{"id":1325907,"date":"2021-03-23T13:04:35","date_gmt":"2021-03-23T13:04:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1325907"},"modified":"2021-04-18T16:59:30","modified_gmt":"2021-04-18T15:59:30","slug":"frauen-die-die-zukunft-gestalten-moema-viezzer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/03\/frauen-die-die-zukunft-gestalten-moema-viezzer\/","title":{"rendered":"Frauen, die die Zukunft gestalten: Moema Viezzer"},"content":{"rendered":"<p><strong>In der Reihe &#8222;<a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/03\/frauen-die-die-zukunft-hin-zu-einer-gewaltfreien-gesellschaft-gestalten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Frauen, die die Zukunft gestalten<\/a>&#8220; stellen wir die bekannte P\u00e4dagogin, Soziologin, Umweltsch\u00fctzerin, Feministin und Menschenrechtsaktivistin Moema Viezzer vor. Sie ist auch Autorin des Buches &#8222;Wenn man mir erlaubt zu sprechen&#8220; \u00fcber das Leben der bolivianischen Bergbauarbeiterin Domitilla Barros de Chungara, die sie im mexikanischen Exil kennenlernte. Das Buch wurde in vierzehn Sprachen \u00fcbersetzt. Heute lebt sie in Brasilien; noch mit 82 Jahren hat sie nicht aufgeh\u00f6rt, Aktivistin zu sein. <\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Guten Tag Moema,<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Guten Tag Juana, sch\u00f6n dich kennenzulernen.<\/p>\n<p><em><strong>Das Vergn\u00fcgen ist ganz meinerseits. Willkommen bei Pressenza, hier bei \u201cFrauen, die Zukunft gestalten\u201d.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Vielen Dank f\u00fcr die Einladung!<\/p>\n<p><strong><em>Wir reden mit Moema Viezzer. Es ist schwierig, mit wenigen Worten das Leben einer Frau, einer Schriftstellerin, Erzieherin, Feministin zu beschreiben, die so viel erreicht hat und seit Jahrzehnten aktiv ist. K\u00f6nntest du uns dein Alter verraten?<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Ich bin 82, Brasilianerin, engagiere mich seit mehr als 60 Jahren als Feministin, aber vor allem seit 1975, als ich zur internationalen Frauenkonferenz die parallel zur ersten Konferenz der Vereinten Nationen zu Frauen, Entwicklung und Frieden in Mexico stattfand. Ich lebte damals in Mexiko im Exil wegen meiner Arbeit als \u201eVolkserzieherin\u201c, als Sch\u00fclerin von Paolo Freire. Dort hatte ich die Gelegenheit, eine Frau kennenzulernen, die in den Zinnminen in Bolivien arbeitete und war begeistert von ihrer tiefgr\u00fcndigen Weisheit. Sie hatte nur die Grundschule besucht, aber konnte aus einem tiefen Klassenbewusstsein heraus wunderbar von ihrem Land erz\u00e4hlen. Nach dieser Begegnung besch\u00e4ftigte ich mich mehr mit dem Feminismus und schrieb das Buch: \u201cWenn man mir erlaubt zu sprechen\u201d, das in 14 Sprachen \u00fcbersetzt wurde und als Standardwerk in die Volksbildung einging.<\/p>\n<p><strong><em>Entschuldige, Moema\u2026 F\u00fcr alle, die dieses Buch nicht kennen: Es erz\u00e4hlt die Geschichte und das Leben der bolivianischen Minenarbeiterin Domitilla Barros de Chungara. Soweit ich gesehen habe, ist es das am weitesten verbreitete Buch in Bolivien \u2013 mit Ausnahme einiger religi\u00f6ser Texte.<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Am Anfang schien es mir interessant, mich auf diese neue Dimension einzulassen, die der Feminismus gerade f\u00fcr die Menschheit aufmachte. Und es war eine beachtliche Herausforderung, manchmal auch wahrlich ein Risiko, sich auf die Auseinandersetzung mit sehr unterschiedlichen, tendenziell m\u00e4nnlichen Ebenen, einzulassen: Ich diskutierte mit Gewerkschaftlern, Kirchen aber immer aus der Perspektive der Volksbildung.