{"id":1418961,"date":"2021-08-25T06:11:42","date_gmt":"2021-08-25T05:11:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1418961"},"modified":"2021-08-25T06:11:42","modified_gmt":"2021-08-25T05:11:42","slug":"arbeitslosengeld-zum-leben-zu-wenig-zum-sterben-zu-viel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/08\/arbeitslosengeld-zum-leben-zu-wenig-zum-sterben-zu-viel\/","title":{"rendered":"Arbeitslosengeld: Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel"},"content":{"rendered":"<p><b>Mit der Corona-Pandemie und der gestiegenen Arbeitslosigkeit ist das Arbeitslosengeld ins Visier der \u00d6ffentlichkeit gerutscht. F\u00fcr \u201edie schwarze Reichsh\u00e4lfte\u201c ist es zu hoch, f\u00fcr progressive Kr\u00e4fte zu niedrig.<\/b><span id=\"more-22355\"><\/span><\/p>\n<p><i>Ein Gastbeitrag von Josef Stingl<\/i><\/p>\n<p>Um das schwarz-t\u00fcrkise \u201esozialpolitische Leuchtturmprojekt\u201d des degressiven Arbeitslosengeldes leichter durchsetzen zu k\u00f6nnen, setzen sie auf Diskreditieren, Diskreditieren und Diskreditieren. Denn w\u00e4hrend der Wirtschaft angeblich die Fachkr\u00e4fte ausgehen, w\u00fcrden zumindest die Langzeitarbeitslosen ihrer Faulheit fr\u00f6nen und sich in der sozialen H\u00e4ngematte vergn\u00fcgen.<\/p>\n<p>Sozialdemokratie, Gewerkschaft, aber auch KP\u00d6 und\u00a0Gewerkschaftlicher Linksblock (GLB) sehen das naturgem\u00e4\u00df anders, denn mit der Nettoersatzrate von rund 55 Prozent des letzten vollen Jahreseinkommens liegt \u00d6sterreich am unteren Ende des Europarankings. Es sei l\u00e4ngst an der Zeit, diese Ersatzrate kr\u00e4ftig anzuheben. Auf 70 Prozent wie es SP\u00d6 und \u00d6GB oder gar auf 80 Prozent, wie es KP\u00d6 und GLB seit geraumer Zeit verlangen. Zu erw\u00e4hnen ist in diesem Zusammenhang eine Initiative von zahlreichen Pers\u00f6nlichkeiten aus Kultur, Sozialorganisation und Politik, die als Proponent*innen des<a href=\"https:\/\/www.arbeitslosengeld-rauf.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00a0Volksbegehren Arbeitslosengeld rauf<\/a>\u00a0firmieren.<\/p>\n<p>Weniger klar ist die Haltung der\u00a0Gr\u00fcnen. Auch bei ihnen gibt es zahlreiche Vertreter*innen f\u00fcr eine lineare Erh\u00f6hung des Arbeitslosengeldes auf 70 bis 80 Prozent des Aktivbezuges. Nur, zumindest ihr Parteichef und \u201eListenf\u00fchrer des parlamentarischen gr\u00fcnen \u00d6kobundes der \u00d6VP\u201c, Werner Kogler, lie\u00df die \u00d6ffentlichkeit schon 2020 wissen, dass er eigentlich ein Fan eines degressiven Modells sei:<i>\u00a0<\/i><\/p>\n<blockquote><p><i>\u201eWir wollen schon l\u00e4nger \u2013 und ich denke die \u00d6VP auch \u2013 eine sogenannte degressive Variante, wo man am Anfang mehr bekommt und sp\u00e4ter weniger.\u201c (<\/i><a href=\"https:\/\/kurier.at\/politik\/inland\/spoe-kritisiert-koglers-plaene-fuer-arbeitslosengeldreform\/400975787\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kurier<\/a><i>)<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Wenig vertrauensvoll auch die Stellungnahme des gr\u00fcnen Sozialsprechers Markus Koza. Sein Sager,<\/p>\n<blockquote><p><i>\u201eWer meint, in Zeiten der Krise, in denen ein Arbeitsplatzangebot auf f\u00fcnf arbeitslose Menschen kommt, mit rein ideologiebegr\u00fcndeten Bestrafungsfantasien irgendein Problem l\u00f6sen zu k\u00f6nnen, macht keine ernstzunehmende Politik\u201c (<\/i><a href=\"https:\/\/www.ots.at\/presseaussendung\/OTS_20210507_OTS0184\/koza-kuerzung-des-arbeitslosengeldes-und-rohrstaberlpolitik-gegen-arbeitslose-menschen-wird-es-mit-gruenen-nicht-geben\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">OTS-Meldung der Gr\u00fcnen<\/a><i>),<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>impliziert (gewollt oder ungewollt?), dass nach Bew\u00e4ltigung der Corona-Krise durchaus \u00fcber Bestrafungsfantasien nachgedacht werden darf.