{"id":1437777,"date":"2021-09-28T04:47:22","date_gmt":"2021-09-28T03:47:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1437777"},"modified":"2021-09-28T04:47:22","modified_gmt":"2021-09-28T03:47:22","slug":"lebend-wurden-sie-uns-genommen-lebend-wollen-wir-sie-zurueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/09\/lebend-wurden-sie-uns-genommen-lebend-wollen-wir-sie-zurueck\/","title":{"rendered":"\u201eLebend wurden sie uns genommen, lebend wollen wir sie zur\u00fcck!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>In einem trubeligen Hinterhof am Berliner Hackeschen Markt prangt zwischen vielen Caf\u00e9s und direkt neben dem \u201eAnne Frank Zentrum\u201c ein frisch erstelltes Wandbild. \u201eLebend wurden sie uns genommen, lebend wollen wir sie zur\u00fcck!\u201c \u2013 ist in Spanisch, Englisch und Deutsch darauf zu lesen. Dazwischen finden sich Gesichtsz\u00fcge von M\u00e4nnern, Frauen und Kindern, die Opfer gewaltsamen Verschwindenlassens wurden.<\/p>\n<p>Da ist ein Portrait der 21 Jahre alten Alicia D\u2018Ambra, die 1976 kurz nach dem Milit\u00e4rputsch in Argentinien entf\u00fchrt und in verschiedenen Lagern gefoltert wurde und deren Spuren sich 1977 verloren.<\/p>\n<p>Daneben ein Bild der zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Ana Maria aus El Salvador, die 2007 in die USA migrieren wollte \u2013 und verschwand. Ihre Mutter Yolanda hat sich der \u201eKarawane der M\u00fctter verschwundener Migrant*innen\u201c angeschlossen und sucht ihre Tochter noch immer.<\/p>\n<p>Zu sehen ist auch der Philippine Jonas Burgos: Er wurde 2007 entf\u00fchrt und ist bis heute verschwunden. Der Oberste Gerichtshof des Landes macht die philippinische Armee daf\u00fcr verantwortlich, bestraft wurde niemand.<\/p>\n<p><strong>Verschwundene: Ihre Leichen nie gefunden, ihr Tod nie best\u00e4tigt<\/strong><\/p>\n<p>Sie alle wurden unter Beteiligung von oder unter Duldung durch staatliche Stellen entf\u00fchrt oder ihrer Freiheit beraubt. Ihr Aufenthaltsort wurde verschleiert oder ist nicht bekannt. Sie und ihre Angeh\u00f6rigen erhalten keinen rechtlichen Schutz durch staatliche Institutionen. Viele Verschwundene wurden mutma\u00dflich ermordet, aber ihre Leichen nie gefunden, ihr Tod nie best\u00e4tigt. Unter ihnen sind Menschenrechts- und Umweltaktivist*innen; Medienschaffende; Frauen, die aufgrund ihres Geschlechts entf\u00fchrt werden, und \u2013 in Folge der Abschottungspolitik Europas und der USA \u2013 zunehmend auch Migrierende. Allein in Mexiko gelten \u00fcber 90.000 Menschen offiziell als verschwunden, in Kolumbien rund 80.000. Ihre Familien und Freund*innen suchen oft bis an ihr Lebensende nach ihren Liebsten und nach Gewissheit \u2013 und finden keine Ruhe.<\/p>\n<p>Vor dem drei Stockwerke hohen Wandbild stehend, erkl\u00e4rt Annika Hirsekorn, die das Projekt zusammen mit der Galerie neurotitan und dem internationalen Netzwerk der Koalition gegen das <a class=\"glossaryLink\" style=\"box-sizing: inherit; background-color: transparent; color: #000000 !important; text-decoration: none !important; border-bottom-width: 1px !important; border-bottom-style: dotted !important; border-bottom-color: #000000 !important;\" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/verschwindenlassen\/\" aria-describedby=\"tt\" data-cmtooltip=\"&lt;div class=glossaryItemTitle&gt;Verschwindenlassen&lt;\/div&gt;&lt;div class=glossaryItemBody&gt;In lateinamerikanischen Diktaturen wurden Zehntausende Gefangene Opfer gewaltsamen Verschwindenlassens durch staatliche oder para-staatliche Organisationen. Die meisten von ihnen wurden vermutlich ermordet. Da ihre Leichen bis heute nicht gefunden sind werden sie als \u201cVerschwundene\u201d (spanisch Desaparecidos) bezeichnet. Ihre Angeh\u00f6rigen finden durch die Ungewissheit \u00fcber den Verbleib ihrer Freunde oder Verwandten bis heute keine Ruhe und organsisieren sich daher in Menschenrechtsorganisationen f\u00fcr Aufkl\u00e4rung wie z.B. die Madres de la Plaza de Mayo in Argentinien.