{"id":1327050,"date":"2021-03-26T10:17:58","date_gmt":"2021-03-26T10:17:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1327050"},"modified":"2021-03-26T10:17:58","modified_gmt":"2021-03-26T10:17:58","slug":"eine-zukunft-ohne-gefaengnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/03\/eine-zukunft-ohne-gefaengnis\/","title":{"rendered":"Eine Zukunft ohne Gef\u00e4ngnis"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"article_title_intro\">Thomas Galli: Weggesperrt. Warum Gef\u00e4ngnisse niemandem n\u00fctzen. <\/span>Ein ehemaliger Gef\u00e4ngnisdirektor pl\u00e4diert daf\u00fcr, Gef\u00e4ngnisse aufzul\u00f6sen und entwirft Alternativen zum Strafvollzug.<\/p>\n<article>Auf die Frage einer Journalistin, was der Jurist und damalige Gef\u00e4ngnisdirektor Thomas Galli mit den Gefangenen in seiner Justizvollzugsanstalt machen w\u00fcrde, wenn es nach ihm ginge, antwortet er: \u201eIch w\u00fcrde alle freilassen\u201c (S. 9). Aber wie genau stellt Galli sich das vor, eine Gesellschaft ohne Gef\u00e4ngnisse? W\u00e4re das \u00fcberhaupt zu verantworten? Welche Auswirkungen h\u00e4tte das auf die Sicherheit der Allgemeinheit? Und m\u00fcssen Straft\u00e4ter*innen nicht f\u00fcr ihre Taten b\u00fcssen?Diesen Fragen widmet sich Galli auf den 312 Seiten seines Buches. Darin berichtet er von seinen pers\u00f6nlichen Erfahrungen als Gef\u00e4ngnisdirektor und davon, wie er ins Zweifeln kam und begann, das Strafvollzugssystem zu hinterfragen. Untermauert wird seine Expertise von Zahlen, Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen \u00fcber den Strafvollzug. Beim aufmerksamen Lesen springt die Klassenjustiz des Staates besonders ins Auge: circa 90 Prozent der knapp 51.000 Gefangenen in Deutschland (Stand M\u00e4rz 2018) verb\u00fcssen eine Haftstrafe von weniger als f\u00fcnf Jahren. Die Liste der Straftaten, die einer Freiheitsstrafe zugrunde liegen, wird dabei angef\u00fchrt von Eigentums- und Verm\u00f6gensdelikten, also Diebstahl, Unterschlagung, Untreue und Betrug (40 bis 50 Prozent).Dabei k\u00f6nnen schon kleine Delikte wie Ladendiebstahl oder Fahren ohne Fahrschein zu einer Inhaftierung f\u00fchren, wenn die verurteilte Person die auferlegte Geldstrafe nicht bezahlen kann. So werden j\u00e4hrlich ungef\u00e4hr 50.000 Menschen zu einer sogenannten Ersatzfreiheitsstrafe verurteilt \u2013 fast jede*r dritte zu einer Geldstrafe Verurteilte bezieht Hartz IV. Durch die Ersatzfreiheitsstrafe werden die Betroffenen zum einen noch weiter ins soziale Abseits getrieben, zum anderen verursacht diese Massnahme ein Vielfaches des urspr\u00fcnglichen \u201eSchadens\u201c: Galli rechnet vor, dass sich die Haftkosten von Ersatzfreiheitsstrafen auf circa 611.000 Euro pro Tag (!) belaufen.<strong>Das Bed\u00fcrfnis nach Strafe<\/strong><\/p>\n<p>Gleichzeitig werden in den Parlamenten Waffendeals ausgehandelt, Topmanager*innen entlassen tausende Angestellte, um ihre Profite zu erh\u00f6hen und Banker*innen bereichern sich auf Kosten der Steuerzahler*innen, ohne dass ihnen daf\u00fcr Strafen drohen. Galli formuliert: \u201eSolche Menschen k\u00f6nnen, ganz legal, viel gr\u00f6sseren Schaden anrichten als viele derjenigen, die im Gef\u00e4ngnis sitzen. Antisoziale Haltungen und Handlungen \u00e4ussern sich in \u201ah\u00f6heren\u2018 Schichten nur weniger auff\u00e4llig.