{"id":1294115,"date":"2021-02-10T05:52:44","date_gmt":"2021-02-10T05:52:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1294115"},"modified":"2021-02-10T05:52:44","modified_gmt":"2021-02-10T05:52:44","slug":"morde-an-trans-personen-im-jahr-2020-um-41-prozent-gestiegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/02\/morde-an-trans-personen-im-jahr-2020-um-41-prozent-gestiegen\/","title":{"rendered":"Morde an trans Personen im Jahr 2020 um 41 Prozent gestiegen"},"content":{"rendered":"<p>Einem Bericht der Nationalen Vereinigung von trans Personen und <em>travestis<\/em> (<a href=\"https:\/\/antrabrasil.org\/\">ANTRA<\/a>) zufolge wurden im vergangenen Jahr in Brasilien 175 trans Frauen ermordet. Im Vorjahr wurden 124 trans Personen ermordet, was einen Anstieg um 41 Prozent ausmacht. 78 Prozent der Opfer waren Schwarze Frauen.<\/p>\n<p>Die Vereinigung ANTRA ver\u00f6ffentlichte diese Daten in einem Dossier zum 29. Januar, dem landesweiten Tag f\u00fcr die Sichtbarkeit von trans Personen. Ihrer Statistik zufolge liegt die Zahl der ermordeten trans Personen 43,5 Prozent \u00fcber dem seit 2008 ermittelten Gesamtdurchschnitt. In den vergangenen 13 Jahren haben sich die Straftaten mehr als verdoppelt. Anders als in anderen Jahren wurden 2020 ausschlie\u00dflich <em>travestis<\/em> und trans Frauen ermordet. \u00dcber die T\u00f6tung von trans M\u00e4nnern wurde nichts bekannt.<\/p>\n<p>Die Monate mit der h\u00f6chsten Anzahl an Morden waren Januar, Februar, Mai, Juni, August und Dezember. Die Zahlen belegen, dass es w\u00e4hrend der Corona-Pandemie einen bedeutenden Anstieg an Morden gab. Trans Personen leben w\u00e4hrend der Pandemie in einer Situation, in der sie sozio\u00f6konomisch noch verletzbarer sind.<\/p>\n<p><strong>Bundesstaat S\u00e3o Paulo mit den h\u00f6chsten Zahlen<\/strong><\/p>\n<p>Die absoluten Zahlen zeigen, dass im Bundesstaat S\u00e3o Paulo mit 29 F\u00e4llen die meisten Morde stattfanden \u2013 ein Anstieg von 38 Prozent gegen\u00fcber den F\u00e4llen im Jahr zuvor. Zum zweiten Mal in Folge weist der Bundesstaat die h\u00f6chste Zahl auf. Bereits im Jahr 2019 gab es im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg um 50 Prozent.<\/p>\n<p>Nach S\u00e3o Paulo folgt Cear\u00e1 mit 22 F\u00e4llen und einem Anstieg um 100 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Bundesstaat im Nordosten Brasiliens war bereits im Sommer stark in den Medien, denn in den Monaten Juli und August ereigneten sich insgesamt neun Morde an trans Personen. Der Bundesstaat Bahia taucht im Dossier mit 19 Morden an dritter Stelle auf. Die drei Bundesstaaten bilden seit 2017 die Spitze dieser Liste. Die Staaten Minas Gerais und Rio de Janeiro stehen an vierter und f\u00fcnfter Stelle.<\/p>\n<p>Bruna Benevides, Zust\u00e4ndige f\u00fcr politische Arbeit bei ANTRA und eine der Autor*innen des Dossiers erkl\u00e4rt, dass die Gewalt gegen trans Personen in unmittelbarem Zusammenhang zu ihrem fehlenden Zugang zu Grundrechten wie dem Recht auf Bildung und Gesundheit stehen. Auch der Ausschluss aus ihren Familien und fehlende politische Ma\u00dfnahmen tragen dazu bei.