&lt;\/div&gt;\">Verschwindenlassen<\/a> organisiert, sie wollten das Thema in den \u00f6ffentlichen Raum tragen: \u201eSo haben wir einen Aufruf in verschiedenen Sprachen gestartet, nach Portraits Verschwundener und Suchender gefragt. Wir bekamen daraufhin viele Mails aus Lateinamerika\u201c, so berichtet die Kuratorin und erg\u00e4nzt, \u201ezwei Menschen aus Syrien brachten uns auch direkt hierher die Fotos ihrer verschwundenen Angeh\u00f6rigen und erz\u00e4hlten von ihrer Geschichte\u201c.<\/p>\n<p><strong>Mitmachaktion zum Internationalen Tag f\u00fcr die Opfer gewaltsamen Verschwindenlassens<\/strong><\/p>\n<p>Aus den eingegangenen Bildern, Namen und Berichten stellten die K\u00fcnstler*innen Nele Konopka, Sol Undurraga und Tobias Morawski eine Collage zusammen. Zum Internationalen Tag f\u00fcr die Opfer des gewaltsamen Verschwindenlassens am 30. August bauten sie im Hof ein Ger\u00fcst auf, grundierten eine bis dahin graue Hauswand und malten schlie\u00dflich die Collage darauf, w\u00e4hrend Schulklassen und Tourist*innen durch den Hof schlenderten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_39364\" class=\"wp-caption alignright\" aria-describedby=\"caption-attachment-39364\"><a href=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/foto0861-m-scaled.jpg\" data-slb-active=\"1\" data-slb-asset=\"1717554893\" data-slb-internal=\"0\" data-slb-group=\"39358\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-39364\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/foto0861-m-169x300.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 169px) 100vw, 169px\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/foto0861-m-169x300.jpg 169w, https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/foto0861-m-575x1024.jpg 575w, https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/foto0861-m-scaled.jpg 1439w\" alt=\"\" width=\"169\" height=\"300\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-39364\" class=\"wp-caption-text\">Die Namen und Bilder von Verschwundenen aus der ganzen Welt sind nun an den W\u00e4nden zu lesen \/ Foto: Ute L\u00f6hning<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eWir wollten das unbedingt begleiten. Es waren immer Expert*innen vor Ort, w\u00e4hrend wir gemalt haben\u201c, sagt Annika Hirsekorn. Viele Menschen seien stehen geblieben, es h\u00e4tten sich auch l\u00e4ngere Gespr\u00e4che ergeben.<\/p>\n<p>\u201eMit dieser Mitmachaktion wollen wir auch einzelne Schicksale von Verschwundenen beleuchten, denn sie d\u00fcrfen nicht vergessen werden\u201c, erkl\u00e4rt Melanie Bleil von Brot f\u00fcr die Welt und Teil der Koalition gegen das Verschwindenlassen. \u201eAu\u00dferdem brauchen deren Angeh\u00f6rige unsere Solidarit\u00e4t. Wir unterst\u00fctzen sie in ihren Forderungen nach Wahrheit und Gerechtigkeit\u201c.<\/p>\n<p><strong>Deutschland hat bisher keinen eigenen Straftatbestand zu Verschwindenlassen eingef\u00fchrt<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Ziel verfolgt auch die 2010 in Kraft getretene UN-Konvention gegen das Verschwindenlassen. Die fr\u00fchere Gr\u00fcnen-Europapolitikerin Barbara Lochbihler ist seit 2019 Mitglied im zugeh\u00f6rigen UN-Ausschuss. Um auch eine bessere strafrechtliche Verfolgung von T\u00e4ter*innen zu gew\u00e4hrleisten, betont sie, Deutschland sei \u201eals Vertragspartei der Konvention verpflichtet, einen eigenen Straftatbestand\u201c des Verschwindenlassens einzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung hat das bislang aber nicht getan. Sie erkl\u00e4rte im Juli dazu in ihrem Bericht an die UN, die