{"id":1275507,"date":"2021-01-10T12:33:50","date_gmt":"2021-01-10T12:33:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1275507"},"modified":"2021-01-10T12:33:50","modified_gmt":"2021-01-10T12:33:50","slug":"tuerkei-proteste-unterdrueckung-journalismus-migration-interview-mit-murat-cinar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/01\/tuerkei-proteste-unterdrueckung-journalismus-migration-interview-mit-murat-cinar\/","title":{"rendered":"T\u00fcrkei, Proteste, Unterdr\u00fcckung, Journalismus, Migration &#8211; Interview mit Murat Cinar"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mir klingt noch im Ohr was einmal ein Gewerkschaftler im Radio sagte: \u201cEs ist ein gewaltiger Unterschied, Gewerkschaftler in Bologna oder in Sizilien zu sein\u2026\u201dAls ich Murat Cinar reden h\u00f6rte, dachte ich mir: \u201cEs ist ein Unterschied, ob man Journalist in Italien oder der T\u00fcrkei ist\u2026\u201c. Und so nahm ich mir vor, eines Tages einen Journalisten zu interviewen.<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Murat, erz\u00e4hl uns von deiner Kindheit<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich bin 1981 in Istanbul, der gr\u00f6\u00dften Stadt des Landes, w\u00e4hrend der Milit\u00e4rdiktatur geboren, nachdem 1980 eine von der CIA ausgebildete Gruppe einen Staatsstreich organisiert hatte. Eine faschistische Diktatur der extremen Rechten und das bedeutete ein totales Monopol des Staates, von der Milch bis zum K\u00e4se, vom Brot bis zur Zeitung \u2013 alles staatliche Produktion, ein Verbot, ausl\u00e4ndische Produkte zu importieren oder fremde W\u00e4hrung zu benutzen. 1984 sind wir wieder in eine Phase des freien Marktes eingetreten. Bez\u00fcglich der \u201eSchock-Doktrin\u201c ist f\u00fcr Naomi Klein der Staatsstreich in der T\u00fcrkei vergleichbar mit dem in Chile. W\u00e4hrend sich in Chile aber die Verfassung erneuert, gilt in der T\u00fcrkei immer noch die aus der Diktaturzeit. Die Geschichten beider L\u00e4nder haben einiges gemeinsam.<\/p>\n<p>Ich bin in einem Viertel ganz nah am antiken Konstantinopel aufgewachsen, wo viele Menschen aus Armenien und einige j\u00fcdische Nachbarn und Roma lebten \u2013 da, wo \u201cman besser nicht hinging\u201c. In der Grundschule sa\u00dfen wir zu 81 in der Klasse! Die Lehrerin war wunderbar, sehr streng; ihr gelang es, uns allen Lesen und Schreiben beizubringen. Wenn wir im Hof Sport hatten, stand sie im 2. Stock am Fenster und \u00fcberwachte mit einem Auge uns, die von einem \u00e4lteren Jungen und M\u00e4dchen beaufsichtigt wurden, und mit dem anderen Auge korrigierte sie Hausaufgaben. Nachmittags spielten wir alle auf der Stra\u00dfe, aber ohne die Linie zum Viertel der Roma zu \u00fcberschreiten. Ich bin so aufgewachsen umgeben von unterschiedlichen Sprachen, von verschiedenen Religionen, Festen und Vorurteilen. Armenier, Juden, Roma waren alle eine \u201eBedrohung\u201c&#8230; Ein komisches Viertel, verbunden mit \u00c4ngsten, aber zum orthodoxen Ostern schenkten uns unsere armenischen Freunde gef\u00e4rbte Eier. Ein hartes Viertel, denn dort passierte so viel. Trotz der Diktatur sind wir mit vielen Reizen aufgewachsen und entwickelten uns in alle Richtungen: Zum Fundamentalisten, zum Mafiaboss, zu gutherzigen Menschen und wir sind immer noch miteinander in Verbindung.<\/p>\n<p><em><strong>Was ist mit deiner Familie?