{"id":1463455,"date":"2021-11-04T06:48:07","date_gmt":"2021-11-04T06:48:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1463455"},"modified":"2021-11-04T06:48:07","modified_gmt":"2021-11-04T06:48:07","slug":"onesima-lienqueo-mapuche-kinder-sind-keine-terroristen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/11\/onesima-lienqueo-mapuche-kinder-sind-keine-terroristen\/","title":{"rendered":"On\u00e9sima Lienqueo: \u201eMapuche-Kinder sind keine Terroristen\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>F\u00fcr ihr kontinuierliches Engagement als Menschenrechtsverteidigerin der Mapuche-Kinder wurde On\u00e9sima Lienqueo bereits mehrfach ausgezeichnet. Heute, nachdem Lienqueo mehrere Prozesse und sogar Morddrohungen durchmachen musste, weil sie den Extraktivismus im S\u00fcden Chiles angeprangert hatte, versucht sie ihren Einsatz f\u00fcr die Kinder aus den Gemeinden in das Abgeordnetenhaus einzubringen. Zur\u00a0<a href=\"https:\/\/amerika21.de\/2021\/10\/254949\/militaerisierung-wallmapu\">aktuellen Situation in der Araucan\u00eda<\/a>\u00a0meint die Aktivistin im Interview: \u201eDie Ausrufung des Ausnahmezustands in der Region ist ein Angriff auf das Leben und die Unversehrtheit von Tausenden Jungen und M\u00e4dchen, nicht nur von den Mapuche-Kindern. Diese Aktion kommt den Forderungen der Rechten, der LKW- und Fahrergewerkschaften und vor allem der Forstunternehmen nach. Deswegen machen wir sie daf\u00fcr verantwortlich \u2013 denn sie sind der Grund f\u00fcr die Milit\u00e4rpr\u00e4senz\u201c. Doch zun\u00e4chst erz\u00e4hlt Lienqueo von ihrem eigenen Werdegang:<\/em><\/p>\n<p>\u2013 Im Jahr 1983 lebte meine Mutter in einem sehr beliebten Viertel von Santiago. Dort lebten nicht nur viele Mapuche, sondern auch soziale K\u00e4mpfer. In diesem Umfeld kam ich auf die Welt. Meine Mutter musste w\u00e4hrend der Diktatur den S\u00fcden verlassen, um eine Arbeit zu finden. Sie wurde als Kinderm\u00e4dchen angestellt und zog mich im Haus ihrer Chefs auf, die aus \u00d1u\u00f1oa stammten.<\/p>\n<p><em>So erinnert sich On\u00e9sima Lienqueo, die bei den Wahlen als Kandidatin f\u00fcr das Abgeordnetenmandat im 23. Landkreis in der Region La Araucan\u00eda angetreten war.<\/em>\u00a0<em>In ihrer Kindheit lebte On\u00e9sima zwischen zwei verschiedenen Welten. W\u00e4hrend sie im Esszimmer zusammen mit den Chefs essen durfte und klassische Musik h\u00f6rte, a\u00df ihre Mutter in der K\u00fcche.\u00a0 Sie las \u201eErwachsenenkram\u201c, w\u00e4hrend andere Kinder Comic-Geschichten nachspielten. Die Chefs \u00fcbergaben ihr ein kulturelles Kapital, welches sie heute in ihrer Rhetorik zum Ausdruck bringt.<\/em><\/p>\n<p><em>In ihrer Schule war die Lage etwas anders. Obwohl der Begriff \u201eMobbing\u201c damals noch nicht bekannt war, wurde sie immer \u201eIndianerin\u201c genannt. Dabei unterschied sie sich nicht von den anderen Kindern, die Hunderte von Kilometern entfernt in Wallmapu lebten: On\u00e9sima musste genauso schnell erwachsen werden.<\/em><\/p>\n<p>\u2013 Die Kinder waren grausam. Sie wurden von ihren M\u00fcttern oder ihren Kinderm\u00e4dchen abgeholt aber in meinem Fall war es meine Mutter, die gleichzeitig auch das Kinderm\u00e4dchen war und immer eine Sch\u00fcrze anhatte. Ich war die Indianerin, die Tochter eines Kinderm\u00e4dchens, das eine alleinerziehende Mutter war.<\/p>\n<p><strong>Erinnerst du dich an deinen Vater?