{"id":1412342,"date":"2021-08-12T06:30:15","date_gmt":"2021-08-12T05:30:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1412342"},"modified":"2021-08-12T06:30:15","modified_gmt":"2021-08-12T05:30:15","slug":"politische-poesie-aus-dem-gefaengnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/08\/politische-poesie-aus-dem-gefaengnis\/","title":{"rendered":"Politische Poesie aus dem Gef\u00e4ngnis"},"content":{"rendered":"<p><strong>Aus der Haft betrachtet Rosa Luxemburg die Welt, die Kultur und die Menschheit. Rosa Luxemburg: Briefe aus dem Gef\u00e4ngnis<\/strong><\/p>\n<article>Auf einem Poster in meiner K\u00fcche steht gross abgedruckt: \u201eDie Revolution ist grossartig, alles andere ist Quark!\u201c Abgebildet ist die 1871 geborene Politikerin, Humanistin, Antimilitaristin und scharfe Kritikerin des Zeitgeschehens Rosa Luxemburg. \u00c4hnlich oft genutzt wie Luxemburgs Ausspruch zur Revolution ist wahrscheinlich nur ihr Diktum \u201eFreiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden\u201c, das immer wieder interpretiert und manchmal auch wenig auf den Kontext bezogen aufgegriffen wird. Ob diese Aussage Luxemburgs nun als Absage an die Demokratie interpretiert oder als Aufruf zur Reflexion der Bedingungen des eigenen Demokratieverst\u00e4ndnisses und Katalysator f\u00fcr Revolutionen der j\u00fcngeren Zeit verstanden werden muss, bleibt hier zun\u00e4chst dahingestellt. Die \u00dcberlegungen zur Freiheit der Andersdenkenden fallen jedoch auch in die Phase, in der auch die hier besprochenen Briefe Luxemburgs zu verorten sind: Die Briefe aus dem Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<h3>Vogelstimmen, Schmetterlinge und menschliche Degradation<\/h3>\n<p>Die genannten Briefe verfasste Rosa Luxemburg im Zeitraum von 1916 bis 1918. Zu dieser Zeit war sie zun\u00e4chst in Berlin, dann in Wronke, sp\u00e4ter in Breslau interniert; zynisch wurde ihre Gefangenschaft und Isolation \u201eSchutzhaft\u201c genannt. Faktisch sollte die radikale Politikerin aus der Diskussion ausgeschlossen werden. Luxemburg war abgeschnitten. B\u00fcchersendungen und Briefe wurden kontrolliert und unterlagen der Zensur.<\/p>\n<p>Dennoch korrespondierte sie mit Freund*innen und politischen Weggef\u00e4hrt*innen und beteiligte sich auch an der politischen Diskussion mit Texten, die weitaus mehr politische Sprengkraft hatten, als ihre Briefe vermuten lassen. Der hier besprochene Band, der unter dem Titel \u201eBriefe aus dem Gef\u00e4ngnis\u201c immer wieder ver\u00f6ffentlicht wurde, versammelt Luxemburgs Briefe an Sonja Liebknecht. Sie war die Frau des sich zu dieser Zeit ebenfalls in Gefangenschaft befindlichen Karl Liebknecht, einem engen Vertrauten von Rosa Luxemburg, der wie sie 1919 ermordet wurde.<\/p>\n<p>Wer den Namen Rosa Luxemburg in die Suchmaschinen des Internets eintippt, findet zumeist politische Statements, agitatorische Aufrufe, schneidende Analysen und Kritik der politischen Kontrahent*innen, die nicht selten mit einer H\u00e4rte vorgetragen werden, dass sie zun\u00e4chst abschreckend wirken m\u00f6gen. In den Briefen taucht nun aber eine Rosa Luxemburg auf, die nicht ausschliesslich \u00fcber den politischen Widerstand und den Kampf schreibt.<\/p>\n<p>Stattdessen tauscht sie sich mit der j\u00fcngeren Sonja Liebknecht, um die sie sich sichtlich sorgt, \u00fcber Literatur, die Familie, Naturbetrachtung, Musik, gemeinsame Erfahrungen und auch Geologie aus. Das \u201eGesch\u00e4ftliche\u201c (S. 60) \u2013 von Luxemburg selbst in Anf\u00fchrungszeichen gesetzt \u2013 bleibt oftmals aussen vor. Es weicht der Beschreibung des eigenen kleinen, selbst angelegten Gartens im Gef\u00e4ngnis in Wronke, der Diskussion von Vogelstimmen, dem Bericht von einem gefundenen und versorgten Schmetterling und der alles umfassenden Sorge um Sonja Liebknecht.