bestehenden deutschen Straftatbest\u00e4nde erm\u00f6glichten bereits eine umfassende Aufkl\u00e4rung, Verfolgung und Bestrafung von F\u00e4llen des Verschwindenlassens von Personen. Gleichzeitig erkennt die Bundesregierung in diesem Bericht allerdings an, dass die Einf\u00fchrung eines Straftatbestands m\u00f6glicherweise eine \u201ebedeutende Symbolkraft\u201c haben k\u00f6nnte. Lochbihler fordert, dass die deutsche Regierung, die die Konvention ratifiziert hat, sie auch umsetzt: \u201eDas hat eine Vorbildwirkung auch f\u00fcr andere Staaten, von denen man es ja auch einfordert, dass sie es ordentlich umsetzen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Wandbild ist Teil einer gr\u00f6\u00dferen Kunstaktion gegen das Verschwindenlassen<\/strong><\/p>\n<p>Ein paar Meter neben dem Wandbild haben die K\u00fcnstler*innen auch eine Siebdruckstation aufgebaut. Solange das Wetter mitmacht, streifen Passant*innen hier mit einem Gummischaber orangene Farbe \u00fcber ein Sieb und drucken sich das Motiv der Collage unter Anleitung selbst aus \u2013 zum Mitnehmen nachhause.<\/p>\n<p>Vorerst soll das Wandbild der Verschwundenen hier bleiben. Es soll um eine Beschreibung erg\u00e4nzt werden und um einen QR-Code, der Interessierte auf eine <a href=\"https:\/\/programme.neurotitan.de\/leon-ferrari\/\">Website<\/a> leitet, wo mehr \u00fcber die Portraitierten zu erfahren\u00a0 ist.<\/p>\n<p>Das Wandbild und die Siebdruckstation sind Teil des Rahmenprogramms einer Ausstellung \u00fcber den 2013 verstorbenen argentinischen Konzeptk\u00fcnstler Le\u00f3n Ferrari, der sich zeitlebens gegen das Verschwindenlassen engagiert hat.<\/p>\n<p><strong>Ferraris \u201eDemokratisierung des k\u00fcnstlerischen Produktionsprozesses\u201c\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Durch einen Comicladen im hinteren Bereich des Hofes gelangt man in die R\u00e4ume der Galerie neurotitan und zur Ausstellung \u201eLe\u00f3n Ferrari \u2013 reproducing them infinitely\u201c. Diesem Titel entsprechend springen einem sofort Bilder aus unendlich sich wiederholenden geometrischen Mustern ins Auge. Auch hier finden sich eine Siebdruckstation und ein Tisch mit Stempeln, an denen Motive des international renommierten K\u00fcnstlers unendlich reproduziert werden k\u00f6nnen. \u201eEine wichtige Frage in Ferraris Arbeit war immer die Hierarchie zwischen Original und Kopie\u201c, erkl\u00e4rt Annika Hirsekorn, die die Ausstellung zusammen mit Paloma Ferrari, der Enkelin des K\u00fcnstlers, kuratiert. So habe er viele seiner Werke als \u201eunlimitiert\u201c signiert, und \u201eexplizit intendiert, dass seine Arbeit vervielf\u00e4ltigt wird\u201c. Auff\u00e4llig f\u00fcr Augen und Ohren sind auch die gro\u00dfen Klangskulpturen aus langen metallenen St\u00e4ben, die man anfassen und selbst zum Schwingen und Klingen bringen kann.<\/p>\n<p><strong><a class=\"glossaryLink\" style=\"box-sizing: inherit; background-color: transparent; color: #000000 !important; text-decoration: none !important; border-bottom-width: 1px !important; border-bottom-style: dotted !important; border-bottom-color: #000000 !important;\" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/nunca-mas\/\" aria-describedby=\"tt\" data-cmtooltip=\"&lt;div class=glossaryItemTitle&gt;Nunca M\u00e1s&lt;\/div&gt;&lt;div class=glossaryItemBody&gt;(deutsch: Nie wieder) Titel des Abschlussberichtes der Nationalkommission \u00fcber das Verschwinden von Personen (Comisi\u00f3n Nacional sobre la Desaparici\u00f3n de Personas). Diese hatte nach dem Ende der Argentinischen Milit\u00e4rdiktatur (1976-1983) versucht das gewaltsame und heimliche Verschwindenlassen von politischen Gegner*innen, ihre Entf\u00fchrung, Folterung und Ermordung aufzudecken. Heute gilt Nunca M\u00e1s als Zeugnis und Mahnung der Verbrechen der Milit\u00e4rdiktatur, welches als zentrales Symbol f\u00fcr die Forderung nach einer Weiterf\u00fchrung der nicht abgeschlossenen Aufarbeitung und Erinnerungspolitik der grausamen Geschehnisse genutzt wird.