<\/strong><\/p>\n<p>\u2013 Meinen leiblichen Vater habe ich zwei Mal gesehen, einmal als ich geboren wurde und noch einmal einige Jahre sp\u00e4ter. Von dem, was ich \u00fcber ihn herausfinden konnte, wei\u00df ich, dass er Diablada tanzt. Er ist wortw\u00f6rtlich ein Teufel in diesem Tanz. Meine Herkunft ist Aymar\u00e1-Mapuche, was eine sehr starke Mischung ist. Ich stehe aber meiner Mutter n\u00e4her, da sie mich als Person und als Frau gest\u00e4rkt hat. Jedenfalls wuchs ich mit meinem Stiefvater auf, der mich in meinem Leben begleitete und mir die wichtigen Dinge beibrachte. Obwohl ich immer gezwungen war, den Nachnamen meines leiblichen Vaters zu behalten, stehen wir in keiner Verbindung zueinander.<\/p>\n<p><em>Lienqueo begann bereits als Heranwachsende, durch Chile zu reisen und wurde in dieser Zeit schwanger. Ihr Sohn ist heute 19 Jahre alt. Sie ging mit ihm zum Unterricht und beendete die Sekundarstufe. Sp\u00e4ter studierte sie am Berufsinstitut IP Soziale Arbeit und absolvierte anschlie\u00dfend auch den Studiengang Fr\u00fchkindliche Erziehung an der Universit\u00e4t Andr\u00e9s Bello. In ihrem zweiten Studienjahr beschloss ihre Mutter, in den S\u00fcden zur\u00fcckzukehren.<\/em><\/p>\n<p>\u2013 Sie nahm meinen Sohn mit, um mich zu entlasten, aber ich konnte mit dieser Entfernung nicht leben, also ging ich auch aufs Land zur\u00fcck. Dort war meine Familie, mein tuw\u00fcn, was \u201eterritoriale Herkunft\u201c bedeutet.<\/p>\n<p><em>Einige Zeit sp\u00e4ter bekam sie ihren zweiten Sohn, der heute 14 Jahre alt ist. Das war f\u00fcr sie ein Wendepunkt.<\/em><\/p>\n<p>\u2013 Er war noch klein, als sein Vater anfing mich zu schlagen. Ich bin eine \u00dcberlebende von h\u00e4uslicher Gewalt.<\/p>\n<p><em>Heute blickt sie auf diese Zeit mit einem gewissen Abstand zur\u00fcck und ist davon \u00fcberzeugt, dass diese Episoden sie zu der Frau gemacht haben, die sie heute ist.<\/em><\/p>\n<p>\u2013 Vor f\u00fcnf Jahren stellte ich es in meiner Familie fest. Jedes Mal, wenn ich mich daran erinnere, f\u00fchle ich mich gestresst und es kommen viele Erinnerungen hoch. Bevor ich schwanger wurde, war ich mit dem Vater meines Sohnes etwas l\u00e4nger als ein Jahr zusammen. Danach erlebte ich sieben Monate lang ununterbrochene Gewalt. Nichts an seinem Verhalten machte mich misstrauisch. Er war charmant und nicht gewaltt\u00e4tig. Als er anfing mich zu schlagen, wollte er mich daf\u00fcr verantwortlich machen. In seinem Kopf war ich die Verursacherin aller Konflikte. Obwohl ich es meiner Familie nicht erz\u00e4hlte, habe ich ihn immer wieder angezeigt, bereits seit dem ersten Mal, als er gewaltt\u00e4tig geworden ist. Ich kann aber nicht sagen, dass mir das System geholfen hat, weil es gar nicht der Fall war.<\/p>\n<p><em>Eines Tages beschloss On\u00e9sima, dieser Situation ein Ende zu setzen.<\/em><\/p>\n<p>\u2013 Er wollte mich angreifen und meine Nachbarn riefen die Polizei an, so wurde ich vor ihm gerettet. Nach diesem Ereignis beschloss ich, mit einer T\u00fcte voller Kleidung und Windeln zu fliehen. Als ich gehen wollte, schlug er mich auf der Stra\u00dfe, w\u00e4hrend die Menschen, die an uns vorbeigelaufen sind, gar nicht reagiert haben. Niemand hat mir geholfen, niemand hat eingegriffen. Als ich mich davon erholte, ging ich zu meiner Tante, der ich alles erz\u00e4hlte und die mir ein Zimmer vermietete. Meine Telefonnummer wurde ge\u00e4ndert, ich nahm an einer Therapie teil, jedoch war es nicht genug f\u00fcr mich. Meine Kinder wurden nicht behandelt, obwohl sie auch Opfer von Gewalt waren. Ab diesem Zeitpunkt fing ich an, f\u00fcr Frauen und Kinder zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><em>Der Albtraum schien vorbei zu sein, als sie in den S\u00fcden floh. Eines Tages machte sie mit ihren Kindern und Cousinen Urlaub am Strand, doch selbst dort wurde sie von dem Mann gefunden.