{"id":1293338,"date":"2021-02-08T07:06:46","date_gmt":"2021-02-08T07:06:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1293338"},"modified":"2021-06-15T11:19:10","modified_gmt":"2021-06-15T10:19:10","slug":"putsch-in-myanmar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/02\/putsch-in-myanmar\/","title":{"rendered":"Putsch in Myanmar"},"content":{"rendered":"<p class=\"news-item-subtitle\"><strong>Der Westen zieht nach dem Putsch in Myanmar Sanktionen in Betracht. Hintergrund ist der Machtkampf gegen China.<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Putsch am Montag in Myanmar ziehen EU und USA neue Sanktionen gegen das Land in Betracht. Man werde die Wiedereinf\u00fchrung von Zwangsma\u00dfnahmen umgehend pr\u00fcfen, hatte US-Pr\u00e4sident Joe Biden schon am Montag mitgeteilt. Die EU gab gestern bekannt, sie werde &#8222;alle ihr zur Verf\u00fcgung stehenden Optionen in Erw\u00e4gung ziehen&#8220;, um daf\u00fcr zu sorgen, &#8222;dass sich die Demokratie durchsetzt&#8220;. Die Bundesrepublik hatte im Kalten Krieg aus geostrategischen Gr\u00fcnden lange eng mit Myanmars Milit\u00e4rregime kooperiert &#8211; R\u00fcstungsexporte inklusive; nach 1990 hatte sie sich, wie der Westen insgesamt, zun\u00e4chst von dem Land abgewandt und sich erst wieder um bessere Beziehungen bem\u00fcht, als China dort geostrategisch wichtige Vorhaben in die Wege leitete &#8211; den Bau eines Transportkorridors aus dem Indischen Ozean nach S\u00fcdwestchina, der es erm\u00f6glicht, die von Washington leicht zu sperrende Stra\u00dfe von Malakka zu umgehen. Der Versuch, Beijing in Naypyidaw auszubooten, ist gescheitert; die gestern von den Milit\u00e4rs entmachtete De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi hat die Kooperation mit China zuletzt weiter intensiviert.<\/p>\n<p><strong>Bonn und die Gener\u00e4le<\/strong><\/p>\n<p>Die Bundesrepublik hat im Laufe der Zeit recht wechselvolle Beziehungen zu den myanmarischen Milit\u00e4rs unterhalten. Im Kalten Krieg unterhielt sie gute Kontakte zu den Gener\u00e4len, die sich 1962 an die Macht geputscht hatten &#8211; ihr Land war ein wichtiger Verb\u00fcndeter in der Systemkonfrontation. Die Bundesrepublik war zeitweise gr\u00f6\u00dfter Handelspartner und st\u00e4rkster Entwicklungshelfer des Landes au\u00dferhalb Asiens; bis 1988 war sie zudem laut dem Myanmar-Experten Andrew Selth seine &#8222;bedeutendste Quelle f\u00fcr Waffentechnologie und ein Schl\u00fcsselfaktor beim Aufbau einer einheimischen R\u00fcstungsindustrie&#8220;.[1] Das Milit\u00e4rregime durfte unter anderem das Sturmgewehr G3 von Heckler &amp; Koch in Lizenz produzieren. Die Beziehungen \u00e4nderten sich mit dem Ende der Systemkonfrontation. Myanmar hatte mit den tiefen Umbr\u00fcchen der Jahre von 1989 bis 1991 seine vormalige geostrategische Bedeutung verloren; die westlichen Staaten gingen nun dazu \u00fcber, das Regime, das 1988 ein Massaker an seinen Gegnern mit Tausenden Toten angerichtet sowie 1990 die Ergebnisse der damaligen Parlamentswahlen ignoriert hatte, als eine Art Demonstrationsobjekt f\u00fcr ihre menschenrechtlich legitimierte Sanktionspolitik zu nutzen. Sie verh\u00e4ngten im Lauf der Zeit Zwangsma\u00dfnahmen aller Art gegen Myanmar.