{"id":1403249,"date":"2021-07-21T13:59:18","date_gmt":"2021-07-21T12:59:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1403249"},"modified":"2021-07-22T07:25:40","modified_gmt":"2021-07-22T06:25:40","slug":"ungesuehntes-ss-verbrechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/07\/ungesuehntes-ss-verbrechen\/","title":{"rendered":"Unges\u00fchntes SS-Verbrechen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die J\u00fcngste war f\u00fcnf, der \u00c4lteste zw\u00f6lf Jahre alt: Am 20. April 1945, kurz vor Kriegsende, erh\u00e4ngten Nazi-Schergen im Keller der Hamburger Schule am Bullenhuser Damm zwanzig j\u00fcdische Kinder. Zuvor hatte man sie f\u00fcr medizinische Versuche missbraucht. Einer der T\u00e4ter: der SS-Mann Arnold Strippel. <\/strong><strong>In mehreren Konzentrationslagern hat er eine Blutspur hinterlassen, doch vor der Nachkriegs-Justiz musste er sich nicht f\u00fcrchten. Er bekam sogar eine Haftentsch\u00e4digung von 121 500 Mark.<\/strong><\/p>\n<p><em>Spurensuche von Helmut Ortner<\/em><\/p>\n<p>Die sechs M\u00e4nner kommen am helllichten Tag. Unbemerkt dringen sie in das Treppenhaus ein. Die Vorbereitungen f\u00fcr eine geplante Ruhest\u00f6rung beginnen: Flurw\u00e4nde werden mit Parolen bespr\u00fcht, Flugbl\u00e4tter verstreut, Scheiben zertr\u00fcmmert. Erregte Hausbewohner st\u00fcrmen aus ihren Wohnungen. Es kommt zu heftigen Wortgefechten mit den Eindringlingen. Vor dem Haus bleiben die ersten Passanten stehen.<\/p>\n<p>\u00bbStrippel \u2013 freier \u2013 Kinderhenker!\u00ab, skandiert die kleine Demonstranten-Gruppe. Der Mann, dessen Name immer wieder und immer lauter gerufen wird, steht unbeweglich hinter den Gardinen im zweiten Stock und beobachtet die Szene. Arnold Strippel, den viele Nachbarn als den ruhigen \u00e4lteren Herrn aus der Talstra\u00dfe hier im Frankfurter Vorort Kalbach kennen, ist wieder einmal von seiner Vergangenheit eingeholt worden. Aus Emp\u00f6rung dar\u00fcber, dass sich der Mann, der f\u00fcr die Ermordung von zwanzig j\u00fcdischen Kindern verantwortlich ist, an denen im Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg zuvor Menschenversuche unternommen worden waren, noch immer in Freiheit befindet, ist die Gruppe franz\u00f6sischer Juden nach Frankfurt gefahren. Ihre Aktion haben sie lange vorbereitet. Auf Flugbl\u00e4ttern, die sie in den Briefk\u00e4sten der umliegenden H\u00e4user werfen, ist die Rede von einer \u00bblangen Blutspur\u00ab, die der ehemalige KZ-Mann Arnold Strippel in Buchenwald, Ravensbr\u00fcck, Majdanek und Peenem\u00fcnde hinter sich lie\u00df. \u00bbStrippel, M\u00f6rder!\u00ab, rufen die Demonstranten auch jetzt, als aufgebrachte Nachbarn beginnen, handgreiflich zu werden. Nach heftigen Diskussionen und gegenseitigen Beschuldigungen werden die Demonstranten festgenommen, abtransportiert, und dem Haftrichter vorgef\u00fchrt. Ihr Ziel haben sie trotz der Verhaftung erreicht: Am n\u00e4chsten Tag berichtet alle Frankfurter Tageszeitungen \u00fcber die Aktion gegen den ehemaligen SS-Mann.<\/p>\n<p>Und danach? Die Staatsanwaltschaft wird wegen Hausfriedensbruch ermitteln, denn nicht nur Strippel, auch seine Nachbarn haben Strafanzeige gegen die j\u00fcdischen Demonstranten erstattet. Wenige Tage sp\u00e4ter sind die demolierten Fenster wieder ersetzt, die Parolen \u2013 und damit die Erinnerung an die unbequeme Vergangenheit \u2013 wieder von den Flurw\u00e4nden gewischt. Ist das ein Problem f\u00fcr die Nachbarn? \u00bbNee, das ist hier kein Thema &#8230; Aggressionen oder so etwas gegen den Mann \u2013 nein, die gibt\u2019s hier nicht\u00ab, verr\u00e4t mir der Postbote. Dass der ehemalige SS-Mann f\u00fcr seine Kalbacher Nachbarn ein durchaus ehrenwerter B\u00fcrger ist, zeigt mir die Reaktion eines \u00e4lteren Mannes, der mir unwirsch zuruft, \u00bbk\u00f6nne Sie den Mann net in Ruh\u2018 lasse? \u00abWer ist dieser Mann, \u00fcber den hier kaum einer reden will, \u00fcber dessen Vergangenheit sich niemand entr\u00fcstet und dessen Nachbarschaft sich hier keiner sch\u00e4mt?