{"id":1336584,"date":"2021-04-10T08:02:07","date_gmt":"2021-04-10T07:02:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1336584"},"modified":"2021-04-10T08:02:07","modified_gmt":"2021-04-10T07:02:07","slug":"arm-und-nicht-sozial-schwach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/04\/arm-und-nicht-sozial-schwach\/","title":{"rendered":"Arm und nicht sozial schwach"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Buch \u00fcber Arbeitslose und ihre Funktion f\u00fcr die Arbeitsgesellschaft.<\/strong><\/p>\n<article>Anna Mayr hat ein politisches Buch \u00fcber Arbeitslose im heutigen Deutschland geschrieben. Zugleich ist es ein pers\u00f6nliches Buch, \u00fcber ihre eigene Geschichte und die ihrer Eltern. Auch wenn die politischen Anteile des Buchs \u00fcberwiegen, ist ihr ein lesenswerter Hybrid gelungen.Mayr legt dar, wie es ist, im Deutschland des 21. Jahrhunderts arbeitslos zu sein \u2013 so wie ihre Eltern. Dabei beschreibt sie vor allem das Hartz-IV-System und wie es sich f\u00fcr Menschen anf\u00fchlt, im Jobcenter als \u201eKunde\u201c \u201egef\u00fchrt\u201c zu werden. Alle, die sich kritisch mit Hartz IV befassen oder davon selbst betroffen sind oder waren, kennen die Themen und Schlagworte, die Mayr im Buch anspricht: Isoliertheit, Integration, Zumutbarkeit, Sozialhilfe, ALG2-Empf\u00e4nger, Nichtw\u00e4hler, Langzeitarbeitslose, Vermittelbarkeit, Chance, 1-Euro-Job, Stigma, RTL2, SPD, Armut, abgeh\u00e4ngt, faul, sozial schwach, angemessen, Bildung \u2013 um nur Einige zu nennen.In \u201eDie Elenden\u201c finden wir weniger Erkl\u00e4rungen zu diesen Begriffen als vielmehr eine klare und kritische Haltung zu ihnen. Einige Menschen dieser Gesellschaft sind von diesen Begriffen direkt betroffen, sie leben jeden Tag mit dem Stigma, arbeitslos zu sein und damit, zu \u201eAnderen\u201c abgestempelt zu werden. Sie werden zu denjenigen gemacht, die diese Gesellschaft als ihr Gegenteil braucht:\u201eIch weiss also, welchen Zweck es hatte, dass meine Familie arm war: Wir dienten als abschreckendes Beispiel.\u201c (S. 21)<strong>Das Gegenteil der Arbeit<\/strong><\/p>\n<p>Arbeitslosigkeit bedeutet zuallererst Armut. Weil arbeitslos sein von der Gesellschaft nicht erw\u00fcnscht ist, sind Arbeitslose nicht nur arm, sondern sie werden auch noch sozial abgewertet. Anna Mayr, die als Journalistin unter anderem bei DIE ZEIT arbeitet, beschreibt ihre Emp\u00f6rung, wenn ein Kollege Arbeitslose und Arme abwertet:<\/p>\n<p>Einerseits, weil ich mich denjenigen, die er f\u00fcr asozial h\u00e4lt, zugeh\u00f6rig f\u00fchle: den Menschen, neben denen ich aufgewachsen bin und die in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung unter einer Schicht aus Vorurteilen existieren, die so dick sind, dass sie zu ersticken drohen und das kaum jemand die Realit\u00e4t darunter sieht. Andererseits, weil ich mich auch ihm, dem Kollegen, zugeh\u00f6rig f\u00fchle.\u201c (S. 13)<\/p>\n<p>Dieses Zitat erinnert an die aktuellen klassenpolitischen Debatten, die mit Identit\u00e4tspolitik verkn\u00fcpft werden und verweist darauf, dass dieses Buch scheinbar zur richtigen Zeit erschienen ist.