{"id":1386651,"date":"2021-06-26T13:47:05","date_gmt":"2021-06-26T12:47:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1386651"},"modified":"2021-06-28T13:34:39","modified_gmt":"2021-06-28T12:34:39","slug":"staatliche-entwicklungshilfe-schafft-sie-ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/06\/staatliche-entwicklungshilfe-schafft-sie-ab\/","title":{"rendered":"\u00abStaatliche Entwicklungshilfe \u2013 schafft sie ab!\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><strong>Frankreich kolonialisiert Afrika weiterhin, afrikanische Politiker sind k\u00e4uflich, und Entwicklungshilfe ist sch\u00e4dlich. Das sagt die westafrikanische Oppositions\u00adpolitikerin und Schweiz-Kamerunerin Nathalie Yamb.<\/strong><\/p>\n<p><em>Es folgt ein Auszug aus dem Interview von <a href=\"https:\/\/www.republik.ch\/~acon\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Anja Conzett<\/a> f\u00fcr das digitale Magazin &#8222;Die Republik&#8220;.<\/em><\/p>\n<p>An einem Montag im Dezember um 9\u00a0Uhr wird Nathalie Yamb, Oppositions\u00adpolitikerin und Aktivistin der panafrikanischen Bewegung, in ihrer Wahl\u00adheimat C\u00f4te d\u2019Ivoire von drei Polizisten festgenommen. Zw\u00f6lf Stunden sp\u00e4ter sitzt die Schweiz-Kamerunerin im Flugzeug nach Z\u00fcrich. Alles, was sie dabei hat, ist ihre Handtasche, der Schweizer Pass und die Medikamente f\u00fcr ihre Schild\u00addr\u00fcsen\u00aderkrankung, die ihr einer der Polizisten noch am Flughafen kauft. <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/afrique\/region-50638532\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-9r2oe9=\"\" data-css-1ew9xm2=\"\">Das war 2019<\/a>. Seither lebt Nathalie Yamb an einem Ort in der Schweiz, den wir hier nicht offenlegen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p data-pos=\"0-2\" data-css-aphf9g=\"\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-1ax1725=\"\"><strong>Nathalie Yamb, warum hat C\u00f4te d\u2019Ivoire Sie in die Schweiz ausgeschafft?<\/strong><br \/>\nOffiziell wurde ich ausgeschafft, weil meine Aktivit\u00e4ten unvereinbar mit dem nationalen Interesse seien. Inoffiziell wurde ich ausgeschafft, weil mein Engagement mit den Interessen der Fran\u00e7afrique kollidiert\u00a0\u2013 also dem franz\u00f6sischen Einfluss auf Afrika. Frankreich betrachtet seine offiziell ehemaligen Kolonien in West- und Zentral\u00adafrika als einen Hinter\u00adhof von Paris, in dem es sich bedienen kann.<\/p>\n<p data-pos=\"0-3\" data-css-aphf9g=\"\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-1ax1725=\"\"><strong>Woran machen Sie diese Kritik fest?<\/strong><br \/>\nEin Beispiel: Frankreich hat noch immer das Vorkaufs\u00adrecht auf nat\u00fcrliche Ressourcen in diversen afrikanischen L\u00e4ndern. Das geht auf den <em>pacte colonial<\/em> zur\u00fcck, <a href=\"https:\/\/www.senat.fr\/leg\/1960-1961\/i1960_1961_0222.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-9r2oe9=\"\" data-css-1ew9xm2=\"\">Vertr\u00e4ge,<\/a> die den Kolonien nach dem Zweiten Weltkrieg im Tausch gegen ihre \u00abUnabh\u00e4ngigkeit\u00bb aufgedr\u00fcckt wurden. Mit der Feststellung, dass Frankreich Afrika mit Methoden wie diesen nach wie vor kolonialisiert, habe ich Alassane Ouattara, den Pr\u00e4sidenten von C\u00f4te d\u2019Ivoire, und vor allem auch Frankreichs Pr\u00e4sidenten Emmanuel Macron beleidigt. Die Ausschaffung war ein Versuch, mich mundtot zu machen. Das hat nicht funktioniert, ich bin lauter denn je.