<\/p>\n<h4><strong>Beginn einer blutigen T\u00e4ter-Karriere<\/strong><\/h4>\n<p>\u00bbIch Arnold Strippel, wurde als zweiter Sohn des Landwirts Friedrich Strippel und dessen Ehefrau Martha, geb. Wald, am 4. Juni 1911 in Unshausen, Bezirk Kassel, geboren\u00ab, schreibt er in seinem Lebenslauf f\u00fcr das \u00bbRasse- und Siedlungshauptamt SS\u00ab. Und weiter: \u00bbVom 6. bis zum 14. Lebensjahre besuchte ich die Volksschule dortselbst. Nach meiner Schulentlassung erlernte ich das Handwerk der Zimmerer. Auch nach bestandener Gesellenpr\u00fcfung, welche ich nach 3-j\u00e4hriger Lehrzeit ablegte, blieb ich weiterhin bei meinem Lehrmeister und war sp\u00e4ter, als das Baugesch\u00e4ft daniederlag, in der Landwirtschaft meiner Eltern t\u00e4tig. Im Fr\u00fchjahr 1934 bewarb ich mich um die Einstellung in die aktive SS.\u00ab<\/p>\n<p>Arnold Strippel wird angenommen. \u00c4u\u00dferlich und innerlich entspricht er den Anforderungen dieses Blutordens: ein blonder germanischer Recke von 1,85 Metern, der nach dem allgemeinen Untersuchungsbefund der SS- \u00c4rzte sowohl \u00bbstraff-aufgerichtet\u00ab als auch \u00bbnordisch\u00ab ist. Im Oktober 1934 beginnt Strippel bei der Wachgruppe des Konzentrationslagers Sachsenberg seinen Dienst. Es ist der Beginn einer blutigen SS-Karriere. Es wird nur wenige Konzentrationslager geben, die er in den n\u00e4chsten Jahren nicht betreten wird. Schon vier Jahre sp\u00e4ter ist er Rapportf\u00fchrer im Konzentrationslager Buchenwald. Eine seiner Aufgaben ist die Bestrafung der Lagerh\u00e4ftlinge.<\/p>\n<div id=\"attachment_1403278\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1403278\" class=\"wp-image-1403278\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/SS-Lagerausweis_von_Arnold_Strippel.jpg\" alt=\"Unges\u00fchntes SS-Verbrechen\" width=\"822\" height=\"616\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/SS-Lagerausweis_von_Arnold_Strippel.jpg 525w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/SS-Lagerausweis_von_Arnold_Strippel-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 822px) 100vw, 822px\" \/><p id=\"caption-attachment-1403278\" class=\"wp-caption-text\"><em>SS-Lagerausweis von Arnold Strippel, 4. April 1935. (Bild: BArch, BDC\/RS, Strippel, Arnold, 2.6.1911) <\/em><\/p><\/div>\n<p>Strippel ist unter den Lagerinsassen gef\u00fcrchtet. Er gilt als besonders brutal, als \u00fcbler Schl\u00e4ger und Peiniger. Sp\u00e4ter wird ein Zeuge vor Gericht \u00fcber ihn sagen: \u00bbStrippel war ein Mann, der den gr\u00f6\u00dften Wert darauflegte, hundertprozentig seine Aufgaben zu erf\u00fcllen. Ich habe ihn wiederholt und mit Lust pr\u00fcgeln sehen &#8230; er trat Leuten mit den Stiefeln ins Ges\u00e4\u00df oder schlug sie mit der Faust oder einem Kn\u00fcppel ins Gesicht.\u00ab Ab Juni 1942 hinterl\u00e4sst er seine blutige Spur im Vernichtungslager Majdanek, wo er rasch zum Untersturmf\u00fchrer bef\u00f6rdert wird. Nun folgen das KZ Ravensbr\u00fcck, das Arbeitslager Peenem\u00fcnde, das KZ Vught in Holland. Nach einer kurzen Zwischenstation im KZ Dr\u00fctte wird er noch einmal bef\u00f6rdert: als SS-Obersturmf\u00fchrer \u00fcbernimmt er das Kommando f\u00fcr s\u00e4mtliche Hamburger Au\u00dfenlager des Konzentrationslagers Neuengamme. In einem der ihm unterstellten Au\u00dfenlager, im Keller einer ehemaligen Schule am Bullenhuser Damm, werden in der Nacht vom 20. auf den 21. April 1945 \u2013 wenige Tage vor Kriegsende \u2013 20 j\u00fcdische Kinder bestialisch ermordet.<\/p>\n<p>Der Hintergrund: Das SS Arzt Kurt Heissmeyer wollte eine Professur erhalten. Dazu musste er originelle Forschungsergebnisse pr\u00e4sentieren. Obwohl zuvor widerlegt, war seine Hypothese, dass die Injektion von lebenden Tuberkulose Bazillen in Probanden w\u00fcrden als Impfstoff wirken. Eine weitere Komponente seiner Experimente basierte auf der pseudowissenschaftlichen Rassentheorie der Nazis, wonach die Rasse einen Faktor bei der Entwicklung der Tuberkulose spielte.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst wurden medizinischen Experimente an H\u00e4ftlingen aus der Sowjetunion und anderen L\u00e4ndern im Konzentrationslager Neuengamme durchgef\u00fchrt. Dann wurden die Experimente auf Juden ausgedehnt. Daf\u00fcr entschied sich Heissmeyer f\u00fcr j\u00fcdische Kinder. Zwanzig j\u00fcdische Kinder (10 Jungen und 10 M\u00e4dchen) aus Auschwitz Konzentrationslager wurden von Josef Mengele ausgew\u00e4hlt und nach Neuengamme geschickt. Mengele fragte die Kinder angeblich: &#8222;Wer will ihre Mutter besuchen?