{"id":1255862,"date":"2020-12-06T14:07:41","date_gmt":"2020-12-06T14:07:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1255862"},"modified":"2020-12-06T14:07:41","modified_gmt":"2020-12-06T14:07:41","slug":"ein-jahr-nach-den-massakern-erinnerungen-von-angehoerigen-und-opfern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/12\/ein-jahr-nach-den-massakern-erinnerungen-von-angehoerigen-und-opfern\/","title":{"rendered":"Ein Jahr nach den Massakern: Erinnerungen von Angeh\u00f6rigen und Opfern"},"content":{"rendered":"<p>\u201eEine Schweigeminute zum Gedenken an die Gefallenen von Senkata, Sacaba, Montero, Betanzos, Ovejuyo und El Pedregal\u201c. Mit diesen Worten leiteten der neugew\u00e4hlte Pr\u00e4sident Luis Arce und sein Vize <a href=\"https:\/\/www.npla.de\/thema\/tagespolitik\/vizepraesident-david-choquehuanca-zum-amtsantritt-von-luis-arce\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">David Choquehuanca<\/a> am 8. November in Bolivien ihren Regierungsantritt ein.<\/p>\n<p><strong>Zahlreiche Tote und Verletzte<\/strong><\/p>\n<p>Nach den Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2019 hatte insbesondere die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) die Glaubw\u00fcrdigkeit der Ergebnisse in Zweifel gezogen. Nach dem erzwungenen R\u00fccktritt von Evo Morales breiteten sich im ganzen Land Proteste aus, deren brutale Niederschlagung\u00a0 in einer politischen und sozialen Krise m\u00fcndete. Die ersten Massaker wurden am 11. November einen Tag vor A\u00f1ez\u2019 Selbsternennung zur Interimspr\u00e4sidentin im \u00e4u\u00dfersten S\u00fcden von La Paz in Los Almendros, Los Rosales, El Pedregal und Ovejuyo ver\u00fcbt. Hier kam es zu massiven gewaltt\u00e4tigen Polizeieins\u00e4tzen. Schon am 15. November wurden erneut Menschen Opfer polizeilicher und milit\u00e4rischer Repression, diesmal in der Gemeinde Sacaba, Cochabamba. Zw\u00f6lf Menschen starben, 125 weitere wurden verletzt. Ein weiteres Massaker ereignete sich am 19. November in der Stadt Senkata, El Alto. Im Zuge einer Polizei- und Milit\u00e4roperation wurden zehn Menschen get\u00f6tet und Dutzende verletzt. Bewaffnete Zivilisten mischten bei den Angriffen kr\u00e4ftig mit und machten keinen Hehl aus ihren rassistischen Motiven: Die Angriffe richteten sich vor allem gegen die indigene Bev\u00f6lkerung und gipfelten in der \u00f6ffentlichen Verbrennung der <a class=\"glossaryLink \" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/wiphala\/\" data-cmtooltip=\"Die Flagge repr\u00e4sentiert verschiedene indigene V\u00f6lker in Bolivien, Ecuador, Peru, aber auch in Teilen von Chile und Argentinien. Die Wiphala besteht aus einer Anordnung von sieben mal sieben Quadraten in sieben Farben, die jeweils diagonal von links oben nach rechts unten verlaufen. Die Farbe, die in der Mitte diagonal verl\u00e4uft zeigt die Zugeh\u00f6rigkeit des Suyos, geographische Bereiche des Andenraums, an. In der Verfassung des plurinationalen Staates ist die Wiphala neben der bolivianischen Trikolore ein gleichberechtigtes Staatssymbol, dort ist verlaufen die wei\u00dfen Quadrate in der Mitte, das Collasuyu. Die Herkunft der Wiphala ist unklar, manche sagen, dass es die Flagge der Inkas war, allerdings gibt es Funde, die darauf hindeuten, dass das Symbol wesentlich \u00e4lter ist. Die verschiedenen Farben repr\u00e4sentieren Mutter Erde (Rot), Gesellschaft und Kultur (Orange), Energie (Gelb), Zeit und Transformation (Wei\u00df), Wirtschaft und Produktion (Gr\u00fcn), der kosmische Raum (Blau) und die andine Philosophie und Politik (Violett).