{"id":1359177,"date":"2021-05-12T15:00:21","date_gmt":"2021-05-12T14:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1359177"},"modified":"2021-05-14T11:47:44","modified_gmt":"2021-05-14T10:47:44","slug":"die-wurzeln-der-gewalt-episode-1-iran-1952-bis-2001","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/05\/die-wurzeln-der-gewalt-episode-1-iran-1952-bis-2001\/","title":{"rendered":"Die Wurzeln der Gewalt \u2013 Episode 1 \u2013 Iran 1952 bis 2001"},"content":{"rendered":"<p><strong>Willkommen zum ersten und wie wir hoffen einer Reihe von Interviews, in denen wir auf den Nahen Osten schauen und versuchen besser zu verstehen, was dort vor sich geht. Aus Sicht des Westens ist es eine Region voller Gewalt und Gefahren. Im Jemen ist nach wie vor Krieg und es gibt einige andere L\u00e4nder, die an der Schwelle zum Krieg zu stehen scheinen. Es gibt erhebliche Menschenrechtsverletzungen und es gibt gescheiterte Staaten. Anders betrachtet jedoch ist diese Region die Wiege der westlichen Zivilisation: Mesopotanien, Persien, \u00c4gypten, Syrien, Pal\u00e4stina und Arabien sind St\u00e4tten von Mythen und Legenden. Gro\u00dfe Mystiker, Mathematiker, \u00dcbersetzer und Geschichtenerz\u00e4hler kommen von dort. Bedeutende Religionen haben dort ihre heiligsten St\u00e4tten. Die westliche Kunst, Musik, Wissenschaft und Nahrung unterliegen dem Einfluss dieser Region.<\/strong><\/p>\n<p>In dieser Interviewreihe, die wir The Roots of Violence (Die Wurzeln der Gewalt) nennen, werden wir versuchen zu verstehen, wo die Ursachen der Gewalt liegen und wer daf\u00fcr verantwortlich ist. Wir versuchen nicht, physische Gewalt zu rechtfertigen, doch sie entsteht nicht aus dem Nichts. Physische Gewalt ist die Explosion, die nach einer langen Phase \u00f6konomischer und psychologischer Gewalt ausbricht.<\/p>\n<p>In unserem ersten Interview sprechen wir mit einem guten Freund \u2013 Emad Kiyaei. Emad ist Iraner. Er ist Direktor der Middle East Treaty Organization, einer zivilgesellschaftlichen Kampagne die zum Ziel hat, durch innovative Politik, Interessenvertretung und Bildungsprogramme alle Massenvernichtungswaffen aus dem Nahen Osten zu entfernen. Er ist Co-Autor des Buches \u201eWeapons of Mass Destruction: a New Approach to Non-proliferation\u201c (Massenvernichtungswaffen: Ein neuer Ansatz zu Nichtverbreitung) und studierte an der Princeton und Columbia Universit\u00e4t in den USA.<\/p>\n<p><strong><em>Pressenza: Willkommen Emad.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Emad Kiyaei: Vielen Dank, dass ich hier sein darf, Tony.<\/p>\n<p><em>Wir freuen uns, dass Du da bist. Nun, Emad, der Grund f\u00fcr diese Interviewserie ist, dass ich vor ein paar Wochen in einem Webinar der Middle East Treaty Organization war und sich verschiedene Redner ziemlich bestimmt dahingehend \u00e4u\u00dferten, dass Iran die Quelle gro\u00dfen \u00dcbels im Nahen Osten sei. Eine Ansicht, die viele unserer Zuschauer und Leser teilen werden, da es das dominante Narrativ in den g\u00e4ngigen Medien ist. Deshalb m\u00f6chte ich mit der sehr provokanten Frage starten: Weshalb ist der Iran eine Quelle gro\u00dfen \u00dcbels?