{"id":1458453,"date":"2021-10-25T13:27:40","date_gmt":"2021-10-25T12:27:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1458453"},"modified":"2021-10-25T13:30:12","modified_gmt":"2021-10-25T12:30:12","slug":"wie-kann-die-klimabewegung-ihren-kampf-eskalieren-um-die-machtverhaeltnisse-zu-veraendern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/10\/wie-kann-die-klimabewegung-ihren-kampf-eskalieren-um-die-machtverhaeltnisse-zu-veraendern\/","title":{"rendered":"Wie kann die Klimabewegung ihren Kampf eskalieren, um die Machtverh\u00e4ltnisse zu ver\u00e4ndern?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Welcher Strategien hat sich die Klimabewegung bedient und welcher bedarf es, um ihr zu einer besseren Durchsetzungsf\u00e4higkeit zu verhelfen? Ist es so, dass wir erfolglos bleiben, solange wir Umweltkrisen nicht auch an ihren sozialen und politischen Wurzeln bek\u00e4mpfen? Sind Mittel der friedlichen Sabotage, f\u00fcr die die Autorinnen Payal Parekh &amp; Carola Rackete den sympathischen Begriff der \u201eDemontage mit W\u00fcrde\u201c ins Spiel bringen, dazu geeignet? Brauchen wir einen Kader, der darin geschult ist, sich strategisch zu engagieren, um unsere Bewegung massiv auszuweiten? Die Vision der beiden ist auf jeden Fall verlockend: \u201eW\u00e4hlen wir die Taktiken, die zu unseren Tr\u00e4umen passen, und machen wir den fossilen Kapitalismus zur Geschichte!\u201c<\/strong><\/p>\n<h3><strong>Wie kann die Klimabewegung ihren Kampf eskalieren, um die Machtverh\u00e4ltnisse zu ver\u00e4ndern?<\/strong><\/h3>\n<p>Wir erinnern uns an den Moment, in dem jeder von uns klar wurde, dass es nicht ausreicht, wissenschaftliche Forschung zum Klimawandel zu betreiben oder zu unterst\u00fctzen, sondern dass die L\u00f6sung der Klimakrise nur durch den Aufbau von Bewegungen erreicht werden kann, die kollektives politisches Handeln erm\u00f6glichen. F\u00fcr Payal war es der Moment, als sie in einem sintflutartigen Regenguss in Mumbai feststeckte: er fand nicht Eingang in die internationalen Nachrichten wie die \u00dcberschwemmungen in Deutschland in diesem Sommer, obwohl <a href=\"https:\/\/www.business-standard.com\/article\/current-affairs\/flashback-of-26-july-2005-13-years-of-mumbai-floods-118072600288_1.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">zwischen dem 26. und 27. Juli 2005 innerhalb von 24 Stunden<\/a> fast <a href=\"https:\/\/www.business-standard.com\/article\/current-affairs\/flashback-of-26-july-2005-13-years-of-mumbai-floods-118072600288_1.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1000 mm Regen<\/a> fielen, was \u00fcber eintausend Menschenleben kostete und die Stadt komplett zum Stillstand brachte. Payal wusste, dass die Klimakrise angekommen war (zumindest im globalen S\u00fcden) und dass die Auswirkungen des Klimawandels die bereits bestehende Ungleichheit in Indien und weltweit noch verst\u00e4rken w\u00fcrden. Die Armen w\u00fcrden die Hauptlast der Krise tragen m\u00fcssen, obwohl sie am wenigsten daf\u00fcr verantwortlich sind.<\/p>\n<p>F\u00fcr Carola kam dieser Moment, als sie als Besatzungsmitglied der <a href=\"https:\/\/www.awi.de\/en\/expedition\/research-vessel-and-cutter\/polarstern.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Polarstern<\/a>, eines Eisbrechers, mit Ozeanograph:innen, Meeresphysiker:innen und Meteorolog:innen sprach, die auf dem Weg zum Nordpol waren. Sie h\u00f6rte ihre Verzweiflung und Frustration, weil die Regierungen ihre Warnungen \u00fcber die Folgen der raschen Eisschmelze in der Arktis nicht beachtet hatten.<\/p>\n<p>Die Fronten des Klimawandels befinden sich nicht mehr nur in armen L\u00e4ndern in Asien oder Afrika oder an den Polen, sondern vor unserer Haust\u00fcr in Westeuropa. Dies hat mehr Menschen die Augen f\u00fcr das Ausma\u00df der Klimakrise ge\u00f6ffnet. Viele, ob erfahrene Klimaaktivist:innen oder neu Sensibilisierte, sind aufgrund der ersch\u00fctternden Katastrophen und der eindringlichen Warnungen des j\u00fcngsten <a href=\"https:\/\/www.ipcc.ch\/report\/sixth-assessment-report-working-group-i\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">IPCC-Berichts<\/a> ver\u00e4ngstigt und besorgt. Aus dem Bericht geht jedoch auch hervor, dass wir die Erw\u00e4rmung auf unter 1,5\/2 \u00b0C begrenzen k\u00f6nnen, wenn rasch umw\u00e4lzende Ver\u00e4nderungen stattfinden. Das hei\u00dft, wir sind also noch lange nicht dem Untergang geweiht. Selbst wenn wir dieses Ziel verfehlen sollten, d\u00fcrfen wir nicht aufgeben, denn jedes Zehntelgrad Erw\u00e4rmung, das verhindert wird, bedeutet weniger Leid.<\/p>\n<p>Wir in Westeuropa k\u00f6nnen gro\u00dfen Einfluss darauf nehmen, dass fossile Brennstoffe im Boden bleiben und dass sich der Wandel gerecht und fair vollzieht. Schlie\u00dflich haben viele Unternehmen, Banken und Finanziers fossiler Brennstoffe hier ihren Sitz, und der europ\u00e4ische Kontinent ist f\u00fcr ein Drittel der kumulierten globalen Emissionen verantwortlich. Die Industriel\u00e4nder haben uns diesen Schlamassel eingebrockt und m\u00fcssen nun die Verantwortung \u00fcbernehmen, indem sie ihn beseitigen. Wenn wir bereit sind, dar\u00fcber nachzudenken, was die Bewegung bisher erreicht hat und was wir in Zukunft brauchen, k\u00f6nnen wir das Ruder in Sachen Klimaschutz herumrei\u00dfen.