{"id":1300083,"date":"2021-02-18T06:33:30","date_gmt":"2021-02-18T06:33:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1300083"},"modified":"2021-02-20T17:29:04","modified_gmt":"2021-02-20T17:29:04","slug":"pandemische-solidaritaet-das-buch-zur-praefigurativen-praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/02\/pandemische-solidaritaet-das-buch-zur-praefigurativen-praxis\/","title":{"rendered":"Pandemische Solidarit\u00e4t &#8211; das Buch zur pr\u00e4figurativen Praxis"},"content":{"rendered":"<p><strong>K\u00fcrzlich, am 8. Februar war der 100. Todestag von Peter Kropotkin, dem bekanntesten Denker des anarchistischen Kommunismus.<\/strong><\/p>\n<div>\n<article>Mit seinen theoretischen Arbeiten zur Humangeographie, zu Solidarit\u00e4t und gegenseitigen Hilfe, zur Entstehung des Staates, zur franz\u00f6sischen Revolution und zu einer materialistischen Ethik pr\u00e4gte er die Grundbegriffe des libert\u00e4ren Sozialismus mit. Sein Anliegen war der Nachweis dar\u00fcber, dass eine Gesellschaft, die wirkliche Freiheit und Gleichheit gew\u00e4hrleistet m\u00f6glich und rational begr\u00fcndbar ist.Diese konkrete Utopie wurde im Konzept der F\u00f6deration dezentraler, autonomer Kommunen verk\u00f6rpert. Eine anarcho-kommunistische Gesellschaft entsteht nicht einfach von selbst, sondern kann nur durch soziale Bewegungen erk\u00e4mpft und mittels Alternativstrukturen aktiv aufgebaut werden. Kropotkin vertrat die Ansicht, dass die Entwicklung der Gesellschaft anhand der Auseinandersetzung zwischen autorit\u00e4ren, staatlichen, zentralistischen Tendenzen einerseits und libert\u00e4ren, selbstorganisierten, f\u00f6deralen Bewegungen andererseits verl\u00e4uft.Auch wenn sich hieraus keine historische Gesetzm\u00e4ssigkeit ableiten l\u00e4sst, war er dennoch zutiefst davon \u00fcberzeugt, dass soziale Fortschritte m\u00f6glich sind \u2013 auch wenn dies viele Jahrhunderte brauche. Mit dieser \u00dcberzeugung engagierte sich Kropotkin auch f\u00fcr die Organisation und Bewusstseinsbildung der selbstorganisierten, radikalen Sozialist*innen.Dass Kropotkins Theorien auch heute und aktuell (wieder) eine grosse Relevanz aufweisen, daf\u00fcr spricht zum Beispiel die Neuerscheinung von Marina Sitrin und dem Colectiva Sembrar. Darin beziehen sie sich explizit auf die anarchistischen Konzepte von Solidarit\u00e4t und gegenseitiger Hilfe mit welchen sich soziale Bewegungen im Hier und Jetzt organisieren, als zugleich auch die erstrebenswerte solidarische Gesellschaft vorwegnehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Solidarische Strukturen und Beziehungen werden im Sammelband implizit als greifbare Alternative zur staatlichen \u2013 und oft repressiv durchgesetzten \u2013 Pandemiebek\u00e4mpfung gerahmt. Menschen n\u00e4hen selbst\u00e4ndig Masken und verteilen sie, organisieren Betreuung f\u00fcr Kinder und Alte, unterst\u00fctzen und wertsch\u00e4tzen Arbeitende im Gesundheitssektor, wehren sich kollektiv gegen staatliche Zumutungen, finden selbst Regeln, um Abst\u00e4nde einzuhalten, organisieren Lebensmittelverteilungen, unterst\u00fctzen sich in der psychischen Belastung w\u00e4hrend der Pandemie, entwickeln kreative Formen um sich gegenseitig selbst zu bilden, produzieren und teilen kulturelle G\u00fcter&#8230;<\/p>\n<p>Da gibt es so vieles, was unter anderem in der Zeit seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie geschehen ist. Und was oft nicht in unser Blickfeld ger\u00e4t. Wir neigen dazu all diese Graswurzelinitiativen zu \u00fcbersehen \u2013 ob sie von politisierten Gruppierungen getragen werden oder von welchen Gemeinschaften und Personen auch immer. Einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr ist, dass wir nicht wertsch\u00e4tzen, was uns als selbstverst\u00e4ndlich erscheint, obwohl es in staatlichen Vorgaben und Massnahmen gar nicht aufgeht, ja, deren Rahmen sogar aufsprengt. Ein anderer, dass die kapitalistischen Medien nur sehr selten von Geschichten und Zeugnisse der Alltagsunterst\u00fctzung berichten.<\/p>\n<p>Schliesslich mag ein dritter Grund f\u00fcr die Unsichtbarkeit solidarischer Praktiken auch darin liegen, dass die alltagsweltliche Selbstorganisation oft viel schneller und bisweilen deutlich effektiver zur Pandemiebek\u00e4mpfung und ihren Folgeerscheinungen beitr\u00e4gt, als die staatliche Regulierung es jemals k\u00f6nnte. Die Frage nach der gesamtgesellschaftlichen Relevanz von Graswurzelbewegungen, deren Initiativen und Praktiken ist eine Frage nach der Perspektive, die wir einnehmen \u2013 und welche wir stark machen wollen.<\/p>\n<p>An dieser Stelle spinnt sich der Faden recht eindeutig zu Kropotkins Denken zur\u00fcck. Mit <em>Pandemic Solidarity<\/em> schauen die Autor*innen dorthin, wo Hoffnung gerade im Zusammenbruch w\u00e4chst. Und dass es sich hierbei nicht lediglich um die Kompensation des durch die Herrschaftsordnung produzierten Elends handelt, sondern die neue Gesellschaft nur in der Schale der alten aufgebaut werden kann, ist ihr unausgesprochenes Argument.<\/p>\n<p>Der Sammelband ist wertvoll, weil er eine Vielzahl von Autor*innen versammelt, die derartige Graswurzelans\u00e4tze in den Vordergrund stellen und ihnen Anerkennung zollen. Spannend darin ist insbesondere, dass sich darin Beitr\u00e4ge aus aller Welt finden. Von Praktiken der gegenseitigen Hilfe und Solidarit\u00e4t aus Rojava, der T\u00fcrkei, dem Irak, Taiwan, Korea, Indien, S\u00fcdafrika, Portugal, Italien, Griechenland, Grossbritannien, Argentinien und Brasilien k\u00f6nnen wir dort erfahren.<\/p>\n<p>Damit wird mit dem Buch ganz klar die Notwendigkeit verdeutlicht, dass radikale Gesellschaftsver\u00e4nderung \u2013 ebenso wie die Bew\u00e4ltigung der Pandemie \u2013 nur global gedacht werden kann. Dies f\u00fchrt zu einer Besch\u00e4ftigung mit der merkw\u00fcrdigen Gleichzeitigkeit und Unterschiedlichkeit in welcher verschiedene Menschen sich weltweit befinden. Ebenso wird damit die Abh\u00e4ngigkeit und Angewiesenheit aufeinander verdeutlicht \u2013 aus welchen St\u00e4rke in der Auseinandersetzungen f\u00fcr eine lebenswerte Zukunft f\u00fcr alle erwachsen kann. Daher zeigt sich in der Zusammensetzung der Beitr\u00e4ge auch eine klare postkoloniale Herangehensweise.<\/p>\n<p>Das Vorwort schrieb die Autorin und Journalistin Rebecca Solnit, welche unter anderem durch ihre Besch\u00e4ftigung mit dem durch Menschen gef\u00f6rderten Desaster der Verw\u00fcstung von New Orleans durch den Hurrican Katrina 2005, bekannt wurde.