<\/em><\/p>\n<p>Wo soll ich beginnen? Das Problem mit dem Nahen Osten ist, dass wir zum Anbeginn der Zeit zur\u00fcckgehen k\u00f6nnen, wenn wir diese Themen diskutieren m\u00f6chten. Doch ich denke, f\u00fcr unser heutiges Gespr\u00e4ch sollte ich damit beginnen, dass der Iran aktuell durch das Prisma gesehen wird, das ihn als Teil der Achse des B\u00f6sen oder den Unruhestifter im Nahen Osten bezeichnet, vor allem deshalb, weil er ein Feind der einzigen Supermacht auf der Welt, der Vereinigten Staaten, ist. Und wir sollten die Propaganda der USA nicht untersch\u00e4tzen, ihre F\u00e4higkeit, die Denkweise der Menschen und ihren Blick auf andere L\u00e4nder und Menschen zu formen. Und nun will ich nicht wieder die lange Geschichte der Menschenrechtsverletzungen und anderer Vergehen der iranischen Regierung entschuldigen, doch es ist wichtig festzustellen, dass in der unruhigen Region des Nahen Ostens der Iran mit seinem Verhalten oder seiner Politik bei weitem nicht das einzige Land ist. Und wir m\u00fcssen hier tiefer gehen um herauszustellen, warum es der Iran ist, der in dieser Situation eine Sonderstellung einnimmt.<\/p>\n<p><strong><em>Dann lass uns also 40, 42 oder 43 Jahre zur\u00fcckgehen. Ich erinnere mich, dass ich als kleiner Junge im Fernsehen den Sturz des Schahs sah und wie Ayatollah Khomeini in Paris in ein Flugzeug stieg und nach Teheran flog. Da war eine sehr euphorische Stimmung in den Stra\u00dfen von Teheran. Und gleichzeitig wie Du wei\u00dft die gro\u00dfen Probleme mit den USA. Die Geiselnahmen in der Botschaft. Was hatte das alles zu bedeuten? Wie passt das in die Geschichte, die wir hier erz\u00e4hlen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Nun \u2013 und wir gehen zur\u00fcck zu den Wurzeln so schnell es geht \u2013 ja, da gab es einen Schl\u00fcsselmoment in der Geschichte des Iran, aber auch weiter gesehen f\u00fcr den gesamten Nahen Osten. Als die Revolution 1979 stattfand, war das eine gro\u00dfe Sache in dem Sinne, dass damit einer der damals wichtigsten Verb\u00fcndeten der USA gest\u00fcrzt wurde \u2013 der Schah des Iran, der von einem Haufen Ayatollahs vertrieben wurde, einer Dachorganisation von Linken, Marxisten, Demokraten, Liberalen und allen, die gegen den Schah gewesen waren. Und sie hatten sich aus gutem Grund gegen ihn gestellt. Der Schah war 1952\/1953 im Prinzip durch einen Staatsstreich gest\u00fctzt durch die CIA und den MI6 an die Macht gekommen und hatte Irans demokratisch gew\u00e4hlten Premierminister Mohammad Mosaddegh gest\u00fcrzt. Und der Grund weshalb das passierte war, dass dieser Premierminister den Iran zu einem nationalen \u00d6lstaat gemacht hatte und entschieden hatte, die Reicht\u00fcmer des Landes f\u00fcr seine Landsleute zu erhalten und sie nicht auszulagern und den Briten und Amerikanern auf dem Silbertablett zu servieren. Und das l\u00f6ste eine Reihe von Ereignissen aus, durch die schlie\u00dflich der Premierminister des Iran vertrieben wurde und der Schah als die einzige Authorit\u00e4t im politischen Spektrum des Landes installiert wurde, was in der Folge zu einer Reihe sehr repressiver Ma\u00dfnahmen durch den Schah f\u00fchrte, die jeglichen Widerstand gegen seine Regierung ausradieren sollten.<\/p>\n<p>Und vergiss nicht, dass das in einer Zeit passierte, als der kalte Krieg zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten auf seinem H\u00f6hepunkt war. Die Furcht vor den Roten und der Kampf gegen den Kommunismus wurde in diesen Stellvertreterstaaten und auch in den anderen L\u00e4ndern ausgespielt und der Iran war dagegen nicht immun. Wollen wir also darauf schauen, was nach der Machtergreifung des Schahs und durch seine Unterdr\u00fcckung aller anderen politischen Stimmen geschah, f\u00fchrt uns das zur Revolution von 1979, wo es nicht nur die islamistischen Gruppen waren, die sich gegen den Schah stellten, sondern wie gesagt eine riesige Ansammlung von Organisationen und politischer Str\u00f6mungen, die im Schah und seinem Regime die