{"id":1243754,"date":"2020-11-21T10:23:29","date_gmt":"2020-11-21T10:23:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=1243754"},"modified":"2020-11-21T10:23:29","modified_gmt":"2020-11-21T10:23:29","slug":"das-maerchen-von-der-gleichheit-in-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2020\/11\/das-maerchen-von-der-gleichheit-in-europa\/","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen von der Gleichheit in Europa"},"content":{"rendered":"<p class=\"news-item-subtitle\"><strong>Deutsche Wirtschaftsforscher sagen eine zunehmende Spaltung der Eurozone zwischen reichem Norden und verarmendem S\u00fcden voraus.<\/strong><\/p>\n<p>Die sozio\u00f6konomische Spaltung der Eurozone zwischen dem reichen Norden und dem verarmenden S\u00fcden wird weiter zunehmen: Dies sagt das unternehmensnahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in einer aktuellen Studie voraus. Demnach hat sich die Kluft innerhalb des W\u00e4hrungsgebiets bereits in den Jahren von 2009 bis 2018 deutlich vertieft, weil die Wirtschaft im Norden um 37,2 Prozent, diejenige im S\u00fcden hingegen lediglich um 14,6 Prozent wuchs. Diese Entwicklung wird dem IW zufolge in den n\u00e4chsten 25 Jahren anhalten. F\u00fcr Osteuropa konstatiert das IW einen gewissen \u00f6konomischen Aufholeffekt, der aber aufgrund der desolaten Ausgangslage nach der Deindustrialisierung der 1990er Jahre nicht zu einem Einholen des Westens f\u00fchren wird; die kaum ver\u00e4nderte Funktion der Region als verl\u00e4ngerte Werkbank insbesondere der deutschen Exportindustrie l\u00e4sst eine eigenst\u00e4ndige Wachstumsperspektive nicht zu. Laut Auffassung von Beobachtern wird die Coronakrise die Spaltung zwischen Nord und S\u00fcd zus\u00e4tzlich vertiefen. Eigentliche Ursache der Ungleichheit sind die deutschen Handels\u00fcbersch\u00fcsse und die Berliner K\u00fcrzungsdiktate.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>S\u00fcden verliert weiter an Boden<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Eine j\u00fcngst publizierte Studie des unternehmensnahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) belegt die weiter zunehmende sozio\u00f6konomische Spaltung der Eurozone.[1] Die Untersuchung wertet die Wirtschaftsleistung der EU-Staaten im Zeitraum von 2009 bis 2018 aus, wobei diese in drei regionale Gruppen aufgeteilt werden: in Nordeuropa, Osteuropa &#8211; hierunter werden die im Rahmen der Osterweiterung beigetretenen Volkswirtschaften subsumiert &#8211; und den S\u00fcden der EU samt Frankreich. Die Ergebnisse zeigten, dass es sich bei der postulierten Gleichheit in Europa um einen &#8222;Irrtum&#8220; handele, hie\u00df es in einem Bericht anl\u00e4sslich der Vorstellung der Studie Ende Oktober: Das Ziel der Angleichung der Wirtschaftsleistung r\u00fccke f\u00fcr den S\u00fcden in &#8222;immer weitere Ferne&#8220;.[2] Laut Angaben des IW betrug das Wirtschaftswachstum Nord- und Nordwesteuropas im besagten Zeitraum 37,2 Prozent, w\u00e4hrend die Wirtschaftsleistung im S\u00fcden der EU nur um 14,6 Prozent gesteigert werden konnte. Daraus resultiert ein best\u00e4ndig wachsendes \u00f6konomisches \u00dcbergewicht des Nordens gegen\u00fcber der s\u00fcdlichen Peripherie der Eurozone. Des Weiteren m\u00fcsse ber\u00fccksichtigt werden, hei\u00dft es in der Studie, dass Frankreichs Wirtschaftswachstum den Konjunkturverlauf des S\u00fcdens verzerre; ohne Ber\u00fccksichtigung