{"id":1330336,"date":"2021-03-30T06:13:44","date_gmt":"2021-03-30T05:13:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1330336"},"modified":"2021-07-31T09:05:13","modified_gmt":"2021-07-31T08:05:13","slug":"lieferkettengesetz-mehr-menschenrechte-ins-geschaeft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/03\/lieferkettengesetz-mehr-menschenrechte-ins-geschaeft\/","title":{"rendered":"Lieferkettengesetz: Mehr Menschenrechte ins Gesch\u00e4ft"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ende Februar hat Arbeitsminister Hubertus Heil nach der Einigung in der Koalition den Referentenentwurf f\u00fcr ein Lieferkettengesetz vorgelegt.<\/strong><\/p>\n<article>Mit dem Namen \u201eGesetz \u00fcber die unternehmerischen Sorgfaltspflichten in Lieferketten\u201c oder \u201eSorgfaltspflichtengesetz\u201c haben sich die ministerialen Beamten einen besonders moralisch klingenden Namen ausgedacht.Das Gesetz, das bislang nur als ein Referentenentwurf existiert, der noch vom Bundeskabinett und dem Parlament gebilligt werden muss, wird voraussichtlich noch einige Ver\u00e4nderungen erfahren. Die Sorgfalt, die mittels dieses Gesetzes den Unternehmen auferlegt werden soll, gilt der Beachtung der Menschenrechte in der gesamten Lieferkette. Diese Sorgfalt ergibt sich aus der weltweiten Verantwortung, die sich die Bundesregierung ziemlich unbescheiden zuschreibt.<\/p>\n<h3>Deutschland \u00fcbernimmt wieder ein St\u00fcck weltweite Verantwortung<\/h3>\n<p>\u201eDeutschland steht aufgrund der hohen internationalen Verflechtung seiner volkswirtschaftlich bedeutenden Branchen in einer besonderen Verantwortung. Die zunehmende Integration deutscher Unternehmen in globale Beschaffungs- und Absatzm\u00e4rkte bietet dabei Chancen und Herausforderungen zugleich: neue M\u00e4rkte und Produktionsst\u00e4tten werden erschlossen und so Arbeitspl\u00e4tze und Wohlstand geschaffen.\u201c (Referentenentwurf vom 28.2.2021, Begr\u00fcndung)<\/p>\n<p>Wie so eine internationale Verflechtung zustande kommt, k\u00f6nnte einem schon zu denken geben, schliesslich f\u00e4llt sie ja nicht vom Himmel. Die deutsche Wirtschafts- und Aussenpolitik hat einiges in Verbindung mit ihren Verb\u00fcndeten in Europa und Amerika daf\u00fcr getan, dass der deutschen Wirtschaft weltweit alle M\u00e4rkte und damit auch Arbeitskr\u00e4fte zur Verf\u00fcgung stehen. So k\u00f6nnen deutsche Unternehmen die ganze Welt mit wenigen Ausnahmen als Produktionsstandorte, Lieferanten oder Absatzm\u00e4rkte f\u00fcr sich nutzen. Weil die deutsche Politik dies geschafft hat, erkl\u00e4rt sie sich auch gleich f\u00fcr zust\u00e4ndig, die Bedingungen der Nutzung von Mensch und Natur in der ganzen Welt mit zu bestimmen, denn nichts anderes ist mit der Betonung der eigenen Verantwortung ausgedr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Der Zugriff auf die ganze Welt sorgt f\u00fcr Arbeitspl\u00e4tze und Wohlstand &#8211; das ist nicht von der Hand zu weisen. Denn Arbeitspl\u00e4tze werden in allen m\u00f6glichen Gegenden der Welt geschaffen, weil sich die Nutzung der Billigkeit der dortigen Menschen f\u00fcr hiesige Unternehmen lohnt. Dass dabei hier Arbeitspl\u00e4tze verschwinden, weil die Nutzung des hiesigen Menschenmaterials sich vielfach nicht rechnet, f\u00e4llt dabei unter den Tisch. Dabei m\u00fcssen deutsche Unternehmen sich noch nicht einmal die M\u00fche machen, Produktionsst\u00e4tten im Ausland zu schaffen. Sie k\u00f6nnen Auftr\u00e4ge an dortige Firmen vergeben, wobei sie von ihren Lieferanten fordern k\u00f6nnen, wie sie zu produzieren haben