Unterdr\u00fcckung jeglichen politischen Denkens sahen. Und die USA haben hier deshalb eine Sonderstellung, weil der iranische Geheimdienst SAVAK de facto von der CIA trainiert und ausgestattet wurde. Es braucht also keine gro\u00dfe Fantasie, dass Unterdr\u00fcckerregime des Schahs mit denen in Verbindung zu bringen, die dieses Regime erm\u00f6glicht hatten \u2013 den Vereinigten Staaten. Und nat\u00fcrlich war zu jener Zeit der Schah der Hauptabnehmer amerikanischer Waffen und Milit\u00e4rleistungen. Wir sehen also dieselben Reaktionen derselben Praxis, die heute in anderen Teilen des Nahen Ostens betrieben wird, in denen es egal ist, ob Du ein Despot oder ein authorit\u00e4res Regime bist und dass Menschenrechte und solche Sachen den Bach runtergehen, solange Du ein Verb\u00fcndeter der Vereinigten Staaten bist und Waffendeals mit ihnen machst. Und hier ist die Unterscheidung zwischen unseren Prinzipien, unseren Werten als Nation oder als eine Gruppe von Nationen und denen, die dann von unseren \u00f6konomischen Interessen oder den Interessen unserer Schl\u00fcsselindustrien gekapert werden. Und f\u00fcr die USA spielt in diesem Fall der milit\u00e4risch-industrielle Komplex eine wichtige Rolle dahingehend, wie dann die Au\u00dfenpolitik der USA gegen\u00fcber dem Nahen Osten beeinflusst wird.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"The Roots of Violence, episode 1, interview with Emad Kiyaei, of the Middle East Treaty Organization\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/1FxrujpOjF4?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><strong><em>Kommen wir auf 1979 zur\u00fcck. Deine Familie war dort. Wie war das Leben vor und nach dem Sturz des Schahs? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Im Nachhinein ist es immer leicht zu sagen, was war und was nicht, aber 1978\/79 mobilisierten sich Millionen von Menschen gegen den Schah. Und es gab drei wesentliche Bereiche, in denen der Widerstand gegen den Schah am erfolgreichsten war. Der eine war innerhalb des religi\u00f6sen Establishments, denn jede noch so kleine Stadt, jedes Dorf hatte eine Moschee und in deren Mauern hatten sie eine Predigt und sie hatten Ayatollah Khomeini, der letztlich der Initiator und F\u00fchrer der Revolution war, der seine Predigten von einer kleinen Stadt vor den Toren von Paris aus hielt. Und seine Predigten wurden vom Band in jedem Dorf abgespielt und das f\u00fchrte zu dieser starken Mobilisierung durch die religi\u00f6se Gemeinde, der schon damals und auch heute noch so ziemlich die Mehrheit der Iraner angeh\u00f6ren. Und dann waren da die Akademiker, die Denker, die Intelektuellen, die Teil der Studentenschaft an den Universit\u00e4ten waren; die Professoren, die neue Ans\u00e4tze politischen Denkens in andere revolution\u00e4re Bewegungen hineinbrachten sowie andere zivilgesellschaftliche Aktivit\u00e4ten, die weltweit von statten gingen. Zu jener Zeit war die B\u00fcrgerrechtsbewegung auf ihrem H\u00f6hepunkt, ebenso die Frauenrechtsbewegung und selbst in S\u00fcdamerika, Europa und den USA mobilisierten sich Unabh\u00e4ngigkeitsbewegungen. Und so war auch der Iran ein Teil dieser Geschichte. Schlie\u00dflich erreichte das Verh\u00e4ltnis der Generationen untereinander einen Punkt, an dem es keine Rolle mehr spielte, ob Du alt oder jung warst, denn der Schah hatte so viele Leute an den Rand der Existenz gebracht und nur wenige mit Wohlstand und Chancen bedacht, n\u00e4mlich die Angeh\u00f6rigen seiner kleinen Schar von Verb\u00fcndeten. Somit gab es eine