<\/p>\n<p>Die verschiedenen Formen von Gewalt und die strukturelle staatliche Misswirtschaft machen es trans Frauen unm\u00f6glich, die soziale Distanzierung w\u00e4hrend der Ausbreitung des Coronavirus einzuhalten, so Benevides. So waren sie w\u00e4hrend der gr\u00f6\u00dften Gesundheitskrise in der Geschichte der Gefahr einer Ansteckung besonders ausgeliefert. \u201eWir sprechen hier von einer Bev\u00f6lkerungsgruppe, von der ein gro\u00dfer Teil unter prek\u00e4ren Bedingungen lebt und die sich, auch w\u00e4hrend der Pandemie, auf der Stra\u00dfe prostituieren muss. Dort boten sie eine umso gr\u00f6\u00dfere Angriffsfl\u00e4che: Ein Szenario mit weniger Polizei und anderen Menschen auf der Stra\u00dfe beg\u00fcnstigt die <a class=\"glossaryLink \" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/straflosigkeit\/\" data-cmtooltip=\"Werden schwere Straftaten juristisch nicht aufgekl\u00e4rt oder bestraft, so wird das als Straflosigkeit bezeichnet. Diese wirkt sich nachhaltig aus auf das individuelle Empfinden der Anerkennung der Opfer, das gesamtgesellschaftliche Gerechtigkeitsempfinden und den Schutz vor Wiederholung.\">Straflosigkeit<\/a>\u201c, sagt Benevides.<\/p>\n<p><strong>\u201eDas Gesprochene an sich t\u00f6tet nicht, aber es bestimmt ein Ziel der Gewalt\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Wie ANTRA dokumentiert, waren 73 Prozent der ermordeten travestis und trans Frauen Sexarbeiter*innen. Die Organisation hebt hervor, dass davon 90 Prozent als Prostituierte t\u00e4tig und nur sechs Prozent in Angestelltenverh\u00e4ltnissen und vier Prozent im informellen Feld sind. Benevides, selbst trans Frau und die einzige trans Person in der brasilianischen Marine, beobachtet, dass die Grausamkeit der Verbrechen besonders ausgepr\u00e4gt ist. Sie spricht von Gewaltexzessen und Verst\u00fcmmelung der K\u00f6rper. F\u00fcr sie sind die Morde auf die hassbeladenen \u00c4u\u00dferungen in Brasilien zur\u00fcckzuf\u00fchren: \u201eWir beobachten einen unproportionalen Anstieg [der F\u00e4lle] im selben Moment, in dem die Politik und vor allem die Regierung \u00f6ffentlich, und das auch auf internationaler Ebene, ihre und Anti-trans- und Anti-Gender-Positionen einnimmt\u201c, so Benevides. Ihr zufolge mache die Regierung aus trans Personen Feind*innen, indem sie sich gegen die Debatte um Gender-Diversit\u00e4t positioniert. \u201eWenn sich das im Geist des normalen B\u00fcrgers festsetzt, spornt das Hass an, der sich im Mord entfaltet. Das Gesprochene an sich t\u00f6tet nicht, aber es bestimmt ein Ziel der Gewalt\u201c, meint die Aktivistin.<\/p>\n<p>Neben den Morden k\u00f6nne Hate-Speech auch \u201ezum Suizid f\u00fchren, zu Erkrankungen der geistigen Gesundheit\u201c, mahnt Benevides. \u201eEs gibt mehrere Morde: den symbolischen, wenn die Geschlechtsidentit\u00e4t oder der Name der Person nicht respektiert wird; wenn trans Personen keine Anstellung finden oder nicht am sozialen Leben teilnehmen und zuletzt die T\u00f6tung als Ausl\u00f6schung der Existenz\u201c, f\u00fchrt sie an. Der Organisation Transgender Europe zufolge war Brasilien auch 2020 das Land, in dem die meisten Morde an trans Personen stattfanden \u2013 im 13. Jahr in Folge.<\/p>\n<p><strong>175 Morde im Jahr 2020, Bericht offenbart rassistische Markierung der Transfeindlichkeit<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Allein zwischen M\u00e4rz und April, w\u00e4hrend das Coronavirus sich im Land auszubreiten begann, wurden in Brasilien 66 Morde an trans Personen dokumentiert. Die Wachstumstendenz bleibt aufrecht und so wurde bereits zwischen Juli und August die Anzahl von 132 Toten der Ermordeten in 2019 \u00fcbertroffen. Es kamen immer weitere F\u00e4lle dazu, bis in den letzten zwei Monaten des Jahres die Anzahl von 149 auf 175 T\u00f6tungen anstieg. Dem ANTRA-Dossier zufolge lag die h\u00f6chste Konzentration der Morde im Nordosten Brasiliens, wo 43 Prozent der Verbrechen stattfanden. Die Region befindet sich seit der Ver\u00f6ffentlichung des ersten Berichts an dieser Position. Die Region S\u00fcdosten folgt dem mit 34 Prozent der F\u00e4lle. Im S\u00fcden traten acht Prozent der F\u00e4lle auf. Der Norden und Mittlere Westen dokumentierten jeweils sieben Prozent.