{"id":1473057,"date":"2021-11-18T17:08:33","date_gmt":"2021-11-18T17:08:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1473057"},"modified":"2021-11-18T17:14:00","modified_gmt":"2021-11-18T17:14:00","slug":"der-subtile-alltagsrassismus-tritt-immer-deutlicher-zutage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/11\/der-subtile-alltagsrassismus-tritt-immer-deutlicher-zutage\/","title":{"rendered":"\u201eDer subtile Alltagsrassismus tritt immer deutlicher zutage\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Fall der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands brachten auch f\u00fcr in Berlin lebende Menschen aus Lateinamerika viele Ver\u00e4nderungen mit sich. Um sich auszutauschen und gegenseitig zu unterst\u00fctzen, gr\u00fcndeten einige von ihnen Anfang 1992 den Xochicuicatl e.V. Was als Selbsthilfeprojekt begann, ist heute eine der wichtigsten Anlauf- und Beratungsstellen f\u00fcr Migrantinnen aus Lateinamerika in Deutschland. <\/strong><\/p>\n<p>Claudia Tribin, die Koordinatorin des Vereins, und Sophia Oelsner, die psychosoziale Beratung anbietet, berichten \u00fcber die Schwerpunkte ihrer Arbeit und die Herausforderungen, mit denen sie durch die Corona-Pandemie konfrontiert wurden.<\/p>\n<p><em><strong>Wann wurde Xochicuicatl gegr\u00fcndet, und was war der Anlass?<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Claudia Tribin: <\/strong>Der Verein wurde am 15. Januar 1992 gegr\u00fcndet. F\u00fcr die Frauen war wichtig, einen Austausch \u00fcber die aktuellen Ereignisse zu haben. Damals hatten wir hier in Berlin eine sehr spezielle Situation. Die Mauer war gerade gefallen, und es gab in Deutschland viele rassistische \u00dcbergriffe. Deshalb haben sich die Frauen entschieden, einen Verein zu gr\u00fcnden, um all diese Themen zu bearbeiten und auch andere Frauen zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>Sophia Oelsner: <\/strong>Es waren ja wenige Frauen, keine so gro\u00dfe Gruppe. Wenn ich mich richtig entsinne, waren es zehn Frauen aus unterschiedlichen L\u00e4ndern. Auch eine Mexikanerin war dabei. Und damals haben sie auch den Namen Xochicuicatl gew\u00e4hlt. Das kommt aus dem N\u00e1huatl, aus Mexiko und bedeutet \u201eGesang der Blume\u201c, denn es war ein bisschen die Idee, unsere Kultur hier wiederzubeleben. Ich glaube, dass den Kolleginnen damals nicht bewusst war, was dann sp\u00e4ter alles dabei herauskommen sollte.<\/p>\n<p><em><strong>Lag am Anfang der Fokus dann eher auf dem kulturellen Austausch? Heute gibt es ja ganz vielf\u00e4ltige Beratungsangebote und Projekte. Seit wann haben Sie so ein breites Angebot?<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Claudia Tribin:<\/strong>Von Anfang an. Es war immer eine Mischung. Es gab ein gro\u00dfes Bed\u00fcrfnis, \u00fcber diese Themen zu sprechen: Wer sind wir? Was machen wir hier? Was unterscheidet uns von den anderen? Und welche Probleme haben wir? Und als all die Frauen die hier leben, kamen, wurde ganz schnell klar, dass Deutschkurse ben\u00f6tigt werden, aber auch Informationen \u00fcber die beh\u00f6rdliche Anmeldung und \u00e4hnliches.<\/p>\n<p><strong>Sophia Oelsner: <\/strong>Die Kolleginnen haben damals Kontakt zur Senatsverwaltung gesucht. Wir sind eine richtige Institution, die transparent arbeitet und schaut, wie man Frauen rund um das Thema Migration mit guten Informationen unterst\u00fctzt, ber\u00e4t und begleitet.