{"id":1345675,"date":"2021-04-22T06:22:24","date_gmt":"2021-04-22T05:22:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1345675"},"modified":"2021-04-22T06:22:24","modified_gmt":"2021-04-22T05:22:24","slug":"deglobalisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/04\/deglobalisierung\/","title":{"rendered":"Deglobalisierung"},"content":{"rendered":"<article><strong>Begeisterte Bef\u00fcrworter der Globalisierung erlebten schon einmal bessere Zeiten.<\/strong><\/article>\n<article><\/article>\n<article><\/article>\n<article>In einer Einsch\u00e4tzung der Commerzbank heisst es alarmistisch: \u201eDer Welthandel zerf\u00e4llt in regionale Bl\u00f6cke\u201c (zit. n. Kaufmann 2019). Protektionismus ist weit verbreitet. Nicht nur die bekannten Instrumente (z. B. Z\u00f6lle) finden Anwendung. Die Denkfabrik Eurasien-Group spricht von einem \u201ekalten Technologiekrieg\u201c.Die USA blockieren den Zugang von Huawei zum US-Markt und \u201ereglementieren den Verkauf von High-Tech-G\u00fctern ans Ausland. So brauchen Unternehmen wie Microsoft inzwischen staatliche Lizenzen, um Software an China zu verkaufen. \u201aTechnologische Vorherrschaft\u2019, so US-Vizepr\u00e4sident Mike Pence, ist eine Bedingung unserer nationalen Sicherheit\u2019\u201c (Kaufmann 2019).Gegenw\u00e4rtig ist von Globalisierungs-Euphorie wenig zu sp\u00fcren. Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm erkl\u00e4rte in einem Interview mit dem \u201aHandelsblatt\u2019 auf die Frage, wie die Covid-Seuche, die anders als SARS nicht regional begrenzt ist, sich auswirkt; \u201eEs wird nicht so bleiben wie bisher, weil wir nicht mehr so stark auf internationale Lieferketten vertrauen werden\u201c (zit. n. Pezzel 2020). Dies verst\u00e4rkt einen Prozess, der unabh\u00e4ngig von der Covid-Krise bereits im Gang war.In der Zeitung \u201eDie Welt\u201c heisst die \u00dcberschrift eines Artikels: \u201eZeitenwende: Die De-Globalisierung hat l\u00e4ngst begonnen.\u201c F\u00fcr die \u201er\u00fcckl\u00e4ufige Globalisierung\u201c werden folgende Anzeichen genannt: Der globale Handel w\u00e4chst seit 2008 langsamer als die Produktion. Und: \u201eSeit 2011 ist die Fragmentierung der Produktion auf globaler Ebene r\u00fcckl\u00e4ufig. Sie war nach dem Einbruch in 2008 nur marginal wieder angestiegen, um seitdem kontinuierlich zu sinken\u201c (Straubhaar 2016).Steffen Kinkel ist Wirtschaftsinformatiker an der Hochschule Karlsruhe. \u201eAlle zwei bis drei Jahre fragt (er) [\u2026] mehr als 1400 deutsche Industrieunternehmen, ob sie Arbeit ins Ausland verlagert haben. Und ob sie Arbeit zur\u00fcckgeholt haben. [\u2026] 1997 verlegten (Kinkels Umfrage zufolge \u2013 Verf.) z. B. 27% der Metall- und Elektronikhersteller Teile ihrer Produktion ins Ausland. 2003 waren es 25%. [\u2026] 2009 waren es nur noch 9, 2012 noch 8 %\u201c (B\u00f6hme 2019). \u201eViele haben Probleme mit den Partnerfirmen vor Ort. Oder die Logistik ist zu umst\u00e4ndlich\u201c (Ebd.).