\">Wiphala<\/a>, der Fahne der indigenen V\u00f6lker. Im Internet zirkulierten Angriffe und Beleidigungen gegen indigene Frauen, die f\u00fcr Emp\u00f6rung sorgten. Die indigene Bev\u00f6lkerung reagierte mit Protesten. \u201eLa whipala se respeta carajo\u201c- \u201eRespektiert gef\u00e4lligst die Whipala\u201c, skandierten die Demonstrierenden. Interimspr\u00e4sidentin A\u00f1ez reagierte schnell und beeilte sich, das umstrittene Dekret 4078, das das Milit\u00e4r von jeder strafrechtlichen Verantwortung befreit, auf den Weg zu bringen. Die Entscheidung wurde wenige Tage nach ihrem Amtsantritt getroffen, gerade als sich die Proteste des Volkes im ganzen Land auszubreiten begannen.<\/p>\n<p><strong>Verbrechen gegen die Menschheit<\/strong><\/p>\n<p>Die bolivianische Ombudsstelle <a href=\"https:\/\/www.defensoria.gob.bo\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Defensor\u00eda del Pueblo de Bolivia<\/a> stuft die Angriffe auf die Zivilbev\u00f6lkerung in ihrem Bericht \u201eStaatskrise und Menschenrechtsverletzungen in Bolivien, Oktober-Dezember 2019\u2033 als Verbrechen gegen die Menschheit ein. Ein Jahr nach den von der \u00dcbergangsregierung Jeanine A\u00f1ez begangenen Massakern und dem erzwungenen R\u00fccktritt des damaligen Pr\u00e4sidenten Evo Morales sprach Brasil de Fato mit Angeh\u00f6rigen der Toten und Verwundeten. Auch ein internationaler Menschenrechtsanwalt wurde um Stellungnahme zu den Gewaltexzessen im November 2019, dem Kampf um Gerechtigkeit und der Realit\u00e4t der betroffenen Familien gebeten.<\/p>\n<p><strong>La Paz<\/strong><\/p>\n<p>\u201eMein Bruder lebte seit acht Jahren mit seiner Familie in El Pedregal. Von ihm wussten wir schon, dass die Lage sehr ernst war und dass die Polizei sehr brutal auftrat\u201c erz\u00e4hlt Frida Conde Noguera. Ihr 31-j\u00e4hriger Bruder Percy Romer Conde Noguera wurde am 11. November von Polizisten erschossen. \u201eSchon am Vormittag ging es los. Bewaffnete Zivilistengruppen griffen gemeinsam mit der Polizei die Bev\u00f6lkerung an. Ein Anwohner hat uns sp\u00e4ter erz\u00e4hlt, dass die Menschen Angst bekamen. Einige gingen von T\u00fcr zu T\u00fcr, um die Nachbarschaft zu mobilisieren. \u201aWir m\u00fcssen uns verteidigen, sie versuchen uns zu vertreiben und unsere H\u00e4user niederzubrennen, kommt bitte alle raus.\u2018 Also ging mein Bruder auf die Stra\u00dfe. An der Ecke traf er auf die Polizei. Sie haben ihn aus n\u00e4chster N\u00e4he erschossen, aus nur drei Metern Entfernung. Dem Bericht zufolge wurde er mit f\u00fcnf Sch\u00fcssen get\u00f6tet. Sp\u00e4ter zeigten die ballistischen Ergebnisse, dass es sogar sieben waren.\u201c In verschiedenen Teilen des Landes kam es darauf zu spontanen Gewaltausbr\u00fcchen durch verschiedene Gruppierungen, Angriffen auf Mitglieder der MAS sowie Br\u00e4nden auf dem Gel\u00e4nde politischer Parteien und sozialer Verb\u00e4nde und in Polizeistationen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_35177\" class=\"wp-caption alignright\" aria-describedby=\"caption-attachment-35177\"><a