die-unsichtbaren-sichtbar-gemacht\/\">INFOsperber<\/a><\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"entry-content clearfix\">\n<p>Viele Schweizerinnen und Schweizer reden nicht gerne dar\u00fcber. Sie wissen zu gut, dass wir \u00abnormal\u00bb hier Lebende uns daf\u00fcr sch\u00e4men m\u00fcssten \u2013 nein, uns sogar richtig sch\u00e4men\u00a0<em>m\u00fcssen.\u00a0<\/em>Darf es sein, dass in einem der reichsten L\u00e4nder der Welt mehr als 1 Prozent der Bev\u00f6lkerung zwar arbeitet wie alle anderen auch, sich aber halbwegs vor den Beh\u00f6rden verstecken muss, weil mit den Papieren etwas nicht stimmt \u2013 weil diese Menschen zum Beispiel in H\u00e4usern von Wohlhabenden kochen oder putzen und mit einem kleinen \u2013 oft zu kleinen \u2013 Gehalt zufrieden sein m\u00fcssen, weil sie \u00fcber keine Arbeitsbewilligung verf\u00fcgen?<\/p>\n<p><strong>Ein neues Buch gibt Auskunft \u2013 und geht ans Herz!<\/strong><\/p>\n<p>Jetzt haben sich die Journalistin Tanja Polli und die Fotografin Ursula Markus des Themas angenommen. Sie haben gegen zwanzig solcher Sans-Papiers ausfindig gemacht, mit ihnen gesprochen, wenn diese einverstanden waren, und sie portraitiert. Und sie haben das in einem Buch mit dem Titel \u00abDie Unsichtbaren\u00bb festgehalten. Um es gleich vorwegzunehmen: Es ist ein wunderbares Buch geworden. Es ist \u00e4usserst informativ, kl\u00e4rt auf \u00fcber die rechtlichen Probleme, \u00fcber den Umgang der Beh\u00f6rden mit diesen Menschen, \u00fcber die Differenzen zwischen der franz\u00f6sisch-sprachigen und der deutsch-sprachigen Schweiz, \u00fcber die M\u00f6glichkeiten, das Problem zu l\u00f6sen oder doch wenigstens zu entsch\u00e4rfen. Vor allem aber zeigen Polli und Markus anhand der portraitierten Menschen, wie unendlich schwierig so ein Leben ist und warum diese Menschen es trotz allem zu leben versuchen: aus Armut, aus Not, wegen des Hungers ihrer Familien zuhause in S\u00fcdamerika oder Afrika, um ihren Lieben ein paar Franken schicken zu k\u00f6nnen: die 62-j\u00e4hrige Maria aus der Dominikanischen Republik, eine Haushaltshilfe, eine sehr eindr\u00fcckliche Geschichte; der 43-j\u00e4hrige Verdier von der Elfenbeink\u00fcste, der am Genfersee als Koch arbeitet und bei dem nach einem Jahr Gef\u00e4ngnis mit den Papieren nun fast alles stimmt, aber eben nur fast; Haveen, die 16-j\u00e4hrige Sch\u00fclerin aus dem Irak, eine Kurdin, die mit ihren Eltern fliehen musste, die gerne zur Schule geht und \u00c4rztin werden m\u00f6chte, aber wegen des Papier-Problems schon M\u00fche hat, eine Lehrstelle zu finden, eine Geschichte wie aus Absurdistan, aber eben doch aus der Schweiz. Und \u00fcber ein Dutzend weitere Schicksale.<\/p>\n<p>Tanja Polli ist eine begabte und erfahrene Schreiberin. Ihr Schreibstil ist pr\u00e4zise und sachlich. Nie gleitet sie, der oft traurigen Thematik zum Trotz, ins Sentimentale ab. Sie findet zu den Portraitierten die erforderliche N\u00e4he und verliert doch nie die n\u00f6tige Distanz. Ursula Markus, eine schon mit etlichen Awards ausgestattete Fotografin, hat eindr\u00fcckliche Bilder dazu gemacht \u2013 nie indiskret, f\u00fcr das Buch aber eine echte Bereicherung. Beide, Autorin und Fotografin, sind der Versuchung, boulvardesk-kitschige J\u00f6-Geschichten zu liefern, bei keinem der Portraits erlegen. Sie haben das Ziel, Unsichtbare f\u00fcr uns \u00abnormale\u00bb B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sichtbar zu machen, zu hundert Prozent erreicht.