&#8220; Die Kinder wurden von vier weiblichen Gefangenen nach Neuengamme begleitet. Zwei waren polnische Krankenschwestern und eine ungarische Apothekerin. Sie wurden bei ihrer Ankunft in Neuengamme get\u00f6tet. Die vierte Frau, die in Polen geborene J\u00fcdin Paula Trocki, war \u00c4rztin. Sie \u00fcberlebte den Krieg und gab sp\u00e4ter in Jerusalem Zeugnis dar\u00fcber, was sie gesehen hatte:<\/p>\n<p>Der Transport wurde von einer SS-Wache begleitet. Es gab 20 Kinder, eine \u00c4rztin, drei Krankenschwestern. Der Transport erfolgte in einem separaten Wagen, der in einem normalen Zug gekoppelt war. Auf diese Weise pr\u00e4sentiert, schien es sich um eine gew\u00f6hnliche Kutsche zu handeln. Wir mussten die Sterne Davids abnehmen, damit wir keine Aufmerksamkeit erregen. Um zu verhindern, dass sich Menschen uns n\u00e4hern, sagten sie, es handele sich um einen Transport von Menschen mit Typhus &#8230; Das Essen war ausgezeichnet; Auf dieser Reise bekamen wir Schokolade und Milch. Nach einer zweit\u00e4gigen Reise kamen wir um zehn Uhr nachts in Neuengamme an.<\/p>\n<p>Die Kinder wurden mit einem Lastwagen zur Bullenhuser Damm Schule im Hamburger Vorort Rothenburgsort gebracht und nach der Ankunft in den Keller gef\u00fchrt. Laut einer sp\u00e4teren Aussage eines SS-Mannes setzten sich die Kinder &#8222;ringsum auf die B\u00e4nke und waren fr\u00f6hlich und froh, dass sie einmal aus Neuengamme herausgelassen worden waren. Die Kinder waren v\u00f6llig ahnungslos.&#8220; Sie mussten sich dann ausziehen und bekamen ein Morphium-Spritze. In einem angrenzenden Raum wurden sie erh\u00e4ngt. \u00dcberwacht wurde die Hinrichtung von SS-Obersturmf\u00fchrer Arnold Strippel. Das erste Kind, das geh\u00e4ngt wurde, war so leicht, dass sich die Schlinge nicht festzog.<\/p>\n<p>Als die Truppen der Alliierten immer n\u00e4her an Hamburg heranr\u00fcckten, sollten alle Spuren vertuscht werden. So wurden auch 28 erwachsene H\u00e4ftlinge, die als Betreuer der Kinder eingesetzt und deshalb Mitwisser waren, in einem ebenfalls Strippel unterstehenden Au\u00dfenlager ermordet. Danach ziehen die T\u00e4ter ihre Blutuniform aus. Sie tauchten unter. Auch Strippel.<\/p>\n<h4><strong>Nur seine Pflicht erf\u00fcllt \u2013 sonst nichts<\/strong><\/h4>\n<p>Am 31. Mai 1946 erhebt der englische Brigadier H. Shapcott vor dem Milit\u00e4rgericht im Hamburger Curiohaus Anklage gegen ihn und zwei weitere SS-T\u00e4ter wegen<em> \u00bbkilling of 20 children at the Bullenhuser Damm\u00ab <\/em>\u2013 aber er muss das Verfahren ohne Strippel durchf\u00fchren. Der hat sich zuerst bei einem SS-Kumpan in der N\u00e4he von Rendsburg versteckt, sp\u00e4ter als Landarbeiter im Hessischen. Im Herbst 1948, als sich die SS-F\u00fchrer in Westdeutschland schon wieder sicher f\u00fchlen, als die Entnazifizierungs-Prozedur nur allzu grobmaschig auch zahllosen NS-T\u00e4tern die R\u00fcckkehr ins b\u00fcrgerliche Leben erm\u00f6glicht, stellt sich auch Arnold Strippel unter seinem richtigen Namen im amerikanischen Internierungslager Darmstadt. Anstandslos bekommt er ordentliche Papiere und wird entlassen.<\/p>\n<p>Doch am 13. Dezember 1948, mittags um 14 Uhr, holt Strippel zum ersten Mal seine Vergangenheit ein. Ein Buchenwald-H\u00e4ftling, der fr\u00fcher von Strippel zum ber\u00fcchtigten \u00bbBaumh\u00e4ngen\u00ab verurteilt worden war, erkennt seinen einstigen Peiniger in der Frankfurter Innenstadt. Der Mann ruft die Polizei. Strippel wird verhaftet.<\/p>\n<p>Am 31. Mai 1949 beginnt vor dem Frankfurter Schwurgericht der Prozess. Strippel wird angeklagt, im KZ Buchenwald nicht nur zahllose schwere K\u00f6rperverletzungen an H\u00e4ftlingen begangen zu haben, sondern auch bei der Erschie\u00dfung von 21 j\u00fcdischen Gefangenen dabei gewesen zu sein. Diese waren am 9. November als Racheakt f\u00fcr den Bombenanschlag auf Hitler im M\u00fcnchner B\u00fcrgerbr\u00e4ukeller ermordet worden. Der Anschlag, von dem Schreinergesellen Georg Elser geplant und durchgef\u00fchrt, war gescheitert. Zur Abschreckung und als Rache f\u00fcr die acht Hitler-Anh\u00e4nger, die bei dem Attentat ums Leben kamen, wurden von den Nazis zahllose Rachemorde begangen. Auch in Buchenwald. Auf den Befehl \u00bbMarsch\u00ab \u2013 so die Anklage \u2013 seien die \u00bbH\u00e4ftlinge