{"id":125311,"date":"2014-08-11T23:22:12","date_gmt":"2014-08-11T22:22:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/?p=125311"},"modified":"2014-08-12T11:37:36","modified_gmt":"2014-08-12T10:37:36","slug":"erster-weltkrieg-und-verhinderte-versoehnungspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2014\/08\/erster-weltkrieg-und-verhinderte-versoehnungspolitik\/","title":{"rendered":"Erster Weltkrieg und verhinderte Vers\u00f6hnungspolitik"},"content":{"rendered":"<p>In diesen Tagen vor hundert Jahren begann der Erste Weltkrieg. In einem hoch angespannten politischen Klima, einem von Nationalismus, Territorial- und Machtdenken getriebenen Europa, entwickelte sich die Katastrophe nach Erschie\u00dfung des \u00f6sterreich-ungarischen Thronfolgers in Serbien wie ein fein s\u00e4uberlich aufgestelltes Dominostein Ensemble: 23. Juli Ultimatum \u00d6sterreich-Ungarns an Serbien, 28. Juli Kriegserkl\u00e4rung, 1. August Kriegserkl\u00e4rung Deutschlands an Russland, 3. August Kriegserkl\u00e4rung Deutschlands an Frankreich, 4. August Kriegserkl\u00e4rung Gro\u00dfbritanniens an Deutschland.<\/p>\n<p>Alle Nationen hatten ihre eigenen Interessen, alle waren sie \u00fcberzeugt, es w\u00e4re leichtes Spiel: nur mal kurz aufr\u00e4umen, die anderen Nationen in die Schranken weisen, Gerechtigkeit und Genugtuung herbeif\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Die alte Ordnung bricht zusammen<\/strong><\/p>\n<p>Geblendet von der Propaganda zogen die Menschen singend und stolz die Fahnen schwenkend in den Krieg. Der Endsieg schien nah. Sebastian Haffner beschreibt seine Erinnerungen als 11 j\u00e4hriger Schuljunge so wie es f\u00fcr viele zuhause Gebliebene erschien, die den Krieg als gro\u00dfes Abenteuerspiel wahrnahmen: \u201e<i>Der Endsieg, die gro\u00dfe Summe, zu der sich all die vielen Teilsiege, die der Heeresbericht enthielt, unvermeidlich einmal zusammenaddieren mu\u00dften, war f\u00fcr mich damals ungef\u00e4hr das, was f\u00fcr den frommen Christen das J\u00fcngste Gericht oder f\u00fcr den frommen Juden die Ankunft des Messias war. Es war eine unvorstellbare Steigerung aller Siegesnachrichten, in der Gefangenenzahlen, Landeroberungen und Beuteziffern vor Ungeheuerlichkeit sich selbst aufhoben<\/i>.\u201c<\/p>\n<p>Doch Erich-Maria Remarque schreibt in seinem Roman \u201eIm Westen nichts Neues\u201c aus Sicht des jungen Freiwilligen: \u201e<i>Das erste Trommelfeuer zeigte uns unseren Irrtum und unter ihm st\u00fcrzte die Weltanschauung zusammen, die sie uns gelehrt hatten. W\u00e4hrend sie noch schrieben und redeten, sahen wir Lazarette und Sterbende; &#8211; w\u00e4hrend sie den Dienst am Staate als das Gr\u00f6\u00dfte bezeichneten, wussten wir bereits, dass die Todesangst st\u00e4rker ist. [\u2026] wir unterschieden uns jetzt, wir hatten mit einem Male sehen gelernt. Und wir sahen, dass nichts von ihrer Welt \u00fcbrigblieb. Wir waren pl\u00f6tzlich auf furchtbare Weise allein<\/i>.\u201c 17 Millionen sollten bis zum Ende des grauenvollen Spektakels ihr Leben lassen, die anderen traumatisiert und bis auf die Knochen demoralisiert, gebrochen nach Hause zur\u00fcckkehren. Die alte Ordnung mit ihren Monarchien ging genauso zu Ende wie die bis dahin herrschende Staatenordnung, aber auch die Generationen und Traditionen brachen auseinander.<\/p>\n<p><strong>Siegerpolitik gewinnt \u00fcber Vers\u00f6hnungspolitik<\/strong><\/p>\n<p>In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg bot sich erstmals die M\u00f6glichkeit, den eigenbr\u00f6tlerischen Nationalismus zu ersetzen gegen einen starken V\u00f6lkerbund und die rached\u00fcrstende Vergeltung gegen eine Politik der Vers\u00f6hnung. Doch die Chance versandete in den alten Mechanismen der Siegerpolitik. Das \u201e14 Punkte Programm\u201c von Wilson wurde bei den Versailler Verhandlungen aufgeweicht und der V\u00f6lkerbund schw\u00e4chelte bereits in den Anf\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Stefan Zweig schreibt 1940 in seinem Essay \u201eWilson versagt\u201c eindr\u00fccklich wie der US Pr\u00e4sident Woodrow Wilson sich verzweifelt bem\u00fchte, einen \u201egerechten Frieden\u201c, einen Frieden der Vers\u00f6hnung, durchzusetzen gegen den \u201eharten Frieden\u201c, wie ihn die europ\u00e4ischen M\u00e4chte forderten, welche getrieben wurden von den Milit\u00e4rs, die Machtverlust bef\u00fcrchteten, und durch die Industrie, die nach Land- und Ressourcengewinn durch Reparationszahlungen gierte. Schliesslich gibt er, bedr\u00e4ngt von allen Seiten, auf. Stefan Zweig schreibt: <i>\u201eEine Entscheidung ist an diesem historischen unwiederbringlichen Tag gefallen, die weit hinaus reicht \u00fcber Jahrzehnte und Jahrhunderte, und deren Schuld wir abermals mit unserem Blut, unserer Verzweiflung, unserer machtlosen Verst\u00f6rung bezahlen.