<\/p>\n<p>Dass das Buch \u00abnur\u00bb Schwarzweiss-Fotos enth\u00e4lt und keine farbigen Bilder, wird dem Thema absolut gerecht: auch dies eine kluge Mischung aus menschlicher N\u00e4he und der sachlichen Information zuliebe aus der n\u00f6tigen Distanz. Was allerdings schade ist, ist das totale Fehlen von Bildunterschriften. Durch die Platzierung der Bilder zu den einzelnen Portraits weiss man zwar oft, dass die abgebildete Person eben auch die portraitierte Person ist. Aber warum darf man zum Beispiel bei den Bildern auf den Seiten 36\/37, 130 oder 214\/215 nicht wissen, dass sie die Autorin Tanja Polli bei ihrer Arbeit zeigen? Auch m\u00fcsste der Verlag wissen, dass der Besucher im Buchladen, der in den aufliegenden B\u00fcchern schnuppert, \u00fcber die attraktiven Bilder auf die Bildlegenden st\u00f6sst und dann genau \u00fcber diese neugierig auf den ganzen Text wird und sich so zum Kauf des Buches entschliesst. Schade!<\/p>\n<p>(Und auch etwas anderes ist leicht irritierend: Warum publiziert der Schweizer Rotpunktverlag, der nach eigenen Angaben vom Schweizer Bundesamt f\u00fcr Kultur \u00abStrukturbeitr\u00e4ge\u00bb erh\u00e4lt, das Buch einer Schweizer Autorin zu einem Schweizer Thema, das vor allem Schweizer Leser und Leserinnen interessieren muss, in deutscher Orthographie \u2013 also \u00abgro\u00dfes Gl\u00fcck\u00bb statt nach Schweizer Schulvorgabe \u00abgrosses Gl\u00fcck\u00bb, oder \u00abunter den F\u00fc\u00dfen\u00bb statt \u00abunter den F\u00fcssen\u00bb? Die Frage ging an den Verlag. Die schriftliche Antwort lautete: \u00abTanja Polli und Ursula Markus gelang ein ergreifendes Buch, das die Schicksale von Sans-Papiers in der Schweiz eindr\u00fccklich zug\u00e4nglich macht. Wenn Sie Ihre Buchbesprechung an der Frage aufh\u00e4ngen wollen, ob im Text nun \u2018\u00df\u2019 oder \u2018ss\u2019 verwendet wird, wird dies dem Buch und den darin angesprochenen Problemen in keiner Weise gerecht.\u00bb Diese Antwort des Verlages l\u00e4sst einen schmunzeln. Sie ist ein klassisches Beispiel, wie befragte Verantwortliche Wege suchen und finden, eine konkrete Frage unbeantwortet zu lassen.)<\/p>\n<p><strong>Wer k\u00fcmmert sich um die Sans-Papiers denn eigentlich?<\/strong><\/p>\n<p>Soweit das von einem Aussenstehenden beurteilt werden kann, sind auch die Informationen zum grunds\u00e4tzlichen \u00abProblem\u00bb der Sans-Papiers \u2013 warum es sie \u00fcberhaupt gibt, wer sich um sie k\u00fcmmert, wo man mithelfen kann, welche politischen Massnahmen f\u00e4llig oder gar \u00fcberf\u00e4llig sind \u2013 in diesem Buch reichlich und korrekt. Es ist denn auch kein Zufall, sondern echt erfreulich, dass die Herausgabe dieses Buches von etlichen Stellen \u2013 unter anderem von den St\u00e4dten Z\u00fcrich und Winterthur, von zwei Kirchen und von einigen Stiftungen \u2013 finanziell unterst\u00fctzt worden ist.<\/p>\n<p>Das Buch \u00abDie Unsichtbaren\u00bb von Tanja Polli und der Fotografin Ursula Markus darf in jeder Hinsicht als literarische und auch als politische Bereicherung der schweizerischen Buch-Landschaft bezeichnet werden. Es sind ihm m\u00f6glichst viele Leserinnen und Leser zu w\u00fcnschen. Wer noch eine Weihnachtsgeschenk-Idee f\u00fcr Leute sucht, die, wie in der Schweiz der Normalfall, halt schon alles haben: Dieses Buch \u00f6ffnet Augen und zeigt, dass es auch im gleichen Dorf oder in der gleichen Stadt Menschen gibt, die nur einen Wunsch haben: hier bei uns in der Schweiz leben und arbeiten zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>(Das