{"id":1368228,"date":"2021-05-24T13:31:34","date_gmt":"2021-05-24T12:31:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1368228"},"modified":"2021-05-24T13:31:34","modified_gmt":"2021-05-24T12:31:34","slug":"allah-und-die-linke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/05\/allah-und-die-linke\/","title":{"rendered":"Allah und die Linke"},"content":{"rendered":"<p><strong>Aus Furcht, Rechten Z\u00fcndstoff zu liefern, schweigt die parteipolitische und au\u00dferparlamentarische Linke zum Thema Islam. Der \u201eIslamophobie\u201c-Vorwurf soll Kritiker mundtot machen. <\/strong><strong>Es ist an der Zeit, die Zur\u00fcckhaltung im Umgang mit dem politischen Islam aufzugeben. Galt nicht Religionskritik sp\u00e4testens mit Voltaire einmal als Selbstverst\u00e4ndlichkeit?<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Von Helmut Ortner<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die Tat war barbarisch: Im Oktober wurde der 47-j\u00e4hrigen Lehrer Samuel Paty nahe seiner Schule in einem Pariser Vorort auf offener Stra\u00dfe enthauptet. Der T\u00e4ter: ein junger islamistischer Terrorist. Patys \u201eVerbrechen\u201c: in seiner Unterrichtsstunde zur Meinungsfreiheit hatte er Mohammed-Karikaturen aus der Satirezeitschrift\u00a0<em>Charlie Hebdo<\/em>\u00a0gezeigt. Er wollte Denken lehren, nicht Glauben.<\/p>\n<p>Der Mord l\u00f6ste Entsetzen aus. Pr\u00e4sident Macron hielt danach auf einer Trauerfeier ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Meinungsfreiheit und verteidigte die religionskritischen Karikaturen und Texte. Daf\u00fcr bekam er viel Kritik, vor allem in der islamischen Welt. Das sunnitische Rechtsinstitut\u00a0<em>Al Azhar<\/em>\u00a0in Kairo verurteilte Macrons Aussagen als \u201erassistisch und dazu geeignet, die Gef\u00fchle von zwei Milliarden Muslimen in der Welt entflammen zu lassen\u201c (zeit-online vom 28.10.2020). Kurz darauf kam es zu \u201eentflammten\u201c Protesten in muslimischen L\u00e4ndern und zu Boykottaufrufen gegen Frankreich. Besch\u00e4mend aber: Macron erhielt kaum R\u00fcckendeckung aus Europa, auch nicht aus Deutschland. Keine klaren Worte aus der Politik. Keine Zeitung, kein Magazin druckte die Karikaturen (\u00fcber die Paty aufkl\u00e4ren wollte) nach, nicht <em>die S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em>, nicht der <em>SPIEGEL<\/em>, nicht die <em>ZEIT<\/em>, nirgendwo gab es Solidarit\u00e4ts-Demonstrationen. Man blieb im Allgemeinen, verurteilte den \u201eTerror, woher auch immer er kommt&#8230;\u201c. Von religi\u00f6sem Wahn wollte niemand reden.<\/p>\n<p>Nach Paris kam Nizza, dann Wien: Allahs verwirrte Bodentruppen setzten ihren m\u00f6rderischen Amoklauf fort. Er ist der blutige Begleitrahmen eines Prozesses, der seit einigen Jahren in Gange ist: die Einsch\u00fcchterung des Denkens, das Bek\u00e4mpfung des Rechts auf freie Meinung, einschlie\u00dflich des Rechts auf Spott. W\u00e4hrend die Kritik an den Kirchen und am Christentum &#8211; inklusive derber Witze \u00fcber Papst und Klerus &#8211; als legitim anerkannt ist, wird Kritik am Islam mit dem Vorwurf der Islamophobie zum Schweigen gebracht. Der Islam wird gro\u00dffl\u00e4chig exkulpiert.<\/p>\n<p>Dass der m\u00f6rderische Terror \u201enichts mit dem Islam zu tun hat\u201c, das behaupten gerne weite Teile des linken Polit-Milieus. Wer den Islam als doktrin\u00e4re, meinungs- und frauenfeindliche Ideologie brandmarkt, wird schnell des Rassismus verd\u00e4chtigt. Der Begriff\u00a0<em>Islamophobie wird\u00a0<\/em>zum Verteidigungs-Kampfbegriff gegen jede Kritik am Islam gemacht. Das kritische linke Welt-Bewusstsein &#8211; ansonsten jederzeit und allerorten gegen abrufbar &#8211; kommt zum Erliegen. [1] Eine fragw\u00fcrdige linke Ein\u00e4ugigkeit. Was ist da los?