und mit welcher Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Sie sind auf Grund der Menge der Lieferung in der Lage, ihren Lieferanten die Preise zu diktieren. Oder sie lassen im Rahmen einer Ausschreibung ihre m\u00f6glichen Lieferanten um billige Preiszusagen konkurrieren. Dass die Zulieferer ihrerseits den Preisdruck an ihre Zulieferer weitergeben, stellt sicher, dass am Ende der Kette Arbeitskr\u00e4fte intensiv und extensiv ausgebeutet werden. Eine solche Produktion kann weder auf die Gesundheit der dort Besch\u00e4ftigten noch auf die Umwelt R\u00fccksicht nehmen. Gerade die oft staatlich erlaubten Freiheiten in Sachen Benutzung von Mensch und Natur zeichnen solche Standorte aus. Sie sind das Resultat der \u00d6ffnung der M\u00e4rkte, f\u00fcr die sich die Politiker hierzulande loben.<\/p>\n<p>Dass durch diese Politik Wohlstand geschaffen wird, ist auch richtig, nur bei wem? Politiker und Unternehmer sehen sich als Wohlt\u00e4ter f\u00fcr die Menschheit weltweit. Dabei stellt sich der Wohlstand vorzugsweise bei denen ein, die dieses Werk in die Welt gesetzt haben. Der Reichtum sammelt sich eben bei den Unternehmen hierzulande, w\u00e4hrend die L\u00e4nder, in denen vorzugsweise die billigen Arbeitskr\u00e4fte mit einem Hungerlohn abgespeist werden, als Entwicklungsl\u00e4nder gehandelt werden, also Armenh\u00e4user sind und so auch bleiben.<\/p>\n<p>Als ihr Werk sollen die Zust\u00e4nde in den Zuliefererl\u00e4ndern allerdings nicht dastehen. Vielmehr verdanken sie sich angeblich der Vernachl\u00e4ssigung der Pflichten von Staaten und Unternehmen, die eingegangene internationale Verpflichtungen zu wenig einhalten. Deshalb sieht sich Deutschland gefordert, diesen mehr Nachdruck zu verleihen.<strong>Das hohe Gut Menschenrechte<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDie Pflicht, die Menschenrechte des Einzelnen zu achten, zu sch\u00fctzen und einzuhalten, liegt bei den Staaten. Die Verantwortung von Unternehmen f\u00fcr die Achtung der Menschenrechte besteht unabh\u00e4ngig von der F\u00e4higkeit oder Bereitschaft der Staaten, ihrer Pflicht zum Schutz der Menschenrechte nachzukommen. Macht der innerstaatliche Kontext es unm\u00f6glich, dieser Verantwortung uneingeschr\u00e4nkt nachzukommen, ist von Unternehmen zu erwarten, dass sie die Grunds\u00e4tze der international anerkannten Menschenrechte achten, soweit es in Anbetracht der Umst\u00e4nde m\u00f6glich ist.\u201c (ebenda)<\/p>\n<p>Woher der Handlungsdruck f\u00fcr deutsche Politiker kommt, ist nach den obigen Ausf\u00fchrungen nur schwer nachzuvollziehen. Einerseits sind die Menschenrechte international anerkannt, andrerseits machen die Ausf\u00fchrungen deutlich, dass es mit dieser Anerkennung nicht so weit her ist. \u00dcberhaupt ist die Sache mit den Menschenrechten ein v\u00f6llig widerspr\u00fcchliches Ding. Jeder Mensch soll diese Rechte von Natur aus haben und unver\u00e4usserlich sein, andrerseits ist dieses Ding st\u00e4ndig bedroht und kann ohne Schutz von Staaten nicht auskommen.<\/p>\n<p>Mit der internationalen Anerkennung der Menschenrechte stimmt es soweit, dass alle Staaten im Rahmen der UNO diese Vereinbarung unterschrieben haben. Trotzdem soll es mit der G\u00fcltigkeit nicht so weit her sein, wenn es dar\u00fcber zum Streit zwischen Staaten kommt.