<\/p>\n<p><strong>Zwei verschiedene Begriffe von Globalisierung<\/strong><\/p>\n<p>Ein enges Verst\u00e4ndnis von Globalisierung bezieht sie auf das Ausmass langer, verschiedene Kontinente umspannender Lieferketten und auf die \u00dcberwindung von Handelsschranken. Einem weiten Verst\u00e4ndnis von Globalisierung entspricht die Feststellung: Selbst wenn die Lieferketten weniger international w\u00e4ren und es mehr Handelshemmnisse g\u00e4be, bliebe der Konkurrenzdruck des Weltmarkts auf die Volkswirtschaften bestehen. Um in der Konkurrenz nicht unterzugehen, muss jedes Kapital seine Verwertung steigern. Das Fortkommen der Sieger wird auf dem Weltmarkt pr\u00e4miert. In L\u00e4ndern, die wirtschaftlich schlecht dastehen, unterbleibt die F\u00f6rderung von Entwicklungspotentialen auf \u201aniedrigerem\u2019 Niveau.<\/p>\n<p>Wer in der internationalen Konkurrenz auf den unteren Pl\u00e4tzen steht, kann oft nicht einmal mehr im eigenen Land auf teurere Weise technisch weniger anspruchsvolle Produkte herstellen, sondern wird durch die Produkte der Gewinner \u00fcberschwemmt. Die Kapitale der wirtschaftlich reicheren L\u00e4nder beanspruchen einseitig h\u00e4ufig bestimmte Stoffe und volkswirtschaftliche Segmente der wirtschaftlich armen L\u00e4nder. Das verhindert eine aufeinander abgestimmte und eine sich positiv r\u00fcckkoppelnde Arbeitsteilung in der \u201azur\u00fcckgebliebenen\u2019 \u00d6konomie.<\/p>\n<p><strong>Negativfolgen internationaler \u00f6konomischer Vernetzung<\/strong><\/p>\n<p>Bereits aus \u00f6kologischen Gr\u00fcnden werden sich Transporte zuk\u00fcnftig massiv verteuern. Kostenvorteile durch Aussenhandel verl\u00f6ren schon damit stark an Bedeutung. Das Lob der langen Lieferketten setzt die billigende Inkaufnahme niedriger und niedrigster L\u00f6hne sowie schlechter Arbeitsbedingungen in anderen L\u00e4ndern voraus. Viele Bef\u00fcrworter der Globalisierung sehen davon ab, weitere Negativwirkungen \u00fcberhaupt umfassend wahrzunehmen.<\/p>\n<p>Ein Beispiel: Frachtschiffe laden \u201ezwecks Stabilisierung in ihren Ballastwassertanks an einem Ende des Meerwasser, um es am anderen Ende wieder ins Meer zu lassen. Zehntausende Arten sollen dabei nach Sch\u00e4tzungen verschifft werden\u201c \u2013 und zwar in Gegenden, in denen sie nicht durch ein evolution\u00e4r gewachsenes Umfeld (inklusive nat\u00fcrlicher Feinde) geb\u00e4ndigt werden (Ulrich 2020). Die auch auf andere Art und Weise zustande kommende \u201eWelthomogenisierung ist dabei, in hohem Tempo Tier- und Pflanzenarten auszurotten, und zwar ohne dass einem einzigen Tier oder einer einzigen Pflanze unmittelbar etwas angetan w\u00fcrde (was andernorts nat\u00fcrlich auch noch passiert, etwa um anstelle von Regenwald Soja f\u00fcr die deutschen Schweine anzubauen, die dann als Nackensteak nach China verkauft werden.)\u201c (Ebd.).