Buch ist gebunden, hat 256 Seiten, ISBN 978-3-85869-928-2 und kostet im Schweizer Buchhandel bei\u00a0<a href=\"https:\/\/www.exlibris.ch\/de\/buecher-buch\/deutschsprachige-buecher\/tanja-polli\/die-unsichtbaren\/id\/9783858699282\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.exlibris.ch\/de\/buecher-buch\/deutschsprachige-buecher\/tanja-polli\/die-unsichtbaren\/id\/9783858699282\">ex libris<\/a>\u00a0jetzt CHF 34.40, beim\u00a0<a href=\"https:\/\/rotpunktverlag.ch\/buecher\/die-unsichtbaren\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/rotpunktverlag.ch\/buecher\/die-unsichtbaren\">Rotpunktverlag<\/a>\u00a0und wohl in den meisten Buchhandlungen 42.-.)<\/p>\n<div class=\"wp-block-infosperber-box\">\n<blockquote>\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Wer sind die Sans-Papiers?<\/strong><\/p>\n<p>Der Ausdruck \u00abSans-Papiers\u00bb wurde in den siebziger Jahren in Frankreich von Migrantinnen und Migranten ohne geregelte Aufenthaltsbewilligung gepr\u00e4gt. Er sollte den bis dahin gebr\u00e4uchlichen Ausdruck \u00abIll\u00e9gales\u00bb ersetzen. Zur gleichen Zeit, in der in Frankreich die ersten Sans-Papiers sichtbar wurden, machten rechte Politiker in der Schweiz die sogenannten Gastarbeiter zum Politikum. Der Begriff der \u00ab\u00dcberfremdung\u00bb wurde gepr\u00e4gt. Obwohl die Wirtschaft florierte, senkten die Beh\u00f6rden die Anzahl der Saisonnier-Bewilligungen. Schon bald fehlten Arbeitskr\u00e4fte und die Gastarbeiter kamen zur\u00fcck. Doch diesmal ohne Aufenthaltsbewilligung.<\/p>\n<p>Von der breiten \u00d6ffentlichkeit wurden Sans-Papiers zum ersten Mal 2001 wahrgenommen, als eine Gruppe eine Kirche in Fribourg besetzte und die Aufenthaltsrechte f\u00fcr alle forderte. Im Sommer und Herbst desselben Jahres bildeten sich weitere Sans-Papiers-Kollektive, zuerst in der franz\u00f6sischen Schweiz, sp\u00e4ter auch in Bern, Basel und Z\u00fcrich. Heute unterscheidet man zwischen \u00abprim\u00e4ren\u00bb Sans-Papiers und solchen, die im Verlauf ihres Lebens illegalisiert wurden. Prim\u00e4re Sans-Papiers hatten nie eine Aufenthaltsbewilligung, weil sie zum Beispiel als Touristinnen und Touristen in die Schweiz einreisten und blieben oder weil sie unregistriert in die Schweiz einreisten. Andere werden zu Sans-Papiers, nachdem sie eine Aufenthaltsbewilligung verloren oder verwirkt haben. Das sind zum Beispiel ehemalige Saisonniers, deren Saisonnierstatut nicht in eine befristete Aufenthaltsbewilligung, Status B, umgewandelt wurde, oder Frauen wie M\u00e4nner, die aufgrund einer Scheidung ihr Aufenthaltsrecht verloren haben. Und zu guter Letzt wird der Begriff auch auf Asylsuchende angewandt, die nach Ablehnung ihres Asylgesuchs untergetaucht sind oder aufgrund der Situation in ihrem Herkunftsland nicht zur\u00fcckgeschickt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von den Ursachen, die Menschen zu Sans-Papiers machen \u2013 gemein ist ihnen die Angst, entdeckt, ausgebeutet oder gar abgeschoben zu werden.<\/p>\n<p class=\"has-small-font-size\">(Aus dem Buch \u00abDie Unsichtbaren\u00bb)<\/p>\n<\/blockquote>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Schweiz leben \u00fcber 100&#8217;000 sogenannte Sans-Papiers, Menschen ohne Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung. Das muss sich \u00e4ndern. Christian M\u00fcller f\u00fcr die Online-Zeitung INFOsperber Viele Schweizerinnen und Schweizer reden nicht gerne dar\u00fcber. 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