&lt;\/div&gt;\">Nunca M\u00e1s<\/a>! \u2013 Nie wieder!<\/strong><\/p>\n<p>Ein zentrales Thema der Ausstellung ist die Auseinandersetzung mit der argentinischen Diktatur (1976 bis 1983), w\u00e4hrend der laut Sch\u00e4tzungen bis zu 30.000 Personen verschwanden. \u201eDie Diktatur war das einschneidende Erlebnis in Le\u00f3n Ferraris Biographie, das ihn enorm politisiert hat\u201c, erkl\u00e4rt Annika Hirsekorn. Ferraris Sohn Ariel ist einer der Verschwundenen der Diktatur, er selbst ging mit seiner Familie f\u00fcr Jahre ins Exil nach Brasilien.<\/p>\n<figure id=\"attachment_39362\" class=\"wp-caption aligncenter\" aria-describedby=\"caption-attachment-39362\"><a href=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/foto0941-m-scaled.jpg\" data-slb-active=\"1\" data-slb-asset=\"1119622574\" data-slb-internal=\"0\" data-slb-group=\"39358\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-39362\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/foto0941-m-300x195.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/foto0941-m-300x195.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/foto0941-m-1024x664.jpg 1024w\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"195\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-39362\" class=\"wp-caption-text\">\u201eNunca M\u00e1s\u201c, \u201eNie Wieder\u201c, hei\u00dft es in der Ausstellung mit Werken Le\u00f3n Ferraris \/ Foto: Ute L\u00f6hning<\/figcaption><\/figure>\n<p>Le\u00f3n Ferrari arbeitete mit den M\u00fcttern und den Gro\u00dfm\u00fcttern der Plaza de Mayo zusammen, die ihre verschwundenen Kinder und Enkel suchten und Aufkl\u00e4rung der Verbrechen forderten. 1983, nach dem Ende der Diktatur, erstellte die Nationale Kommission \u00fcber das Verschwindenlassen einen 50.000 Seiten umfassenden <a href=\"http:\/\/www.desaparecidos.org\/arg\/conadep\/nuncamas\/\">Bericht mit dem Titel \u201eNunca m\u00e1s\u201c\u00a0 \u2013 \u201eNie wieder\u201c<\/a>.<\/p>\n<p>Als die argentinische Tageszeitung <em>P\u00e1gina 12<\/em> sp\u00e4ter Ausz\u00fcge davon in einer Serie von 30 Sonderausgaben ver\u00f6ffentlichte, war es Le\u00f3n Ferrari, der diese Hefte illustrierte: mit \u00fcberbordenden Zeichnungen von maltr\u00e4tierten Menschenk\u00f6rpern, von Geiern und Engeln, von Milit\u00e4rs und Klerikern. Die Kirche und ihre starke Verflechtung mit der Diktatur kritisierte er scharf und verurteilte die \u201eBarbarei des Westens\u201c.<\/p>\n<p><strong>Nicht (nur) Kunst, sondern Politik<\/strong><\/p>\n<p>\u201eVon der Kunst erwarte ich nur, dass ich durch sie so klar wie m\u00f6glich ausdr\u00fccken kann, was ich denke\u201c, so lautet ein in der Ausstellung pr\u00e4sentiertes Zitat Ferraris; und au\u00dferdem h\u00e4tte er demnach auch kein Problem damit, wenn das Ergebnis dann nicht als \u201eKunst\u201c, sondern als Politik bezeichnet w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Genau wegen dieses politischen Ausdrucks sind Ferraris Werke auch f\u00fcr die Argentinierin Anah\u00ed Marocchi bedeutsam: \u201eEr ist ein K\u00fcnstler von internationalem Rang\u201c, sagt sie. \u201eSein Schaffen geht weit \u00fcber den kulturellen Aspekt hinaus, er hat in seiner Kunst die Diktatur beschrieben\u201c.