<\/p>\n<p>Mit den Daten des Berichts wird eine rassistische Markierung der Transfeindlichkeit offengelegt: Menschen, die sich zuvor als Schwarze <em>travestis<\/em> oder Schwarze trans Frauen, als Schwarz oder <em>parda<\/em> definierten, machten 78 Prozent der Gesamtzahl der F\u00e4lle aus. In drei Prozent war eine Zuordnung der Todesopfer nicht m\u00f6glich. Ein weiterer hervorstechender Punkt ist das Alter der ermordeten trans Frauen, die seit Jahren immer j\u00fcnger sterben. Die Statistik der Morde im Jahr 2020 zeigt, dass das Durchschnittsalter der Opfer bei 29,5 Jahren lag. Dies best\u00e4tigt die durchschnittliche Lebenserwartung einer brasilianischen trans Person von 35 Jahren \u2013 die H\u00e4lfte der Lebenserwartung auf Landesebene.<\/p>\n<p>Betrachtet man die 109 F\u00e4lle, in denen es m\u00f6glich war, das Alter der Opfer zu identifizieren, so waren 61 ermordete Personen, also \u00fcber die H\u00e4lfte, zwischen 15 und 29 Jahren alt. Weitere 31 (28,4 Prozent) waren 30 bis 39 Jahre alt, acht (7,3 Prozent) zwischen 40 und 49. 9 ermordete trans Frauen (8,3 Prozent) im Alter zwischen 50 und 59 Jahren ermordet. Fast drei Viertel aller Morde fanden im \u00f6ffentlichen Raum statt. Acht Opfer waren wohnungslose Personen.<\/p>\n<p><strong>Auswirkungen der Covid-19-Pandemie<\/strong><\/p>\n<p>Im Dossier wird besonders hervorgehoben, dass trans Personen w\u00e4hrend der Pandemie keine Hilfe gew\u00e4hrt wurde. Die Untersuchungen sch\u00e4tzen, dass etwa 70 Prozent der <em>travestis<\/em> und trans Frauen keinen Zugang zu den Coronama\u00dfnahmen des Staates wie der finanziellen Nothilfe hatten.<\/p>\n<p>Neben der ohnehin bereits prek\u00e4ren Alltagssituation verhinderten andere soziale Umst\u00e4nde einen Zugang zu den entsprechenden Plattformen der Beh\u00f6rden. Ohne andere M\u00f6glichkeiten zu haben, musste also die Arbeit auf den Stra\u00dfen fortgesetzt werden, was diese Bev\u00f6lkerungsgruppe w\u00e4hrend aller Phasen der Pandemie dem Virus besonders aussetzte. Von 150 <em>travestis<\/em> und trans Frauen gab \u00fcber die H\u00e4lfte an, zur Risikogruppe f\u00fcr eine Erkrankung an Covid-19 zu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Es gab weiterhin keine Empfehlungen aus dem Gesundheitsbereich, die speziell an die Lebensrealit\u00e4t von trans Personen angepasst waren. Auch wenn es dazu noch keine abschlie\u00dfenden Studien gibt, so weist das Dossier darauf hin, dass die Nutzung von Hormonen und industriell gefertigtem Silikon Risikofaktoren f\u00fcr das Coronavirus seien. Silikon beispielsweise kann Entz\u00fcndungen verursachen, die unbeaufsichtigte Einnahme von Hormonen kann zu einer Erh\u00f6hung von arteriellem Blutdruck f\u00fchren.<\/p>\n<p>Nach einer Analyse von Daten, die \u00fcber die Kan\u00e4le von ANTRA eingingen und anderen F\u00e4llen, \u00fcber die im Internet berichtet wurde, wurden 16 Todesf\u00e4lle von trans Personen im Zusammenhang mit Atemwegserkrankungen verzeichnet. Allerdings wird im Dossier darauf hingewiesen, dass die Zahl weitaus h\u00f6her liegen kann, da die Institutionen immer wieder Schwierigkeiten darin beweisen, Personen anhand ihrer Geschlechtsidentit\u00e4t zu identifizieren und nicht anhand ihres biologischen Geschlechts und ihrer Geschlechtsorgane.<\/p>\n<p><strong>Unbekannte Realit\u00e4ten<\/strong><\/p>\n<p>Der Mangel an Informationen \u00fcber trans Personen als Bev\u00f6lkerungsgruppe l\u00e4sst sich nicht nur auf den Moment der Pandemie beschr\u00e4nken. Bruna Benevides erkl\u00e4rt, dass es sich dabei um ein strukturelles Problem in Brasilien handele. Es gebe eine regelrechte Ausl\u00f6schung von Daten, wenn es um LGBTI-Personen und besonders wenn es um trans Personen geht.