<\/p>\n<p data-pos=\"0-4\" data-css-aphf9g=\"\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-1ax1725=\"\"><strong>Sie glauben, dass Frankreich Einfluss auf Ihre Ausschaffung hatte?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>F\u00fcnf Wochen vor meiner Ausschaffung hielt ich am Russland-Afrika-Summit in Sotschi eine Rede, in der ich Frankreichs Afrikapolitik kritisierte. Es war eigentlich die gleiche Rede, die ich in Afrika seit Jahren gehalten und die nie zu einer Festnahme gef\u00fchrt hatte. Aber dieses Mal war die B\u00fchne gr\u00f6sser, internationaler. Die Rede ging viral. Und als selbst die franz\u00f6sische Zeitung <a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/afrique\/article\/2019\/10\/24\/a-sotchi-la-russie-se-pose-en-defenseure-des-souverainetes-africaines_6016793_3212.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-9r2oe9=\"\" data-css-1ew9xm2=\"\">\u00abLe Monde\u00bb dar\u00fcber berichtete<\/a> und ich nach meiner R\u00fcckkehr auf der Strasse immer wieder gefragt wurde, ob ich <em>\u00abla dame de Sotchi\u00bb<\/em> sei, wusste ich, dass sich mein Leben grund\u00adlegend \u00e4ndern wird. <em>Et voil\u00e0.<\/em><\/p>\n<p data-infobox-text=\"true\" data-css-12583em=\"\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-1weq1qa=\"\"><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4JO2uzrUec4&amp;t=218s\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-css-1i4zy90=\"\"><strong>In Ihrer Rede<\/strong><\/a><strong> in Sotschi kritisierten Sie unter anderem den CFA-Franc\u00a0\u2013 die W\u00e4hrung, die von 14\u00a0west- und zentral\u00adafrikanischen Staaten genutzt wird. Was st\u00f6rt Sie daran?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Der CFA-Franc wurde vom \u00ab<a href=\"https:\/\/www.wsj.com\/articles\/it-is-time-for-african-countries-to-shed-monetary-colonialism-11574256243\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-9r2oe9=\"\" data-css-1ew9xm2=\"\">Wall Street Journal<\/a>\u00bb als \u00abmonet\u00e4rer Kolonialismus\u00bb bezeichnet. Genau das ist der CFA, der bei seiner Gr\u00fcndung 1945 \u00abFranc der franz\u00f6sischen Kolonien\u00bb hiess. Noch heute sitzen im Aufsichts\u00adrat der westafrikanischen Zentralbank zwei Franzosen, bei der zentralafrikanischen Zentralbank ist es ein Franzose. 50\u00a0Prozent unserer Devisen\u00adreserven m\u00fcssen wir im <em>tr\u00e9sor public<\/em> in Paris einlagern\u00a0\u2013 im Gegenzug garantiert Frankreich die Konvertibilit\u00e4t des CFA-Franc. Der Wert des CFA-Franc war urspr\u00fcnglich an den Franc gebunden, heute an den Euro, ohne dass die jeweiligen V\u00f6lker konsultiert worden sind. Die L\u00e4nder der CFA-Zonen haben also keine M\u00f6glichkeit, ihre W\u00e4hrung auf- oder abzuwerten, und deshalb eine viel zu harte W\u00e4hrung. Der CFA-Franc agiert als Export\u00adsteuer und als Import\u00adsubvention. Dadurch sind unsere eigenen Produkte nicht wettbewerbs\u00adf\u00e4hig. Das verhindert die Industrialisierung Afrikas.