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Mein Vater war Textilarbeiter, Gewerkschaftler, Kommunist. Der erste Unterricht fand zuhause statt. Mein Vater, geboren 1948, entstammte einer ungew\u00f6hnlichen Familie: Meine Gro\u00dfmutter war sehr gebildet, hatte eine Schreibmaschine und konnte Rechnungen ausstellen. Mein Gro\u00dfvater arbeitete als Eisenbahner und zwang meinen Vater ab dem Alter von 13 zu arbeiten. Ihm gelang es jedoch, sich weiterzubilden und so wurde er Aktivist beim gr\u00f6\u00dften Gewerkschaftsverbund, der sich \u201erevolution\u00e4rer Arbeiterverein der T\u00fcrkei\u201c nannte. In den 70er Jahren war dieses Engagement gr\u00f6\u00dftenteils geheim und nach dem Staatsstreich stand mein Vater auf der Fahndungsliste. Meine Eltern waren kurz davor, in die Vereinigten Staaten zu emigrieren, aber blieben letztendlich in der T\u00fcrkei; vielleicht wurde seine Aburteilung als eine Art Vorstrafe angesehen. Er setzte seine Arbeit in der Textilfabrik fort und stieg im Laufe der Jahre in die Leitung auf. Seine Kameraden aus dieser Zeit wurden Politiker, Schriftsteller, Intellektuelle. Auf jeden Fall bin ich durch meinen Vater auf B\u00fccher gesto\u00dfen. Er hat mich und meinen Bruder geschult: Jeden Abend ein historischer Exkurs \u00fcber ein Buch, eine politische Debatte im Fernsehen.<\/p>\n<p>Ich war kein braver Junge, immer eine Nervens\u00e4ge. Jedoch absolvierte ich dank einer Ausbildungsf\u00f6rderung die Mittel-und Oberstufe an einer renommierten laizistischen privaten Anstalt durch die ein betr\u00e4chtlicher Teil t\u00fcrkischer Intelligenz gegangen ist.<\/p>\n<p><strong>Was verband die Diktatur, die du als Kind kennengelernt hast, mit dem Islam? <\/strong><\/p>\n<p>Nach au\u00dfen hin waren sie laizistisch und gut gekleidet, kein Vergleich mit den \u201eBarttr\u00e4gern\u201c, aber in Wirklichkeit sind alle Zug\u00e4nge zum Fundamentalismus in der Zeit geschaffen worden: Sie haben einige staatliche Koranschulen er\u00f6ffnet, die Universit\u00e4tspr\u00fcfungen dogmatischer gemacht und religi\u00f6se Gemeinschaften unterst\u00fctzt. Von Italien bis Afghanistan, unter anderem Griechenland, hat jede rechte Gruppierung unter dem Schild des \u201eAntikommunismus\u201c Unterst\u00fctzung erhalten, ausgehend von Gladio hier in Italien. In der T\u00fcrkei hat die CIA in dieser Gemengelage den Staatsstreich organisiert und finanziert. Schon wenige Jahre nach dem Staatsstreich haben f\u00fchrende Mitglieder der t\u00fcrkischen Polizei ganz gelassen gestanden, dass sie in illegalen Zentren des CIA, z.B. in Anatolien ausgebildet worden waren.<\/p>\n<p>In jenen Jahren wurde die gesamte Opposition \u2013 ob armenisch, kurdisch, gewerkschaftlich, sozialistisch oder kommunistisch, bestehend aus gewerkschaftlich organisierten Lehrer*innen oder moderaten Muslim*innen (die Alawiten sind vergleichbar mit den Waldensern f\u00fcr das Christentum) \u2013 gefangen genommen, gefoltert und misshandelt. Auf einem alawitischen Kongress in Belgien sagte einer der F\u00fchrenden, dass in jenen Jahren 2 Millionen Alawit*innen aus dem \u00f6ffentlichen Dienst entfernt, eingesperrt, ermordet oder vertrieben wurden; 3-4 Millionen konnte sich nur durch die Aufnahme in Europa retten.<\/p>\n<p>In den 50er und 60er Jahren emigrierten aus der T\u00fcrkei vor allem Arme und Ungebildete, w\u00e4hrend in den 70er und 80er Jahren die erste Massenauswanderung aus politischen Gr\u00fcnden erfolgte. Andererseits brauchte Deutschland Arbeitskr\u00e4fte zu niedrigen Kosten und ohne sich viele Gedanken machen zu m\u00fcssen. Der Staatsstreich war 1980, aber schon in den 70er Jahren gab es heftige Auseinandersetzungen auf der Stra\u00dfe, bewaffnete rechte Gruppen griffen Oppositionelle an. Nach Deutschland waren die Ziele der Emigrierenden Frankreich, Belgien, \u00d6sterreich und die Schweiz. Nach zwei anderen politischen Auswanderungswellen in den 90er Jahren, gab es ab 2013 eine neue gebildete Diaspora \u2013 Student*innen, Professor*innen, Anw\u00e4lt*innen, Richter*innen, t\u00e4tig auch bei der Armee und der Polizei.<\/p>\n<p><em><strong>Kommen wir auf dich zur\u00fcck.