\u201c (S. 117) Bei der Lekt\u00fcre des Buches sollte man diese Zusammenh\u00e4nge im Hinterkopf behalten, schliesslich geht es dabei immer auch darum, wer bestraft wird, welche Verst\u00f6sse \u00fcberhaupt geahndet und welche Interessen letztlich mit dem hiesigen Justizsystem verfolgt werden.<\/p>\n<p>Das Bed\u00fcrfnis nach Strafe ist so alt wie die Menschheit selbst: Im Laufe der Jahrhunderte hat es sich allerdings von einer archaischen Rache nach dem Motto \u201eAuge um Auge, Zahn um Zahn\u201c hin zu einer weniger blutigen Umsetzung entwickelt. Das Grundmotiv bleibt jedoch dasselbe: Wer anderen Leid zuf\u00fcgt, muss bestraft werden. Die H\u00e4rte der Strafe soll sich am Ausmass des angerichteten Schadens bemessen, um durch Vergeltung wieder Gerechtigkeit herzustellen.<\/p>\n<p>In unserer Gesellschaft haben wir die Bestrafung an den Staat abgegeben; im Kern geht es jedoch immer noch darum, T\u00e4ter*innen ein \u00dcbel zuzuf\u00fcgen. Damit kann der Staat Menschen mit Freiheitsentzug bestrafen, auch wenn das gerne verschleiert wird: \u201eResozialisierung ist das neue und sch\u00f6nere Kleid, das man dem Strafvollzug anstelle des in die Jahre gekommenen grauen Umhangs der Vergeltung verpasst hat.\u201c (S. 34) Heute spricht man auch lieber von Justizvollzugsanstalten und Insass*innen, als von Gef\u00e4ngnissen und Gefangenen, oder von Haftr\u00e4umen anstatt von Zellen, aber die Praxis bleibt dieselbe. Resozialisierung durch Wegsperren?<\/p>\n<p>Galli macht deutlich, dass er es f\u00fcr weitgehend unm\u00f6glich h\u00e4lt, in einer totalit\u00e4ren Institution wie dem Gef\u00e4ngnis wirkliche Resozialisierung zu erreichen. Die Gr\u00fcnde hierf\u00fcr sind vielf\u00e4ltig: Isolation, Lebensferne, Entm\u00fcndigung der Insassen, Subkulturen, Gewalt und Drogenkonsum sind nur einige Schlagworte, die den Alltag im Gef\u00e4ngnis pr\u00e4gen. Gleichzeitig wird das g\u00e4ngige Strafsystem kaum hinterfragt:<\/p>\n<p>\u201eKeine Schule k\u00f6nnte auf Dauer bestehen, wenn sie nicht \u00fcberpr\u00fcft, wie viel ihre Sch\u00fcler tats\u00e4chlich gelernt haben. Jedes Krankenhaus, das nicht in der Lage ist, Menschen erfolgreich zu behandeln, w\u00fcrde geschlossen werden [\u2026]. Ganz anders im Strafvollzug: Hier scheint die Erfolgskontrolle vor allem darin zu bestehen, m\u00f6glichst wenig belastbares Zahlenmaterial zu erheben und nach aussen zu kommunizieren, um der vergeltungsorientierten Strafe weiter den Anschein einer vern\u00fcnftigen und aufgekl\u00e4rten Resozialisierung verleihen zu k\u00f6nnen.\u201c (S. 46f.)<\/p>\n<p>Die R\u00fcckfallquoten sprechen f\u00fcr sich: Der \u00fcberwiegende Teil entlassener Inhaftierter wird erneut straff\u00e4llig.Eine Gesellschaft ohne Gef\u00e4ngnisse<\/p>\n<p>Galli fordert, Pr\u00e4ventionsangebote auszubauen und wegzukommen von der \u201er\u00fcckw\u00e4rtsorientierten Vergeltung von Schuld\u201c (S. 213), hin zu einer aktiven Wiedergutmachung und Verantwortungs\u00fcbernahme der T\u00e4ter*innen. Es soll um die Bed\u00fcrfnisse der Opfer gehen und um eine wirkliche Resozialisierung der T\u00e4ter*innen. Dazu bedarf es neuer Strukturen: Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen, Jurist*innen, Kriminolog*innen und so weiter sollen st\u00e4rker einbezogen und neue, dezentrale und offenere Formen des Freiheitsentzuges etabliert werden. Galli spricht hier zum Beispiel von elektronisch \u00fcberwachtem Hausarrest oder einem Vollzug in freien Formen, beispielsweise in Wohngruppen.