strahlenf\u00f6rmig auseinandergelaufen\u00ab. Jeder SS-Mann habe dann den ihm zu- geteilten H\u00e4ftling erschossen. Strippel bestreitet seine Beteiligung: er habe an diesen Erschie\u00dfungen nicht mitgewirkt, weil ihn diese Angelegenheit \u00bbseelisch zu sehr mitgenommen\u00ab habe, sagt er vor Gericht. Ganz anders hat der ehemalige H\u00e4ftling Walter Poller die Rolle Strippels an der Mordaktion in Erinnerung, wie er in seinem Erinnerungsbuch <em>Arztschreiber in Buchenwald <\/em>(1946) berichtet:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u00bbKurz nach 10 Uhr rief mich Hauptscharf\u00fchrer Strippel telephonisch an. Seine Stimme klang rauh und betrunken: <\/em><em>\u02c3 <\/em><em>Na, wei\u00dft du, wo die 21 Mistv\u00f6gel sind?\u02c2 <\/em><em>Ich wusste nicht recht, was ich antworten sollte. Zwar bestand f\u00fcr mich \u00fcber das Schicksal der Juden kein Zweifel, auch wusste ich, dass man dem Hauptscharf\u00fchrer gegen\u00fcber nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen brauchte, aber der Ton seiner Stimme war derart grauenhaft, dass ich mich schnell entschloss, mich unwissend zu stellen. \u2026 Und dann diktierte mir Strippel telephonisch 21 H\u00e4ftlingsnummern und 21 Namen. Ich ging an die Kartei und zog 21 Karten, schrieb 21 Totenmeldungen, und 21mal schrieb ich als Todesursache: \u2013 &gt;Auf der Flucht erschossen.<\/em>\u02c2 <em>Am n\u00e4chsten Tag sah ich die Leichen in der Totenbaracke.\u00ab<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Doch Strippel bestreitet jegliche Mitwirkung an der Erschie\u00dfungsaktion. Es hilft ihm nichts. Am 1. Juni 1949 f\u00e4llt das Gericht sein Urteil: Strippel wird \u00bbwegen gemeinschaftlichen Mordes in 21 F\u00e4llen\u00ab zu 21-mal lebensl\u00e4nglich verurteilt. Obendrein erh\u00e4lt er noch zehn Jahre Haft wegen schwerer K\u00f6rperverletzung \u00bbin einer unbestimmten Zahl von F\u00e4llen\u00ab.<\/p>\n<p>Er kommt in die Haftanstalt Butzbach, 40 Kilometer n\u00f6rdlich von Frankfurt. Hier wird er Kalfaktor beim Anstaltsarzt und hat, nicht zuletzt wegen seines selbstbewussten, h\u00e4ufig auch barschen Auftretens, bald erheblichen Einfluss unter den Internierten und den Aufsehern. Im KZ, so sagt er gegen\u00fcber den Beamten, habe er nur seine Pflicht getan, sonst nichts. Nicht wenige stimmen ihm zu.<\/p>\n<p>Die inhaftierten Nazi-Verbrecher, neben Strippel unter anderem auch der Frankfurter Gestapo-Chef Heinrich Baab, k\u00f6nnen sich \u00fcber mangelndes Verst\u00e4ndnis von Seiten der Beamten ohnehin nicht beklagen. Am 20. April feiert die Gruppe ganz ungest\u00f6rt Hitlers Geburtstag. Dabei h\u00e4tte Strippel gerade an diesem Tag Anlass, sich an Vorf\u00e4lle zu erinnern, die das Finale seiner grausamen SS-Karriere markierten: Es war der Tag, an dem die 20 j\u00fcdischen Kinder in den Kellerr\u00e4umen am Bullenhuser Damm ermordet wurden. Strippel aber will sich an nichts mehr erinnern. Am wenigsten an seine Mitwirkung.<\/p>\n<p>\u00bbVon einer Exekution, die im Keller der Schule am Bullenhuser Damm stattgefunden haben soll, erfahre ich heute zum ersten Mal. Ich habe f\u00fcr diese Exekution weder Befehle von irgendeiner Stelle erhalten, noch habe ich Befehle an mir Untergebene weitergegeben. Wo ich mich in der Nacht vom 20. zum 21. April 1945 befunden habe, kann ich heute nicht mehr sagen\u00ab, gibt er am 10. Mai 1965 zu Protokoll, als ihm ein Ermittler der Staatsanwaltschaft in Butzbach gegen\u00fcbersitzt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1403253\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/RDF_Talk_Ortner_2021.png\" alt=\"Unges\u00fchntes SS-Verbrechen\" width=\"861\" height=\"511\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/RDF_Talk_Ortner_2021.png 600w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/RDF_Talk_Ortner_2021-300x178.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 861px) 100vw, 861px\" \/><\/p>\n<p>Die Erkl\u00e4rung von vier tatbeteiligten SS-M\u00e4nnern, auch er habe an der Erh\u00e4ngung der Kinder teilgenommen, stellt Strippel als Verschw\u00f6rung hin. \u00bbDas kann ich mir nur so erkl\u00e4ren, dass jeder der Angeschuldigten jedes erdenkliche Interesse hatte, die Schuld an der T\u00f6tung der Kinder auf mich abzuw\u00e4lzen\u00ab, sagt er zu den Vorw\u00fcrfen. Die Staatsanwaltschaft akzeptiert die Schutzbehauptung und stellt das Ermittlungsverfahren ein.