{"id":1336084,"date":"2021-04-07T15:09:22","date_gmt":"2021-04-07T14:09:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1336084"},"modified":"2021-04-07T15:09:22","modified_gmt":"2021-04-07T14:09:22","slug":"der-feminismus-hat-den-fortschritt-horizontaler-beziehungen-ermoeglicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/04\/der-feminismus-hat-den-fortschritt-horizontaler-beziehungen-ermoeglicht\/","title":{"rendered":"Der Feminismus hat den Fortschritt horizontaler Beziehungen erm\u00f6glicht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mar\u00eda Atienza hat einen Bachelor in Verwaltung und Leitung von Unternehmen sowie einen Master in Geschlecht, Entwicklung und Bildung, mit dem Fokus auf solidarischer und feministischer Wirtschaft. Zurzeit ist sie Teil des REAS (Repr\u00e4sentatives Netzwerk der alternativen und solidarischen Wirtschaft von Spanien) und koordiniert gemeinsam mit anderen die Kommission der Feminismen.<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Mar\u00eda, wenn wir von \u201efeministischer Wirtschaft\u201c sprechen \u2013 wovon sprechen wir dann genau?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die feministische Wirtschaft w\u00fcrde ich als eine Str\u00f6mung kritischer Gedanken definieren \u2013 es ist sehr wichtig, den Begriff der Kritik hierbei hervorzuheben, der vor allem zum Ziel hat, die Dimensionen des Geschlechts in der Wirtschaft sichtbar zu machen. Warum sind wir dieser Auffassung? Gut, auf der einen Seite, weil sie eine weite Definition der Wirtschaft erm\u00f6glicht, da die Marktwirtschaft \u00fcberwunden wird. Sie stellt somit eine Entfernung vom Fokus auf die M\u00e4rkte dar, die im aktuellen wirtschaftlichen System nicht geschieht, wie wir alle wissen.<\/p>\n<p>Die feministische Wirtschaft m\u00f6chte genauer gesagt den Fokus verschieben \u2013 weg von den M\u00e4rkten, hin zu h\u00e4uslicher Arbeit und Care-T\u00e4tigkeiten, die essenziell f\u00fcr das Leben aller Menschen sind. Au\u00dferdem bilden diese Ans\u00e4tze das Grundger\u00fcst, um das Patriarchat und den Kapitalismus in Frage zu stellen, die im derzeitigen hegemonialen System Hand in Hand gehen. Wenn wir \u00fcber diese Art von Wirtschaft sprechen oder sie definieren, verwenden wir gerne die Metapher des Eisbergs, den ich als eine Masse von Eis verstehe, von dem wir nur einen kleinen oberen Teil sehen k\u00f6nnen. Es ist ein Bild, mit dem wir erkl\u00e4ren, dass wir zurzeit lediglich den produktiven Teil der Wirtschaft in den K\u00f6pfen haben \u2013 die M\u00e4rkte, ein sehr verm\u00e4nnlichter Teil. Den unteren Teil, der den anderen aufrechterh\u00e4lt, sehen wir nicht: Es sind s\u00e4mtliche Frauen, die die Care-T\u00e4tigkeiten erledigen, die h\u00e4uslichen Arbeiten, die nicht wirklich sichtbar sind, die wenn \u00fcberhaupt unsicher bezahlt werden, doch ohne die das Leben keinen Sinn h\u00e4tte und nicht fortbestehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Und welche Beziehung besteht zwischen dieser Perspektive der feministischen Wirtschaft und der solidarischen Wirtschaft, die sich auf unserem Kontinent popul\u00e4re und solidarische Wirtschaft nennt? Wie \u00fcberschneiden sich diese Perspektiven, Mar\u00eda \u2013 was ist das Konzept, was sind die Vorschl\u00e4ge?