<\/p>\n<p>Vielen wird bewusst, wie die Herrschaft des Weltmarkts den Druck der Konkurrenz auf die nationalen \u00d6konomien versch\u00e4rft. Aus den Erfahrungen mit den Negativfolgen internationaler \u00f6konomischer Vernetzung im Krisenfall wird auf so etwas wie Schotten im Schiff gedr\u00e4ngt. Dem entspricht das Votum f\u00fcr die \u201egr\u00f6ssere Unabh\u00e4ngigkeit von \u00fcberregionalen Stoff-, G\u00fcter- und Finanzstr\u00f6men, also die sukzessive St\u00e4rkung und Immunisierung der Region gegen\u00fcber zu grosser Abh\u00e4ngigkeit von aussen\u201c (Reinhard Loske). Diese verschiedenen Motive konvergieren im Pl\u00e4doyer daf\u00fcr, \u00f6konomische Zusammenh\u00e4nge zu dezentralisieren. Lokale und regionale Bereiche w\u00e4ren dann st\u00e4rker miteinander verkn\u00fcpft. National und international w\u00e4re der Vernetzungsgrad geringer.<\/p>\n<p><strong>Deglobalisierung<\/strong><\/p>\n<p>Walden Bello (2001) von der einflussreichen thail\u00e4ndischen Nichtregierungsorganisation \u2018Focus on the Global South\u2019 tritt f\u00fcr \u201eDeglobalisation\u201c ein als Antwort auf die Probleme, die aus einer weit verstandenen Globalisierung oder aus den Zw\u00e4ngen des Weltmarkts entstehen. Die geforderte Regionalisierung unterscheidet sich vom Protektionismus oder der Formierung von Wirtschaftsbl\u00f6cken, die sich auf die Konkurrenz am Weltmarkt ausrichten, sich also positiv auf ihn einstellen.<\/p>\n<p>Stattdessen geht es um eine weltweite Raumordnung, die den R\u00fcckbau und die Entm\u00e4chtigung des Weltmarktes beinhaltet: \u201eDie Dekonnexion bedeutet f\u00fcr mich die Unterwerfung der \u00e4usseren Beziehungen unter die Logik einer internen Entwicklung. Es ist das Gegenkonzept zu dem zur Mode gewordenen Weltbankmodell der Strukturanpassung. Die Strukturanpassung erfolgt stets einseitig, es ist die Anpassung der Schwachen an die Erfordernisse der Starken. [\u2026] Es w\u00e4re eine auto-zentrierte Entwicklung in einem mittelgrossen Rahmen vorstellbar, bspw. dem Zusammenschluss von mehreren Nationen oder L\u00e4ndern der Dritten Welt.<\/p>\n<p>So grosse L\u00e4nder wie China oder Indien und eine Reihe gr\u00f6sserer Staaten des S\u00fcdens k\u00f6nnten hier eine Vorreiterrolle spielen\u201c (Samir Amin). Zwar bedarf es internationaler Absprachen, ihr Ziel muss aber sein, die \u201eNotwendigkeit \u00fcbergreifender Entscheidungen und Regulierungen zu vermindern\u201c und \u201edie eigenst\u00e4ndige politische Kompetenz lokaler und regionaler Einheiten zu Lasten von Staaten und internationalen Organisation zu st\u00e4rken\u201c (Christoph G\u00f6rg, Joachim Hirsch). Wenn wir im Folgenden von Deglobalisierung sprechen, dann nicht im Sinne einer Abnahme von internationalen Gesch\u00e4ftsbeziehungen, sondern im Sinne einer \u00dcberwindung des Weltmarkts.<\/p>\n<p><strong>Missverst\u00e4ndnisse \u00fcber die Deglobalisierung<\/strong><\/p>\n<p>Den Weg der Deglobalisierung gilt es abzugrenzen gegen Versuche, die Globalisierung gerecht zu gestalten einerseits, Strategien der Lokalisierung andererseits. \u201eW\u00e4hrend die \u201aGerecht Gestalten\u2019-Strategie die Dynamik der Globalisierung st\u00e4rkt, indem sie sie reformieren will, erliegt die Lokalisierungsstrategie der Gefahr einer Nischenpolitik ohne durchgreifende Wirkung\u201c (Eckhard Stratmann-Mertens 2004).