weitverbreitete Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Revolution, denn die Menschen hatten gemerkt, dass ihnen nur die Armut, das Analphabetentum und die Chancenlosigkeit geblieben waren. Ganz im Gegensatz dazu der Schah \u2013 es gibt da diese ber\u00fchmte Feier des Schahs anl\u00e4sslich 2500 Jahre persischer Zivilisation, die wie alle Feste in Persepolis sehr opulent war, wohingegen der Rest des Landes schiere Not litt, was die Grundversorgung mit Lebensmitteln und Sozialleistungen angeht. Diese wirtschaftlichen, sozialen und schlie\u00dflich politischen Spaltungen waren die Str\u00f6mungen, die letztlich ihre Kr\u00e4fte b\u00fcndelten, um diesem despotischen Regime ein Ende zu bereiten. Und \u00fcberraschenderweise war auch meine Familie Teil dieser Gruppe, denn sie fieberten dieser Revolution wirklich entgegen. Es war eine Volksbewegung. Millionen waren auf den Stra\u00dfen. Sie hatten W\u00fcnsche. Sie hatten Ambitionen. Der Slogan der Revolution war \u201cEstiqlal, Azadi, Jomhuri-ye Eslami!\u201d Estiqlal bedeutet Unabh\u00e4ngigkeit, Azadi bedeutet Freiheit und Jomhuri-ye Eslami bedeutet Islamische Republik. Man darf nicht vergessen, dass damit die Dualit\u00e4t zwischen der islamischen Natur unserer Gesellschaft, aber auch dem republikanischen Teil Ausdruck fand, was zu einer Trennung von Staat und Religion gef\u00fchrt h\u00e4tte. Aber nat\u00fcrlich entwickelten sich die Dinge dann etwas anders.<\/p>\n<p><strong><em>Genau, denn heute sehen wir die Islamische Republik als einen Gottesstaat und wir sehen mitunter ziemlich brutale Bilder in den Medien, wie LGBT Personen behandelt werden. Einige Teile der Sharia sind ziemlich barbarisch und damit meinen wir nicht, dass der Islam ein Monopol auf die Barbarei hat, ganz bestimmt nicht. Aber wie ist jetzt das Leben der Menschen im Iran? Denn wir haben die Bilder einer ziemlich r\u00fcckst\u00e4ndigen Gesellschaft im Kopf, aber ich vermute mal, dass die Realit\u00e4t doch etwas anders ist.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Nun der Iran ist ein paradoxes Land, denn selbst seine Regierung ist f\u00fcr viele ein Labyrinth. Denn obwohl es einerseits eine Islamische Republik ist, ist es doch ziemlich liberal, was den Schutz von Minderheiten angeht, wenn man die iranische Verfassung betrachtet. Es f\u00fchrt eine ziemlich gro\u00dfe Anzahl von Reformen in Arbeit, Bildung, Gesundheitswesen und anderen Bereichen durch. Und was \u00fcberraschend sein mag \u2013 die iranische Verfassung ist tats\u00e4chlich von den Verfassungen Frankreichs und Belgiens abgeleitet. Es ist also dieses Verschmelzen verschiedener Regierungsformen zu einer.<\/p>\n<p>Der Iran hat gew\u00e4hlte und ausgesuchte Gremien. Es gibt also viele Einflussbereiche oder Machtorgane, von denen angenommen wurde, dass sie kompliziert genug waren, um Kontrollmechanismen schaffen zu k\u00f6nnen. Und w\u00e4hrend der Iran \u00fcber ein Parlament verf\u00fcgt, hat es gleichzeitig einen Obersten F\u00fchrer und einen Rat, der als Verbindungselement sicherstellt, dass die vom Parlament verabschiedeten Gesetze mit den Auslegungen des islamischen Rechts \u00fcbereinstimmen. Das f\u00fchrt zu viel Verwirrung, wenn wir den Iran betrachten, denn was ist er denn nun eigentlich genau? Denn das Land hat all diese Elemente. Und schaut man auf einige andere L\u00e4nder im Nahen Osten, in denen es kein Wahlrecht gibt, so muss man sagen, dass im Iran seit 1979 Pr\u00e4sidentschaftswahlen stattfinden. Es gab \u00c4nderungen in seiner Verfassung. Es gab eine Weiterentwicklung seiner Gesetze. Und nat\u00fcrlich liegt noch ein weiter Weg