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke auf der einen Seite, dass sich beide den transformierenden Wirtschaftsformen zuordnen lassen, da beide eine sozio\u00f6konomische Transformation implizieren und eine Reihe von Gedanken beinhalten, mit denen das aktuelle hegemoniale System hinterfragt wird, das in der Tat unterdr\u00fcckerisch und rassistisch ist, das uns mit Fragen zur\u00fcckl\u00e4sst und von dem wir glauben, dass es keinen Sinn f\u00fcr das Leben hat. Doch wenn wir konkret von einer feministischen solidarischen Wirtschaft sprechen, w\u00fcrde ich auch sagen, dass beide Formen Kritik am dominanten kapitalistischen System \u00fcben \u2013 ich denke sogar, weil sie ein Konzept vorschlagen, dass auf mehr abzielt als lediglich Produktivit\u00e4t. Beispielsweise spricht die solidarische Wirtschaft stets vom sozialen Wohlbefinden im Sinne von allgemeinem Wohlbefinden, das dadurch entsteht, dass wir Netzwerke bilden und uns zusammenschlie\u00dfen \u2013 und nicht im Sinne von Individualismus, den die kapitalistische Wirtschaft f\u00f6rdert. Es ist ebenso wichtig zu betonen, dass feministische solidarische Wirtschaft bedeutet, die Menschen im Zentrum zu verorten und in irgendeiner Form zum tats\u00e4chlichen Sinn von Wirtschaft zur\u00fcckzukehren: Die Bereitstellung von G\u00fctern und Dienstleistungen wird in diesem \u00f6konomischen System wegen des Beitrags zur St\u00e4rkung der Gemeinschaften honoriert.<\/p>\n<p><strong><em>Mar\u00eda, um dieses Thema abzuschlie\u00dfen und dann zu einem anderen \u00fcberzugehen, von dem wir auch m\u00f6chten, dass du uns ein wenig erz\u00e4hlst. Wie pr\u00e4sent, wie stark, wie ausgepr\u00e4gt ist diese Perspektive der feministischen Wirtschaft auf der allgemeinen feministischen Agenda? Dort stehen n\u00e4mlich viele Punkte, es gibt zu viele K\u00e4mpfe zu f\u00fchren. Welchen Platz nimmt deiner Ansicht nach die feministische Wirtschaft konkret ein und welche Bedeutung hat sie?<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, dass \u2013 wie du sch\u00f6n gesagt hast \u2013 die feministische Agenda in ihrer Gesamtheit unz\u00e4hlige Elemente des Kampfes, des Widerstands etc. beinhaltet. Doch f\u00fcr mich ist am wichtigsten, dass sie die Bedeutung des Lebens in Bezug auf seine Nachhaltigkeit in den Vordergrund stellt und wie man es verteidigt. Wie wir Pflege und Betreuung in den Vordergrund des Diskurses dar\u00fcber r\u00fccken k\u00f6nnen, wie wir unseren Alltag bestreiten. Um ein konkretes Beispiel der solidarischen Gemeinschaft zu geben: Es ist wichtig, mit der feministischen Gemeinschaft in den Dialog zu treten, da wir aus dem Blickwinkel der Pflege und F\u00fcrsorge unsere Form der Arbeit und unserer Unternehmen in Frage stellen \u2013 egal, ob es sich um horizontale oder egalit\u00e4re Beziehungen handelt, oder um Beziehungen, die von Machtstrukturen gepr\u00e4gt sind. So gesehen halte ich unsere Form der Arbeit f\u00fcr einen Mittelpunkt, der die feministische Gemeinschaft zu einem zentralen Element macht. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich ist dieser Punkt auch wichtig aus dem Grund, weil ich denke, dass wir uns an einer Stelle der feministischen Agenda als Ganzes der Frage nach der Form der Arbeit stellen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em><strong>Jetzt gehe ich zu einem anderen Thema \u00fcber. Zur Information unserer Zuh\u00f6renden \u2013 Mar\u00eda war und ist in der ganzen Bewegung um das Weltsozialforum herum von der thematischen Achse her aktiv: Gender-Feminismus, feministische Bewegungen. K\u00f6nntest du uns vielleicht einen globalen \u00dcberblick \u00fcber die aktuelle Situation feministischer Bewegungen geben, auch was in Afrika, in Asien, in Lateinamerika passiert, skizzieren?