<\/p>\n<p>In der Konkretisierung dieser Deglobalisierung ist zu unterscheiden zwischen \u201apassiv\u2019 zu unterlassenden Massnahmen und aktiven Schritten hin zu einer regionalen Orientierung. Zu unterlassende Massnahmen sind z. B. die Exportf\u00f6rderung (Agrarsubventionen, Hermesb\u00fcrgschaften, Flug- und Schiffstreibstoffsubventionierung u.a.) und die F\u00f6rderung Transnationaler Konzerne. Aktive Massnahmen orientieren sich daran, dezentrale Wirtschaftsstrukturen aufzubauen \u2013 von der Energieversorgung bis zum \u00f6kologischen Landbau, langlebige Produkte zu f\u00f6rdern und eine die Reduktion von Rohstoffimporten erm\u00f6glichende Recyclingwirtschaft.<\/p>\n<p>Diese Perspektive ist abzugrenzen von illusion\u00e4ren Pl\u00e4doyers f\u00fcr \u201asmall is beautiful\u2019 und \u201eEigenproduktion\u201c inklusive illusion\u00e4ren Erwartungen an den 3D-Drucker. (Vgl. zu diesen drei Themen Creydt 2018). Holger G\u00f6rg, Leiter des Forschungszentrums Internationale Arbeitsteilung am Institut f\u00fcr Weltwirtschaft Kiel, weist hin auf den Adidas-Konzern, der \u201eden 3D-Druck-Versuch mit einem Turnschuhmodell nach kurzer Zeit einstellte. \u201aDie M\u00f6glichkeiten technologischer Entwicklung sind da, aber beim Aussch\u00f6pfen sprechen wir eher von Dekaden\u2019 (G\u00f6rg)\u201c (Pezzel 2020).<\/p>\n<p>Notwendige Bedingung f\u00fcr das Primat der Binnenwirtschaft ist nicht die Abkopplung vom weiterhin dominanten Weltmarkt, sondern dessen \u00dcberwindung durch die Konzentration v. a. auch der wirtschaftlich am meisten entwickelten L\u00e4nder auf die Binnenwirtschaft. Insofern ist es eine Themaverfehlung, die Deglobalisierung mit den bisherigen Versuchen nationaler Abschottung gegen\u00fcber dem Weltmarkt zu delegitimieren.<\/p>\n<p>Diese Versuche betrafen bislang \u00f6konomisch unterlegene Regionen zu Zeiten einer Koexistenz von Wirtschaftsstrukturen, die einander gegenseitig ausschlossen. Der \u201efreie Westen\u201c hat sich nicht damit abgefunden, dass ein Teil der Erde kapitalistischen Imperativen entzogen war. Zu den eigenen Problemen der Wirtschaft im Ostblock kam der ihm aufgezwungene milit\u00e4rischen Wettbewerb hinzu. Mithalten zu k\u00f6nnen auf dem Gebiet milit\u00e4risch anspruchsvoller Technologien forderte der Sowjetunion und ihren Verb\u00fcndeten einen Reichtumstransfer in den R\u00fcstungsbereich ab, der \u00fcberproportional gr\u00f6sser war als im \u00f6konomisch st\u00e4rkeren Westen.<\/p>\n<p>Das Primat der Binnenwirtschaft und die gesellschaftliche Selbstgestaltung in einem bestimmten Raum k\u00f6nnen allein resultieren aus konvergierenden Prozessen, die die Mehrheit der \u00f6konomisch f\u00fchrenden Nationen ergreifen. Ebenso wenig wie es \u201eSozialismus in einem Land\u201c gab, kann Deglobalisierung in einem vom weiter bestehenden Weltmarkt abgekoppelten Wirtschaftsraum existieren.