der franz\u00f6sischen Konjunktur h\u00e4tten die L\u00e4nder S\u00fcdeuropas von 2009 bis 2018 nur ein Wachstum von 9,9 Prozent erzielt &#8211; durchschnittlich weniger als ein Prozent pro Jahr. Der Norden &#8222;enteile&#8220; dem S\u00fcden immer weiter. Als Ursachen f\u00fcr das Auseinanderdriften der Eurozone werden die &#8222;Schuldenkrise&#8220; in der Eurozone sowie die &#8222;tiefen Rezessionen in den betroffenen L\u00e4ndern&#8220; genannt. Selbst Staaten, die anf\u00e4nglich von der Einf\u00fchrung des Euro und den &#8222;stark gesunkenen Finanzierungskosten&#8220; profitiert h\u00e4tten, seien nach Ausbruch der Eurokrise &#8222;wirtschaftlich zur\u00fcckgeworfen&#8220; worden. Die Schlusslichter in der Studie bilden demnach &#8222;ausschlie\u00dflich griechische Regionen&#8220;, in denen die Wirtschaftsleistung in der untersuchten Dekade um bis zu &#8222;ein F\u00fcnftel geschrumpft&#8220; sei.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Osten holt etwas auf<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">In Osteuropa hingegen, das vorwiegend als verl\u00e4ngerte Werkbank exportorientierter deutscher Konzerne fungiert, konnte von 2009 bis 2018 laut der IW-Studie tats\u00e4chlich ein gewisser konjunktureller Aufholeffekt verzeichnet werden.[3] Im besagten Zeitraum stieg das Bruttoinlandsprodukt dieses Wirtschaftsgebiets, das in den Jahren 2004 und 2007 in zwei Sch\u00fcben der EU beitrat, um durchschnittlich 49,6 Prozent. Trotz der Aufholjagd bleibe allerdings &#8222;der Abstand teilweise noch erheblich&#8220;, lautet eine verbreitete Einsch\u00e4tzung. Tats\u00e4chlich resultiert der gro\u00dfe sozio\u00f6konomische Abstand vor allem aus dem niedrigen sozio\u00f6konomischen Ausgangsniveau zum Zeitpunkt des EU-Beitritts der fr\u00fcheren sozialistischen L\u00e4nder, die in den 1990er Jahren zumeist eine desastr\u00f6se, mit umfassender Deindustrialisierung einhergehende Systemtransformation durchmachten. Eine wirkliche Angleichung des sozio\u00f6konomischen Niveaus zwischen Ost und West dagegen scheint auch mittelfristig nicht in Sicht &#8211; zumal ein Gro\u00dfteil der Reindustrialisierung der \u00f6stlichen Peripherie der EU weiterhin abh\u00e4ngig ist von der Investitionst\u00e4tigkeit westeurop\u00e4ischer, insbesondere deutscher, Unternehmen.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Von Freiburg nach Mannheim<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Die Autoren der IW-Studie gehen \u00fcberdies davon aus, dass der Norden und der S\u00fcden der EU in den kommenden Jahren noch weiter auseinanderdriften werden. Zur Illustrierung der substanziellen Nordverschiebung des \u00f6konomischen Zentrums der EU berechnete das IW einen &#8222;wirtschaftlichen Mittelpunkt Europas&#8220;, an dem die &#8222;Wirtschaftsleistung in jede Himmelsrichtung ungef\u00e4hr gleich gro\u00df&#8220; sei. Dieser geographische Punkt, der das Gleichgewicht der Wirtschaftsleistung in der EU markiert, habe sich seit 2009, also seit dem Ausbruch der Eurokrise, kontinuierlich nach Norden verschoben, konstatiert das IW: Er habe 2008 noch &#8222;s\u00fcd\u00f6stlich von Freiburg im Breisgau&#8220; gelegen, sei dann aber bis 2018 rund 50 Kilometer nordw\u00e4rts gewandert, um nun &#8222;s\u00fcd\u00f6stlich von Offenburg in Baden-W\u00fcrttemberg&#8220; verortet zu werden. Die IW-Studie prognostiziert, der Trend werde in den kommenden 25 Jahren anhalten; der wirtschaftliche Mittelpunkt der EU werde im Jahr 2045 &#8222;bei Mannheim liegen&#8220;.