<\/p>\n<p>Warum schweigt die politische Linke, pr\u00e4ziser: das linksliberale Moralmilieu, wenn die Werte der Aufkl\u00e4rung durch fundamentalistische Islamisten bedroht werden? Wie ist es m\u00f6glich, dass einer sich als emanzipatorisch verstehenden Linken ausgerechnet in der Auseinandersetzung mit dem Islam ihre Sprache abhandenkommt (und sie diese notwendige Auseinandersetzung damit der Rechten \u00fcberl\u00e4sst)? Man sollte meinen, f\u00fcr Aufkl\u00e4rung und Freiheit zu k\u00e4mpfen, geh\u00f6re zur politischen DNA der kulturell-politischen Linken. [2]<\/p>\n<p>Schon nach dem Mordanschlag auf <em>Charlie Hebdo <\/em>am 7. Januar 2015, als zwei maskierte T\u00e4ter in die Redaktionsr\u00e4ume der Zeitschrift eindrangen und elf Menschen bestialisch ermordeten (darunter ein zum Personenschutz abgestellter Polizist und ein weiterer Polizist auf der Flucht), gab es zahlreiche franz\u00f6sische linke Intellektuelle, die die \u201eVerantwortungslosigkeit\u201c des Satiremagazins beklagten. Sie machten\u00a0<em>Charlie Hebdo <\/em>letztlich selbst f\u00fcr das Blutbad verantwortlich, weil Zeichnungen im Blatt immer wieder islamfeindlich gewesen seien. Beispielsweise auf einer Titelseite aus dem Jahr 2006, die Kurt Westergard gewidmet war, der wegen seiner Karikaturen in der d\u00e4nischen Tageszeitung\u00a0<em>Jyllands-Posten<\/em>\u00a0ebenfalls von Fundamentalisten mit dem Tod bedroht worden war. Was war\u00a0<a href=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/5088856d-4b35-40c7-b7bf-7ff351144bf4_w948_r1.77_fpx51.45_fpy52.97.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">auf dem Titelblatt<\/a>\u00a0zu sehen?<\/p>\n<p>Ein b\u00e4rtiger Mann mit Turban h\u00e4lt seinen Kopf zwischen den H\u00e4nden. Er weint oder ist sehr \u00e4rgerlich. In der Sprechblase steht: \u201eSchon hart, wenn einen Idioten lieben&#8230;\u201c. Die Zeilen \u00fcber der Zeichnung erl\u00e4utern: \u201eMohammed beklagt sich&#8230; Er wird von Fundamentalisten \u00fcberrollt!\u201c. Der Prophet beklagt sich also \u00fcber die Haltung seiner fanatischen Anh\u00e4nger. In einer aufgekl\u00e4rten, freien Gesellschaft nennt man das politische Karikatur. Nicht jeder muss \u00fcber diese Karikatur schmunzeln, jeder darf sich beleidigt f\u00fchlen. Aber Frankreich hat den Blasphemie-Paragraphen, dieses \u201eimagin\u00e4re Verbrechen\u201c (Jaques de Saint Victor) schon 1871 abgeschafft.<\/p>\n<p>In der Beschw\u00f6rung des \u201eRespekts vor religi\u00f6sen Anschauungen\u201c sind sich alle Religionen einig, und mittlerweile nicht nur die. Pochten fr\u00fcher nur ultra-religi\u00f6se und konservative Kreise auf unbedingte Einhaltung der \u201eGewissens- und Religionsfreiheit\u201c (deren Einschr\u00e4nkung ja nirgendwo propagiert wird, allenfalls das Recht, Religionen, ihre Dogmen und Verk\u00fcnder zu kritisieren oder diese zu verspotten), machen sich mittlerweile auch vermeintlich progressive, antirassistische Bewegungen f\u00fcr die Einschr\u00e4nkung oder Abschaffung der Meinungsfreiheit stark. Das B\u00fcndnis zwischen Religionsvertretern und progressiven Denkern sagt viel aus \u00fcber die geistige dogmatische Verwandtschaft. Alle diese Bedenkentr\u00e4ger \u00e4u\u00dfern, dass die \u201eLaizit\u00e4t\u201c achtenswert sei, \u201esolange sie alle religi\u00f6sen Anschauungen\u201c akzeptiere. Dabei hat der Laizismus stets die Gl\u00e4ubigen, nie aber eine einzige Religion besch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Viele halten politische Karikaturen, in denen Propheten und G\u00f6tter nach Gusto des Zeichners \u201esichtbar\u201c gemacht werden f\u00fcr strafw\u00fcrdige Blasphemie und\u00a0<em>Charlie Hebdo <\/em>nach wie vor f\u00fcr eine islamophobe, rassistische Zeitung. Ein heuchlerischer Vorwurf.