<\/p>\n<p data-pos=\"0-7\" data-css-aphf9g=\"\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-1ax1725=\"\"><strong>Die garantierte Konvertibilit\u00e4t macht den CFA-Franc aber auch zu einer \u00e4usserst stabilen W\u00e4hrung, was f\u00fcr ausl\u00e4ndische Investoren attraktiv ist und bei Staats\u00adschulden einen tieferen Zins garantiert. Ist das nicht ein wesentlicher Vorteil?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Wenn der CFA-Franc so attraktiv ist, warum t\u00e4tigt dann ausgerechnet Frankreich die gr\u00f6ssten Investitionen in Angola, S\u00fcdafrika, Kenia, Mo\u00e7ambique und Algerien? Keines dieser L\u00e4nder hat den CFA-Franc. Grunds\u00e4tzlich wird in Afrika am meisten in L\u00e4nder investiert, die Erd\u00f6l\u00advorkommen haben oder wo der Rechts\u00adstaat funktioniert\u00a0\u2013 unabh\u00e4ngig von der W\u00e4hrung. Nein, die einzige Stabilit\u00e4t, die der CFA-Franc garantiert, ist die Armut. Frankreich dagegen profitiert. Ein Beispiel: Die Scheine und M\u00fcnzen f\u00fcr den CFA-Franc werden in Frankreich gepr\u00e4gt und gedruckt, was 40\u00a0bis 50\u00a0Prozent des Auftrags\u00advolumens der franz\u00f6sischen National\u00adbank in diesem Bereich gleichkommt\u00a0\u2013 und die CFA-L\u00e4nder zu \u00abwichtigen Kunden\u00bb macht, die man halten m\u00f6chte, <a href=\"https:\/\/www.assemblee-nationale.fr\/dyn\/15\/comptes-rendus\/cion_fin\/l15cion_fin1920043_compte-rendu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-9r2oe9=\"\" data-css-1ew9xm2=\"\">wie die Banque de France selbst sagt<\/a>. [\u2026]<\/p>\n<p><strong>Dennoch soll der CFA-Franc schon bald Geschichte sein: Emmanuel Macron selbst hat das Ende der W\u00e4hrung Ende\u00a02019 verk\u00fcndet. Sie soll vom Eco abgel\u00f6st werden, einem Generationen\u00adprojekt der west\u00adafrikanischen <\/strong><a href=\"https:\/\/www.ecowas.int\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-9r2oe9=\"\" data-css-1ew9xm2=\"\"><strong>Wirtschafts\u00adgemeinschaft Ecowas<\/strong><\/a><strong>, der auch Schwer\u00adgewichte wie Nigeria oder Ghana angeh\u00f6ren, die nicht zur CFA-Franc-Zone z\u00e4hlen. Gute Nachrichten?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Halt. Der Eco von Macron hat nichts mit dem Eco der Ecowas zu tun. Macron hat den Namen schlicht gekapert. Sein Eco ist nichts als ein Rebranding des unterdessen nicht zuletzt durch unsere Arbeit in der Bev\u00f6lkerung unpopul\u00e4r gewordenen CFA-Franc\u00a0\u2013 ein Rebranding, bei dem Nigeria und Ghana, die englisch\u00adsprachig sind und nicht Teil der CFA-Zone, gl\u00fccklicher\u00adweise niemals mitmachen werden.<\/p>\n<p data-pos=\"0-11\" data-css-aphf9g=\"\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-1ax1725=\"\"><strong>Immerhin w\u00fcrde bei Macrons Eco der Zwang wegfallen, 50\u00a0Prozent der Devisen in Paris zu deponieren.<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Zwei Dinge sollen gem\u00e4ss Macron anders sein: Die L\u00e4nder k\u00f6nnten selbst entscheiden, wo sie 50\u00a0Prozent der Devisen einlagern, und die Franzosen z\u00f6gen sich aus den Aufsichts\u00adr\u00e4ten der afrikanischen Zentral\u00adbanken zur\u00fcck. Doch f\u00fcr Macron stellt das kein Problem dar: Dank der von Frankreich herangezogenen afrikanischen Politelite, welche die Aufsichtsrats\u00adsitze unter sich aufteilen wird, werden die Devisen weiterhin in Paris gelagert werden. Ausserdem sagt der neue Vertrag, der vor der <em>Assembl\u00e9e