vor dem Land, was ich aber sagen m\u00f6chte ist, dass man es nicht so schwarz-wei\u00df sehen kann und wie es sich tats\u00e4chlich mit unserer, also der iranischen Gesellschaft verh\u00e4lt, h\u00e4ngt wieder davon ab von welcher Seite man es betrachtet. Ich m\u00f6chte das an einem Beispiel verdeutlichen: Vor der Revolution von 1979 war es f\u00fcr konservative Familien ein absolutes Unding, ihre T\u00f6chter auf die Universit\u00e4t zu schicken, denn sie sahen deren Umfeld als einen Hort des Liberalismus und der Verwestlichung. Nach der Revolution hat sich die Auspr\u00e4gung der Universit\u00e4ten ge\u00e4ndert, doch die Immatrikulationen von Frauen gingen so durch die Decke, dass es heute tats\u00e4chlich so ist, dass in den komplexesten wissenschaftlichen, technischen und ingenieurtechnischen Bereichen universit\u00e4rer Bildung der Iran weltweit eine der h\u00f6chsten Raten weiblicher Absolventen aufweisen kann, gleich hinter denen von China und Indien.\u00a0 Das sind diese Paradoxe, denn ja, einerseits sind die Rechte von Frauen und der Gesellschaft als Ganzes eingeschr\u00e4nkt und andererseits ist es ph\u00e4nomenal, wie die Gesellschaft um diese Einschr\u00e4nkungen herum man\u00f6vriert.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen auch nicht vergessen, dass der Iran eine sehr junge Bev\u00f6lkerung hat. 60-70% sind j\u00fcnger als 35. Damit ist eine Generation entstanden, die die Revolution nicht mit erlebt hat oder noch sehr jung war, als sich der Iran acht Jahre lang in einem blutigen Krieg mit dem Irak befand. Ich hoffe, dass wir auch dar\u00fcber noch sprechen k\u00f6nnen, denn damit \u00e4nderte sich f\u00fcr den Iran der Lauf der Geschichte und der weiteren Entwicklung des Landes. Denn wir erinnern uns \u2013 Revolutionen verfolgen ein idealistisches Ziel, doch wenn sie dann stattfinden und das Land durch diese destabile Phase geht und sich der Staub dann legt, dann muss man f\u00fcr den Iran sagen, dass sich dort der Staub eigentlich nie gelegt hat und sich das Land seither permanent in einem revolution\u00e4ren Zustand befindet. Und entschuldige, dass ich hier so viele Faktoren anschneide, denn w\u00e4hrend der Revolution passierten so viele Dinge \u2013 Es waren die Studenten, die die US-Diplomaten in der Botschaft als Geiseln genommen hatten und w\u00e4hrend dieser Geiselnahme gingen Studentenvertreter zu Revolutionsf\u00fchrer Khomeini, um ihm von ihren Forderungen zu berichten. Seine erste Reaktion darauf war, \u201eWas tun sie da? Das wird f\u00fcr uns ein diplomatischer Skandal werden!\u201c Doch dann zeigten die Studenten dem Revolutionsf\u00fchrer diese Dokumente, die die Amerikaner vernichten wollten und die bewiesen, dass die CIA f\u00fcr Anfang 1980 einen weiteren Staatsstreich geplant hatte. F\u00fcgt man also all diese Puzzleteile zusammen wird klar, wie diese Ereignisse dann zu einer weiteren Kette von Ereignissen f\u00fchrten, die den Iran dahin brachten, wo er heute steht.<\/p>\n<p><strong><em>Wir sind nun durch die Revolution gegangen, diesem schrecklichen und riesigen Umsturz. Die Vereinigten Staaten waren wirklich stocksauer und es dauerte nicht lange, bis der Krieg mit dem Irak begann, in dem wir von Todeszahlen in Millionenh\u00f6he ausgehen m\u00fcssen. Erz\u00e4hl uns davon.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Im Krieg gegen den Iran sah Saddam Hussein eine Gelegenheit. Iran war durch eine Revolution gegangen und alle mit Geld und Status, die die M\u00f6glichkeit hatten, verlie\u00dfen das Land. Deshalb haben wir ein Tehrangeles in Los Angeles, deshalb haben wir iranische Expats auf der ganzen Welt verteilt, die den Iran in dieser Phase der Destabilisierung, die mit dem Sturz des Schah begonnnen hatte, verlassen hatten.