{"id":1374772,"date":"2021-06-06T08:42:46","date_gmt":"2021-06-06T07:42:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1374772"},"modified":"2021-06-06T08:42:46","modified_gmt":"2021-06-06T07:42:46","slug":"black-lives-matter-und-zapatismo-bewegungen-die-grenzen-durchbrechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/06\/black-lives-matter-und-zapatismo-bewegungen-die-grenzen-durchbrechen\/","title":{"rendered":"Black Lives Matter und Zapatismo: Bewegungen, die Grenzen durchbrechen"},"content":{"rendered":"<p>Zwei der gr\u00f6\u00dften sozialen Bewegungen in Amerika haben im vergangenen Jahr au\u00dfergew\u00f6hnliche und vielversprechende soziale Ereignisse angesto\u00dfen. Beide sind ber\u00fchmt f\u00fcr die Radikalit\u00e4t und Koh\u00e4renz ihres zivilen Widerstands und ihre moralische und faktische Entschlossenheit. Auch in Kolumbien erstarkt gerade eine breite Mobilisierung, die umfassende gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen fordert. N\u00e4hern wir uns den Ereignissen mit einem ehrf\u00fcrchtigen und zugleich neugierigen Blick, um von den j\u00fcngsten Widerstandsbewegungen zu lernen.<\/p>\n<p><strong>Friedlicher ziviler Widerstand: die Streik-Bewegung in Kolumbien <\/strong><\/p>\n<p>Die kolumbianische <em>Universidad de la Amazon\u00eda<\/em> berichtete als erste von\u00a0 der breiten sozialen Erhebung, die sich selbst als \u201efriedlicher ziviler Widerstand\u201c begreift und sich auf alle Bereiche des Landes erstreckt. Die klassen\u00fcbergreifende Bewegung verbindet verschiedene Identit\u00e4ten und zivilgesellschaftliche Organisationen. Kennzeichnend f\u00fcr den \u201enationalen Streik\u201c sind Verweigerung, radikale Positionierung und ziviler Ungehorsam. Der Begriff \u201eStreik\u201c mag Assoziationen hervorrufen, die nicht recht zu den Ereignissen passen wollen. Denn es geht nicht um Stillstand, sondern um Voranschreiten mit Riesenschritten, um die ersehnten Ziele zu erreichen: Gerechtigkeit, W\u00fcrde und Frieden. Nat\u00fcrlich passiert auch viel Schreckliches, und nat\u00fcrlich ist auch Angst im Spiel angesichts der brutalen Unterdr\u00fcckung durch die Regierung, der au\u00dfergerichtlichen Hinrichtungen, dem Verschwinden von Personen und der existenziellen Not, von der das ganze Land betroffen ist. Aber noch gr\u00f6\u00dfer ist die Hoffnung fast der ganzen Bev\u00f6lkerung, die sich mit tatkr\u00e4ftiger Entschlossenheit den \u00f6ffentlichen Raum zur\u00fcckgeholt hat.<\/p>\n<p><strong>BLM: Rassismus und Klassismus von Grund auf bek\u00e4mpfen<\/strong><\/p>\n<p>Im Prozess um den Tod George Floyds erkl\u00e4rten die elf Geschworenen den Polizisten Derek Chauvin einstimmig f\u00fcr schuldig \u2011 ein \u201ehistorisch einzigartiges Urteil\u201c f\u00fcr den \u201egewaltt\u00e4tigen Normalzustand\u201c, den etliche Communities Tag f\u00fcr Tag erleben: in Form von Missbrauch, brutaler milit\u00e4rischer Gewalt, die ungestraft bleibt und nat\u00fcrlich im systematischen Rassismus gegen\u00fcber Afroamerikaner*innen und anderen Minderheiten, verbreitet und potenziert \u00a0in den sozialen Medien, best\u00e4tigt durch unz\u00e4hlige Augenzeugenberichte, Fotos und Videos, die immer gr\u00f6\u00dfere Verbreitung in der \u00d6ffentlichkeit finden, aber auch durch die Arbeiten professioneller Filmemacher*innen. Besonders hervorheben m\u00f6chten wir \u201eDer 13.