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Die Pandemie als Spaltpilz<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Die EU-Konjunkturprogramme, die im Sommer 2020 in Reaktion auf den pandemiebedingten Wirtschaftseinbruch beschlossen wurden, tragen laut Einsch\u00e4tzung von Beobachtern kaum dazu bei, die Ungleichgewichte in der EU abzubauen.[4] Zwar werde ein gro\u00dfer Teil der Mittel in den S\u00fcden der Eurozone flie\u00dfen, hei\u00dft es; doch sei es unwahrscheinlich, dass dies schnell genug geschehe, um der aktuellen Rezession entgegenzuwirken. Von den rund 209 Milliarden Euro an Zusch\u00fcssen und Krediten, auf die beispielsweise Italien hoffen d\u00fcrfe, werde nur ein &#8222;kleiner Teil&#8220; im kommenden Jahr ausgezahlt werden; der &#8222;Gro\u00dfteil der Summen&#8220; werde gar erst 2022 zur Verf\u00fcgung stehen. Es sei daher unwahrscheinlich, dass die Krisenmittel die Konjunktur der s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4nder tats\u00e4chlich st\u00fctzen k\u00f6nnten. Sie w\u00fcrden wohl eher &#8222;langfristig f\u00fcr mehr Wachstum sorgen&#8220;. Allerdings wird sich der \u00f6konomische Abgrund zwischen Nord und S\u00fcd bis 2022 noch weiter \u00f6ffnen, da die s\u00fcdliche Peripherie weitaus st\u00e4rker von den Folgen der Covid-19-Pandemie betroffen ist als das n\u00f6rdliche Zentrum. Schon Mitte des Jahres sagten Beobachter voraus, die &#8222;Coronarezession&#8220; werde die EU noch weiter spalten, da der S\u00fcden besonders hart unter den ausfallenden Tourismuseinnahmen leide.[5] J\u00fcngste Prognosen der EU-Kommission gehen von einem Einbruch um 7,8 Prozent in der Eurozone und um 7,4 Prozent in der gesamten EU aus, wobei die Kommission ausdr\u00fccklich auf die unterschiedlichen &#8222;wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie&#8220; in der Union verweist.[6] L\u00e4nder wie Italien, Spanien oder Frankreich m\u00fcssen in diesem Jahr in der Tat mit einer Kontraktion ihrer Wirtschaftsleistung im zweistelligen Prozentbereich rechnen, w\u00e4hrend die Bundesrepublik auf einen R\u00fcckgang von &#8222;nur&#8220; rund 6 Prozent hoffen kann. Deutschland werde folglich &#8222;st\u00e4rker aus der Krise&#8220; kommen als die europ\u00e4ische Konkurrenz, hie\u00df es in Leitmedien schon im Mai.[7]<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Ursachen der deutschen Dominanz<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Das seit dem Ausbruch der Eurokrise best\u00e4ndig zunehmende \u00f6konomische \u00dcbergewicht der Bundesrepublik ist indes im Kern auf zwei langfristig wirksame Faktoren zur\u00fcckzuf\u00fchren: auf die extremen Ungleichgewichte in den Handelsbilanzen der EU-Staaten und auf das K\u00fcrzungsregime, das der damalige Bundesfinanzminister Wolfgang Sch\u00e4uble der s\u00fcdlichen Peripherie der Eurozone nach Ausbruch der Eurokrise verordnete. Deutschland konnte nach der Einf\u00fchrung des Euros und nach der &#8222;inneren Abwertung&#8220; infolge von Agenda 2010 und Hartz IV massive Handels\u00fcbersch\u00fcsse gegen\u00fcber den L\u00e4ndern der Eurozone erzielen, die sich bis 2019 auf mehr als 1,5 Billionen (1.500 Milliarden) Euro summierten. Die im Rahmen einer klassischen Beggar-thy-Neighbor-Politik erwirtschafteten Handels\u00fcbersch\u00fcsse f\u00fchrten in den &#8211; vornehmlich s\u00fcdlichen &#8211; Defizitl\u00e4ndern der Eurozone zu einer nachhaltigen Deindustrialisierung und zur Defizitbildung, vulgo: Verschuldung. Die j\u00e4hrlichen \u00dcbersch\u00fcsse der Bundesrepublik gegen\u00fcber der Eurozone stiegen dabei von knapp 47 Milliarden im Jahr 2000 \u00fcber nahezu 87 Milliarden 2004 bis auf 114 Milliarden 2007, als die Schulden- und Immobilienblasen in der EU ihren H\u00f6hepunkt erreichten. Nach Ausbruch der Eurokrise sanken die Export\u00fcbersch\u00fcsse Deutschlands gegen\u00fcber der Eurozone auf 60 Milliarden im Jahr 2013, um dann wieder rasch anzusteigen und mit 82 bis 90 Milliarden in den Jahren 2017 bis 2019 nahezu das Vorkrisenniveau zu erreichen. Der Euro, der den peripheren Volkswirtschaften der W\u00e4hrungszone die M\u00f6glichkeit nahm, mit W\u00e4hrungsabwertungen auf die deutschen Handels\u00fcbersch\u00fcsse zu reagieren, erm\u00f6glichte es der deutschen Exportindustrie, \u00fcber zwei Jahrzehnte auf Kosten ihrer europ\u00e4ischen Konkurrenz ihre Stellung auf dem Weltmarkt auszubauen &#8211; und zugleich die \u00f6konomische Dominanz der Bundesrepublik in Europa zu zementieren. Hinzu kam die strikte europ\u00e4ische K\u00fcrzungspolitik, die Finanzminister Sch\u00e4uble dem W\u00e4hrungsraum verordnete &#8211; und die anl\u00e4sslich seines R\u00fccktritts im Jahr 2017 selbst von deutschen Kritikern als eine &#8222;Politik der Zerst\u00f6rung&#8220; bezeichnet wurde.[8] Der Berliner Sparkurs habe die Eurozone &#8222;Milliarden an Wirtschaftsleistung und Millionen an Jobs gekostet&#8220;, hie\u00df es: L\u00e4nder wie Frankreich und Italien h\u00e4tten aufgrund von Sch\u00e4ubles Austerit\u00e4tspolitik &#8222;rund sechs Prozent&#8220;, Spanien sogar ungef\u00e4hr 14 Prozent der Wirtschaftsleistung eingeb\u00fc\u00dft. Dies hat, abgesehen von den unmittelbaren Sch\u00e4den f\u00fcr die betroffenen L\u00e4nder, den \u00f6konomischen Abstand zwischen dem zeitweiligen Exportweltmeister Deutschland und der s\u00fcdlichen Peripherie der Eurozone unerbittlich ansteigen lassen.<\/p>\n<p class=\"western\">[1] Der S\u00fcden verliert weiter an Boden. iwd.de 10.11.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[2] Tobias Kaiser: Der Irrtum von mehr Gleichheit in Europa. welt.de 20.10.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[3] IW-Studie: Nord- und S\u00fcdeuropa driften wirtschaftlich auseinander. oldenburger-onlinezeitung.de 20.10.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[4] Tobias Kaiser: Der Irrtum von mehr Gleichheit in Europa. welt.de 20.10.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[5] Oliver Grimm, Matthias Auer: Die Coronarezession spaltet Europa. diepresse.com 07.07.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[6] Herbstprognose 2020: Unterbrechung der wirtschaftliche Erholung &#8211; Wiederaufflammen der Pandemie f\u00fchrt zu verst\u00e4rkter Unsicherheit. ec.europa.eu 05.11.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[7] Notker Blechner: Deutschland kommt st\u00e4rker aus der Krise. tagesschau.de 08.05.2020.<\/p>\n<p class=\"western\">[8] Stephan Kaufmann: Eine Politik der Zerst\u00f6rung. fr.de 03.03.2017.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutsche Wirtschaftsforscher sagen eine zunehmende Spaltung der Eurozone zwischen reichem Norden und verarmendem S\u00fcden voraus. 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