<\/p>\n<p>Die Briefe Luxemburgs aus dem Gef\u00e4ngnis transportieren beides: Sie dr\u00fccken zum einen eine grundlegend positive Beziehung zur Welt aus. Auch dort, wo Rosa Luxemburg eingesperrt ist, findet sie Raum, die Sch\u00f6nheit der Natur zu sehen, sich zu bilden und sogar zu arbeiten. So wird eine Seite der Politikerin sichtbar, die in anderen Texten in den Hintergrund gedr\u00e4ngt wird, obwohl sie \u2013 wie die Publikation von Luxemburgs Herbarium belegt \u2013 einen grossen Teil ihrer Pers\u00f6nlichkeit ausmacht: die der mitf\u00fchlenden Revolution\u00e4rin. Rosa Luxemburg romantisiert indes die Natur nicht, obgleich sie diese wertsch\u00e4tzt:<\/p>\n<p>\u201eSie wissen, ich werde trotzdem hoffentlich auf dem Posten sterben: in einer Strassenschlacht oder im Zuchthaus. Aber mein innerstes Ich geh\u00f6rt mehr meinen Kohlmeisen als den \u201aGenossen\u2018. Und nicht etwa, weil ich in der Natur, wie so viele innerlich bankrotte Politiker, ein Refugium, ein Ausruhen finde. Im Gegenteil, ich finde auch in der Natur auf Schritt und Tritt so viel Grausames, dass ich sehr leide.\u201c (S. 40)<\/p>\n<p>Ihre Briefe k\u00f6nnen somit nicht als Verherrlichung der isolierten Haft verstanden werden, welche die kontemplative Naturbetrachtung erm\u00f6glicht. Sie sind nicht ausschliesslich positiv und zeigen keineswegs eine unverwundbare Luxemburg, denn sie transportieren zum anderen auch eine realistische, die eigene Verletzbarkeit ber\u00fccksichtigende Perspektive. Auch Rosa Luxemburg leidet \u2013 und dieses Leiden l\u00e4sst sie beredt werden. So berichtet sie davon, dass auch sie sich im Gef\u00e4ngnis eingesperrt f\u00fchlt und ihre eigene Position und ihre eigenen Wahrnehmungen in der Isolation als falsch empfindet:<\/p>\n<p>\u201e\u00dcberhaupt gibt es Tage, wo ich die Empfindung habe, alles, was ich tue und sage, sei verkehrt, sogar mein harmloses Geplapper \u00fcber die V\u00f6gel sei ein Verbrechen. Ach, ich weiss gar nichts mehr, ich verstehe nichts, nichts, als dass ich leide.\u201c (S. 62)<\/p>\n<p>Auch Rosa Luxemburg macht die Isolation zu schaffen. Sie berichtet auch von ihrer Begegnung mit anderen Gefangenen, denen sie ausweicht:<\/p>\n<p>\u201eUnd ich hefte krampfhaft meine Blicke beim Wandeln auf die grauen Pflastersteine, um dem Anblick der im Hofe besch\u00e4ftigten Gefangenen zu entgehen, die mir stets in ihrer diffamierenden Tracht eine Pein sind und unter denen sich immer ein paar finden, bei denen Alter, Geschlecht, individuelle Z\u00fcge unter dem Stempel der menschlichen Degradation verwischt sind, die aber gerade durch einen schmerzlichen Magnetismus immer wieder meine Blicke anziehen.\u201c (S. 74)<\/p>\n<p>Die Briefe aus dem Gef\u00e4ngnis sind beides. Sie sind Bericht \u00fcber das Leben einer widerst\u00e4ndigen Frau im Gef\u00e4ngnis, die trotz alledem im Lebensrausch ist, wie die k\u00fcrzlich verstorbene Luxemburg-Biografin Annelies Laschitza ihr grosses Buch \u00fcber Luxemburg (2000) betitelte. Zugleich sind sie Reflexion auf die Tendenzen zur Entmenschlichung, die eine Gefangenschaft mit sich bringt. In diesem Spannungsverh\u00e4ltnis bewegen sich die Briefe jederzeit \u2013 Luxemburg heute zu lesen bedeutet, die Spannungen nachzuvollziehen, auszuhalten und mit Luxemburg einen ganz pers\u00f6nlichen Einblick in den gar nicht so allt\u00e4glichen Alltag im Gef\u00e4ngnis zu erhalten<\/p>\n<h3>Und nun? Warum Rosa Luxemburg lesen?