href=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/cca91aa9fc67394d1ae079823d3f3127.jpeg\" data-slb-active=\"1\" data-slb-asset=\"1858106452\" data-slb-internal=\"0\" data-slb-group=\"35175\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-35177\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/cca91aa9fc67394d1ae079823d3f3127-300x207.jpeg\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/cca91aa9fc67394d1ae079823d3f3127-300x207.jpeg 300w, https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/cca91aa9fc67394d1ae079823d3f3127.jpeg 512w\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"207\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-35177\" class=\"wp-caption-text\">La Paz, 11. November 2020. RONALDO SCHEMIDT \/ AFP)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Durch die Berichterstattung in den etablierten Medien und in sozialen Netzwerken wurde der hasserf\u00fcllte Diskurs gegen die MAS weiter angeheizt: \u201eWildgewordene Horden marodieren durch die Stra\u00dfen und hinterlassen eine Spur der Zerst\u00f6rung, Pl\u00fcnderung und Gewalt\u201c; \u201eMAS-Abgeordnete und Kandidaten stiften [\u2026] \u00dcberf\u00e4lle auf Busbahnh\u00f6fe an\u201c; \u201eBolivianische Streitkr\u00e4fte [\u2026] gehen hinaus und retten die Menschen, die von Evo Morales\u2018 perversen Horden grausam angegriffen und get\u00f6tet werden\u201c. Dazu Frida Conde: \u201eSie wollten Verwirrung stiften und es so aussehen lassen, als seien die MAS-Leute f\u00fcr die Pl\u00fcnderungen, die Brandstiftung und das allgemeine Klima der Bedrohung verantwortlich. Aber so war es nicht. Die bewaffneten Zivilisten haben angefangen, die Menschen anzustacheln. Von allein h\u00e4tte doch niemand einen Grund, hinauszugehen und drauflos zu randalieren, und auch die Polizei w\u00fcrde nicht einfach so auf die Menschen losgehen\u201c, beharrt Conde.<\/p>\n<p>In Los Rosales wurde der 23-j\u00e4hrige Beltr\u00e1n Paulino Condori Aruni Opfer der Polizeigewalt. An diesem Tag h\u00e4tten sich schon vorher auff\u00e4llig viele Polizisten und <a class=\"glossaryLink \" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/paramilitaers\/\" data-cmtooltip=\"Fr\u00fcher auch als Todesschwadronen bezeichnet, sind Paramilit\u00e4rs selbstst\u00e4ndig agierende, milit\u00e4risch ausgestattete Gruppen oder Einheiten, die aber zumeist nicht in die Organisation des eigentlichen Milit\u00e4rs eingebunden sind und im Inneren eingesetzt werden. H\u00e4ufig agieren Paramilit\u00e4rs halblegal oder vollst\u00e4ndig au\u00dferhalb der Legalit\u00e4t, operieren aber faktisch im Auftrag oder im Interesse einer offiziellen Institution oder der Regierung, was vor Allem in Kolumbien, aber auch in L\u00e4ndern wie Mexiko, Honduras, Nicaragua oder Venezuela vorkommt. In Kolumbien existierte w\u00e4hrend der Pr\u00e4sidentschaft \u00c1lvaro Uribes der paramilit\u00e4rische Dachverband AUC, der f\u00fcr mindestens 25.000 Morde verantwortlich ist. Paramilit\u00e4rische Gruppen morden bis heute in Kolumbien, oft in Zusammenarbeit mit Polizei und Armee.\">Paramilit\u00e4rs<\/a> in der Gegend aufgehalten, erz\u00e4hlt sein \u00e4lterer Bruder Pl\u00e1cido A. Aruni. \u201eDie Nachbarn haben alles gefilmt. In den Videos ist deutlich zu erkennen, dass es die Polizei war. Sie haben mit ihren Sch\u00fcssen seinen ganzen K\u00f6rper durchbohrt, seine Leber, seine Niere und sein Zwerchfell. Aber nicht nur das. Sie haben ihn auch getreten und bespuckt\u201c, erz\u00e4hlt Aruni \u00fcber den Mord an seinem Bruder.