<\/p>\n<p>In einer Streitschrift, die Chefredakteur Charb (Stephane Charbonnier) erst zwei Tage vor seiner Ermordung beendet hatte, wandte er sich gegen den Vorwurf, sein Magazin w\u00fcrde Angst und Aggression \u201egegen den Islam\u201c entfesseln. Die Tonalit\u00e4t des Textes wie immer provokant, polemisch, sarkastisch. Ein unerschrockenes, beeindruckendes Pl\u00e4doyer f\u00fcr Meinungsfreiheit und gegen jegliche Zensur. [3]<\/p>\n<p>Charb sollte recht behalten, denn nur wenige Monate sp\u00e4ter, nach den Massakern vom November 2015 im\u00a0<em>Club Bataclan<\/em>\u00a0und in den Stra\u00dfencafes des 11. Bezirks, meldeten sich alle gro\u00dfen links-liberalen Geister der Republik zu Wort, so, wie er vorausgesagt hatte. F\u00fcr Alain Badiou erkl\u00e4rten sich die Morde aus \u201eder Leere und Verzweiflung, bedingt durch die aggressive Dominanz des westlichen Kapitalismus und der ihm dienenden Staaten\u201c. Ein anderer Philosoph, der viel gelesene und popul\u00e4re Michel Onfray, lie\u00df wissen, f\u00fcr die Toten sei ausschlie\u00dflich der franz\u00f6sische Staat verantwortlich, da er eine \u201eislamophobe Politik\u201c betreibe und nun ernte, was er ges\u00e4t habe. [4]<\/p>\n<p>Nach dem Anschlag von Nizza am franz\u00f6sischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli 2016, als ein Attent\u00e4ter mit einem LKW in eine Menschenmenge raste, \u00e4u\u00dferte sich auch Jean-Luc Nancy, der zu den bekanntesten Philosophen der Gegenwart nicht nur in Frankreich z\u00e4hlt: \u201eWir m\u00fcssen uns selbst anklagen, wir m\u00fcssen endlich unser unstillbares und universelle Streben nach Macht stoppen. Wir m\u00fcssen die verr\u00fcckten LKWs unseres angenommenen Fortschritts stoppen und demolieren, unsere Dominanz-Phantasien und die kommerzielle Gewinnsucht\u201c &#8230; Man k\u00f6nnte fragen: Hat den Mann eine gravierende Schwindsucht erfasst und seinen Geist vollends vernebelt? Die Opfer sollen f\u00fcr ihr Schicksal selbst verantwortlich sein. Ist das grenzenloser Zynismus, grobe Dummheit oder tiefsitzender Selbsthass? In jedem Fall eine Ermutigung f\u00fcr weitere m\u00f6rderische Gotteskrieger und fanatische \u201eIslamphobie\u201c-Streiter.<\/p>\n<h4><strong>Der Islamophobie bezichtigt<\/strong><\/h4>\n<p>Im M\u00e4rz 2021 mussten zwei Universit\u00e4tsprofessoren in Grenoble um ihr Leben f\u00fcrchten, weil Studenten ihre Namen in gro\u00dfen Lettern an das Unigeb\u00e4ude plakatiert hatten und sie der Islamophobie bezichtigten. Auch in den sozialen Netzwerken hielten die von der Studentengewerkschaft\u00a0<em>UNEF (Union nationale des \u00e9tudiants de France) <\/em>unterst\u00fctzten Aktivisten den beiden Professoren islamfeindliche Haltungen vor. Ausgangspunkt war eine Diskussion unter Studenten und Lehrkr\u00e4ften dar\u00fcber, ob f\u00fcr ein geplantes Seminar zum Thema Gleichheit die Islamophobie gleichrangig mit Antisemitismus und Rassismus im Titel stehen sollte. Einer der beiden Professoren, Klaus Kinzler, der als Professor f\u00fcr deutsche Sprache und Kultur am\u00a0<em>Institut des Sciences Po<\/em> bereits seit 25 Jahren angestellt ist, \u00e4u\u00dferte sich gegen\u00fcber Medien, es treffe ihn schwerer, dass etwa 80 Prozent seiner Professoren-Kollegen die Unterst\u00fctzung verweigerten oder heuchlerisch verlauten lie\u00dfen, er habe ja selbst zu der Polemik beigetragen. \u201eIch habe wirklich keinen Kreuzzug gegen den Islam geplant. Ich wollte nur das Konzept der Islamophobie kritisch hinterfragen\u201c, sagte er.