{"id":1272374,"date":"2021-01-05T12:34:49","date_gmt":"2021-01-05T12:34:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1272374"},"modified":"2021-01-05T12:34:49","modified_gmt":"2021-01-05T12:34:49","slug":"aufwachsen-im-rassismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/01\/aufwachsen-im-rassismus\/","title":{"rendered":"Aufwachsen im Rassismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Geschichte einer Woman of Color in Ostdeutschland h\u00e4lt der weissen Mehrheitsgesellschaft einen Spiegel vor.<\/strong><\/p>\n<article>\n<article>John-Henryism bezeichnet ein Syndrom, welches Menschen befallen kann, die sich wiederholenden Diskriminierungserfahrungen und dem damit verbunden psychischen und physischen Stress ausgesetzt sehen. F\u00fcr People of Color ist Rassismus ein allt\u00e4glicher Begleiter: immerzu Blicken ausgesetzt sein oder angestarrt werden, darauf achten, wie viele Nicht-Weisse sich in der Umgebung aufhalten, die st\u00e4ndige Angst, Opfer von Gewalt zu werden und die Versuche, dem auszuweichen, um nur einige Beispiele zu nennen. F\u00fcr viele Menschen ist dies belastende Selbstverst\u00e4ndlichkeit.\u201eF\u00fcr mich ist wahrscheinlicher, beim Spazierengehen an Brandenburger Seen von drei Nazis krankenhausreif gepr\u00fcgelt zu werden, als mitten in New York oder Berlin, irgendwo in der U-Bahn oder einem gem\u00e4chlichen kreisenden Restaurant, Opfer eines islamistischen Anschlags zu werden.\u201c (S. 85)Wenn auch ein wesentliches, ist Rassismus jedoch nicht das einzige Thema des Romandeb\u00fcts von Olivia Wenzel, sondern verwoben in eine vielschichtige Lebensgeschichte.<\/p>\n<h3>Struggle of life<\/h3>\n<p>Die Protagonistin \u2013 Mitte 30 \u2013 wirft einen Blick auf ihre Vergangenheit und ihren Stand im Leben. Sie unternimmt zugleich den Versuch, die vielen Wunden zu verarbeiten, die ihr widerfahren sind. Als Tochter einer jungen Punkerin in der DDR und eines schwarzen Vaters, der unmittelbar nach der Geburt nach Angola zur\u00fcckkehrt, w\u00e4chst sie vorrangig bei ihrer Grossmutter auf, einer SED-treuen, stolzen Frau.<\/p>\n<p>Die Reflexion gestaltet sich als ein Spiel mit der Textform, den Zeitebenen, der Sprache und der Orte, eine collagenhafte Anordnung eines Lebens; ein st\u00e4ndiger Wechsel aus Dialogen, Szenenbeschreibungen und einer vorherrschenden Interviewstruktur, in der die Protagonistin von einer imagin\u00e4ren Person interviewt wird. Manchmal wirkt die fragende Instanz wie ein Verh\u00f6r, manchmal wie Therapie, mitunter wie ein l\u00e4ssiges Gespr\u00e4ch, vielleicht auch ein Selbstgespr\u00e4ch. Die Themen drehen sich neben den Rassismuserfahrungen um die Angstst\u00f6rung der Protagonistin, den Verlust ihres Zwillingsbruders, der sich als junger Erwachsener suizidierte, Beziehungsfragen, das Verh\u00e4ltnis zu ihrer Mutter, die selten da gewesen ist und zu der sie kaum Zugang findet.<\/p>\n<p>Die Protagonistin struggelt durch ihr Leben. Sie versucht zun\u00e4chst zu vermeiden, in die n\u00e4chste marginalisierte Randgruppe zu rutschen, indem sie sich selbst gegen\u00fcber leugnet, sich auch sexuell zu Frauen hingezogen zu f\u00fchlen. Sie k\u00e4mpft um Verl\u00e4sslichkeiten, m\u00f6chte nichts Besonderes, sondern einfach nur durchschnittlich sein. \u201eIch weiss nur, dass es Verletzungen gab, zu allen Zeiten. Der W\u00fcrde, des Stolzes und der K\u00f6rper\u201c (S. 184). Doch die Protagonistin bleibt nicht bei sich stehen, immerzu analysiert sie Machtasymmetrien und Unterdr\u00fcckung.<\/p>\n<h3>Schwarz sein an verschiedenen Orten<\/h3>\n<p>Schwarzes Leben unterscheidet sich an Orten, an denen es stattfindet. \u201eIn den USA bin ich schw\u00e4rzer als in Deutschland\u201c (S. 19). Dort erlebt die Protagonistin eine Schwarze Community, der sie sich kurzzeitig angeh\u00f6rig f\u00fchlt. Sie f\u00fchlt sich anfangs angenommen und nicht so marginalisiert, wie sie es in Deutschland tut. Sp\u00e4ter verliert sie die Illusion und realisiert, dass sie der Community niemals angeh\u00f6ren kann, weil sie den historisch gewachsenen Erfahrungsraum nicht teilt: die Notwendigkeit, den Jahrhunderten der Sklaverei und deren Fortbestehen mit \u00dcberleben trotzen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Beim Radurlaub in Polen wird sie bei einem Zusammenstoss mit Nazis f\u00fcr eine Gefl\u00fcchtete gehalten. In Marokko nennt sie ihren angolanischen Vater stets zuerst, der afrikanische Vater ist dort mehr wert, wie die Autorin schreibt. Angedeutete Kopfsch\u00fcsse von Nazis in der DDR. Rassismus erlebt sie w\u00e4hrend ihres ganzen Lebens an allen Orten. Sie lebt in Deutschland \u2013 und ihr deutscher Pass ist ein Privileg, das ihr M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnet. Und doch: \u201eIst dein Herkunftsland sicher? \u2013 Nach welchen Kriterien?