<\/p>\n<p>Wir haben einiges unternommen und tun das weiterhin. Was mir sehr geholfen hat weiterzukommen, war die theoretische und praktische Erfahrung des \u00d6kofeminismus. Das hat mir auch weitergeholfen, besser zu verstehen, was speziell das Leben der Frauen pr\u00e4gt: die Reproduktion und wie ignorant mit dieser Dimension umgegangen wird, ja wie sie v\u00f6llig ins Abseits gedr\u00e4ngt wird, weil es nur mehr um die Produktion von Waren und um Dienstleistungen\u00a0 geht. Genau diese Denkweise hat die Menschen dahin gebracht, wo nur wirtschaftliche, politische, milit\u00e4rische, religi\u00f6se Macht z\u00e4hlt, dahin wo immer die M\u00e4nner sitzen. Es wurde schon viel dazu geschrieben, gesagt, erkl\u00e4rt, aber es bleibt schwierig, in der Praxis etwas zu \u00e4ndern, wenn wir sehen wie ein Mann wie der Direktor der Santanderbank stirbt, weil er keine Luft bekommt\u2026. Wir m\u00fcssen das ganze Hegemoniemodell \u00fcberdenken, das die Wirtschaft bei unserem Denken und Handeln \u00fcber alles andere stellt: \u00dcber unser Leben, \u00fcber die Gesellschaft und die Art und Weise wie \u00f6ffentliche G\u00fcter und die Natur genutzt werden\u2026.Ich glaube, dass Frauen derartige Reflexionen stark vorangebracht haben.<\/p>\n<p><strong><em>Du hast jetzt verschiedene Themen angerissen, aber machen wir noch einmal einen Schritt zur\u00fcck: Was hat dich eigentlich dazu gebracht, so aktiv zu sein, dich f\u00fcr so viel zu engagieren, nicht nur auf Frauen bezogen, sondern auch auf die Umwelt, auf die indigene Bev\u00f6lkerung\u2026Ich meine, auf welchen pers\u00f6nlichen Erfahrungen beruht dein Aktivismus \u00fcber Jahrzehnte?\u00a0<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Also\u2026 da gab es keinen einzelnen Anlass, da kamen mehrere Sachen zusammen\u2026 Ich glaube, dass es mich seit meiner Kindheit gereizt hat; ich habe oft meine Mutter und Gro\u00dfmutter begleitet, wenn sie sich f\u00fcr die Gemeinschaft einsetzten. Deswegen bin ich einen Konvent eingetreten. Ich war siebzehn Jahre Klosterschwester in einer Gemeinschaft, die sich nicht der religi\u00f6sen Besinnung, sondern der Aktivit\u00e4t verschrieben hatte. Ich half, die Gemeinschaft zu erneuern und genau zu dieser Zeit, hatte ich das Gl\u00fcck, Paolo Freire zu begegnen, seinem Werk, seiner P\u00e4dagogik der Unterdr\u00fcckten. In Brasilien fand das in einem faszinierenden Kontext statt, angeregt von der Theologie der Befreiung und durch die vielen Basisgruppen, in die ich mich einklinkte. Und dann habe ich nicht mehr aufgeh\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong><em>Wie h\u00e4ngen die ganzen Dinge, die du verteidigst, zusammen? Was ist der rote Faden, der sie verbindet?<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, dass die Grundlage von allem die Menschenrechte sind. Oder anders ausgedr\u00fcckt, dass wir alle Menschen sind, unabh\u00e4ngig von unserem Alter, unserer Rasse, Hautfarbe, Religion, Kultur, Herkunft.<\/p>\n<p>Warum ist das eigentlich so schwierig zu akzeptieren? Ich bin \u00fcberzeugt, dass man irgendwann einfach dazu kommt. Letztlich st\u00f6\u00dft man unweigerlich darauf, wenn man sich mit dem Feminismus auseinandersetzt. Ich sehe da die ganze Entwicklung die wir durchgemacht haben vor mir: Am Anfang waren da Frauen aus der Mittelklasse und Arbeiterinnen, die den Weg vorgaben. Mit der Volksbildung haben wir hier eine enorme und wichtige Arbeit geleistet, vor allem an der Peripherie der gro\u00dfen St\u00e4dte. Sp\u00e4ter kamen die Frauen aus den l\u00e4ndlichen