<\/p>\n<p><em><strong>Wer sind denn eigentlich die Frauen, die herkommen und eine Ansprechpartnerin suchen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Sophia Oelsner: <\/strong>Das ist unterschiedlich. Zu uns kommen Frauen, die erst vor einer Woche nach Berlin bzw. nach Deutschland gekommen sind, andere leben schon ein Jahr hier oder zwei. Es kommen aber auch Frauen, die nach zwanzig Jahren, wenn die Kinder aus dem Haus sind, in ein Loch fallen und gar nicht wissen, wohin mit sich. Und die suchen uns dann auf. Also, je nachdem in welcher Lebensphase sie sich befinden, suchen sie die Beratung und Unterst\u00fctzung. Und es gibt auch viele Frauen, die aus diversen Gr\u00fcnden immer noch nicht so gut Deutsch sprechen, so dass wir auf einer anderen Vertrauensbasis Informationen an sie herantragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em><strong>Welche Art der Beratung bieten Sie heute konkret an?<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Sophia Oelsner: <\/strong>Wie gesagt, ein Gro\u00dfteil ist die Erstberatung. Das ist so eine Art Allgemeinberatung, die \u201eBasics\u201c. Die wird sehr viel nachgefragt. Und dann gibt es weitere soziale Beratung, alles was mit sozialen Systemen zu tun hat. Aber es gibt auch eine juristische Beratung. Das beinhaltet die ganzen Themen wie Visum, Asyl teilweise auch, aber auch Scheidung, Umgangsrecht und so weiter. Das ist leider ein Thema, das wir sehr viel haben. Und dann gibt\u2019s nat\u00fcrlich die Berufsberatung. Viele Frauen wollen wissen, wie sie einen Lebenslauf oder eine Bewerbung schreiben sollen. Oder sie suchen Arbeit und wissen nicht, wie das in Deutschland funktioniert. Da haben wir auch Leute, die die Frauen unterst\u00fctzen. Und dann gibt es die Familienberatung. Oftmals werden Familien direkt vom Jugendamt oder vom Gericht zu uns geschickt. Wenn die Eltern nicht mehr miteinander kommunizieren, unterst\u00fctzen wir, so lange noch kleine Kinder da sind.<\/p>\n<p><em><strong>Auf Ihrer Website ist zu lesen, dass jetzt auch Beratungen per Telefon und per Email angeboten werden. Ist das eine Reaktion auf die Corona-Pandemie? Und wie hat sich Ihre Arbeit dadurch ver\u00e4ndert?<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Sophia Oelsner: <\/strong>Auf jeden Fall hat das mit der Pandemie zu tun. Die war der Hauptgrund. Zum einen haben wir von unserem Geldgeber die Message bekommen, dass wir uns und unsere Mitmenschen sch\u00fctzen sollen. Deshalb haben wir wie die meisten Projekte nicht mehr pers\u00f6nlich beraten. Wir wussten aber genau, dass wir nicht einfach zumachen k\u00f6nnen, und so kam es, dass wir seit \u00fcber einem Jahr haupts\u00e4chlich per Telefon, Mail und Video-Chat beraten. Und klar, mittlerweile, wenn es ganz, ganz schwierige Situationen sind, dann wird auch ein pers\u00f6nlicher Termin gemacht. Aber das ist sehr selten der Fall. Die Corona-Pandemie hatte ansonsten definitiv Auswirkungen auf das Thema H\u00e4usliche Gewalt. Es ist deutlich zu merken, dass die Pandemie es mit den meisten Familien nicht gut gemeint hat. Ich denke, die Familien waren \u00fcberfordert, und das aus verschiedenen Gr\u00fcnden. Zum einen durch das Thema Schule. Teilweise k\u00f6nnen sie selber die Sprache nicht gut, und dann sollen sie noch bei den Schulaufgaben helfen. Und ich denke, den ganzen Tag mit der ganzen Familie in der Wohnung zu sitzen war eine Extremsituation f\u00fcr viele Familien.