<\/p>\n<p>Kurz danach nimmt auch das Frankfurter Schwurgericht zu Strippels Gunsten wieder den Buchenwald-Prozess auf. Einer der Belastungszeugen war in einem anderen Verfahren als \u00bballgemein unglaubw\u00fcrdig\u00ab bezeichnet worden. Zwar war dieser Zeuge im Prozess gegen Strippel nur eine Randfigur, aber die Justiz gew\u00e4hrt Strippel nun Strafrabatt: Aus einer zehnj\u00e4hrigen Haftstrafe f\u00fcr die schweren K\u00f6rperverletzungen \u00bbin einer unbestimmten Zahl von F\u00e4llen\u00ab werden f\u00fcnf Jahre. Lebensl\u00e4nglich bleibt bestehen. Die 21 toten Juden aus Buchenwald sind nicht wegzupl\u00e4dieren. Doch Arnold Strippel gelingt ein weiterer Coup: Noch einmal wird die Wiederaufnahme des Verfahrens zugelassen, weil Strippel beim kollektiven Morden m\u00f6glicherweise \u00bbnicht als fanatischer Nationalsozialist\u00ab gehandelt habe, wie das erste Urteil bislang unterstellte. Zun\u00e4chst wird der Haftbefehl aufgehoben. Strippel verl\u00e4sst am 21. April 1969 das Butzbacher Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Als Mann mit brauner Vergangenheit muss er sich in Deutschland keine existenziellen Sorgen machen. Rasch findet er wieder eine Anstellung. Bei einer Frankfurter Firma f\u00fchrt er die Buchhaltung. Er arbeitet gewissenhaft, die Firma ist mit ihrem Buchhalter zufrieden.<\/p>\n<h4><strong>Haftentsch\u00e4digung f\u00fcr einen Mord-Gehilfen <\/strong><\/h4>\n<p>Dann folgt der Wiederaufnahmeprozess. Wie so viele andere NS-Verfahren zieht sich der Prozess in die L\u00e4nge. Ehemalige H\u00e4ftlinge \u2013 soweit sie das Lager \u00fcberlebt haben \u2013 k\u00f6nnen sich h\u00e4ufig nur schwerlich an Details erinnern. Die Verteidiger wissen dies im Sinne ihres Mandanten zu nutzen. Nach f\u00fcnf Monaten endlich verk\u00fcndet das Gericht das Urteil der Wiederaufnahme: Es steht nach wie vor fest, dass Strippel am 9. November an der Erschie\u00dfung von 21 j\u00fcdischen H\u00e4ftlingen beteiligt war. Aber: Die Frankfurter Richter Seiboldt, Steffgen und Dr. Zander sehen in ihm nur einen \u00bbGehilfen\u00ab \u2013 und daf\u00fcr verurteilen sie ihn zu einer Gef\u00e4ngnisstrafe von sechs Jahren, verb\u00fc\u00dft durch die Butzbacher Haft. Nun bekommt Strippel eine Haftentsch\u00e4digung: 121.500 Mark. Viel Geld in dieser Zeit, siebenmal so viel wie seine KZ- H\u00e4ftlinge als Wiedergutmachung f\u00fcr die gleiche Zeit erhalten h\u00e4tten \u2013 falls sie Strippel entronnen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>In einer Fragestunde des Bundestages spricht der SPD-Abgeordnete Norbert Gansel f\u00fcr viele, wenn er fragt:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u00bbWie beurteilt die Bundesregierung, dass der ehemalige SS-Obersturmf\u00fchrer und KZ-W\u00e4chter Strippel \u2026 eine Haftentsch\u00e4digung von 120 000 Mark erh\u00e4lt, w\u00e4hrend Opfer der NS-Gewaltherrschaft nur eine Entsch\u00e4digung von 5 DM pro Tag der Freiheitsentziehung erhalten haben; und wird die Bundesregierung eine \u00c4nderung des Bundesentsch\u00e4digungsgesetzes mit dem Ziel in die Wege leiten, dass Opfer der NS-Gewaltherrschaft nicht gegen\u00fcber ihren Peinigern auf diese makabre Weise diskriminiert werden?\u00ab<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Dagegen verwahrt sich CDU-Staatssekret\u00e4r Hermsdorf in der Fragestunde im Bundestag vom 9. Mai 1973:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u00bbDie Entsch\u00e4digung des KZ-W\u00e4chters Strippel bezog sich demgem\u00e4\u00df nur auf materielle Sch\u00e4den wie Verdienstausfall, Erstattung von Sozialversicherungsbeitr\u00e4gen sowie Auslagen im Strafverfahren. \u2026 Angesichts des Ausma\u00dfes der Sch\u00e4den und der Zahl der Opfer konnte der durch den Verlust an Freiheit eingetretene Schaden weder voll ausgeglichen noch voll abgegolten werden.\u00ab<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Arnold Strippel k\u00fcmmern die parlamentarischen Erkl\u00e4rungen und \u00f6ffentlichen Debatten wenig. Er ist jetzt ein wohlhabender B\u00fcrger. In Frankfurt-Kalbach kauft er sich eine komfortable Eigentumswohnung. Und der Ex-SS- Obersturmf\u00fchrer wei\u00df seinen Besitz und seine Rechte zu wahren. Als hinter dem Haus B\u00e4ume gepflanzt werden sollen, erscheint er auf einer Sitzung des Ortsbeirates. Einer der Teilnehmer erinnert sich: \u00bbEin gro\u00dfer, strammer Mann, lautstark und selbstbewusst. Er beschwerte sich dar\u00fcber, dass die B\u00e4ume seinen Balkon beschatten w\u00fcrden.