<\/p>\n<p>Bedroht sind diese unver\u00e4usserlichen Rechte, zu deren Schutz Staaten berufen sind, vor allem durch Staaten \u2013 wie zum Beispiel die USA, die das in der Menschenrechtscharta geschriebene Folterverbot missachten. Nimmt man die Menschenrechte dem Inhalt nach, so handelt es sich bei ihnen um Selbstverpflichtungen der Staaten im Umgang mit ihren B\u00fcrgern, denen gegen\u00fcber sie Achtung der Person, der Gesundheit, Freiheit etc. versprechen. Dieses Versprechen interpretieren die Machthaber allerdings sehr unterschiedlich, und sie verf\u00fcgen \u00fcber die Macht, ihrer Interpretation Geltung zu verschaffen.<\/p>\n<p>Was alle eint, ist ihre Selbstdarstellung. Alle wollen sich als Ausdruck der Menschennatur ihrer B\u00fcrger verstehen und ihren Gewalteinsatz als Dienst an ihnen. Insofern sind die Menschenrechte die Ideologie der modernen Staaten, die sich \u00fcberwiegend nicht mehr auf den lieben Gott berufen, wie zu Feudalzeiten. Das schliesst allerdings den Gottesbezug nicht aus, wie es die islamischen Staaten oder der j\u00fcdische Staat praktizieren. Auch deutsche Politiker lieben das Kreuz in Schulen und Amtsstuben weiterhin.<\/p>\n<p>Da alle Staaten die Menschenrechtscharta unterschrieben haben, bietet dies Staaten wie Deutschland die M\u00f6glichkeit, diese als Rechtstitel zur Einmischung in andere Staaten zu nutzen. Dabei ist nicht die Situation der Behandlung der Menschen im Lande der Massstab der Einmischung, sondern wie sich der Staat zu den Interessen Deutschlands verh\u00e4lt. Ein Land wie Belarus, das sich deutschem Einfluss verweigert, gegen das sind Sanktionen wegen Menschenrechtsverletzungen angebracht. Gegen\u00fcber \u00c4gypten, dessen Herrscher eine gew\u00e4hlte Regierung weggeputscht hat und dessen Kritiker eingesperrt werden, ist dies nicht opportun und er h\u00e4lt R\u00fcstungslieferungen, sichert er doch deutschen Einfluss in Nahost und Nordafrika.<\/p>\n<p>Mit dem Sorgfaltspflichtengesetz geht es also nicht darum, ob es den Arbeitnehmern im Rahmen der Lieferkette gut oder schlecht geht, sondern es geht darum, wie es mit ihren Menschenrechten bestellt ist.<strong>Und die Sorge um sie<\/strong><\/p>\n<p>Die Liste ist lang, wo die deutsche Regierung die Menschenrechte bedroht sieht:<\/p>\n<ul class=\"liste\">\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ul class=\"liste\">\n<li class=\"liste\">\u201edas Verbot der Besch\u00e4ftigung eines Kindes unter dem zul\u00e4ssigen Mindestalter\u2026 \u2219 das Verbot der schlimmsten Formen der Kinderarbeit f\u00fcr Kinder unter 18 Jahren\u2026<\/li>\n<li class=\"liste\">alle Formen der Sklaverei oder sklaverei\u00e4hnlichen Praktiken, wie den Verkauf von Kindern und den Kinderhandel, Schuldknechtschaft und Leibeigenschaft sowie Zwangs- und Pflichtarbeit\u2026.<\/li>\n<li class=\"liste\">Heranziehen, Vermitteln oder Anbieten eines Kindes zur Prostitution\u2026 \u2219 das Verbot der Besch\u00e4ftigung von Personen in Zwangsarbeit; damit ist jede Arbeitsleistung oder Dienstleistung gemeint, die von einer Person unter Androhung von Strafe verlangt wird und f\u00fcr die sie sich nicht freiwillig zur Verf\u00fcgung gestellt hat\u2026<\/li>\n<li class=\"liste\">das Verbot aller Formen der Sklaverei\u2026.<\/li>\n<li class=\"liste\">das Verbot der Missachtung der nach dem anwendbaren nationalen Recht geltenden Pflichten des Arbeitsschutzes\u2026<\/li>\n<li class=\"liste\">das Verbot der Missachtung der Koalitionsfreiheit\u2026<\/li>\n<li class=\"liste\">das Verbot der Ungleichbehandlung in Besch\u00e4ftigung, etwa auf Grund von nationaler oder ethnischer Abstammung, sozialer Herkunft, Gesundheitsstatus, Behinderung, sexueller Orientierung, Alter, Geschlecht, politischer Meinung, Religion oder Weltanschauung, sofern diese nicht in den Erfordernissen der Besch\u00e4ftigung begr\u00fcndet ist\u2026<\/li>\n<li class=\"liste\">das Verbot des Vorenthalten eines angemessenen Lohns, der angemessene Lohn bemisst sich nach den Regelungen des Besch\u00e4ftigungsortes und betr\u00e4gt mindestens die H\u00f6he des nach dem anwendbaren Recht festgelegten Mindestlohns\u2026.