{"id":1329441,"date":"2021-03-28T16:20:49","date_gmt":"2021-03-28T15:20:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1329441"},"modified":"2021-04-20T15:38:51","modified_gmt":"2021-04-20T14:38:51","slug":"verkannte-helden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/03\/verkannte-helden\/","title":{"rendered":"Verkannte Helden"},"content":{"rendered":"<p><strong>In der Galerie deutscher Widerstandsk\u00e4mpfer f\u00fchrten Georg Elser und <\/strong><strong>Maurice Bavaud <\/strong><strong>lange Jahre ein Schattendasein. Sie eigneten sich nicht f\u00fcr die Rolle des staatlich verkl\u00e4rten Helden. Eine Hommage.<\/strong><\/p>\n<p>Am Abend des 8. November 1939, um 21.20 Uhr, explodiert die Bombe: Balken krachen, Mauern zerbersten, ein Teil der Decke st\u00fcrzt ein. Schreie, Entsetzen, Panik. Sieben Menschen sterben unter den Tr\u00fcmmern, ein achter wird die Verletzungen nicht \u00fcberleben. \u00dcber sechzig Personen sind teilweise schwer verletzt. Hitler, dem die Bombe galt, \u00fcberlebt. Dreizehn Minuten vor der Detonation hatte er seine Rede in dem mit \u00fcber 3 000 \u201ealten K\u00e4mpfern\u201c gef\u00fcllten B\u00fcrgerbr\u00e4u-Saal in M\u00fcnchen beendet. W\u00e4hrend die braunen Parteigenossen immer wieder in \u201eHeil\u201c-Rufe einstimmten, war ihr F\u00fchrer vom Rednerpult gestiegen und hatte \u2013 ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit \u2013 mit seinem Gefolge den Saal verlassen, um noch am Abend einen Sonderzug nach Berlin zu erreichen. H\u00e4tte Hitler noch an seinem Rednerpult gestanden, er h\u00e4tte den Anschlag nicht \u00fcberlebt. Als ihn im Zug die Nachricht vom Bombenattentat erreicht, sagt er zu seinen Begleitern: \u201eDass ich den B\u00fcrgerbr\u00e4ukeller fr\u00fcher als sonst verlassen habe, ist mir eine Best\u00e4tigung, dass die Vorsehung mich mein Ziel erreichen lassen will.\u201c<\/p>\n<p>Die nationale Hatz nach dem Attent\u00e4ter hat ein rasches Ende. Noch w\u00e4hrend Hitler seine gek\u00fcrzte Rede hielt, war ein schm\u00e4chtiger Mann beim Versuch, die Grenze zur Schweiz illegal zu \u00fcberschreiten, bei Konstanz festgenommen worden. Sein Name: Georg Elser, 36 Jahre alt, Schreinergeselle von der Ostalb. Die Z\u00f6llner finden bei ihm belastende Gegenst\u00e4nde: eine Ansichtskarte vom M\u00fcnchner B\u00fcrgerbr\u00e4ukeller, Dr\u00e4hte und H\u00fclsen, ein Notizbuch mit Adressen von Sprengstoff-Fabrikanten. Doch der kleine schm\u00e4chtige Mann schweigt. Die Beamten bringen Elser zur Gestapo. Die Verh\u00f6re werden h\u00e4rter. Ohne Erfolg. Am n\u00e4chsten Morgen wird er nach M\u00fcnchen gebracht. Hier ermittelt eine Sonderkommission. Diesmal bleibt es nicht bei Drohungen. Es setzt auch Pr\u00fcgel. Vier Tage lang. Ohne Ergebnis. Am f\u00fcnften Tag gesteht Elser. Er fragt seine Peiniger: \u201eWas kriegt einer, der so etwas gemacht hat?\u201c.<\/p>\n<h4><strong>Georg Elser \u2013 ein Mann mit Eigensinn<\/strong><\/h4>\n<p>Wer aber ist dieser unscheinbare Handwerker? Ein M\u00f6chtegern-M\u00e4rtyrer? Tats\u00e4chlich ist Georg Elser alles andere als ein idealistischer Spinner. Die K\u00f6nigsbronner kennen ihn als zur\u00fcckhaltenden Individualisten, der ein gew\u00f6hnliches Leben f\u00fchrt. Er ist kein Parteimitglied. Politik interessiert ihn nicht. Aber er leidet an dem, was um ihn herum, unter dem Jubel seiner Landsleute, passiert.