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich habe dank eines Stipendiums Internationales Finanzwesen studiert, aber mein Traum war es, Anwalt oder Journalist zu werden. Mein Vater hat es mir so lange er konnte verboten bis zu einem Kompromiss: Ich k\u00f6nnte das studieren, aber im Ausland und auf eigene Kosten. Ich w\u00e4hlte Italien, wo ich 2010 angekommen bin, zuerst in Siena zum Italienischlernen. Ich habe als Tellerw\u00e4scher, Hilfskoch, Bedienung gearbeitet und nebenbei studiert. Es war sicherlich entscheidend, dass ich in Siena ankam, w\u00e4re ganz Italien nur so! Dann entdeckte ich Florenz und Rom und begriff, dass der Wege auch lang sein konnte\u2026nach einem Jahr zog ich schlie\u00dflich nach Turin.<\/p>\n<p>Ich tr\u00e4umte davon, Journalist zu werden, aber dazu musste ich erst hinreichend die Sprache und die Kultur des Landes lernen. Ich habe Film, Fernsehen, Journalismus studiert und brauchte zehn Jahre bis ich einen verst\u00e4ndlichen Artikel schreiben konnte, den es sich lohnen w\u00fcrde zu lesen. Ich h\u00e4tte zuerst f\u00fcr t\u00fcrkische Medien schreiben k\u00f6nnen, aber die interessierten sich nur f\u00fcr die Skandale Berlusconis, die Witze, die der Papst \u00fcber die Muslime machte, Fu\u00dfball und K\u00fcche \u2013 und das interessierte mich alles nicht. Ich habe dann viel im audiovisuellen Bereich gearbeitet, war flexibel und hatte Gl\u00fcck: Am DAMS, wo ich studiert hatte, lie\u00df die technische Ausstattung zu w\u00fcnschen \u00fcbrig, aber ich wusste mir zu helfen und mit einem Computer hatte ich gelernt, was man mit Mikrofonen und Elektronik erreichen kann. Und das ganz einfach, weil ich mit einem serbischen Studenten in Kontakt kam und ihm folgte. Ich kam in ein serbisches Umfeld und lernte unter ihnen; denn sie waren die Besten. Dann arbeitete ich viel als \u00dcbersetzer, auch f\u00fcr Gef\u00e4ngnisse und Gericht; da habe ich enorm viel gelernt, auch die technische Sprache, was mir dann als Journalist wieder zugutekam. Jetzt arbeite ich seit zehn Jahren im Journalismus. Ich habe mich immer st\u00e4rker auf das Internet spezialisiert, was eine Art Eigenleben annimmt.<\/p>\n<p><strong><em>Wie hat sich deine Beziehung zur T\u00fcrkei entwickelt?<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>2010 gab es ein wichtiges und risikobehaftetes Referendum und ich f\u00fchlte mich dazu verpflichtet, \u00fcber die Vorg\u00e4nge in meinem Land zu berichten. Ich schrieb sieben Seiten, die ich dann auf zwei reduzierte. Das war mein erster Artikel f\u00fcr Pressenza, das ich erst kurz vorher durch Zufall entdeckt hatte (w\u00e4hrend eines Hungerstreiks gegen eine Hochgeschwindigkeitsstrecke (TAV), den wir in einem Zelt auf der Piazza Castello in Turin organisierten). Seit diesem Zeitpunkt schrieb ich immer h\u00e4ufiger \u00fcber das, was in der T\u00fcrkei passierte und traf auf positive Reaktionen. Die T\u00fcrkei befand sich in Aufruhr, es gab sehr viele politische Gefangene. In diesen Jahren war ich sehr in die antirassistischen Kampagnen in Turin eingebunden, ich habe viele tolle Leute kennengelernt, die mich bei verschiedenen Gelegenheiten eingeladen haben, \u00fcber die T\u00fcrkei zu sprechen und so haben sich die zwei Welten miteinander verkn\u00fcpft. Ich habe bei der RAI \u00fcber Radio Black Out berichtet.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1272946 size-full\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Murat-radio-rit.jpg\" alt=\"\" width=\"740\" height=\"622\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Murat-radio-rit.jpg 740w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Murat-radio-rit-300x252.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Murat-radio-rit-720x605.jpg 720w\" sizes=\"auto, (max-width: 740px) 100vw, 740px\" \/><\/p>\n<p>Bis vor vier Jahren bin ich immer wieder in die T\u00fcrkei gereist, hatte immer ein bisschen Angst, aber es ist nie etwas passiert. Nach meinem zweiten Buch, das \u00fcber Repressionen berichtete, rieten mir einige meiner Anwaltsfreunde, nicht wieder zu kommen. Meine Familienangeh\u00f6rigen waren mit dieser Entscheidung einverstanden. So fahre ich seit vier Jahren nicht mehr hin. Das lastete am Anfang schwer auf mir, vor allem weil ich es als Einschr\u00e4nkung meiner Freiheit betrachtete, meines Rechts, aber dann hat sich das gelegt.