<\/p>\n<p>Vincent T., ebenfalls Professor am Institut des Scienes Po, sprang seinem Kollegen in Folge zur Seite und geriet auf Facebook ebenfalls ins Visier der Studentengewerkschaft <em>UNEF<\/em>. Eine Kollegin aus Kinzlers Institut zeigte sich \u00fcber dessen Aussagen so emp\u00f6rt, dass sie sich kurzerhand eine Woche krankschreiben lie\u00df. Die Aff\u00e4re zog laut Kinzler im Anschluss ohne sein weiteres Zutun immer weitere Kreise und erreichte nun sogar die politische B\u00fchne. So verteidigte die beigeordnete Innenministerin Marl\u00e8ne Schiappa das Recht des Professors, seine Einsch\u00e4tzung zu dem Begriff der Islamophobie kund zu tun und kritisierte die Kampagne der studentischen Aktivisten scharf: \u201eNach der Enthauptung Samuel Patys ist das eine besonders widerliche Tat, denn er war genauso den sozialen Netzwerken zum Fra\u00df vorgeworfen worden\u201c, erkl\u00e4rte Schiappa im Fernsehsender <em>BFM-TV<\/em>. \u201e<em>UNEF<\/em> hat in Kauf genommen, die beiden Professoren in Lebensgefahr zu bringen\u201c, zeigte sich die Politikerin emp\u00f6rt und bezeichnete es als verst\u00f6rend, dass die Studentengewerkschaft in den sozialen Netzwerken zu einer beleidigenden Hasskampagne gegen die Professoren mobilgemacht habe. Auch Marine Le Pen griff nun die Debatte dankend auf und sah sich darin best\u00e4tigt, dass es an Universit\u00e4ten eine \u201eabsto\u00dfende, sektiererische Islamo-Linke gibt, die keine Grenzen kennt\u201c. Das Verhalten der Aktivisten spielt somit auch der rechtspopulistischen Partei Frankreichs <em>Rassemblement National<\/em> in die H\u00e4nde, der Marine Le Pen vorsteht. [5]<\/p>\n<p>F\u00e4lle, in denen an Universit\u00e4ten Dozenten f\u00fcr Meinungen und Aussagen von aktivistischen Gruppen heftiger, diffamierender Kritik ausgesetzt sind, sind mittlerweile keine Einzelf\u00e4lle mehr. In Deutschland hatte die Frankfurter Uni-Professorin Susanne Schr\u00f6ter, Direktorin des dortigen Instituts f\u00fcr Ethnologie, eine Veranstaltung \u201eDas islamische Kopftuch &#8211; Symbol der W\u00fcrde oder der Unterdr\u00fcckung?\u201c geplant und war deshalb zur Zielscheibe emp\u00f6rten Studenten und Aktivisten geworden. Unter dem Hashtag <em>#schroeter_raus<\/em> hatten sie in den sozialen Netzwerken eine Kampagne initiiert, mit der ihre Forderung nach einer Absetzung der Professorin unterstrichen werden sollte. Die Initiative warf Schr\u00f6ter sowie einigen der eingeladenen Referentinnen &#8211; darunter der bekannten Autorin und Frauenrechtlerin Alice Schwarzer und der Schriftstellerin Necla Kelek &#8211; antimuslimischen Rassismus vor. Deren Positionen zum politischen Islam bezeichnete sie als \u201eIslam-Bashing im Deckmantel der Religionskritik\u201c. [6]<\/p>\n<p>Die Universit\u00e4ten und ihre Vertreter knicken nur allzu oft vor lautstark emp\u00f6rten Aktivisten ein. Auch die Ausladung von Rednern oder das Niederbr\u00fcllen von Diskutanten reihen sich in derartige F\u00e4lle ein. Ein solches Klima an Hochschulen und k\u00f6nnte zur ernsthaften Gefahr f\u00fcr die Meinungsfreiheit und die Debattenkultur werden.