{"id":1275028,"date":"2021-01-09T11:01:36","date_gmt":"2021-01-09T11:01:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1275028"},"modified":"2021-01-09T11:01:36","modified_gmt":"2021-01-09T11:01:36","slug":"mehr-mut-zur-weltmacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/01\/mehr-mut-zur-weltmacht\/","title":{"rendered":"&#8222;Mehr Mut zur Weltmacht&#8220;"},"content":{"rendered":"<p class=\"news-item-subtitle\"><strong>Deutsches Au\u00dfenpolitik-Establishment debattiert EU-Weltmachtpl\u00e4ne. Ex-EU-Kommissar warnt vor &#8222;v\u00f6lliger Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung&#8220;.<\/strong><\/p>\n<div class=\"lead\">\n<p>Mit neuen Weltmachtpl\u00e4nen f\u00fcr die EU startet das au\u00dfenpolitische Establishment der Bundesrepublik in das zweite Jahr der Covid-19-Pandemie. W\u00e4hrend vor allem die westlichen M\u00e4chte und ihre Verb\u00fcndeten von weiteren Pandemiewellen \u00fcberrollt werden und teils rasant steigende Opferzahlen zu beklagen haben, debattiert das ma\u00dfgebliche Fachblatt der deutschen Au\u00dfenpolitik (&#8222;Internationale Politik&#8220;, IP) \u00fcber die Frage, &#8222;was Europa zur Weltmacht fehlt&#8220;. Dass die Union &#8222;mehr Mut zur Weltmacht&#8220; haben m\u00fcsse, war schon im Herbst in mehreren deutschen Leitmedien gefordert worden. Einer Umfrage zufolge stimmen der Aussage, die EU k\u00f6nne &#8222;eine \u00e4hnlich starke Rolle in der Weltpolitik spielen&#8220; wie die USA und China, beinahe die H\u00e4lfte der Deutschen zu &#8211; vor allem Anh\u00e4nger von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen (52 Prozent) und FDP (56 Prozent) sowie die Generation der 18- bis 29-J\u00e4hrigen (70 Prozent). W\u00e4hrend die IP fordert, &#8222;Europa&#8220; m\u00fcsse seine &#8222;internationale Wirkkraft&#8220; st\u00e4rken, warnt Ex-EU-Kommissar G\u00fcnther Oettinger, es gebe in vielen EU-Hauptst\u00e4dten &#8222;eine v\u00f6llige Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung&#8220; &#8211; &#8222;eine Art Hybris&#8220;.<\/p>\n<\/div>\n<p><strong>&#8222;Weltweit Ma\u00dfst\u00e4be setzen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Forderungen, die EU solle sich offensiv als &#8222;Weltmacht&#8220; positionieren, waren schon im Herbst in auflagenstarken liberalen und konservativen Medien ge\u00e4u\u00dfert worden. &#8222;Mehr Mut zur Weltmacht&#8220; hatte im Oktober etwa das Onlineportal der Wochenzeitung &#8222;Die Zeit&#8220; verlangt: Die Union, so hie\u00df es, &#8222;muss sich als Weltmacht verstehen&#8220;.[1] In dem Springer-Blatt &#8222;Die Welt&#8220; erkl\u00e4rten wenig sp\u00e4ter Entwicklungsminister Gerd M\u00fcller sowie der Ex-Au\u00dfenpolitikexperte der einflussreichen Bertelsmann-Stiftung Werner Weidenfeld, die EU habe &#8222;das Zeug zur Weltmacht&#8220;: &#8222;Ihr Souver\u00e4n &#8211; die rund 400 Millionen Menschen mit ihrem \u00f6konomischen Spitzenpotenzial &#8211; und eine solide milit\u00e4rische Ausstattung haben die EU in den Rang einer Weltmacht bef\u00f6rdert.&#8220;[2] Mit \u00e4hnlichen Argumenten hatte Weidenfeld schon vor fast zwei Jahrzehnten die Union als &#8222;Weltmacht im Werden&#8220; eingestuft (german-foreign-policy.com berichtete [3]). Gemeinsam mit M\u00fcller sprach er sich nun daf\u00fcr aus, &#8222;Europa&#8220; solle &#8222;kraft seiner Wirtschaftsmacht &#8230; in der digitalisierten und globalisierten multipolaren Welt Ma\u00dfst\u00e4be setzen&#8220;. Dazu ben\u00f6tige Br\u00fcssel freilich nicht blo\u00df einen &#8222;handlungsf\u00e4higeren politischen Rahmen&#8220; &#8211; nach M\u00f6glichkeit &#8222;flankiert von einem europ\u00e4ischen Strategierat&#8220; -, sondern etwa auch eine &#8222;europ\u00e4ische[&#8230;] Armee&#8220; mit &#8222;einer gemeinsamen Kommandostruktur&#8220;.