[2]<\/p>\n<p><strong>Die Burma Road<\/strong><\/p>\n<p>Die Interessenlage verschob sich in den 2000er Jahren erneut. Im Jahr 2003 hatte China begonnen, systematisch nach alternativen Transportrouten f\u00fcr seine Rohstoffimporte aus Afrika und Mittelost zu suchen. Diese m\u00fcssen zum Gro\u00dfteil per Schiff die Stra\u00dfe von Malakka passieren; weil aber die Meerenge zwischen dem indonesischen Aceh und Malaysia bzw. Singapur im Konfliktfall leicht von den USA gesperrt werden kann, entwickelte Beijing unter anderem Pl\u00e4ne, eine Transportroute direkt aus dem Indischen Ozean durch Myanmar in die s\u00fcdwestchinesische Provinz Yunnan zu errichten. Historisches Vorbild war die &#8222;Burma Road&#8220;, die von 1937 bis 1939 aus der damaligen britischen Kolonie Burma bis nach China gebaut worden war, um das Land im Krieg gegen Japan zu versorgen. Nach mehrj\u00e4hrigen Planungen und Bauarbeiten konnten im Jahr 2013 eine Gas-, im Jahr 2017 dann eine \u00d6lpipeline von der K\u00fcste Myanmars bis nach China in Betrieb genommen werden; erg\u00e4nzend wird der Bau einer parallel verlaufenden Trasse f\u00fcr Hochgeschwindigkeitsz\u00fcge angestrebt. Myanmars strategische Bedeutung f\u00fcr China, das im Lauf der Jahre zum wichtigsten Wirtschaftspartner des Landes wurde, macht es seit Mitte der 2000er Jahre f\u00fcr die westlichen Staaten in ihrem Machtkampf gegen die Volksrepublik interessant.<\/p>\n<p><strong>Der Deal mit dem Westen<\/strong><\/p>\n<p>Entsprechend begann Washington, zun\u00e4chst geheim &#8211; im Windschatten von Hilfslieferungen nach dem Zyklon Nargis im Jahr 2008 -, ab Ende 2009 dann auch offiziell, Gespr\u00e4che mit Myanmars Milit\u00e4rregime aufzunehmen. Die Verhandlungen f\u00fchrten schlie\u00dflich zu einem Deal, der einerseits eine wirtschaftliche und in gewissem Ma\u00df auch politische \u00d6ffnung des Landes f\u00fcr den Westen, andererseits eine vorsichtige Demokratisierung vorsah. Myanmars Gener\u00e4le haben sich dabei stets die politische Kontrolle des Prozesses gesichert; so haben sie sich per Verfassung ein Viertel der Parlamentssitze sowie die Ministerien f\u00fcr Inneres, f\u00fcr Verteidigung und f\u00fcr Grenzangelegenheiten fest zusprechen lassen. Zugleich verf\u00fcgen sie mit Unternehmenskonglomeraten wie der Myanma Economic Holding Limited (MEHL) \u00fcber erheblichen \u00f6konomischen Einfluss.[3] Leitfigur der vorsichtigen Demokratisierung war &#8211; und ist bis heute &#8211; Aung San Suu Kyi, die zu Zeiten der Milit\u00e4rdiktatur insgesamt rund 15 Jahre in Hausarrest verbringen musste, nach dem f\u00f6rmlichen Ende der Diktatur dann aber als &#8222;Staatsr\u00e4tin&#8220; zur De-facto-Regierungschefin wurde. Suu Kyi gilt der Bev\u00f6lkerungsmehrheit Myanmars bis heute als \u00fcberaus popul\u00e4re F\u00fchrungsgestalt.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Nicht reformorientiert&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Aus Sicht der westlichen Staaten ist der erhoffte Durchbruch in Myanmar im Machtkampf gegen China bislang ausgeblieben. Trotz anf\u00e4nglich starken Interesses [4] sind Handel und Investitionen etwa deutscher Firmen in dem Land immer noch gering. Im Fr\u00fchjahr vergangenen Jahres hat das Bundesentwicklungsministerium beschlossen, seine im Sommer 2012 neu gestartete Kooperation mit Myanmar wieder einzustellen; als Grund wird eine unzureichende &#8222;Reformorientierung&#8220; im deutschen Sinne genannt.[5] Auch politisch ist es nicht gelungen, Beijings Einfluss in Naypyidaw zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. So unterzeichneten im September 2018 Vertreter Chinas und Myanmars ein Memorandum of Understanding \u00fcber den Aufbau des China-Myanmar Economic Corridor (CMEC), eines Verkehrskorridors, der Mandalay, Myanmars zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt im Zentrum des Landes, mit der Metropole Kunming in der s\u00fcdwestchinesischen Provinz Yunnan verbinden wird. Der CMEC wird Chinas Neuer Seidenstra\u00dfe (Belt and Road Initiative, BRI) zugerechnet. Dabei urteilen Experten, vor allem Aung San Suu Kyi sei, um Myanmars m\u00f6glichst rasche Entwicklung zu f\u00f6rdern, an einer weiteren St\u00e4rkung der Kooperation mit China interessiert.