{"id":1344162,"date":"2021-04-18T18:12:21","date_gmt":"2021-04-18T17:12:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1344162"},"modified":"2021-06-13T16:16:05","modified_gmt":"2021-06-13T15:16:05","slug":"frauen-die-die-zukunft-gestalten-vandana-shiva","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/04\/frauen-die-die-zukunft-gestalten-vandana-shiva\/","title":{"rendered":"Frauen, die die Zukunft gestalten: Vandana Shiva"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die renommierte Physikerin, Denkerin und Aktivistin Vandana Shiva schl\u00e4gt den <a href=\"http:\/\/www.navdanya.org\/site\/eco-feminism\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00d6kofeminismus<\/a> als Antwort auf den gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt vor, in dem wir uns befinden. Das kapitalistische Patriarchat, das die Natur, Frauen und die Zukunft kolonialisiert hat, f\u00fchrt uns in Richtung Zerst\u00f6rung und Tod. F\u00fcr den Kampf, sich dem zu widersetzen, vermittelt sie starke und \u00fcberzeugende Worte.<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Shiva schl\u00e4gt vor, das Zehn-Jahres-Fenster zu nutzen, das wir noch haben, um uns von der Kolonialisierung des Patriarchats zu befreien und die Richtung zu \u00e4ndern. Der wichtigste Punkt dabei: uns bewusst zu werden, dass all die verschiedenen Bewegungen, sei es f\u00fcr die Rechte von Frauen, von Kleinbauern, f\u00fcr Biolandbau, f\u00fcr Klimaschutz, f\u00fcr Tier- und Artenschutz, gegen Umweltzerst\u00f6rung, gegen Krieg, gegen Rassismus usw. alle eine gemeinsame Wurzel haben. Und wir m\u00fcssen uns unserer Macht als freie Menschen bewusst werden, die sich selbst organisieren k\u00f6nnen. Die Kraft, die daraus entsteht, wird dann nicht mehr aufzuhalten sein. So k\u00f6nnen wir den Planeten, die Menschheit und das Leben retten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Women who Build the Future: Vandana Shiva\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/oB_oqc4V8js?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<h3>Transkript des Interviews mit Vandana Shiva, gef\u00fchrt von Juana P\u00e9rez von Pressenza<\/h3>\n<p><strong>Liebe Freunde, wie Ihr sehen k\u00f6nnt, sind wir bei Vandana Shiva. Sie ist eine bekannte Denkerin, Schriftstellerin, Physikerin, Aktivistin und \u00d6kofeministin, deren Vorschl\u00e4gen Millionen von Menschen auf dem ganzen Planeten folgen. Es w\u00fcrde dieses Interview sprengen, all ihre Arbeit und die vielen Projekte zu benennen, in die sie involviert ist. Vandana, Sie arbeiten mit der sozialen Basis, mit Organisationen, aber auch mit Regierungen zusammen. Sie haben sich der Macht gestellt, indem sie gro\u00dfe Unternehmen anprangerten. Es ist schwer, alles aufzuz\u00e4hlen, was Sie aufgebaut haben, aber um es irgendwie zusammenzufassen, w\u00fcrden Sie uns verraten, was Ihrem vielf\u00e4ltigen Engagement als gemeinsame Ursache zugrunde liegt?<\/strong><\/p>\n<p>Alles, woran ich arbeite, entspringt meinem Innersten, meiner Liebe zum Leben und meiner Liebe zur Freiheit, was auch immer es sein mag. Ob es der Schutz der W\u00e4lder, des Saatguts oder das Zusammensein mit meinen Schwestern, den Landwirtinnen, ist, um das Land und den Boden zu verteidigen. Es hat alles damit zu tun, das Leben von einem Ort der Liebe heraus zu verteidigen, die Freiheit von einem Ort des Widerstands heraus gegen die Unfreiheit zu verteidigen.