<\/p>\n<h3><strong>Eine Abrechnung<\/strong><\/h3>\n<p>Auch wenn die weltweiten Treibhausgasemissionen weiter zunehmen, bedeutet dies nicht, dass Massenbewegungen keine Erfolge zu verzeichnen haben. Im Jahr 2014 gab es \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=tWgALnxc8D4\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">2900 Klimakundgebungen in 162 L\u00e4ndern<\/a> mit fast 400 000 Teilnehmenden allein in New York am Vorabend des UN-Klimagipfels, gefolgt von 1000 Aktivist:innen in Deutschland im August 2015, die bei einer Aktion von <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vC5Faqbw0Hg&amp;t=5s\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Ende Gel\u00e4nde<\/a> mit zivilem Ungehorsam ein Kohlebergwerk besetzten. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=VFkQSGyeCWg\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Greta Thunbergs Rede<\/a> bei den Klimaverhandlungen in Bonn im Jahr 2018 inspirierte junge Menschen auf der ganzen Welt, freitags die Schule zu bestreiken, w\u00e4hrend <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/uk-england-london-48058177\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Extinction Rebellion<\/a> im April 2019 <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/uk-england-london-48058177\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">erfolgreich das<\/a> Zentrum von London <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/uk-england-london-48058177\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">blockierte<\/a>.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus konnten wir einige Infrastrukturprojekte stoppen und sch\u00f6ne Orte retten; es folgen ein paar Beispiele, damit wir nicht vergessen, dass wir manchmal auch gewinnen. Direkte Aktionen waren die Schl\u00fcsseltaktik beim hartn\u00e4ckigen kommunalen Widerstand der <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/ZAD_de_Notre-Dame-des-Landes\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Zone \u00e0 d\u00e9fendre de Notre-Dame-des-Landes<\/a> in der Bretagne, der dazu f\u00fchrte, dass der Bau eines internationalen Flughafens abgesagt wurde. In den Vereinigten Staaten wurde das <a href=\"https:\/\/www.npr.org\/2021\/06\/09\/1004908006\/developer-abandons-keystone-xl-pipeline-project-ending-decade-long-battle\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Keystone-XL-Projekt gestoppt<\/a>, wobei sich der Widerstand auf Massen- und kleinere Aktionen entlang der Pipelinestrecke st\u00fctzte. Die inspirierenden Besetzer des <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/en\/hambach-forest-police-again-tackle-anti-coal-activists-eight-year-blockade\/a-53904915\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Hambacher Forsts<\/a> in Westdeutschland haben Umweltaktivist:innen im ganzen Land motiviert, ihre Kampagne zu unterst\u00fctzen, die den Wald nach acht Jahren erfolgreich vor dem Kohleabbau bewahrt hat.<\/p>\n<h3><strong>Ein \u00dcberblick \u00fcber einige Akteur:innen der Bewegung<\/strong><\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/www.ende-gelaende.org\/en\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Ende Gel\u00e4nde<\/a> ist ein Netzwerk, das strategisch geplant wurde. Es konzentriert sich auf Klimagerechtigkeit und direkte Aktionenn, bei denen Produktionsst\u00e4tten f\u00fcr fossile Brennstoffe blockiert werden. In den ersten Jahren brachte dieses Netzwerk die Betreiber:innen von Kohleminen und -anlagen sowie die sie st\u00fctzenden Regionalregierungen in Bedr\u00e4ngnis und erzwang erfolgreich die Unterbrechung der Kohlef\u00f6rderung. Die Bilder der ersten Aktionen waren besonders eindrucksvoll: Mehr noch als die Besetzung selbst zeigten die trostlosen Bilder einer mond-\u00e4hnlichen, vergewaltigten Landschaft und von Geisterst\u00e4dten, die im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurden, die wahren Kosten der Kohle. Ende Gel\u00e4nde hatte sich jedoch auf ein festes Aktionsrepertoire festgelegt, hielt an der gleichen Taktik fest und konzentrierte sich ausschlie\u00dflich auf die Kohle. Unternehmen, Kommunalverwaltungen und die Polizei wussten, was auf sie zukommt, und waren sich dar\u00fcber im Klaren, dass nach ein paar Tagen alles wieder seinen gewohnten Gang gehen konnte. In diesem Jahr beschloss Ende Gel\u00e4nde, neue Wege zu gehen, wehrte sich daher gegen den Bau eines Fl\u00fcssiggasterminals und unterst\u00fctzte Initiativen im globalen S\u00fcden in ihrem Kampf gegen Fracking. Zum ersten Mal nahm an der Massenaktion des zivilen Ungehorsams auch eine kleine Gruppe teil, die eine Sabotageaktion plante. Diese Aktion blieb jedoch weitgehend symbolisch und fand kein gro\u00dfes Medienecho. Ende Gel\u00e4nde unterst\u00fctzt auch viele andere direkte Aktionsgruppen in ganz Deutschland, insbesondere die dauerhafte Besetzung des Dorfes <a href=\"http:\/\/luetzerathlebt.info\/en\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">L\u00fctzerath<\/a>, das f\u00fcr die Erweiterung des Braunkohletagebaus <a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/nachrichten\/rheinland\/Proteste-klimaaktivisten-braunkohletagebau-garzweiler-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Garzweiler II<\/a> zerst\u00f6rt werden soll.