\u201c<\/i><\/p>\n<p>Der Norweger Frithjof Nansen, einer der st\u00e4rksten Verfechter einer Vers\u00f6hnungspolitik damals, fragte: \u201e<i>Soll der k\u00fcnftige V\u00f6lkerbund nur eine Fassade der alten Geheimdiplomatie und Gewaltpolitik sein<\/i>?\u201c Er forderte, dass alle L\u00e4nder ein Promille ihrer Ausgaben f\u00fcr Waffen, f\u00fcr den Frieden investierten. Er begr\u00fcsste das Beispiel D\u00e4nemarks, welches ausgehungerte Kinder aus Deutschland und Frankreich aufnahm, um sie aufzup\u00e4ppeln. W\u00e4hrenddessen gab der V\u00f6lkerbund seine Mittel daf\u00fcr aus, die \u201erote Gefahr\u201c durch Aufr\u00fcstung in osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Im gro\u00dfen russischen Hunger 1921\/22 \u2013 damals starben sch\u00e4tzungsweise acht Millionen Menschen &#8211; \u00a0k\u00e4mpfte Nansen im V\u00f6lkerbund verzweifelt darum, dass westliche L\u00e4nder wenigstens die Transportkosten aufbr\u00e4chten, um den \u00dcberschuss der Ernten in Amerika nach Osten zu schaffen: \u201e<i>Doch ersparen Sie uns Heuchelei. Die Regierungen sind im Augenblick nicht in der Lage, f\u00fcnf Millionen Pfund zu geben? Die H\u00e4lfte des Betrages, den ein Schlachtschiff kostet, um die Hungersnot in Russland zu bek\u00e4mpfen<\/i>?\u201c Der V\u00f6lkerbund blieb dabei, er wollte die kommunistische Herrschaft nicht unterst\u00fctzen. \u201e<i>Ehe wir den Sowjets helfen, m\u00f6ge der russische Bauer verhungern<\/i>.\u201c sagte ein serbischer Delegierter offen, die anderen verloren sich in diplomatischem Gepl\u00e4nkel.<\/p>\n<p>Die Abwehrpolitik gegen die Sowjetunion sollte dann auch das weitere Schicksal bestimmen. So nahm man lange Zeit Hitler hin als ein erw\u00fcnschtes Bollwerk gegen den Bolschewismus. Heute wissen wir, was folgte. Was w\u00e4re geschehen, wenn sich damals eine Vers\u00f6hnungspolitik durchgesetzt h\u00e4tte?<\/p>\n<p><strong>Und heute?<\/strong><\/p>\n<p>Diese 100 j\u00e4hrigen Gedenktage kommen zu einem Zeitpunkt, an welchem man erschreckend \u00e4hnliche Beobachtungen machen kann im politischen Treiben Europas wie in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg: Das europ\u00e4ische B\u00fcndnis, der Garant f\u00fcr zumindest innerterritorialen Frieden seit dem zweiten Weltkrieg, wird von einigen Politikern und einem gro\u00dfen Teil der Bev\u00f6lkerung angezweifelt, nationalistische, europafeindliche Parteien haben \u00fcberall Aufschwung, und wieder bricht am Rande Europas ein Konflikt los, bei welchem sich die Hauptakteure USA, Europa und Russland in ihrer Arroganz Ha\u00df auf den Gegner sch\u00fcren und mit ihrer Gier nach Einfluss und St\u00e4rkebeweis uns wieder in Richtung eines grauenvollen Krieges zerren.<\/p>\n<p>\u201e<i>Die Verbindung von L\u00fcge und Krieg kennen wir bis heute. Es sind bis dato \u00fcberhaupt kaum Lehren aus dem Ersten Weltkrieg gezogen worden, auch nicht aus der Praxis dem\u00fctigender Friedensschl\u00fcsse, die Revanchegel\u00fcste provozieren<\/i>.\u201c So schreibt zum Beispiel Jens Jessen im Januar in der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2014\/03\/erster-weltkrieg-jahrhundertkrieg\">Zeit<\/a>\u00a0und viele werden ihm zustimmen.<\/p>\n<p>Wir sollten also in diesen Tagen nicht nur der vielen Opfer des Ersten Weltkrieges gedenken, sondern auch der verpassten M\u00f6glichkeiten, die die Gr\u00e4uel ein weiteres Mal sinnlos gemacht haben und uns bis heute blutig verfolgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesen Tagen vor hundert Jahren begann der Erste Weltkrieg. 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