<\/p>\n<p>Wenn Mayr ihre eigene Biografie und ihre Gef\u00fchle auf eine Art zum Ausdruck bringt, wie sie f\u00fcr politische B\u00fccher \u00fcblich ist, erg\u00e4nzt sie das mit einer biografischen Positionierung. An manchen Stellen weist sie mit recht starkem Ton drauf hin, dass die H\u00e4rten von Kindern Arbeitsloser gr\u00f6sser sind als jene von Kindern der Arbeiter_innen. Damit versucht sie, ihre Position als Kind Arbeitsloser zu verdeutlichen. Aber sie setzt ihr Buch auch ins Verh\u00e4ltnis mit anderen Texten, wie \u201eR\u00fcckkehr nach Reims\u201c von Didier Eribon oder Christian Barons \u201eEin Mann seiner Klasse\u201c, welche in den Debatten zum Teil identit\u00e4tspolitisch aufgegriffen wurden.<\/p>\n<p>Beide Autoren w\u00fcrden ihrer Ansicht nach zumindest im Subtext \u201edem belesenen B\u00fcrgertum die Unterschicht und deren Weltwahrnehmung erkl\u00e4r[en und damit zugleich suggerieren], dass Nationalismus und Rassismus vor allem aus diesen Milieus kommen.\u201c (S. 23) Auch, wenn dieser Vorwurf an Eribon und Baron nicht ganz tr\u00e4gt, ist Mayrs grundlegende Antwort darauf unerl\u00e4sslich: \u201eW\u00e4re Rechtssein vor allem eine Sache der Ohnm\u00e4chtigen, dann w\u00e4ren die Rechten insgesamt weitestgehend ohnm\u00e4chtig.\u201c (ebd.) Und das sind die Rechten leider nicht.<\/p>\n<p><strong>Eine Geschichte der Distanzierung<\/strong><\/p>\n<p>Zu Situationen, wo die augenscheinliche Un\u00fcberbr\u00fcckbarkeit der Ungleichheit deutlich wird, komme es f\u00fcr sozial Aufgestiegene wie Mayr alle Tage:<\/p>\n<p>\u201eMit einem Freund [\u2026] sass ich nach Feierabend im Lounge-Bereich einer Berliner Boulderhalle [\u2026]. Ich nahm einen Schluck von meinem gr\u00fcnen Smoothie und nickte interessiert, als er sagte, dass man jetzt eigentlich Immobilien kaufen sollte.\u201c (S. 25)<\/p>\n<p>Wenn sie weiter beschreibt, dass sie inzwischen gerne Taxi fahre und sich das fr\u00fcher nicht getraut habe, schl\u00e4gt sie damit in dieselbe Kerbe wie Baron und Eribon, die auch \u00fcber die Scham der Aufgestiegenen schreiben: Der privilegierte Alltag zusammen mit den Reichen kennzeichnet ein Abgehobensein von der eigenen Klasse. Und Mayr sagt dazu auch, dass ihr sozialer Aufstieg ihr die \u201en\u00f6tige kritische Distanz [verleihe], ohne die Sie als Leserinnen mich nicht ernst nehmen w\u00fcrden.\u201c (S. 29) \u00dcber mehrere Seiten berichtet sie von ihren Anfragen an Funkanstalten, und stellt fest, dass in den Talkshows keine Arbeitslosen, sondern immer nur \u201eehemalige Arbeitslose\u201c zu Wort kommen.<\/p>\n<p>Mayrs Eigenreflexion wird durch die Geschichte des Umgangs mit der Arbeitslosigkeit kontextualisiert und politisiert. Sie erkl\u00e4rt die Ethik des Verzichts unter den Reformator_innen, die vor rund 500 Jahren Faulheit, Betteln und Arbeitslosigkeit zur Haupts\u00fcnde gestempelt hatten. Zudem skizziert sie, dass mit dem Fortlauf der Industrialisierung Menschen begannen, um die Arbeit ebenso wie darin gegeneinander zu k\u00e4mpfen. Sp\u00e4ter beschreibt sie das vorl\u00e4ufige Ende dieser Entwicklung, in der das System von Hartz IV der H\u00f6hepunkt dieser Ethik der Arbeit ist. Und zwischendrin versucht sie sich an einer triftigen Kritik am bedingungslosen Grundeinkommen, dass \u00e4hnlich wie ALG 2, doch eher einer Subventionierung von billiger Arbeitskraft gleichk\u00e4me.