<\/li>\n<li class=\"liste\">das Verbot der Herbeif\u00fchrung einer sch\u00e4dlichen Bodenver\u00e4nderung,<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Gew\u00e4sserverunreinigung, Luftverunreinigung, sch\u00e4dlicher L\u00e4rmemission oder eines \u00fcberm\u00e4ssigen Wasserverbrauchs\u2026.<\/p>\n<ul class=\"liste\">\n<li class=\"liste\">das Verbot der widerrechtlichen Zwangsr\u00e4umung und das Verbot des widerrechtlichen Entzugs von Land, W\u00e4ldern und Gew\u00e4ssern\u2026 (Referentenentwurf vom 28.2.2021, Das Gesetz)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die angef\u00fchrte Liste zeigt zun\u00e4chst einmal, was alles bei der Benutzung der Welt durch kapitalistische Unternehmen alles an Ekligkeiten und Sch\u00e4digungen bei Mensch und Natur anf\u00e4llt. Gegen diese Sch\u00e4digungen wendet sich das Gesetz insofern, als diese gegen die Regeln der freien Marktwirtschaft verstossen. Kinder sind nicht gesch\u00e4ftsf\u00e4hig, also auch nicht als Arbeitskr\u00e4fte zu benutzen. Sklaverei verst\u00f6sst gegen die Freiheit der Person, die aus freien St\u00fccken ein Arbeitsverh\u00e4ltnis eingehen soll.<\/p>\n<p>Pers\u00f6nlicher Zwang widerspricht dem, es reicht der stumme Zwang, der eigentumslose Personen dazu zwingt, sich als Arbeitskraft zu verkaufen, um an die Mittel f\u00fcr den eigenen Lebensunterhalt zu kommen. Weil sie gezwungen sind, Geld zu verdienen, gehen sie freiwillig ein Arbeitsverh\u00e4ltnis ein, bei dem der Arbeitgeber bestimmt, was er bereit ist zu bezahlen und was daf\u00fcr zu leisten ist. Das Recht, sich als Arbeitskraft zu erhalten und seine Interessen zu vertreten, wird anerkannt, indem Arbeitsschutz und Koalitionsfreiheit zugestanden werden. Dass Arbeitgeber ihre Arbeitskr\u00e4fte ausw\u00e4hlen und damit Diskriminierung betreiben, ist erlaubt, soweit sich dies dem Betriebszweck verdankt. Reine Willk\u00fcr soll ausgeschlossen sein.<\/p>\n<p>Aus dem Arbeitsvertrag ergibt sich auch ein Anspruch auf Lohn, was offenbar keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist. Dass der Gesch\u00e4ftszweck immer auch zur Ruinierung der Natur f\u00fchrt, davon zeugen die Ausf\u00fchrungen zum Naturschutz, wobei bei allen Regelungen immer wieder auch auf die nationalen Regelungen verwiesen wird, die festlegen, wie viel an Sch\u00e4digung von Mensch und Natur im Lande erlaubt ist. Denn schliesslich ist auch in Deutschland einiges an Verseuchung von Luft, Wasser und B\u00f6den erlaubt. Und am Arbeitsplatz haben viele Arbeitnehmer einiges an Gift, Gasen und Staub zu schlucken, f\u00fcr das es in manchen F\u00e4llen eine Schmutz- oder Gefahrenzulage gibt.<\/p>\n<p>Was mit dem Sorgfaltpflichtengesetz eingefordert wird von den Betrieben, ist die Einhaltung von Standards, die hierzulande \u00fcblich sind. Dass diese in der Welt nicht \u00fcberall G\u00fcltigkeit haben, wird zugestanden und damit der Massstab der Sorgfalt modifiziert: L\u00f6hne soll es geben, aber dann entsprechend dem nationalen Niveau. Dass es nicht \u00fcberall Mindestl\u00f6hne gibt oder Arbeitsschutzgesetze, f\u00e4llt dabei unter den Tisch. Dann kann man sie auch nicht beachten. \u00dcberhaupt weist dieses Gesetz ein ger\u00fctteltes Mass an Ignoranz auf: <strong>Beispiel Kinderarbeit<\/strong><\/p>\n<p>Das Gesetz macht sich