\u00ab Die B\u00e4ume werden schlie\u00dflich weit weg von Strippels Wohnung gepflanzt. Doch auch in seiner b\u00fcrgerlich-beschaulichen Eigentumswohnung kann er der Vergangenheit nicht entfliehen. Im November 1975 steht er mit dreizehn anderen KZ-Schergen wieder einmal vor Gericht. Diesmal im D\u00fcsseldorfer Majdanek-Prozess.<\/p>\n<p>Majdanek \u2013 die Ortsbezeichnung f\u00fcr ein Konzentrationslager, das f\u00fcnf Kilometer \u00f6stlich der polnischen Stadt Lublin von der Waffen-SS angelegt worden war. Wie viele Menschen hier in Gaskammern den Tod fanden, wie viele erschossen oder totgepr\u00fcgelt wurden \u2013 keiner wei\u00df es. Historiker nennen die Zahl von 350.000 Toten. Mehr als 1.500 SS-Verbrecher und KZ-W\u00e4chter haben hier ihren m\u00f6rderischen Dienst getan. Nur wenige von ihnen sind nach Ende des Krieges vor Gericht gestellt, geschweige denn verurteilt worden. Die Justiz zeigte trotz \u00fcberreichen Belastungsmaterials, das aus Polen zur Verf\u00fcgung gestellt wurde, nur geringes Interesse an der Verfolgung der Majdanek-Verbrecher.<\/p>\n<p>Zw\u00f6lf Jahre lang haben die Staatsanw\u00e4lte ermittelt: zun\u00e4chst gegen 47 Beschuldigte, schlie\u00dflich nur noch gegen 14 Angeklagte. Es ist der Rest, der in dem allzu grobmaschigen Netz der bundesdeutschen Justiz h\u00e4ngen geblieben ist. Ein Hundertstel der M\u00f6rderbande in Uniform.<\/p>\n<p>Als der Vorsitzende Richter G\u00fcnter Boden im Saal L 111 des D\u00fcsseldorfer Landgerichts den Prozess er\u00f6ffnet, ahnt er noch nicht, dass dieser Prozess zu einem der l\u00e4ngsten in der Justizgeschichte der Bundesrepublik Deutschland werden wird. Erst im Mai 1981 sollten die Urteile verk\u00fcndet werden. Und er kann an diesem Tag nicht wissen, dass dieser \u00fcber f\u00fcnfj\u00e4hrige Prozess, dieser jahrelange Streit \u00fcber T\u00e4ter und Taten, \u00fcber Schuld und Strafe eher zum Symbol f\u00fcr die deutsche Rechtsprechung werden w\u00fcrde, als Wirklichkeit und Dimension der \u00bbTodesfabrik von Lublin\u00ab erkennbar zu machen.<\/p>\n<h4><strong>\u00bbIch habe nur Befehle ausgef\u00fchrt\u00ab&#8230;<\/strong><\/h4>\n<p>Am Er\u00f6ffnungstag des Prozesses sitzt auch Arnold Strippel auf der Anklagebank. Der Vorwurf: In Majdanek soll er im Juli 1942 an der T\u00f6tung von 42 sowjetischen Kriegsgefangenen beteiligt gewesen sein. Selbstverst\u00e4ndlich \u2013 der Angeklagte Strippel streitet alles ab. Wieder einmal. Mit d\u00fcsterer Miene, zeitweise seine Augen mit einer dunklen Sonnenbrille gesch\u00fctzt, dann wieder den Eindruck verbreitend, dies alles langweile ihn, ginge ihn nichts an, sitzt er auf der Anklagebank. Am 337. Verhandlungstag, es ist der 6. Juni 1979, kommt es im Gerichtssaal zu einem Tumult \u2013 Strippel ger\u00e4t ungewollt in den Mittelpunkt. Im Zuh\u00f6rerraum verfolgen elf Franzosen, Mitglieder der Vereinigung \u00bbS\u00f6hne und T\u00f6chter deportierter Juden aus Frankreich\u00ab, den Prozess. Unter ihnen der Pariser Zahnarzt Henri Morgenstern. Sein Vater ist in Dachau ermordet worden, und seine Cousine Jacqueline ist am 20. April 1945 im Keller der Hamburger Volksschule am Bullenhuser Damm geh\u00e4ngt worden. Sie war gerade zw\u00f6lf Jahre alt. Kommandof\u00fchrer der Mordaktion war Arnold Strippel.<\/p>\n<p>\u00bbNazim\u00f6rder, Nazim\u00f6rder \u2026!\u00ab, skandiert die Gruppe und sie zeigt auf Strippel. Saalordner greifen ein, die Richter verlassen den Saal, mit ihnen einige Angeklagte und deren Anw\u00e4lte. Strippel bleibt demonstrativ sitzen. Henri Morgenstern stellt sich vor ihn. Mit ungeheurer Erregung beginnt er zu reden \u2013 in deutscher Sprache: \u00bbWir sind hier, weil wir die Kinder der Opfer sind, die Sie hingerichtet haben. Dass wir heute noch leben, haben wir einem wahren Wunder zu verdanken. Es ist fast unglaublich, dass heute \u00fcberhaupt noch jemand von uns diesen Protest erheben kann, weil nahezu alle Juden hingerichtet wurden &#8230; Seht Strippel an, diesen M\u00f6rder, der es nicht wagt, mir ins Gesicht zu sehen, ein Feigling, ein Kinderm\u00f6rder &#8230;! Er hat meine kleine Cousine Jacqueline Morgenstern aufgeh\u00e4ngt &#8230; Sehen Sie diesen M\u00f6rder an, wie er seinen Kopf senkt &#8230;!