<\/p>\n<p><em><strong>Kannst du uns den Kampf um den Gezi Park beschreiben?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es begann mit einer Besetzung von vier bis f\u00fcnf Jugendlichen mit Zelten, weil sie nach Jahren mit Unterschriftensammlungen, Protesten und anderen Aktionen nicht erreicht hatten, dass die Stadt Istanbul ihre Meinung \u00e4nderte und beschlossen hatte, die jahrhundertealten B\u00e4ume des einzigen Parks im Herzen des alten Byzanz zu f\u00e4llen. Die Jungen hatten sich dort niedergelassen im Wissen, dass am n\u00e4chsten Tag die Abholzung anstand. Die Antwort der Polizei war klassisch: Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Gewalt, Schl\u00e4ge, Tr\u00e4nengas, sie verbrannten die wenigen Habseligkeiten, um zehn Uhr abends am 30. Mai 2013 mitten im Stadtzentrum. Alle sahen das und diese Polizeiaktion wurde zum Bumerang. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, die Aufnahmen kursierten in einer Stadt von 17 Millionen Einwohnern. Innerhalb weniger Stunden fanden sich Hunderte von Jugendlichen ein, am n\u00e4chsten Tag r\u00fcckten die Bulldozer an und auch einige Parlamentarier*innen. Alle kannten inzwischen die Geschichte des Parks. Und da entlud sich die ganze jahrelang aufgestaute Wut gegen\u00fcber der Regierung, den fundamentalistischen religi\u00f6sen Gruppen, Koranschulen, denen Alkoholverbot auf vielen Pl\u00e4tzen so viel Raum gegeben hatte, gegen die Aussp\u00e4hung, Verfolgung und Unterdr\u00fcckung. Du musst dir vorstellen, dass 2008 66 Journalist*innen im Gef\u00e4ngnis sa\u00dfen, der Generalstabschef gefangen worden war und drei Jahre in Isolationshaft verbracht hatte, genauso wie Anw\u00e4lt*innen, Gewerkschaftler*innen, Professor*innen. Die Gesellschaft war einfach ersch\u00f6pft von dem Missbrauch der Macht. In drei Tagen verschoss die Polizei ihren ganzen Vorrat an Tr\u00e4nengas und kaufte nach aus Brasilien und S\u00fcdkorea. Viele wurden Opfer der Tr\u00e4nengaswolken in der Luft.<\/p>\n<p>Die Erfahrung mit diesem Park war sensationell, beispiellos, horizontal, von tausend Farben: Muslimische, antikapitalistische und anarchistische Menschen sowie Stadionfans, Yoga-Freaks zu Hunderten. Nach Aussagen des t\u00fcrkischen Innenministeriums gab es drei Monate lang Demos in 67 der 81 St\u00e4dte des Landes. In den ersten zwei Wochen t\u00f6tete die Polizei acht Jugendliche. Die Wut wuchs und die Medien schwiegen. Alle haben verstanden, dass die Fernsehkan\u00e4le, auf denen sie jeden Abend unterwegs waren, logen, manipulierten und die Wahrheit verschleierten. Es entstanden alternative Medien, die Regierung wurde noch \u00e4ngstlicher und die Unterdr\u00fcckung wuchs exponentiell.<\/p>\n<div id=\"attachment_1272932\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1272932\" class=\"wp-image-1272936 size-full\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/parco-gezi-jpg.jpeg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"674\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/parco-gezi-jpg.jpeg 1200w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/parco-gezi-jpg-300x169.jpeg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/parco-gezi-jpg-720x404.jpeg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/parco-gezi-jpg-768x431.jpeg 768w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/parco-gezi-jpg-750x422.jpeg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><p id=\"caption-attachment-1272932\" class=\"wp-caption-text\"><em>(Bild: http:\/\/turchia.over-blog.com\/)<\/em><\/p><\/div>\n<p>Der Widerstand dauerte bis Ende Oktober, bis die Menschen es angesichts so hoher Gewalt und Unterdr\u00fcckung aufgaben. Man hat so viele festgenommen, sogar