<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen \u00fcber Dekolonisation, \u00d6kofeminismus, das kapitalistische Patriarchat und die Befreiung der Natur, der Frauen und der Zukunft.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man dar\u00fcber nachdenkt, besetzen dieselben Prozesse der Kolonialisierung, also das Projekt des kapitalistischen Patriarchats, die Natur und verwandeln Land vom Gemeingut in Privateigentum, verwandeln Saatgut von Gemeingut in geistiges patentierbares Eigentum, verwandeln Menschen von autonomen Wesen in passive Nutzer von Algorithmen und Maschinen. Die Aneignung der Allmende ist der Kern der Kolonialisierung, und die Kolonialisierung der Natur ist sehr stark mit der Kolonialisierung der Frauen verbunden. Genauso wie Mutter Erde zu leerem Niemandsland geworden ist, ist die Frau als autonomes, produktives, kreatives Wesen, das die Wirtschaft und die Gesellschaft konkret unterst\u00fctzt, zu einem leeren K\u00f6rper geworden, zu einem Objekt, das ausgebeutet werden kann. All die Arbeit, die wir tun, all die Kreativit\u00e4t und das Wissen, das wir haben, wurde in Nicht-Wissen, in Nicht-Arbeit umgewandelt. Diese Prozesse der Kolonialisierung der Natur und der Frauen untergraben im h\u00f6chsten Ma\u00dfe die Grundlage des Lebens.<\/p>\n<p>Wenn man einen Fluss im \u00dcberma\u00df ausbeutet, t\u00f6tet man ihn. Aber dieser Fluss ist das Wasser der Menschen von heute und morgen. Wenn man aus Gier und Blindheit fossile Brennstoffe verbrennt, Pestizide in der Landwirtschaft einsetzt und damit 50% der Treibhausgase erzeugt, die den Klimawandel verursachen, stiehlt man den neuen Generationen die Zukunft. Deshalb sind sich die Jugendlichen der Klimakrise auch sehr bewusst und wir haben Bewegungen wie Fridays For Future. Was aber noch fehlt, ist das Bewusstsein \u00fcber die enge Verflechtung dieser drei Kolonialisierungen. An dem Tag, an dem die Menschheit aufwacht und dies begreift, wird die Kraft der Erde und die Kraft der Menschen eine sch\u00f6pferische Macht sein, die nicht mehr aufzuhalten ist.<\/p>\n<p><strong>Wir werden darauf zur\u00fcckkommen. Sie haben vorhin gesagt, dass alles, woran Sie arbeiten, aus Ihrem Inneren kommt, aus Ihrem Eintreten f\u00fcr das Leben. Gab es konkrete Erfahrungen, im Inneren oder auch im Umgang mit Menschen, die Sie zum Aktivismus, zum Engagement f\u00fcr die Verteidigung des Lebens gef\u00fchrt haben, etwas, das f\u00fcr Sie ein Wendepunkt war und Sie dazu gebracht hat, sich f\u00fcr all diese Anliegen und Bewegungen zu engagieren?<\/strong><\/p>\n<p>Meine Grundausbildung ist die eines Physikers, ich habe in Quantentheorie promoviert, Meine intellektuelle Ausbildung hat also mit Nicht-Trennung zu tun, mit der Idee, dass alles miteinander verbunden ist. Es hat mit Potenzialen zu tun. Die Idee, dass Frauen biologisch minderwertig sind, wurde im Wesentlichen vom kapitalistischen Patriarchat geschaffen. Frauen haben das Potenzial, wichtige Akteure in der Wirtschaft, in der Demokratie und in der Kultur zu sein; und so war das Thema der Nicht-Trennung und der verschiedenen Potenziale Teil meiner Ausbildung.