<\/em><\/p>\n<p>\u2013 Meine Mutter verteidigte mich. Sie konfrontierte ihn, sprach mit ihm und brachte ihn letztendlich dazu, mich nicht mehr zu bel\u00e4stigen. Das war einer seiner letzten Angriffe. Ich habe keinen Hass in mir, aber ich musste meine Emotionalit\u00e4t als Frau neu aufbauen. Ich bin immer noch misstrauisch.<\/p>\n<p><em>Im Laufe der Zeit konnte On\u00e9sima wieder zu sich selbst finden. Derzeit ist sie Erzieherin, Psychop\u00e4dagogin und arbeitet an ihrer Bachelorarbeit in P\u00e4dagogik. Als anerkannte Sprecherin des Netzwerks zur Verteidigung der Mapuche-Kinder arbeitet sie seit \u00fcber zehn Jahren mit den Kindern aus Wallmapu.<\/em><\/p>\n<p><em>Als sie in den S\u00fcden, in die N\u00e4he von Imperial zur\u00fcckkehrte, dachte sie, dass sich ihre Kinder in einem diskriminierungsfreien Raum entwickeln k\u00f6nnten, doch das Szenario war ganz anders. Der Rassismus war selbst in den Schulen tief verwurzelt, dazu kamen die Schwierigkeiten des Lebens auf dem Land und in einer bewaffneten Umgebung. Es war ein Ort, an dem Kinder zwischen Polizist*innen, Panzern und Patronenh\u00fclsen aufwachsen.<\/em><\/p>\n<p><em>Aus diesem Grund rief On\u00e9sima die Organisation Pichi Newen (\u201eKinderkraft\u201c) ins Leben, um die Identit\u00e4t und die Mapuche-Kultur in den Kindern zu f\u00f6rdern. Daf\u00fcr bekam sie zahlreiche Auszeichnungen, die erste im Jahr 2013 im Wettbewerb \u201eAcci\u00f3n J\u00f3ven\u201c von der Universit\u00e4t Andr\u00e9s Bello. Ihr Projekt stie\u00df auf gro\u00dfes Interesse und sie wurde zu der Wirtschaftskommission f\u00fcr Lateinamerika und die Karibik (Cepal) eingeladen, um es dort zu pr\u00e4sentieren.<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_1463456\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1463456\" class=\"wp-image-1463456 \" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/onesima-interior-3-1024x731-1-300x214-1.jpg\" alt=\"On\u00e9sima Lienqueo: \u201eMapuche-Kinder sind keine Terroristen\u201c\" width=\"705\" height=\"503\" \/><p id=\"caption-attachment-1463456\" class=\"wp-caption-text\">Mit der Organisation Pichi Newen (\u201eKinderkraft\u201c) f\u00f6rdert Lienqueo die Identit\u00e4t und die Mapuche-Kultur in den Kindern \/ Foto: Medio a Medio<\/p><\/div>\n<p>\u2013 Ich ging dorthin und sie brachten mich mit Sprengstoffsp\u00fcrhunden heraus. Ich war eine lange Zeit drau\u00dfen und musste meine Kleidung ausziehen, um wieder hereinzukommen zu d\u00fcrfen. Sie wollten mich nicht reinlassen. Das war genau am 11. September, als ich meine Arbeit als Leiterin, als eine junge Person mit gesellschaftlichem Einfluss pr\u00e4sentieren sollte. Ich sch\u00e4mte mich nicht. Ich war w\u00fctend und ging gedanklich in die Vergangenheit zur\u00fcck, zu all diesen Malen als ich Indianerin genannt wurde, als meine Lehrer mich fragten, ob mein Nachname deutsch oder englisch sei, obwohl sie ganz genau wussten, dass er es nicht war.