\u201eIch glaube, sie wollten gezielt die Menschen in den \u00e4rmeren Vierteln einsch\u00fcchtern, die die MAS unterst\u00fctzen, damit sie nach Evos R\u00fccktritt nicht hinausgehen und demonstrieren. So nach dem Prinzip: \u201aWenn wir heute drei Menschen t\u00f6ten, trauen sie sich morgen nicht mehr heraus, dann haben wir Ruhe vor ihnen\u2018. Mein Bruder wurde um 14 Uhr ermordet, praktisch 50 Meter von seinem Haus entfernt, in dem er mit seiner Frau, seiner zwei Monate alten Tochter und meiner Mutter lebte\u201c.<\/p>\n<p><strong>Huayllani-Sacaba<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_35178\" class=\"wp-caption alignleft\" aria-describedby=\"caption-attachment-35178\"><a href=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/dd47de2f6beee83c5fad5d87db4e61bd.jpeg\" data-slb-active=\"1\" data-slb-asset=\"407294621\" data-slb-internal=\"0\" data-slb-group=\"35175\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-35178\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/dd47de2f6beee83c5fad5d87db4e61bd-300x196.jpeg\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/dd47de2f6beee83c5fad5d87db4e61bd-300x196.jpeg 300w, https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/dd47de2f6beee83c5fad5d87db4e61bd.jpeg 800w\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"196\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-35178\" class=\"wp-caption-text\">Demonstration in La Paz 15. Foto: AIZAR RALDES \/ AFP)<\/figcaption><\/figure>\n<p>In der Stadt El Alto, La Paz, formierten sich Proteste, Demonstrant*innen forderten den R\u00fccktritt von A\u00f1ez. \u201eUnsere Schwestern und Br\u00fcder wurden bei den Demonstrationen buchst\u00e4blich \u00fcberrollt. Der Anblick von so viel Gewalt und Diskriminierung war sehr schmerzhaft. Hier im Tr\u00f3pico, einer von der Regierung A\u00f1ez kriminalisierten Region, haben wir daraufhin beschlossen, einen Protestmarsch zu starten: erst nach Cochabamba und dann nach La Paz\u201c, erinnert sich Hern\u00e1n Maldonado Rosales, Mitglied der Gewerkschaft Tamborada 3 aus der Region Tr\u00f3pico. Sp\u00e4ter sollte er durch eine Kugel sein rechtes Auge verlieren.<\/p>\n<p>Das Massaker von Sacaba ereignete sich am 15. November 2019. Der von Aktivist*innen der Organisation <em>Seis Federaciones del Tr\u00f3pico de Cochabamba<\/em> angef\u00fchrte Marsch wurde an der Huayllani-Br\u00fccke von Polizei und Milit\u00e4r umstellt. \u201eAn der Huayllani-Br\u00fccke trafen wir auf Polizei, Panzer und Milit\u00e4r. Sie wollten uns nicht durchlassen, wir haben stundenlang gewartet. Es wurde bereits dunkel, also machten wir Druck, damit sie uns passieren lassen, und pl\u00f6tzlich begannen sie, Gas einzusetzen. Wir wurden nur so eingenebelt. Unter uns waren auch Frauen mit Kindern, die versuchten zu entkommen\u201c, erinnert sich Maldonado. \u201eEinige wurden durch das Gas ohnm\u00e4chtig. Manche Frauen gingen zu Boden, lagen auf der Stra\u00dfe, brauchten Hilfe. Menschen, die reingingen, um sie herauszuholen, riskierten, erschossen zu werden. Trotzdem habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen, um die Leute in Sicherheit zu bringen. Etwa f\u00fcnf Menschen konnte ich retten, aber beim sechsten Anlauf traf mich ein Schuss ins Auge. Erst hatte ich keine Schmerzen, durch den Aufprall wurde ich etwa drei Meter weit zur\u00fcckgeworfen. Als das Blut heraustropfte und mein anderes Auge bedeckte, sagte ich mir: \u201eIch werde hier nicht sterben\u201c. Ich taumelte r\u00fcckw\u00e4rts, die Bullen kamen und traten auf mich ein. Ich verlor das Bewusstsein und wachte erst zwei Tage sp\u00e4ter wieder auf\u201c.