stark f\u00fcr ein Verbot der Kinderarbeit. Es wird auch angesprochen, dass Kinderarbeit sich der Armut der Menschen verdankt. Das Verbot \u00e4ndert an der Armut nichts. Schliesslich zeigt die Kinderarmut einmal mehr, dass es unm\u00f6glich ist, von Lohnarbeit oder abh\u00e4ngiger Besch\u00e4ftigung zu leben. Denn als Lohnabh\u00e4ngiger sind Arbeitnehmer von der Kalkulation der Arbeitgeber abh\u00e4ngig. Arbeit und Lohn gibt es nur, wenn es sich f\u00fcr den Arbeitgeber lohnt, er einen Vorteil davon hat. Das macht die Existenz von Arbeitnehmern unsicher.<\/p>\n<p>Krankheit und Alter schr\u00e4nken die Einkommensm\u00f6glichkeit ein und stellen damit einen weiteren Risikofaktor dar. Damit Arbeitnehmer \u00fcberhaupt von ihrer Arbeit leben k\u00f6nnen, braucht es staatliche Zwangsmassnahmen wie die gesetzlichen Sozialversicherungen, die einen Teil des Lohns gleich an der Quelle konfiszieren und verstaatlichen. Doch auch die Sicherung der Existenz der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten durch die Sozialkassen kommt nicht ohne staatliche Zusch\u00fcsse aus.<\/p>\n<p>In L\u00e4ndern, wo es solche staatlichen Einrichtungen nicht gibt &#8211; und das d\u00fcrfte die Mehrheit sein &#8211; besteht die Existenzsicherung in der Familie. Viele Kinder kosten zwar viel, sichern aber auch das Einkommen, wenn der Hauptern\u00e4hrer ausf\u00e4llt oder alt wird. Also gibt es reichlich Kinderarbeit. Im Sorgfaltspflichtengesetz wird auf zahlreiche internationale Vereinbarungen im Rahmen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) verwiesen, unter anderem auch auf eine Vereinbarung bez\u00fcglich der Kinderarbeit (\u00dcbereinkommen 138, von 1973, in Kraft getreten am 19.6.1976). Was diese bewirkt hat, zeigt eine Meldung vom 18.1.2021: \u201eUN startet internationales Jahr zur Abschaffung der Kinderarbeit 2021<\/p>\n<p>152 Millionen Kinder sind aktuell von Kinderarbeit betroffen\u2026. In den letzten 20 Jahren wurden fast 100 Millionen Kinder aus der Kinderarbeit befreit, so dass die Zahl von 246 Millionen im Jahr 2000 auf 152 Millionen im Jahr 2016 gesunken ist.\u201c (<a class=\"article_links\" href=\"https:\/\/www.ilo.org\/berlin\/presseinformationen\/WCMS_766477\/lang--en\/index.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">https:\/\/www.ilo.org\/berlin\/presseinformationen\/WCMS_766477\/lang&#8211;en\/index.html<\/a>)<\/p>\n<p>Was da als Erfolgsmeldung daherkommt, beruht auf Sch\u00e4tzungen, denn L\u00e4nder, in denen Kinderarbeit verbreitet ist, f\u00fchren keine Statistik \u00fcber Kinder, die auf M\u00fcllhalden Plastik aus Deutschland sortieren, Kabel abbrennen und sich vergiften. Insofern handelt es sich bei der Abschaffung von Kinderarbeit um eine Daueraufgabe, wie vieles im Kapitalismus. Eine Ewigkeitsaufgabe wie der Kampf um einen ausk\u00f6mmlichen Lohn, der Kampf gegen soziale Ungleichheit oder Armut, um nur einige zu nennen. Zudem ist der Verweis auf getroffene Vereinbarungen wie dem \u00dcbereinkommen zur Regelung der Kinderarbeit im Rahmen der ILO ein Einmischungstitel, durch den sich nicht nur deutsche Politiker berechtigt sehen, in andere Staaten hinein zu wirken. Wann sie das tun, h\u00e4ngt nicht allein davon ab, ob es Kinderarbeit in dem Land gibt.