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Das ist eine komplizierte Frage, da \u00fcber das globale Panorama der feministischen Bewegung zu sprechen sehr weit reicht &#8211; ich w\u00fcrde allerdings ein paar Dinge hervorheben. Bei einem \u00dcberblick \u00fcber die globale Situation ist es selbstverst\u00e4ndlich unm\u00f6glich, die Pandemie nicht zu erw\u00e4hnen, sie ist etwas, das uns alle in vielerlei Hinsicht getroffen hat. Zu betonen ist, dass wir uns alle pl\u00f6tzlich transformieren und neu erfinden mussten. Die K\u00e4mpfe, die nicht mehr auf der Stra\u00dfe geschehen, m\u00fcssen wir in anderer Form weiterf\u00fchren, weil es nicht mehr m\u00f6glich ist oder sie uns nicht lassen und alles virtuell stattfinden muss. Ich denke, dass die feministische Agenda oder das globale Panorama der feministischen Bewegung auch damit umzugehen hat, dass K\u00e4mpfe ein wenig anders sind und wir uns umstellen m\u00fcssen, um weiterhin das Gleiche zu tun, aber vom Virtuellen aus, das ist auch wichtig. Wenn wir uns n\u00e4mlich in einer schwerwiegenden digitalen Kluft befinden, und es besteht in der Tat eine massive digitale Geschlechterkluft, wie lautet dann die Herausforderung und wie l\u00f6sen wir sie?<\/p>\n<p>Das Entscheidende dabei ist meiner Ansicht nach auch der Moment der Reflexion &#8211; dass die Pandemie uns vielleicht dazu gebracht hat, f\u00fcr einen Augenblick innezuhalten, um wieder in den Dialog zu treten, sich virtuell zu treffen und Verbindungen herzustellen. Das<\/p>\n<p>Virtuelle finde ich gut, es hat uns erlaubt, zu sprechen, uns mit vielen Dialogen zu bereichern, mit Medien aus Spanien, Kolleg*innen aus Argentinien oder Paraguay oder Ecuador oder Bolivien, das scheint mir ein sehr positives Element zu sein. Ein weiterer Blickwinkel: Ich glaube, dass vor der Pandemie Dinge geschehen sind, die die aktuelle Situation erst offenlegt, zum Beispiel in den Haushalten, die bereits vorher voller feminisierter Arbeiten waren, trotz Berufst\u00e4tigkeit. Das ist in der Pandemie schwierig, in einer solchen Enge. Die daraus resultierende \u00dcberlastung ist deutlich gemacht worden und es ist auch gut, dass es auf irgendeine Weise sichtbar wurde. Diese &#8222;neue Normalit\u00e4t&#8220; steht jetzt zur Debatte, weil wir vielleicht in Wahrheit eine ganz andere bevorzugen w\u00fcrden. Wir haben die Gelegenheit, zu \u00fcberdenken, welches System wir wollen. Was die Pandemie deutlich gemacht hat, ist, dass die Krise schon vorher da war und dass es jetzt eine globale Gesundheitskrise gibt, aber auch eine \u00f6kologische Krise, die vorher da war, auch eine \u00f6konomische und auch eine Versorgungskrise, und schlie\u00dflich denke ich, ist es wichtig zu sagen, dass es noch ein anderes Problem gibt, und zwar ein globales Problem, das sich im Aufstieg der rechtsextremen Regierungen \u00e4u\u00dfert. Ich denke, das ist etwas, was nicht nur in Lateinamerika passiert, sondern auch in Europa: In Spanien, nicht in der Zentralregierung, aber in einigen Territorien des spanischen Staates. Es gibt einen R\u00fcckschritt bei den Frauenrechten, zum Beispiel bei der Frage der Abtreibung in Polen, nicht in Argentinien, wo es einen Fortschritt gab, aber es ist wahr, dass aktuell auch der Zeitpunkt ist, in dem wir Strategien des Widerstands vom Lokalen zum Globalen weben m\u00fcssen, und diese Verbindung zu nutzen, die das Virtuelle uns erlaubt zu leben.