\u201d von Ava Du Vernay, die auch bei \u201cSelma\u201d, einem Spielfilm \u00fcber Martin Luther King und seinen Kampf f\u00fcr B\u00fcrgerrechte, Regie f\u00fchrte.<\/p>\n<p><strong>Die Verurteilung Derek Chauvins markiert einen Wendepunkt<\/strong><\/p>\n<p>Zwar \u00e4ndert sich durch dieses au\u00dfergew\u00f6hnliche Urteil weder das System noch die Rechtsprechung, dennoch ist es ein wichtiger Schritt in Richtung eines unverzichtbaren und dringenden Wandels. Es ist ein Anfang, kein Sprint \u00fcber die Ziellinie, und doch: Die breite Unterst\u00fctzung, die wachsende Welle der Emp\u00f6rung, der Widerstand und die unerwartete Neuverhandlung der Machtfrage geben Anlass zu echter Hoffnung, die \u00fcber substanzlose Tr\u00e4umereien hinausgeht. Die aus etlichen sozialen Organisationen, Kollektiven und Einzelpersonen bestehende Black Lives Matter-Bewegung fungierte als Wegbereiterin f\u00fcr die Verurteilung Chauvins. Auf Gleichberechtigung beruhend und ohne Personenkult, dezentral und gewaltfrei organisiert, hat Black Lives Matter den brutalen Rassismus, das Prinzip der \u201ewei\u00dfen Vorherrschaft\u201c und den strukturellen Klassismus der Gesellschaft und des nordamerikanischen Staats \u2013 national wie international \u2013 mit einer enormen Klarheit und Legitimit\u00e4t \u00f6ffentlich entlarvt und deutlich gemacht, dass dieses Land nicht nur ein Problem mit Rassismus hat, sondern auch mit Klassen, mit Armut und mit sozialer Ausgrenzung.<\/p>\n<p><strong>Entmenschlichung: ein Lernziel der Polizeiausbildung<\/strong><\/p>\n<p>Was die aktuellen sozialen Bewegungen gemeinsam haben: Sie sind strategisch wie taktisch ausgesprochen einfallsreich und vielf\u00e4ltig, machen in Foren, Medien und \u00f6ffentlichen Diskussionen\u00a0 auf sich aufmerksam, organisieren in \u00f6ffentlichen R\u00e4umen gro\u00dfe Protestaktionen, Demos und Kundgebungen, Boykotte und zivilen Ungehorsam wie Nichtachtung der Ausgangssperre. Dabei wird immer versucht, m\u00f6glichst viele Menschen unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft und mit unterschiedlichen kulturellen Hintergr\u00fcnden f\u00fcr die Aktionen zusammenzubringen, die oft symbolischen und festlichen Charakter haben, und Provokationen durch gewaltt\u00e4tige Gruppen und der milit\u00e4risch aufger\u00fcsteten Polizei m\u00f6glichst aus dem Weg zu gehen. Ziel ist es, etwas gegen die Terrorisierung der Bev\u00f6lkerung zu unternehmen und die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit auf das menschenverachtende Verhalten der Sicherheitskr\u00e4fte gegen\u00fcber den schw\u00e4chsten Gliedern der Gesellschaft zu richten. Parallel begann die Bewegung, neue Ans\u00e4tze f\u00fcr das Bildungswesen, die Justiz und die Politik im allgemeinen zu entwickeln, um die Grundlagen des institutionellen, strukturellen und systematischen Rassismus, Klassismus und politischer Gewalt zu bek\u00e4mpfen und f\u00fcr die Demilitarisierung der Polizei zu streiten: Position zu beziehen gegen milit\u00e4rische Aufr\u00fcstung und das aggressive Auftreten auf den Stra\u00dfen und in den Vierteln, das die Bewohner*innen zu \u201eFeinden und Kriegszielen\u201c erkl\u00e4rt. Ein weiterer Kernpunkt der Kritik: der entmenschlichende Drill der Polizeiausbildung, der den jeweiligen Zweck v\u00f6llig von den Mitteln abkoppelt. Die Argumente, die Chauvins Anwalt im Prozess vorbrachte, um seinen Mandanten