<\/p>\n<p>Mein Engagement f\u00fcr \u00f6kologische Fragen, mein Bewusstsein f\u00fcr die Gewalt des kapitalistischen Patriarchats und die Schaffung einer Philosophie, die anerkennt, dass die Natur, dass Frauen kreativ sind, begannen alle mit einer pers\u00f6nlichen Erfahrung. Ich wollte f\u00fcr meine Doktorarbeit nach Kanada reisen. Zuvor machte ich eine Runde durch die W\u00e4lder, mein Vater war F\u00f6rster gewesen und so hatte ich in meiner Kindheit diese W\u00e4lder oft besucht. Ein bestimmter Eichenwald war pl\u00f6tzlich verschwunden, er war zu einer Obstplantage umfunktioniert worden, und der Fluss, der aus diesem alten Wald kam, war zu einem Rinnsal geworden. Ich f\u00fchlte mich, als wie wenn ein Teil von mir selbst verschwunden w\u00e4re, weil ich mit diesen W\u00e4ldern aufgewachsen bin, und es hat mich sehr ver\u00e4rgert. Auf dem Weg zur\u00fcck nach Delhi begann ich, dar\u00fcber mit Leuten zu sprechen und so erfuhr ich von dieser neuen Chipko-Bewegung. \u201eChipko\u201c bedeutet \u201eUmarmen\u201c und die Bewegung war von Frauen aus den Bergen in meiner Gegend ins Leben gerufen worden. Ich wollte also nach Kanada ziehen, aber ich nahm mir fest vor, in den Ferien zur\u00fcckzukommen und bei dieser wunderbaren Bewegung mitzuarbeiten. Deshalb sage ich immer: ich promovierte in Quantentheorie an der Universit\u00e4t von Ontario in Kanada, aber meine Promotion in Umweltfreundlichkeit und \u00f6kologischen Aktivismus machte ich an der \u201eChipko-Universit\u00e4t\u201c in den Bergen meiner Region. Das hat mein Engagement als Umweltaktivistin und auch das st\u00e4ndige Informiert-Sein gepr\u00e4gt. Egal, wo \u00f6kologische Zerst\u00f6rung stattfand, immer waren es Frauen, die sich erhoben, und zwar nicht, weil ihre Gene ihnen sagten, dass sie der Natur n\u00e4her st\u00fcnden, sondern weil es ihnen \u00fcberlassen war, sich um die grundlegenden Dinge des Lebens zu k\u00fcmmern, um Nahrung und Wasser und Brennstoff und all die Dinge, die nicht als Arbeit gelten, die nicht als Teil der Wirtschaft betrachtet werden. Sie hatten also die Aufgabe, sich um diese grundlegenden Dinge zu k\u00fcmmern, die die Gesellschaft aufrecht erhalten, und so wurden sie zu Experten f\u00fcr Nachhaltigkeit, f\u00fcr \u00d6kologie und f\u00fcr das \u00dcberleben.<\/p>\n<p>Eine weitere gro\u00dfe Ver\u00e4nderung trat 1984 ein, als in Indien zwei sehr gewaltt\u00e4tige Ereignisse geschahen. Eines davon war ein Bauernaufstand im Bundesstaat Punjab, wo die Gr\u00fcne Revolution \u2013 also die industrielle Landwirtschaft mit Chemikalien &#8211; zum ersten Mal in der Dritten Welt eingef\u00fchrt wurde. Bis dahin war sie nur in der industrialisierten ersten Welt vorhanden.<\/p>\n<p>Aber diese gr\u00fcne Revolution, wie sie genannt wurde, war nicht revolution\u00e4r und sie war nicht gr\u00fcn, sie war einfach nur gewaltt\u00e4tig. Sie war eine milit\u00e4rische Technologie, die in die Landwirtschaft eingef\u00fchrt wurde und die auf die Natur losgelassen wurde. Und sie hat den Staat Punjab ruiniert. Deshalb gab es den Bauernaufstand, das war 1984. Im selben Jahr kam es in der Stadt Bhopal, bei demselben Unternehmen, das diese Pestizide eingef\u00fchrt hatte, zu einem Austritt von t\u00f6dlichen Chemikalien, bei dem Tausende von Menschen starben. Ich arbeitete zu der Zeit mit der Universit\u00e4t der Vereinten Nationen zusammen, in einem Programm \u00fcber Frieden und globale Transformation, und ich sagte zur UN: &#8222;Hey, hier passiert etwas und ich will das verfolgen&#8220;. Also schrieb ich ein Buch \u00fcber die gr\u00fcne Revolution oder besser die Gewalt der gr\u00fcnen Revolution. Denn f\u00fcr mich ist Wissen nicht gleich Karriere, Forschung nicht nur das Hinzuf\u00fcgen einer weiteren Ver\u00f6ffentlichung zu meinem Lebenslauf. Wissen ist f\u00fcr