<\/p>\n<p><em>Nach einer Reihe weiterer Auszeichnungen wurde On\u00e9sima Lienqueo von der Presse als \u201eW\u00e4chterin der Mapuche-Kultur\u201c bezeichnet. Ebenso wurde sie vom staatlichen Fernsehsender TVN f\u00fcr ihr Projekt anerkannt.<\/em><\/p>\n<p>\u2013 Ich versprach meiner Mutter, dass sie eines Tages fliegen und in einem Hotel \u00fcbernachten w\u00fcrde und das Versprechen hielt ich auch ein. Mein Preis wurde ihr von Amaro G\u00f3mez Pablo in dem Programm \u201cCamiseteados\u201c \u00fcbergeben. Es war eine Form ihr alles zur\u00fcckzuzahlen, was sie f\u00fcr mich getan hat.<\/p>\n<p><em>Einige Zeit sp\u00e4ter schloss sich Lienqueo der Bewegung Agua y Tierra (\u201eWasser und Erde\u201c) an, die in ganz Chile aktiv war. Wie viele andere Umweltsch\u00fctzerinnen erhielt auch sie dort die ersten Morddrohungen, nachdem sie angefangen hatte, gegen den lokalen Extraktivismus zu k\u00e4mpfen. Sowohl ihre Mutter als auch ihre Kinder wurden mehrmals angerufen und bekamen Drohungen. On\u00e9sima sollte schweigen, im anderen Fall w\u00fcrde sie bald tot aufgefunden werden. All das hat sich in ihrem Hinterkopf eingespeichert.<\/em><\/p>\n<p><em>Gleichzeitig wurde ihre soziale Arbeit von vielen Personen anerkannt. Im Jahr 2019 wurde sie nach Dublin zu einem Treffen von\u00a0<a class=\"glossaryLink\" style=\"box-sizing: inherit; background-color: transparent; color: #000000 !important; text-decoration: none !important; border-bottom: 1px dotted #000000 !important;\" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/menschenrechtsverteidigerinnen\/\" aria-describedby=\"tt\" data-cmtooltip=\"&lt;div class=glossaryItemTitle&gt;Menschenrechtsverteidiger*innen&lt;\/div&gt;&lt;div class=glossaryItemBody&gt;Oberbegriff f\u00fcr Aktivist*innen, die f\u00fcr Menschenrechte, das Recht auf gewerkschaftliche und politische Organisierung, freie Meinungs\u00e4u\u00dferung, Diversit\u00e4t, Feminismus, Nachhaltigkeit, Umweltschutz etc. eintreten.&lt;\/div&gt;\">Menschenrechtsverteidiger*innen<\/a>\u00a0eingeladen, auf dem sie Chiles Ex-Pr\u00e4sidentin Michelle Bachelet traf.<\/em><\/p>\n<p><strong>Beide Amtszeiten von Bachelet wurden wegen des Umgangs mit dem Konflikt zwischen Staat und Mapuche kritisiert. Wie wirkte diese Anerkennung auf dich?<\/strong><\/p>\n<p>\u2013 Ich bin Menschenrechtsverteidigerin und wurde unter anderem von Front Line Defenders und auch von anderen Organisationen anerkannt. Sie haben mich eingeladen, um \u00fcber Kinder zu sprechen. Michelle er\u00f6ffnete die Sitzung mit einer Rede, in der sie sagte, dass man nicht als Terrorist behandelt werden k\u00f6nnte, wenn man f\u00fcr seine Rechte einsteht. Dabei war sie die erste, die das Antiterrorismus-Gesetz in Chile anwandte. Eine guatemaltekische Kollegin sprach die\u00a0<a href=\"https:\/\/lateinamerika-nachrichten.de\/artikel\/sich-nicht-zum-schweigen-bringen-lassen\/\">Ermordung von Macarena Vald\u00e9s<\/a>\u00a0im Jahr 2016 (einer sozial-\u00f6kologischen Aktivistin, die in ihrem Haus erh\u00e4ngt aufgefunden wurde) an, und fragte, wie sie die Rechte des Volks der Mapuche in ihrer Amtszeit gesch\u00fctzt hatte. Bachelet sagte, sie wisse nichts vom Fall Macarena und daher k\u00f6nne sie keine Verantwortung daf\u00fcr \u00fcbernehmen, auch wenn sie zu dem Zeitpunkt Pr\u00e4sidentin war. Dann sprach sie von Catrillanca, ohne seinen Namen zu nennen. Sie nannte ihn \u201eder junge Mann\u201c. Ich erinnerte sie, dass sein vollst\u00e4ndiger Name Camilo Catrillanca war. Nach der Veranstaltung ging ich auf sie zu und stellte mich als Verteidigerin der Mapuche-Kinder vor, derselben Kinder, die sie w\u00e4hrend ihrer beiden Amtszeiten missachtete. Ich sagte ihr, dass sie von all den F\u00e4llen Bescheid w\u00fcsste, denn sie schickte ihre Minister in dieses Gebiet, aber \u00fcbernahm nie die Verantwortung f\u00fcr die Gewaltangriffe. Sie selbst war w\u00e4hrend ihrer Regierungen nur ein einziges Mal in der Araucan\u00eda.