<\/p>\n<p><strong>Senkata<\/strong><\/p>\n<p>Das Massaker von Senkata, einem Stadtteil von El Alto, war so gewaltt\u00e4tig, dass selbst im Ausland davon Notiz genommen wurde. In Senkata befindet sich ein Gaswerk, das dem staatlichen Unternehmen Yacimientos Petrol\u00edferos Fiscales Bolivianos (YPFB) geh\u00f6rt. Jeden Tag versorgt das Gaswerk die Hauptstadt und andere Teile des Landes: Eine Blockade dieses Werks h\u00e4tte also unmittelbare Auswirkungen auf das Land. \u201eNach der Verbrennung der Wiphala und den Dem\u00fctigungen durch die faschistischen Gruppen in Santa Cruz und Cochabamba sind wir auf die Stra\u00dfe gegangen, um zu protestieren\u201c, berichtet Marley Lazo Choque, Pr\u00e4sidentin der Vereinigung der Opfer, Verletzten, Toten und Inhaftierten von Senkata. Zum Ausdruck der Emp\u00f6rung der Bev\u00f6lkerung von Senkata \u00fcber die vom Staat ver\u00fcbte Gewalt wurde das Gaswerk mehrere Tage lang blockiert. \u201eEinige Gastanks wurden durchgelassen, um die Gasversorgung nicht v\u00f6llig zusammenbrechen zu lassen, jedoch wurde die Situation sehr schnell angespannt. Erst gab es Tr\u00e4nengas, und dann fielen die Sch\u00fcsse\u201c, erinnert sich Lazo. \u201eDie Streitkr\u00e4fte versuchten, die Blockade gewaltsam zu brechen. Sie behaupteten, dass wir in Senkata versuchen w\u00fcrden, das Gaswerk in die Luft zu jagen, was einen Anschlag auf ihr Leben bedeutet h\u00e4tte. W\u00e4re das Werk in die Luft geflogen, h\u00e4tte das allerdings nicht nur sie getroffen. Wir leben hier, wir haben Kinder, sie gehen hier zur Schule, sie arbeiten hier. Wieso also sollten wir versuchen, den Ort in die Luft zu jagen, an dem unsere Familien leben?\u201c, fragt Lazo, deren Ehemann bei den Polizei\u00fcbergriffen schwer am Bein verletzt wurde. \u201eMein Mann hatte sich aus Emp\u00f6rung den Protesten angeschlossen. Wir hatten gesehen, wie eine Frau von der Polizei getreten wurde, ihr wurden sogar die Z\u00f6pfe abgeschnitten. Frauen, Kinder und Jugendliche liefen herum und riefen um Hilfe. Mein Mann wurde in der N\u00e4he einer Tankstelle verwundet. Nachdem ihn der erste Schuss getroffen hatte, fiel er hin, sie schossen noch ein zweites Mal, als er schon am Boden lag\u201c, schimpft Lazo. Viele der Toten und Verletzten in Senkata hatten eigentlich nur das Haus verlassen, um zu arbeiten, einzukaufen oder zur Schule zu gehen. Die Polizeiangriffe trafen sie v\u00f6llig unvorbereitet.<\/p>\n<p><strong>Unabh\u00e4ngige Untersuchungen belegen polizeiliche Massaker<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der gesamten Dauer der A\u00f1ez-Regierung hofften die Betroffenen vergebens auf Gerechtigkeit, obwohl mehrere nationale und internationale Organisationen, darunter die Interamerikanische Menschenrechtskommission (<a class=\"glossaryLink \" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/cidh\/\" data-cmtooltip=\"Comisi\u00f3n internacional de Derechos Humanos: Die Interamerikanische Menschenrechtskommission (IAKMR) ist Teil des Interamerikanischen Rechtssystems. Gegr\u00fcndet 1959 mit Sitz in Washington.