<\/p>\n<p>Greta Thunbergs elektrisierende Rede auf dem UN-Klimagipfel 2018 f\u00fchrte unerwartet dazu, dass Zehntausende von Jugendlichen aktiv wurden, indem sie Gretas Taktik des zivilen Ungehorsams aufgriffen und jeden Freitag \u201estreikten\u201c oder die Schule schw\u00e4nzten. Der Schwerpunkt dieses Fl\u00fcgels der Bewegung liegt darauf, von den Machthaber:innen geeignete Entscheidungen zu fordern, um das Klima f\u00fcr Kinder und k\u00fcnftige Generationen zu retten. Welche Konsequenzen hat es, wenn die Machthaber:innen nicht im Sinne der Klimastreikenden entscheiden? Es hat keine, denn die Jugendlichen st\u00fcrzen die Machthaber:innen in keine Krise. Daher werden sie sogar geduldet und eingeladen, sich mit den Staats- und Regierungschef:innen zu treffen oder auf wichtigen Treffen vor ihnen zu sprechen. Die Jugend wird dazu benutzt, Staats- und Regierungschefs gut aussehen zu lassen, ohne dass diese tats\u00e4chlich eine echte und dauerhafte Ver\u00e4nderung bewirken m\u00fcssen. Die kontinuierliche Teilnahme der Klimaaktivist:innen an internationalen Gipfeltreffen wird Teil des normativen Klimaschutztheaters. Die Klimastreikenden haben sich auch stark auf die einzige Taktik der Schulstreiks verlassen, die w\u00e4hrend der Coronazeit fast unm\u00f6glich zu verfolgen war, als Massenproteste verboten und viele Schulen geschlossen waren. Drei Jahre nach Beginn ihrer Proteste schwindet ihre Macht.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie Ende Gel\u00e4nde hat auch <a href=\"https:\/\/rebellion.global\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Extinction Rebellion den<\/a> zivilen Ungehorsam in Mode gebracht, indem sich die Bewegung auf Aktionen in St\u00e4dten konzentrierte und die Aktionen f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl von Teilnehmenden zug\u00e4nglich und sichtbar machte. Ihr Ziel war es, Menschen au\u00dferhalb typisch linker Kreise zu integrieren, die Krise der biologischen Vielfalt einzubeziehen und B\u00fcrger:innenversammlungen als demokratisches Forum zu etablieren, um Umweltschutzma\u00dfnahmen auf partizipative Weise zu diskutieren. Ihre erste Blockade in London war bunt und kreativ. Die Gruppe hat auch Strukturen zur Unterst\u00fctzung eines dezentralisierten Netzwerks aufgebaut, um die\u201eDNA\u201c ihrer Bewegung zu \u00fcbertragen, w\u00e4hrend sie sich \u00fcber den ganzen Globus ausbreitet. Die Unf\u00e4higkeit oder mangelnde Bereitschaft der britischen XR-Gruppe, <a href=\"https:\/\/theecologist.org\/2019\/nov\/07\/intersectional-strategies-rebellion\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Umweltthemen offen mit anderen sozialen und wirtschaftlichen Themen zu verkn\u00fcpfen<\/a>, insbesondere zur Unterst\u00fctzung marginalisierter Gemeinschaften, hat dazu gef\u00fchrt, dass viele Gelegenheiten verpasst wurden, eine breit angelegte, diverse Bewegung aufzubauen. Da sich die Bewegung auf Massenverhaftungen und Inhaftierungen konzentriert, mit denen das Rechtssystem \u00fcberlastet werden soll, l\u00e4sst sie au\u00dfer Acht, wie weniger privilegierte Menschen vom Rechtssystem und vom Staat behandelt werden \u2013 insbesondere Minderheiten, die Arbeiterklasse, Menschen mit Behinderungen oder Menschen ohne Papiere. Trotz der Bem\u00fchungen, die Situation zu verbessern, k\u00e4mpft Extinction Rebellion damit, das Vertrauen und die Unterst\u00fctzung in einigen Sektionen wie in Gro\u00dfbritannien und Deutschland wiederzuerlangen, w\u00e4hrend sie in L\u00e4ndern wie Australien oder Norwegen eine von sehr wenigen Umweltgruppen bleibt, die in direkte Aktion gehen.<\/p>\n<h3><strong>Wie k\u00f6nnen wir gewinnen?<\/strong><\/h3>\n<p>Wir befinden uns immer noch in der Gefahrenzone. Keine Regierung hat eine Politik auf den Tisch gelegt, die die Erderw\u00e4rmung auf unter 1,5\/2,0 \u00b0C begrenzen k\u00f6nnte. Unsere Gegner:innen sind gewaltig und werden nicht kampflos aufgeben. Die Klimakrise ist eine zu erwartende Folge der gegenw\u00e4rtigen politischen Machtstrukturen, die in einem Wirtschaftssystem wurzeln, das unendliches Wachstum anstrebt und gleichzeitig die Ungleichheit vergr\u00f6\u00dfert, indem es Reichtum und damit politische Macht und Einfluss in den H\u00e4nden einiger weniger anh\u00e4uft. Solange Aktivist:innen die eskalierenden Umweltkrisen nicht an ihren sozialen und politischen Wurzeln anpacken, gibt es keine Chance, den Zusammenbruch der Umwelt aufzuhalten. Deshalb d\u00fcrfen wir uns nicht scheuen zu sagen, dass der Kapitalismus inakzeptabel ist, und m\u00fcssen ihn angreifen, um den Klimazusammenbruch zu verhindern. Genauso wichtig ist es, dass wir bereit sind, uns von Taktiken und Strategien zu trennen, die nicht mehr funktionieren, und stattdessen mit neuen zu experimentieren und sie stetig zu erneuern. Wir glauben, dass wir Folgendes tun m\u00fcssen, um unsere Erfolgschancen zu erh\u00f6hen \u2013 wir k\u00f6nnen es uns nicht leisten zu verlieren.