{"id":1253350,"date":"2020-12-04T13:44:37","date_gmt":"2020-12-04T13:44:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1253350"},"modified":"2020-12-04T13:44:37","modified_gmt":"2020-12-04T13:44:37","slug":"die-schuldenkrise-nach-der-coronakrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/12\/die-schuldenkrise-nach-der-coronakrise\/","title":{"rendered":"Die Schuldenkrise nach der Coronakrise"},"content":{"rendered":"<p class=\"news-item-subtitle\"><strong>EU-Funktion\u00e4re und Think-Tanks warnen vor einer erneuten Bankenkrise in der EU im kommenden Jahr.<\/strong><\/p>\n<p>EU-Funktion\u00e4re und Think-Tanks warnen eindringlich vor dem \u00dcbergang der Corona- in eine erneute Bankenkrise in der Union. Bislang sei die Finanzbranche aufgrund von Staatshilfen und lockeren Insolvenzregeln noch glimpflich durch die Coronakrise gekommen, wird unter Verweis auf Warnungen aus der Leitung der Europ\u00e4ischen Zentralbank (EZB) berichtet. Im kommenden Jahr drohe nun aber, verst\u00e4rkt durch die zweite Pandemiewelle, eine Reihe von Insolvenzen und Kreditausf\u00e4llen. Die EZB warnt, Europas faule Kredite, die schon jetzt ein Volumen von mehr als einer halben Billion Euro erreichten, k\u00f6nnten sich bei einem weiteren Einbruch der Wirtschaft fast verdreifachen &#8211; auf 1,4 Billionen Euro. Dabei sind die Risiken \u00fcberaus ungleich verteilt. W\u00e4hrend laut einer Studie der Ratingagentur S&amp;P die deutsche Finanzbranche als relativ gut ger\u00fcstet gelten kann, sind Banken vor allem in Italien erheblich gef\u00e4hrdet. Eine Studie, die von der Bertelsmann-Stiftung publiziert wurde, spricht sich f\u00fcr die st\u00e4rkere Beteiligung von Bankenkunden an etwaigen Bankenabwicklungen aus &#8211; Ausnahme: Unternehmen.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Insolvenzen und Kreditausf\u00e4lle<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Hochrangige Funktion\u00e4re und Think-Tanks in der EU warnen eindringlich vor den Folgen einer abermaligen Bankenkrise, die im kommenden Jahr die Stabilit\u00e4t des europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsraums gef\u00e4hrden k\u00f6nnte. Bislang sei die Finanzbranche in der Eurozone aufgrund von Staatshilfen, Konjunkturpaketen und &#8222;lockereren Insolvenzregeln&#8220; glimpflich durch die Krise gekommen; doch drohe sich dies im kommenden Jahr zu \u00e4ndern, hei\u00dft es in Medienberichten unter Verweis auf Warnungen von EZB-Vizepr\u00e4sident Luis de Guindos.[1] Europas Banken m\u00fcssen sich demnach auf eine &#8222;Welle an Insolvenzen und Kreditausf\u00e4llen&#8220; vorbereiten, sobald die kreditfinanzierten staatlichen St\u00fctzungsma\u00dfnahmen auslaufen. Schon jetzt f\u00fchrt die zweite Pandemiewelle dazu, dass sich die konjunkturellen Aussichten nach einer kurzzeitigen Aufhellung wieder rasch eintr\u00fcben. Die EZB orientiere sich folglich, hei\u00dft es weiter, an einem &#8222;pessimistischen Szenario&#8220;, das f\u00fcr dieses Jahr mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung in der Eurozone um zehn Prozent rechnet. Dieser historisch beispiellose Einbruch des BIP im europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsraum gehe \u00fcberdies mit einem raschen Anstieg der Verschuldung einher; auf ihn werde demnach &#8222;in jedem Fall eine Schuldenkrise folgen&#8220;. Weltweit steige die staatliche Schuldenlast &#8222;dieses Jahr von 82 auf 97 Prozent&#8220; der Wirtschaftsleistung an, w\u00e4hrend bei Privatunternehmen der Schuldenberg gar &#8222;von 89 auf 103 Prozent&#8220; anschwelle.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Ungleichgewichte in der EU<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">F\u00fcr die Eurozone gehen Ratingagenturen inzwischen davon aus, dass die Anzahl der Kredite, die nicht mehr zur\u00fcckgezahlt werden, sich auf rund 8,5 Prozent des Gesamtvolumens aller risikobehafteten Darlehen verdoppeln wird. Der dramatische Konjunktureinbruch schl\u00fcge somit verz\u00f6gert auf den ohnehin labilen, mit faulen Krediten \u00fcberfrachteten Finanzsektor der EU durch. Laut der EZB liegen zur Zeit, hei\u00dft es, faule Kredite mit einem Volumen von 503 Milliarden Euro in Europas Banktresoren.