\">CIDH<\/a>) und die Vereinten Nationen, nach dem Putsch von 2019 die Ereignisse als schwere Menschenrechtsverletzungen anprangerten. Das internationale Human Rights-Programm der Harvard Law School ver\u00f6ffentlichte in Kooperation mit dem Universit\u00e4tsnetzwerk f\u00fcr Menschenrechte einen Bericht mit dem Titel \u201eSie haben uns abgeknallt wie Tiere. Der blutige November und die \u00dcbergangsregierung in Bolivien\u201c, der im ersten Monat der Regierung A\u00f1ez \u201ebeunruhigende Muster von Menschenrechtsverletzungen\u201c festgestellt. Die Studie enth\u00e4lt die Ergebnisse einer siebenmonatigen unabh\u00e4ngigen Recherche. \u201eUnserer Einsch\u00e4tzung nach haben in Sacaba und Senkata und im s\u00fcdlichen Teil von La Paz Massaker stattgefunden. An allen Orten wurde durch den Staat Gewalt ausge\u00fcbt und Menschen von der Polizei get\u00f6tet\u201c, so der Menschenrechtsanwalt Thomas Becker. Becker hat an der Studie mitgearbeitet hat und wurde selbst Zeuge des Massakers von Sacaba. \u201eEin Teil des Berichts befasst sich mit der Frage, woher genau die Kugeln kamen, wir haben ihre Flugbahn untersucht und die Winkel gemessen, um herauszufinden, wo die Kugeln herkamen. S\u00e4mtliche Einschussl\u00f6cher befanden sich auf der Seite, wo die Einwohner*innen standen, nicht auf der, wo die Soldaten waren. Alle von uns analysierten Sch\u00fcsse kamen von der Huayllani-Br\u00fccke, also von der Stelle, an der sich die Soldaten befanden\u201c erkl\u00e4rt Becker. \u201eDamit steht f\u00fcr uns fest, dass es ein Massaker war\u201c, also ein bewaffneter t\u00f6dlicher Angriff auf eine Gruppe unbewaffneter Menschen.<\/p>\n<p><strong>Verschleppte Ermittlungen, fehlerhafte Berichte<\/strong><\/p>\n<p>Erst k\u00fcrzlich hatte die bolivianische Ombudsstelle sich kritisch dar\u00fcber ge\u00e4u\u00dfert, dass die Untersuchung der Todesf\u00e4lle seit letztem Jahr stagniert und die Vorf\u00e4lle weiterhin ungestraft bleiben. Grund daf\u00fcr sei die Weigerung von Polizei und Streitkr\u00e4ften, sich zu den Ereignissen zu \u00e4u\u00dfern. \u201eEs gibt eine Menge Beweise, die damals nicht aufgenommen wurden, weil es an politischem Willen, \u00fcberhaupt an Willen seitens der Staatsanwaltschaft mangelte. Das hat dazu gef\u00fchrt, dass bereits seit einem Jahr <a class=\"glossaryLink \" href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/straflosigkeit\/\" data-cmtooltip=\"Werden schwere Straftaten juristisch nicht aufgekl\u00e4rt oder bestraft, so wird das als Straflosigkeit bezeichnet. Diese wirkt sich nachhaltig aus auf das individuelle Empfinden der Anerkennung der Opfer, das gesamtgesellschaftliche Gerechtigkeitsempfinden und den Schutz vor Wiederholung.\">Straflosigkeit<\/a> bez\u00fcglich der Verbrechen herrscht\u201c, so die Leiterin der Ombudsstelle Nadia Cruz bei der Gedenkfeier zum Jahrestag des Massakers von Sacaba.<\/p>\n<p>\u201eZusammen mit der Ombudsstelle und dem Verband der Staatsanw\u00e4lte waren wir nun schon drei Institutionen, die das Verteidigungsministerium aufgefordert haben, ihre Informationen preiszugeben\u201c beschwert sich Anwalt Becker. \u201eWir wollten Details \u00fcber die Einsatztruppen, die Kugeln, alles M\u00f6gliche. Doch wir bekamen als Antwort nur, das seien vertrauliche Informationen. Aber wie soll man denn einen Fall untersuchen und herausfinden, wer die Verantwortung tr\u00e4gt, wenn die Regierung nicht mitmacht und die entscheidenden Infos f\u00fcr sich beh\u00e4lt?