mich ein Leitfaden zum Handeln. Und wenn man wei\u00df, dass etwas falsch ist, dann muss man alles tun, um zu verhindern, dass dieses \u00dcbel weiter besteht, sowohl durch Wissen, als auch durch Handeln. Deshalb verpflichtete ich mich, weiter \u00fcber die Gewalt des Giftkartells und der industriellen Landwirtschaft zu recherchieren. Und so wurde ich Expertin auf diesem Gebiet, eben genau um diesen Schaden zu verhindern, und setze ich mich seit 1984 f\u00fcr eine gewaltfreie Landwirtschaft ein. Als Ergebnis dieser Arbeit wurde ich 1987 zu einem Treffen eingeladen, bei dem sich das Giftkartell Saatgut aneignen wollte, weil sie sagten, sie h\u00e4tten es im Labor erfunden und sie wollten Patente darauf. Sie wollten einen globalen Vertrag, um das der Welt aufzuzwingen. Das war der Tag, an dem ich begann, Saatgut zu verteidigen und die <a href=\"https:\/\/www.navdanya.org\/site\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Navdanya-Bewegung<\/a> ins Leben zu rufen (<em>\u201eNavdanya\u201c bedeutet &#8222;neun Samen&#8220; und symbolisiert den Schutz der biologischen und kulturellen Vielfalt sowie auch &#8222;neues Geschenk&#8220; f\u00fcr Saatgut als Gemeingut, basierend auf dem Recht, Saatgut zu sammeln und zu teilen; Anm.d.\u00dc.<\/em>). Jede meiner gro\u00dfen Ver\u00e4nderungen wurde also durch eine gro\u00dfe Ungerechtigkeit und durch gro\u00dfe Gewalt gegen das Land und gegen die Menschen, insbesondere Frauen, ausgel\u00f6st.<\/p>\n<p><strong>Sie haben von verschiedenen Ursachen und Bewegungen gesprochen. Wenn alle diese Ursachen und Bewegungen eines Tages zusammenkommen, werden wir in einer anderen Situation leben. Viele Organisationen und Netzwerke bilden sich auf der ganzen Welt, aber was m\u00fcssen wir Ihrer Meinung nach tun, um eine ausreichende kritische Masse zu erzeugen, um die Richtung der Ereignisse global zu \u00e4ndern? Was braucht es, damit dies geschieht und wie k\u00f6nnen wir dazu beitragen, dass dieser Moment eintritt?<\/strong><\/p>\n<p>Wie ich schon sagte, begann ich meine \u00f6kologische Arbeit nach Chipko in den fr\u00fchen 1970er Jahren; meine intellektuelle Arbeit ist nat\u00fcrlich viel \u00e4lter und meine feministische Geschichte begann von dem Moment an, als ich geboren wurde. Ich hatte das Gl\u00fcck, wunderbare Eltern und eine wunderbare feministische Mutter zu haben, noch bevor der Begriff in den Wortschatz aufgenommen wurde. Wir haben in den vergangenen Jahrhunderten den Kolonialismus und seine Auspr\u00e4gung als kapitalistisches Patriarchat, als Konzentration von Macht, Gewalt, Gier, Profitstreben und Herrschaft \u00fcber Frauen erlebt. Aber dieses kapitalistische Patriarchat hat auch mit Anthropozentrismus zu tun. Die Idee, dass der Mensch anderen Spezies \u00fcberlegen ist, ist mit dem verbunden, was ich &#8222;\u00f6kologische Apartheid&#8220; nenne, die Trennung von der Natur.<\/p>\n<p>Gleichzeitig schufen dieselben Prozesse einen neuen Rassismus, demzufolge Farbige den Wei\u00dfen unterlegen sind, weil der Kolonialismus gerechtfertigt werde musste, durch die \u00dcberlegenheit einer bestimmten Hautfarbe, der wei\u00dfen Haut, einer Religion, des Christentums, eines Geschlechts, das der M\u00e4nner. Es war alles im gleichen \u201eGesamtpaket\u201c mit drin. Im Laufe der Zeit sind zwar Bewegungen entstanden, die sich auf verschiedene Aspekte dieses Gesamtpakets konzentrierten, aber es ist ein einziger Krieg gegen das Leben, gegen Autonomie