\u201c (S. 17)<\/p>\n<p>\u201eIch habe mehr Privilegien, als je eine Person in meiner Familie hatte. Und trotzdem bin ich am Arsch. Ich werde von mehr Leuten gehasst, als meine Grossmutter es sich vorstellen kann. Am Tag der Bundestagswahl versuche ich ihr mit dieser Behauptung 20 Minuten lang auszureden, eine rechte Partei zu w\u00e4hlen\u201c (S. 47).<\/p>\n<p>(Potentielle) Gewalt ist immer Thema und das setzt sich fest: \u201eDu hast vermutlich ein besseres Gef\u00fchl daf\u00fcr, wann sich Gewalt anbahnt als andere Menschen\u201c (S. 287).<\/p>\n<h3>Literaturbetrieb in Deutschland: weiss und m\u00e4nnlich<\/h3>\n<p>Laut Olivia Wenzel richtet sich ihr Buch mit seinem Anliegen nicht zuerst an People of Color; sie sieht es als Bestandsaufnahme. Der weissen Mehrheitsgesellschaft zeigt sie somit Dinge auf, die diese bislang kaum wahrnehmen wollte. Damit st\u00f6sst sie in einen Literaturbetrieb, der in Deutschland weiss, m\u00e4nnlich und akademisch bestimmt ist. W\u00e4hrend in der Theaterszene, in der Wenzel eigentlich zuhause ist, in den grossen St\u00e4dten langsam auch strukturelle Ver\u00e4nderungen angegangen werden, gibt es im Literaturbetrieb Deutschlands kaum schwarze Autor*innen im Mainstream. Jackie Thomae oder Sharon Dodua Otoo geh\u00f6ren zu den wenigen Ausnahmen als erfolgreiche, schwarze Autorinnen.<\/p>\n<p>Auch Olivia Wenzel ist es nun gelungen, mit ihrem Deb\u00fct weitl\u00e4ufig Anerkennung zu finden. F\u00fcr junge People of Color \u2013 oft aus Strukturen der Armut kommend \u2013 stellen prek\u00e4re Kulturjobs keine attraktive Option dar. Auch die Frage, wer eigentlich von sich glaubt, Schreiben zu k\u00f6nnen, diesen Beruf aus\u00fcben und das Berufsbild ausf\u00fcllen zu k\u00f6nnen, ist von Bedeutung. Das Renommee als Autor*in ist in den herk\u00f6mmlichen sozio\u00f6konomischen Kreisen oft ohne Bedeutung und nicht erstrebenswert. Nat\u00fcrlich erzeugt auch der Literaturbetrieb selbst durch formelle wie informelle Strukturen ausschliessende Wirkung: Wer setzt welche Themen und verschafft ihnen Aufmerksamkeit, wer hat die Ressourcen?<\/p>\n<h3>Kein bedauerlicher Einzelfall<\/h3>\n<p>Das Buch von Olivia Wenzel wurde in die Longlist des Deutschen Buchpreises aufgenommen. Es verwebt diverse Themen zu einer gef\u00fchlvollen Collage und \u00fcberzeugt mit vielen starken Passagen. Polizeigewalt kommt in dem Buch nicht vor, der Zeitpunkt der Ver\u00f6ffentlichung ist unabh\u00e4ngig von den weltweiten Protesten gegen (strukturellen) Rassismus bei der Polizei. Trotzdem ist es gerade jetzt von Bedeutung, weil es zeigt, welchen immanenten Gefahren People of Color ausgesetzt sind und was dies mit ihnen macht. Und dass Rassismus (potenziell) t\u00f6dlich ist \u2013 nicht erst seit der T\u00f6tung George Floyds.<\/p>\n<p>B\u00fccher wie dieses sind auch deshalb so wichtig, weil Betroffene sich artikulieren und deutlich machen, dass es sich keinesfalls um bedauerliche Einzelf\u00e4lle oder um schockierende Extremf\u00e4lle handelt. Und wenn die fragende Instanz am Ende meint, es wiederhole sich, drehe sich im Kreis, lautet die trockene Entgegnung: \u201eDas Problem ist doch nicht, dass die Dinge, die ich erz\u00e4hle sich wiederholen. \u2013 SONDERN? \u2013 Dass diese Dinge selbst sich wiederholen, st\u00e4ndig, dass sie nie aufgeh\u00f6rt haben\u201c (S. 270f.).<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\">Tobias Kraus<br \/>\n<a class=\"author_link\" href=\"https:\/\/kritisch-lesen.de\/rezension\/aufwachsen-im-rassismus\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">kritisch-lesen.de<\/a><\/p>\n<p class=\"fussnoten\">Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2020. 352 Seiten, ca. 24.00 SFr. ISBN 978-3-10-397406-5<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"author\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte einer Woman of Color in Ostdeutschland h\u00e4lt der weissen Mehrheitsgesellschaft einen Spiegel vor. John-Henryism bezeichnet ein Syndrom, welches Menschen befallen kann, die sich wiederholenden Diskriminierungserfahrungen und dem damit verbunden psychischen und physischen Stress ausgesetzt sehen. 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