<\/p>\n<h3><strong>Ausweitung der Bewegung<\/strong><\/h3>\n<p>Die Schweiz war nicht in der Lage, an der Wahlurne ein neues CO2-Gesetz zu verabschieden, das festgelegt h\u00e4tte, wie die Schweiz ihre CO2-Emissionen bis 2030 auf die H\u00e4lfte des Niveaus von 1990 senken w\u00fcrde (zu wenig, aber das ist das Thema eines anderen Artikels). Die <a href=\"https:\/\/parekhpayal.medium.com\/failed-swiss-co2-law-what-happened-60a2e6206585\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Landbev\u00f6lkerung und die Menschen ohne Hochschulabschluss wurden<\/a> von denjenigen politischen Parteien und Gruppen <a href=\"https:\/\/parekhpayal.medium.com\/failed-swiss-co2-law-what-happened-60a2e6206585\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">weitgehend ignoriert<\/a>, die daf\u00fcr warben, f\u00fcr das Referendum zu stimmen. Wir k\u00f6nnen es uns nicht leisten, uns nur auf die Stadtbev\u00f6lkerung zu konzentrieren \u2013 unsere heimliche Supermacht ist die Vergr\u00f6\u00dferung der Breite der Bewegung. Deshalb m\u00fcssen sich diejenigen, die bereits in der Bewegung sind, dazu verpflichten, potenzielle Verb\u00fcndete zu erreichen. Dazu m\u00fcssen sie einen Rahmen verwenden, der die Menschen dort abholt, wo sie sich befinden. Sie m\u00fcssen versuchen, diese Menschen zu engagieren und aus ihrer neutralen oder unpolitischen Position herauszuholen. Es ist unwahrscheinlich, dass wir neue Menschen mit trockenen Fakten und Zahlen erreichen. Ja, sie spielen eine Rolle, aber sie bewegen die Menschen nicht. Was die Menschen begeistert und sie dazu bewegt, sich zu engagieren, sind nicht wissenschaftliche Tabellen (und eine von uns hat einen Doktortitel in Klimawissenschaft!), sondern Geschichten, die unsere Werte ansprechen und unsere F\u00e4higkeit wecken, uns eine andere Zukunft voller Hoffnungsm\u00f6glichkeiten vorzustellen,<\/p>\n<p>Wir brauchen Strukturen und Schulungen, um neue Leute zu gewinnen und sie einzubinden. Wir m\u00fcssen Neuank\u00f6mmlingen klar machen, wie sie sich in die Bewegung einbringen k\u00f6nnen und sie in die Lage versetzen, einen Schritt nach dem anderen zu tun. Das bedeutet, dass wir niederschwellige Einstiegsm\u00f6glichkeiten schaffen m\u00fcssen, die die Menschen dabei unterst\u00fctzen, auf eine Art und Weise aktiv zu werden, die sie anspricht, und sie gleichzeitig ein wenig aus ihrer Komfortzone herausholt. Durch regelm\u00e4\u00dfige Schulungen k\u00f6nnen wir ihnen Werkzeuge und Konzepte an die Hand geben, wie sie die politische Machtstruktur ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Dies erfordert tiefergreifende und langsamer wachsende Organisationsformen als die derzeit angewandten Mobilisierungstaktiken, die in erster Linie diejenigen erreichen, die sich bereits engagieren (siehe <a href=\"https:\/\/www.bond.org.uk\/resources\/how-organizations-develop-activists\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>How Organizations Develop Activists<\/em><\/a> von Hahrie Han, um transformatorisches Organizing zu verstehen). Es versteht sich von selbst, dass wir deutlich machen m\u00fcssen, dass unser Engagement weit \u00fcber die Teilnahme an den w\u00f6chentlichen Freitagsdemonstrationen oder den Kauf von Bioprodukten hinausgehen muss. Gleichzeitig sollten wir unser Bestes tun, um Aktionen zu konzipieren, die keine speziellen Kletterf\u00e4higkeiten oder Kenntnisse \u00fcber Lock-Ons erfordern und deutlich machen, dass jede Aufgabe gleich wichtig ist, von der Teilnahme an der Frontlinie einer Aktion \u00fcber das Kochen in einem Camp bis hin zur Betreuung derjenigen, die ersch\u00f6pft und emotional aufgew\u00fchlt von einer Aktion zur\u00fcckkehren. Es braucht ein Dorf, um einen sozialen Wandel herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen Selbstreflexion betreiben: Sind wir bereit, einige unserer Praktiken zu \u00e4ndern, um inklusiver zu werden? Sind wir bereit, einen intersektionellen Ansatz zu verfolgen und Umwelt- und soziale Bewegungen hinter einer breiteren Vision von sozialer Gerechtigkeit zu vereinen, um unsere Reichweite zu vergr\u00f6\u00dfern und vielf\u00e4ltiger zu werden? Wenn wir diese Geschichte so erz\u00e4hlen k\u00f6nnen, dass sie das widerspiegelt, was viele Menschen erleben, k\u00f6nnen wir aus unserer Blase ausbrechen. Neue Menschen f\u00fcr die Bewegung zu gewinnen, bringt auch neue Vielfalt und neue Perspektiven und Ideen f\u00fcr Taktiken und Strategien.