<\/p>\n<p><strong>Das Pflichtenheft f\u00fcr die Sorgfalt<\/strong><\/p>\n<p>Starten soll das Gesetz f\u00fcr Firmen mit mehr 3000 Mitarbeitern, sp\u00e4ter sollen Firmen ab 1000 Mitarbeiter mit einbezogen werden. Sie beziehen ihre Vorprodukte aus vielen Quellen, die ihrerseits ihre Teile von vielen anderen beziehen. Dies alles nachzuverfolgen, w\u00e4re eine immense Aufgabe, die der Gesetzgeber den Firmen nicht zumuten will. Er legt daher zun\u00e4chst fest, wie er die Sorgfaltspflichten verstanden haben will:<\/p>\n<p>\u201e(2) Die angemessene Weise eines Handelns, das den Sorgfaltspflichten gen\u00fcgt, bestimmt sich nach 1. Art und Umfang der Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit des Unternehmens,<\/p>\n<p>2. dem Einflussverm\u00f6gen des Unternehmens auf den unmittelbaren Verursacher der Verletzung einer gesch\u00fctzten Rechtsposition oder einer umweltbezogenen Pflicht, 3. der typischerweise zu erwartenden Schwere der Verletzung, der Umkehrbarkeit der Verletzung und der Wahrscheinlichkeit des Verletzungseintritts einer gesch\u00fctzten Rechtsposition oder einer umweltbezogenen Pflicht sowie, 4. nach Art des Verursachungsbeitrags.\u201c (Referentenentwurf, Das Gesetz \u00a73) Im Gesetzentwurf werden die Sorgfaltspflichten gleich relativiert und ins Verh\u00e4ltnis gesetzt zum Umfang der Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit. Das bedeutet: Je gr\u00f6sser das Gesch\u00e4ft desto schwieriger ist es, die ganze Lieferkette zu \u00fcberblicken. Je l\u00e4nger die Kette, desto geringer sind die Einflussm\u00f6glichkeiten. Und wo es keine Gesetze zum Schutze von Arbeitnehmern oder Umwelt existieren, k\u00f6nnen diese auch nicht verletzt werden usw.<\/p>\n<p>Wie das Ganze zu verstehen ist, liefert der Kommentar gleich mit:<\/p>\n<p>\u201eDie Sorgfaltspflichten begr\u00fcnden eine Bem\u00fchens- und keine Erfolgspflicht. Unternehmen m\u00fcssen nicht garantieren, dass in ihren Lieferketten keine Menschenrechte verletzt werden. Sie m\u00fcssen vielmehr nachweisen k\u00f6nnen, dass sie die in den \u00a7\u00a7 4-10 n\u00e4her beschriebenen Prozesse eines Risikomanagements eingef\u00fchrt haben, die vor dem Hintergrund ihres individuellen Kontextes machbar und angemessen sind.\u201c (Referentenentwurf, Kommentar)<\/p>\n<p>Mit dem Gesetz formuliert der deutsche Staat einen Vorbehalt, den deutsche Unternehmen bei aller Freiheit der Benutzung von Mensch und Natur zu beachten haben. Er dringt nicht unbedingt auf die Verhinderung allen Elends und der Zerst\u00f6rung der Natur. Doch weist er seine Unternehmen darauf hin, dass er Vorbehalte gegen\u00fcber der Praxis mancher Staaten kennt. Das bedeutet nicht unbedingt, dass er diese auch jedem Staat gegen\u00fcber geltend macht. Als Rechtstitel setzt er diese aber dann ein, wenn er dies f\u00fcr opportun h\u00e4lt. Und ermahnt seine Wirtschaft, dass die Hinnahme solcher Praktiken eventuell auch f\u00fcr sie wirtschaftliche Risiken bedeuten kann. Sie sind ja Teil des wirtschaftlichen Einflusses, den die deutsche Regierung in der Welt aus\u00fcbt. Gleichzeitig bietet er seinen Unternehmen ein Mittel f\u00fcr ihre Selbstdarstellung als verantwortlich Wirtschaftende bezogen auf die Achtung der Menschenrechte und den Schutz der Natur. Dazu ben\u00f6tigen sie zun\u00e4chst ein Risikomanagement:<\/p>\n<p>\u201e(2) Wirksam sind solche Massnahmen, die es erm\u00f6glichen, Risiken zu erkennen, Verletzungen gesch\u00fctzter Rechtspositionen oder Verst\u00f6sse gegen umweltbezogene Pflichten vorzubeugen, sie zu beenden oder zu minimieren, wenn das Unternehmen diese Risiken, Verletzungen oder Verst\u00f6sse innerhalb der Lieferkette verursacht oder dazu beigetragen hat.