<\/p>\n<p>Die w\u00fcrttembergische Ostalb ist eine Hochburg des Pietismus. Die Menschen dort verf\u00fcgen \u00fcber einen ausgepr\u00e4gten Gerechtigkeitssinn. Und einer wie Elser, ein pedantisch-penibler Handwerker, will am liebsten sein eigener Herr sein. Ihm fehlt jede Voraussetzung daf\u00fcr, sich an die nationale Aufbruchstimmung anzupassen. Sein Gerechtigkeitssinn, sein tief verwurzelter pietistischer Charakter geben ihm die Energie, von Herbst 1938 an \u00fcber ein Jahr lang mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit und Ausdauer das Attentat zu planen und vorzubereiten. Eine schwierige Gewissensfrage war dem vorausgegangen: Dem Pietisten ist Gewalt zutiefst fremd, seine Religiosit\u00e4t verbietet ihm eigentlich den Tyrannenmord. Elser entscheidet sich dennoch f\u00fcr den Anschlag. Er sieht keine andere M\u00f6glichkeit, das drohende Unheil zu stoppen. Ein Mann mit Eigensinn und Mut in einem Ozean von Opportunismus.<\/p>\n<p>Er inspiziert in M\u00fcnchen den B\u00fcrgerbr\u00e4ukeller, fertigt Zeichnungen, besorgt Sprengstoff. In der Nacht zum 5. August 1939 beginnt er, an der S\u00e4ule zu arbeiten, die seine Bombe verbergen soll. Unter dem Schein seiner Taschenlampe bricht er St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck des Mauerwerks heraus. Den Schutt wirft er in die Isar. Er arbeitet 35 N\u00e4chte. In der Nacht zum 6. November ist er mit dem Einbau fertig. Einen Tag sp\u00e4ter kehrt er noch einmal zur\u00fcck, um zu pr\u00fcfen, ob die eingebauten Uhrwerke funktionieren. Dann f\u00e4hrt er nach Konstanz.<\/p>\n<div id=\"attachment_1329468\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1329468\" class=\"wp-image-1329468 \" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Bundesarchiv_Bild_146-1978-004-12A_NSDAP-Versammlung_im_Burgerbraukeller_Munchen-720x516.jpg\" alt=\"Verkannte Helden\" width=\"758\" height=\"543\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Bundesarchiv_Bild_146-1978-004-12A_NSDAP-Versammlung_im_Burgerbraukeller_Munchen-720x516.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Bundesarchiv_Bild_146-1978-004-12A_NSDAP-Versammlung_im_Burgerbraukeller_Munchen-300x215.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Bundesarchiv_Bild_146-1978-004-12A_NSDAP-Versammlung_im_Burgerbraukeller_Munchen-768x550.jpg 768w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Bundesarchiv_Bild_146-1978-004-12A_NSDAP-Versammlung_im_Burgerbraukeller_Munchen.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 758px) 100vw, 758px\" \/><p id=\"caption-attachment-1329468\" class=\"wp-caption-text\"><em>Eine der NSDAP-Versammlungen im B\u00fcrgerbr\u00e4ukeller (Bild von Bundesarchiv, Bild 146-1978-004-12A \/ Hoffmann, Heinrich \/ CC-BY-SA 3.0).<\/em><\/p><\/div>\n<p>Drei Wochen sp\u00e4ter, nach seiner Verhaftung an der schweizerischen Grenze, seinem Gest\u00e4ndnis in M\u00fcnchen und weiteren Verh\u00f6ren in den R\u00e4umen des Berliner Reichssicherheitshauptamtes, wird Elser aus dem Gef\u00e4ngnis abgeholt und in das 80 Kilometer entfernte KZ Sachsenhausen gebracht. Der Plan der Nazis: In einem Schauprozess soll er nach dem Kriegsende als Zeuge gegen den britischen Geheimdienst vorgef\u00fchrt werden. Als Werkzeug britischer Spione, die Hitler t\u00f6ten wollten. Als ein f\u00fcr die NS-Propaganda wichtiger H\u00e4ftling genie\u00dft er Vorzugsbehandlung. Er lebt in einer Zwei-Mann-Zelle, arbeitet in einer kleinen Schreinerei. Ansonsten wird er v\u00f6llig isoliert. Kein Brief erreicht ihn, eigene Briefe bleiben unbeantwortet.