[2] Dieser Berg an Darlehen, die nicht mehr vertragsgem\u00e4\u00df bedient werden, k\u00f6nne sich bei einem Eintreffen des &#8222;pessimistischen Szenarios&#8220; der Konjunkturentwicklung &#8222;auf 1,4 Billionen Euro fast verdreifachen&#8220;. Dabei sei das Risiko massenhafter Kreditausf\u00e4lle samt einer darauf folgenden Finanzkrise in der Eurozone &#8222;ungleich verteilt&#8220;, hie\u00df es weiter. Laut Berechnungen der Ratingagentur S&amp;P, die in einer Untersuchung die Kreditw\u00fcrdigkeit der Bankensysteme auf einer Skala von 1 bis 10 bewertete, erhielt etwa die Bundesrepublik die Bestnote 1. Italien hingegen, die drittgr\u00f6\u00dfte Wirtschaft der Eurozone, erhielt mit einer 6 den schlechtesten Wert in der EU. Die Finanzsektoren Frankreichs und der Niederlande gelten ebenfalls als problembelastet; sie erhielten eine 3. Laut S&amp;P ist mit einer Benotung von 4 Punkten auch Spanien erheblich gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>&#8222;Nicht fit f\u00fcr Corona&#8220;<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Ein Strategiepapier deutscher Denkfabriken, das sich mit der drohenden Bankenkrise befasst, geht inzwischen davon aus, dass Bankenpleiten sich bereits n\u00e4chstes Jahr nicht vermeiden lassen. Nicht jedes Bankhaus werde den kommenden &#8222;H\u00e4rtetest&#8220; \u00fcberstehen, zumal die EU f\u00fcr eine neue Bankenkrise &#8222;schlecht ger\u00fcstet&#8220; sei &#8211; so werden die Warnungen einer Analyse der Bertelsmann-Stiftung und des Jacques Delors Centre an der Berliner Hertie School of Governance wiedergegeben: Die Union sei nicht &#8222;fit f\u00fcr Corona&#8220;.[3] Die Studie der beiden Think-Tanks attestiert der Eurozone einen ungen\u00fcgenden institutionellen und finanziellen Rahmen, um mit dem drohenden Bankensterben fertig zu werden. Damit die Abwicklung funktioniere, m\u00fcsse das &#8222;aktuelle Rahmenwerk glaubw\u00fcrdiger und zuverl\u00e4ssiger werden&#8220;, hei\u00dft es in dem Papier.[4]<\/p>\n<h3 class=\"western\">Sch\u00e4ubles toxisches Erbe<\/h3>\n<p class=\"western\">Die kommende Finanzkrise, die \u00fcberproportional den S\u00fcden der Eurozone treffen wird, soll dabei der Studie zufolge nicht mehr mit Streumitteln bew\u00e4ltigt werden. Vielmehr m\u00fcssten die Regeln zur Bankenabwicklung angewandt werden, die der damalige Bundesfinanzminister Wolfgang Sch\u00e4uble im Jahr 2013, auf dem H\u00f6hepunkt der Eurokrise, erstmals gegen\u00fcber Zypern durchsetzte und die er anschlie\u00dfend in EU-Recht gie\u00dfen lie\u00df. Demnach sollen private Anteilseigner und Gl\u00e4ubiger im Rahmen eines sogenannten Bail-in an den Verlusten einer Bankenpleite beteiligt werden: Die Bankenkunden haften somit f\u00fcr ihre Banken. Die nationalen Einlagensicherungssysteme sollen dabei die Einlagen von Bankenkunden bis zu einer H\u00f6he von 100.000 Euro absichern. Bislang seien diese Regelungen in vielen F\u00e4llen &#8222;wohl aus politischen Erw\u00e4gungen heraus&#8220; nicht zur Anwendung gelangt, hei\u00dft es; doch m\u00fcsse die st\u00e4rkere Belastung &#8222;privater Gl\u00e4ubiger&#8220; durch das Schlie\u00dfen von Schlupfl\u00f6chern in der kommenden Krise forciert werden.[5] Der Hintergrund: Eine l\u00fcckenhafte Einlagensicherung destabilisiert die betroffenen Finanzsysteme in Krisenzeiten, da es schneller zu einem Sturm auf die Banken kommt, bei denen Kunden massenhaft ihre Gelder abheben wollen. Entscheidend f\u00fcr die EU ist jedoch, dass Bail-in-Regelungen im Krisenfall zur Kapitalflucht aus den gef\u00e4hrdeten Bankensystemen der s\u00fcdlichen Eurozonenperipherie in das n\u00f6rdliche Zentrum des W\u00e4hrungsgebiets f\u00fchren, was die Zinsdifferenz zwischen Nord und S\u00fcd weiter befeuert. K\u00fcnftig m\u00fcssten &#8222;Interpretationsspielr\u00e4ume&#8220;, wie sie etwa bei der &#8222;laxen&#8220; Liquidation italienischer Regionalbanken zur Anwendung kamen, eingegrenzt werden, fordert der Autor der Studie der von der Bertelsmann-Stiftung und dem Jacques Delors Centre publizierten Studie.