nationale<\/em> <em>fran\u00e7aise<\/em> letztes Jahr diskutiert worden ist, dass Frankreich trotzdem noch einen Sitz haben kann. Es \u00e4ndert sich nichts. [\u2026]<\/p>\n<p data-pos=\"0-12\" data-css-aphf9g=\"\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-1ax1725=\"\"><strong>Ist der Eco im Sinne der Ecowas\u00a0\u2013 komplett ohne Frankreich, daf\u00fcr mit Nigeria als stabilisierendem R\u00fcckgrat\u00a0\u2013 ein taugliches Mittel, um Afrika bei zuk\u00fcnftigen Verhandlungen in eine bessere Position zu bringen?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Auch wenn bei dieser Frage viele meiner Mitstreiterinnen anderer Ansicht sind: Nein, meiner Meinung nach wird der Eco der Ecowas eine Utopie bleiben. Eine W\u00e4hrungsunion mit wirtschaftlich derart unter\u00adschiedlich starken L\u00e4ndern wie Nigeria und Guinea-Bissau ergibt nur dann Sinn, wenn es zu einer Integration auf allen Ebenen kommt. Die L\u00e4nder der Ecowas m\u00fcssten werden wie die Schweiz: ein f\u00f6deralistischer Staaten\u00adbund mit einer Armee, einer Regierung\u00a0\u2013 und einem Finanz\u00adausgleich. So weit aber sind wir noch lange nicht.<\/p>\n<p data-pos=\"0-16\" data-css-aphf9g=\"\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-1ax1725=\"\"><strong>Was fehlt?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Keiner der amtierenden Staatschefs ist bereit, Macht abzugeben\u00a0\u2013 selbst innerhalb der einzelnen Landes\u00adgrenzen ist das Stammes\u00addenken noch immer ein dividierender Faktor. Solange dieses Denken nicht \u00fcberwunden ist, sollte jedes Land seine eigene W\u00e4hrung haben. <em>And we need to make serious business<\/em>. Und wenn ich \u00abwir\u00bb sage, meine ich Afrika, nicht C\u00f4te d\u2019Ivoire oder Kamerun \u2013 denn die Landes\u00adgrenzen, die 1884 von den Kolonial\u00adherren ohne Anwesenheit auch nur eines Afrikaners in Berlin gezeichnet wurden, respektiere ich nicht. <strong>[\u2026]<\/strong><\/p>\n<p>Der j\u00fcngste Bericht der Konferenz der Vereinten Nationen f\u00fcr Handel und Entwicklung hielt fest, <a href=\"https:\/\/unctad.org\/en\/PublicationsLibrary\/aldcafrica2020_en.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-9r2oe9=\"\" data-css-1ew9xm2=\"\">dass Afrika j\u00e4hrlich rund 88\u00a0Milliarden US-Dollar durch illegale Kapital\u00adflucht verliert<\/a>. Dem m\u00fcssen wir mit griffigen Gesetzen entgegentreten\u00a0\u2013 und vor allem: multinationale Konzerne in die Pflicht nehmen.<\/p>\n<p data-pos=\"0-20\" data-css-aphf9g=\"\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-1ax1725=\"\"><strong>Wie?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Multinationale Konzerne, die in Afrika Niederlassungen haben, d\u00fcrfen fast ihren ganzen Profit mit in ihre Ursprungs\u00adl\u00e4nder nehmen\u00a0\u2013 <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/en\/africas-problem-with-tax-avoidance\/a-48401574\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-9r2oe9=\"\" data-css-1ew9xm2=\"\">ohne wirklich Steuern zu bezahlen<\/a>. So bleibt praktisch nichts von dem erwirtschafteten Geld in Afrika. \u00c4thiopien ist bislang das einzige Land, das Konzerne dazu zwingt, ihre Gewinne zu versteuern\u00a0\u2013 und vor allem: einen Teil davon zu reinvestieren. Das bringt nicht nur \u00f6konomische Vorteile, denn: Konzerne, die investieren, werden sich daf\u00fcr einsetzen, dass die L\u00e4nder politisch stabil sind und einen funktionierenden Rechtsstaat haben.