<\/p>\n<p>Und dann haben viele noch zus\u00e4tzlich die Arbeit verloren. Viele unserer Klientinnen arbeiten in Berufen, in denen es w\u00e4hrend Pandemie-Zeiten nicht wirklich Arbeit gab: in der Gastronomie, im Hotelgewerbe, im Tourismus allgemein\u2026 Es war ja alles zu. Das fand ja alles nicht statt. Also haben die Leute ihre Arbeit verloren, waren den ganzen Tag mit den Kindern in kleinen, engen Wohnungen eingepfercht. Deshalb sind schon unglaublich viele Anmeldungen und Anfragen gekommen. Teilweise haben die Frauen hier angerufen und gesagt: \u201eIch kann nicht mehr zur\u00fcck nach Hause. Mein Mann dreht durch, er schl\u00e4gt mein Kind, er schl\u00e4gt mich.\u201c Das ist jetzt an sich kein neues Ph\u00e4nomen, aber die Anzahl hat zugenommen. Wir haben jetzt doppelt so viele Anfragen wie sonst. Und auch ich selbst habe schon \u00f6fter von Ehem\u00e4nnern b\u00f6se Anrufe und b\u00f6se Mails bekommen und wurde bedroht. Und auch die Gesamtsituation hat sich in den letzten Jahren in Deutschland ge\u00e4ndert. Dinge, die fr\u00fcher No-Go\u2019s waren, sind heute salonf\u00e4hig: rassistische Anschuldigungen oder Beleidigungen. Oder auch M\u00e4nner, die sagen \u201eWas soll das denn mit dem Feminismus?\u201c oder uns mangelnde Fairness vorwerfen. Wir haben es \u00f6fter mal mit M\u00e4nnern zu tun, die sich offen gegen den Feminismus oder auch offen gegen Frauen stellen.<\/p>\n<p><em><strong>Ist das mit Corona schlimmer geworden?<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Sophia Oelsner:\u00a0<\/strong> Mein Eindruck ist, dass diese Entwicklung schon vor f\u00fcnf, sechs Jahren begonnen hat. Dass es mit Corona schlimmer geworden ist, w\u00fcrde ich jetzt nicht unbedingt sagen. Es ist konstant geblieben. Aber wie Claudia bereits sagte, die Grenzen des nicht mehr Tragbaren haben sich einfach verschoben.<\/p>\n<p><strong>Claudia Tribin: <\/strong>Die Tendenz, Hass und Frustration durch Medien auszudr\u00fccken, hat sehr zugenommen. F\u00fcr uns vielleicht nicht, aber f\u00fcr viele betroffene Frauen ist das eine neue Situation.<\/p>\n<p><strong>Sophia Oelsner: <\/strong>Und eigentlich hat sich ja das Xochi gegr\u00fcndet, weil Rassismus ein wichtiges Thema war, und ich finde es mehr als bedauerlich, dass es wieder kommt. Anrufe wegen rassistischer Zwischenf\u00e4lle haben wir kontinuierlich. Jede Woche rufen Frauen an und erz\u00e4hlen: \u201eBei mir auf der Arbeit, auf der Stra\u00dfe ist mir das passiert \u2026\u201c Der subtile Alltagsrassismus tritt immer deutlicher zutage.<\/p>\n<p><em>Einen Audiobeitrag \u00fcber die Arbeit von Xochicuicatl gibt es <a href=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-admin\/post.php?post=40360&amp;action=edit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Fall der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands brachten auch f\u00fcr in Berlin lebende Menschen aus Lateinamerika viele Ver\u00e4nderungen mit sich. Um sich auszutauschen und gegenseitig zu unterst\u00fctzen, gr\u00fcndeten einige von ihnen Anfang 1992 den Xochicuicatl e.V. 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