<\/p>\n<p><em><strong>Ich schlie\u00dfe mit der folgenden Frage ab Mar\u00eda, wir bleiben auf der globalen Ebene: Wo siehst du die Spuren der Beitr\u00e4ge des Feminismus zu sozialen Bewegungen in anderen Bereichen, zur Gewerkschaftsbewegung, zur \u00f6kologischen Bewegung, zur Bewegung der Solidar\u00f6konomie, zu den verschiedenen Bewegungen, die sich um die Dynamik des Weltsozialforums herum treffen und zusammenlaufen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich denke, dass ich auch vorher schon darauf eingegangen bin, wie wichtig die Formen des Diskurses dar\u00fcber sind, wie wir die Dinge tun. F\u00fcr mich ist diese Agenda oder sind diese Punkte, die das Weltsozialforum bearbeiten will, eine Best\u00e4rkung in dem Sinne, dass sie die transformativen \u00d6konomien und alles, was wir zur Diskussion stellen w\u00fcrden, miteinander vernetzen. Das WSF kann und sollte so einen feministischen Weg sowohl aus der Krise als auch auf Basis der Konstruktion von Alternativen, die das WSF f\u00f6rdert, aufbauen. Ich glaube auch, dass das Format und das Wie damit zu tun haben, wie die R\u00e4ume konstruiert sind, wie mehrere Stimmen zugelassen werden, von verschiedenen Ansichten, die wir mit Feminismen voranbringen wollen. Auch dass die antirassistischen, anti-extraktivistischen K\u00e4mpfe zusammengebracht und verbunden werden m\u00fcssen, spielt dabei eine Rolle &#8211; und ich halte den Feminismus, der immer diese breite und vielf\u00e4ltige Sichtweise hatte, f\u00fcr in der Lage dazu, viele K\u00e4mpfe zusammenzubringen. Andererseits hat uns dieser Blick auf die Pflege, dieser Blick auf die Art und Weise, wie wir arbeiten, auf die Frage der F\u00fchrung erm\u00f6glicht, horizontale Beziehungen st\u00e4rker zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Ich glaube auch, dass es wichtig ist, Aktionen, die vom Lokalen zum Globalen verschoben werden m\u00fcssen sowie die Bedeutung von geopolitischen Handlungen, und auch die Herausforderung des Virtuellen und die Tragweite des aktiven Kampfes von Kollektiven wieder zu betonen und aufzuzeigen, wie all dies dazu beitragen kann, dass die Agenda wirklich transformierend ist.<\/p>\n<p><em>Der Podcast von &#8222;cuatro elentos&#8220; auf Spanisch:<\/em><\/p>\n<p><iframe id=\"audio_67373272\" style=\"width: 100%;\" src=\"https:\/\/ar.ivoox.com\/es\/player_ej_67373272_6_1.html\" height=\"200\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p><strong><em>\u00dcbersetzung aus dem Spanischen von Chiara Pohl vom ehrenamtlichen Pressenza-\u00dcbersetzungsteam. <a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/mitarbeiten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wir suchen Freiwillige!<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mar\u00eda Atienza hat einen Bachelor in Verwaltung und Leitung von Unternehmen sowie einen Master in Geschlecht, Entwicklung und Bildung, mit dem Fokus auf solidarischer und feministischer Wirtschaft. 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