<\/p>\n<p>H\u00f6ren wir uns die \u00c4ngste und Hoffnungen der Menschen an und bieten wir ihnen M\u00f6glichkeiten der Beteiligung, die f\u00fcr sie geeignet sind. Wir k\u00f6nnen nicht erwarten, dass ein Familienvater aus der Arbeiterklasse im l\u00e4ndlichen Deutschland bereit ist, an einer Waldbesetzung teilzunehmen, aber er k\u00f6nnte seine neutrale Position verlassen und vielleicht mit seinen Freunden bei einem Freitagsbier \u00fcber das Klima sprechen, eine Petition unterschreiben, die er vorher nicht unterschrieben h\u00e4tte, oder er wird Sympathie f\u00fcr Aktivist:innen der direkten Aktion entwickeln, auch wenn er nicht bereit w\u00e4re, Taktiken von Blockaden und Besetzungen anzuwenden. Ebenso wird sich eine PoC-Europ\u00e4erin der zweiten Generation wahrscheinlich nicht wohl f\u00fchlen, wenn kein Raum f\u00fcr Menschen mit einer Behinderung geschaffen wird und f\u00fcr Menschen, die nicht wei\u00df, heterosexuell oder akademisch gebildet sind. Aber wenn sie sich willkommen f\u00fchlt, hat sie vielleicht die n\u00e4chste gro\u00dfe Idee f\u00fcr eine wirkungsvolle Aktion.<\/p>\n<h3><strong>Seien wir wendig, flexibel und kreativ<\/strong><\/h3>\n<p>Erfolgreiche Bewegungen sind lebendig und atmen \u2013 das bedeutet, dass sie in der Lage sind, auf eine sich ver\u00e4ndernde Situation zu reagieren und sich ihr anzupassen. Sind wir bereit, uns von Taktiken zu trennen, die nicht greifen, und haben wir den Mut, mit neuen zu experimentieren und sie immer wieder zu aktualisieren? K\u00f6nnen wir einen \u00f6kosystemischen Ansatz f\u00fcr den sozialen Wandel verfolgen, bei dem verschiedene Akteur:innen (Aktivist:innen aus dem Gemeinwesen, Wissenschaftler:innen, Politiker:innen) wesentliche Taktiken (zivilen Ungehorsam, Forschung, Lobbyarbeit) anwenden und sich dabei auf die Ermittlung von Synergien konzentrieren? Wirksame Lobbyisten in traditionellen NGOs sind unsere Verb\u00fcndeten, und die Arbeit eines jeden von uns unterst\u00fctzt die des anderen. <a href=\"https:\/\/parekhpayal.medium.com\/building-the-climate-movement-in-the-shell-of-the-dutch-court-decision-a18229b7755c\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Das Shell-Urteil<\/a> Anfang dieses Jahres ist ein hervorragendes Beispiel daf\u00fcr, wie eine Vielzahl von Strategien \u2013 von juristischen Taktiken bis hin zu direkten Aktionen \u2013 das Gerichtsurteil beeinflusst und den \u00d6lkonzern zu einer drastischen Reduzierung seiner CO2-Emissionen gezwungen hat.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen lernen, wie wir auf ver\u00e4nderte Bedingungen reagieren k\u00f6nnen. Es macht keinen Sinn, an einer Taktik festzuhalten, wenn die Welt um uns herum dynamisch ist und sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndert. Flinkheit und Beweglichkeit sind die Priorit\u00e4ten des Tages. Es gibt zahllose Beispiele daf\u00fcr, wie Menschen in aller Welt unter schwierigsten Bedingungen kreative Ma\u00dfnahmen ergriffen haben, um die politische Macht in Schranken zu weisen. In Chile wurden w\u00e4hrend Pinochets Herrschaft Autobahnen und Stra\u00dfen von Menschen verstopft, die extrem langsam fuhren oder gingen. Diese Taktik war aus der Not geboren. Urspr\u00fcnglich wollten die Arbeiter:innen eines Bergwerks streiken, aber das chilenische Milit\u00e4r umstellte das Bergwerk; ein Streik h\u00e4tte wahrscheinlich zu Blutvergie\u00dfen gef\u00fchrt. So wurde die Idee der Verlangsamung geboren, die den Machthabenden zeigte, dass sie wenig Unterst\u00fctzung hatten, aber auch die Demonstrierenden vor Verhaftung und Ermordung bewahrte.<\/p>\n<p>Die Wahrscheinlichkeit, dass wir bei einer Massenaktion get\u00f6tet werden, ist zwar gering. Es kann aber passieren: <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Death_of_Carlo_Giuliani\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Carlo Giuliani<\/a>, ein 23-j\u00e4hriger Demonstrant, wurde w\u00e4hrend der G8-Proteste im Juli 2001 in Genua von Carabinieri erschossen. Meistens jedoch wird bei Massenaktionen gro\u00dfen Wert darauf gelegt, dass sie f\u00fcr ein Ziel Druck aus\u00fcben, die Sympathie eines gr\u00f6\u00dferen Prozentsatzes der Bev\u00f6lkerung gewinnen und <em>nicht<\/em> ins Gef\u00e4ngnis m\u00fcssen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Milosevic-Regimes stellte <a href=\"https:\/\/www.nonviolent-conflict.org\/otpor-struggle-democracy-serbia-1998-2000\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Otpor!<\/a>, die von Studenten gegr\u00fcndete Widerstandsgruppe, in den Stadtzentren im ganzen Land ein Fass mit einem Bild von Milosevic auf. Wenn man einen Dinar bezahlte, konnte man das Bild von Milosevic mit einem Schl\u00e4ger treffen. Mit Humor spielten sie auf eine Initiative der Regierung an, um Mittel f\u00fcr die Landwirtschaft zu beschaffen (die ohnehin veruntreut worden w\u00e4ren) und auf die Vorliebe des Regimes f\u00fcr Schl\u00e4ge. Das Regime machte sich l\u00e4cherlich, als es die F\u00e4sser schlie\u00dflich entfernte, gab aber vielen Serben, auch solchen, die nicht offen politisch sind, die M\u00f6glichkeit, ihre Frustration \u00fcber das Regime zum Ausdruck zu bringen und schw\u00e4chte damit einen wichtigen St\u00fctzpfeiler der Regierung.