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter droht Deutschland die Niederlage im Krieg. Der Kronzeuge Georg Elser wird nicht mehr gebraucht. Ende 1944 wird er nach Dachau gebracht. Am 5. April 1945 erreicht ein Schnellbrief Himmlers den dortigen Lagerkommandanten. Darin hei\u00dft es knapp: \u201eWegen unseres Schutzh\u00e4ftlings Elser wurde erneut an h\u00f6chster Stelle Vortrag gehalten. Folgende Weisung ist ergangen: Bei einem der n\u00e4chsten Terrorangriffe auf M\u00fcnchen bzw. die Umgebung von Dachau ist angeblich Elser verungl\u00fcckt. Ich bitte zu diesem Zweck Elser in absolut unauff\u00e4lliger Weise zu liquidieren.\u201c Genauso wird verfahren. Am 9. April wird Elser r\u00fccklings von KZ-W\u00e4chtern erschossen.<\/p>\n<h4><strong>Der vergessene Widerstandsk\u00e4mpfer<\/strong><\/h4>\n<p>In der Galerie deutscher Widerstandsk\u00e4mpfer f\u00fchrte Georg Elser bis vor wenigen Jahren ein Schattendasein. Anders als der vier Jahre \u00e4ltere Graf von Stauffenberg eignete er sich nicht f\u00fcr die Rolle des staatlich verkl\u00e4rten Helden. Hier der gebildete Offizier, der zun\u00e4chst den Verhei\u00dfungen des NS-Regimes vertraut, engagiert mitgemacht hat und erst sp\u00e4ter umgekehrt ist, dann aber entschieden zur Tat schritt. Dort der spr\u00f6de, zur\u00fcckhaltende Schreinergeselle Elser, der bereits 1939, als Stauffenberg und Millionen andere Deutsche noch dem F\u00fchrer zujubelten, als Schreinergeselle mit Volksschulabschluss den m\u00f6rderischen Charakter des Regimes erkannte und den Entschluss zum Attentat fasste.<\/p>\n<p>Stauffenberg verstand sich zuerst als Soldat, ganz nach der jahrhundertealten Tradition seiner Familie. Obwohl er sp\u00e4ter jegliche Begeisterung zum Nationalsozialismus verlieren sollte, hatte er f\u00fcr die parlamentarische Demokratie zeitlebens nur Verachtung \u00fcbrig. Sein Moralverst\u00e4ndnis war ein vielschichtiges Konglomerat aus katholischer Lehre, einem aristokratischen Ehrenkodex, dem Ethos des alten Griechenlands und deutscher romantischer Dichtung. Sein k\u00fchner Entschluss, Hitler mit einer Bombe zu t\u00f6ten, war eher Ausdruck von milit\u00e4rischen als von moralischen \u00dcberlegungen. Der Zufall, durch den Hitler mit dem Leben davonkam, die aussichtslose Lage der Mitverschw\u00f6rer, die hastige Hinrichtung Stauffenbergs \u2013 das alles ist eine tiefe Trag\u00f6die. Graf von Stauffenberg war ein mutiger Patriot \u2013 aber auch ein strikter Anti-Demokrat.<\/p>\n<p>Keine Frage: Georg Elser war eine Herausforderung \u2013 nicht nur f\u00fcr seine Heimatregion \u2013 auch f\u00fcr die deutsche \u00d6ffentlichkeit. Er machte deutlich, dass ein einfacher Mann aus dem Volke sich zu einer weltgeschichtlichen Tat aufraffen konnte. Er strafte all jene L\u00fcgen, die sich weiterhin einredeten, sie h\u00e4tten dem Terror des NS-Staates nichts entgegensetzen k\u00f6nnen. Seine Tat besch\u00e4mte viele Deutschen.