\u201c Ein Riesenproblem sei definitiv der mangelnde Aufkl\u00e4rungswillen seitens der Polizei, ein weiteres die Ungereimtheiten in den Berichten der eingesetzten Ermittler. \u201eDie vorgelegten Berichte enthalten jede Menge falsche Informationen. Zum Beispiel haben sie \u00fcber meinen Bruder geschrieben, er sei in Llojeta gefunden worden, das ist richtig weit weg von El Pedregal, und dass er in ein gebl\u00fcmtes Laken gewickelt war, wie es in dem Bericht steht, stimmt auch nicht\u201c, erz\u00e4hlt Frida Conde emp\u00f6rt.<\/p>\n<p>\u201eAls die Untersuchungen in diesem Jahr anliefen, nahm ich die Aussagen meiner Schw\u00e4gerin, meiner Mutter, meines Onkels und anderer Personen auf und bot sie den Ermittlern an, um bei der Entwicklung des Verfahrens mitzuhelfen, aber der Ermittler tat \u00fcberhaupt nichts. Also habe ich ihm gesagt, dass ich die Videos erst dann pr\u00e4sentieren werde, wenn die neue Regierung kommt, da es sich um wichtige Aussagen handelt\u201c, so Pl\u00e1cido Aruni aus Los Rosales.<\/p>\n<p><strong>Ein aufw\u00fchlendes Jahr f\u00fcr Opfer und Angeh\u00f6rige<\/strong><\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich zu dem unbefriedigenden Verlauf der Ermittlungen habe die \u00dcbergangsregierung auch mit <em>Victim-blaming <\/em>nicht gespart. Alles in allem sei es ein sehr schwieriges Jahr f\u00fcr die Familien gewesen, so die Einsch\u00e4tzung von Anwalt Becker. \u201eDie Regierung behauptete, alle h\u00e4tten aufeinander geschossen, das Ganze sei ihre eigene Schuld, das seien alles Terroristen, Drogenh\u00e4ndler, wildgewordene Indios und Linksradikale au\u00dfer Rand und Band, und all\u2018 das nur, um die Opfer herabzuw\u00fcrdigen\u201c.<\/p>\n<p>\u201eDie Operationen, meine Schmerzen, alles das war eine gro\u00dfe Belastung f\u00fcr meine Familie. Ich bin dankbar f\u00fcr die Unterst\u00fctzung, die mir zuteilwurde. Als ich die Nachricht erhielt, dass ich ein Auge verloren hatte, wollte ich erst gar nicht wieder aufwachen. Ich wollte nur noch sterben in der Hoffnung, in einem anderen Leben vielleicht mit meinen gefallenen Br\u00fcdern und Schwestern zusammenleben zu k\u00f6nnen\u201c, erinnert sich Maldonado. \u201eMeine Kameraden, die verletzt wurden, leiden bis heute an den Folgen, sie gehen an Kr\u00fccken, sind arbeitsunf\u00e4hig. Trotzdem: Auch ein Jahr sp\u00e4ter fordern wir immer noch Gerechtigkeit\u201c.<\/p>\n<p>\u201eEs war ein sehr hartes Jahr f\u00fcr die Familien. Nicht nur, dass \u201aein Verwandter gestorben ist\u2018, nein, die Regierung hat ihre Angeh\u00f6rigen get\u00f6tet und behauptet nun obendrein, das alles sei die Schuld der Opfer\u201c, erkl\u00e4rt Becker. Nach einem Jahr der Verfolgung und Einsch\u00fcchterung hatte die \u00dcbergangsregierung es immerhin geschafft, die Angst soweit zu sch\u00fcren, dass vieler Zeug*innen sich scheuten auszusagen. Mit dem Amtsantritt der neuen Regierung nach den Wahlen vom 18. Oktober besteht nun wieder neue Hoffnung auf Gerechtigkeit, und auch den Zeug*innen f\u00e4llt die Entscheidung, im Zusammenhang mit den Ereignissen eine Aussage zu machen, nun viel leichter.