medizinisches Personal, das Verletzte auf der Stra\u00dfe versorgte, Imame, die die Tore der Moscheen zur Aufnahme der fl\u00fcchtigen Demonstrierenden ge\u00f6ffnet hatten; sie bestraften Polizeikr\u00e4fte, die sich weigerten, Menschen niederzukn\u00fcppeln. Die Regierung schlug heftig zu und investierte viel Geld in die Medien, damit sie logen und gef\u00e4lschte Fotos und Videos pr\u00e4sentierten. Der Protest wurde kriminalisiert f\u00fcr diejenigen, die zuhause geblieben waren und als versuchter vom Ausland finanzierter Staatsstreich bezeichnet. Sie haben die Bev\u00f6lkerung gespalten in \u201ebrave Leute\u201c und \u201eStaatsfeinde\u201c. Letztendlich hat die Regierung gesiegt und viele junge Menschen haben das Land verlassen.<\/p>\n<p>Was blieb? Im Herzen und in den K\u00f6pfen derer, die beteiligt waren, war es eine beispiellose Erfahrung. Die Menschen haben <strong><em>gesehen<\/em><\/strong>, wie es aus dem Nichts, von unten (ohne eine F\u00fchrungsperson oder Philosophie im Hintergrund, ohne eine bewaffnete Gruppe) m\u00f6glich w\u00e4re, eine Alternative zu dem korrupten System zu schaffen, eine Alternative auf der Grundlage von Basisdemokratie. \u201eDer K\u00f6nig ist nackt!\u201c war zu h\u00f6ren. Es gab Zusammenk\u00fcnfte von 1000, 2000 Menschen, die Entscheidungen trafen, ohne Abstimmung auf der Grundlage von Konsens. Diese Erinnerung bleibt. Bei der Regierung ist eine diffuse irre Angst zur\u00fcckgeblieben, dass das wieder losgehen k\u00f6nnte. Sodass jetzt, nach sieben Jahren, immer noch Prozesse gegen vermeintliche Anstifter oder Finanzierer dieser Bewegung laufen. Jedenfalls wurden die B\u00e4ume im Gezipark gerettet, auch wenn die Zementierung enorme Sch\u00e4den angerichtet hat.<\/p>\n<p><em><strong>Welche Rolle spielt die t\u00fcrkische Regierung bei der europ\u00e4ischen Migrationspolitik?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Das \u00dcbereinkommen zu den Fl\u00fcchtlingen ist durch Ausbeutung und Egoismus auf beiden Seiten gekennzeichnet. Die europ\u00e4ischen Regierungen delegieren an die T\u00fcrkei die Regulierung des Fl\u00fcchtlingsstroms, \u00fcberlassen somit die Zukunft von Millionen Menschen einer korrupten kriminellen Regierung, die schon ihr eigenes Volk unterdr\u00fcckt und von Tag zu Tag die Zensur versch\u00e4rft. Aber so h\u00e4lt die Europ\u00e4ische Union ihre Vorg\u00e4rten sauber, auch weil in Europa sehr wenige politische Parteien existieren, die in der Lage w\u00e4ren, Wahlen zu gewinnen ohne in ihren Wahlprogrammen auf den \u201eKampf gegen irregul\u00e4re Einwanderung\u201c zu setzen. Dieser Kampf gegen ein Phantom verdeckt wunderbar, dass niemand politische Programme gegen die Wirtschafts- und Klimakrise vorlegt, die seit 2006 virulent ist.<\/p>\n<p>Ankara legt es offensichtlich darauf an, eine betr\u00e4chtliche Geldsumme, die NGOs in der T\u00fcrkei f\u00fcr den Aufbau besserer Unterk\u00fcnfte nutzen k\u00f6nnten, selbst zu kassieren. So hat Ankara aus politischer Sicht dank des Migrationspaktes neben einem riesigen innenpolitischen Druckmittel auch ein au\u00dfenpolitisches in der Hand gegen\u00fcber denjenigen, die ihre Politik vor allem gegen\u00fcber Syrien in Frage stellen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Erdogan hat die Funktion des Gendarmen und des Ausputzers der Schande, der Heuchelei und des Elends vor den Toren der Europ\u00e4ischen Union \u00fcbernommen. Innerhalb von sechs Jahren sind 5 Millionen Fl\u00fcchtlinge in die T\u00fcrkei gekommen und haben das Land zu dem gr\u00f6\u00dften Aufnahmeland der Welt gemacht. Sie lebten zun\u00e4chst in riesigen Fl\u00fcchtlingslagern entlang der syrischen Grenze, dann verteilten sie sich \u00fcber die Nation. Nur wenig mehr als 400\u00b4000 habe eine Arbeitsgenehmigung, alle anderen \u201earrangieren\u201c sich irgendwie. F\u00fcr viele Fl\u00fcchtlinge war die T\u00fcrkei Erstaufnahmeland auf der Flucht aus dem Krieg. Die Hoffnung vieler auf eine Weiterreise nach Europa fand ein Ende, als die T\u00fcrkei die Rolle des T\u00fcrstehers \u00fcbernommen hat. Die T\u00fcrkei ist zur Falle geworden. Europa wollte den Fl\u00fcchtlingsstrom weder in Lesbos und erst recht nicht in Berlin. Am Anfang versuchten sie noch nach Bulgarien zu kommen, dann wurde auch diese Grenze verschlossen. Der Ausweg war Griechenland \u00fcber den Meeresarm zwischen den Inseln. Die Fluchtwege variieren.