<\/p>\n<p data-pos=\"0-21\" data-css-aphf9g=\"\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-1ax1725=\"\"><strong>Sie haben selbst viele Jahre als Managerin in F\u00fchrungs\u00adpositionen solcher multi\u00adnationalen Konzerne gearbeitet. F\u00fcr wie realistisch halten Sie es, dass einzelne L\u00e4nder solche Gesetze durchsetzen k\u00f6nnen?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Wichtig: Es ist nicht allein die Verantwortung der Konzerne, hier m\u00fcssen auch die L\u00e4nder Afrikas ihre Hausaufgaben machen. Das ist viel politische und diplomatische Arbeit, aber machbar\u00a0\u2013 in Ghana finden diese Diskussionen gerade statt. Ich habe es mal f\u00fcr Westafrika \u00fcberschlagen: Wenn mindestens die H\u00e4lfte der Profite reinvestiert wird, k\u00f6nnen wir seelenruhig auf Entwicklungs\u00adhilfe verzichten. Entwicklungshilfe schadet ohnehin mehr, als dass sie n\u00fctzt. Wobei wir unterscheiden m\u00fcssen: Ich spreche nicht von privater, sondern von staatlicher Entwicklungs\u00adhilfe, von all den Milliarden, die Europa und die USA j\u00e4hrlich nach Afrika schicken. Streicht sie!<\/p>\n<p data-pos=\"0-22\" data-css-aphf9g=\"\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-1ax1725=\"\"><strong>Sind Sie sicher, dass dann alles besser w\u00fcrde?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Schauen Sie: 60\u00a0Jahre Entwicklungshilfe haben kaum eine Verbesserung gebracht. Was wir brauchen, sind Schulen, Universit\u00e4ten und Lehrpl\u00e4tze, an denen gute Leute richtig ausgebildet werden und die Entrepreneure hervorbringen, die eigene Produkte herstellen und Arbeits\u00adpl\u00e4tze schaffen.<\/p>\n<p data-pos=\"0-23\" data-css-aphf9g=\"\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-1ax1725=\"\"><strong>W\u00e4re die Entwicklungshilfe nicht unter anderem daf\u00fcr gedacht, solche Schulen zu bauen?<\/strong><br \/>\nIch glaube, staatliche Entwicklungs\u00adgelder sind vor allem dazu da, den Spendern ein gutes Gef\u00fchl zu geben\u00a0\u2013 es ist ein einziges grosses Theater! Die Geberl\u00e4nder wissen ganz genau, dass unsere Regierungschefs mit den Geldern krumme Sachen anstellen\u00a0\u2013 \u00fcberfl\u00fcssige, aufgeblasene Infra\u00adstruktur\u00adprojekte lancieren, die der Bev\u00f6lkerung nichts bringen\u00a0\u2013 oder sie direkt in die eigene Tasche abzweigen. Bei den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern kommt praktisch nichts an, aber wir sind es, die nachher in der Schuld stehen.<\/p>\n<p data-pos=\"0-24\" data-css-aphf9g=\"\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-1ax1725=\"\"><strong>Mit anderen Worten: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>So ist es. Staatliche Entwicklungs\u00adgelder sind Tropfen, die uns vor dem Verdursten retten, aber keine Quelle, die uns n\u00e4hrt. Wenn die Staaten, die so grossz\u00fcgig Entwicklungs\u00adhilfe schicken, die Armut in Afrika tats\u00e4chlich bek\u00e4mpfen wollen, sollten sie dem franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten tief in die Augen sehen und sagen: <em>\u00c7a suffit<\/em>. Europas Komplizenschaft muss aufh\u00f6ren. [\u2026]<\/p>\n<p data-pos=\"0-25\" data-css-aphf9g=\"\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-1ax1725=\"\"><strong>Selbst wenn Europa Frankreich tief in die Augen sehen w\u00fcrde: Was ist mit den anderen 40\u00a0L\u00e4ndern Afrikas, die nicht in der CFA-Zone sind? Wenn nicht mit Entwicklungshilfe, wie soll Europa sonst unterst\u00fctzend wirken?