<\/p>\n<p><strong>Deglobalisierung ist kein Spaziergang<\/strong><\/p>\n<p>In Bezug auf die Deglobalisierung stellt sich das Problem der Abh\u00e4ngigkeit je nach Bereich auf unterschiedliche Weise. In Bezug auf die Arzneimittelproduktion wurde manchen erst anl\u00e4sslich der Covid-Seuche bewusst, dass z. B. ein grosser Teil von Generika, also Nachahmungsprodukten von teuren Originalprodukten, in China hergestellt werden. Das l\u00e4sst sich im Rahmen einer Deglobalisierung vergleichsweise leicht korrigieren. Gesa Busch vom Fachbereich Agrar\u00f6konomie der Uni G\u00f6ttingen betont in Bezug auf den Lebensmittelbereich: W\u00fcrde man sich auf Waren aus regionalem Anbau beschr\u00e4nken, so g\u00e4be es weniger Auswahl bei Obst und Gem\u00fcse. \u201e\u201aMit der aktuellen Marktstruktur w\u00e4re auf keinen Fall eine gr\u00f6ssere \u00c4nderung zu Gunsten von mehr Regionalisierung m\u00f6glich.\u2019 (Busch).<\/p>\n<p>Anbieter mit regionalen Vermarktungsstrukturen seien oft schon gut ausgelastet und k\u00f6nnten ein mehr an Nachfrage gar nicht decken\u201c (Pezzel 2020). Die \u2013 faktisch brisantere \u2013 Abh\u00e4ngigkeit von Rohstoffen, die es exklusiv in bestimmten Weltgegenden gibt, fordert Forschungs- und Entwicklungsarbeiten heraus. Sie sollen den Ersatz dieser Stoffe erm\u00f6glichen. Kommt es dazu, verringert sich deren Import und Export massiv. Sollte die Abh\u00e4ngigkeit von wenigen fremden Rohstoffen fortbestehen, so unterscheidet sich der diesbez\u00fcglich notwendig bleibende Aussenhandel ums Ganze vom gegenw\u00e4rtigen Zustand: Unter der Herrschaft des Weltmarkts besteht fl\u00e4chendeckender Zwang zu Export und Import.<\/p>\n<p>Arme L\u00e4nder m\u00fcssen um jeden Preis exportieren. Und die Exportweltmeister wie Deutschland machen das Gelingen ihrer Wirtschaft von der anspruchsvollen Voraussetzung abh\u00e4ngig, dass auch in Zukunft deutsche Maschinen und hochwertige Autos nahezu konkurrenzlos bleiben. Sich den grossen Aufwand zu vergegenw\u00e4rtigen, den eine Deglobalisierung erforderlich macht, spricht weniger gegen diese Ver\u00e4nderung als gegen weit verbreitete Denkfehler.<\/p>\n<p>Wer unter gutem Leben t\u00e4glich frische Schnittblumen aus Lateinamerika und exotisches Obst versteht und diese Auswahlfreiheit als Moment seiner Vorstellung von postmoderner Vielfalt begr\u00fcsst, gewichtet auf recht spezielle Art zwischen den Vorteilen dieser Form von Genuss und den negativen Auswirkungen des Weltmarkts. Viele verdr\u00e4ngen, dass die Ausweitung des internationalen Angebots von zu konsumierendem Obst einherging mit der Verringerung der Vielfalt einheimischer Obstsorten. Wer nicht mehr die Geschmacksunterschiede zwischen den verschiedenen einheimischen deutschen Apfelsorten genossen hat, f\u00fcr den ist die Wahrnehmung des Verlustes schwierig. Die Fixierung auf die Sorge, bei massiver Reduktion internationaler Lieferketten w\u00fcrden manche Produkte teurer, sieht von der positiven Entwicklung der Lebensqualit\u00e4t ab, die durch einen R\u00fcckbau des Weltmarkts m\u00f6glich wird.<\/p>\n<p><strong>Kosmopolitische Mentalit\u00e4ten<\/strong><\/p>\n<p>Wer angesichts der Perspektive der skizzierten Deglobalisierung Provinzialismus assoziiert, verkennt, dass nicht Kleinstaaterei, sondern das Primat der Selbstversorgung in Wirtschaftsr\u00e4umen gemeint ist, die mehrere L\u00e4nder umfassen. Es geht darum, das \u00dcberbietungsrennen zwischen \u00d6konomien durch starke Ausd\u00fcnnung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen verschiedenen gr\u00f6sseren R\u00e4umen, die intern stark vernetzt sind, zu beenden.