und Selbstorganisation, ein Krieg gegen die Vielfalt. All diese Aspekte sind mit der eigentlichen Ursache und Form verbunden, n\u00e4mlich dem Kolonialismus und dem kapitalistischen Patriarchat. Die treibenden Kr\u00e4fte sind Gier und die Gewinnung von Rohstoffen und die Erzielung von Profit auf jede erdenkliche Art und Weise und mit allen Mitteln. So schufen sie Narrative, um ihre Ausbeutung als zivilisatorische Mission zu rechtfertigen, indem sie sagten: &#8222;Wir beuten euch nicht aus, wir zivilisieren euch, ohne uns seid ihr Barbaren, ihr seid primitiv, ihr seid minderwertig.&#8220; Und dieses Narrativ hat die Bewegungen zersplittert und fragmentiert. Wir haben also die Black-Lives-Matter-Bewegung, dann gibt es die Frauenbewegung und auf der anderen Seite haben wir Fridays for Future, die \u00fcber die Zukunft sprechen. Wir haben eine Bewegung f\u00fcr die Rechte von Mutter Erde, die v\u00f6llig getrennt ist von Geschlechtergerechtigkeit, Antirassismus und den Interessen zuk\u00fcnftiger Generationen. Was tun wir also jetzt, da wir wissen, dass wir ein Zehn-Jahres-Fenster f\u00fcr den \u00dcbergang haben? Wir wissen, dass wir, wenn wir in den n\u00e4chsten zehn Jahren keinen Wandel herbeif\u00fchren, die Bedingungen f\u00fcr menschliches Leben auf der Erde zerst\u00f6ren werden, so wie auch schon die Bedingungen f\u00fcr andere Spezies zerst\u00f6rt wurden. Und das ist keine Spekulation, das ist die Extrapolation eines eindeutigen Trends: Es ist bereits anderen Arten und anderen Kulturen angetan worden, die \u00d6kozide am Artenreichtum, die Genozide an indigenen V\u00f6lkern, die Femizide an Frauen, sie existieren alle! Das sind alles Beweise, sie sind alle da, sie sind evident. Also f\u00fcr diejenigen, die immer \u00fcber evidenzbasierte Wissenschaft sprechen, hier ist die Evidenz: Ihr seid auf dem Weg zum Zusammenbruch und zum Aussterben, aber ihr denkt, ihr seid so \u00fcberlegen, dass ihr irgendwie zum Mars entkommt und \u00fcberleben k\u00f6nnen, w\u00e4hrend ihr diesen Planeten ruiniert.<\/p>\n<p>Deshalb m\u00fcssen wir also erstens in diesem Zehn-Jahres-Fenster aufwachen. Zweitens m\u00fcssen wir uns der gemeinsamen Wurzel der Ungerechtigkeiten bewusst werden, nicht der unterschiedlichen Auspr\u00e4gungen, sondern der gemeinsamen Wurzel. Drittens m\u00fcssen wir erkennen, dass wir die Kreativit\u00e4t und die sch\u00f6pferische Kraft haben, die Ver\u00e4nderung zu sein, die wir sehen wollen, wie schon Gandhi sagte. Wir m\u00fcssen nicht darauf warten, dass jemand kommt und sagt: Wach auf! Das Erwachen kommt von innen, das ist eine Kraft, die in uns ist, nur die Trennung wurde uns auferlegt. Doch Nicht-Trennung ist die Realit\u00e4t unseres Lebens, unsere Nicht-Trennung von der Natur, unsere Nicht-Trennung als Menschen und unsere Nicht-Trennung von anderen Generationen.<\/p>\n<p>Diese Untrennbarkeiten sind so in Stein gemei\u00dfelt wie ein Gesetz, wie die Nicht-Trennungsgesetze der Quantentheorie. Wir m\u00fcssen die Quantentheorie der Einheit zwischen der menschlichen Spezies und anderen Spezies und innerhalb der menschlichen Spezies selbst verstehen. Sobald wir dieses Verst\u00e4ndnis und unser Bewusstsein daf\u00fcr \u00e4ndern, er\u00f6ffnen sich alle Arten von M\u00f6glichkeiten. Und wieder sage ich dies auf der Grundlage von Erfahrungen und evidenzbasierter Wissenschaft: wir haben die Arbeit getan, wir haben mit der Rettung von winzigen Samen begonnen und jetzt haben wir ein ganzes System von Nahrung und Landwirtschaft, das das Klimaproblem l\u00f6sen kann, das Bodenprobleme und Gesundheitskatastrophen angehen kann, das keine Pandemien schafft wie diese invasive Agrartechnologie, die mit Gentechnik \u00fcberall im Amazonasgebiet eindringt. Es kann uns gute Gesundheit bescheren und Gerechtigkeit auf allen Ebenen schaffen. Es ist alles machbar, es liegt in unserer Geschichte. Und deshalb m\u00fcssen die indigenen V\u00f6lker auch wichtige Br\u00fccken in die Zukunft sein.