zu verteidigen, sind exemplarisch f\u00fcr den Prozess der Entmenschlichung, den Polizist*innen w\u00e4hrend der Ausbildung durchlaufen und die dazu f\u00fchren, dass fertig ausgebildete Polizist*innen am Ende nicht dazu in der Lage sind zuzuh\u00f6ren \u2013aus Misstrauen oder rassistischen Motiven \u2013, nicht einmal dann, wenn ein anderer Mensch sagt: \u201eIch kann nicht atmen\u201c. Entsprechend argumentierte sein Verteidiger, Chauvins Handeln sei eine \u201erechtlich legitimierte Form der Gewaltaus\u00fcbung\u201c, ein \u201eangemessener Strafverfolgungsstandard\u201c und \u201ekeine unrechtm\u00e4\u00dfige Aggression\u201c. Chauvin sei ein \u201evern\u00fcnftiger Polizist\u201c. Unterm Strich bedeutet das, ein Psychopath und ein vern\u00fcnftiger Polizist, der die Regeln des Staates und des Systems vollst\u00e4ndig befolgt, sind quasi ein und dasselbe.<\/p>\n<p><strong>Was h\u00e4tte man tun k\u00f6nnen, um Floyds Tod zu verhindern?<\/strong><\/p>\n<p>Die damals 17-j\u00e4hrige Afroamerikanerin Darnella Frazier filmte neun Minuten lang die Ermordung George Floyds mit ihrem Handy. Ihr Telefon nutzte sie als \u201egewaltfreie Waffe\u201c, um \u201edie Wahrheit zu dokumentieren\u201c, die T\u00e4ter zu entlarven und das Opfer zu entlasten. Sie stellte den Film ins Netz und brachte damit eine internationale Welle der Emp\u00f6rung ins Rollen. Was jedoch h\u00e4tte man tun k\u00f6nnen, um Chauvin zu bremsen? Das Filmen und Ver\u00f6ffentlichen waren notwendig zur Offenlegung der polizeilichen Gewalt. Aufgehalten wurde die neun Minuten lange Ermordung damit nicht. Wie kann eine Zivilgesellschaft \u201edagegenhalten\u201c, statt angesichts der Gewalt von Autorit\u00e4ten immer machtloser zu werden? Sicher ist Angst ein Faktor, der uns vom Einzugreifen abh\u00e4lt, aber es ist wichtig, nicht in l\u00e4hmenden Schrecken zu verfallen. Kontrollierte Angst hilft zu reflektieren, um kollektiv sogar besser zu handeln, Vielleicht k\u00f6nnte man sich f\u00fcr die n\u00e4chste Gelegenheit \u00fcberlegen, wie man nach den eigenen moralischen \u00dcberzeugungen handeln und sich, ohne weitere Tote zu riskieren, gewaltfrei, aber entschlossen physisch einmischen kann, beispielsweise indem man sich sofort m\u00f6glichst dicht neben das Opfer stellt und laut \u201eH\u00f6rt auf!\u201c ruft, oder indem man die Polizei einkreist und sie anschreit, dass sie aufh\u00f6ren sollen und dass gefilmt wird. Es geht darum, sich den T\u00e4ter*innen irgendwie gewaltfrei zu n\u00e4hern, sie herauszufordern, um eine Reaktion zu provozieren und ihnen bewusst zu machen, was eigentlich gerade geschieht in dieser von ihnen geschaffenen \u201eBlase\u201c, die sie wie ein Sicherungsfeld um sich herum geschaffen haben. M\u00f6glich, dass die Reaktion der Polizei gef\u00e4hrlich und gewaltt\u00e4tig ausf\u00e4llt, aber darin l\u00e4ge vielleicht die Chance, als Kollektiv ein Leben zu retten.<\/p>\n<p>Es geht nicht darum, anderen vorzuschreiben, was sie tun sollen, zumal auch kein Patentrezept existiert. Es ist ein Versuch, laut dar\u00fcber nachzudenken, wie die Wehrlosigkeit der Gesellschaft verringert werden kann, ohne das \u201eRealit\u00e4tsprinzip\u201c au\u00dfer Acht zu lassen, und inwiefern eine moralische Identit\u00e4t des gewaltfreien Widerstands konkretes Handeln erfordert, sofern ein Spielraum vorhanden ist. Die Tat an George Floyd war keine paramilit\u00e4rische oder au\u00dfergerichtliche Hinrichtung, denn es gab einen, wenn auch minimalen, rechtlichen, institutionellen Rahmen, und es wurde in aller \u00d6ffentlichkeit gehandelt. In so einer Situation muss man also irgendwie versuchen, kollektiv zu der gewaltt\u00e4tigen Autorit\u00e4t durchzudringen und sie mit ihrem Vorgehen zu konfrontieren.