<\/p>\n<p>In einem Beitrag aus dem Mai letzten Jahres schrieb sie im britischen Guardian: \u201eEine der gr\u00f6ssten Klischees \u00fcber Katastrophen ist, dass sie aufzeigen w\u00fcrden, wie d\u00fcnn die Fassade der Zivilisation w\u00e4re, unter welcher die brutale menschliche Natur liegen w\u00fcrde. Aus dieser Perspektive w\u00e4re selbsts\u00fcchtige Eigenn\u00fctzigkeit das Beste, was wir f\u00fcr die meisten Menschen in der Krise hoffen k\u00f6nnten. Schlimmstenfalls w\u00fcrden sie schleunigst zur nackten Gewalt umschwenken. Unsere schlimmsten Instinkte m\u00fcssten demnach unterdr\u00fcckt werden. Diese Ansicht dient [bekannterweise] als Rechtfertigung f\u00fcr Autoritarismus und strenger Kontrolle. [\u2026] Doch Studien historischer Katastrophen haben gezeigt, dass dies nicht die Weise ist, wie sich die meisten Menschen tats\u00e4chlich verhalten. Nahezu \u00fcberall gibt es eigenn\u00fctzige und zerst\u00f6rerische Menschen. Oftmals befinden sie sich an der Macht, weil sie ein System erschaffen haben, welche diese Art Pers\u00f6nlichkeit und derartige Prinzipien belohnt. Doch in gew\u00f6hnlichen Katastrophen verh\u00e4lt sich die grosse Mehrheit der Leute auf Weisen, die alles andere als egoistisch sind. Wenn wir in der Metapher der Fassade bleiben, offenbart sich bei ihrem Zusammenbrechen, eine ungeheure Kreativit\u00e4t, grossz\u00fcgiger Altruismus und Graswurzelorganisierung. Mit der globalen Pandemie erscheint dieses empathische Dr\u00e4ngen und Handeln weiter, tiefgreifender und konsequenter denn je vorhanden zu sein\u201c[1].<\/p>\n<p>Mit dieser Herangehensweise wird meiner Ansicht nach deutlich, was auch f\u00fcr den westeurop\u00e4ischen Kontext l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig ist: Die notwendige Einsicht darin, dass es sich eine irgendwie geartete gesellschaftliche Linke, dass es sich kritisch eingestellte Intellektuelle und linksradikale Gruppen nicht mehr leisten sollten, in ihren Abstraktionen und Grabenk\u00e4mpfen, ihren rein negativen Kritiken und ihrem desastr\u00f6sen Zynismus zu verharren.<\/p>\n<p>Menschen, die von anarchistischen Gedanken inspiriert sind oder mit ihnen sympathisieren, richten sich nach der konkreten Utopie einer erstrebenswerten Gesellschaft aus, versuchen sich nach ihr zu organisieren und aufzuzeigen, wo sie bereits anbricht und gelebte Wirklichkeit ist. Dies ist keine Sichtweise von idealistischen Tr\u00e4umer*innen oder naiven Gutmenschen, mit welcher der Brutalit\u00e4t und Totalit\u00e4t der herrschenden Verh\u00e4ltnisse nichts entgegen gesetzt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Vielmehr handelt es sich realistischerweise um die einzige echte Option, die Menschen haben, um Herrschaftsverh\u00e4ltnisse umfassend abzubauen und ihnen solidarische, egalit\u00e4re Institutionen und Beziehungen entgegen zu setzen. Jene, die stattdessen weiter \u201eAuweia Anarchisten!\u201c schreien wollen, sei dies unbenommen[2] &#8211; \u00fcberdeutlich wird aber, dass sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben und lieber ihren Rechthabereien und der Ohnmacht ihrer totalen \u00c4ngsten fr\u00f6nen, als endlich aus dem verrotteten Geb\u00e4ude des staatlich Kapitalismus auszubrechen und ein neues aufzubauen.