Gemeinden dazu, z.B. aus der Bewegung \u201eSin Terra\/ohne Land\u201c. Sie entwickelten eine ganz eigene Art, sich feministisch zu engagieren \u2013 aus ihrer pers\u00f6nlichen Erfahrung heraus. Auch die schwarzen Frauen haben neue Elemente beigesteuert &#8211; aus ihrer Unterdr\u00fcckungserfahrung heraus. In der letzten Zeit macht es mich ganz gl\u00fccklich, wenn ich sehe wie die indigenen Frauen noch ganz andere \u00dcberlegungen einbringen. Das sind verbindende Elemente und ich bin fest \u00fcberzeugt, auch wenn wir jeweils aus einem anderen Lebenszusammenhang kommen, wie dem der schwarzen Frauen beispielsweise. Unabh\u00e4ngig von wo der Faden gesponnen wird, bringt er uns dazu, den ganzen \u201eFilm\u201c \u2013 wie ich das nenne \u2013 anzuschauen. Das ist genau das entscheidende Element f\u00fcr die Vision, die wir innerhalb der Bewegungen teilen. Jetzt ist der Moment da, wahrzunehmen, wie alles zusammenspielt, was unsere gemeinsame Grundlage ist. Wir m\u00fcssen trotzdem alle noch viel dazu lernen, um es noch viel ganzheitlicher und systematischer zu betrachten. Dies ist wohl eine der gro\u00dfen Herausforderungen in unserer Zeit.<\/p>\n<p><strong><em>Sicher. Wenn wir von Konvergenz, von Netzwerkarbeit reden, wie k\u00f6nnen wir bei so verschiedenartigen Feminismen auch M\u00e4nner einbinden? Weil sie ja 50% der Menschheit sind\u2026.Wie k\u00f6nnen wir dadurch die weibliche Dimension weiterentwickeln?<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, wir brauchen einen eigenen Raum der Frauen, um das, was passiert, zu analysieren. Aber ich glaube auch, dass es eine gro\u00dfe Zur\u00fcckhaltung seitens einiger tausendj\u00e4hriger Institutionen, wie z.B. der Kirchen immer gab und noch gibt. Und es ist schon traurig, wenn man sieht, wie dieses tausendj\u00e4hrige patriarchale System so eng verbunden ist mit dem, was das Kolonialsystem ausmachte und demnach den Herrschaftsstrukturen.<\/p>\n<p>Herrschaft des Mannes \u00fcber die Frau, so wie auch die Herrschaft \u00fcber andere Rassen, und so weiter\u2026 Der Dialog zwischen M\u00e4nnern und Frauen ist sicher wichtig. Aber es besteht schon latent die Gefahr, dass dieser Dialog auch kaputt gemacht werden kann durch bestimmte M\u00e4nner, die sich untereinander die Welt aufteilen zwischen weiblicher und m\u00e4nnlicher Welt und die eine sehr klare Vorstellung davon vertreten, was die menschliche Natur und die gesellschaftlichen Rollen sind, die M\u00e4nnern und Frauen zustehen. Sie argumentieren damit, wie sich die Rollenzuschreibungen entwickelt haben, angefangen von der \u201eBasisorganisation\u201c der Familie, und dann weitergetragen wurden \u00fcber die Erziehung und die Arbeitswelt.\u00a0 M\u00e4nner, die das langsam differenzierter sehen, geraten durchaus auch mal in Schwierigkeiten.<\/p>\n<p>Ich denke z.B. an Bolivien wo ein stellvertretendes Ministerium zur \u201eEntpatriarchalisierung und Entkolonialisierung\u201c geschaffen wurde\u2026aber solange das nicht in die Kultur der Menschen, ins \u00f6ffentliche Bewusstsein Eingang findet, wird das nicht funktionieren \u2013 auch wenn es noch so viele wissenschaftliche Arbeiten oder Ministerien dazu gibt. Das ist eine Bildungsaufgabe auf allen Ebenen\u2026.<\/p>\n<p><em><strong>\u00a0<\/strong><strong>Moema, welche Elemente, wenn wir mal zusammenfassen, scheinen f\u00fcr dich wesentlich f\u00fcr die Zukunft?