<\/p>\n<p><strong>Widerstand: Der zapatistische Berg, der Kurs auf Europa nimmt<\/strong><\/p>\n<p>So paradox es auch scheinen mag: In einer Zeit, in der fast die gesamte Welt paralysiert ist angesichts der Pandemie, durchbricht die zapatistische Bewegung wieder einmal die Grenzen und kreiert ihren ganz eigenen Weg des gesellschaftlichen Widerstands. Bewohner*innen des Dschungels sind zu einer achtw\u00f6chigen umgekehrten Eroberungstour aufgebrochen. Das Segelschiff \u201eLa Monta\u00f1a\u201c (der Berg) wird sie von der Islas Mujeres in Mexiko nach Vigo in Galizien bringen, wo diese erste Delegation im Juni mit weiteren per Flugzeug angereisten Vertreter*innen zusammentreffen wird, um sich \u201evon gleich zu gleich\u201c und \u201emit gleichgesinnten\u201c Aktivist*innen, Widerstandsgruppen und Organisationen aus rund 30 europ\u00e4ischen L\u00e4ndern zusammenzusetzen. Sie ind verbunden durch Allianzen, Koalitionen und Solidarit\u00e4tsbewegungen, die in fast 30 Jahren des internationalen Zapatismus entstanden sind und ihren Fokus auf die Mobilisierung \u201evon unten\u201c, \u201evon den Ausgeschlossenen\u201c, vom \u201esozialen Kampf ausgehend\u201c legen.<\/p>\n<p><strong>Die Botschaft der Zapatist*innen ist international und nicht an das Heute gebunden<\/strong><\/p>\n<p>Welche Ergebnisse aus der kollektiven Reflektion, dem gegenseitigen Lernen und der Allianz der internationalen K\u00e4mpfe f\u00fcr einen grundlegenden Wandel des kapitalistischen globalisierten Systems hervorgehen, wird man sehen, aber es besteht definitiv Hoffnung, denn es gibt diesen strategischen Ansatz, der uns ermutigt, nicht nachzulassen und weiterzuk\u00e4mpfen. Fast alle Bewegungen und ihre Aktivist*innen sind in einem regionalen Kollektiv, einem Dorf bzw. einer lokalen Community verortet, und doch ist ihr Kampf universell und ihre Botschaft international und nicht an das Heute gebunden. Hier liegen die Wurzel und die Inspiration f\u00fcr die \u201eandere Globalisierung\u201c, paradoxerweise getragen von den Vertreter*innen der \u201eGlobalisierungsphobie\u201c.<\/p>\n<p>Der Zapatismus hat von jeher Humor und das Paradoxe als Waffe des sozialen Kampfes eingesetzt: \u201eWir bedecken unsere Gesichter, damit sie uns sehen. Wir benutzen Gewehre in der Hoffnung, dass wir sie nicht brauchen, wir reisen auf einem Berg auf dem Seeweg. Wir bewegen uns in einer Zeit, in der die Welt aufgefordert ist, zu Hause zu bleiben. Wo das System uns auffordert, uns mit ihren t\u00f6dlichen Fehlern abzufinden, leisten wir Widerstand\u201c.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung: Sezer Yasar<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei der gr\u00f6\u00dften sozialen Bewegungen in Amerika haben im vergangenen Jahr au\u00dfergew\u00f6hnliche und vielversprechende soziale Ereignisse angesto\u00dfen. Beide sind ber\u00fchmt f\u00fcr die Radikalit\u00e4t und Koh\u00e4renz ihres zivilen Widerstands und ihre moralische und faktische Entschlossenheit. 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