<\/p>\n<p>Durch eine Reform des Strafrechts sollen ausserdem Drogen- und Bagatelldelikte entkriminalisiert werden. Lediglich den gef\u00e4hrlichsten Straft\u00e4ter*innen \u2013 darunter fasst Galli Menschen, \u201edie sich mit ihren Taten ungeheuer weit von einem menschlichen Verhalten entfernt haben\u201c (S. 263) \u2013 soll zum Schutz der Allgemeinheit die Freiheit unter Wahrung der Menschenw\u00fcrde lebenslang entzogen werden. Galli schl\u00e4gt hier gesicherte Wohnsiedlungen vor, innerhalb derer sich die Straft\u00e4ter*innen frei und selbstbestimmt bewegen und einer Arbeit nachgehen k\u00f6nnen. Alles, was in diesen Arbeitsbetrieben erwirtschaftet wird, soll den Opfern von Verbrechen zugutekommen. Insgesamt w\u00fcrde dieses Modell die Steuerzahler*innen sehr viel weniger kosten als der derzeitige Strafvollzug und gleichzeitig negative Auswirkungen vermeiden, die Gef\u00e4ngnisse auf ihre Insassen haben.<\/p>\n<p>Insgesamt sind Gallis \u00dcberlegungen sehr einleuchtend; insbesonders im Hauptteil des Buches, in dem er eindr\u00fccklich belegt, weshalb unser derzeitiges Justizsystem mehr Schaden als Nutzen bringt. Trotzdem bleiben einige Aspekte unklar: Wie kann es zum Beispiel im Kapitalismus m\u00f6glich sein, die soziale Dimension von Straftaten in den Mittelpunkt zu stellen, um beispielsweise korrupte Manager*innen st\u00e4rker in den Blick zu nehmen als Kleinkriminelle aus Armutsverh\u00e4ltnissen? Wie kann hier ein Umdenken stattfinden, wenn der Autor selbst konstatiert, unser Strafrecht diene dazu, \u201eunser kapitalistisches Wirtschaftssystem m\u00f6glichst reibungslos am Laufen zu halten\u201c (S. 206)? Hier l\u00e4sst Galli offen, woher die Triebkraft f\u00fcr die reformistische Ver\u00e4nderung kommen soll.<\/p>\n<p>Offen bleibt beispielsweise auch, nach welchen Kriterien schwerste Straft\u00e4ter*innen dieser Kategorie zugeordnet werden, legt er doch an anderer Stelle dar, dass die Treffsicherheit prognostischer Gutachten sehr gering ist. Ungeachtet dieser offenen Fragen ist Gallis Buch sehr zu empfehlen, spannend geschrieben und inhaltlich fundiert. Sein Entwurf einer Zukunft ohne Gef\u00e4ngnisse wirkt daher weniger wie eine ferne Utopie, sondern vielmehr wie eine ganz konkrete Alternative.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\" style=\"text-align: right;\">Lena Hezel<br \/>\nkritisch-lesen.de<\/p>\n<p class=\"fussnoten\">Thomas Galli: Weggesperrt. Warum Gef\u00e4ngnisse niemandem n\u00fctzen. Edition K\u00f6rber, Hamburg 2020. 312 Seiten, ca. 22.00 SFr, ISBN 978-3-89684-279-4<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Galli: Weggesperrt. Warum Gef\u00e4ngnisse niemandem n\u00fctzen. Ein ehemaliger Gef\u00e4ngnisdirektor pl\u00e4diert daf\u00fcr, Gef\u00e4ngnisse aufzul\u00f6sen und entwirft Alternativen zum Strafvollzug. 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