<\/p>\n<p>Der Iran war also schwach, es waren schon K\u00e4mpfe zwischen den unterschiedlichen Gruppen im Land ausgebrochen. F\u00fcr die Revolution hatten sie sich zusammengetan, aber sobald das vorbei war, strebten sie jeder f\u00fcr sich nach Einfluss: die Marxisten, die Linken, die Islamisten. Es gab also K\u00e4mpfe im Inneren. Die F\u00fchrer des Milit\u00e4rs waren entweder enthauptet worden, sa\u00dfen im Gef\u00e4ngnis oder waren ebenfalls so schnell wie m\u00f6glich au\u00dfer Landes geflohen. Es gab 50 000 Angeh\u00f6rige des US Marine Corps und Engineering Corps, die die gewaltige Bewaffnung unterhielten, die die USA dem Iran bereitgestellt hatte, und die dann \u00fcber Nacht verschwanden. Da war nun also ein Iran, der noch nicht einmal in der Lage war, mit seinen eigenen Waffen umzugehen. So kam es zu dieser Situation. Und die Iraker sahen das als eine Gelegenheit, mit Chuzestan die Teile des Irans zu erobern, in denen eine arabisch sprechende Minderheit lebt und die reich an \u00d6lvorkommen sind. Saddam Hussein traf die Entscheidung zur Invasion im Iran nicht allein, sondern er hatte den Segen wohlhabender arabischer Staaten am Persischen Golf, wie Saudi-Arabien, Kuwait und anderer, die diese Invasion finanzierten. Saddam Hussein hatte auch die Unterst\u00fctzung weiterer M\u00e4chte, sei es die Sowjetunion, die USA oder europ\u00e4ische Staaten, die ebenfalls ein Problem mit der Revolution im Iran hatten, denn wir erinnern uns, diese Revolution f\u00fchrte zu einer Destabilisierung der Lage in der Region, war aber gleichzeitig auch ein Paradebeispiel. Und zwar daf\u00fcr, dass auch wenn man der erste Verb\u00fcndete der Vereinigten Staaten im Nahen Osten ist, man trotzdem nicht unantastbar ist, man zusammenbrechen kann und einer Volksrevolte ausgesetzt werden kann \u2013 so wie das beim Iran der Fall war. Der Erfolg der Revolution im Iran war also eine direkte Bedrohung f\u00fcr die Machtgef\u00fcge in der Region und weltweit \u2013 und zwar als Beispiel f\u00fcr eine erfolgreiche revolution\u00e4re Bewegung. Sie gilt es mundtot zu machen und zu zersetzen. Und was b\u00f6te sich da mehr an, als den unmittelbaren Nachbarn um gr\u00fcnes Licht f\u00fcr eine Invasion in den Iran zu bitten. Damit wurde ein acht Jahre dauernder Krieg vom Zaun gebrochen, an dessen Beginn die irakischen Kr\u00e4fte unter Saddam Hussein in der Lage waren, die Iraner einfach zu \u00fcberrennen, denn sie waren nicht vorbereitet. Dieser Krieg jedoch zentralisierte die Unterst\u00fctzung f\u00fcr die islamische F\u00fchrung in Teheran und jeder scharte sich um die Flagge. In den letzten Jahren des Krieges, der 1988 endete, gelang es dem Iran, das Blatt zu wenden und zwar so, dass die irakische Hauptstadt Bagdad in Gefahr geriet. Und dann setzte Saddam Hussein seine chemischen Massenvernichtungswaffen gegen die iranischen Streitkr\u00e4fte ein. Diese Waffen kamen also mit dem Wissen der westlichen Welt zum Einsatz. Sie nutzten die Technologie des Westens. Das ist der Iran, \u00fcber den wir hier sprechen. Das ist der Iran, der so unter Druck gesetzt wurde \u2013 zum einen durch eine Revolution, die sich aufl\u00f6ste und Chaos im eigenen Land mit sich brachte und zum anderen durch Saddam Husseins Invasion, finanziert und unterst\u00fctzt von m\u00e4chtigen Staaten innerhalb und au\u00dferhalb der Region. Und man stelle sich vor, wie dann 1988 der Krieg durch einen von der UN ausgehandelten Waffenstillstand beendet wurde und der Iran erst jetzt in der Lage war, zu sich zu kommen und sich Gedanken \u00fcber den Wiederaufbau und dar\u00fcber, wohin man sich als Land bewegen wolle, zu machen. Doch dann dauerte es wieder gar nicht lange und der Iran sah sich erneut isoliert und mit einer von der US-Regierung ausgel\u00f6sten Welle von Sanktionen konfrontiert.