<\/p>\n<p>In diesem Sinne gebe ich noch einen Einblick in <em>Pandemic Solidarity<\/em> aus dem Vorwort von Marina Sitrin:<\/p>\n<p>\u201eEs gibt eine konstante, allumfassende Angst, eine kollektive Angst, die wir als gegenw\u00e4rtig lebende Menschen noch nicht zu diesem Grad an Kollektivit\u00e4t erfahren haben. Und, ja, w\u00e4hrend wir alle im selben schrecklichen Sturm sind, der Covid-19 heisst, sitzen wir nicht alle im selben Boot. In Krisen und Katastrophen zeigen sich strukturelle Ungleichheiten und die aktuelle Situation offenbart die H\u00e4sslichkeit und systematische Unterdr\u00fcckung und Ungleichheit, auf welche ein Grossteil unserer Gesellschaften aufgebaut ist, in welchen sehr wenige privilegiert werden und der Rest von uns gegen einander aufgehetzt und ausgespielt wird. [\u2026] Darin finden wir etwas Tiefgreifendes, welches mit der Wahrheit verbunden ist, wer wir wirklich sind, nicht, was uns gesagt wurde, wer wir seien. Ja, wir haben Angst. Ja, wir empfinden Angst und Verletzbarkeit und was wir damit tun &#8211; immer und immer wieder, durch die gesamte Geschichte und heute mehr als jeweils \u2013, ist, uns nacheinander auszustrecken und Wege zu finden, f\u00fcreinander zu sorgen. Wir empfinden alle diese Dinge und dies ist ein UND. Wir brauchen uns nicht zwischen Angst oder Hilfe, zwischen Verletzlichkeit und Offenheit, besch\u00fctzend und besch\u00fctzend zu entscheiden. Wir k\u00f6nnen und wir tun alle diese Dinge und dies ist es, was diese Situation auf eine zutiefst hoffnungsvolle Weise gleichzeitig erschreckend UND transformativ macht. [\u2026] Die Geschichten in dieser Textauswahl zeigen uns auf unterschiedliche Weise eine Art von Gesellschaft, die wir haben k\u00f6nnten und welche wir faktisch bereits haben. Unsere Einladung an euch auf diesen Seiten, unsere lieben Lesenden, ist Inspirationen und konkrete Ideen zu sammeln, wie ihr euch in die bereits existierenden Projekte einbringen und sie ausweiten k\u00f6nnt. Diese Pandemie erzeugt kleine und grosse Risse \u2013 was wir mit diesen Spalten machen, liegt an uns. Die neue Welt ist bereits erschaffen, es ist an uns, diese Sch\u00f6pfung auszudehnen, sie kontinuierlich immer weiter in die H\u00f6he zu spinnen \u2026 bis zu einem Punkt, den wir noch nicht kennen\u201c[3].<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\">Jonathan Eibisch<\/p>\n<p class=\"fussnoten\">Marina Sitrin, Colectiva Sembrar: Pandemic Solidarity. Mutual Aid during the Covid-19 Crisis. Pluto Press, Juni 2020. 304 Seiten, ca. 23.00 SFr ISBN: 9780745343167<\/p>\n<h5>Fussnoten:<\/h5>\n<p>[1] https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2020\/may\/14\/mutual-aid-coronavirus-pandemic-rebecca-solnit<\/p>\n<h5>[2] https:\/\/www.untergrund-bl\u00e4ttle.ch\/politik\/deutschland\/mit-der-autonomen-selbstorganisation-gegen-die-covid-pandemie-vorgehen-6161.html<\/h5>\n<p>[3] Marina Sitrin, Introduction, Xvi-xxiv.<\/p>\n<p>Inhaltsverzeichnis<\/p>\n<h5>1. Communal Lifeboat: Direct Democracy in Rojava (Emre Sahin and Khabat Abbas)<\/h5>\n<p>2. \u201cCapitalism Kills, Solidarity Gives Life\u201d: A Glimpse of Solidarity Networks from Turkey (Seyma \u00d6zdemir)<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"emailskopiertclipboardPopupMail\" class=\"emailskopiertHiddenPopup\" style=\"z-index: 1102;\">\n<div id=\"emailskopiertpopupContentToMail\">\n<div id=\"emailskopiertinfoToPopupClipboard\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich, am 8. Februar war der 100. Todestag von Peter Kropotkin, dem bekanntesten Denker des anarchistischen Kommunismus. 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