<\/p>\n<p>Es ist auch in der Expertise der Frauen, die trotz aller Schwierigkeiten weiterhin die Gesellschaft aufrecht erhalten. Frauen m\u00fcssen also an der Spitze dieses \u00dcbergangs stehen. Und wir m\u00fcssen erkennen, dass wir eins sind, mit der Natur, als Menschheit. Wir haben ein gemeinsames Leben, als eine Menschheit auf einem Planet. Dieses Erwachen \u00f6ffnet Fenster, die vom kapitalistischen Patriarchat verschlossen wurden und die uns daran hindern, vorw\u00e4rts zu gehen, uns zu ver\u00e4ndern und die Protagonisten dieser Ver\u00e4nderung zu sein.<\/p>\n<p><strong>W\u00fcrden Sie noch weitere greifbare oder nicht greifbare Elemente hinzuf\u00fcgen, die uns helfen k\u00f6nnen, die gewaltfreie Zukunft zu gestalten, die wir anstreben?<\/strong><\/p>\n<p>Der gesamte Aktivismus meines Lebens begann, wie ich bereits erw\u00e4hnt habe, mit der Chipko-Bewegung, und alle meine Aktionen waren von Gewaltfreiheit gegen die Kr\u00e4fte der Gewalt inspiriert, seien es die Kr\u00e4fte der Gewalt, die die Landwirtschaft im Punjab mit der Gr\u00fcnen Revolution zerst\u00f6rten, die Kr\u00e4fte der Gewalt der Pestizide aus der Union Carbide-Anlage oder die Kr\u00e4fte der Gewalt der Monsantos dieser Erde, die sich Saatgut aneignen wollten, indem sie deren Integrit\u00e4t durch gentechnische Ver\u00e4nderung verletzten.<\/p>\n<p>Es gibt also drei Lektionen, die ich erlebt und gelernt habe. Die erste ist die <strong>Selbstorganisation<\/strong>. Wir m\u00fcssen erkennen, dass wir autonome Wesen sind. Wir sind keine Objekte. Als selbstorganisierte Wesen sind wir autonome Subjekte, die miteinander in Gegenseitigkeit verbunden sind. Wir sind autonom, aber miteinander verbunden, wir sind selbstorganisiert, aber trotzdem verschieden, und wenn wir das sehen, dann wird Selbstorganisation sowohl ein Recht als auch eine Pflicht und beginnt, eine andere Politik zu formen. \u00dcberall auf der Welt ist das W\u00e4hlen zu einer Krise geworden, weil die Wahlen vom Geld gekapert wurden. Regierungen, anstatt vom Volk f\u00fcrs Volk zu sein, arbeiten \u00fcberall f\u00fcr Konzerne oder Million\u00e4re. Die repr\u00e4sentative Demokratie l\u00e4sst also die Erde und die Menschheit im Stich, sie ist nicht auf der Seite der Menschen. Wir brauchen eine viel tiefere und partizipativere Demokratie. Und sie kommt von all denen, die erkennen, dass sie selbst etwas bewirken k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen nicht auf die warten, die wir gew\u00e4hlt haben, denn heute ist der Einfluss, den wir durch Wahlen haben, sehr klein im Vergleich zu den gro\u00dfen Lobbys mit viel Geld. Wir m\u00fcssen also die Ver\u00e4nderung sein, dort wo wir sind.