<\/h3>\n<p>Die im Band versammelten Briefe von Rosa Luxemburg an Sonja Liebknecht vermitteln einen Eindruck der Zeit Luxemburgs im Gef\u00e4ngnis. Obgleich sie schon als Zeitdokument h\u00f6chst interessant sind, bieten sie zugleich noch viel mehr. Sie weisen darauf hin, wie Luxemburg weitergedacht werden kann und liefern politisch denkenden Menschen und Aktivist*innen Anregungen daf\u00fcr, die eigene Position zu reflektieren.<\/p>\n<p>Luxemburg spricht sich im Angesicht ihrer eigenen Gefangenschaft f\u00fcr eine gelassene Haltung aus: \u201eMan muss alles im gesellschaftlichen Geschehen wie im Privatleben nehmen: ruhig, grossz\u00fcgig und mit einem milden L\u00e4cheln.\u201c (S. 90f.) Freilich bedeutet dies nicht, eine distanzierte Beziehung zur Welt einzunehmen. Denn aus der Beziehung zur Welt, die sowohl in Luxemburgs detailreicher Beschreibung der Natur als auch in den Berichten zu ihren Lesefr\u00fcchten und den Erlebnissen im Gef\u00e4ngnis sichtbar wird, k\u00f6nnen Menschen sich schlicht nicht l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Die Beziehung ist vorhanden und es gilt sie zu bejahen und zu ver\u00e4ndern. Abgesehen von altbackenen Interpretationen konservativer Vertreter der politischen Theorie verschaffen sich aktuell zahlreiche feministische und postkoloniale Stimmen mit deutlichem Bezug auf Luxemburg Geh\u00f6r. So wird in Dana Mills (2020) neuem Buch zu Rosa Luxemburg ein facettenreiches Bild gezeichnet, das Luxemburg als widerspr\u00fcchliche und zugleich m\u00e4chtige Referenz f\u00fcr politische K\u00e4mpfe im Globalen S\u00fcden ausweist. Best\u00e4tigt wird diese Aktualit\u00e4t auch durch Versuche, Luxemburgs \u00dcberlegungen f\u00fcr die postkoloniale Theoriebildung anschlussf\u00e4hig zu machen. In jedem Fall erscheint es \u00fcberkommen, ihre theoretischen \u00dcberlegungen als unsystematisch, einseitig und wenig relevant zu markieren.<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg, die am 15. Januar 1919 ermordet wurde, hat Leser*innen und Aktivist*innen noch genau so viel zu sagen wie vor nun schon \u00fcber hundert Jahren. Die Frage ist, was wir aus Luxemburgs Werk machen und wie es uns inspirieren kann. Dass definitiv viele weitere Bedeutungsfragmente bei Luxemburg, angeregt durch die heutigen politischen Erfahrungen, erschlossen werden k\u00f6nnen, sollte klar sein. Luxemburg lesen ist ein Erlebnis. Ihre Texte regen zum Widerspruch an, sind gleichsam aber auch zug\u00e4nglich und in den Briefen menschlich und pers\u00f6nlich. Sie k\u00f6nnen so als Anregung dienen, auch im Angesicht der \u00fcberw\u00e4ltigenden Komplexit\u00e4t der Welt das Gute zu sehen, das sich im Schlechten verbirgt. Das ist spannungshaft, aber was ist das schon nicht.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\" style=\"text-align: right;\">Sebastian Engelmann<br \/>\n<a class=\"author_link\" href=\"https:\/\/kritisch-lesen.de\/rezension\/politische-poesie-aus-dem-gefangnis\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">kritisch-lesen.de<\/a><\/p>\n<p>Rosa Luxemburg: Briefe aus dem Gef\u00e4ngnis. Karl Dietz Verlag, Berlin. 136 Seiten, ca. SFr 15.00, ISBN 978-3-320-02359-1<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus der Haft betrachtet Rosa Luxemburg die Welt, die Kultur und die Menschheit. 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