<\/p>\n<p><strong><em>Was ich h\u00f6re ist, dass obwohl wir diesen Kampf als eine Art religi\u00f6se Auseinandersetzung zwischen Schiiten und Sunniten wahrnehmen, es doch offenbar von dem, was Du sagst, eher der traditionelle Kampf dieser Zeit ist, n\u00e4mlich der des Kapitalismus gegen den Kommunismus. Spielt das heute noch eine Rolle? W\u00fcrdest Du also den Iran als eine Art linksgerichtetes System sehen, wenn man von den Zuordnungen von links und rechts ausgeht?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich denke nicht, dass man es so einfach zuordnen kann, denn der Iran ist ein ziemlich kapitalistisches System, wobei jedoch viele seiner Regierungsstrukturen eher mitte-links sind. Wird es dadurch nun zu Linken oder Rechten? Ich glaube nicht, dass wir den Iran in diese simplen Schubladen stecken k\u00f6nnen. Wie wir den Iran jedoch einordnen k\u00f6nnen ist, dass er ein Opfer seiner Gr\u00f6\u00dfe, seiner Lage, seiner Geschichte und seines Einflusses in einer unruhigen Region ist, die seit jeher ein Spielball fremder M\u00e4chte ist. Der Iran ist also nicht klein genug, so wie Bahrain oder Kuwait, um von einem anderen Land der Region oder einer globalen Macht beherrscht werden zu k\u00f6nnen, er ist nicht gro\u00df genug, um selber eine globale Macht zu sein oder ein riesiger regionaler Player wie Russland, China, Indien oder Brasilien. Damit steht er also irgendwo dazwischen und kann im Prinzip von allem etwas \u00fcbernehmen. Fest steht aber f\u00fcr meine Begriffe, dass sich der Iran in einer konfliktbeladenen Nachbarschaft befindet. Schauen wir also auf den Iran, so m\u00fcssen wir in Betracht ziehen, was im globalen Ma\u00dfstab geschieht. So ging es in den 70er und 80er Jahren vor allem um die Auseinandersetzung des westlichen Kapitalismus mit der sozialistischen Sowjetunion. Mit deren Zerfall 1990\/1991 begann ein neuer Abschnitt, in dem der Iran einmal mehr zum S\u00fcndenbock der Region wurde, da die Sowjetunion auseinandergefallen war. 1991 hatten die USA ihren ersten Golfkrieg gegen die Invasion Saddam Husseins in Kuwait begonnen. Als diese Destabilisierung ihren Lauf nahm, war da immer noch der Iran \u2013 obwohl so geschw\u00e4cht \u2013 als ein m\u00e4chtiger regionaler Akteur, einfach aufgrund seiner Gr\u00f6\u00dfe und seiner Lage. Das veranlasste die USA dazu, den Iran zum S\u00fcndenbock des Nahen Ostens zu machen, nachdem sie nun nicht l\u00e4nger mit ihrem Feindbild Sowjetunion besch\u00e4ftigt waren. F\u00fcr das n\u00e4chste Jahrzehnt bis 9\/11 sehen wir also, dass das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten weiter sehr angespannt war, w\u00e4hrend sich seine Beziehungen zu den europ\u00e4ischen Staaten intensivierten. Und ich denke ich kann das hier auf den Punkt bringen: es gibt wesentliche Beziehungen, die der Iran nicht in der Lage war zu unterhalten oder wiedergutzumachen \u2013 dazu z\u00e4hlt die Beziehung zu den Vereinigten Staaten. Begr\u00fcndet liegt das wie gesagt im Staatsstreich von 1952-53, der 25j\u00e4hrigen Herrschaft des Schahs und schlie\u00dflich der Geiselnahme und der Revolution, Vorg\u00e4nge, die den Iran und die USA im Prinzip zu Erzfeinden in der Region werden lie\u00dfen. Und das wirkt sich offenbar auch auf das Verh\u00e4ltnis des Iran mit anderen Staaten im Nahen Osten aus, die enge Beziehungen zu Washington pflegen.