<\/p>\n<p>Erst 2020 wurden in der j\u00e4hrlich erscheinenden Statistik \u00fcber \u00f6ffentliche Sicherheit Daten \u00fcber Gewalt an lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans und intergeschlechtlichen Personen ver\u00f6ffentlicht. Die 15 Bundesstaaten und der Regierungsbezirk haben jedoch keinerlei eigene Datenlage \u00fcber Gewaltakte, die durch die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentit\u00e4t des Opfers motiviert waren.<\/p>\n<p>Die meisten staatlichen Stellen erhalten ihre Informationen von der Meldestelle f\u00fcr Erkrankungen (Sinan), die ihre Daten aus den Annahmestellen des \u00f6ffentlichen Gesundheitssystems und des Nottelefons f\u00fcr F\u00e4lle von (h\u00e4uslicher) Gewalt Disque 100 bezieht. F\u00fcr Bruna Benevides ist klar, dass der Unwille, Gewalttaten zu dokumentieren und der allgemeine \u201eDaten-Blackout\u201c im Zusammenhang mit trans Personen Teil einer bewussten Politik sind: \u201eZum Beispiel nicht zu wissen, wie viele wir sind \u2013 wir haben keine Bev\u00f6lkerungsdaten \u00fcber LGBTI-Personen \u2013 zeigt, dass der Staat kein Interesse daran hat, dieses Profil zu verfolgen, eben damit er die Besonderheiten nicht anerkennen muss. Wenn dieses Nicht-Melden zur politischen Ma\u00dfnahme wird, muss der Staat keine finanziellen Mittel oder Gesetze gegen Transphobie einsetzen\u201c, erkl\u00e4rt die Aktivistin.<\/p>\n<p>Angesichts dessen, was das Dossier als \u201ePolitik des Todes\u201c und die Aufrechterhaltung der Gewalt durch Hate-Speech definiert, steht es perspektivisch schlecht um das \u00dcberleben brasilianischer trans Frauen und <em>travesti<\/em>. Gleich in den ersten Tagen dieses Jahres wurde Keron Ravach als j\u00fcngstes trans Mordopfer im Land get\u00f6tet. Die 13-J\u00e4hrige wurde unter brutaler Gewaltanwendung mit Steinschl\u00e4gen und Messerstichen in einer Kleinstadt im Bundesstaat Cear\u00e1 ermordet. \u201eWir haben 2021 schon elf Morde und sieben Mordversuche. Das sind 18 Vorf\u00e4lle in 29 Tagen. Das ist wirklich besorgniserregend\u201c, bedauert Benevides.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung: Nadine Weber<\/em><\/p>\n<div id=\"emailskopiertclipboardPopupMail\" class=\"emailskopiertHiddenPopup\" style=\"z-index: 1102;\">\n<div id=\"emailskopiertpopupContentToMail\">\n<div id=\"emailskopiertinfoToPopupClipboard\">E-Mail wurde erfolgreich kopiert<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div id=\"emailskopiertclipboardPopupMail\" class=\"emailskopiertHiddenPopup\" style=\"z-index: 1102;\">\n<div id=\"emailskopiertpopupContentToMail\">\n<div id=\"emailskopiertinfoToPopupClipboard\">E-Mail wurde erfolgreich kopie<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"emailskopiertclipboardPopupMail\" class=\"emailskopiertHiddenPopup\" style=\"z-index: 1102;\">\n<div id=\"emailskopiertpopupContentToMail\">\n<div id=\"emailskopiertinfoToPopupClipboard\">E-Mail wurde erfolgreich kopiert<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div id=\"emailskopiertclipboardPopupMail\" class=\"emailskopiertHiddenPopup\" style=\"z-index: 1102;\">\n<div id=\"emailskopiertpopupContentToMail\">\n<div id=\"emailskopiertinfoToPopupClipboard\">E-Mail wurde erfolgreich kopiert<\/div>\n<p><textarea id=\"emailskopierttextSelectAreaClipboard\"><\/textarea><\/div>\n<\/div>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einem Bericht der Nationalen Vereinigung von trans Personen und travestis (ANTRA) zufolge wurden im vergangenen Jahr in Brasilien 175 trans Frauen ermordet. 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