\u201c (Referentenentwurf, Das Gesetz \u00a74)<\/p>\n<p>Damit ein Unternehmen dies erkennen und entsprechende Massnahmen einleiten kann, bedarf es einer Risikoanalyse:<\/p>\n<p>\u201e(1) Im Rahmen des Risikomanagements hat das Unternehmen eine angemessene Risikoanalyse nach Abs\u00e4tzen 2 bis 4 durchzuf\u00fchren, um die Risiken in seinem Gesch\u00e4ftsbereich sowie bei seinen unmittelbaren Zulieferern zu ermitteln.\u201c(Referentenentwurf, Das Gesetz \u00a7 5)<\/p>\n<p>Es geht in dem Verfahren um m\u00f6gliche Gef\u00e4hrdungen von Menschenrechten durch das eigene Gesch\u00e4ft, die Gesch\u00e4ftsbeziehungen zu Lieferanten oder falls bekannt zur Vorlieferanten zu ermitteln. Das Ganze soll angemessen, also nicht zu aufwendig erfolgen. Dass das Unternehmen auch wirklich sich den Werten der Menschenrechte verpflichtet f\u00fchlt, dazu bedarf es zudem eine Grundsatzerkl\u00e4rung zu den Menschenrechten durch das Unternehmen. Und die ist leicht zu haben, noch jeder Manager beherrscht die Kunst, seine Kalkulation mit Preisen, Kosten und Gewinnen als einen einzigen Dienst an der Menschheit und ihren Rechten darzustellen.<\/p>\n<p>Ergibt die Risikoanalyse eine Gef\u00e4hrdung oder eine Verletzung der Menschenrechte, ist das Unternehmen dazu verpflichtet, auf seine Zulieferer einzuwirken, diese abzustellen oder zu minimieren. Das h\u00e4ngt nat\u00fcrlich wieder davon ab, welche Einflussm\u00f6glichkeiten ein Unternehmen auf seine Vorlieferanten \u00fcberhaupt hat und wie die staatlichen Regelungen in dem Land aussehen. Dieses Bem\u00fchen ist in einem Bericht zu dokumentieren und einmal j\u00e4hrlich zu ver\u00f6ffentlichen.<strong>Beispiel brennender Regenwald<\/strong><\/p>\n<p>Mit den Brandrodungen des tropischen Regenwalds in Verbindung gebracht zu werden, schadet dem Ansehen von Unternehmen. Deshalb hat ein namhaftes deutsches Fleischunternehmen auch ohne Lieferkettengesetz streng darauf geachtet, nur mit brasilianischen Farmern Liefervertr\u00e4ge abzuschliessen, die nicht im Zusammenhang mit Brandrodungen stehen. (SZ, 4.3.2021: Satte Profite, verkohlte Erde) Dieser grosse Fleischfabrikant diktiert nicht nur deutschen Schweinebauern die Preise, sondern auch brasilianischen Farmern bei der Abnahme von Rindfleisch. Diese Abnahmepreise bilden die Kalkulationsgrundlage f\u00fcr die dortigen Farmer, die sehen m\u00fcssen, wie sie mit diesen Preisen zu Recht kommen. Wie schaffen sie das? Indem sie ihre Herden vergr\u00f6ssern.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr brauchen sie aber mehr Weideland. Und das besorgen sie sich durch Brandrodung. Mit den deutschen Fleischfabrikanten hat das selbstverst\u00e4ndlich \u00fcberhaupt nichts zu tun &#8211; auch wenn diese ihnen die Bedingungen in Form von Preisen vorgeben. Wenn dann noch brandrodende Farmer hingehen und ihre Herden mit denen anderer Farmer mischen und so die Rinder auf den deutschen Markt kommen, dann kann man deutschen Fleischindustriellen nat\u00fcrlich nichts vorwerfen.<\/p>\n<p>Sie haben ihre Eink\u00e4ufer extra nach Brasilien entsandt, um zu pr\u00fcfen, ob bei ihrem Lieferanten keine Brandrodung vorliegt! Den Rindern auf der Weide war nicht anzusehen, aus welcher Haltung sie stammen. Also ist dies ein Fall von Betrug und die deutsche Firma nicht T\u00e4ter, sondern Opfer. Sie hat sich nichts vorzuwerfen, die Sorgfalt beachtet und billiges Rindfleisch bekommen.