<\/p>\n<p>Elser war immer ein Einzelg\u00e4nger. Er f\u00fchlte sich zwar der Arbeiterbewegung verbunden, stand der Kommunistischen Partei nahe, ohne Mitglied zu sein. Zum festen, gar vorbildlichen Genossen lie\u00df er sich nicht stilisieren. Ideologische Fragen interessierten ihn wenig. Wie aber kann die \u00f6ffentliche W\u00fcrdigung f\u00fcr einen solchen Mann aussehen? Wie das Erinnern? Gesellschaften erinnern sich der Vergangenheit nicht allein in Anerkennung des f\u00fcr sich Gro\u00dfen. Erinnerung bedarf einer sie tragenden Gruppe: der adelige, milit\u00e4rische, sozialdemokratische, der kommunistische oder kirchliche Widerstand wird von Adel, Milit\u00e4r, Partei oder Kirche im Ged\u00e4chtnis gehalten. Wohin also mit Elser?<\/p>\n<p>Elser erging es wie vielen anderen Frauen und M\u00e4nner des Widerstands: das politische Nachkriegs-Deutschland sorgte sich mehr um die Integration der NS-T\u00e4ter als um die Rehabilitierung der Opfer. Schlimmer noch: Juristen, die schon dem NS-Regime treu zu Diensten waren, richteten wieder \u00fcber Menschen, sprachen wieder Urteile.<\/p>\n<h4><strong>Maurice Bavaud, der Hitler-Attent\u00e4ter \u2013 der zweimal verurteilt wurde<\/strong><\/h4>\n<p>So im Jahr 1955 am Berliner Landgericht im Rahmen eines Wiedergutmachungsverfahrens im Fall Maurive Bavaud. Die Geschichte des jungen Schweizers wei\u00dft zahlreiche Parallelen zu Georg Elser auf: im Oktober 1938 kauft der 22j\u00e4hrige Maurice eine Pistole und reist nach Deutschland, um Hitler zu t\u00f6ten. Von Berlin f\u00e4hrt er nach M\u00fcnchen, wo er seinen Plan, Hitler w\u00e4hrend des Gedenkmarsches der SA zur Feldherrnhalle niederzustrecken, wegen des ung\u00fcnstigen Schusswinkels aufgeben muss. Bavaud wird sp\u00e4ter im Zug M\u00fcnchen-Paris ohne Fahrkarte aufgegriffen, verwickelt sich in Widerspr\u00fcche, wird schlie\u00dflich der Gestapo \u00fcberstellt, die ihm verh\u00f6rt und ein Gest\u00e4ndnis abpresst; vom Volksgerichtshof zum Tod verurteilt, wird er im Mai 1941 in Berlin-Pl\u00f6tzensee durch die Guillotine hingerichtet.<\/p>\n<p>Bavaud findet nicht nur in der Erinnerung der Nachwelt nicht statt, er wird zehn Jahre nach Kriegsende von der Justiz des Landes, die ihn einst aus seinem jungen Leben in den Tod bef\u00f6rderte, erneut verurteilt. Bavauds Familie hatte ein Wiederaufnahmeverfahren gegen die Bundesrepublik Deutschland beantragt. Es ging dabei auch um eine Wiedergutmachungs-Zahlung in H\u00f6he von 40 000 Franken, die freilich nur dann als \u00bbSchadenersatz\u00ab zu zahlen waren, wenn Maurice von einem deutschen Gericht nachtr\u00e4glich freigesprochen w\u00fcrde. Doch der hingerichtete Hitler-Attent\u00e4ter wurde ein zweites Mal verurteilt: diesmal zu <em>f\u00fcnf Jahren Zuchthaus und f\u00fcnf Jahren Ehrenverlust<\/em>. Immerhin erging die Entscheidung <em>\u00bbgerichtsgeb\u00fchrenfrei\u00ab.<\/em> Man habe \u2013 so das Gericht \u2013 nicht anders entscheiden k\u00f6nnen, weil <em>\u00bbdas Leben Hitlers im Sinne der Vorschrift des Paragraphen 211 StGB in gleicher Weise als gesch\u00fctztes Rechtsgut anzuerkennen war. Der Antrag auf Aufhebung des Todesurteils des Volksgerichtshofs vom 18.12.1939 wird zur\u00fcckgewiesen.