<\/p>\n<div id=\"attachment_1272922\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1272922\" class=\"wp-image-1272926 size-full\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/RefugiadosEuropa0035-1-720x480-1.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/RefugiadosEuropa0035-1-720x480-1.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/RefugiadosEuropa0035-1-720x480-1-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><p id=\"caption-attachment-1272922\" class=\"wp-caption-text\"><em>(Bild: \u00c4rzte ohne Grenzen)<\/em><\/p><\/div>\n<p>Nachdem das syrische Drama kein Ende fand, hat die T\u00fcrkei Millionen Menschen festgenommen, mehrfach die EU erpresst und ihr gedroht. Es gab Momente, in denen Erdogan den \u201eHahn aufgedreht\u201c hat, sie tats\u00e4chlich in manchen F\u00e4llen in Busse verfrachtet hat bis zur Grenze, um den Einsatz zu erh\u00f6hen. Er hat Unmengen damit gewonnen, politisch wie wirtschaftlich. Und er kauft weiter Waffen von Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien, die er m\u00f6glicherweise dann in Somalia, \u00c4thiopien, Afghanistan oder Pakistan weiterverkauft. Alles in allem laufen die Gesch\u00e4fte mit der T\u00fcrkei bestens.<\/p>\n<p><em><strong>Kommen wir zum letzten Thema: Wie ist es m\u00f6glich, dass so viele nach langem Hungerstreik sterben, ohne dass es einen Aufschrei der Bev\u00f6lkerung gibt? Darunter sind auch ganz bekannte Menschen. Ich denke an die S\u00e4ngerin, die Anw\u00e4ltin\u2026<\/strong><\/em><\/p>\n<p>In diesen F\u00e4llen handelte es sich um eine riesige Verschleierungskampagne: Die Menschen wurden ganz schnell als Terrorist*innen bezeichnet und kriminalisiert. Die Kampagne war weitgehend erfolgreich. Die Medien spielten eine zentrale Rolle, jegliche Ursachenforschung blieb aus. Sie waren Symbole des Widerstands, so konnten sie sehr geliebt werden (mir kommt da Mandela in den Sinn), aber auch innerhalb weniger Tage zu \u201everr\u00fcckten Straft\u00e4tern\u201c werden. Die Mischung aus einer Medienoffensive, die sie kriminalisierte und polizeilicher Unterdr\u00fcckung (Festnahmen, Riesenprozesse) hat eine enorme Macht. Daten vom 24.M\u00e4rz 2020 belegen, dass in den \u00fcberf\u00fcllten t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnissen 318\u00b4000 Personen festgehalten werden. Laut Amnesty International wurden von 2016 bis 2019 160\u00b4000 Personen in Untersuchungshaft genommen und ein gro\u00dfer Teil von ihnen ist bisher nicht freigelassen worden. In der T\u00fcrkei wie in Amerika boomt der Neubau privater Gef\u00e4ngnisse.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir, dass die Koalition an der Macht, die das Land zugrunde richtet, so bald wie m\u00f6glich abdankt. Alternativen gibt es, da bin ich zuversichtlich \u2013 sonst h\u00e4tte die Regierung nicht solche Angst und w\u00fcrde die Gef\u00e4ngnisse nicht so sehr mit oppositionellen Kr\u00e4ften f\u00fcllen. F\u00fcr 2023 w\u00e4ren Wahlen vorgesehen, aber ich hoffe, dass wir, wenn die Pandemie \u00fcberwunden ist, vorgezogene Wahlen haben werden.<\/p>\n<p><em><strong>\u00dcbersetzung aus dem Italienischen von Heidi Meinzolt und die Lektorierung von Chiara Pohl, beide vom ehrenamtlichen Pressenza-\u00dcbersetzungsteam. <a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/mitarbeiten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wir suchen Freiwillige!