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbEine Szene wie aus dem Alten Testament\u00ab, schreibt G\u00fcnther Schwarberg sp\u00e4ter \u00fcber diese Augenblicke in seinem Buch <em>Der Juwelier von Majdanek<\/em>, ein aufr\u00fcttelndes Zeitdokument, in dem er Leben und Tod des j\u00fcdischen Juweliers Samuel Antmann und dessen Familie im Konzentrationslager Majdanek schildert.<\/p>\n<p>Nach dem Tumult findet der Prozess rasch zu seiner Normalit\u00e4t zur\u00fcck. Eine unertr\u00e4gliche Normalit\u00e4t. W\u00e4hrend sich ehemalige H\u00e4ftlinge mit innerer Erregung und h\u00e4ufig unter Tr\u00e4nen an die Grauen in Majdanek erinnern, sitzen die Angeklagten scheinbar unbeeindruckt auf ihren B\u00e4nken, unterhalten sich mit ihren Verteidigern, lesen Zeitung oder d\u00f6sen vor sich hin \u2013 so, als ginge sie das, was hier geschieht, nichts an. Sind sie im Verfahren einmal aufgerufen, sich zu \u00e4u\u00dfern, rechtfertigen sie sich monoton: \u00bbIch habe nur Befehle ausgef\u00fchrt &#8230;\u00ab oder \u00bbDaran kann ich mich nicht mehr erinnern &#8230;\u00ab Keiner will sich erinnern. Niemand f\u00fchlt sich schuldig. Alle wissen von nichts.<\/p>\n<p>Strippel verh\u00e4lt sich nicht anders als seine Mit-Angeklagten. \u00bbIch habe nur Befehle meiner Vorgesetzten ausgef\u00fchrt\u00ab, sagt er, und sieht in diesem Prozess eine \u00bbgrobe Ungerechtigkeit\u00ab, einen Schauprozess. Einige der Verteidiger scheinen die Meinung ihrer Mandanten zu teilen. Mit allen Mitteln versuchen sie, das Verfahren zu behindern. Immer wieder zweifeln sie die Glaubw\u00fcrdigkeit der Zeugen an. \u00bbGleich null\u00ab sei deren Beweiswert, darf Rechtsanwalt Stratmann ohne R\u00fcge des Richters sagen.<\/p>\n<p>Am 26. Juni 1981 halten die Verteidiger ihre Pl\u00e4doyers. Alle fordern Freispruch f\u00fcr ihre Mandanten. Und auch der Angeklagte Strippel spricht sein Schlusswort: \u00bbIch bin v\u00f6llig unschuldig im Sinne der Anklage\u00ab, sagt er. Und: \u00bbIch habe in meinem Leben immer f\u00fcr alles das, was ich getan habe, eingestanden.\u00ab Die Anklagevertretung h\u00e4lt Strippel in ihrem Schlusspl\u00e4doyer f\u00fcr einen \u00bbMenschen, der f\u00fcr alles zu gebrauchen war\u00ab. Am 30. Juni 1981 verk\u00fcndet Richter Bogen \u2013 das Urteil: F\u00fcr Beihilfe zum Mord in 41 F\u00e4llen lautet sein Urteil auf drei Jahre und sechs Monate Haft.<\/p>\n<p>Nach der Urteilsverk\u00fcndung bricht im Gerichtssaal ein Proteststurm los. \u00bbSkandal\u00ab, \u00bbPfui\u00ab, \u00bbUnglaublich\u00ab t\u00f6nt es aus dem Zuschauerraum. Nachdem wieder Ruhe eingekehrt ist, begr\u00fcndet Richter Bogen elf lange Stunden die Urteilsspr\u00fcche: Lebensl\u00e4nglich und lange Haftstrafen f\u00fcr die Angeklagten. Und obwohl Arnold Strippel zu einer mehrj\u00e4hrigen Haftstrafe verurteilt wird, kann er noch am gleichen Abend als freier Mann nach Hause fahren. Der Haftbefehl ist au\u00dfer Kraft gesetzt worden. Strippel kann sich sicher sein: seine Mordtaten in Majdanek braucht er nicht zu b\u00fc\u00dfen. Er hat Anw\u00e4lte, er hat \u00c4rzte, er hat Atteste. So kehrt er in das gewohnte Leben als wohlversorgter Rentner in seine Eigentumswohnung nach Kalbach zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Und auch im Fall der grausamen Mordaktion an den 20 j\u00fcdischen Kindern in Hamburg muss Strippel von Seiten der Justiz keinerlei St\u00f6rungen seines beschaulichen Pension\u00e4rs-Daseins bef\u00fcrchten. Angeh\u00f6rige hatten zwar erneut Anzeige erstattet. Doch die M\u00fchlen der deutschen Justiz mahlen langsam \u2013 wie so h\u00e4ufig, wenn es um NS-T\u00e4ter geht. Bevor es zu einem neuen Prozess kommen soll, wollen die Richter wissen, ob Strippel \u00fcberhaupt verhandlungsf\u00e4hig ist. Die Antwort liefern drei Frankfurter Gutachter \u2013 allesamt renommierte Herren \u2013 auf Bestellung. Ihre Diagnose: Nicht verhandlungsf\u00e4hig. Ein Professor Fischer, Neurologie, bescheinigt, dass es sich bei Strippel um einen \u00bbmultimorbiden Patienten\u00ab handelt.