\u00ab<\/em><\/p>\n<p>Vom Volksgerichtshof waren Bevaud die b\u00fcrgerlichen Ehrenrechte \u2013 trotz Todesurteil \u2013 auf Lebenszeit aberkannt worden, jetzt hatten die Nachkriegsjuristen ihn immerhin zu f\u00fcnf Jahren Ehrenrechtsaberkennung begnadigt. Wie der Tote die f\u00fcnf Jahren Haft absitzen sollte, wurde nicht n\u00e4her ausgef\u00fchrt. Erst in einem dritten Verfahren \u2013 1956 \u2013 wurde das Todesurteil aus dem Jahr 1939 endlich aufgehoben und keine Freiheitsstrafe mehr ausgesprochen. Endlich \u00fcberwies die Bundesrepublik Deutschland der Familie Bavaud 40 000 Schweizer Franken, die best\u00e4tigen musste, dass damit <em>\u00bbdiese Aff\u00e4re definitiv liquidiert sei\u00ab.<\/em> Georg Elser \u2013 Maurice Bavaud zwei Hitler-Attent\u00e4ter, die ohne jegliche Unterst\u00fctzung einer Verschw\u00f6rer-Gruppe fr\u00fcher als andere wagten \u2013 \u00bbes\u00ab zu tun. Und mit ihren Leben bezahlten.<\/p>\n<p>Beide Schicksale fanden lange Zeit kaum Eingang in die Geschichte des Hitler-Widerstands, nicht allein aufgrund der Tatsache, weil sich Historiker \u00fcber die Motive ihrer Taten nicht einigen konnten. Allein vierzig Jahre wurde in M\u00fcnchen \u00fcber Elsers Tat gestritten, ehe sich die Stadtregierung zu einer Ehrung durchrang. Heute, mehr als siebzig Jahre nach seinem Attentatsversuch, ist Georg Elser endlich rehabilitiert: mehr als f\u00fcnfzig Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze und drei Schulen sind mittlerweile im ganz Deutschland nach ihm benannt; die Post legte sogar 2003 eine Georg-Elser-Sondermarke auf. Sein Geburtsort erinnert seit 2010 an ihm mit einem Denkmal aus Stahl. Es ist 2.10 Meter hoch und steht gleich am Bahnhof der schw\u00e4bischen Kleinstadt. Im Berliner Regierungsviertel wiederum steht am Spreeufer in der \u00bbStra\u00dfe der Erinnerung\u00ab eine Elser-B\u00fcste, neben Thomas Mann, Edith Stein und Walter Rathenau, dem ermordeten Au\u00dfenminister der Weimarer Republik. Und es gibt es seit November 2011 eine siebzehn Meter hohe Skulptur inmitten des alten Regierungsbezirkes an der Wilhelmsstra\u00dfe, ein Stahlband mit Lichterkette, das Profil Elsers skizzierend. Die Silhouette, so wollen es Initiatoren um den Schriftsteller Rolf Hochhuth verstanden sehen, soll sich in der N\u00e4he des einstigen Bunkers von Adolf Hitler \u00bb\u00fcber den Ort der T\u00e4ter erheben\u00ab. Der fl\u00fcchtige Passant, der Elser nicht erkennt, erf\u00e4hrt durch eine kleine Informationstafel, wer hier geehrt wird. Das \u00bbDenkzeichen\u00ab mit den geschwungenen Neonr\u00f6hren ist ein wenig reklamehaft geraten, das Individuum wird erst auf den zweiten Blick sichtbar. Georg Elser, der Zur\u00fcckgezogene, der Solit\u00e4r, der einzig seinem Gerechtigkeitssinn folgte, dr\u00e4ngt sich auch hier nicht in den Vordergrund.<\/p>\n<h4><strong>Mutige Attent\u00e4ter, umstrittene Helden<\/strong><\/h4>\n<p>Mittlerweile gibt es h\u00f6rbar auch Kritik an der \u00bbunheimlichen Gedenkkultur des Georg Elser\u00ab. Die Kritiker stellen fest, Elser biete sich als Identifikationsfigur deshalb an, weil er \u00bbweit leichter zur Selbstvergewisserung\u00ab zu nutzen sei, als etwa der elit\u00e4re Offizier Stauffenberg, ein konservativer Verschw\u00f6rer wie Carl Friedrich Goerdeler oder gar Mitglieder kommunistischer Widerstandzellen wie der \u00bbRoten Kapelle\u00ab. Er tauge deshalb als optimale Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr alle die nachgeholte Opposition gegen den Nationalsozialismus, eigne sich ideal als Vorbild f\u00fcr alle \u00bbzeitgeistigen Gut-Menschen\u00ab. Als sei allein das Bekenntnis f\u00fcr Elser und seine Tat schon eine mutige Haltung.