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich wei\u00df es nicht genau, aber ich habe den Eindruck, dass viele \u00dcberlegungen im Raum stehen. Entscheidend ist, unser Verh\u00e4ltnis vom Menschen zur Natur umzukrempeln. Wie kann man den Stellenwert der Wirtschaft richtig einordnen, die F\u00fclle, die das Leben noch ausmacht, und schafft man es, den Markt nicht \u00fcber alles andere zu stellen? Die Staaten, die L\u00e4nder z\u00e4hlen ja nicht mehr. Einige multinationale Unternehmen ordnen an, was zu geschehen hat und haben sogar die Vereinten Nationen im Griff. Das ist eine riesige Herausforderung, die wir in dieser Epoche der Menschheitsgeschichte bew\u00e4ltigen m\u00fcssen. Wie machen wir das? Nun, es gibt zahlreiche Initiativen, aber kein einheitliches Rezept. Alle haben ihre Rolle zu spielen, aber es ist wichtig, sich dar\u00fcber im Klaren zu sein, dass wir alles ver\u00e4ndern m\u00fcssen, alles in den Dienst des Gemeinwohls stellen m\u00fcssen. Da geht es nicht nur um den Menschen, sondern das lebendige Zusammenleben aller. Aus diesem Grund ist die Verteidigung von verf\u00fcgbaren Gemeing\u00fctern so wichtig. Wir k\u00f6nnen ohne reine Luft nicht leben, viele Menschen sterben, weil es kein sauberes Wasser gibt, wenn ein Fluss wegen Katastrophen versiegt, die keine Unf\u00e4lle sind, sondern durch den Durst nach Profit verursacht wurden. Es geht um einen strukturellen Wandel; wir befinden uns aktuell in einer sehr schwierigen Situation, aber ich glaube, dass sie gleichzeitig eine gro\u00dfe Chance ist, ein privilegierter Moment in der Geschichte der Menschheit.<\/p>\n<p><em><strong>Was f\u00fcr einen Aspekt scheint dir jetzt besonders wichtig?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die F\u00fclle von Studien, Informationen, \u00dcberlegungen, Analysen die die Menschheit erarbeitet hat, gab es vor 50 Jahren noch nicht; das ist schon so etwas wie ein Privileg. Ich glaube, dass wir in einem besonderen Moment leben. Eines der positiven Elemente der Globalisierung ist zum Beispiel, dass ich gerade in Echtzeit von Brasilien aus mit dir in Spanien rede. Ich habe auf dem Weltsozialforum &#8211; an dem ich im Januar teilgenommen habe &#8211; eine unglaubliche Diskussionsrunde miterlebt durch die Zeugnisse und Analysen von Frauen: eine erz\u00e4hlte auf Spanisch von den Sahrauis, eine andere von Indien und eine von Haiti. Und jede von ihnen hat vorgef\u00fchrt, wie sie in ihrer Heimat Fragen diskutieren, die alle letztlich global sind. Das ist ein echtes Privileg, oder zumindest ich halte mich f\u00fcr au\u00dferordentlich privilegiert, Zugang zu solchen Begegnungen zu haben.<\/p>\n<p>Ganz sicherlich\u2026und das gibt uns Kraft, um weiterzumachen.<\/p>\n<p><em><strong>Ja, da hast du Recht. Vielen Dank, Moema.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Nichts zu danken. Es hat mir viel Spa\u00df gemacht, dass ich diese Gelegenheit nutzen konnte mich mit dir auszutauschen, Juana<\/p>\n<p><em><strong>Ich umarme dich. Danke Moema, und lass uns in Kontakt bleiben.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Italienischen von Heidi Meinzolt, lektoriert von Chiara Pohl, beide vom ehrenamtlichen Pressenza-\u00dcbersetzungsteam. <a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/mitarbeiten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wir suchen Freiwillige!\u00a0<\/a><\/em><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Constructoras de Futuro: Moema Viezzer\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/IFBa1Up6WeQ?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe &#8222;Frauen, die die Zukunft gestalten&#8220; stellen wir die bekannte P\u00e4dagogin, Soziologin, Umweltsch\u00fctzerin, Feministin und Menschenrechtsaktivistin Moema Viezzer vor. 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