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Wie die USA oder China&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Mit der Titelfrage &#8222;Was Europa zur Weltmacht fehlt&#8220; und mit einem entsprechenden thematischen Schwerpunkt greift nun die Zeitschrift Internationale Politik (IP) die Debatte auf. Die IP, das f\u00fchrende Fachblatt des au\u00dfenpolitischen Establishments, wird von der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Ausw\u00e4rtige Politik (DGAP) herausgegeben, einer der einflussreichsten Au\u00dfenpolitik-Denkfabriken der Bundesrepublik; ihre zweimonatliche Auflage wird auf 6.000 Exemplare beziffert. Wie die IP konstatiert, h\u00e4lt fast die H\u00e4lfte der deutschen Bev\u00f6lkerung eine k\u00fcnftige Weltmachtrolle der EU f\u00fcr denkbar. Demnach antworteten in einer repr\u00e4sentativen Umfrage im Dezember auf die Frage, ob &#8222;die EU in Zukunft eine \u00e4hnlich starke Rolle in der Weltpolitik spielen&#8220; k\u00f6nne &#8222;wie heute die USA oder China&#8220;, 43 Prozent mit &#8222;Ja&#8220;.[4] Die gr\u00f6\u00dften Zustimmungswerte ergab die Umfrage zum einen bei der j\u00fcngeren Generation: Rund 70 Prozent der 18- bis 29-J\u00e4hrigen sehen die Union demzufolge als k\u00fcnftige Weltmacht; bei den \u00dcber-60-J\u00e4hrigen sind es gerade einmal 28 Prozent. \u00dcber dem Durchschnitt liegen die Zustimmungswerte, parteipolitisch betrachtet, bei Wirtschafts- und \u00d6koliberalen: 56 Prozent der FDP-Anh\u00e4nger sehen die EU demzufolge prinzipiell auf Augenh\u00f6he mit den USA und China; dies tun zudem 52 Prozent der Anh\u00e4nger von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen.<\/p>\n<p><strong>Viel geredet, wenig getan<\/strong><\/p>\n<p>Mit Blick auf die reale politische Stellung der EU in der internationalen Politik r\u00e4umt die IP ein, &#8222;Europa&#8220; habe &#8222;viel \u00fcber seine internationale Rolle geredet&#8220;, dies aber, &#8222;ohne genug daf\u00fcr zu tun&#8220;.[5] So sei das Ziel, &#8222;strategische Autonomie&#8220; zu erlangen &#8211; eine verklausulierte Variante des Weltmachtanspruchs -, zuerst in den Schlussfolgerungen des Europ\u00e4ischen Rats vom Dezember 2013 festgeschrieben worden, dann in der Global Strategy der Union vom Juni 2016. Erreicht sei das Ziel allerdings noch nicht. &#8222;Europas Aufgabe&#8220; sei es nun, &#8222;unter neuen Vorzeichen seine internationale Wirkkraft zu st\u00e4rken und seine Interessen entschiedener zu vertreten&#8220;. Dabei werde der EU &#8222;der Ausbau ihrer Machtressourcen&#8220; mutma\u00dflich &#8222;nur gelingen, wenn ihr innerer Zusammenhalt und die Kooperationsbereitschaft der Regierungen wachsen&#8220;. Die IP schlie\u00dft dabei n\u00fctzliche Nebenwirkungen schwerer Krisen &#8211; etwa der aktuellen Coronakrise &#8211; nicht aus: &#8222;Das Gef\u00fchl einer &#8218;Schicksalsgemeinschaft&#8216; ist gewachsen.&#8220; Dies freilich l\u00e4sst sich aktuell &#8211; nur wenige Tage nach Erscheinen der j\u00fcngsten IP-Ausgabe &#8211; stark bezweifeln: Wegen ernster Fehler bei der Impfstoffbeschaffung bricht sich heftige Kritik an der Tr\u00e4gheit der Br\u00fcsseler Beh\u00f6rden Bahn.<\/p>\n<p><strong>Anspruch und Wirklichkeit<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die IP den EU-Weltmachtanspruch aufrechterh\u00e4lt, legen einzelne Beitr\u00e4ge in der j\u00fcngsten Ausgabe offen, wie Anspruch und Wirklichkeit zunehmend auseinanderklaffen. So hei\u00dft es etwa, &#8222;wie kein anderes Thema&#8220; stehe die Iran-Politik f\u00fcr die gemeinsame Au\u00dfenpolitik der Union: &#8222;Seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten&#8220; verfolgten die Mitgliedstaaten &#8222;gegen\u00fcber Teheran einen relativ konsistenten Ansatz&#8220; &#8211; dies immer wieder auch gegen massiven Druck aus den USA.[6] Allerdings habe sich auch gerade in der Iran-Politik das &#8222;Unverm\u00f6gen&#8220; der EU gezeigt, &#8222;ma\u00dfgeblichen Einfluss geltend zu machen&#8220;; so sei etwa der Handel mit Iran &#8211; trotz umfassender Bem\u00fchungen der Union &#8211; aufgrund der einseitig verh\u00e4ngten US-Sanktionen fast vollst\u00e4ndig kollabiert. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit der Afrika-Politik. So ist es trotz langj\u00e4hriger, stets vollmundig angek\u00fcndigter Bestrebungen, die Wirtschaftsbeziehungen zu den Staaten Afrikas s\u00fcdlich der Sahara auszudehnen, bislang nicht gelungen, dies zu tun; stattdessen hat China seine Stellung auf dem afrikanischen Kontinent massiv gest\u00e4rkt. &#8222;Momentan sieht es danach aus&#8220;, hei\u00dft es in der j\u00fcngsten IP, &#8222;als w\u00fcrde China, nicht Europa, der Hauptnutznie\u00dfer einer [erhofften, d.Red.] afrikanischen Wirtschaftsbl\u00fcte sein&#8220;.[7]<\/p>\n<p><strong>Eine Art Hybris<\/strong><\/p>\n<p>Warnungen, die Weltmachtanspr\u00fcche der EU w\u00fcrden durch ihre \u00f6konomische Leistungsf\u00e4higkeit bei weitem nicht gedeckt, sind dabei zunehmend von Wirtschaftspolitikern zu h\u00f6ren. Sie schlie\u00dfen an Feststellungen wie diejenige an, dass der Anteil der Union an der globalen Wirtschaftsleistung bestenfalls stagniert (german-foreign-policy.com berichtete [8]), oder diejenige, dass der Anteil der EU an den globalen Patentanmeldungen von 2009 bis 2019 dramatisch fiel &#8211; von 34,7 auf 23,2 Prozent -, w\u00e4hrend der Anteil Asiens im selben Zeitraum von 32 auf 52,4 Prozent stieg.[9] Dabei h\u00e4tten die politischen Eliten dies oft noch gar nicht realisiert, warnte k\u00fcrzlich der ehemalige EU-Kommissar G\u00fcnther Oettinger: &#8222;Es gibt in vielen europ\u00e4ischen Hauptst\u00e4dten eine v\u00f6llige Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung der eigenen Wirtschaftskraft. Eine Art Hybris.&#8220;[10] Anfang dieser Woche lie\u00df sich zudem der Ex-Staatsminister im Ausw\u00e4rtigen Amt und heutige Pr\u00e4sident der Europ\u00e4ischen Investitionsbank (EIB) Werner Hoyer mit der \u00c4u\u00dferung zitieren, die EU-Staaten verl\u00f6ren &#8222;seit 15 Jahren an Wettbewerbsf\u00e4higkeit&#8220; und investierten gleichzeitig &#8222;Jahr f\u00fcr Jahr 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts weniger in Forschung und Entwicklung&#8220;: &#8222;Noch holen wir nicht auf&#8220;, warnt Hoyer, &#8222;sondern fallen weiter zur\u00fcck&#8220;.[11]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] Ulrich Ladurner: Mehr Mut zur Weltmacht. zeit.de 01.10.2020.<\/p>\n<p>[2] Gerd M\u00fcller, Werner Weidenfeld: Die EU hat das Zeug zur Weltmacht. welt.de 21.10.2020.<\/p>\n<p>[3] Werner Weidenfeld: Thinktank: Die verhinderte Weltmacht. welt.de 08.03.2003. S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/504\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wille zur Weltmacht<\/a>.<\/p>\n<p>[4] 53 Prozent urteilten &#8222;Nein&#8220;, 4 Prozent antworteten &#8222;Wei\u00df nicht&#8220;. Internationale Politik 1\/2021. S. 5.<\/p>\n<p>[5] Daniela Schwarzer: Europas geopolitischer Moment. In: Internationale Politik 1\/2021. S. 18-25.<\/p>\n<p>[6] David Jalilvand: Verzagte Vermittler. In: Internationale Politik 1\/2021. S. 38-40.<\/p>\n<p>[7] Amaka Anku: Suboptimale Subsahara-Politik. In: Internationale Politik 1\/2021. S. 41-43.<\/p>\n<p>[8] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/8477\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der gro\u00dfe Ungleichmacher<\/a>.<\/p>\n<p>[9] Der Anteil Nordamerikas fiel zugleich von 31 auf 22,8 Prozent. Internationale Politik 1\/2021. S. 26.<\/p>\n<p>[10] Thomas Sigmund: &#8222;Es gibt in vielen europ\u00e4ischen Hauptst\u00e4dten eine v\u00f6llige Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung der eigenen Wirtschaftskraft&#8220;. handelsblatt.com 16.11.2020.<\/p>\n<p>[11] Michael Maisch, Hans-Peter Siebenhaar: Werner Hoyer: &#8222;Wir holen nicht auf, wir fallen zur\u00fcck&#8220;. handelsblatt.com 04.01.2021.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutsches Au\u00dfenpolitik-Establishment debattiert EU-Weltmachtpl\u00e4ne. Ex-EU-Kommissar warnt vor &#8222;v\u00f6lliger Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung&#8220;. Mit neuen Weltmachtpl\u00e4nen f\u00fcr die EU startet das au\u00dfenpolitische Establishment der Bundesrepublik in das zweite Jahr der Covid-19-Pandemie. 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