<\/p>\n<p>Die Rechtshistorikerin Angelika Nu\u00dfberger, ehemalige Vizepr\u00e4sidentin am Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte, hat auf die Instrumentalisierung der Schicksale von Menschen hingewiesen, die in einem bestimmten historischen Kontext aus der Menge herausgetreten sind &#8211; und wie sich die rechtlichen und moralischen Wertungen und Bewertungen in der Nachbetrachtung ver\u00e4ndern. Aus Attent\u00e4tern und Vaterlandsverr\u00e4tern werden Helden.<\/p>\n<p>Das gilt auch f\u00fcr deutsche Widerstandsk\u00e4mpfer. Die Tatsache, dass aus heutiger Sicht die NS-Zeit mit Blick auf Angriffskriege, Rassenideologie und Holocaust eine barbarische Zeit war, macht es gewisserma\u00dfen einfach, alle Gegner des Systems, als aufrechte und aufrichtige, mutige Menschen zu identifizieren. Es sind ganz und gar unstrittige Helden. Wer denjenigen Respekt zollt, die gegen den nationalsozialistischen Unrechtsstaat, gleich aus welchen Gr\u00fcnden, gek\u00e4mpft hat, steht auf der Seite von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Wer sie verehrt, hat mit keinem gro\u00dfen Widerspruch zu rechnen. Es sind \u00bbbequeme\u00ab Helden. An ihrer Ehrenhaftigkeit \u00e4ndert das nichts. Sp\u00e4testens seit der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl den Schreinergesellen Elser \u00f6ffentlich w\u00fcrdigte, ist die Frage \u00bbWem geh\u00f6rt Elser?\u00ab obsolet. Der gro\u00dfe Historiker Joseph Peter Stern nannte Elser einmal einen \u201eMann ohne Ideologie\u201c. Dem ist nichts hinzuzuf\u00fcgen. Es gilt auch f\u00fcr Maurice Bavaud.<\/p>\n<p><strong><em>Literaturhinweise<\/em> <\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><em>Zu Georg Elsers Lebensgeschichte, den Pl\u00e4nen und der Vorbereitung seines Attentats. Seiner Verhaftung, den Verh\u00f6ren, schlie\u00dflich seiner Gefangenschaft und seiner Ermordung, siehe umfassend in: Helmut Ortner, Der einsame Attent\u00e4ter \u2013 Georg Elser, der Mann der Hitlers t\u00f6ten wollte, Darmstadt 2013<\/em><\/li>\n<li><em>Leben und Tod von Maurice Bavaud beschreibt Nikolaus Meienberg in: \u00bbEs ist kalt in Brandenburg \u2013 Ein Hitler-Attentat\u00ab, Berlin 1990<\/em><\/li>\n<li><em>Rolf Hochhuth w\u00fcrdigt Bavaud in seiner Erz\u00e4hlung \u00bbTell 38\u00ab, Reinbek 1979<\/em><\/li>\n<li><em>Benedikt Meyer\u00a0\u00fcber Maurice Bavaud im BLOG des schweizerischen Nationalmuseums:<\/em><\/li>\n<li><em><a href=\"https:\/\/blog.nationalmuseum.ch\/2020\/02\/bavaud-wollte-hitler-ermorden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/blog.nationalmuseum.ch\/2020\/02\/bavaud-wollte-hitler-ermorden\/<\/a><\/em><\/li>\n<\/ul>\n<hr \/>\n<p>In K\u00fcrze erscheint:<br \/>\n<strong>Helmut Ortner, <\/strong><a href=\"https:\/\/www.nomen-verlag.de\/produkt\/widerstreit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong><em>WIDERSTREIT \u2013 \u00dcber Macht, Wahn und Widerstand<\/em><\/strong><\/a>, 220 Seiten, 20 Euro im Nomen Verlag Frankfurt<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Galerie deutscher Widerstandsk\u00e4mpfer f\u00fchrten Georg Elser und Maurice Bavaud lange Jahre ein Schattendasein. 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