<\/p>\n<p>Ob an Hochschulen, in Debatten-Foren oder auf medialen Plattformen: Wer den gegenw\u00e4rtigen Islam als eine frauenfeindliche, doktrin\u00e4re und rassistische Ideologie brandmarkt, wird gern des Rassismus und als \u201eislamophob\u201c verd\u00e4chtigt, auch hierzulande. Die Linke hat den Begriff <em>Islamophobie <\/em>zum Verteidigungs-Kampfbegriff gegen jede Kritik am Islam gemacht. Cinzia Sciuto, in Deutschland lebende Korrespondentin der italienischen kultur-politischen Zeitschrift <em>MicroMega<\/em>, beschreibt ein simples Experiment, um den instrumentellen Charakter des Wortes <em>Islamophobie <\/em>zu verdeutlichen:<\/p>\n<p><em>\u201eAuf Demonstrationen sieht man seit jeher aggressiv anti-religi\u00f6se und blasphemische Schilder und Slogans, was die [christliche] Kirche gewiss nicht erfreut. Man kann diese Slogans unangebracht, unangemessen, geschmacklos und noch vieles mehr finden, aber bisher wurde noch niemand, der sie pr\u00e4sentiert hat, der \u201aChristophobie\u2018&#8230;\u201c. [7]<\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Kritik an den Kirchen und am Christentum &#8211; inklusive derber Witze \u00fcber Papst und Klerus &#8211; als legitim betrachtet wird, wird Kritik am Islam mit dem Vorwurf der Islamophobie zum Schweigen gebracht, gerne mit dem Hinweis, dass es sich dabei um die Religion einer Minderheit handelt, die h\u00e4ufig rassistischer Diskriminierung ausgesetzt sei.<\/p>\n<p>Die islamischen Lobbyverb\u00e4nde <em>Inssan e.V.<\/em> und <em>CLAIM<\/em> (\u201eAllianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit\u201c), pr\u00e4sentierten im M\u00e4rz dieses Jahres aktuelle Zahlen und Statistiken als Beleg einer zunehmenden \u201eIslam- und Muslimfeindlichkeit in Deutschland\u201c. Folgt man den Angaben, steigt von Jahr zu Jahr der Grad der Diskriminierung, unter der Musliminnen und Muslime in Deutschland zu leiden haben. Doch stimmt diese Aussage tats\u00e4chlich mit den empirischen Befunden \u00fcberein? Der Sozialwissenschaftler Carsten Frerk, <em>Leiter der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid)<\/em>, hat sich dies genauer angeschaut: \u201eIch bezweifele keineswegs, dass es Muslimfeindlichkeit in unserer Gesellschaft gibt\u201c, sagt er, \u201eaber mit den Methoden, die <em>Inssan<\/em> beziehungsweise <em>CLAIM<\/em> anwenden, l\u00e4sst sich dieses bedauernswerte Ph\u00e4nomen nicht in angemessener Weise darstelle.\u201c Die Forschungsgruppe warnt davor, die Ergebnisse unkritisch zu \u00fcbernehmen, da sie ideologisch verzerrt sind und einer wissenschaftlichen \u00dcberpr\u00fcfung nicht standhalten. \u201eIm Zuge dieser Analyse\u201c schreibt Frerk in seiner Studie, \u201eerh\u00e4rtete sich immer st\u00e4rker der Eindruck, dass es nicht um eine korrekte Darstellung der sozialen Verh\u00e4ltnisse geht, sondern um die St\u00e4rkung der Strukturen des islamischen Lobbyismus beziehungsweise des legalistischen Islamismus, der die &#8218;Diskriminierungskarte&#8216; z\u00fcckt, um sich Vorteile gegen\u00fcber anderen gesellschaftlichen Gruppen zu verschaffen. Hierzu passt, dass beide Organisationen zum Netzwerk der Muslimbruderschaft in Deutschland <a href=\"https:\/\/fowid.de\/meldung\/islamischer-lobbyismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">gez\u00e4hlt werden<\/a>.\u201c [8] Klare Worte.<\/p>\n<h4><strong>Schweigen im Toleranz-Universum<\/strong><\/h4>\n<p>Und die Linke? Sie schweigt. Ihr kritisches Welt-Bewusstsein &#8211; ansonsten jederzeit und allerorten abrufbar &#8211; kommt zum Erliegen. Galt nicht Religionskritik sp\u00e4testens mit Voltaire einmal als Selbstverst\u00e4ndlichkeit? Gibt es Rettung aus dem linken Toleranz-Delirium? Vielleicht kann die Lekt\u00fcre von Ruud Koopmans dazu beitragen.