<\/p>\n<p><strong>Deutschland als R\u00fcckzugsgebiet f\u00fcr dringend tatverd\u00e4chtigen Ex-Offizier<\/strong><\/p>\n<p>Die heute 67-j\u00e4hrige Anah\u00ed Marocchi spielt selbst eine Sch\u00fcsselrolle in der Aufarbeitung von Diktaturverbrechen und im Kampf gegen <a class=\"glossaryLink\" style=\"box-sizing: inherit; background-color: transparent; color: #000000 !important; text-decoration: none !important; border-bottom-width: 1px !important; border-bottom-style: dotted !important; border-bottom-color: #000000 !important;\" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/straflosigkeit\/\" aria-describedby=\"tt\" data-cmtooltip=\"&lt;div class=glossaryItemTitle&gt;Straflosigkeit&lt;\/div&gt;&lt;div class=glossaryItemBody&gt;Werden schwere Straftaten juristisch nicht aufgekl\u00e4rt oder bestraft, so wird das als Straflosigkeit bezeichnet. Diese wirkt sich nachhaltig aus auf das individuelle Empfinden der Anerkennung der Opfer, das gesamtgesellschaftliche Gerechtigkeitsempfinden und den Schutz vor Wiederholung.&lt;\/div&gt;\">Straflosigkeit<\/a>. Ihr Bruder, Omar Marocchi, wurde 1976 als 19-J\u00e4hriger zusammen mit seiner schwangeren Partnerin Haydee Susana Valor in Mar del Plata, 400 Kilometer s\u00fcdlich der Hauptstadt Buenos Aires, entf\u00fchrt. Sie wurden in die Marinebasis von Mar del Plata verschleppt, wo ein Gefangenen- und Folterlager eingerichtet worden war. Dort verliert sich ihre Spur. Ihr Schicksal und das des damals noch nicht geborenen Kindes sind bis heute nicht aufgekl\u00e4rt. In Argentinien wurden etwa 500 Kinder politischer Gefangener w\u00e4hrend der Diktatur systematisch geraubt und wuchsen oftmals in Familien von Milit\u00e4rs auf, ohne ihre eigene Geschichte zu kennen. Bisher konnten etwa 130 dieser F\u00e4lle aufgekl\u00e4rt werden.<\/p>\n<p>Anah\u00ed Marocchi sucht ihren Bruder und ihre Schw\u00e4gerin noch immer \u2013 und fordert Gerechtigkeit und Aufkl\u00e4rung. Sie kam nach Berlin und erstattete 2018 zusammen mit dem European Center for Constitutional and Human Rights (<a href=\"https:\/\/www.ecchr.eu\/\">ECCHR<\/a> ) Anzeige gegen den in Berlin lebenden Deutsch-Argentinier Luis Esteban Kyburg (73). Dieser war als Offizier in der Marinebasis in Mar del Plata eingesetzt. Als stellvertretender Befehlshaber einer Kampftauchereinheit auf diesem Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt gilt Kyburg als dringend tatverd\u00e4chtig, an Entf\u00fchrungen, Folter und Mord an 152 Personen beteiligt gewesen zu sein.<\/p>\n<p><strong>Deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft l\u00e4sst Kyburg bisher ungestraft<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIn Argentinien w\u00e4re er schon verurteilt\u201c, sagt Anah\u00ed Marocchi: so wie andere ranghohe Offiziere, die in der Marinebasis von Mar del Plata eingesetzt waren, und\u00a0 bereits wegen Beteiligung an Mord und Verschwindenlassen verurteilt sind. Doch 2013, bevor auch Kyburg vernommen werden sollte, setzte er sich nach Deutschland ab und lebt seitdem straflos in Berlin. In Abwesenheit kann er von der argentinischen Justiz nicht verurteilt werden, und Deutschland lehnte einen Auslieferungsantrag ab. Denn Kyburg hat deutsche Vorfahren und deshalb neben der argentinischen auch die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit; und Deutschland liefert seine eigenen Staatsb\u00fcrger grunds\u00e4tzlich nicht an Staaten au\u00dferhalb der EU aus.<\/p>\n<figure id=\"attachment_39363\" class=\"wp-caption aligncenter\" aria-describedby=\"caption-attachment-39363\"><a href=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/foto6879-scaled.jpg\" data-slb-active=\"1\" data-slb-asset=\"1037594524\" data-slb-internal=\"0\" data-slb-group=\"39358\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-39363\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/foto6879-300x169.