<\/p>\n<p><em>Unter allen F\u00e4llen von Mapuche-Kindern, die durch das System verletzt wurden, gab es einen, der On\u00e9sima am st\u00e4rksten gepr\u00e4gt hat. Der Fall von M.P.C, einem Jugendlichen, der Camilo Catrillanca begleitete, als dieser get\u00f6tet wurde.<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_1463467\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1463467\" class=\"wp-image-1463467 \" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/45993371051-a15d6ac3bc-c-300x200-1.jpg\" alt=\"On\u00e9sima Lienqueo: \u201eMapuche-Kinder sind keine Terroristen\u201c\" width=\"686\" height=\"457\" \/><p id=\"caption-attachment-1463467\" class=\"wp-caption-text\">Es geht auch um ihn und seine Tochter: Demo f\u00fcr Gerechtigkeit f\u00fcr Camilo Catrillanca \/ Foto: Diego Ojeda via Flickr (CC BY-NC 2.0)<\/p><\/div>\n<p>\u2013 Mit ihm ging ich \u00fcber die Grenzen der sozial-emotionalen Unterst\u00fctzung hinaus und es entwickelte sich bis hin zur Zuneigung. Ich brachte ihn zu mir nach Hause, musste ihn verteidigen und aus den H\u00e4nden der Polizei und des Milit\u00e4rs befreien. Heute ist er erwachsen. Er ist vor kurzem 19 Jahre geworden und er ist Vater. In seinem Fall kann man sehen, dass Kinder, die in einem gef\u00e4hrdeten Umfeld aufwachsen, keine Hilfe bekommen. Das System gew\u00e4hrt ihnen keine Unterst\u00fctzung. Wir haben eine enge Beziehung zueinander, weil er keine Mutter hat und sein Vater im Gef\u00e4ngnis ist. Solange er nicht vollj\u00e4hrig war, \u00fcbernahm ich f\u00fcr ihn die rechtliche Verantwortung. Es \u00fcberrascht mich, dass er trotz allem was er durchgemacht hat weiterhin so stark ist.<\/p>\n<p><em>Ein weiterer Fall ist der des 17-j\u00e4hrigen Brandon Huentecol, der mit 180 Schrotkugeln in seinen R\u00fccken angeschossen wurde und anschlie\u00dfend 45 Tage im Krankenhaus lag. Der junge Mann musste sich mehr als 17 operativen Eingriffen unterziehen. On\u00e9sima erw\u00e4hnt auch den Fall von Luis Marileo, der im Alter von 16 Jahren nach dem Antiterrorismus-Gesetz verurteilt und von einem ehemaligen Polizisten erschossen wurde.\u00a0<\/em><em>Erst vor Kurzem gab es einen weiteren Fall, der die Menschenrechtsverteidigerin sehr bewegte. Der Sohn des Umweltsch\u00fctzers Gricel Fritz \u00d1ancul wurde vom Personal der chilenischen Ermittlungspolizei PDI angegriffen, als er versuchte, seine Mutter und Tante zu verteidigen.<\/em><\/p>\n<p>\u2013 Ich habe \u2018C\u2019 kennengelernt, als er noch klein war. Er wollte studieren und Anwalt werden. Er lernte gern etwas \u00fcber die Erde, das Saatgut und stellte viele Fragen. Er wollte immer alles wissen. Nach dem Angriff verlor er sein L\u00e4cheln und auch seine Neugier. Er ist ruhiger, man kann sein L\u00e4cheln kaum noch sehen und er ist den ganzen Tag \u00fcber sehr wachsam.<\/p>\n<p><em>Auch die Tochter von Camilo Catrillanca kann Lienqueo nicht unerw\u00e4hnt lassen.