<\/p>\n<div id=\"attachment_1368273\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1368273\" class=\"wp-image-1368273 \" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Atelier_de_Nicolas_de_Largilliere_portrait_de_Voltaire_detail_musee_Carnavalet_-001-1-720x449.jpg\" alt=\"\" width=\"757\" height=\"472\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Atelier_de_Nicolas_de_Largilliere_portrait_de_Voltaire_detail_musee_Carnavalet_-001-1-720x449.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Atelier_de_Nicolas_de_Largilliere_portrait_de_Voltaire_detail_musee_Carnavalet_-001-1-300x187.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Atelier_de_Nicolas_de_Largilliere_portrait_de_Voltaire_detail_musee_Carnavalet_-001-1.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 757px) 100vw, 757px\" \/><p id=\"caption-attachment-1368273\" class=\"wp-caption-text\">Fran\u00e7ois-Marie Arouet (Voltaire), Portr\u00e4t von Nicolas de Largilli\u00e8re (Atelier\/Werkstatt von Nicolas de Largilli\u00e8re | Gemeinfrei).<\/p><\/div>\n<p>Der Niederl\u00e4nder ist Direktor der Abteilung \u201eMigration, Integration und Transnationalisierung\u201c am Wissenschaftszentrum in Berlin und besch\u00e4ftigt sich seit Jahren mit den strukturell-politischen Problemen islamischer L\u00e4nder und dem grassierenden, systemimmanenten Fundamentalismus. Koopmans stellt die Frage, was Muslime und Nichtmuslime selbst tun k\u00f6nnen, um den Fundamentalismus zu schw\u00e4chen und liberale, reformorientierte Kr\u00e4fte innerhalb des Islam zu f\u00f6rdern. Zentral f\u00fcr den Beitrag zu einer L\u00f6sung sei es &#8211; so Koopmans &#8211; anzuerkennen, dass die Hauptursache f\u00fcr die Probleme der islamischen Welt nicht au\u00dferhalb des Islam &#8211; beim westlichen Kolonialismus, bei der Islamophobie &#8211; sondern in der Mitte der islamischen Gesellschaft selbst liege, in Form einer weit verbreiteten intoleranten Glaubensauffassung, die mit Hass und Gewalt gegen Andersgl\u00e4ubige und Ungl\u00e4ubige einhergeht. Hier sieht er auch die massiven Integrationsprobleme konservativ-religi\u00f6ser Muslime in westlichen Einwanderungsgesellschaften, die zu einem erheblichen Teil auf die gleichen religi\u00f6sen Ursachen &#8211; etwa die ungleiche Behandlung der Frauen, die soziale Distanz zu Andersgl\u00e4ubigen &#8211; zur\u00fcckgingen. Und hier nennt er diverse Islamverb\u00e4nde, deren religi\u00f6se Basisarbeit und \u00f6ffentliche Verlautbarungen nur selten mit einer liberalen, weltoffenen, demokratischen Gesellschaft in Einklang zu bringen sind. So zitiert er beispielsweise eine Predigt mit dem Titel \u201e<em>Der hohe Rang bei Allah: Das M\u00e4rtyrertum\u201c &#8211; <\/em>nicht aus einer Predigt vor 200 Jahren in einem fernen Land, sondern aus einer Predigt, die 2014 in einer deutschen Moschee verlesen wurde:<\/p>\n<p><em>\u201eKeiner, der das Paradies betritt, m\u00f6chte zur\u00fcck auf die Erde&#8230; Nur der Schahid (der M\u00e4rtyrer), er m\u00f6chte zur\u00fcck und wieder den M\u00e4rtyrertod sterben, wenn er sieht, welches Ansehen und welchen Rang er hier im Paradies genie\u00dft. Diese Frohbotschaft war es, die unseren Propheten und seine Gef\u00e4hrten und sp\u00e4ter auch unsere Vorfahren beseelten und sie von einer zur n\u00e4chsten Front treiben, um diesen hohen Rang zu erreichen. Rein f\u00fcr den Weg Allahs, um Seinen Namen zu verbreiten. F\u00fcr das Land und die Landsleute.