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Ausnahmen f\u00fcr Unternehmer<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Um die Beteiligung privater Bankguthaben an einer Bankenabwicklung zu erleichtern, sollen Ausnahmen geschaffen werden. Die Studie spricht sich daf\u00fcr aus, Unternehmen und Konzerne von der Beteiligung an wom\u00f6glich bevorstehenden Bankenabwicklungen auszunehmen. Bislang w\u00fcrden &#8222;Firmenkunden&#8220; gleichrangig in die Gl\u00e4ubigerbeteiligung einer in Schieflage geratenen Bank einbezogen; dies sei, so hei\u00dft es in der Studie, &#8222;nicht sinnvoll&#8220;. Ein besserer Schutz der Einlagen von Unternehmen und Konzernen k\u00f6nne die &#8222;negativen Folgen einer Bankenabwicklung auf die Realwirtschaft reduzieren&#8220;, da es sich bei diesen Bankguthaben &#8222;h\u00e4ufig um die n\u00f6tigen Mittel f\u00fcr den laufenden Betrieb einer Firma&#8220; handele. Bei einer besseren Absicherung des Industriekapitals werde es den zust\u00e4ndigen staatlichen Stellen in den Krisenl\u00e4ndern auch leichter fallen, einen &#8222;Schuldenschnitt bei den \u00fcbrigen Gl\u00e4ubigern&#8220; durchzuf\u00fchren, hei\u00dft es weiter.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Ein Fall f\u00fcr den ESM<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Des Weiteren pl\u00e4diert der Autor der Studie f\u00fcr eine zentrale Rolle des EU-Rettungsschirms ESM bei der Bew\u00e4ltigung der kommenden Bankenkrise. Da der europ\u00e4ische Abwicklungsfonds SRF nur ein Volumen von 42 Milliarden Euro aufweise und somit den angestrebten Umfang von heute rund 70 Milliarden Euro bei weitem nicht erreiche, m\u00fcssten &#8222;im Notfall&#8220; ESM-Gelder genutzt werden. Der SRF sollte eigentlich ein Prozent aller Kundeneinlagen in den Banken der Eurozone abdecken; hinzu kommen noch die nationalen Einlagensicherungssysteme, die 0,8 Prozent aller privaten Kundeneinlagen abdecken sollten &#8211; doch auch hierbei wurden laut der Studie die Zielvolumina nicht erreicht. Damit verf\u00fcgt die Eurozone im Krisenfall nicht \u00fcber ausreichende Mittel zur Stabilisierung ihres Finanzsystems. K\u00f6nne man &#8222;eine heftige systemische Krise&#8220; nicht ausschlie\u00dfen, dann sei ein &#8222;beim ESM angesiedelter Backstop ein pragmatischer Schritt&#8220;, wird der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber zitiert; allerdings liege das im Rahmen einer ESM-Reform vorgesehene Projekt wegen einiger strittiger Punkte noch auf Eis.[6] Der in Reaktion auf die Eurokrise aufgebaute ESM ist vor allem in den s\u00fcdlichen Krisenl\u00e4ndern der Eurozone in Verruf geraten, da seine Gelder an den von Berlin durchgesetzten Fiskalpakt, also an strikte Austerit\u00e4tsvorgaben wie die Einf\u00fchrung von Schuldenbremsen, gekoppelt sind.[7]<\/p>\n<p class=\"western\">[1], [2] Christoph Sackmann: Bis zu 1,4 Billionen Euro an Krediten im Feuer: \u00dcber Europas Banken zieht ein Sturm auf. focus.de 23.11.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[3] Yasmin Osman: &#8222;Nicht fit f\u00fcr Corona&#8220; &#8211; EU ist f\u00fcr erneute Bankenkrise nicht gewappnet. handelsblatt.de 20.11.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[4] Sebastian Mack: Prepare for the worst. How to make Europe&#8217;s bank crisis management framework fit for purpose. Hertie School Jacques Delors Centre, Bertelsmann Stiftung: Policy Paper. 20.11.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[5], [6] Yasmin Osman: &#8222;Nicht fit f\u00fcr Corona&#8220; &#8211; EU ist f\u00fcr erneute Bankenkrise nicht gewappnet. handelsblatt.de 20.11.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[7] David Rose: So funktioniert der Rettungsschirm ESM. tagesschau.de 02.03.2018.<\/p>\n<div id=\"emailskopiertclipboardPopupMail\" class=\"emailskopiertHiddenPopup\" style=\"z-index: 1102;\">\n<div id=\"emailskopiertpopupContentToMail\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div><img \/><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>EU-Funktion\u00e4re und Think-Tanks warnen vor einer erneuten Bankenkrise in der EU im kommenden Jahr. EU-Funktion\u00e4re und Think-Tanks warnen eindringlich vor dem \u00dcbergang der Corona- in eine erneute Bankenkrise in der Union. 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