<\/p>\n<p>Dem in Gegenfixierung auf den Provinzialismus sich definierenden Kosmopolitismus fehlt das Bewusstsein f\u00fcr die Grenzen der von ihm favorisierten Raumordnung. \u201eDas Entfernteste r\u00fcckt n\u00e4her, um den Preis, die Distanz zum N\u00e4heren zu erweitern\u201c (Georg Simmel). \u201eWenn das Ferne zu nahe tritt, entfernt oder verwischt sich das Nahe\u201c (G\u00fcnther Anders). \u00dcber die Schauspielerin Sophie von Kessel heisst es: \u201eMexiko, Finnland, \u00d6sterreich, USA: Wer seine Kindheit (in diesem Fall als Tochter eines Diplomaten) an so vielen Orten absolviert, f\u00fcr den ist Vielseitigkeit Programm. \u201aIch kenne kein Heimatgef\u00fchl, vermisse es auch nicht. Das macht mich flexibel\u2019, bringt es die stilvolle Aktrice auf den Punkt\u201c (rtv \u2013 Das Fernsehmagazin Ihrer Zeitung, Nr. 38, 2010, S. 4).<\/p>\n<p>Die kosmopolitische Mobilit\u00e4t verst\u00e4rkt die Ortlosigkeit und das \u201eraumlose \u00dcberall\u201c (Dietmar Kamper). F\u00fcr immer mehr Kosmopoliten gibt es nurmehr zeitweilige Durchgangsstationen. Einheimisch sind sie vor allem auf den Flugpl\u00e4tzen. Der best\u00e4ndige Ortswechsel untergr\u00e4bt die lokale Verankerung und soziale Assoziation von Menschen. Sie kommen nicht auf die Idee, sich vor Ort zu engagieren.<\/p>\n<p>Einzutreten ist f\u00fcr die \u201eVerk\u00fcrzung der sachlichen, sozialen und zeitlichen Distanz zwischen Handlungen und Handlungsfolgen auf jenes Mass, das es \u00fcberhaupt erst erlaubt, die Qualit\u00e4t jenes Zusammenhangs kognitiv zu erfassen und wie auch immer politisch-moralisch zu beurteilen\u201c (Claus Offe). F\u00fcr die hier beschriebene Deglobalisierung sprechen \u00f6kologische und demokratische Gr\u00fcnde sowie der Wert einer Lebensweise mit weniger Konkurrenz und wirtschaftlichem Druck. Das Wirtschaftlichkeitsprinzip (\u201eSuche nach m\u00f6glichst grossem Ertrag bei geringst m\u00f6glichen Kosten!\u201c) erweist sich auch hier als eine Orientierung, die von der Wirklichkeit abhebt.<\/p>\n<p>Im Preismedium lassen sich Belange der Nachhaltigkeit, der Demokratie und der Lebensqualit\u00e4t nur sehr selektiv ausdr\u00fccken. Wer es auf die Orientierung an Geldmengen absieht, muss von diesen Qualit\u00e4ten absehen. Was im Radar der Preise nicht vorkommt, l\u00e4sst sich im Schleiertanz des Geldes vernachl\u00e4ssigen und sch\u00e4digen. \u201eAbstraktionen in der Wirklichkeit geltend machen, heisst Wirklichkeit zerst\u00f6ren\u201c (Hegel).