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Lassen Sie mich erst sagen, was man <em>nicht<\/em> tun sollte. Aktuelles Beispiel aus der Covid-Krise: Frankreich hat Millionen Dosen von Astra Zeneca bestellt, die franz\u00f6sische Bev\u00f6lkerung ist skeptisch, also werden die Impfungen nach Afrika geschickt. Was nicht gut genug ist f\u00fcr euch, ist gut genug f\u00fcr uns\u00a0\u2013 und dann sollten wir auch noch dankbar sein. Genau das ist Europas Haltung gegen\u00fcber Afrika: eine Zumutung.<\/p>\n<p data-pos=\"0-27\" data-css-aphf9g=\"\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-1ax1725=\"\"><strong>Und was sollte man tun?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Die Konzern\u00adverantwortungs\u00adinitiative, die in der Schweiz im vergangenen November leider am St\u00e4ndemehr gescheitert ist, h\u00e4tte richtungs\u00adweisend sein k\u00f6nnen. Das w\u00e4re akzeptable Hilfe gewesen: Denn genau so, wie ihr eure Arbeiter in Luzern oder Neuenburg behandelt, m\u00fcsst ihr auch eure Arbeiter in Maputo, Lagos oder Douala behandeln\u00a0\u2013 oder euch sonst vor dem Schweizer Rechtsstaat verantworten. Schluss mit Doppelstandards!<\/p>\n<p data-pos=\"0-28\" data-css-aphf9g=\"\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-1ax1725=\"\"><strong>W\u00e4hrend des Abstimmungs\u00adkampfs weilte Harouna Kabor\u00e9, der Wirtschafts\u00administer von Burkina Faso, auf Schweizbesuch\u00a0\u2013 und sagte, die Initiative gr\u00fcnde in neokolonialem Gedankengut.<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Ich erkenne nichts Neokoloniales am Grundsatz, dass Schweizer Firmen sich auch anderswo an Schweizer Gesetze halten sollen. Das ist schlicht not\u00adwendig\u00a0\u2013 gerade auch in Burkina Faso, wo es grosse Probleme mit Kinder\u00adarbeit gibt; so gross, dass das Land Kinder\u00adarbeiter in andere L\u00e4nder exportiert. Kabor\u00e9s Auftritt war hinterh\u00e4ltig, wusste in Afrika doch niemand von der Konzern\u00adverantwortungs\u00adinitiative. Im Januar ver\u00f6ffentlichte ich <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=tgSOKGXxv38\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-css-1p694hx=\"\" data-css-9r2oe9=\"\" data-css-1ew9xm2=\"\">ein Youtube-Video \u00fcber seinen Auftritt in Bern<\/a> und \u00fcber die Initiative, die Resonanz war sehr gross. Kabor\u00e9 musste sich rechtfertigen, eine Debatte wurde lanciert. [\u2026]<\/p>\n<p><strong>Sie sagten, die Konzern\u00adverantwortungs\u00adinitiative sei eine verpasste Chance. Was erwarten Sie von Ihrem Mutter\u00adland Schweiz in Zukunft?