<\/p>\n<h4><b>Doch wer hat nun eigentlich recht?<\/b><\/h4>\n<p>Zur Beantwortung dieser Frage lohnt ein kurzer Blick auf die neueste\u00a0<a href=\"https:\/\/www.oegb.at\/themen\/arbeitsmarkt\/arbeitslosigkeit\/neue-studie--90-prozent-der-arbeitslosen-sind-arm-?fbclid=IwAR3m14Cr2Kx2gVbpzMZDOPuQSbrsU1Fq8_rqBWSdTG2U78t768ubKATc0q0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00d6GB-Studie<\/a>. Die vom SORA-Institut erhobenen Daten sind zum Fremdsch\u00e4men:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>97 Prozent<\/strong>\u00a0der Befragten m\u00fcssen \u2013 seit sie ihren Job verloren haben \u2013 mit\u00a0<strong>unter 1.400 Euro\u00a0<\/strong>netto im Monat auskommen.<\/li>\n<li>Rund\u00a0<strong>neun von zehn Befragten<\/strong>\u00a0befinden sich mit\u00a0<strong>unter 1.200 Euro<\/strong>\u00a0monatlichem Einkommen sogar deutlich unter der Armutsgrenze.<\/li>\n<li>Fast alle Arbeitslosen leben somit an oder unter der\u00a0<strong>Armutsgrenze<\/strong>, die in \u00d6sterreich 2021 f\u00fcr einen Ein-Personen-Haushalt bei 1.328 Euro liegt.<\/li>\n<li><strong>Frauen ohne Job sind besonders gef\u00e4hrdet:<\/strong>\u00a0F\u00fcnf von zehn Frauen ohne Kind bekommen laut Studie ein Arbeitslosengeld von maximal 800 Euro pro Monat. Bei M\u00e4nnern ohne Kind sind es drei von zehn. Noch deutlicher f\u00e4llt der Unterschied bei Eltern aus: W\u00e4hrend 55 Prozent aller M\u00fctter maximal 800 Euro erhalten, sind es bei den V\u00e4tern 14 Prozent.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die nackten Fakten zeigen: Von \u201cin der sozialen H\u00e4ngematte faulfeiern\u201c sind wir meilenweit entfernt. Fast alle als arbeitslos gemeldeten Frauen und M\u00e4nner haben massive Existenzsorgen und k\u00e4mpfen mit einem mit Armut oft verbundenen Gesellschaftsausschluss. Denn wer kann sich schon mit dem paar Kr\u00f6ten \u201eden Luxus\u201c der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben leisten?<\/p>\n<p>Aber auch das ist nur die eine Seite der Medaille, denn die niedrige Ersatzrate ist nur ein Grund der niedrigen Arbeitslosengelder. Genauso existenzhemmend wirken sich das vorangegangene Realeinkommen aus. W\u00e4ren n\u00e4mlich Mindestl\u00f6hne und -geh\u00e4lter h\u00f6her, w\u00e4ren dies auch die Arbeitslosengelder. Daher bedarf es neben der berechtigten Forderung nach der Erh\u00f6hung des Arbeitslosenengeldes auch die Forderung nach h\u00f6heren Mindestl\u00f6hnen.<\/p>\n<p>Eine neue Idee der Sozialdemokratie ist, dass das AMS in erster Linie nur mehr Arbeitspl\u00e4tze mit einem Bruttolohn ab 1.700 Euro pro Monat (Vollzeit) vermittelt. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, aber warum dann nicht gleich einen gesetzlich festgelegten Einkommensmindestwert, und diesen steuerfrei und zumindest indexgesichert?<\/p>\n<hr \/>\n<p><i>Josef Stingl ist leidenschaftlicher Linksgewerkschafter, der im Ruhestand keine Ruhe gibt<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Corona-Pandemie und der gestiegenen Arbeitslosigkeit ist das Arbeitslosengeld ins Visier der \u00d6ffentlichkeit gerutscht. F\u00fcr \u201edie schwarze Reichsh\u00e4lfte\u201c ist es zu hoch, f\u00fcr progressive Kr\u00e4fte zu niedrig. 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