<\/em><\/p>\n<p>\u2013 Sie ist eine ganze Welt, ein ganzer Prozess. Sie sagt, dass ihr Papa im Himmel ist und sich um sie und ihre Gro\u00dfmutter k\u00fcmmert. Sie glaubt aber auch, dass ihre Oma manchmal zu ihrem Vater gehen will.<\/p>\n<p><em>On\u00e9sima betont, dass Wallmapu-Kinder nicht wie andere Kinder sind. Sie leiden an Angstzust\u00e4nden, an \u00dcbergewicht, haben eine Konzentrationsschw\u00e4che und fehlen oft in der Schule.<\/em><\/p>\n<p>\u2013 Ganz egal, wo diese Kinder hinkommen, werden sie als \u201eComuneros\u201c bezeichnet. In den Krankenh\u00e4usern sagt man nicht \u201eein Kind wurde angeschossen\u201c, sondern ruft die Polizei, um es anzuzeigen, auch wenn es sich um ein Kind oder einen Heranwachsenden handelt. Im Bezug auf die Gleichstellung gibt es in Chile bislang keine Fortschritte. Ganz im Gegenteil: Wir entwickeln uns zur\u00fcck. Die aktuelle Lage ist durch viele Aspekte bedingt, die mit der Bildung, die keine Unterschiede zul\u00e4sst, zusammenh\u00e4ngen. Wir haben unsere Herkunft vergessen und ich glaube, dass all das, was ich vor 30 Jahren erlebt habe, heute nicht mehr passieren sollte.<\/p>\n<p><strong>Der Ausnahmezustand wird die Gewalt den Konflikt nur noch versch\u00e4rfen und wir wissen bereits, wer die Opfer sein werden. Was bedeutet das f\u00fcr dich und deine Arbeit?<\/strong><\/p>\n<p>\u2013 Die Ausrufung des Ausnahmezustands (\u2026) ist ein Angriff auf das Leben und die Unversehrtheit von Tausenden Jungen und M\u00e4dchen, nicht nur von Mapuche-Kindern. Da diese Aktion den Forderungen der Rechten, der LKW- und Fahrergewerkschaften, als auch der Forstunternehmen entspricht, machen wir sie f\u00fcr den Schaden verantwortlich, der durch die Milit\u00e4rpr\u00e4senz und ihr Vorgehen in Zeiten der Diktatur gegen Kinder und Jugendliche verursacht wird. Wir erinnern die \u00d6ffentlichkeit daran, dass Kinder keine Terrorristen und keine Feinde des Staates sind. Und wir erinnern sie daran, dass der Staat die Pflicht hat, ihre Rechte zu gew\u00e4hrleisten und zu besch\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>Diese Gewalt wird von Menschen ignoriert, genauso wie ihre kurz- und langfristigen Auswirkungen, die Sie in ihrem Netzwerk erforschen.<\/strong><\/p>\n<p>\u2013 Genau. Im M\u00e4rz wurde von dem Netzwerk zur Verteidigung von Mapuche-Kindern der Bericht \u201eInstitutionelle Gewalt gegen Mapuche-Kinder\u201c ver\u00f6ffentlicht. Es beinhaltet eine Studie, in der die Auswirkungen von Polizeigewalt an Mapuche-Kindern und Jugendlichen untersucht wurden. Darunter z\u00e4hlen die Angst vor der sowohl uniformierten als auch zivilen Polizei, Traurigkeit und Angst, Schlaflosigkeit, Albtr\u00e4ume, Traumata (Flashbacks), Weinen, Entmutigung, Nervosit\u00e4t und Depression. Viele Kinder schlafen in ihrer Kleidung, da sie vor Einbr\u00fcchen, die meistens nachts passieren, Angst haben. Bei Jugendlichen kommt die Wut vor allem durch Selbstverletzungen an verschiedenen K\u00f6rperstellen zum Ausdruck. Es ist f\u00fcr sie ein Weg, um das Leid und den Schmerz zu bew\u00e4ltigen. Durch die Militarisierung wird sich all das noch verschlimmern und ich wiederhole es noch einmal: Kinder sind keine Terroristen.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung: Paulina Cwiartka<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr ihr kontinuierliches Engagement als Menschenrechtsverteidigerin der Mapuche-Kinder wurde On\u00e9sima Lienqueo bereits mehrfach ausgezeichnet. 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