<\/p>\n<p><strong>Ermittlungen kommen wieder in Gang<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDie neue Regierung muss den Prozess nun voranzubringen. Ich glaube, dass der Kongress dem Antrag auf eine gerichtliche Entscheidung hinsichtlich der Verantwortung von Janine A\u00f1ez und den beteiligten Ministern entsprochen hat. Aber wie sich der Prozess entwickeln wird, ist zu diesem Zeitpunkt schwer zu sagen\u201c, meint Becker. Der neue Justizminister Iv\u00e1n Lima hatte am 16. November den Besuch von f\u00fcnf Experten der Interamerikanischen Menschenrechtskommission angek\u00fcndigt, die die Massaker von Sacaba und Senkata untersuchen sollten. Die Expertengruppe traf am 23. November in Bolivien ein. Dem Interamerikanischen Menschengerichtshof w\u00fcrden s\u00e4mtliche Unterlagen der bolivianischen Polizei, der Streitkr\u00e4fte und des Ministeriums zur Feststellung der \u201eintellektuellen und materiellen Urheber\u201c der Ereignisse zur Verf\u00fcgung gestellt, betonte der Minister. Sollte es Probleme im bolivianischen Justizprozess geben, k\u00f6nne man immer auf andere Optionen zur\u00fcckgreifen, zum Beispiel den Interamerikanischen Menschengerichtshof oder den Internationalen Strafgerichtshof. Dazu bestehe die M\u00f6glichkeit, dass die Verantwortlichen in den L\u00e4ndern, in die sie geflohen sind, vor Gericht gestellt werden, hier gelte es, die Entwicklung aufmerksam zu verfolgen.<\/p>\n<p>\u201eNach meinen Gespr\u00e4chen mit Opfern und Angeh\u00f6rigen kann ich sagen, dass die Menschen in Sacaba, in Senkata und auch in der s\u00fcdlichen Zone von La Paz weiterk\u00e4mpfen werden, und wenn es hier keine Gerechtigkeit gibt, werden sie vor die internationalen Gerichte ziehen \u201e, sagte Becker. \u201eUnser Hauptziel ist zweifelsohne, unnachgiebig zu bleiben, um Gerechtigkeit zu erlangen\u201c, res\u00fcmiert die Pr\u00e4sidentin des Verbands der Opfer, Verletzten, Verstorbenen und Inhaftierten von Senkata.<\/p>\n<p><strong>Die Hoffnung auf Gerechtigkeit bleibt<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr uns Angeh\u00f6rige ist die Hoffnung auf Gerechtigkeit alles, denn kein Geld der Welt kann das Leben meines Bruders aufwiegen, und nichts wird ihn wieder zum Leben erwecken. Er war 31 Jahre alt, er hatte sein ganzes Leben vor sich\u201c, sagt Conde weinend. Nach einem Jahr der Straflosigkeit sind die Wunden und der Schmerz, die die Massaker hinterlassen haben, immer noch im Leben der Familien zu sp\u00fcren. Doch trotz Ersch\u00f6pfung und Verzweiflung bleiben die Hoffnung auf Gerechtigkeit und die Liebe zu den Verstorbenen und geben ihnen die Kraft, den Kampf fortzusetzen. \u201eEhre und Ruhm f\u00fcr die Gefallenen von Senkata und Sacaba\u201c. Die ersten Worten Luis Arces als gew\u00e4hlter Pr\u00e4sident ermutigen sie, diese Hoffnung nicht aufzugeben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_35179\" class=\"wp-caption alignnone\" aria-describedby=\"caption-attachment-35179\"><a href=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/4e735a0d6c641fba876d87668bb93821.jpeg\" data-slb-active=\"1\" data-slb-asset=\"583102108\" data-slb-internal=\"0\" data-slb-group=\"35175\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-35179\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/4e735a0d6c641fba876d87668bb93821-300x237.jpeg\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/4e735a0d6c641fba876d87668bb93821-300x237.jpeg 300w, https:\/\/www.npla.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/4e735a0d6c641fba876d87668bb93821.jpeg 800w\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"237\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-35179\" class=\"wp-caption-text\">Luis Arce mit Angeh\u00f6rigen und Opfern am D\u00eda de los Muertos. 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