[6] Die Gener\u00e4le hingegen, hei\u00dft es, sorgten sich um allzu gro\u00dfen Einfluss Beijings.<\/p>\n<p><strong>Die n\u00e4chste Runde im Einflusskampf<\/strong><\/p>\n<p>Mit ihrem Putsch vom fr\u00fchen Montagmorgen haben sich Myanmars Gener\u00e4le wieder die alleinige Macht in Naypyidaw gesichert; Suu Kyi, zahlreiche Politiker ihrer National League for Democracy (NDL) sowie weitere Gegner der Milit\u00e4rs sind inhaftiert oder in Hausarrest. Die westlichen M\u00e4chte haben gegen den Putsch protestiert; Au\u00dfenminister Heiko Maas etwa erkl\u00e4rte am Montag, er &#8222;verurteile die Macht\u00fcbernahme und die damit einhergehenden Verhaftungen durch das Milit\u00e4r in Myanmar auf das Sch\u00e4rfste&#8220;.[7] US-Pr\u00e4sident Joe Biden hat mittlerweile eine Neuauflage von Sanktionen gegen Myanmar ins Gespr\u00e4ch gebracht; in Deutschland hat schon am Montag der FDP-Au\u00dfenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff wirtschaftliche Zwangsma\u00dfnahmen gegen das Land verlangt.[8] Die EU wiederum hat gestern erkl\u00e4rt, sie werde &#8222;alle ihr zur Verf\u00fcgung stehenden Optionen in Erw\u00e4gung ziehen, um sicherzustellen, dass sich die Demokratie durchsetzt&#8220;.[9] Dabei sind unter anderem Sanktionen gegen die Unternehmenskonglomerate der Streitkr\u00e4fte im Gespr\u00e4ch. Zugleich hei\u00dft es aber, man werde darauf achten, Myanmar nicht noch mehr &#8222;in die Arme Chinas&#8220; zu treiben.[10] Die Sanktionsfrage wird damit &#8211; wie \u00fcblich &#8211; von machtpolitischen Erw\u00e4gungen dominiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/5435\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ein alter Partner der Milit\u00e4rs<\/a>.<\/p>\n<p>[2] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/5079\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erfolglose Sanktionen<\/a>.<\/p>\n<p>[3] Michael Peel: Myanmar: the military-commercial complex. ft.com 01.02.2017.<\/p>\n<p>[4] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/5567\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">In Chinas Einflusszone (II)<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/6199\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Deal der Milit\u00e4rs mit dem Westen<\/a>.<\/p>\n<p>[5] Rodion Ebbighausen: Deutschland zieht sich aus Myanmar zur\u00fcck. dw.com 14.05.2020.<\/p>\n<p>[6] Hunter Marston: Has the US Lost Myanmar to China? thediplomat.com 20.01.2020.<\/p>\n<p>[7] Au\u00dfenminister Maas zur Macht\u00fcbernahme durch das Milit\u00e4r in Myanmar. Pressemitteilung des Ausw\u00e4rtigen Amts. Berlin, 01.02.2021.<\/p>\n<p>[8] Putsch in Myanmar: Lambsdorff fordert Sanktionen. presse-augsburg.de 01.02.2021.<\/p>\n<p>[9] EU droht nach Milit\u00e4rputsch in Myanmar mit weiteren Sanktionen. sueddeutsche.de 01.02.2021.<\/p>\n<p>[10] Till F\u00e4hnders: Wie ist Myanmars Milit\u00e4rregime beizukommen? faz.net 02.02.2021.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Westen zieht nach dem Putsch in Myanmar Sanktionen in Betracht. Hintergrund ist der Machtkampf gegen China. Nach dem Putsch am Montag in Myanmar ziehen EU und USA neue Sanktionen gegen das Land in Betracht. 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