<\/p>\n<p>Jahre danach, wieder in Kalbach. In der Talstra\u00dfe findet sich der Name Strippel nicht mehr am Klingelschild. Die Nachbarn erinnern sich nur noch vage an den alten Mann mit dem robusten Auftreten. \u00bbStrippel? Nein, den gibt\u2019s hier nicht mehr &#8211; der ist vor paar Jahren gestorben\u00ab, l\u00e4sst mich ein \u00e4lterer Mann wissen.<\/p>\n<p>Auf dem Friedhof hinter der kleinen Kirche ist sein Grab nicht zu finden.<\/p>\n<p><strong><em>Weitere Artikel zum Thema:<\/em><\/strong><\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"PwJF5dufBc\"><p><a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/05\/ein-ehrenwerter-herr\/\">Ein ehrenwerter Herr<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; visibility: hidden;\" title=\"&#8222;Ein ehrenwerter Herr&#8220; &#8212; Pressenza\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/05\/ein-ehrenwerter-herr\/embed\/#?secret=pmpkImx2tv#?secret=PwJF5dufBc\" data-secret=\"PwJF5dufBc\" width=\"500\" height=\"282\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"9vZb6PFTod\"><p><a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/04\/fuerchterlicher-jurist\/\">F\u00fcrchterlicher Jurist<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; visibility: hidden;\" title=\"&#8222;F\u00fcrchterlicher Jurist&#8220; &#8212; Pressenza\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/04\/fuerchterlicher-jurist\/embed\/#?secret=xP4cmGnVzJ#?secret=9vZb6PFTod\" data-secret=\"9vZb6PFTod\" width=\"500\" height=\"282\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"Wzw8dJGpn8\"><p><a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/03\/verkannte-helden\/\">Verkannte Helden<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; visibility: hidden;\" title=\"&#8222;Verkannte Helden&#8220; &#8212; Pressenza\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/03\/verkannte-helden\/embed\/#?secret=Jt8Zi2WuuL#?secret=Wzw8dJGpn8\" data-secret=\"Wzw8dJGpn8\" width=\"500\" height=\"282\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n<hr \/>\n<p><em><strong>Anmerkungen und Hinweise:<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die KZ-Karriere des Arnold Strippel hat G\u00fcnther Schwarberg, 20 Jahre Reporter beim <em>Stern <\/em>und Autor zahlreicher B\u00fccher zur Geschichte des Dritten Reichs, recherchiert und an die \u00d6ffentlichkeit gebracht. Alle Angaben zum Lebenslauf Arnold Strippels sowie die Zeugen- und die Ausz\u00fcge aus Gerichtsurteilen sind seinen B\u00fcchern <em>Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm<\/em>, 1988, und <em>Der Juwelier von Majdanek<\/em> G\u00f6ttingen 1991, entnommen.<\/p>\n<p>Der Bericht Walter Pollers findet sich in dessen Buch <em>Arzt-Schreiber in Buchenwald<\/em>, Hamburg 1946, S. 136. Die Antwort von Staatssekret\u00e4r Hermsdorf aus der Fragestunde des Deutschen Bundestages kann man nachlesen in den <em>Verhandlungen des Bundestages, 7. Wahlperiode, <\/em>29. Sitzung, Mittwoch den 63, <em>Stenographische Berichte<\/em>, Band 81, S. 1424. Die Eindr\u00fccke G\u00fcnther Schwarbergs im Majdanek-Prozess, siehe seinen Kommentar <em>\u00bbDer Kreuzwortr\u00e4tsell\u00f6ser\u00ab, <\/em>erschienen in <em>Prinz, <\/em>Nr. 10- 1990, S. 49.<\/p>\n<p>Zu Mordaktion am Bullenhuser Damm vgl. Materialien und Dokumentationen der Hamburger Gedenkst\u00e4tte Bullenhuser Damm: <a href=\"https:\/\/bullenhuser-damm.gedenkstaetten-hamburg.de\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>https:\/\/bullenhuser-damm.gedenkstaetten-hamburg.de\/de\/<\/em><\/a><\/p>\n<p>Die zitierten Ausf\u00fchrungen \u00fcber die Hinrichtungen im Bullenhuser Damm finden sich u.a: <a href=\"https:\/\/at.wikiqube.net\/wiki\/Bullenhuser_Damm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>https:\/\/at.wikiqube.net\/wiki\/Bullenhuser_Damm<\/em><\/a><\/p>\n<p><em><strong>Neuersscheinung: <\/strong><\/em><em><strong>Helmut Ortner, <\/strong><a href=\"https:\/\/www.nomen-verlag.de\/produkt\/widerstreit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>WIDERSTREIT \u2013 \u00dcber Macht, Wahn und Widerstand<\/strong><\/a>, 220 Seiten, 20 Euro im Nomen Verlag Frankfurt<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die J\u00fcngste war f\u00fcnf, der \u00c4lteste zw\u00f6lf Jahre alt: Am 20. 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