<\/p>\n<p>Viele Massenaktionen der letzten drei\u00dfig Jahre, von der US-amerikanischen Anti-Atomkraft-Bewegung bis zur WTO-Blockade 1999 in Seattle und in j\u00fcngster Zeit bei Ende Gel\u00e4nde, waren so angelegt, dass die Teilnehmer:innen \u00e4hnliche Taktiken anwandten. Damit sollte das Risiko verringert werden, dass einige von ihnen f\u00fcr eine h\u00e4rtere Behandlung ausgew\u00e4hlt werden, um ein Exempel zu statuieren und andere von der Teilnahme an den Aktionen abzuschrecken. Diese Massenaktionen wurden oft mit der Fortsetzung der Aktion im Gef\u00e4ngnis und vor Gericht verbunden, um sich gegenseitig zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<h3><strong>Eskalation in gro\u00dfem Ma\u00dfstab<\/strong><\/h3>\n<p>Die Klimakrise versch\u00e4rft sich von Minute zu Minute, und es steht au\u00dfer Frage, dass wir unsere Aktionen steigern m\u00fcssen, aber wie sieht das in der Praxis aus? Welche Ma\u00dfst\u00e4be verwenden wir, um zu entscheiden, ob wir unsere Proteste zuspitzen und versch\u00e4rfen und ob das erfolgreich war? Wir argumentieren, dass unsere gr\u00f6\u00dfte Aufgabe derzeit nicht darin besteht, diejenigen zu radikalisieren, die sich bereits engagieren und an zivilem Ungehorsam teilnehmen, sondern die politisch Inaktiven einzubeziehen, die zwar glauben, dass der Klimawandel ein Problem ist, die aber nicht glauben, dass sie etwas bewirken k\u00f6nnen oder nicht wissen, wie sie etwas ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Daher sollte unser Schl\u00fcsselindikator die \u201ehorizontale Eskalation\u201c sein, wie David Solnit es nennt, der Kunstorganisator und Aktivist f\u00fcr direkte Aktionen, der 1999 die WTO-Blockade in Seattle mitgestaltet hat. Wenn unsere Aktionen gr\u00f6\u00dfer werden, von Dutzenden \u00fcber Hunderte bis hin zu Tausenden von Teilnehmer:innen aus mehreren Gemeinschaften, dann haben wir eine horizontale Eskalation vollzogen. Aktionen, die dazu f\u00fchren, dass Aktivist:innen sich zur\u00fcckziehen oder Barrieren f\u00fcr neue Teilnehmer:innen schaffen, so dass die Aktionen kleiner werden, k\u00f6nnten als Deeskalation betrachtet werden. Sobald Menschen den Sprung in die Bewegung geschafft haben, ist es unsere Aufgabe, so viele Menschen wie m\u00f6glich auf der Leiter des Engagements nach oben zu bringen.<\/p>\n<p>In den letzten Monaten hat die \u201efriedliche\u201c Sabotage in Europa gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit erlangt. Der Wissenschaftler Andreas Malm argumentiert in seinem Buch \u201e<a href=\"https:\/\/www.versobooks.com\/books\/3665-how-to-blow-up-a-pipeline\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>How to blow up a Pipeline\u201c<\/em><\/a><em>,<\/em> dass Bewegungen fast immer eine radikale Flanke hatten, die sich der Sabotage bedient hat. Um zu beurteilen, ob \u201efriedliche\u201c Sabotage zur Eskalation beitragen kann, sollten wir den Begriff definieren. In erster Linie meinen wir die Zerst\u00f6rung von Eigentum. Das kann unterschiedlich aussehen: von Einzelpersonen, die anonym und unbemerkt die Reifen von Lastwagen, die Kohle transportieren, zerst\u00f6ren, bis hin zu Tausenden von Menschen, die in Massen eine Pipeline besch\u00e4digen. Sie gelten als friedlich, weil keine Menschenleben in Gefahr sind. \u201eFriedliche\u201c Sabotage kann geplant oder spontan sein.<\/p>\n<p>Der Begriff \u201eSabotage\u201c f\u00fchlt sich oft sehr patriarchal und m\u00e4nnlich an (selbst wenn es auch Frauen tun). F\u00fcr uns beschw\u00f6rt er das Bild einer kriegs\u00e4hnlichen Situation herauf (ja, wir wissen, dass man die Klimakrise mit einem Krieg vergleichen k\u00f6nnte), in der eine Einzelperson oder eine kleine Gruppe den Tag rettet, indem sie eine Handlung ausf\u00fchrt, die sich gewaltt\u00e4tig und extrem anf\u00fchlt. Daher finden wir den Begriff \u201eDemontage mit W\u00fcrde\u201c des revolution\u00e4ren K\u00fcnstlers und Aktivisten Jay Jordan viel inspirierender und zutreffender. Er erweitert unsere Vorstellung dar\u00fcber, wie wir radikale Ver\u00e4nderungen mittels Sabotage bewirken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aus Sicht der Kampagnenarbeit stellt sich nicht so sehr die Frage, ob Sabotage legitim ist (was sie unserer Meinung nach ist, solange sie keine Menschen gef\u00e4hrdet), sondern wir m\u00fcssen \u00fcberlegen, ob Sabotage in dem Kontext, in dem wir uns gerade befinden, angemessen ist. Hilft sie uns, Macht aufzubauen und mehr Unterst\u00fctzung in der Gesellschaft zu gewinnen? Wenn ja, wie sollte die Sabotage gestaltet werden und aussehen? Ist es der Moment, in dem Menschen Pipelines sprengen oder ist es etwas Subtileres, wie zum Beispiel Tausende, die mit Schablonen eine klare Botschaft an die Au\u00dfenw\u00e4nde der Filialen von Banken spr\u00fchen, die die Klimakrise auf dem ganzen Kontinent finanzieren? Andere Beispiele f\u00fcr kreative Sabotage k\u00f6nnen darin bestehen, Amaranthus zu pflanzen, das gegen Monsantos Roundup-Herbizid resistent ist oder Himbeerameisen einzusetzen, um die Computerausr\u00fcstung von Banken zu zerst\u00f6ren, die fossile Brennstoffe finanzieren! Was w\u00e4re, wenn wir die Sabotage so durchf\u00fchren w\u00fcrden, dass das Risiko, erwischt zu werden, minimiert wird, um dem Staat die Repression zu erschweren und gleichzeitig die Wirkung zu maximieren? In Anbetracht der derzeitigen Gr\u00f6\u00dfe und Macht der Bewegung sollte die friedliche Sabotage der \u201eDemontage mit W\u00fcrde\u201c Teil unseres Werkzeugkastens sein, aber der Kontext sowie die Au\u00dfenwirkung und die Wirkung der Aktion m\u00fcssen sorgf\u00e4ltig bedacht werden. Wir glauben nicht, dass dies die einzige Taktik und der einzige Weg zur Eskalation ist.