\u201c [9]<\/em><\/p>\n<p>Fatalerweise ist ein gro\u00dfer Teil der bundesdeutschen Linken bislang sprachlos. Sie sollte ihr unangenehm auff\u00e4lliges Schweigen beenden. Es steht der Vorwurf im Raum, in linken Weltbildern gebe es \u201erichtige\u201c und \u201efalsche\u201c Opfer oder <em>Samuel Schirmbeck, <\/em>ehemaliger ARD-Korrespondent in Nord-Afrika, hat auf diese fragw\u00fcrdige linke Ein\u00e4ugigkeit hingewiesen. In einer Streitschrift nennt er Punkte linker Ignoranz: [10]<\/p>\n<ul>\n<li>Die Linie exkulpiert den Islam vom Terror islamischer Fanatiker, der \u201enichts mit dem Islam zu tun\u201c habe.<\/li>\n<li>Die Linke stellt Religionsfreiheit \u00fcber Freiheit von Religion.<\/li>\n<li>Die Linke unterst\u00fctzt religi\u00f6se Penetranz im staatlich neutralen Raum eines s\u00e4kularen Staates durch Bef\u00fcrwortung des \u201eKopftuches\u201c f\u00fcr muslimische Lehrerinnen<\/li>\n<li>Die Linke akzeptiert das Verbot von Gewissens- und Religionsfreiheit f\u00fcr Muslime.<\/li>\n<li>Die Linke \u00fcberl\u00e4sst die Homosexuellen in der muslimischen Welt tatenlos ihrem Schicksal.<\/li>\n<li>Die Linke relativiert muslimischen Judenhass.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das linke Schweigen &#8211; so Schirmbeck &#8211; ist ignorant und besch\u00e4mend. Und es wird ausgenutzt. Es erm\u00f6glicht den Fundamentalisten einerseits und Funktion\u00e4ren der muslimischen Verb\u00e4nde anderseits, den \u00f6ffentlichen Diskurs und das kollektive Bewusstsein zu besetzen. Beispielsweise wenn sie &#8211; aufgerufen und organisiert von verschiedenen Gruppen und Moslemverb\u00e4nden &#8211; auf die Stra\u00dfe gehen. Nicht gegen den Terror irrsinniger Glaubensbr\u00fcder oder f\u00fcr Meinungs- und Religionsfreiheit, noch weniger aus Solidarit\u00e4t mit den Opfern und deren Angeh\u00f6rigen. Ihr demonstrativer Abwehr-Mechanismus: \u201eEs ist nicht unsere Schuld, wir m\u00fcssen uns nicht rechtfertigen\u201c.<\/p>\n<p>Warum herrscht das gro\u00dfe Schweigen, wenn die Werte der Aufkl\u00e4rung durch fundamentalistische Islamisten bedroht werden? Geh\u00f6rt nicht der Kampf f\u00fcr Aufkl\u00e4rung und Freiheit zur politischen DNA der kulturell-politischen Linken? Immerhin: Kevin K\u00fchnert, der SPD-Vize Deutschlands, hat den Anfang gemacht und spricht von einem \u201eblinden Fleck der Linken\u201c. [11] Der Fraktionschef im Deutschen Bundestag Dietmar Bartsch pl\u00e4diert daf\u00fcr, endlich \u201edie falsche Scham\u201c abzulegen und auch Gr\u00fcnen-Chef Robert Habeck fordert jetzt eine konsequentere Haltung im Kampf gegen militante Islamisten. Sch\u00f6nf\u00e4rberei h\u00e4lt er f\u00fcr fehl am Platz. Sicherheitsbeh\u00f6rden und Justiz m\u00fcssten den radikalen Islamismus \u201emit der ganzen H\u00e4rte des Gesetzes verfolgen\u201c, so Habeck. Neue T\u00f6ne aus dem links-gr\u00fcnen Toleranz-Universum. [12]<\/p>\n<p>Es ist an der Zeit, dass sowohl Funktionstr\u00e4ger und Mandatstr\u00e4ger innerhalb der Parteien \u2013 also der Linken, der Gr\u00fcnen sowie in Teilen der SPD \u2013 auch in den links-gr\u00fcnen au\u00dferparlamentarischen Milieus die auff\u00e4llige Zur\u00fcckhaltung im Umgang mit dem politischen Islam ein Ende hat. Sie alle m\u00fcssen ihre Stimme erheben, weil es auch ihre proklamierten Werte sind, die bei ausnahmslos jedem Terroranschlag mit F\u00fc\u00dfen getreten und mit Sprengs\u00e4tzen in die Luft gejagt werden. Es geht um den Kampf gegen Gewalt, Terror und religi\u00f6se Anma\u00dfung &#8211; um die Verteidigung der Weltlichkeit unseres demokratischen Verfassungsstaates. Hier gilt: der Staat vor Religion, der B\u00fcrger vor dem Gl\u00e4ubigen.