<\/p>\n<p><strong><em>Das ist alles sehr interessant, denn zu Beginn der 1990er Jahre wurde der Schwarze Peter vom Iran and den Irak weitergereicht. Welche Rolle spielte der Iran w\u00e4hrend dieses Irak-Krieges?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Nun im ersten Golfkrieg zwischen den USA und dem Irak ging es um die Befreiung Kuwaits, das von Saddam Hussein \u00fcberfallen worden war. Und wei\u00dft Du, was die Ironie hierbei ist? Dass Saddam Hussein in Kuwait einfiel, geschah haupts\u00e4chlich deshalb, weil er dem Land noch 20 Milliarden Dollar schuldete, die Kuwait ihm zur Unterst\u00fctzung seines Krieges gegen den Iran gegeben hatte. Das ist ein Grund. Der andere ist, dass Saddam Hussein Kuwait als leichte Beute sah. Es ist reich an \u00d6l, war fr\u00fcher Teil seines Landes gewesen und Saddam erhielt f\u00fcr diese Invasion von Washington zumindest eine stillschweigende Zustimmung.\u00a0 Er glaubte nicht, dass die Amerikaner eingreifen w\u00fcrden. Darin liegt die Ironie, dass du gerade noch der Verb\u00fcndete der Vereinigten Staaten sein kannst und im n\u00e4chsten Moment bist du der Feind, auch wenn du noch immer der gleiche Staatsf\u00fchrer bist. Was den Iran angeht \u2013 der beschloss, sich aus diesem Konflikt herauszuhalten und neutral zu bleiben, denn sie sahen Saddam Hussein als Gegner an. So in der Art \u2013 Schaut Euch Saddam an. Er hat uns \u00fcberfallen und \u00fcberf\u00e4llt nun Kuwait. Der Iran unterst\u00fctzte also die Befreiung Kuwaits, hielt sich aber aus dem Ganzen heraus. Der Iran gab Unterst\u00fctzung, als Saddams Armee alle \u00d6lquellen in Kuwait abbrannten. Der Iran half, diese Feuer zu l\u00f6schen, denn sie hatten damit schon Erfahrung, als der Irak das Gleiche mit den iranischen \u00d6lquellen gemacht hatte. In diesem ersten Golfkrieg war der Iran also tats\u00e4chlich ziemlich kooperativ und half, Kuwait wieder etwas zu stabilisieren. Auch sahen sie die Schw\u00e4chung Saddam Husseins als eigenen Vorteil, denn hinter ihnen lagen acht Jahre Krieg mit Saddam. Die 90er Jahre waren also f\u00fcr den Iran eine Phase der Regenerierung und des Wiederaufbaus. Es war eine Zeit der Liberalisierung und die Zentralregierung unter Rafsanjani brachte in diesem Jahrzehnt wirtschaftliche Entwicklungen voran. Dieses Jahrzehnt f\u00fchrt jedoch schlie\u00dflich zum n\u00e4chsten Kapitel unserer Sicht auf den Iran in der Region und der Welt \u2013 n\u00e4mlich beginnend mit den Anschl\u00e4gen vom 11. September auf die Twin Towers in New York. Damit begann ein neuer Abschnitt der Involvierung der Vereinigten Staaten im Nahen Osten.<\/p>\n<p><em><strong>Emad, ich denke, dass das ein perfekter Schlusspunkt f\u00fcr dieses Interview ist, und beim n\u00e4chsten Mal werden wir von hier aus weitermachen.<br \/>\n<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Die \u00dcbersetzung aus dem Englischen wurde von Silvia Sander vom ehrenamtlichen Pressenza-\u00dcbersetzungsteam erstellt. <a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/mitarbeiten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wir suchen Freiwillige!<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Willkommen zum ersten und wie wir hoffen einer Reihe von Interviews, in denen wir auf den Nahen Osten schauen und versuchen besser zu verstehen, was dort vor sich geht. 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