<\/p>\n<p>Die Situation ist entscheidend! W\u00e4hrend der Besetzung des <a href=\"https:\/\/greenwire.greenpeace.de\/solidarity-with-danni-forest\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Dannenr\u00f6der Waldes<\/a> in Mitteldeutschland im letzten Jahr markierten Aktivist:innen 150 Gel\u00e4ndewagen in einer benachbarten Stadt mit Farbe und warnten die Fahrer, dass die Autos in Brand gesetzt w\u00fcrden, sollte der Wald abgeholzt werden. Dies f\u00fchrte vor Ort zu erheblichen Gegenreaktionen gegen alle Waldsch\u00fctzer:innen, unabh\u00e4ngig davon, ob sie an der Aktion beteiligt waren oder nicht, und bestrafte diejenigen, die nicht f\u00fcr die Zerst\u00f6rung des Waldes verantwortlich waren. Im Gegensatz dazu f\u00fchrte die Besch\u00e4digung von Hubw\u00e4gen und anderen Maschinen, die f\u00fcr die R\u00e4umung des <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/en\/germany-thousands-protest-to-save-hambach-forest\/a-46060826\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Hambacher Forsts<\/a> im Jahr 2018 eingesetzt wurden, durch Aktivist:innen nicht zu Gegenreaktionen in der \u00d6ffentlichkeit, da die Waldbesetzung weithin unterst\u00fctzt wurde \u2013 die Bewegung hatte eine starke Unterst\u00fctzung in der umliegenden Gemeinde und im ganzen Land aufgebaut, was durch eine Unterst\u00fctzer:innendemo von 50.000 Menschen belegt wurde.<\/p>\n<p>Wird man bei der Sabotage erwischt, hat das reale Konsequenzen. K\u00fcrzlich wurden zwei <a href=\"https:\/\/eu.desmoinesregister.com\/story\/news\/crime-and-courts\/2021\/01\/22\/pipeline-protests-two-activists-plead-guilty-dakota-access-sabotage-jessica-reznicek-ruby-montoya\/4210901001\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">US-amerikanische Plowsharer (eine pazifistische, meist christliche Gruppe, die unter anderem Milit\u00e4ranlagen sabotiert) f\u00fcr schuldig befunden<\/a>, die Dakota Access Pipeline besch\u00e4digt zu haben: Jessica Reznicek wurde k\u00fcrzlich zu acht Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt, Ruby Montoya wartet auf ihr Urteil. F\u00fcr die juristische Strategie und die Arbeit gegen die Repression werden betr\u00e4chtliche Ressourcen und Energien aufgewendet, was f\u00fcr den Einzelnen einen hohen psychologischen Tribut bedeutet. Wir werden die Antwort nie erfahren, aber ist es das wert, eine engagierte Aktivistin acht Jahre lang im Gef\u00e4ngnis zu haben, anstatt Aktionen und Mobilisierung drau\u00dfen zu unterst\u00fctzen? Was ist mit den unmittelbaren Verpflichtungen gegen\u00fcber Familie, Freund:innen und unserer Gemeinschaft, die nicht mehr erf\u00fcllt werden k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Wenn der Staat mit harter Hand vorgeht, hat dies auch eine abschreckende Wirkung auf erfahrene Aktivist:innen und macht den Beitritt zur Bewegung f\u00fcr potenzielle neue Aktivist:innen weniger erstrebenswert, so dass es schwieriger wird, neue Anh\u00e4nger in die Bewegung zu bringen. Es k\u00f6nnte zu Vergeltungsma\u00dfnahmen des Staates f\u00fchren, indem repressive Gesetze erlassen werden, die noch mehr Menschen kriminalisieren. Bereits jetzt bestehen erhebliche Risiken f\u00fcr Einzelpersonen, nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Europa. <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/justiz\/dannenroeder-forst-wald-besetzerin-zu-gefaengnisstrafe-verurteilt-tumult-im-gericht-a-7bb1b19d-5a20-48af-89d6-e2b63a6dea38\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Ella, eine junge Aktivistin<\/a>, wurde bei der R\u00e4umung des Dannenr\u00f6der Waldes im Jahr 2020 verhaftet und zu zwei Jahren Haft verurteilt, weil sie bei ihrer Verhaftung angeblich einen Polizeibeamten angegriffen hatte. Dem vorausgegangen war eine Gesetzes\u00e4nderung, vorgeblich um Polizeibeamte umfassend zu sch\u00fctzen. Das Vereinigte K\u00f6nigreich, die Schweiz, Frankreich und Deutschland haben in letzter Zeit strengere Gesetze erlassen, die Proteste noch riskanter machen.<\/p>\n<p>Dennoch wissen wir, dass friedliche Sabotage wirksam sein kann, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt wird. Bei einer <a href=\"https:\/\/lundi.am\/Industrie-du-Beton-4-sites-mis-hors-d-etat-de-nuire-pour-une-duree-indeterminee\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aktion<\/a> im Juni dieses Jahres in Frankreich, die von <a href=\"https:\/\/lessoulevementsdelaterre.