<\/p>\n<p>\u201eDer Niedergang antiker St\u00e4dte vollzog sich \u00fcber Jahrhunderte, der meiner Heimatstadt Detroit \u00fcber zwanzig Jahre. So schnell passt sich unser Orts- und Heimatgef\u00fchl nicht an\u201c (Lilla 2019). Not-wendig wird es, R\u00e4ume nicht l\u00e4nger als passives Resultat von Wirtschaftskonjunkturen, Handelsbeziehungen und Verkehrsstr\u00f6men zu traktieren und den entsprechenden Zuf\u00e4llen zu \u00fcberlasen. Stattdessen geht es um den Wert des konkreten Gef\u00fcges. Er besteht in der Gegenseitigkeit, Erg\u00e4nzung und dem sinnvollen Aufeinander-bezogen-Sein der verschiedenen Aktivit\u00e4ten in einem bestimmten Raum. Angesichts des Eigenwerts dieser raumbezogenen \u201eVernetzung\u201c wird der Preis fremder Waren und die Effizienz einzelner Techniken zweitrangig.<\/p>\n<p><strong>Der Weltstaat als Illusion<\/strong><\/p>\n<p>Die durch den Weltmarkt gegebene Situation besteht in einer Koexistenz von \u00fcberm\u00e4chtigen internationalen Wirtschaftsdynamiken und einer Politik, die national zersplittert und insofern der Internationalit\u00e4t der Kapitaldynamik nicht gewachsen ist. Angesichts der immens hohen Konsens- und Kooperationskosten internationaler Zusammenarbeit ist eine globale Weltrepublik ein illusion\u00e4res Ziel.<\/p>\n<p>Die Aufmerksamkeit daf\u00fcr w\u00e4chst, dass mit der Gr\u00f6sse des zu regierenden Raums und der Zahl der Bev\u00f6lkerung die Entfernung zwischen den W\u00e4hlern und den Gew\u00e4hlten zunimmt. Daf\u00fcr, dass die Bev\u00f6lkerung Herr im Haus sein kann, bildet der massive R\u00fcckbau des Weltmarkts eine notwendige Bedingung. Es gilt sich von der Vorstellung zu verabschieden, einen entfalteten Weltmarkt politisch b\u00e4ndigen zu k\u00f6nnen. Diese Vorstellung hat illusion\u00e4re Erwartungen an die Politik.<\/p>\n<p>Es gibt \u201eObjekte\u201c, die wie der Weltmarkt zu gross, zu komplex und zu eigendynamisch sind, als dass sie sich regulieren lassen. Der Weltmarkt bildet eine objektive Fehlentwicklung, die zur\u00fcckgebaut werden muss. Gewiss bildet der Weltmarkt nicht das alleinige Problem der bestehenden kapitalistischen Wirtschaft. Dessen R\u00fcckbau w\u00fcrde aber einen massiven Treiber der Konkurrenz und des Wirtschaftswachstums, das vorrangig der Kapitalakkumulation dient, \u00fcberwinden.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\">Meinhard Creydt<\/p>\n<p class=\"fussnoten\"><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Amin, Samir 1995: Interview. In: Kommune H. 12, Jg. 17<br \/>\nAnders, G\u00fcnther 1980: Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. 1. M\u00fcnchen<br \/>\nBello, Walden 2001: The global conjuncture: characteristics und challenges. In: International Socialism Journal, Issue 91<br \/>\nB\u00f6hme, Johannes 2019: Die R\u00fcckkehrer. In: brand eins, H. 1<br \/>\nCreydt, Meinhard 2006: Grenzen der Globalisierung. Kritik an der affirmativen und pseudokritischen Verwandlung des Weltmarktes in einen Popanz. In: Sozialismus, 33. Jg., Hamburg, H. 9\/2006 und in Forum Wissenschaft, H. 4\/2006<br \/>\nCreydt, Meinhard 2018: Auseinandersetzung um Konzepte f\u00fcr die nachkapitalistische Gesellschaft In: labournet vom 16.4.2018 und in http:\/\/www.meinhard-creydt.de\/archives\/730<br \/>\nG\u00f6rg, Christoph; Hirsch, Joachim 1998: Chancen f\u00fcr eine \u201ainternationale Demokratie\u2019? In: Das Argument Nr. 225<br \/>\nKamper, Dietmar 1998: von wegen. M\u00fcnchen<br \/>\nKaufmann, Stephan 2019: Neue Machtwirtschaft. In: Neues Deutschland, 30. November, Wochenendbeilage, S. 4f.