<\/a><\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mir klingt noch im Ohr was einmal ein Gewerkschaftler im Radio sagte: \u201cEs ist ein gewaltiger Unterschied, Gewerkschaftler in Bologna oder in Sizilien zu sein\u2026\u201dAls ich Murat Cinar reden h\u00f6rte, dachte ich mir: \u201cEs ist ein Unterschied, ob man Journalist&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1537,"featured_media":1272956,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9150,9142,9156,9161,9151,11387],"tags":[9481,41600,86015,86016,86017,11668,10332,60637,9720],"class_list":["post-1275507","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-europa-de","category-interviews-de","category-kultur-und-medien","category-menschenrechte","category-mittlerer-osten","category-originalinhalt","tag-eu-de","tag-europaeische-fluechtlingspolitik","tag-fluchtwege","tag-gastarbeiter","tag-gezi-park-de-2","tag-medienmanipulation","tag-pressefreiheit","tag-repression-de","tag-turkei"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.1.1 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>T\u00fcrkei, Proteste, Unterdr\u00fcckung, Journalismus, Migration - Interview mit Murat Cinar<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Mir klingt noch im Ohr was einmal ein Gewerkschaftler im Radio sagte: \u201cEs ist ein gewaltiger Unterschied, Gewerkschaftler in Bologna oder in Sizilien zu\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/01\/tuerkei-proteste-unterdrueckung-journalismus-migration-interview-mit-murat-cinar\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"T\u00fcrkei, Proteste, Unterdr\u00fcckung, Journalismus, Migration - Interview mit Murat Cinar\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mir klingt noch im Ohr was einmal ein Gewerkschaftler im Radio sagte: \u201cEs ist ein gewaltiger Unterschied, Gewerkschaftler in Bologna oder in Sizilien zu\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/01\/tuerkei-proteste-unterdrueckung-journalismus-migration-interview-mit-murat-cinar\/\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Pressenza\" \/>\n<meta property=\"article:publisher\" content=\"https:\/\/www.facebook.com\/PressenzaItalia\" \/>\n<meta property=\"article:published_time\" content=\"2021-01-10T12:33:50+00:00\" \/>\n<meta property=\"og:image\" content=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Murat-rit.jpg\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:width\" content=\"1184\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:height\" content=\"932\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:type\" content=\"image\/jpeg\" \/>\n<meta name=\"author\" content=\"Andrea De Lotto\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:creator\" content=\"@PressenzaIPA\" \/>\n<meta name=\"twitter:site\" content=\"@PressenzaIPA\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Verfasst von\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"Andrea De Lotto\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:label2\" content=\"Gesch\u00e4tzte Lesezeit\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data2\" content=\"14\u00a0Minuten\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\/\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"Article\",\"@id\":\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/01\/tuerkei-proteste-unterdrueckung-journalismus-migration-interview-mit-murat-cinar\/#article\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/01\/tuerkei-proteste-unterdrueckung-journalismus-migration-interview-mit-murat-cinar\/\"},\"author\":{\"name\":\"Andrea De Lotto\",\"@id\":\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/#\/schema\/person\/1d5635384e2249998f9c406a786465dd\"},\"headline\":\"T\u00fcrkei, Proteste, Unterdr\u00fcckung, Journalismus, Migration &#8211; 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