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Soul\u00e8vements de la terre<\/a> (Die Erde erheben) und <a href=\"https:\/\/extinctionrebellion.fr\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Extinction Rebellion<\/a> organisiert wurde, wurde ein Zementwerk von La Farge-Holcim an einem Wochenende mit etwa 200 Teilnehmenden effektiv lahmgelegt und die Ausr\u00fcstung von Affen zertr\u00fcmmert, so dass die Leute nicht ins Gef\u00e4ngnis mussten! In Chile kam es nach mehreren Aufst\u00e4nden im Laufe vieler Jahre aufgrund zunehmender Ungleichheit und steigender Lebenshaltungskosten zu dem Aufruf der Student:innen, zur <a href=\"https:\/\/www.vox.com\/world\/2019\/10\/29\/20938402\/santiago-chile-protests-2019-riots-metro-fare-pinera\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">#EvasionMasiva<\/a> , dem \u00dcberspringen von Drehkreuzen, um die Fahrpreise zu umgehen. Die Proteste trafen den Nerv der Zeit und entwickelten sich, nachdem sie mit staatlicher Gewalt und Repression konfrontiert wurden, zu einer unorchestrierten friedlichen Sabotage, bei der U-Bahn-Stationen in Brand gesetzt und Infrastruktur zerst\u00f6rt wurden. Diese Aktionen l\u00f6sten keine Gegenreaktion unter den Anh\u00e4nger:innen aus und waren ebenfalls ein Ergebnis der breit angelegten Proteste; im Wesentlichen war die Macht des Staates aufgrund des massenhaften zivilen Ungehorsams bereits geschw\u00e4cht, was bedeutet, dass die Bedingungen f\u00fcr die friedliche Sabotage g\u00fcnstig waren \u2013 die mit solchen Aktionen verbundenen Konsequenzen waren geringer und die Wirksamkeit gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Wir glauben, dass eine Massenbewegung am st\u00e4rksten ist, wenn sie zahlenm\u00e4\u00dfig stark ist und \u00fcber einen Kader verf\u00fcgt, der darin geschult ist, sich strategisch zu engagieren, um kollektive Macht aufzubauen. Das bedeutet, dass die Menschen auf der Leiter des Engagements aufsteigen und bereit sind, immer mehr f\u00fcr den Kampf f\u00fcr Gerechtigkeit zu tun. Wenn wir dies erreichen, gibt uns das die F\u00e4higkeit zur massenhaften Nicht-Kooperation, der vierten der f\u00fcnf Stufen der <a href=\"https:\/\/www.historyisaweapon.com\/defcon1\/lakeylivrev.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Strategie f\u00fcr eine lebendige Revolution<\/a>, die George Lakey, der US-amerikanische Friedensaktivist, entwickelt hat. Nat\u00fcrlich sollte und k\u00f6nnte friedliche Sabotage ein Teil der Mischung sein, insbesondere wenn wir unser Bestes tun, um Verhaftungen oder schwere Strafen zu minimieren und eine giftige Sicherheitskultur zu vermeiden, die oft Misstrauen s\u00e4t. Selbst wenn man deutlich macht, was getan werden soll, wei\u00df der Staat nicht, wann und wie!<\/p>\n<p>Wenn wir unseren Verstand einschalten, sind der Eskalation keine Grenzen gesetzt \u2013 friedliche Sabotage ist nicht die einzige Option. Erweitern wir also unseren Eskalations-Werkzeugkasten, so dass wir die Instrumente ausw\u00e4hlen, die in dem Kontext, in dem wir uns gerade befinden, die besten Erfolgschancen haben.<\/p>\n<h3><strong>Schlussfolgerung<\/strong><\/h3>\n<p>Die Klimakrise ist be\u00e4ngstigend, weil wir bereits einen Vorgeschmack auf ihre zerst\u00f6rerische Kraft bekommen haben. Es steht viel auf dem Spiel, und die Ver\u00e4nderungen, f\u00fcr die wir k\u00e4mpfen, sind f\u00fcr unser \u00dcberleben unerl\u00e4sslich, denn sie betreffen alles und jeden, der uns wichtig ist. Der gesellschaftliche Wandel vollzieht sich nicht schnell genug, trotz der Anstrengungen, die viele von uns unternommen haben, um den Wandel zu bewirken. Dennoch haben wir Fortschritte gemacht: Die Industrie f\u00fcr fossile Brennstoffe hat einen R\u00fcckzieher gemacht und beginnt zu wanken. Die Frage ist nicht, ob die Gewinnung fossiler Brennstoffe der Vergangenheit angeh\u00f6ren wird, sondern ob wir dies erreichen werden, bevor ein unumkehrbarer Klimakipppunkt erreicht wird. Aus diesem Grund m\u00fcssen wir unsere Strategien sch\u00e4rfen und unsere Taktik mit viel Fantasie umsetzen. Wenn wir erfolgreich sind, k\u00f6nnen wir die Gesellschaft so umgestalten, dass sie gerechter, ausgeglichener und fairer wird. W\u00e4hlen wir die Taktiken, die zu unseren Tr\u00e4umen passen, und machen wir den fossilen Kapitalismus zur Geschichte!<\/p>\n<p>Danksagung: Wir m\u00f6chten uns bei allen bedanken, die mit uns \u00fcber Strategien zum Erfolg diskutiert haben. Ein gro\u00dfes Lob geht auch an diejenigen, die Entw\u00fcrfe des Manuskripts gelesen und wichtige Kommentare zur Verbesserung geliefert haben.<\/p>\n<p><strong><em>Gastbeitrag von Payal Parekh &amp; Carola Rackete erschienen bei <a href=\"https:\/\/wald-statt-asphalt.net\/wie-kann-die-klimabewegung-ihren-kampf-eskalieren-um-die-machtverhaltnisse-zu-verandern\/?fbclid=IwAR0gxHdudL7HW2mjBEaxifLW3XhBZrhIUH-hTKq-pk08ZN5PaQrLOnsqsc0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wald statt Asphalt<\/a> am 11.10.2021. Wir danke f\u00fcr die freundliche Genehmigung f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welcher Strategien hat sich die Klimabewegung bedient und welcher bedarf es, um ihr zu einer besseren Durchsetzungsf\u00e4higkeit zu verhelfen? Ist es so, dass wir erfolglos bleiben, solange wir Umweltkrisen nicht auch an ihren sozialen und politischen Wurzeln bek\u00e4mpfen? 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