<br \/>\nLilla, Mark 2019: Zugeh\u00f6rigkeit braucht Grenzen. In: Die Zeit, Nr. 12, 14.3.2019, S. 41<br \/>\nLoske, Reinhard 2014: Neue Formen kooperativen Wirtschaftens als Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung. In: Leviathan 42. Jg., H. 3<br \/>\nOffe, Claus 1986: Die Utopie der Null-Option. In: Peter Koslowski u.a. (Hg.): Moderne oder Postmoderne. Weinheim<br \/>\nPezzel, Kristina 2020: Risse in der Kette. Die Pandemie hat eine Diskussion \u00fcber die R\u00fcckverlagerung von Produktionsteilen neu belebt. In: Das Parlament, Nr. 30-32, S. 5<br \/>\nSimmel, Georg 1989: Philosophie des Geldes. Frankfurt M.<br \/>\nStratmann-Mertens, Eckhard 2004: Entglobalisierung \u2013 Abschied vom Wachstum. Kritik der neo-keynesianischen Globalisierung. In: Biesecker, Adelheid; B\u00fcscher, Martin; Sauer, Thomas u. a. (Hg.): Alternative Weltwirtschaftsordnung. Hamburg<br \/>\nStraubhaar, Thomas 2016: Zeitenwende: Die De-Globalisierung hat l\u00e4ngst begonnen. In: Die Welt, 3. 10. 2016<br \/>\nUlrich, Bernd 2020: So nah ist zu nah. In: Die Zeit, 12. 3. 2020, S. 3<\/p>\n<div id=\"emailskopiertclipboardPopupMail\" class=\"emailskopiertHiddenPopup\" style=\"z-index: 1102;\">\n<div id=\"emailskopiertpopupContentToMail\">\n<div id=\"emailskopiertinfoToPopupClipboard\">E-Mail wurde erfolgreich kopiert<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div id=\"emailskopiertclipboardPopupMail\" class=\"emailskopiertHiddenPopup\" style=\"z-index: 1102;\">\n<div id=\"emailskopiertpopupContentToMail\">\n<div id=\"emailskopiertinfoToPopupClipboard\">E-Mail wurde erfolgreich kopiert<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"emailskopiertclipboardPopupMail\" class=\"emailskopiertHiddenPopup\" style=\"z-index: 1102;\">\n<div id=\"emailskopiertpopupContentToMail\">\n<div id=\"emailskopiertinfoToPopupClipboard\">E-Mail wurde erfolgreich kopiert<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div id=\"emailskopiertclipboardPopupMail\" class=\"emailskopiertHiddenPopup\" style=\"z-index: 1102;\">\n<div id=\"emailskopiertpopupContentToMail\">\n<div id=\"emailskopiertinfoToPopupClipboard\">E-Mail wurde erfolgreich kopiert<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"emailskopiertclipboardPopupMail\" class=\"emailskopiertHiddenPopup\" style=\"z-index: 1102;\">\n<div id=\"emailskopiertpopupContentToMail\">\n<div id=\"emailskopiertinfoToPopupClipboard\">E-Mail wurde erfolgreich kopiert<\/div>\n<p><textarea id=\"emailskopierttextSelectAreaClipboard\"><\/textarea><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Begeisterte Bef\u00fcrworter der Globalisierung erlebten schon einmal bessere Zeiten. In einer Einsch\u00e4tzung der Commerzbank heisst es alarmistisch: \u201eDer Welthandel zerf\u00e4llt in regionale Bl\u00f6cke\u201c (zit. n. Kaufmann 2019). Protektionismus ist weit verbreitet. Nicht nur die bekannten Instrumente (z. B. 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