<\/p>\n<p>Das Sorgfaltspflichtengesetz bringt dieses Verfahren zur Vollendung und macht es deutschen Grossunternehmen zur Pflicht. Denn die Brandrodungen sind ein Streitpunkt, den Deutschland und Europa gegen\u00fcber der brasilianischen Regierung zum Streitgegenstand gemacht haben. Zwar werden auch hierzulande viele B\u00e4ume gef\u00e4llt und m\u00fcssen W\u00e4lder einer Autobahn weichen. Jedoch reklamieren europ\u00e4ische Politiker den brasilianischen Regenwald als Teil ihrer Klimareserve und verf\u00fcgen so \u00fcber einen Titel, der brasilianischen Regierung Vorschriften zu machen, wie sie ihr Land zu nutzen hat. Wenn diese allerdings ihrerseits sich erdreisten sollten, das Gleiche von hiesigen Politikern zu verlangen, w\u00e4re das nat\u00fcrlich eine Anmassung.<\/p>\n<p><strong>Geteiltes Echo<\/strong><\/p>\n<p>Das Gesetzesvorhaben trifft in der \u00d6ffentlichkeit auf ein geteiltes Echo. Die einen begr\u00fcssen dieses Vorhaben als einen Schritt zur Beseitigung des Elends in der Welt, die anderen entdecken in ihm einen einzigen Eingriff in unternehmerische Freiheiten:<\/p>\n<p>\u201eDenn es bleibt dabei: Die deutsche Wirtschaft braucht kein Gesetz, das erfolgreiche Produktionen im Ausland behindert, starke internationale Wertsch\u00f6pfungsketten einschr\u00e4nkt und zus\u00e4tzliche Regulierungen und B\u00fcrokratie f\u00fcr die Unternehmen aufbaut.\u201c (Oliver Zander, Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrer Gesamtmetall 10.12.2020, <a class=\"article_links\" href=\"https:\/\/www.gesamtmetall.de\/pressemitteilungen\/planungen-zum lieferkettengesetz-jetzt-endlich-stoppen\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">https:\/\/www.gesamtmetall.de\/pressemitteilungen\/planungen-zum lieferkettengesetz-jetzt-endlich-stoppen<\/a>)<\/p>\n<p>Zwar sind durch das Gesetz keine Einschr\u00e4nkungen von Produktionen im Ausland oder Unterbindung von Wertsch\u00f6pfungsketten zu erkennen, doch deutsche Unternehmen sind anspruchsvoll, was Einschr\u00e4nkungen ihres Wirkens betrifft. Da wird jedes Gesetz sehr grunds\u00e4tzlich als Eingriff in die unternehmerische Freiheit kritisiert, es sei denn, es bringt Subventionen oder Steuererleichterungen. Dabei geht der Vorwurf ganz an der Sache vorbei. Im Referentenentwurf ist kleinlich nachgerechnet, welcher b\u00fcrokratische Aufwand bei jedem Paragraphen anf\u00e4llt und aufsummiert zu einem Millionenbetrag, der da auf die Unternehmen zukommt. Die ganze Rechnung m\u00fcndet jedoch in der Feststellung, dass eine entsprechende finanzielle Entlastung an anderer Stelle vorgenommen wird. Schliesslich will der Staat den Erfolg seiner Wirtschaft nicht behindern, sondern f\u00f6rdern. Auch wenn er Titel im internationalen Verkehr kennt, die eventuell Einschr\u00e4nkungen bestimmter Praktiken begr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Manch ein B\u00fcrger hat sich vom Lieferkettengesetz eine Verbesserung f\u00fcr die Menschen in der Welt versprochen, die f\u00fcr den Reichtum hiesiger Aktion\u00e4re ihre Knochen hinhalten d\u00fcrfen. Sie werden wieder mal entt\u00e4uscht werden. Aber warum sollte gerade der Staat, der alles daf\u00fcr getan hat, damit seine Unternehmen auf der ganzen Welt Mensch und Natur f\u00fcr ihr Gesch\u00e4ft nutzen k\u00f6nnen, diesen Hindernisse in den Weg legen? Vielmehr ist auch dieses neue Gesetz ein Beispiel daf\u00fcr, wie der Staat als \u201eideeller Gesamtkapitalist\u201c alles daf\u00fcr tut, damit seinen Lieblingsb\u00fcrgern die Welt weiter zur Benutzung offen steht.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\" style=\"text-align: right;\">Suitbert Cechura<\/p>\n<p class=\"fussnoten\">Zuerst erschienen bei telepolis<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende Februar hat Arbeitsminister Hubertus Heil nach der Einigung in der Koalition den Referentenentwurf f\u00fcr ein Lieferkettengesetz vorgelegt. 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