<\/p>\n<p><strong>Bildung und soziale Arbeit<\/strong><\/p>\n<p>Zwei Punkte fallen an Mayrs Text besonders positiv auf: Erstens die Kritik der \u201eBildung\u201c als Allheilmittel f\u00fcr den Aufstieg aus der Armut. Nicht umsonst ist das Wort auch so ein beliebtes in Reden von Politiker_innen. Doch Bildung allein n\u00fctze in der Realit\u00e4t nichts, so die Auffassung der Autorin: Der Aufstieg sei real n\u00e4mlich nicht allen verg\u00f6nnt. Dennoch: Wenn Kommiliton_innen ihr von einer besseren Welt vorschw\u00e4rmten, aber zugleich abwertend \u00fcber angebliche \u201eHartz-IV-Nazis\u201c (S. 61) redeten, die doch nichts f\u00fcr eine bessere Welt t\u00e4ten, wird das Schlagwort \u201efehlende Bildung\u201c zum einzigen Grund f\u00fcr soziale und politische Ungerechtigkeiten erhoben.<\/p>\n<p>Zweitens macht Mayrs deutlich, dass f\u00fcr verschiedene Strukturen der sozialen Arbeit viel Geld ausgegeben werde, es Menschen aber oftmals viel mehr helfen w\u00fcrde, einfach mehr Geld zur Verf\u00fcgung zu haben.<\/p>\n<p>\u201eEs gibt also Menschen in dieser Gesellschaft, die gehen kaputt, damit der Rest sich von ihnen abgrenzen kann, und je mehr sie ausgegrenzt werden, desto mehr gehen sie kaputt. Und wenn sie kaputt genug sind, bezahlt der Staat Menschen, die sich um sie k\u00fcmmern. Man nennt das dann soziale \u201aArbeit\u2018, denn wer keine Arbeit hat, den kann man immerhin bearbeiten.\u201c (S. 84)<\/p>\n<p>Das skizziert sie in mehreren konkreten Fallbeispielen und es geht ihr dabei vor allem darum, dass Soziale Arbeit auch Alimentierung der Armen ist, aber keine richtige Hilfe. Gerade wer nah an diesem Bereich arbeitet, kann zu solch einer Auffassung kommen.<\/p>\n<p><strong>Arbeitslos? Gibt\u2018s das noch?<\/strong><\/p>\n<p>Manchmal kommt beim Lesen das Gef\u00fchl auf, dass Mayr dieses Buch geschrieben hat, um uns die Arbeitslosigkeit als solche ins Ged\u00e4chtnis zu rufen. Das erinnert an Zeiten, als mit Arbeit und Arbeitslosigkeit noch Wahlkampf betrieben wurde. Im Jahr 2020 scheint das Thema aber bundespolitisch noch nicht zum Wahlkampfthema zu werden. Unverst\u00e4ndlich ist das angesichts Mayrs Erkenntnis:<\/p>\n<p>\u201eWer das Gef\u00fchl hat, dass der Staat die Gerechtigkeit nicht herstellen wird, der setzt sich Zuhause auf zehn Pakete Klopapier und rechtfertigt das damit, dass ja sowieso jeder nur an sich denke. Je gr\u00f6sser das Ungerechtigkeitsempfinden in einer Gesellschaft, desto unmoralischer wird sie also.\u201c (S. 181)<\/p>\n<p>Die Autorin argumentiert f\u00fcr die Notwendigkeit von Umverteilung und daf\u00fcr, zu erkennen, dass Armut ungerecht ist. Lohnenswert ist das Buch deshalb, weil es die gesellschaftliche Funktion von Arbeitslosigkeit leicht erkl\u00e4rt und zudem mit pers\u00f6nlichen Erfahrungen angereichert Gerechtigkeit f\u00fcr Arbeitslose einfordert.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\" style=\"text-align: right;\">Thomas Stange<br \/>\nkritisch-lesen.de<\/p>\n<p class=\"fussnoten\">Anna Mayr: Die Elenden. Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht. Hanser Berlin, Berlin 2020. 208 Seiten. ca. 24.00 SFr., ISBN: 978-3-446-26840-1<img \/><\/p>\n<div id=\"emailskopiertclipboardPopupMail\" class=\"emailskopiertHiddenPopup\" style=\"z-index: 1102;\">\n<div id=\"emailskopiertpopupContentToMail\"><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Buch \u00fcber Arbeitslose und ihre Funktion f\u00fcr die Arbeitsgesellschaft. Anna Mayr hat ein politisches Buch \u00fcber Arbeitslose im heutigen Deutschland geschrieben. Zugleich ist es ein pers\u00f6nliches Buch, \u00fcber ihre eigene Geschichte und die ihrer Eltern. 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