<\/p>\n<p>Zweitens war die Globalisierung in den letzten drei\u00dfig Jahren eine gro\u00dfe erneute Kolonialisierung und wenn man sich die Zahlen der Treibhausgasemissionen ansieht, die Zahlen des Artensterben, der Wasserkrise, der Fl\u00fcchtlingskrise, dann waren diese letzten drei\u00dfig Jahre verheerend f\u00fcr die Gesellschaft und den Planeten. Also m\u00fcssen wir die Wirtschaft wieder lokalisieren und die Wirtschaft wieder \u00f6kologisieren. Ich nenne dies die Schaffung von <strong>lebenden \u00d6konomien<\/strong>.<\/p>\n<p>Der dritte Punkt ist die Macht des Bewusstseins, die <strong>Macht der Wahrheit<\/strong>. Viele Menschen f\u00fchlen sich ohnm\u00e4chtig, wenn Regierungen im Dienste von Konzernen Gesetze erlassen und den Menschen ihre Freiheiten nehmen. Sie sagen dann: &#8222;Oh mein Gott, was sollen wir jetzt tun?&#8220;. Die Briten haben zum Beispiel in S\u00fcdafrika und in Indien versucht, es f\u00fcr uns illegal zu machen, unser eigenes Salz aus unserem eigenen Wasser und Meer zu produzieren. Sie haben das \u201eSalz-Gesetz\u201c erlassen, das ihnen ein Monopol auf Salz gab, damit sie Lizenzgeb\u00fchren erheben konnten. Gandhi ging an den Strand, nahm das Salz in die Hand und sagte: &#8222;Die Natur hat es uns umsonst gegeben. Wir brauchen es f\u00fcr unser \u00dcberleben. Wir werden weiterhin Salz herstellen und uns nicht an eure Gesetze halten\u201c. Und das wurde als Salzmarsch oder Salz-Satyagraha bekannt, die Kraft der Wahrheit. Das hat mich inspiriert. Als ich also sah, dass die Monsantos dieser Welt das Saatgut durch Patente und gentechnische Ver\u00e4nderung besitzen wollten, starteten wir die Saatgut-Satyagraha, wie damals die Salz-Satyagraha, und wir sagten: &#8222;Ihr habt das Saatgut nicht erfunden, das ist eine L\u00fcge. Wir werden das Saatgut retten und wir werden keine Gesetze akzeptieren, die es illegal machen, Saatgut zu sammeln und zu teilen, denn das ist unsere Pflicht gegen\u00fcber der Erde, gegen\u00fcber uns selbst und gegen\u00fcber zuk\u00fcnftigen Generationen\u201c. Die Nicht-Akzeptanz von Ungerechtigkeit und von brutalen gewaltvollen Gesetzen ist daher der h\u00f6chste Ausdruck unseres Mensch-Seins und der h\u00f6chste Ausdruck unserer Freiheit.<\/p>\n<p><strong>Vielen Dank, es war wundervoll, mit Ihnen zu sprechen!<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Transkript und \u00dcbersetzung von Evelyn Rottengatter vom ehrenamtlichen Pressenza-\u00dcbersetzungsteam.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/mitarbeiten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wir suchen Freiwillige!<\/a><\/p>\n<p>Das Interview ist Teil der Reihe \u201e<a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/tag\/frauen-die-die-zukunft-gestalten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Frauen, die die Zukunft hin zu einer gewaltfreien Gesellschaft gestalten<\/a>\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Redaktioneller Tipp:<\/strong><\/p>\n<p>Wer gerne mehr \u00fcber Vandana Shivas Arbeit wissen m\u00f6chte, kann noch bis 22. April 2021 den Dokumentarfilm \u201e<strong>The Seeds of Vandana Shiva<\/strong>\u201c\u00a0 kostenlos auf der Webseite der <a href=\"https:\/\/www.organicconsumers.org\/the-seeds-of-vandana-shiva\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Organic Consumers Association<\/a> ansehen (Becket Films, ca. 82 Minuten, Englisch).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die renommierte Physikerin, Denkerin und Aktivistin Vandana Shiva schl\u00e4gt den \u00d6kofeminismus als Antwort auf den gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt vor, in dem wir uns befinden. 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