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/foto6879-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/foto6879-1024x575.jpg 1024w\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"169\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-39363\" class=\"wp-caption-text\">Escrache im Prenzlauer Berg \u2013 Protestaktion gegen den straflos in Berlin lebenden Kyburg \/ Foto: Ute L\u00f6hning<\/figcaption><\/figure>\n<p>2015 leitete die Generalstaatsanwaltschaft Berlin eigenst\u00e4ndige Ermittlungen gegen Kyburg wegen Beteiligung an Mord ein. Vielleicht nehmen diese etwas Fahrt auf, seit dessen Aufenthalt in Berlin durch die Recherchen eines argentinischen Journalisten und eine <a href=\"https:\/\/www.npla.de\/thema\/memoria-justicia\/protest-gegen-deutsch-argentinischen-ex-militaer-kyburg-in-berlin\/\">Demonstration durch Kyburgs Wohngegend im Berliner Prenzlauer Berg 2020<\/a> auch \u00f6ffentlich bekannt wurde. Der Leiter der zust\u00e4ndigen Abteilung bei der Generalstaatsanwaltschaft Berlin Dirk Feuerberg best\u00e4tigte zumindest Vernehmungen von Gesch\u00e4digten in Spanien und Skandinavien. Weitere Vernehmungen in Argentinien w\u00fcrden in enger und vertrauensvoller Zusammenarbeit mit der dortigen Justiz derzeit vorbereitet, sagt er.<\/p>\n<p><strong>Baldige Anklage gegen Kyburg in Deutschland scheint m\u00f6glich<\/strong><\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich gehe es nicht nur um den Nachweis einzelner Tathandlungen, sondern um die Einbindung in eine Organisationsstruktur, erkl\u00e4rt Feuerberg. Da habe sich die Rechtssprechung in den letzten Jahren aufgrund von Urteilen zu Taten aus der Zeit des Nationalsozialismus sehr ge\u00e4ndert: Wenn f\u00fcr den oder die Angeklagten \u201eerkennbar war, dass der Beitrag den man dort erbringt, der vielleicht allgemeiner Natur war, also das Besetzen eines Wachpostens o.\u00e4., dazu beitr\u00e4gt, dass Menschen in gro\u00dfem Ma\u00dfstab gefoltert und ermordet werden, dann reicht der Nachweis der Einbindung in diese Struktur\u201c, so Feuerberg.<\/p>\n<p>Andreas Sch\u00fcller, beim ECCHR verantwortlich f\u00fcr V\u00f6lkerstrafrecht, erwartet \u201eden z\u00fcgigen Abschluss der Ermittlungen und eine baldige Anklageerhebung gegen Kyburg\u201c. Dann k\u00f6nnten auch die Hinterbliebenen wie Anah\u00ed Marocchi als Nebenkl\u00e4ger*innen mit Fragen und Antr\u00e4gen dazu beizutragen, vielleicht Neues zum Schicksal der Verschwundenen zu erfahren.<\/p>\n<p><strong>\u201eVor allem aber geht es um die Zukunft\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Das erwartet auch Omar Marocchis Schwester Anah\u00ed: \u201eEs geht um meinen Bruder und um alle anderen\u201c, sagt sie. Die Angeh\u00f6rigen m\u00fcssten wissen, was geschehen ist, denn der Schmerz der Ungewissheit begleite und qu\u00e4le sie ihr Leben lang. \u201eVor allem aber geht es um die Zukunft\u201c, sagt sie und bezieht sich dabei auf die deutsche und die argentinische Gesellschaft, denn: \u201ediese schrecklichen Taten d\u00fcrfen nicht straflos bleiben, damit sie sich niemals wiederholen\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Die Ausstellung \u201eLe\u00f3n Ferrari \u2013 Reproducing Them Infinitely\u201c ist noch<strong> bis zum 25. September 2021<\/strong> in der Galerie neurotitan zu sehen: <\/em><em>Dienstag bis Sonntag 12:00 bis 18:00 Uhr in der <\/em><em>Rosenthaler Stra\u00dfe 39, 10178 Berlin <\/em><em>(in Kooperation mit der Fundaci\u00f3n Augusto y Le\u00f3n Ferrari Arte y Acervo)<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/programme.neurotitan.de\/leon-ferrari\/\">Mehr Informationen<\/a> zur Ausstellung und zu den auf dem Wandbild portraitierten Verschwundenen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem trubeligen Hinterhof am Berliner Hackeschen Markt prangt zwischen vielen Caf\u00e9s und direkt neben dem \u201eAnne Frank Zentrum\u201c ein frisch erstelltes Wandbild. \u201eLebend wurden sie uns genommen, lebend wollen wir sie zur\u00fcck!\u201c \u2013 ist in Spanisch, Englisch und 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