<\/p>\n<p><em>In K\u00fcrze erscheint: <strong>Helmut Ortner, <\/strong><a href=\"https:\/\/www.nomen-verlag.de\/produkt\/widerstreit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>WIDERSTREIT \u2013 \u00dcber Macht, Wahn und Widerstand<\/strong><\/a>, 220 Seiten, 20 Euro im Nomen Verlag Frankfurt<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><em><strong>Quellen- und Literaturhinweise<\/strong><\/em><\/p>\n<p>[1] Daniela Wakonigg \/ Armin Pfahl-Traughber, \u201eIslamismus ist innerhalb der Linken meist ein Nicht-Thema\u201c, in: Humanistischer Pressedienst vom 16. November 2020<br \/>\n[2] Frank A. Meyer, \u201eDenken, nicht beten\u201c, in: Cicero, 12-2020<br \/>\n[3] Charb (Stephane Charbonnier), Brief an die Heuchler &#8211; und wie sie den Rassisten in die H\u00e4nde spielen, Stuttgart 2015<br \/>\n[4] Die Zitate und \u00c4u\u00dferungen von Allain Badiou, Michel Onfray sowie Jean-Luc Nancy, vgl. Pascal Br\u00fcckner, \u201eDie Islam-Linke oder: Die Vereinigung des Zorns\u201c, in: Bl\u00e4tter f\u00fcr deutsche und internationale Politik, Heft 12-20, Seite 85 f<br \/>\n[5] Joscha W\u00f6lbert , Hochschullehrer in Gefahr wegen angeblicher \u201eislamophober\u201c Einstellungen, in: Humanistischer Pressdienst, 12. M\u00e4rz 2021<br \/>\n[6] Vgl. dazu u.a zu den Vorf\u00e4llen um Susanne Schr\u00f6ter, Die Welt vom 26. 4.2019,<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article192434681\/Susanne-Schroeter-Frankfurter-Goethe-Universitaet-verteidigt-Islamforscherin-vor-Rassismus-Kritik.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.welt.de\/politik\/deutschland\/article192434681\/Susanne-Schroeter-Frankfurter-Goethe-Universitaet-verteidigt-Islamforscherin-vor-Rassismus-Kritik.html<\/a><br \/>\nEbenso:Schr\u00f6ter, Susanne, Politischer Islam \u2013 Stresstest f\u00fcr Deutschland, Frankfurt 2019 sowie Kelec, Necla, Chaos der Kulturen &#8211; Die Debatte um Islam und Integration, K\u00f6ln 2016<br \/>\n[7] Cinzia Sciuto, \u201eStehen wir auf: gegen die Deutungsmacht der Islamisten\u201c, in: Bl\u00e4tter f\u00fcr deutsche und internationale Politik, Heft 12-20, Dezember 2020. Ebenso: Sciuto, Cinzia, Die Fallen des Multikulturalismus in einer vielf\u00e4ltigen Gesellschaft, Z\u00fcrich 2020<br \/>\n[8] Frerk, Carsten, Forschungsgruppe Weitanschauungen in Deutschland, Studie: \u201eMuslimfeindschaft und Empirie\u201c, 16. M\u00e4rz 2021<br \/>\n[9] Koopmans, Ruud, Das verfallene Haus &#8211; Die religi\u00f6sen Ursachen von Unfreiheit, Stagnation und Gewalt, M\u00fcnchen 2020<br \/>\n[10] Schirmbeck, Samuel, Gef\u00e4hrliche Toleranz &#8211; Der fatale Umgang der Linken mit dem Islam, Z\u00fcrich 2018<br \/>\n[11], Kevin K\u00fchnert, \u201eDie politische Linke sollte ihr Schweigen beenden\u201c, in: spiegel-online 21. Oktober, 2020<br \/>\n[12] Dietmar Bartsch, \u201eDie Linke sollte ihre falsche Scham ablegen\u201c, in: spiegel-online, 23. Oktober 2020 , ebenso Constanze von Bullion, \u201eRobert Habeck will Islamismus konsequent bek\u00e4mpfen\u201c, in: S\u00fcddeutsche Zeitung, 30. Oktober 2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus Furcht, Rechten Z\u00fcndstoff zu liefern, schweigt die parteipolitische und au\u00dferparlamentarische Linke zum Thema Islam. Der \u201eIslamophobie\u201c-Vorwurf soll Kritiker mundtot machen. Es ist an der Zeit, die Zur\u00fcckhaltung im Umgang mit dem politischen Islam aufzugeben. 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