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Ich erwarte von der politischen Schweiz, dass sie darauf h\u00f6rt, was 50,7\u00a0Prozent der Schweizer Bev\u00f6lkerung im November zum Ausdruck gebracht haben: dass Schweizer Konzerne in Afrika und \u00fcberall sonst auf der Welt die gleiche Verantwortung wahrzunehmen haben wie hier. Ich w\u00fcnsche mir, dass eine Debatte entsteht \u00fcber Sinn und Unsinn der Entwicklungs\u00adhilfe, \u00fcber postkoloniale Strukturen\u00a0\u2013 und ich w\u00fcnsche mir, dass die Hausfrau realisiert, dass das St\u00fcck Schoggi, das sie isst, eine Geschichte hat, die in direktem Zusammen\u00adhang mit den Migranten steht, \u00fcber die die Zeitungen schreiben. Nicht nur die Schweiz, auch Europa, Afrika und der Rest der Welt m\u00fcssen realisieren: Wir k\u00e4mpfen alle gegen den gleichen\u00a0\u2013 den einzig wahren\u00a0\u2013 Gegner. Und das ist die Armut.<\/p>\n<p><strong><em>Das vollst\u00e4ndige Interview kann <a href=\"https:\/\/www.republik.ch\/2021\/06\/24\/staatliche-entwicklungshilfe-schafft-sie-ab\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">beim digitalen Magazin Die Republik nachgelesen werden<\/a>. <\/em><em>Wir bedanken uns f\u00fcr die freundliche Genehmigung der Redaktion Teile des Interviews zu ver\u00f6ffentlichen.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Der komplette Beitrag oder Teile davon darf nur mit ausdr\u00fccklicher Genehmigung der Republik-Redaktion \u00fcbernommen werden.<\/strong><\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong><em>Nathalie Yamb<\/em><\/strong><em> wird 1969 als Tochter einer Schweizer Schneiderin und eines Zimmermanns aus Kamerun in La Chaux-de-Fonds geboren. In ihrem achten Lebensjahr zieht die Familie nach Kamerun. Mit\u00a018 kehrt sie alleine zur\u00fcck nach Europa, um in Deutschland Journalismus, Politik\u00adwissenschaft und Germanistik zu studieren. Nach Anstellungen bei deutschen Fernseh\u00adsendern kehrt sie 1999 schwanger zur\u00fcck nach Kamerun, weil sie ihren Sohn Malik in Afrika aufziehen will. Sie muss ihrem Vater versprechen, dass sie in Afrika nie als Journalistin arbeiten wird\u00a0\u2013 zu gef\u00e4hrlich\u00a0\u2013, und wechselt in die Kommunikation. Dort arbeitet sie f\u00fcr multinationale Konzerne wie Exxon, McCann und Geodis und wird schliesslich von der d\u00e4nischen Firma A.\u00a0P.\u00a0Moller-Maersk abgeworben, die vor allem in den Bereichen Transport und Logistik t\u00e4tig ist. Yamb hat unter anderem als HR-Direktorin von APM Terminals Nigeria 1200\u00a0Angestellte unter sich. Nebenbei schreibt sie politische Analysen und frankreich\u00adkritische Artikel\u00a0\u2013 wegen Bedenken ihres Arbeitgebers unter anderem unter dem Pseudonym \u00abMahalia Nteby\u00bb. Um sich vermehrt politisch engagieren zu k\u00f6nnen, wechselt sie 2007 in die F\u00fchrungs\u00adetage von der in S\u00fcdafrika beheimateten MTN Group, der neuntgr\u00f6sste Mobile Network Operator der Welt. 2011 gr\u00fcndet sie parallel dazu in ihrer Wahlheimat C\u00f4te d\u2019Ivoire die Oppositions\u00adpartei Lider mit und wechselt schliesslich 2015 ganz in die Politik. Seit ihrer Ausschaffung in die Schweiz im Jahr\u00a02019 und auch aufgrund der Pandemie hat sie vorerst ihre politischen Aktivit\u00e4ten ins Internet verlagert.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frankreich kolonialisiert Afrika weiterhin, afrikanische Politiker sind k\u00e4uflich, und Entwicklungshilfe ist sch\u00e4dlich. Das sagt die westafrikanische Oppositions\u00adpolitikerin und Schweiz-Kamerunerin Nathalie Yamb. Es folgt ein Auszug aus dem Interview von Anja Conzett f\u00fcr das digitale Magazin &#8222;Die Republik&#8220;. 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